TAG: Die Premieren der Saison 2017/18

September 7, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Macbeth, Jeanne d’Arc und Konrad Bayer

Gernot Plass und Ferdinand Urbach, die künstlerischen und kaufmännischen Leiter des Hauses, und ein lässig an der Wand lehnender Georg Schubert. Bild: © Georg Mayer

Als „leichte Bremsbewegung“ bezeichneten Gernot Plass und Ferdinand Urbach am Mittwoch Vormittag das Programm der Spielzeit 2017/18 im TAG. Der Anlass für derlei Formulierungen: Diese Saison sieht sich reduziert auf vier Premieren, davon drei Eigenproduktionen, allesamt Uraufführungen, und eine Koproduktion. Was für den künstlerischen und den kaufmännischen Leiter des Hauses aber schwerer wiegt:

Aus finanziellen Gründen gibt es auch eine Ensemblestelle weniger. Im Ensemble sind nun noch Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert. Lisa Schrammel kommt als vierte neu dazu. Urbach erklärt die Sparmaßnahmen mit der fehlenden Indexanpassung der Subventionen. Man stehe nach wie vor bei 770.000 Euro an Förderung, dies seit 2014, „was ergo eine Minderung bedeutet“. Was er bräuchte, um den Status Quo zu halten? „800.000 Euro“, sagt er.

Das TAG startet am 16. September mit der Premiere von Auf der Suche nach dem sechsten Sinn, einem Konrad-Bayer-Abend in Kooperation mit Pistoletta Productions. In Konrad Bayers letzten Roman „der sechste sinn“ steht der Kampf des Protagonisten mit der Realität und ihrer Sprache im Zentrum. Er wird dabei durch stets neue Höhen und Tiefen einer Liebesgeschichte getrieben, durch Alltagskatastrophen und Grenzerfahrungen, bis er aus der immer absurder und brüchiger werdenden Welt verschwindet. In diesem Werk kommt Bayers Misstrauen gegenüber der Eindeutigkeit von Sprache und Wirklichkeit zum Höhepunkt. Die Bühnenversion von Elisabeth Gabriel mischt nun Romanfragmente mit Bayers „konkreten Texten“, heißt: seiner Lyrik, und Chansons. Den Abend gestalten die Schauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg und der Musiker und Maschinenkünstler Paul Skrepek. „Eine groteske, poetische und nachdenklich machende Angelegenheit“, so Plass.

(Ein)Käthchen.Traum: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Weisse Neger sagt man nicht: Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Am 8. November folgt die Jeanne-d’Arc-Paraphrase Johanna. Eine Passion, Text und Regie von Christian Himmelbauer. Plass: „Es gibt über Jeanne d’Arc ein penibel geführtes Gerichtsprotokoll, in dem sie sich als eine Frau zeigt, die mit fester, klarer Stimme ihre Sache führt. Das ist etwas ganz anderes im Vergleich zu den unzähligen Interpretationen dieser Figur.“ Himmelbauer macht nun Johanna erneut den Prozess und stellt sie vor ihre Richter und Henker über die Jahrhunderte. Er konfrontiert sie mit seiner Textcollage mit diversen Deutungen ihrer Person und zeigt Versuche, diese Frauenfigur begreifbar zu machen. Sie selbst antwortet dabei auf alle Vorwürfe und Interpretationen mithilfe der Originalaussagen, die sie 1431 in ihrem Prozess in Rouen ihrem Tribunal entgegenhielt und die als Beleg ihrer Überzeugung, ihrer Intelligenz und ihrer eindrucksvollen Stärke erhalten sind.

Plass selbst wendet sich einmal mehr Shakespeare zu und inszeniert für den 3. Februar Macbeth. Reine Charaktersache. In seiner Überschreibung thematisiert er das Schicksal: Ob alles schon vorherbestimmt ist und rein gar nichts auf freien Entscheidungen des Menschen ruht – das Glück, die Freude, Aufstieg, Fall, Wahnsinn, Tod. Gibt es so etwas? Oder ist alles doch nur Zufall? Diesen Fragen spürt Gernot Plass nach und kleidet den shakespeareschen Handlungs- und Konfliktkern in ein zeitgemäßes Kostüm – sowohl auf sprachlicher wie auch auf inhaltlicher Ebene. Die modernsten Wesen werden bei ihm die drei Hexen sein. „Das sollte witzig werden“, hofft Plass.

Auf der Suche nach dem sechsten Sinn: Musiker und Maschinenkünstler Paul Skrepek und Schauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg. Bild: © Judith Stehlik

Auch Margit Mezgolich kommt wieder ans Haus, ab 21. April mit Unterm Strich. Ein Jahrmarkt der Eitelkeit, sehr frei nach William M. Thackerays  großem Gesellschaftsroman über die Londoner High Society des 19. Jahrhunderts. Plass: „Im Wesentlichen geht es um eine Abrechnung beim Klassentreffen einer Schauspielschule.“

Margit Mezgolich nutzt dieses Setting, um in schnellen Szenenwechseln, Zeitsprüngen und überraschenden Wendungen die Biographien von fünf Menschen zu umreißen, die ihre Lebensmitte bereits überschritten haben und vor dem geschrumpften Rest ihrer Zukunft stehen. Gemeinsam erinnert sich der Abschlussjahrgang 1989 – „das Jahr des vorläufigen Endes des Kalten Krieges“, so Plass – an die Karriereträume am Theater und im Film. Umständlich-komisch erklärt man, warum man letztlich doch bei ganz anderen Berufen gelandet ist, präsentiert stolz Fotos der Nachkommenschaft und versucht sich von seiner Schokoladenseite zu präsentieren.

Wiederaufgenommen werden „Weiße Neger sagt man nicht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24954), „(Ein) Käthchen.Traum“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24145), „Faust-Theater“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951) und „Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23354). Zu den bewährten Impro-Formaten kommt neu Fake Off! dazu: Magda Leeb und Anita Zieher präsentieren ab 20. Oktober ihre ganz persönliche Wahrheit mit Endgültigkeitscharakter. Motto: Faken statt lügen. Zum Abschluss gab es von Ferdinand Urbach noch ein paar Zahlen: In der Saison 2016/17 lag die Auslastung bei 73 Prozent; Eigendeckung: 16 Prozent.

dastag.at

6. 9. 2017

Robert Meyer präsentiert große Namen

April 10, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Volksoper-Premieren 2014/15

Hello, Dolly!  Robert Meyer (Horace Vandergelder), Sigrid Hauser (Mrs. Dolly Gallagher Levi)  Bild: Dimo Dimov / Volksoper Wien

Hello, Dolly! Robert Meyer (Horace Vandergelder), Sigrid Hauser (Mrs. Dolly Gallagher Levi) Bild: Dimo Dimov / Volksoper Wien

Robert Meyer hat gut Grinsen. Der Volksopernchef erscheint zur Pressekonferenz auf der Probebühne bestens gelaunt. Die Auslastung der laufenden Saison liegt mit Stand Ende März bei beinah 84 %, in manchen Fällen sogar bei 95 %. Der neu eingeführte Musicalpass ist so erfolgreich, das es ihn erneut geben wird. Auch „Hello Dolly!“ wird wieder dabei sein – und neu „Der Zauberer von Oz“. Finanziell schreibt man im Haus am Gürtel „eine schwarze Null“, was angesichts allgemeiner Subventionskürzungen beachtlich ist. Acht Premieren kündigt Meyer für die kommende Saison an – eine Operette wird um ein Jahr verschoben. Wegen ernsthafter Erkrankung des Regisseurs. Da will Meyer fair sein, da will er lieber warten.

Los geht’s am 11. Oktober mit schwerer Kost (doch man ist mutig, hat man doch mit „Albert Herring“ einen nicht zu ahnenden Erfolg eingefahren): „Onkel Präsident“. Auf der Basis von Ferenc Molnárs Bühnenstück „Eins, zwei drei“, das 1961 von Billy Wilder verfilmt wurde, zeichnet Friedrich Cerha die Wandlung des Fahrradboten Josef Powolny (David Sitka) zum Spitzenmanager mit Adelsprädikat. Mit dem im Juni 2013 in München uraufgeführten Werk ist dem 87-Jährigen  ein vitales Lebenszeichen nicht nur seiner Kunst, sondern der verblasst geglaubten „komischen Oper“ überhaupt gelungen. Die österreichische Erstaufführung besorgt Josef E. Köpplinger, musikalische Leitung: Alfred Eschwé. Zwei Leigaben holt man sich: Renatus Mészár, der bereits bei der Uraufführung die Titelrolle sang, und Walter Fink von der Staatsoper in der Rolle des Komponisten. Die erste von drei Ballett-Premieren gibt es am 16. November:  Mit dem Doppelabend „Mozart à 2“ und „Don Juan“ stellt sich Thierry Malandain, einer der bedeutendsten Choreografen Frankreichs und Direktor des Centre chorégraphique national de Biarritz, dem Volksopernpublikum vor. Der Ballettabend zu Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und Christoph Willibald Gluck wird von Jiří Novák dirigiert.

Am 6. Dezember folgt „Der Zauberer von Oz“. „The Wonderful Wizard of Oz“ von L. Frank Baum ist Amerikas wohl berühmteste Märchenerzählung, die durch die Verfilmung mit der jungen Judy Garland als Dorothy (1939) weltweit Kultstatus erhielt. Regie führt der in London geborene Henry Mason, der  2013 bei den Salzburger Festspielen sein vielbeachtetes Debüt mit Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ gab. Markus Meyer, der Salzburger Puck, wird  den Löwen spielen, der gemeinsam mit dem Blechmann (Peter Lesiak) und der Vogelscheuche (Oliver Liebl) die junge Dorothy (Johanna Arrouas) auf ihrer Reise begleitet. Christian Graf ist die Hexe des Westens. Den geheimnisvollen Zauberer von Oz spielt –  schmunzelnder O-Ton Volksoperndirektor: „Wir suchten für diese kleine Rolle einen Schauspieler, der nicht viel kostet, und haben ihn dann mit dem Schmäh geködert, dass er ja die Titelrolle ist. Als habe ich den Oz mit mir besetzt.“ Alternierend spielt Boris Eder.

Ab 17. Jänner kann man sich auf Rolando Villazón freuen. Der Startenor gibt als Regisseur von Donizettis Komödie „Viva la Mamma“ sein Volksoperndebüt, am Pult steht die junge estnische Dirigentin Kristiina Poska. Sie ist Erste Kapellmeisterin der Komischen Oper Berlin. Inhalt: In einem kleinen Provinztheater bereitet sich das Ensemble auf eine Opernpremiere vor: Die Primadonna (Anja-Nina Bahrmann) und die zweite Sopranistin (Mara Mastalir) liefern sich einen regelrechten Zickenkrieg, jeder Darsteller versucht auf seine Weise, den Regisseur und den Dirigenten zu beeinflussen, um optimal in Szene gesetzt zu werden. Agata, die resolute Mamma der zweiten Sängerin, treibt den normalen Wahnsinn des Theaters auf die Spitze. Meyer: „Das wollte ich immer schon einmal machen. Ich liebe diese Theater-auf-dem-Theater-Stücke“. Highlight: Bassbariton Martin Winkler, sonst eher von Bayreuth bis an die MET als Klingsor oder Alberich engagiert, gibt „la Mamma“ Agata. Villazón zu kriegen, war natürlich ein Coup, „doch ich denke, das Stück passt zu diesem hochformatigen Komödianten“, so Meyer. „Wir hatten schon ein erstes Gespräch auf der Probebühne. Schon dafür hätte ich Eintritt verlangen sollen. Einziger Wunsch des Weltbewunderten: Er will mit der Clownin Nola Rae www.nolarae.com zusammen arbeiten.

Die erste und einzige Operette folgt am 21. Februar: Jacques Offenbachs „Pariser Leben“, mit reiner Hausbesetzung, außer Rasmus Borkowski, den man sich nach dem Erfolg von „Catch me if you can“ von den Kammerspielen holt. Außerdem konnten  zwei ausgewiesene Offenbach-Spezialisten gewonnen werden: Der französische Dirigent Sébastien Rouland hat unter anderem am Théâtre du Châtelet „La GrandeDuchesse de Gérolstein“ und in Lyon „La vie parisienne“  dirigiert. Der niederländische Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema inszenierte bereits unter anderem „La Périchole“, „Die Großherzogin von Gerolstein“ und „Orpheus in der Unterwelt“.  Am  12. April kehrt der russische Choreograph Boris Eifman, dem Wiener Publikum bestens bekannt durch seine fesselnde Interpretation von „Anna Karenina“  mit „Giselle rouge“ an die Volksoper zurück.

Ab 15. Mai steht Mozarts „Così fan tutte“ auf dem Spielplan. Regisseur Bruno Klimek inszeniert erstmals an der Volksoper, die musikalische Leitung liegt in den  Händen von Julia Jones, die diesen Mai noch die Premiere von „Fidelio“ dirigieren wird. Die Fiordiligi singt Caroline Wenborne, die an der Staatsoper zur Pause und in nicht für sie geschneiderten Kostümen für die erkrankte Barbara Frittoli einsprang. Meyer: „Bei uns darf sie den ganzen Abend singen.“ Am 2. Juni stehen die Nachwuchskräfte der Kompanie  im Zentrum von „Junge Talente des Wiener StaatsballettS II“ unter der künstlerischen Leitung von Ballettdirektor Manuel Legris und der musikalischen Leitung von Wolfram-Maria Märtig. Letzterer wird ab nächster Saison Kapellmeister der Volksoper

www.volksoper.at

Wien, 10. 4. 2014