Volkstheater: Kasimir und Karoline

März 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bananen, Geplärr und Banalitäten

Big Karoline is watching you: Rainer Galke als Kasimir, Birgit Stöger und Stefanie Reinsperger auf der Lichterkettenleinwand. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater hatte Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer Inszenierung von Philipp Preuss Premiere, und das Erstaunen daran ist, dass einen die Aufführung seltsam unberührt lässt. Preuss, der in der Regel für einen Aufreger, zumindest für einen Kopfschüttler gut ist, schafft es diesmal nicht über die Echauffiertheitshürde – ja, nicht einmal über die Aufmerksamkeitsschwelle. Mit Kasimir möchte man nur eins sagen: Das ist mir wurscht.

Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist es die abgepauste Ästhetik des Abends, zum anderen sind es die Banalitäten und das Geplärr, die einen die Scheuklappen dichtmachen lassen. Auf der Bühne herrscht vor allem Trubel, ein Tohuwabohu, in dem die leiseren Horváth-Töne untergehen. So kann man diesem Autor nicht beikommen, so plakativ, so wenig subtil. Schreien statt Inhalt ist keine Lösung, das ist auf der Bühne wie im Leben so.

Denn derart bleibt nichts von Horváths scharfer Analyse des durchökonomisierten menschlichen Zusammenlebens, nichts von seinem Bericht über die Arbeit als Statussymbol und die Not derer, die keine mehr haben – oder was immer Preuss aus dem übervollen Themenkonvolut des Volksstücks zu erzählen nicht gelungen ist.

Dass fortwährend die urbayrische Oktoberfestkost Bananen gefuttert wird, macht die Sache nicht besser. Preuss hat das Stück ganz nach Horváths Vorgabe „in unserer Zeit“ angesiedelt. Die Krise ist dem Kapitalismus systemimmanent, was 1932 galt, gilt 2017 noch immer, nur das Wiesnzelt ist einem Karussell aus Lichterschnüren gewichen. Einem Multimediaspektakel mit Videos und kitschigem Soundteppich, erdacht von Ramallah Aubrecht, Konny Keller und Richard Eigner, das zum Labyrinth für die Darsteller wird. Davor und vor allem darin nämlich tummelt sich die Spaßgesellschaft, die Herrschaften und das Volk. Im Innern spielt sich’s ab, dem Außen bleibt nur das Cinemascope. All das sieht man bei Castorf (oder auch bei Pollesch) schon seit Jahrzehnten so – dass wichtigste Teile der Handlung in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfinden und nur per Livekamera ins Publikum transportiert werden.

Und noch in einer anderen Sache folgt Horváth-Debütant Preuss dem Altmeister aus Berlin: Er fügt Fremdtexte als inszenatorische Rufzeichen ins Stück ein, Konsumismuskritiker Guy Debords 1967 erschienene „Gesellschaft des Spektakels“, als realsozialistischer Dialog schrill performt von den beiden Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria alias Seyneb Saleh und Nadine Quittner, und einen Auszug aus Horváths prophetischem Antikriegsroman „Ein Kind unserer Zeit“. Luka Vlatkovic tritt blutbesudelt und armamputiert als der Soldat auf, der auf einem Jahrmarkt des Jahrs 1938 die Liebe sucht.

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Rainer Galke, Birgit Stöger und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Und er sitzt und sitzt; im Hintergrund die Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria: Rainer Galke, Seyneb Saleh und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Unter den Darstellern sind es Sebastian Klein als Schürzinger, Kaspar Locher als der Merkl Franz und Birgit Stöger als dem Merkl Franz seine Erna, die am ehesten Horváth spielen, brutal und ungekünstelt und doch mit der vom Schöpfer ihrer Figuren verlangten Überhöhung ins Stilisierte. Birgit Stöger ist überhaupt die Erfreulichkeit des Abends. Wie sie sich stoisch in ihr Schicksal und dem Merkl Franz seinen Schlägen fügt, ist sie die perfekte beschädigte Antiheldin. Thomas Frank sitzt als dämonischer, halbverbrannter Schaustellerkönig wie die Spinne im Neonnetz, kommt aber, da ans unvermeidliche Mikrophon gebunden, darin kaum zum Spielen, Michael Abendroth und Lukas Holzhausen sind verlässlich solide als Rauch und Speer. Ihre Ressentiments über die Jugend rülpsen die beiden übersättigten „Besseren“ ins Publikum. Dies einer der gelungeneren Regieeinfälle des Abends.

Als „Kasimir und Karoline“ hat sich Preuss Rainer Galke und Stefanie Reinsperger auserkoren, zwei klasse Schauspieler – und umso mehr tut’s weh, dass die Regie mit ihnen nichts anzufangen weiß. Das Kraftwerk Reinsperger wird aufs übliche Gestenrepertoire zurückgeworfen; ihre Karoline ist eine Wutbürgerin, und Reinsperger berserkert sich ergo durch die Rolle. Zur resignierten Verzweiflung Kasimirs wiederum ist Preuss nicht mehr eingefallen, als Galke beinah die ganzen zwei Stunden lang regungslos und, so weit durch Striche möglich, schweigsam an der Rampe sitzen zu lassen.

Sein Kasimir ist weder Kleinbürger noch Proletarier im Sinne von „aller Länder vereinigt euch“, und wenn Karoline an ihm einen „Terroristen“ erkennt, so ist dieser hier maximal ein Schläfer. Verschenkte Möglichkeiten allüberall. Immerhin: Mit ihrer Bemerkung, man wäre „zu schwer für einander“, sichert sich die Reinsperger den Lacher des Abends. Einen schmerzhaften. Einen zum Fremdschämen. Andererseits: Auch das ist mir wurscht.

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Wien, 18. 3. 2017

Sommerspiele Melk: Odyssee

Juni 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt - die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: DanielaMatejschek

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt – die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: Daniela Matejschek

Inmitten oranger Rettungswesten schwemmt es einen letzten Überlebenden an. Er sei dem Krieg entronnen, sagt er, aber war es nicht „nur“ der Hunger, der den schmutzigen Bettler an die Küste trieb? Die Bewohner derselben wollen den Parasiten, der sich ins Land schleicht, um ihre Luft zu atmen, jedenfalls nicht haben – und das machen sie ihm unter Schlägen und Fußtritten klar.

Was so beginnt, ist Alexander Hauers Inszenierung der „Odyssee“ bei den Sommerspielen Melk. Mit Autor Stephan Lack hat der für seine innovativen Arbeiten bekannte Intendant Homers Epos in ein Schauspiel verwandelt – und es ist sein bisheriges Meisterstück geworden. Der Theatermacher, den bekanntlich Vorlagen unter 1500 Seiten oder in diesem Fall 12.000 Hexameterversen gar nicht erst reizen, folgt der vom antiken Dichter vorgegebenen Vielschichtigkeit in vielerlei Hinsicht. Wie er haben Lack und Hauer eine komplexen Erzählweise mit ineinander verflochtenen Parallelhandlungen, Rückblenden, Einschüben und Perspektivwechseln für ihre Geschichte entwickelt. Das Ganze wird nicht chronologisch geschildert, sondern setzt mit der Rückkehr des Odysseus in Ithaka ein. Wo er seinem ihn erkennenden Vater Laertes und seinem ihn verkennenden Sohn Telemach von seinen Irrfahrten berichtet.

Die Zeiten- und Seitenwechsel funktionieren am Beispiel der Kalypso-Episode erklärt so: Während Odysseus Vater und Sohn aus seiner Sicht die Geschehnisse beschreibt, unterhält die Magd Melantho die Freier Penelopes mit der ihren, der weit weniger heroischen, dafür umso erotischeren. Derweil trauert die treue Ehefrau hoch oben im Gemach um den Gemahl und klagt im Bühnenvordergrund die Nymphe den Liebhaber an, was er durch die Flucht von ihrer Insel denn gewonnen hätte. Odysseus steigt zu ihr aufs Felsenpodest, umarmt sie in der Vergangenheit wie im Jetzt, aber Telemach sieht sich gegenwärtig schon mit einer anderen seiner Geliebten, der Zauberin Kirke, konfrontiert … Dass sich das alles ausgeht, dass man dem allen zu folgen vermag, dass so eine aberwitzige Spannung aufgebaut und aufrechterhalten wird, ohne durch Video- oder andere Künste den Polyphem oder Skylla und Charybdis oder die Sirenen-Vogelfrauen zu generieren, dass statt dessen der ganze Abend aus einer Beschwörung der gemeinschaftlichen Fantasie entsteht, ist ein großartiges Geschenk an das Publikum. Und wurde zum Schluss mit entsprechend tosendem Applaus bedankt.

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit "Iro" Thomas Dapoz, "Telemach" Matti Melchinger und "Laertes" Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit „Iro“ Thomas Dapoz, „Telemach“ Matti Melchinger und „Laertes“ Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Königstochter Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus' Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus‘ Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Viel Verdienst an dieser Umsetzung hat das Bühnenbild von Daniel Sommergruber, das mit Sockeln, Rampen, einem kippbaren Tunnel und einer Kemenate dieses Spiel auf mehreren Ebenen erst möglich macht. Die Kostüme von Julia Klug dazu sind angedacht antik-orientalisch mit Ausflug in eine opulente Zeitlosigkeit. Der Text holt das Homer’sche Pathos ins Heute. „Du mich auch, Antinoos“, darf etwa Telemach auf den Gruß eines Penelope-Belagerers erwidern.

Und Lack und Hauer tun mehr. Sie reichern die Odyssee mit Feuerbach, der Aufklärung und einem Schuss Feminismus an. Penelope ist die Starke; die ständigen Seitensprung-Storys, denn der Zauberinnen, Nymphen und Prinzessinnen waren ja nicht wenige, längst leid, dieses sich immer wiederholende „Halb zogen sie ihn, halb sank er ihn“, fällt ihr Empfang schließlich entsprechend kühl aus. Doris Schretzmayer gestaltet die Königin mit einer angewiderten Würde.

Nicki von Tempelhoff ist Odysseus. Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom, ein zerrütteter, wütender, um sein Leben betrogener Mann. Wie er die Gräuel von Troja schildert, weist er die Griechen nicht nur als grausame Kriegsherren aus, sondern verweist auch auf die Sinnlosigkeit dieses, wie jedes blutig ausgetragenen Konflikts.

Doch der Listenreiche wird von den Theaterautoren jeglichen Opfermythos‘ entkleidet, nicht die Götter haben, seine Hybris hat sein Schicksal verschuldet. Bei Lack und Hauer ist Odysseus nicht weniger ein Schwein als seine verwandelten Kameraden, und gejagt von den Geistern seiner Vergangenheit dem Wahn näher als dem Sinn. Tempelhoff ist ein Kraftfeld, das die Aufführung an sich zieht, ein Naturschauspiel, das für sich Aufmerksamkeit einfordert. Wie gebannt folgt man seiner expressiven Darstellung, wie es ihn innerlich schindet und schilt und zerreißt ob der begangenen Taten, wie er sein tatsächliches Ich verbergen und auf seinen Moment der Rache warten muss. Für ihn haben Schlacht und Schlachten noch kein Ende, wird man noch erfahren, für War Pigs gibt es keinen Frieden, das war 1200 vor Christus so wahr, wie es das 2016 nach ist.

Eine ganz bemerkenswerte Erscheinung ist Matti Melchinger, der einen trotzigen, mutigen, jugendlich ungestümen Telemach spielt, dessen Lebensziel es ist, möglichst nicht so zu werden wie der Heldenvater. Er ist in dieser Inszenierung die Lichtgestalt einer hoffentlich aus der patriarchalen Alleinherrschaft aufbrechenden Generation. Melchinger, einerseits „erst“ seit zwei Jahren Schauspielstudent, andererseits mit dem Jungen Theater Wien bereits Compagnie-Chef (mehr: jungestheaterwien.wix.com/junges-theater-wien) gibt eine beachtliche Probe seines Könnens ab. Christian Preuß und Beatrice Fago gestalten Laertes und die Amme Eurykleia mit der ihnen eigenen Prägnanz und Brillanz. Unter den Freiern sticht Giuseppe Rizzo als Eurymachos ebenso hervor, wie Kajetan Dick als Seher Teiresias; Dagmar Bernhard ist eine bösartig-bissige Magd Melantho.

Nicki von Tempelhoff als Odysseus. Bild: © Daniela Matejscheck

Odysseus, umringt von zuviel Weiblichkeit. Bild: Daniela Matejscheck

Im zweiten Teil des knapp dreistündigen Abends entwickelt sich die tiefenpsychologische Betrachtung der antiken Abenteuer zur schnellen Action. Nachdem Odysseus mehrmals aus seiner Bettler-/Rolle fällt, als ihn die Zuhörer auf Ungereimtheiten in seinen fantastischen Ausführungen hinweisen, auch das eine schöne, weil Ungeheuer befreite Idee von Lack und Hauer, steht der ultimative Kampf mit den Freiern an. Doch kaum wieder die Oberhand gewonnen, ist Odysseus ein Despot, wie er früher einer war. Nicht anders als Achill dem Hektor verweigert er den von ihm Geschlagenen ein ehrenvolles Begräbnis, muss, um deren Familien zu entgehen, erneut in die Ferne aufbrechen. Aber ein ihm unbekannter Knabe steht da, sein mit Kirke gezeugter Sohn Telegonos, dessen mütterlicher Arbeitsauftrag in der Telegonie des Eugamon von Kyrene nachzulesen ist …

Der Mensch kann aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne beginnt. „Soll Griechenland zum Lager der verlorenen Seelen werden?“, fragt der alte Laertes. In diesem Sinne ist die „Odyssee“ in Melk über eine gelungene Theaterproduktion hinaus die Beschreibung eines europäischen Krisenzustands und ein Beispiel dafür, wie einer die Kyklopen, die er rief, nicht mehr los werden kann. Bravo.

www.sommerspielemelk.at

Wien, 17. 6. 2016

Volkstheater: Romeo und Julia

Januar 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zu viel Makeup auf dem nackten Menschsein

Nadine Quittner, Katharina Klar, Stefanie Reinsperger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz, Thomas Frank Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hier wird geheiratet: Nadine Quittner, Katharina Klar, Stefanie Reinsperger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz und Thomas Frank.
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zwei hätten genügt. Vorzugsweise Stefanie Reinsperger und Thomas Frank. Reinsperger vor allem. Man sieht auch so, welche Figur sie kreieren hätte können, welchen Charakter formen, hätte man sie denn eine Rolle spielen lassen. Doch Regisseur Philipp Preuss hatte eine Idee. Eine Idee ist noch keine Inszenierung, ein Konzept aber schnell zum Selbstzweck geworden. So geschehen bei „Romeo und Julia“ am Volkstheater.

Preuss tripliziert die Protagonisten. Auch Nadine Quittner und Katharina Klar sind Julia, auch Kaspar Locher und Nils Rovira-Muñoz sind Romeo. Warum das so sein muss, erschließt sich nicht. Der sehr bemühte Alain Badiou und sein „L’éloge de l’amour“ bleiben nämlich unauffällig. Dass Liebe Risiko und Abenteuer ist, und wie das gesellschaftliche Individualereignis größtmögliche, also universale Folgen nach sich zieht, versteht sich auch so. Kuss führt zu Katastrophe führt zu Katharsis. Seit 1597. Wird das Private als Globe-al enttarnt. Es ist bedauerlich, dass Preuss Shakespeare so wenig vertraut. So bleibt ein verhaltensauffälliges Teenagertrüppchen, der Romeo und seine Haberer, die Julia und ihre BFF, in rotziger Revoluzzerlattitüde; die Gefühlslage ist hysterisch bis Plärr! Dass die terreur einer amour fou auch leise, zarte, hilflose Zwischentöne braucht, geht im Getöse unter.

Immerhin Reinsperger und Frank retten ein paar davon ins Jenseits, sie verstehen es auch den Witz im Liebeswahn darzustellen. Das Sechserpack, die Julias eingesetzt als Damensprintstaffel, die Romeos steigen sich auf engstem Raum auf die Zehen, ist nichts als der laut gewordene innere Monolog. Die Stimme im Kopf als Person vervielfältigt. Szenen werden wiederholt und wiederholt, doch das Déjà-vu bringt keine tiefere Erkenntnis. Keine Darstellung ist dafür ausreichend differenziert; der kleine, der mittlere und der große Stanislaus waren da ja nuancierter. Damit das Wimmelbild nicht überwabert wurden Figuren gestrichen. Auch wichtige, wie beispielsweise der Mercutio. Aber bis er auftreten hätte können, hatte Preuss ohnedies längst den narrativen Faden verloren. Und dies die größte Sünde: Preuss erzählt keine Geschichte. Alles, was einen heute noch an „Romeo und Julia“ interessieren kann, hat er seiner Modeerscheinung unterworfen. Alles wirkt wie nach einem Theater-heute-Cover geschielt.

Was natürlich bedeutet, dass der Abend flasht. Im doppelten Wortsinn – die deutsch-englische Fassung stammt von Frank Günther. Preuss hat Live-Kameras und Rampenmikrophon, grausliche Kleistermasken und neun (!) Klaviere samt deren Spieler auf der Bühne. Der Sound von Kornelius Heidebrecht ist wuchtig, die Bilder im Bühnenbild von Ramallah Aubrecht sind stark und schwarz. Das ist viel Makeup über dem nackten Menschsein, zu viel Schminke für Shakespeares Daseinsarchetypen, ein Lärm ums nichts. Preuss setzt auf Gags und Gimmicks. Steffi Krautz macht Lady Capulet per Augenaufschlag zur Amme, für die mit viel trockenem Humor gesegnete Schauspielerin eine Win-Win-Situation. Stefan Suske ist zu sehr Profi, um sich als Papa Capulet vom Rundherum irritieren zu lassen. Christoph Rothenbuchners Paris altert mit wachsendem Bart und immer welker werdenden Blumen während seines Liebeswerbens wie ein Abbé Faria. Am Ende wird er von den Romeos mit Himbeerwasserblut zu Tode geschlatzt. Sebastian Kleins Tybalt kann sich in eben diesem schon vorher brausen gehen. Rainer Galke spielt als Mönch Lorenzo sehr schön und wortdeutlich Shakespeare.

Preuss‘ gruppendynamischer Versuch war von vornherein als Wagnis postuliert. Die inhaltliche Spannung, die dieses Experiment mit sich hätte bringen können, schaffte es aber nicht einmal aus den Startlöchern. „Ausstattung“ allein garantiert halt noch keine rasante Abfahrt durchs Tal der Leidenschaften, und dass „Romeo und Julia“, dieses reinste Sinnbild der Liebe, als reines Bild keinen Sinn macht, galt es nicht zu beweisen. Ein vergebener Sieg, hier wurden einfach zu viele Chancen liegen gelassen.

www.volkstheater.at

Wien, 24. 1. 2016

Sommerspiele Melk: Metropolis

Juni 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Franzobel folgt den Spuren von Fritz Lang

Bild: www.photo-graphic-art.at

Bild: www.photo-graphic-art.at

Dass der Intendant und Regisseur der Sommerspiele Melk, Alexander Hauer, niemals zu Geringerem greift als zu Themen biblischen Ausmaßes, ist eine bekannt erfreuliche Tatsache. So hat er auch für diesen Sommer das Passende für seine vom Stift Melk überragte Arena gefunden. Mit allem Drum und Dran von den Sieben Todsünden über die Hure Babylon bis zu einer Messiasgestalt, von Josaphat über die Apokalypse bis zur Marienverehrung: Fritz Langs Monumentalwerk „Metropolis“, von Franzobel sozusagen mit  Text unterlegt.

Hauer und sein Autor halten sich dicht am Original auf. Franzobel trennt die Ober- und die Unterstadt auch sprachlich, wobei er für Zweitere offensichtlich mehr Fantasie entwickeln konnte. Während man den Fredersens, Rotwang und dem Schmalen nämlich die eine oder andere poetische Banalität nachsehen muss, sind die zu Nummern verkommenen „Maschinen“-Menschen der Unterstadt ein im Wiener Dialekt sprechsingender Chor, ihre Worte verfremdet durch Silbenzerpflückung. Eine gelungene Lösung. Ebenso, wie das Bühnenbild von Daniel Sommergruber, das die Welt in „Himmel“ und „Hölle“ zerfallen lässt. Und Thomas Ganschs Musik, gespielt wie von einem Stummfilmkinoklavier. Die Handlung: Metropolis ist eine gigantische Stadt mit zwei scharf voneinander getrennten Klassen. Während die Proletarier mit ihren Familien unter der Erdoberfläche schuften und ihr Dasein fristen, wohnen die Kapitalisten im Luxus und vertreiben sich die Zeit in Gartenanlagen oder im Amüsierviertel. Als sich der Sohn des herrschenden Industriemagnaten Joh Fredersen, Freder, in die Arbeiterin Maria verliebt, wird er erstmals in seinem Leben mit dem Elend der Unterschicht konfrontiert. Revolution liegt in der Luft. Doch Maria prophezeit ihren Zuhörern, ein Mittler werde kommen und sie aus ihrem Sklavendasein befreien. Fredersen wendet sich mit seinen Sorgen an den Erfinder Rotwang, dem er einst die geliebte, mittlerweile verstorbene Frau Hel ausspannte. Rotwang sieht eine Möglichkeit zur Rache und erschafft eine „Maschinen“-Maria (berühmte Filmszene!), die den Mob zur Zerstörung der Stadt aufhetzen soll …

Die Melker Inszenierung hat sich von Langs Pathos befreit – und doch eine andere Form davon geschaffen. Hauer macht das Märchenhafte an dem Science-Fiction-Albtraum aus dem Jahr 1927 klar: Andreas Patton ist als böser Kapitalismus-König Joh Fredersen, zwar mehr Grübler als Tyrann; trotzdem ist Profit der Götze, den er anbetet. Schön und wahr dieser Satz aus Franzobels Feder: Das Erste, das  man heute gefragt werde, ist: Was arbeitest du? Denn Nützlichkeit und das damit einzunehmende Geld ist das Einzige, das gesellschaftlich relevant ist. Julian Loidl ist der gutmütige, träumerische Thronfolger Freder. Christian Preuss gibt den Rotwang als Mischung aus irrem Wissenschaftler und Zauberer Tintifax www.youtube.com/watch?v=oamg8vAgr9. Zugegeben, es gibt an diesem Abend Momente, wo man darauf wartet, dass jemand „Krawutzi Kaputzi!“ schreit. Vor allem, wenn Kajetan Dick als György (Arbeiter Nummer 11811) den Kasperl gibt und Markus Kofler mit knallender Peitsche das gestapohaft teuflische Krokodil, sprich: den Schmalen. Wunderbar, und so aus dem Berufsleben gegriffen, wie er nach oben buckelt und nach unten prügelt. Sebastian Pass verleiht seinem Josaphat Würde. Ivana Rauchmann überzeugt als doppelte Maria, die sowohl be- als auch verzaubern kann.

Alles in allem führt Hauer die Sommerspiele Melk auf ihrem Erfolgskurs weiter. Der Sinnspruch von Film und Stück, „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“, gilt auch für die Zuschauer. Man braucht für den spannenden, mitunter sperrigen Abend sicher Ersteres und Letzteres. Und Sitzfleisch. Und die Hände für den verdienten Applaus.

www.kultur-melk.at/sommerspiele/programm.php

Das Original: www.youtube.com/watch?v=B4rI__TRvcY

Sommerspiele Melk: „Monte Christo“

Juni 21, 2013 in Bühne, Klassik

Das Unmögliche möglich gemacht

Denis Petkovic Bild: www.photo-graphic-art.at

Denis Petkovic
Bild: www.photo-graphic-art.at

Alexander Hauer, Intendant und Regisseur der Sommerspiele Melk, war ja noch nie ein Mann, der große Aufgaben scheute. Jahr für Jahr ackert er sich durch die Weltliteratur, kein mindestens 1500-Seiten-Schmöker, den er nicht auf die Bühne stellen würde. Und das stets mit größtem künstlerischen Feingefühl. Hauer macht das Außergewöhnliche möglich. Und dieses Jahr sogar das Unmögliche. Denn noch wenige Tage vor der Premiere stand seine Wachauarena 2,80 Meter unter Wasser; hunderte helfende Hände entfernten nach dessen Abfließen die Massen an Donauschlamm; die Künstler probten derweil in der zweiten Spielstätte, der kleinen „Tischlerei“. Und – Glück im Unglück? – die durch die Enge der Situation erzwungene Intimität tat dieser Inszenierung von „Monte Christo“ mehr als gut. Denn Autorin Susanne Felicitas Wolf, die die Bühnenfassung von Alexandre Dumas‘ „Abenteuerroman schrieb, legte an der Geschichte, die jeder in- und auswendig zu kennen glaubt, völlig neue Seiten frei. Sie befreite den Stoff von allem, was nach Mantel-und-Degen riecht, ließ die Figuren stattdessen mit der Feder fechten. Mit Diagolen, die weniger messerscharf, als schmerzhafte Nadelstiche unter die Nägel sind. Mit psychologischer Kriegsführung wird hier die Intrige, der vermeintliche Hochverrat Edmond Dantès‘ eingefädelt. Als der im Château d’If in Klarfolie gefesselt, wie in einen Kokon eingesponnen wird, bis ihm die Luft wegbleibt, schießt einem kurz durch den Kopf: Guantanamo. Interessant auch, wie sich bei Wolf von Monte Christo über seine Widersacher Danglars, de Villefort bis Fernando in ihren Taten und Untaten alle auf den einen Gott berufen … Und Stift Melk als Hintergrundkulisse …

Die Bühne von Daniel Sommergruber dann: ein Gesamtkunstwerk, ein Gerüst aus unzähligen leeren Bilderrahmen, Schatten der Vergangenheit, das die Schauspieler wie Freeclimber erklettern, zwei Plattformen und eine aufklappbare Mittelrampe, auf denen Marseille, Paris, der Kerker … nebeneinander Platz finden. Dazu ein ausgeklügeltes Licht- (Dietrich Körner) und Sounddesign (Bernhard Sodek). Schon als Edmond als verliebter, hoffnungsfroher, junger Seemann seinen Feinden noch mit naiver Ehrlichkeit begegnet, lässt die – teilweise Live- Musik das nahende Unheil bereits ahnen.

Das Ensemble überzeugt mit intensivem Spiel. Gänsehaut selbst bei Sarahawindtemperaturen. Allen voran brilliert Denis Petkovic als Monte Christo. Nun ein freier, reicher Mann, der Liebe haben könnte, und den doch nur der Hass bewegt. Einer, der sich selbst als Racheengel Gottes bezeichnet, ein Gotteskrieger, ein Spinner, eine Spinne, die in ihrem Netz auf die Opfer wartet. Rote Handschuhe trägt Petkovic – von Nick Cave weiß man, dass auch der Teufel solche haben soll. Petkovic zeigt alle Facetten des Wahnsinns, der als Gift der Vergeltung durch seine Adern strömt. Und endet endlich in tiefster Verzweiflung. Er ist kein triumphierend abgehender Graf, sondern muss erkennen, dass sein „Feldzug“ auch Kollateralschäden verursacht. Den Tod Unschuldiger. Ergo: Keine Erleichterung, keine Erlösung. Im überaus stimmigen Schlussbild öffnet sich wieder die Gefängniszelle. Monte Christos Seele bleibt für immer darin gefangen. Eine starke schauspielerische Leitung. Ebenso großartig agieren – um nur ein paar zu nennen – Julian Loidl als verschlagener Bankier Danglars, Alexandra Maria Timmel als seine zur Zynikerin gewordene Frau, Giuseppe Rizzo als versprecherischer Staatsanwalt de Villefort, dem das Ganze den Verstand kostet. Und Christian Preuss, berührend als gutherziger Reeder Morrel und später als Abbé Faria. Für 2014 hat sich Hauer übrigens Fritz Langs „Metropolis“ vorgenommen …

Benefizkonzert: Michael Schade, ab kommendem Jahr Intendant der Barocktage Stift Melk, veranstaltet am 22. Juni, 17 Uhr, im Kolomanisaal des Stifts, ein Benefizkonzert für die Hochwasseropfer. Mit ihm interpretieren Florian Boesch, Nina Bernsteiner und Mitglieder des Concentus Musicus Wien Werke von Händel und Bach.

www.kultur-melk.at 

www.kultur-melk.at/sommerspiele/programm.php

www.mottingers-meinung.at/denis-petkovic-im-gesprach

www.barocktagemelk.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 6. 2013