Burgtheater: Online-Premiere mit Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski

April 19, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Video-Essay nach Texten von Jean Paul

Dörte Lyssewski. Bild: © Katarina Šoškić

Am 24. April um 19 Uhr findet via Burgtheater-Website sowie auf dem YouTube-Kanal des Burgtheaters eine besondere Film-Premiere statt: „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“, ein Videoessay mit den Stimmen von Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski, in der Regie von Felix Metzner. Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten des Burgtheaters erhalten eine exklusive Preview dieses Films bereits am 21. April.

Eine Anmeldung zum Newsletter ist bis 15 Uhr am 21. April möglich, um diese Preview zu erhalten. (Anmeldung unter www.burgtheater.at/newsletter-bestellen) Die ursprünglich für diese Saison geplante Inszenierung von David Greigs „Monster“ im Vestibül in der Regie von Felix Metzner, musste Pandemie-bedingt in die nächste Spielzeit verschoben werden. 2020 inszenierte Metzner vier Folgen für die Nestroy-Preis-nominierte Onlinevideo-Reihe „Wiener Stimmung“ des Burgtheaters sowie „Das große Shakespeare-Abenteuer“ am Theater der Jugend.

Zum Stück

Für das Projekt „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“ hat Regisseur und Ur-Ur-Ur-Enkel Jean Pauls, Felix Metzner, Texte aus verschiedenen Werken des Autors in einen neuen Kontext gestellt: Metzner befasst sich so anhand eines exemplarischen Menschenlebens fragmentarisch mit der Entstehung des menschlichen Ichs. Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski verleihen den Texten mit ihren Stimmen eine neue Interpretation und stehen mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten für die unterschiedlichen Facetten des menschlichen Bewusstseins. Für die Gestaltung der visuellen Ebene verwendete der Regisseur private Filmaufnahmen aus seinem Archiv aus über drei Jahrzehnten. In Kombination mit der Sprache Jean Pauls entsteht so eine phantastische und gleichsam psychedelische Reise, die das Publikum von der Erde bis ans Ende des Universums und wieder zurück transportiert.

Branko Samarovski. Bild: © K. Šoškić

Felix Metzner. Bild: © Lukas Gnaiger

Markus Meyer. Bild: © Katarina Šoškić

Zum Autor

Jean Paul gilt als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller, dessen komplexes Werk zwischen Klassik und Romantik anzusiedeln ist. Obwohl er zeitweise in Vergessenheit geriet, waren die Auflagen seiner Werke zu Lebzeiten vergleichbar mit denen seiner Zeitgenossen Goethe und Schiller. Vor allem beim weiblichen Publikum fand seine humorvolle und bildreiche Sprache großen Anklang. Mit seinem verbalen Erfindungsreichtum prägte der Franke die Deutsche Sprache nachhaltig. Worte, wie „Wetterfrosch“, „Schmutzfink“ oder „Weltschmerz“ entstammen seiner Phantasie. Seine „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“ übte zudem großen Einfluss auf die Arbeit von Friedrich Nietzsche und C.G. Jung aus.

www.burgtheater.at

19. 4. 2021

Drachengasse Live-Stream: Spielräume. Elfriede Gerstl

April 8, 2021 in Buch, Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Grass, Kapplstudenten & Kumpel mit Lidstrich

Shlomit Butbul und Tania Golden lesen Elfriede Gerstls „Spielräume“. Screenshot: Theater Drachengasse. @ Beseder, Verein für darstellende und bildende Kunst

„Ich bin ein kleines Pinkerl und setzt mich in ein Winkerl, und weil ich nichts kann, fang‘ ich nichts an“, rezitiert Erni Mangold und lächelt verschmitzt. Jahaha, weil man ihr genau das glauben mag! Das 94-jährige ewige Mädchen hat sich aus St. Leonhardsberg zugeschaltet, um eine zu ehren, die sie bei keiner ihrer Lesungen vergisst: die österreichische Literatin Elfriede Gerstl. Dramaturgin Susanne Höhne hat deren

surrealistischen Roman „Spielräume“ für die Bühne adaptiert, Tania Golden hat den Text szenisch eingerichtet und spricht nun gemeinsam mit der „Gerstl-Botschafterin“ Mangold und Shlomit Butbul drei Aspekte der Figur Grit – Butbul, Golden und Mangold als Dreieinigkeit des Alter Egos der Autorin. Die Musikalität, den Rhythmus der Sprache unterstreicht Cellistin Anna Starzinger, die, wenn sie nicht den Bogen führt, als eine Art Gerstl №4 in die Tasten einer mechanischen Schreibmaschine hämmert. Online-Premiere war gestern, als Live-Stream aus dem Theater Drachengasse, weitere Termine sind am Freitag und Samstag.

„Spielräume“ ist eine Sammlung von Gedankensplittern, tagebuchartigen Notizen und experimentellen Arrangements, entsprungen jenem Kopf der Grit, in dem sich die Zuhörerin, der Zuhörer ebenso frei bewegt, wie die Protagonistin in der Berliner linksintellektuellen Szene der 1960er-Jahre. Grit ist Teil einer Gruppe öster- reichischer Emigranten, die sich aus der heimatlichen Enge Richtung Jugend-Protestbewegung abgesetzt haben, wo sie nun – bevorzugt im von ehrbaren Bürgern gemiedenen „Ausländercafé“ Kleist – „herumgammeln“: Man zieht von Festl zu Fest „oder was man so nennt“, sät und erntet nicht, sondern säuft und kifft – Mangolds Zweizeiler dazu: „Was der Bauer nicht kennt, raucht er nicht“, diskutiert sich heiß und plant wilde Aktionen.

„Herumgammeln“, welch Wiederhören mit einem im Zeitgeist verlorengegangenen Wort, derart bietet die Gerstl allerhand, im Prater etwa geht ein „Platzregen aus Krachmandeln“ nieder, dabei ist dies jahrzehntelang vergessene Werk, das dringend nach einem Spielraum verlangte [2003 gab’s eine Uraufführung mit Erni Mangold, Vera Borek und Peter Ponger am Klavier], brandaktuell. Aus den „Spielräumen“ stammt das viel zitierte Wittgenstein-Derivat, das als Motto über Gerstls Schaffen stehen könnte: „Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen“, und das können die drei Damen großartig.

Furios und fordernd ist dieser von ihnen gestaltete Abend, der in der Küche von Grits xenophober Vermieterin beginnt, die von der Untermieterin verlangt, sie „Tante“ zu nennen, wie Tania Golden da das Gesicht verzieht – ist es Freundlichkeit, Falschheit, Feigheit, die „gute Erziehung“, dass sie der im Fremdenhass schwelgenden Frau nicht widerspricht?, bevor sie mit Shlomit Butbul Gerstls „Analogieschlüsse“ zum Besten gibt: Kuchenduft – Kohlehydrate – Achselschweiß – schmutziges Geschirr – Scheiße.

Erni Mangold (M.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Elfriede Gerstl (hi.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

An das Sch-Wort muss man sich gewöhnen, ganze Absätze handeln davon. „Es sind die kleinen Brüche und sanften idiomatischen Irritationen, die den Reiz dieser uneitlen, präzisen Wortkunst ausmachen, in der Trauer und Ängste ironische Masken tragen, frei von Phrasenschmuck und ohne sich selbst zu verraten“, schrieb weiland der Wiener Germanist Ulrich Weinzierl über die Gerstl in der FAZ. Und wie sie verweigern sich nun Butbul, Golden und Mangold dem preziös Prätentiösen. Sie machen aus „Spielräume“, dieser verschachtelten Geschichte zwischen Innen und Außen, ein Theaterstück mit frei wählbaren Rollen. Ein Spiel mit Verschiebungen, eine scharfsinnige, philosophische Hinterfragung der Wirklichkeit, die noch dazu äußerst humorvoll geschieht.

Immer wieder fährt Grit mit dem Zug die Strecke Wien-Berlin, der Städtewechsel soll das Leben ändern, doch muss sie erkennen: „Fast überall ist fast überall“. Zum strengen Urteil übers Umfeld gesellt sich Grits missglückende „Selbstreflexion“, Weltpolitik wird bei sich leerenden Bierflaschen erörtert, und ganz Wiener Gruppe stellt sie kritisch fest, um in dieser Gesellschaft voranzukommen, müsse man „ein Arsch werden, der auf jedes Häusl passt“. Das heißt Subkultur! Wenn sich die Niederösterreicherin Mangold die „Landesmuttersprache“ verbietet. Schön die Formulierung von den Medien, die „im Brustton der Borniertheit“ berichten.

Wie die Schriftstellerin kennen auch die Schauspielerinnen keine Scheu vor den Banalitäten des Alltags, jede Alltäglichkeit wird zum avantgardistischen Experiment, und weil „Spielräume“ ein feministischer Text ist, sind die Männer die Witzfiguren. Genüsslich lassen sich Butbul und Golden die Exemplare auf der Zunge zergehen, die Kapplstudenten beim Heurigen und ihre Nazi-Vettern im Parlament, die Alkoholiker von Rang, die Sadomaso-Zwiebelrostbraten-Fresser, die Kumpels mit dem Lidstrich und die Latzhosenträger.

Die Kinder der Kleinbürger, Kleinsparer, Kleingeister, „klein, klein, klein“, die Prügelknaben, die zu Prügelvätern wurden, die Männer, die sagen, man solle sich dran gewöhnen oder einfach nicht mehr hinhören. „Er ist in seinem Kopf“, heißt es an einer Stelle über einen geistig abwesend Wirkenden. „Ist das ein Grund zu verzweifeln?“ – „Wenn man er ist, ja!“ Dazu projiziert Golden Bilder von Protestmärschen, der perfekten Familie, von Gerstl selbst. Konzipiert im Jahr 1968 vergleicht Gerstl in „Spielräume“ die Berliner Revolutionäre mit dem Wiener „Nur Ruhe!“-Denken. Und sie beschreibt ihre Sorge, als weibliche Intellektuelle angemessen zu leben. „Du bist ein Trampel“, sagt ein Textfragment einmal zu ihr.

Tania Golden hat das alles in Kapitel unterteilt, zu denen Anna Starzinger die Stichworte liefert. Ein Kabarettsketch das eine, in dem ein paar österreichische Heimaturlauber im VW-Bus wieder nach Deutschland einzureisen begehren, und die „importierte Dreideutigkeit“ frei nach Karl Kraus am sprachlichen Unverstand des pragmatischen, heißt: urdeutschen Grenzers scheitert. Da nützen weder blondes Haar noch blaue Augen, und auch kein Hinweis aufs „achtbare Nachbarland“ – „der Emigrant lebt von der Hand in die Hand und seinem bisschen Verstand“, schließt Golden.

Mit reichlich Witz und bösem Schalk vermitteln Shlomit Butbul, Tania Golden, Ernie Mangold und Anna Starzinger Elfriede Gerstls von liebevoller Beobachtungslust begleitete scharfsinnige, scharfzüngige Gesellschaftsanalyse. Nach einer Hommage wie dieser im Theater Drachengasse muss die wiederzuentdeckende Literatin Gerstl noch lange nicht den Hut nehmen.

Weitere Streaming-Termine: 9. und 10. April um 20 Uhr.

www.drachengasse.at           Tickets/15 €: www.eventbrite.at

Anna Starzinger (li.) Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Screenshot: Elfriede Gerstls „Spielräume“, Theater Drachengasse. @ Beseder

Zum Text:

Elfriede Gerstl wohnte zwischen 1963 und 1971 zeitweise in Berlin, dort war sie eingeladen, am Berliner Colloquium teilzunehmen. Günther Grass, der an der Schreibschule unterrichtete und viele Jahrzehnte lang als „die Stimme der deutschen Literatur“ galt, kritisierte Gerstls Arbeit derartig, dass sie dadurch ihren bereits unterzeichneten Vertrag bei Rowohlt verlor und große finanzielle Einbußen erlitt. „Öffentlich von Grass zsammgstaucht: Aichinger-Einflüsse, Poesel, alles kunstgewerblich, perfektioniert geschriebene Variante von Bekanntem. Zwar verteidigen mich meine Kollegen Born, Fichte, aber auch die anderen so gut sie können, aber Grass ist ein Brocken, den viele kleinere nicht aufheben können“, zitiert Kollege Herbert J. Wimmer sie 1964.

Antisemitismus-Vorwürfe gegen Günter Grass wurden erst in späteren Jahren Thema der Literaturkritik. Der aus den Erfahrungen Gerstls in Berlin entstandene Roman „Spielräume“ wurde schließlich nicht von Rowohlt verlegt, sondern erst 1977 beim Verlag Edition Neue Texte, Linz. Die Haltung von Günter Grass und seinen Jüngern trug stark dazu bei, dass sich der deutsche Literaturmarkt gegenüber experimenteller Literatur auf Jahrzehnte hin verschlossen hatte. Heute wird „Spielräume“ von der Literaturwissenschaft als Meisterwerk angesehen.

Über die Autorin:

Die 1932 in Wien geborene und 2009 in Wien gestorbene österreichische Schriftstellerin Elfriede Gerstl war lange ein literarischer Geheimtipp, heute gilt sie als eine der größten Dichterinnen der deutschsprachigen Moderne. Als jüdisches Kind überlebte sie den Nationalsozialismus in Wien in verschiedenen Verstecken. 1945 besuchte sie eine Maturaschule, die sie 1951 erfolgreich abschloss. Ein Studium der Medizin und Psychologie brach sie 1960 ab, daraufhin Heirat und Geburt einer Tochter. Veröffentlichungen von Elfriede Gerstl sind seit 1955 erschienen.

Sie war die einzige Frau im Umkreis der Autoren der „Wiener Gruppe“ und der frühen Aktionisten. Von 1963 bis 1971 hielt sie sich wiederholt längere Zeit in Berlin auf. „Spielräume“ aus dem Jahr 1968/1977 (erhältlich bei www.droschl.com/buch/spielraeume/) blieb der einzige Roman von Elfriede Gerstl. Ihre jüngere Freundin Elfriede Jelinek erklärte sie zu ihrem Vorbild. In ihren letzten Lebensjahrzehnten erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, etwa den Erich-Fried-, den Georg-Trakl- oder den Heimrad-Bäcker-Preis sowie die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold.

  1. 4. 2021

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

Oktober 28, 2013 in Film

ADVERTORIAL

Twittter-Chat mit Regisseur Bryan Singer am Montag, 28. Oktober um 18:30 Uhr

Trailer-Premiere am Dienstag, 29. Oktober um 14 Uhr auf Youtube

X-Men Days of Future Past Chat  Trailer Debut_German VersionFans auf der ganzen Welt sind dazu eingeladen, am Twitter-Chat mit Bryan Singer, dem Regisseur von X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT teilzunehmen. Der Chat findet am Montag, den 28. Oktober um 18:30 Uhr auf Bryan Singers Twitter Account http://www.twitter.com/bryansinger statt. Gleichzeitig kann der Chat auch über den X-Men Movies Twitter Account unter http://www.twitter.com/xmenmovies verfolgt werden. Einen Tag später, am Dienstag, den 29. Oktober, wird um 14 Uhr der Trailer auf http://www.youtube.com/xmenmovies gelauncht. Einen kleinen Einblick in den Trailer können Sie bereits jetzt unter http://instagram.com/p/f1nxeADozp/# gewinnen. Wenn Sie Fragen zu X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT haben, posten oder twittern Sie diese mit #XMen und #AskSinger auf http://www.facebook.com/xmenmovies oder http://www.twitter.com/xmenmovies.

WAS: Live Twitter Chat mit Regisseur Bryan Singer
WANN: Montag, den 28. Oktober um 18:30 Uhr
WO: http://www.twitter.com/bryansinger und http://www.twitter.com/xmenmovies

Und verpassen Sie nicht den brandneuen Trailer zum Film.

WAS: Weltweite Trailer-Premiere
WANN: Dienstag, den 28. Oktober um 14 Uhr
WO: http://www.youtube.com/xmenmovies

In X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT kämpft das ultimative X-MEN Ensemble auf zwei Zeitebenen ums Überleben. Die beliebten Charaktere der originären X-MEN Trilogie verbinden sich mit ihren Vorgängern aus X-MEN – ERSTE ENTSCHEIDUNG für einen alles entscheidenden Kampf, der die Vergangenheit verändern muss – um unsere Zukunft zu retten.

Ab Donnerstag, 22. Mai 2014 nur im Kino. In vielen Kinos in 3 D.

Interview mit Marcello de Nardo

März 20, 2013 in Bühne

Das Volkstheater spielt Gogols „Der Revisor“

Am Freitag, 22. März, hat am Wiener Volkstheater Gogols „Der Revisor“ Premiere. Sein Stück darf als eine der besten Komödien der Weltliteratur bezeichnet werden: Sie enthüllt die kläglichen Oberflächen und schauerlichen Abgründe einer ganzen Sozialsphäre, einer ganzen Nation, einer ganzen Epoche. Dabei verleiht Gogol mit Hilfe eines teuflischen Mechanismus seinen Figuren eine schlotternde, gespenstische Marionettenwirklichkeit, wie sie sonst nur noch in den Lustspielen von Molière zu finden ist. Eine komplette Kommunalverwaltung tritt auf – und nicht ein anständiger Mensch. Korrupt sind sie alle, sogar die berechtigten Klagen über die Korruption stammen von Bittstellern, die durch Korruption reich geworden sind. Schlechtes Gewissen? Nein. Ihre fieberhaften Überlegungen gelten den Fragen: Wie kann man den Revisor täuschen? Ist er bestechlich? Alle finden den Betrug selbstverständlich. Durch einen widerrechtlich geöffneten Brief erfahren die Honoratioren einer Provinzstadt, dass ein Revisor aus Petersburg kommen wird. Sie halten Chlestakow, einen kleinen Beamten, der zufällig im Gasthaus absteigt, für den gefürchteten Mann. Sie drängen ihm Geld auf. Sie bringen Frauen und Töchter ins Spiel, um ihn sich gewogen zu machen. Die Verstrickungen und Korruptionsversuche nehmen überhand, das Spiel wird gefährlich. Die einen schwelgen in Vorfreude auf eine Petersburger Karriere, der Aufschneider Chlestakow hingegen bereitet seine Abreise vor. Da bringt der Postmeister einen aufgebrochenen Brief, in dem Chlestakow seine Erlebnisse in dem Provinzstädtchen schildert: Die im Brief als Dummköpfe beschriebenen Dummköpfe lesen sich gegenseitig ihre Porträts vor – da wird die Ankunft eines Revisors gemeldet … Ein Gespräch mit Marcello de Nardo, dem Hauptdarsteller, über seine Rolle als Iwan Alexandrowitsch Chlestakow, ein Petersburger Beamter:

Der Revisor

Andrea Bröderbauer, Marcello de Nardo, Günter Franzmeier, Susa Meyer
Bild:Lalo Jodlbauer

MM: „Der Revisor“ ist eine schier unglaubliche Korruptionskomödie. Puschkin ist das ja tatsächlich einmal passiert: Er wurde in einer Provinzstadt für einen mit der Aufdeckung von Korruption beauftragten geheimen Beamten gehalten. Gogol hat danach dieses Stück geschrieben. Ist Chlestakow ein Aufschneider? Der Teufel, ein Teufel?

Marcello de Nardo: Weder das eine noch das andere. Er purzelt aufgrund eines Missverständnisses in diese Misere. Er ist ein armer Schlucker, doch die Menschen um ihn herum machen aus ihm das, was sie in ihm sehen wollen. Und mit der Zeit kommt er drauf, welche Möglichkeiten er da hat, wenn sie ihm das Geld förmlich aufdrängen, ihn Exzellenz und Hochwürden nennen. Er will Achtung und Respekt – das ist für mich der Schlüssel zum Verstehen dieser Figur. Aber im Endeffekt geht er weg, ohne zu wissen, welchen Brand er hinterlassen hat. Aber der „schlaue Teufel“, der grinsend großen Schaden anrichtet, ist er nicht. Das wäre mir zu spielen auch zu langweilig gewesen, denn die Figur ist eine unfreiwillig komische. Er agiert aus einer Überforderung heraus, er tanzt auf dem Hochseil. Daneben hat er seinen Diener Ossip – das haben wir schon in der Bearbeitung so aufgeteilt -, der die Fäden in der Hand hat, der ihn zurückzieht, wenn er nicht weiß, wann es genug ist, wann er droht aufzufliegen. Chlestakow weiß nie, wann er die Klappe halten soll, während es Ossip schon unter den Nägeln brennt.

 MM: Nach der Uraufführung 1836 schrieb der Schauspieler, der den Revisor spielte an Gogol, das sei „die blasseste Figur, die er jemals spielen musste“. Man möge sich dafür bitte „einen völlig unbegabten Schauspieler suchen“ und dem als Regieanweisung mitgeben, er solle „einen aufrechten Mann verkörpern“. Dann könne das Ganze vielleicht was werden. Was sagen Sie da dazu?

MdN: Huch! Ich habe so oft die schneidigen, schnittigen Chlestakows gesehen und ich habe mich jedes Mal gelangweilt, weil da zu klar war, was der will. Da hat man keinen Spaß daran. Wir haben eine acht Meter lange, steile Treppe als Bühnenbild und wenn der Revisor die hinunter stolpert, weil er betrunken ist, und alles hinter ihm her, dann kriegt das eine gänzlich andere Aussage. Da bekommt man eine wage Vorstellung davon, dass er denkt: Okay, wenn ich hier Chef bin … Da beginnt die Figur sich zu drehen. Da kriegt er das Gefühl, dass er vom Leben bis dahin ungerecht behandelt worden ist, und entwickelt eine gewisse Boshaftigkeit. Das ist eine so vielschichtige Figur. Wir haben mit Regisseur Thomas Schulte-Michels und einem sensationellen Ensemble eine Form gefunden, die von einer Virtuosität, einer Schärfe, ist, dass einem der Atem weg bleibt. Das ist wie ein Albtraum: Da kommt einer rein, der das System zu bedienen weiß – aber nicht gewollt. Und das eskaliert bis zu einer Fast-Hochzeit. Eine absurde, bissige Komödie.

 MM: Sie haben mit Schulte-Michels auch den mit dem Nestroypreis ausgezeichneten Brecht „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ gemacht. Wenn man die ersten Revisor-Fotos sieht, hat man das Gefühl, ihr dreht auch optisch die Groteske noch weiter als von Gogol vorgesehen.

MdN: Ja, definitiv. Es hat sehr viel mit einem Grand Guignol Theater zu tun. Es ist sehr nach vorne gewandt, wir wollen das Publikum reinziehen, mit einbeziehen. Das ist ein ganz reizvoller Bruch in dem atemberaubenden Tempo, in dem das Stück gespielt wird. Dazu braucht es diese Art von Kostümen, wenn das zu realistisch ist, interessiert es mich nicht. Die Treppe impliziert natürlich auch, dass man dauernd in Habt-Acht-Stellung ist, man darf nicht einen falschen Schritt tun, sonst fällt man. Dauernd rennt man rauf und runter, irgendwann keucht man automatisch. Da sagt der Mund etwas anderes als der Geist meint. Das ist wie die von Jan Kott beschriebene Shakespeare’sche Königstreppe.

 MM: Gogol wollte die russische Gesellschaft abbilden, ihr ein Spiegelbild vorhalten. Ist es nicht traurig, dass aus dem Revisor ein Stück von ewiger Gültigkeit geworden ist? Heißt: Würdenträger heute noch so korrupt sind wie damals?

MdN: Es ist traurig, aber wir sind selber Schuld. Wir sind als Gesellschaft nicht lernfähig, sondern eher rückwärts gewandt. Wir sind nicht sehr bereit, zu lernen, was wir nicht können, und das neu Gelernte umzusetzen. Das geht von Naturschutz bis zu den Gleichstellungsgesetzen von Mann und Frau. Auch nach zwei-, drei-. Vierhundert Jahren stolpern wir immer noch an denselben Stellen. Schulte-Michels sagt: In dem Hamsterkäfig, in dem unser Rad steht, ist es wichtig, dass der Boden nicht austrocknet. So bleiben wir feucht und fit und drehen uns mit. Es ist völlig desillusionierend, aber richtig. Und was die Korrumpierbarkeit betrifft: Jeder hat seinen Preis. Ich habe mal eine Late-Night-Show gemacht und hatte am Ende der Show die Abendeinnahmen zu Hause, hab’ das Bündel in die Luft geschmissen und mich mitten auf dem Bett reinfallen lassen und das Geld ist an mir runtergefallen. Da denkt man schon darüber nach, wie schmal die Grenze ist, die man überschreiten könnte. Das kann dir, bevor er’s getan hat, keiner verraten. Und da es ja heute in der Politik nicht um innere Werte, sondern um Wirkung geht, ist fast jeder Hallerwachel, der die Augen an der richtigen Stelle hat, prädestiniert, sich Richtung Kohle zu drängen. Deshalb werden wir immer Revisoren brauchen.

MM: Womit wären Sie korrumpierbar?

MdN: Schöne Rolle, schöne Inszenierungen, ein tolles Theater, eine tolle Gage.

MM: Sie haben am Volkstheater eine künstlerische Heimat gefunden, spielen wie ein „Verrückter“, sind aber auch nicht mehr ganz so jung, wie Sie wirken und aussehen. Wie halten Sie das durch?

MdN: Das Frage ich mich auch. (Er lacht.) Als ich jetzt die Tür zur Probebühne aufgemacht habe und diese Endlostreppe gesehen habe, dachte ich, ich falle in Ohnmacht. Ich dachte: Leck’ du mich am Arsch, das kann ja heiter werden –  und tatsächlich nach dem zweiten Tag hat mein Meniskus zu spinnen begonnen. Dieser Beruf hält dich auf Trab. Und ich will’s auch gar nicht anders. Ich will auf diese Bühne, auf diese Treppe rauf. Ich bin ein Perfektionist bis zur Selbstzerstörung; ich sehe Kollegen, die nehmen’s gelassener und tun sich einfacher. Aber das liegt mir nicht. Ich muss die Synapsen geschärft haben.

 MM: Noch ein Wort über Ihre fast schon zweite künstlerische Heimat: Reichenau. Dort spielen Sie heuer im Sommer Ibsen: „Die Stützen der Gesellschaft“, den Schiffsreeder Konsul Bernick. Punkto bröckelnder Fassade schließt sich da zum Revisor ein Kreis.

MdN: Nicolaus Hagg macht die Bearbeitung, worauf ich mich schon sehr freue, nicht nur weil ich ihn wertschätze, sondern weil er für den Stoff auch die richtige Kralle hat. Ohne Moralinsäure schreibt. Und es stimmt tatsächlich, der Bernick schwingt im Hintergrund schon mit, der kriecht schon her zu mir. Bernick ist ein knallharter Geschäftsmann, unmoralisch, korrupt, ist gewillt, den Tod von 25 Menschen in Kauf zu nehmen. Wie ihm das passieren konnte, wie er dieser Mensch geworden ist, dieser schleichende Prozess, das interessiert mich, da schließt mich für mich der Kreis zum Revisor. In beiden Stücken geht es um Unrecht, das ungesühnt bleibt – auch, wenn man beim Revisor lachen kann.

 MM: „Der Revisor“ ist ein politisches Stück. Daher zum Abschluss eine politische Frage. Sie haben die schweizerisch-italienische Staatsbürgerschaft. Die Schweizer haben die Volksbefragung, Volksabstimmung quasi erfunden. Jetzt kommt das auch in Österreich mehr und mehr. Was halten Sie davon?

MdN: Ich bin Demokrat. Ich halte das prinzipiell für ein ausgezeichnetes Instrument. Nur: In der Schweiz ist es etwas durch die Jahrhunderte Gewachsenes. Wenn man mit der Tonleiter nicht anfängt, wird man die Klaviatur nie beherrschen. Also habe ich in Österreich immer das Gefühl, die Politiker wissen nicht einmal, wie sie die Frage formulieren sollen, die sie beantwortet haben wollen. Da macht das schon weniger bis gar keinen Sinn. Außerdem hat die Volksbefragung hier keine Konsequenzen, man kann sich das Ergebnis ans Bein schmieren. Mir wäre ein Anliegen, dass endlich einmal über die Gleichstellungsgesetze abgestimmt wird. Ich wüsste nicht wie – deshalb schrecke ich vor Ihrer Frage zurück.

In der Regie von Thomas Schulte-Michels spielen Günter Franzmeier, Susa Meyer, Andrea Bröderbauer, Erwin Ebenbauer, Alexander Lhotzky, Claudia Sabitzer, Thomas Kamper, Rainer Frieb, Matthias Mamedof, Günther Wiederschwinger, Till Firit (den Ossip), Jan Sabo und Christoph F. Krutzler.

www.volkstheater.at

www.marcellodenardo.net

www. festspiele-reichenau.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 3. 2013

Europa-Premiere im Tanzquartier Wien

März 13, 2013 in Tipps

Tanzen wie mit Taiko-Trommeln

Tanzquartier Wien

DAH-DAH-SKO-DAH-DAH
Bild: Jun Ishikawa

Am 15. und 16. März macht im Tanzquartier Wien eine der herausragendsten Persönlichkeiten der internationalen Tanzszene Station: Der japanische Choreograf Saburo Teshigawara, dessen Werk seit den 80er-Jahren für einen Mix von Bewegung, Text, Licht und Setting steht. Der Titel seiner aktuellen Arbeit – in Wien hat eine neue Fassung Europa-Premiere – ist DAH-DAH-SKO-DAH-DAH – und nimmt onomatopoetisch den Klang der Kenbai-Taiko-Trommeln auf, deren Schlagen in Japan eine Jahrhunderte alte Tradition ist. Irgendwo zwischen pochendem Herz und brausendem Wind angesiedelt. Teshigawara verbindet die Kraft seiner Tänzer mit der musikalischen Poesie des Dichters Kenji Miyazawa (1896 – 1935), dessen Lyrik das Werk beeinflusste.

www.tqw.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 13. 3. 2013