Salon5 am Thalhof: Power To Hurt

August 13, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Raphael von Bargen rockt William Shakespeare

Raphael von Bargen. Bild: Andrea Klem

Raphael von Bargen schlüpft in die Rollen von Shakespeares Verliebten und Verbrechern. Bild: Andrea Klem

Der Salon5 hat zum Shakespeare-Jahr seine Produktion „Power To Hurt“ gepimpt und zeigt in seinem Sommerquartier am Thalhof nun eine erweiterte Version. Komponist und Sound-Designer Christian Mair hat gemeinsam mit Schauspieler Raphael von Bargen Texte des britischen Barden vertont. Dunkel-schillernde Bluesballaden und auch ein paar Punkrocksongs sind so entstanden, die die beiden live – Mair an Gitarre, Bass und Keyboard, Bargen als Sänger, mit Saxophon und Klarinette – performen.

Regisseurin Anna Maria Krassnigg fügte dem Abend eine Kinobühnenschau hinzu, im Vorjahr hat sie diese alte Kunstform für „La Pasada“ höchst erfolgreich wiederbelebt, nun zeigt sie traumhafte Bilder von mystischen Orten, die mit den Worten Shakespeares in perfekte Korrespondenz treten. Generell hat das Ganze Gothic Chic.

„Power To Hurt“ bezieht sich auf Sonett Nr. 94 aus „Richard III.“, es ist der Auftakt des Programms, und mit Verbrechern und Verliebten geht es weiter, mit Menschen außerhalb der gesellschaftlichen Norm, mit deren Leid und Lust und Grausamkeit. Bargen singt von der Macht und der Willensstärke sich und andere zu verletzen, von den Dramen Richard II. bis Macbeth bis zu den schönsten Sonetten. Das berühmte „Shall I Compare“ (Nr. 18) ist ebenso dabei wie das doppelbödige „My Name Is Will“ (Nr. 136), Bargens Lieblingsstück, wie er in einem Interview mit Norbert Mayer sagte. Richard II. klagt über „King’s Pain“ und Richard III. über den „Glorious Summer“ des Sohnes – und nicht wie auf Deutsch meist übersetzt der Sonne – Yorks.

Bargens Bühnenpräsenz zieht einem schier den Boden unter den Füßen weg. Mit Rockstar-Attitüde bestreitet er sein Konzert, sein Timbre verwandt dem eines Whitfield Crane. All die verlorenen Seelen Shakespeares scheint er wiedergefunden zu haben, wie er da kreischt und greint und nach Vergeltung ruft und um Gnade winselt, die von ihm gestalteten Figuren sind von allen guten Geistern längst verlassen und von ungezählten bösen gejagt. Dazwischen gibt er sich erotisch-zotig, lässt die Hüften kreisen, und die Gedanken der Zuhörer, wenn er von rotem Licht bestrahlt das frivole „Roses Are Red“ zum besten gibt.

Deutsch gesprochene „Dialoge“ hat Krassnigg dazu neu eingefügt. Shakespeares Fair Boy, die Sonette 1 bis 126 richten sich offensichtlich an einen jungen Mann, in der Tradition Petrarcas die Verkörperung einer übersexuellen, reinen Liebe, und die später als überaus irdische Verführerin eingeführte Dark Lady dürfen auftreten. Als Bargens weißes und schwarzes Handschuhgesicht, sozusagen die rechte Hand Gottes und die linke des Teufels, kommentieren sie das Geschehen, spotten über die Nöte und Zwänge der Shakespeare’schen Charaktere und treten in einen heißen Disput über Wert und Wollen seiner Minnegesänge. So sorgen sie für den heiteren Part des Abends.

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Den das Publikum am Ende endlich heftig akklamiert. Während des Auftritts nämlich hat es sich jede Gefühlsregung verboten, und dass angesichts eines glänzenden Performers auf der Bühne, der dort sein Innerstes nach außen stülpte. Doch es schien fast, als hätten Schlegel-Tieck ihre bildungsbürgerlichen Skelettfinger aus dem Grab erhoben, um das Auditorium zu ermahnen: Du sollst bei Shakespeare weder johlen noch juchzen noch mit den Füßen trampeln noch mit dem Kopf wippen. Wobei das dem wilden Will doch sicher gefallen hätte. Wer also noch aus Fleisch und Blut ist, raus an den Thalhof. Raphael von Bargen rockt das Haus. Cheers, Baby!

Weitere Vorstellungen am 13. und 14. August.

Trailer: vimeo.com/174442456     vimeo.com/174442675     vimeo.com/175189299

Anna Maria Krassnigg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20807

salon5.at

Wien, 13. 8. 2016

Salon 5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg im Gespräch

Juni 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie inszeniert Dostojewskijs „Der Idiot“ und Shakespeare-Texte als musikalische Kinobühnenschau

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Der Salon 5 begibt sich demnächst in die Sommerfrische. Bereits zum zweiten Mal bespielt die kreative Truppe rund um dessen Gründerin und künstlerische Leiterin Anna Maria Krassnigg den Thalhof an der Rax. „Jenseits von Gut und Böse“ lautet das diesjährige Motto unter dem die Theatermacherin ein Schauspiel nach Dostojewskijs Roman „Der Idiot“, die musikalische Kinobühnenschau „Power to Hurt“ nach Shakespeare-Texten, Schnitzler und Jelinek und Herrn Grillparzer versammelt. Die Saison startet am 10. August, der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

Anna Maria Krassnigg im Gespräch über ein Gebäude, das Geschichte atmet, ihr Programm inmitten einer beginnenden Zeitenwende, die Wiederentdeckung einer alten Kunst für ein junges Publikum und wie sie diesem zeigen will, was „die schrullige alte Tante Theater“ tatsächlich so kann:

MM: Für Theaterbegeisterte, die es noch nicht wissen: Was ist der Salon 5?

Anna Maria Krassnigg: Der Salon 5 ist ein Theaterlabel, das mit einem sehr zeitgenössischen Blick Ausgrabungen verfolgt. Das heißt, Texte, die sonst am Theater nicht vorkommen, sei es, weil sie zu einer Art verdrängter Literatur gehören, sei es, weil man sie nicht auf der Bühne vermuten möchte, obwohl es hochdramatische Texte sind, zur Aufführung bringt. Davor, danach, manchmal auch mittendrin, gibt es intensiven Austausch mit dem Publikum, den wir Salongespräche nennen. Wir möchten zeigen, dass Theater wie ein Musikclub funktionieren kann: dass man sich darüber austauschen und unterhalten kann, ohne, dass Experten von einem Podium herunter dozieren.

MM: Der Salon 5 geht an verschiedene Spielorte, nun geht er in die Sommerfrische an die Rax. Warum bespielen Sie heuer zum zweiten Mal den Thalhof?

Krassnigg: Wir sind verliebt in verwundete Räume, in Orte, die Geschichte haben, Geschichte erzählen aufgrund der Menschen, die an ihnen jahrhundertelang ein- und ausgegangen sind. Das betrifft die alte Turnhalle im Brick 5, den Nestroyhof, das Metrokino – und ganz stark den Thalhof. Er hat mich nach Reichenau gelockt. Ich bekam vor dreieinhalb Jahren das Angebot, dort etwas zu machen, hab‘ ihn mir angeschaut und bin ihm sofort verfallen. Das Gebäude hat etwas Magisches, eine märchenhafte, mystische Ausstrahlung. Man spürt auf eine merkwürdige Art, dass dort 400 Jahre lang gedacht und gedichtet wurde. Das belegt das berühmte Gästebuch. Die Wiener Bohémiens haben dort den Sommer über geschrieben: Freud einen Teil der „Traumdeutung“, Schnitzler, Grillparzer, Hebbel, Ebner-Eschenbach … Leo Perutz und Felix Salten. Man hat das Gefühl, die großen Geister leben immer noch in diesem Speisesaal. Und obwohl wir wahrlich genug Baustellen habe, sagte ich spontan, in dieser Atmosphäre möchte ich Geschichten erzählen.

MM: Am 10. August startet die zweite Saison nach der höchst erfolgreichen ersten. Wie funktioniert die Nachbarschaft mit den sehr arrivierten Festspielen Reichenau?

Krassnigg: Ich kenne die Festspiele als Zuschauerin und als Beteiligte, ich habe dort schon inszeniert, Daniel Kehlmanns „Ruhm“, das war eine sehr schöne Arbeit. Danach hat sich zwar keine Zusammenarbeit mehr ergeben, aber nun haben wir vergangenen Sommer auf die gute Nachbarschaft getrunken, denn es geht sich beides wunderbar aus. Die Festspiele toben im Juli, wir toben im August. Man kann in Reichenau also von Juli bis September durchgehend Theater, Diskussion, Geist, Lust, Unterhaltung erleben.

MM: Ihr Programm passen Sie sozusagen an den Spielort Thalhof an.

Krassnigg: Ja, da bin ich wieder bei den großen Geistern, deren Schätze wir zu heben versuchen. In diesem Sinne haben wir 2015 mit Robert Neumanns „Hochstaplernovelle“ eröffnet, auch er ja ein ehemaliger Thalhofgast und heute ein leider eher unbekannter, nicht ausreichend geschätzter Autor. Dieser Raum schreit nach bestimmten Stoffen, das ist ein austriakischer Speisesaal in all seinem Prunk, der mitten in den Bergen stehend eine stark italienische Ausstrahlung hat. Die Südbahnstrecke Wien-Triest scheint sich in diesem Saal zu treffen. Wir suchen also Stoffe, die dort ihre Wirkung entfalten können, mehr, als es ihnen auf einer Guckkastenbühne gelingen könnte, auch wenn diese Bühne technisch besser ausgestattet ist. Der Genius loci ist die Inspiration für unsere Inszenierungen.

MM: Es gibt zwei Mottos: Für den Salon 5 ist es „In plot we trust“, für die diesjährige Thalhof-Saison „Jenseits von Gut und Böse“. Was wollen Sie damit sagen?

Krassnigg: „In plot we trust“ ist aus einem sehr ernsthaften Scherz entstanden. Wir haben etwas gesucht, an das alle, vom Autor über den Schauspieler bis zum Bühnentechniker, glauben. Da sind wir auf den Plot gekommen, die Narration, weil wir alle der Meinung sind, dass Geschichte und Zeitgeschichte über Geschichten zu erzählen lustvoller, genauer erfassbar und näher am Publikum ist, als wenn man das Erzählen lässt. Wir sind also alle leidenschaftliche Erzähler, aber mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Verfahren und einem jeweils anderen Rhythmus. Ich arbeite sehr gerne mit Spielplanklammern, die es allerdings bei mir vor dem Spielplan gibt, nicht erst, wenn die gezeigten Stücke schon feststehen. „Jenseits von Gut und Böse“ ist etwas, das uns im Moment umtreibt. Damit meine ich das Phänomen, dass die Grenzen, die Definitionen diesbezüglich nicht erst seit vergangenem Sommer verschwimmen. Diese moralphilosophischen Fragen nach Gut und Böse und einem jenseits davon, wollen wir anhand des Spielplans abhandeln.

MM: Beispielsweise mit Ihrer großen Produktion, einem Schauspiel nach Dostojewskijs „Der Idiot“. Sie haben die Spielfassung erarbeitet und führen Regie.

Krassnigg: Das ist der klassische Stoff zum Thema, weil er sich an den Fragen „Wer ist der gute Mensch?“ und „Was würde er in der Gesellschaft anrichten, wenn er in Reinkultur wirksam würde?“ abarbeitet. Im Roman ist Fürst Myschkin eine Art wiedergeborener St. Petersburger Jesus, der – flapsig gesagt – die Stadt aufmischt, in Liebesgeschichten und Rivalitäten gerät, und eine unglaubliche Bewegung auslöst, von der Walter Benjamin sagt, sie sei ein „ungeheurer Kratereinsturz“. Das Bemerkenswerte am Roman ist, dass er tatsächlich gut, böse, hell, dunkel auf eine sehr tiefe, existenzielle, radikale Weise abhandelt. „Der Idiot“ ist spannend wie ein Krimi und dabei wahnsinnig komisch. Dazu kommt, dass man diese Menschen kennt; die sind nicht aus der Vergangenheit, die könnten heute aus der Straßenbahn steigen. Das Ganze gipfelt im Sommer in Pawlowsk – da kann der Thalhof dann seine Datscha-Qualitäten ausspielen.

Raphael von Bargen performt "Power to Hurt". Bild: Nora Scheidl

Raphael von Bargen performt „Power to Hurt“. Bild: Nora Scheidl

Der Thalhof. Bild: Christian Mair

Der Thalhof: Im ehemaligen Speise-, heute Theatersaal lebt der Geist seiner berühmten Gäste weiter. Bild: Christian Mair

MM: Eine weitere Premiere ist „Power to Hurt“, eine Weiterentwicklung des Abends, der schon im Brick 5 zu sehen war. Nun wurde aus der Aufführung eine Kinobühnenschau. Diese Form darstellender Kunst haben Sie voriges Jahr mit „Pasada“ wiederentdeckt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Krassnigg: „Power to Hurt“ ist ein Projekt, das vernäht ist zwischen dem Schauspieler/Sänger Raphael von Bargen, dem Musiker/Komponisten Christian Mair und mir als Film- und Theaterregisseurin. Es ist eine extreme Teamarbeit, bei der ich uns eher als Band sehen möchte. Wir wollten es noch einmal genauer, größer und für mehr Publikum machen. Es passt zum Motto, denn Raphael von Bargen singt und spielt die größten Bösewichte der Theaterliteratur, zum anderen ist es auch ein wenig unser Beitrag zum Shakespeare-Jahr. Es ist eine sehr spezielle Bergung von Monologen und Sonetten, die als Kinobühnenschau dargeboten wird, also als Verschmelzung von Bühnen- und Filmelementen mit Musik. Da kommt eine opulente, sinnliche dritte Form heraus. Die Welle aus Musik, Bild, einem Extremschauspieler und dieser unglaublichen Literatur, die auf einen zurollt, ist sehr eigen und sehr traumartig.

MM: Das heißt, es wird nicht mit Live-Kamera gearbeitet, sondern der Film ist ein eigenständiges, vorher gefertigtes Element der Aufführung? Kinobühnenschau ist die Korrespondenz zweier Medien?

Krassnigg: Das drückt es exakt aus. Diese Form des Theaterspielens ist an der Schwelle vom Stummfilm zum Tonfilm entstanden. Da gab es große Schauspieler, begnadete Erzähler, die live zu den Bildern Text gesprochen haben. Das Publikum hat das sehr geliebt. Man hat das dann weitergesponnen und das Live-Element Theater in Verhältnis zum Medium Film gesetzt. Damit wurden bestimmte Ebenen, die sich dafür eignen, Visionen, Träume, Zeitsprünge, Nachtsequenzen, erarbeitet, und dazu gab’s Schauspiel auf der Bühne. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit Videozuspielungen oder Live-Kamera, weil zwei unabhängige künstlerische Erzählweisen nur durch die Geschichte zusammenkommen. Der große Spaß daran ist die Kunst der Übergänge, wie die Film- und die Bühnenwelt ineinander verschmelzen, damit der Zuschauer sie als zwei Hälften einer ganzen Geschichte sieht. Es gibt auch im „Idiot“ einen gewissen Anteil kinobühnenschauhafter Elemente. Das hat sich inhaltlich aufgedrängt und ist auch optisch sehr stark.

MM: Sie gehören dem Leitungsteam des Max-Reinhardt-Seminars an, Sie unterrichten Regie. Studenten können sich am Thalhof mit einer eigenen Produktion erproben, sind aber auch als Publikum herzlich willkommen. Es gibt U25-Tickets um 2,50 Euro?

Krassnigg: Genau, das ist ein Teil meiner Welt. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, größere Kontexte wie ein Festival programmatisch zu bevölkern, ohne meine Studierenden einzubeziehen. Das ist mir ein Herzensanliegen. Dieses Jahr gibt es eine Sonderkooperation mit der Internationalen Sommerakademie der Universität für Musik und darstellende Kunst. Jens Bluhm beleuchtet das Thema „Jenseits von Gut und Böse“ aus der Geschlechterperspektive, er wird einen unbekannten Schnitzler, „Die Braut“, eine Vorstudie zur „Traumnovelle“, Jelineks „Krankheit oder moderne Frauen“ entgegensetzen. Die Collage wird gespielt von Studenten des Max-Reinhardt-Seminars. Dazu musizieren Studierende des Joseph Haydn Instituts. Das freut mich besonders, weil Kollege Johannes Meissl, der dortige Institutsvorstand und wunderbare Geiger, sie das Thalhof Quartett genannt wird. Was nun das Publikum betrifft, so wollen wir eine Einladung aussprechen an all die Menschen, die Sommerfestivals sonst nicht besuchen – beispielsweise aus Kostengründen. Wir haben eben das U25-Ticket, aber auch weitere Ermäßigungen, Vorteilscards und Abos.

MM: Sie gehen täglich in ein Haus voller enthusiastischer junger Theaterschaffender. In den Zuschauerräumen ist diese Generation dünn gesät. Woran liegt das? Was läuft da falsch? Das Angebot?

Krassnigg: Die Frage ist sehr gut. Ästhetiken altern halt wie Menschen auch. Meiner Ansicht nach sind drei Dinge wichtig: Es muss eine Preispolitik geben, die für junge Leute erschwinglich ist. Die gibt es vielerorts, daran liegt es nicht hauptsächlich, dennoch ist das wahnsinnig wichtig. Zum zweiten: Es wird überall über Kulturvermittlung gesprochen, aber was diese schrullige alte Tante Theater tatsächlich kann, wird nicht vermittelt. Das muss man jeder neuen Generation neu sagen, das geht nicht von selbst. Dazu darf es ruhig originellere Anstrengungen geben. Und das dritte, das ich an meinen Kindern oder deren Freunden oder auch Studierenden beobachte, ist, dass es letztendlich zu wenige Geschichten gibt. Im Gegensatz zum Kino, wo derzeit eine Menge großartiger Drehbuchautoren intelligentes Storytelling entwerfen. Jugendliche wären also sowohl über ihre Ästhetiken abholbar, als auch mit gut gemachter Narration. Oder anders gesagt: Theater als reine Kunstanstrengung ist für Unter-25 überhaupt nicht interessant.

MM: Eine klare Absage ans L’art pour l’art!

Krassnigg: Ich halte dieses „Wir wissen, wie’s geht, und daher ist es uns schon fad“ für falsch. Wir wissen nie, wie es geht. Große Werke verändern sich mit der Zeit, man liest nach zehn Jahren ein Stück ganz anders, hört ganz andere Stimmen. Die Partitur ist plötzlich wie neu. Damit muss man als Theaterarbeitender umgehen. Man bewegt sich auf dem Grat zwischen Zeitgenossentum, zwischen Frische und dem Das-Heute-Erzählen, und der Werktreue. Es kann beim Inszenieren nicht darum gehen, ein Profipublikum von Theater heute abwärts mit der außergewöhnlichsten Neuverwurschtung eines Klassikers hinter dem Ofen hervorzulocken, weil, gähn, das haben wir ja alles schon x-mal gesehen. Das als einziger Angang an die dreidimensionale Narration eines großen Textes ist sehr, sehr dünn. Damit kann man Berufsbeschäftigte erfreuen und für sich ein gewisses Ranking erzeugen, aber nicht Zuschauer. Die haben ganz andere Sehnsüchte.

MM: Sie bilden einen Gutteil der kommenden Regiegeneration aus. Wenn Sie selbst inszenieren, wie sehr stehen Sie bei Ihren Studierenden auf dem Prüfstand punkto Vermittlung und deren Umsetzung?

Krassnigg: Total! Als ich noch im Ausland inszeniert habe, war mir wohler in meiner Haut, das war gemütlicher. Ich habe es mit den härtesten aller Kritiker zu tun, denn Studierende, das kennen wir von uns selber, reklamieren für sich das Weltwissen. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber es hat in der Gegenseitigkeit eine große Fairness. Meine Professur ist ein Beruf, den viele gerne hätten. Es ist eine Gnade, etwas, das man liebt, weitergeben zu können, und damit auch noch Geld zu verdienen. Ich hatte Glück dahin zu kommen, da darf man dann auch nicht wehleidig sein und Kritik nicht aushalten. Von meinen Studierenden „begutachtet“ zu werden ist unbequem und anstrengend, aber das hindert mich am Einschlafen.

Das Leitungsteam des Salon5 am Thalhof: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild:Martin Schwanda

Das Leitungsteam des Salon 5 bereitet die aktuelle Thalhof-Saison vor: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild: Martin Schwanda

MM: Sprechen wir über die Menschen, die dieses Jahr den Thalhof bevölkern werden …

Krassigg: Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg hat einmal auf die Frage, warum sie beim damals sehr kleinen Einaudi Verlag bleibt, geantwortet, er sei eine Familie, mit der man arbeitet. Sie meinte damit nicht, dass man gemeinsam Eierspeis‘ kocht, sondern, dass sehr unterschiedliche Menschen eine enthusiastische thematische Verbundenheit für ein Produkt haben. So ist das bei uns auch. Der Salon 5 besteht aus zum Teil sehr gegensätzlichen Menschen. Ganz wichtig ist da Christian Mair, einer der besten Komponisten, die ich kenne, der, weil Musiker auch oft Zahlengenies sind, „so nebenbei“ auch noch unser kaufmännischer Leiter ist. Er ist der ruhende Pol in unserem Wanderzirkus. Lydia Hofmann ist ein Faun, eine der größten Bildbegabungen dieser Tage, eine noch junge Bühnenbildnerin aus der Wonder-Klasse, außerdem Malerin, Skulpteurin, die es immer noch mit uns aushält, obwohl unser Budget viel zu klein ist für das, was sie eigentlich könnte. Sie prägt die Ästhetik des Salon von unseren berühmt-berüchtigten Foyers mit den Lampenschirmen bis zur Bühne. Und Antoaneta Stereva ist eine Designerin, die ihren sensiblen und exzentrischen Stil jahrelang in Theater und Film sowie der internationalen Mode geschliffen hat.

MM: Dann gibt es alte Wegbegleiter …

Krassnigg: … wie eben Raphael von Bargen oder Daniel F. Kamen, der mein Myschkin sein wird. Er ist in Österreich viel zu wenig bekannt, ein einmaliger Darsteller, zutiefst dramatisch und dabei extrem komödiantisch. Dazu laden wir gern Gäste ein, wie Maxi Blaha, die mit ihren eigenwilligen Projekten nicht in den Mainstream gehört. Heuer zeigt sie ein Doppelporträt Bachmann/Jelinek, „Es gibt mich nur im Spiegelbild“, darauf freue ich mich schon sehr. Eine Neuentdeckung ist Michaela Saba. Von ihr wird man ganz viel hören. Sie ist eines der eigenartigsten, schönsten und begabtesten Wesen, die das Reinhardt-Seminar in den vergangenen Jahren ausgespuckt hat.

MM: Werden all Ihre Bemühungen auch von den Subventionsgebern gewürdigt?

Krassnigg: Wie kann ich das formulieren, ohne zu klagen? Denn es gibt in dem Sinn nichts zu klagen, weil wir erstaunlicherweise, obwohl Geld überall knapper wird, doch arbeiten können. Wir entwickeln Konzepte weiter, wir erforschen neue Formen. Wir wollen nicht nur – hoffentlich – ein Publikum beschenken, sondern uns ganz ernsthaft fragen: Was geht mit dieser Kunst? Uns interessiert dieses Laborhafte. Die Anerkennung dafür differenziert. Der Bund fördert unsere Arbeit konsequent nicht – so geht es vielen geschätzten Kolleginnen und Kollegen. Wir werden subventioniert von der Stadt Wien und vom Land Niederösterreich, da ist es sehr schön, dass es kein Topferldenken, keine Bundeslandgrenzen mehr gibt. So können Produktion, wie „Pasada“ vom Thalhof ins Metro Kinokulturhaus wandern. Das Publikum ging da sehr mit, es wollte sehen, was der neue Raum mit der Produktion macht – und das ist ja auch etwas, das uns interessiert.

MM: Apropos, wandern: Eine kleine Herbstvorschau?

Krassnigg: Anna Poloni wird ihre über „Camera Clara“, „Carambolage“ und „Pasada“ geführte Tetralogie mit „Albergo Dante“ beenden. Das wird eine Art von höllischem Hotel, in dem eine Untersuchung von privat und politisch stattfinden wird, die großen Kämpfe im Kleinen – und die falschen Leute werden sie austragen. Und es wird der Spielfilm von „La Pasada“ herauskommen. Wir sind gerade im Endtonschnitt, jetzt gilt es Dinge wie, welcher Verleih, welches Festival zu entscheiden.

salon5.at

Wien, 15. 6. 2016

brut startet in die siebente Saison

September 23, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Themenschwerpunkte zur Nationalratswahl

Rebelodrom: Aktionslabor für politische Interventionen : Perverser Trachtenpartei-Aufmarsch (Modeschau) Bild: Copyright: traschq/Perverse Trachtenpartei

Rebelodrom: Aktionslabor für politische Interventionen : Perverser Trachtenpartei-Aufmarsch (Modeschau)
Bild: Copyright: traschq/Perverse Trachtenpartei

19. September bis 12. Oktober

Themenschwerpunkt The Power of Voice
Auch brut steuert dem Höhepunkt des Superwahljahres 2013 entgegen: Im Themenschwerpunkt The Power of Voice mischen AktivistInnen in der heißen Wahlkampfphase mit, die brut-Bühne wird zum Parlament erklärt und das Publikum erprobt die Spielregeln der Demokratie. Zum Saisonbeginn eröffnet das Kollektiv um den Theatermacher und queeren Aktivisten Gin Müller auf dem brut-Vorplatz das Rebelodrom, eine Plattform für zahlreiche und garantiert nicht mehrheitsfähige Gruppierungen. Das Künstlerduo Igor & Ivan Buharov bietet mit ihrem SMELLECTION AUTOMAT die Möglichkeit, PolitikerInnen nach Gerüchen auszuwählen. Am Vorabend der Nationalratswahl verwandelt der spanische Regisseur Roger Bernat in Pending vote den Theaterraum im brut in ein Parlament und am Wahlabend selbst lockt Barbara Ungepflegts MISSWAHL 2013 ins brut-Wahllokal. Im Oktober laden Rimini Protokoll in Remote Wien zum urbanen Audiowalk. Schließlich veranstaltet das Kollektiv Bouillon Group mit Supra ein traditionelles georgisches Gelage und God’s Entertainment casten VIENNA’S NEXT TOP ARTIST. Das neue monatliche Musikformat BRUTTO gibt KünstlerInnen aus verschiedenen Szenen und Genres eine Stimme. Von und mit Roger Bernat, Bouillon Group, BRUTTO, Igor & Ivan Buharov, God’s Entertainment, Stefan Kaegi/Rimini Protokoll, Rebelodrom/Gin Müller, Barbara Ungepflegt

6. November bis 31. Dezember

Themenschwerpunkt  Nachhaltig scheitern

Im November und Dezember steht im brut alles unter dem Stern des Themenschwerpunkts Nachhaltig scheitern. Aus künstlerischer, soziopolitischer und wirtschaftlicher Sicht wird das Scheitern einmal so richtig zelebriert. Mit Mittelpunkt steht dabei die Frage: Was könnte es bedeuten und ermöglichen, nachhaltig und fortwährend zu scheitern? Zum Auftakt des Themenschwerpunkts lässt Jan Machacek in Normarena einen privilegierten Akteur Selbstkritik üben, Lola Arias rekonstruiert in The year I was born die chilenische Geschichte zur Zeit der Militärdiktatur und Gob Squad begeben sich in Western Society auf die Suche nach Nähe und Gemeinschaft. Ivana Müller macht in ihrem Stück IN COMMON die scheiternde politische Rhetorik Europas zum Thema einer spielerischen Performance, Bernadette Anzengruber entwirft in DICK ein Zukunftsszenario in dem unter anderem die Heteronormativität zur Subkultur geworden ist und zum Jahresende feiert das Performanceduo Martin Schick und Damir Todorović in HOLIDAY ON STAGE – last days of luxury die letzten Tage der kapitalis-tischen Dekadenz. Beim Thementag Schnellkurs Scheitern wird bei Diskussionen, Film Screenings, Lectures und Interventionen dem letzten Unbehagen gegenüber dem nachhaltigen Scheitern der Gar ausgemacht. Mit Bernadette Anzengruber, Gob Squad, Lola Arias, Jan Machacek, Ivana Müller, Martin Schick, Damir Todorović u.a.

Weitere ausgewählte Projekte bis März 2014
Im Oktober beschäftigen sich toxic dreams in What do you really want? mit den unterschiedlichen Konzepten von Zuschauerpartizipation und geben dem Publikum in einem gemeinschaftlichen Ritual eine Stimme bei der Entwicklung einer Performance.  Außerdem widmet sich im Dezember das Performanceduo united sorry in ihrem Stück the forest project erneut der Beziehung von Eros und Ökologie. Die Superamas laden in ihrer neuen Reihe It’s a date! im brut zum performativen Zwiegespräch mit Philippe Riera – beim ersten Termin ist der Künstler Markus Schinwald zu Gast. Im Jänner, Februar und März 2014 ist im brut unter anderem das neue Stück Wellness des Performanceduos Florentina Holzinger & Vincent Riebeek zu Gast, studio 5/Andrea Maurer & Thomas Brandstätter in Kooperation mit Frans Poelstra sind mit einem neuen Stück 12,5 situations for nothing less vertreten und der New Yorker Performer und Musiker Zachary Oberzan zeigt sein Projekt TELL ME LOVE IS REAL. Außerdem sind Theater im Bahnhof mit ihrem Stück Mütter zu Gast. Für das imagetanz Festival 2014 läuft derzeit eine offene Ausschreibung mit dem Titel WHO CARES?. Einreichungen sind noch bis zum 15. September möglich.

Konzert- und Partyprogramm
Ab der Spielzeit 2013/2014 gibt es im brut eine neue Musikschiene, die Nischen-strömungen in Genres wie Diskurspop, Elektro, Folk oder Hip Hop präsentieren wird. Das Musikprogramm von brut will die anspruchsvolle Seite der Popmusik abbilden und interdisziplinäre Verknüpfungen zu den performativen Künsten, Literatur und bildender Kunst schaffen. Die ersten Konzerte im Herbst deuten dieses Spektrum bereits an: Die Ausnahmeerscheinung Dagobert spricht in seinen Liedern Dinge aus, die sich so niemand zu sagen traut, Gin Ga begeistern mittlerweile auch international mit ihrem einzigartigen Indie-Sound, Die Goldenen Zitronen bleiben seit Jahrzehnten ihrem unangepassten, avantgardistischen Stil treu, Die Vögel sind ein anspruchsvolles Electroduo mit klassischen Instrumenten und Hercules and Love Affair sind führende Vertreter der queer culture innerhalb der Musikszene.  Mit Aka Tell, Dagobert, Gin Ga, Die Goldenen Zitronen, Die Heiterkeit, Hercules and Love Affair, Mary Popkids, The Suicide of Western Culture, Die Vögel u. a. Ebenfalls Bestandteil der neuen Musikschiene ist die monatliche Veranstaltungsreihe BRUTTO, die sich der Förderung von aufstrebenden österreichischen MusikerInnen verschrieben hat und das Format Konzert für performative, interdisziplinäre Ansätze öffnet. Mit Musikarbeiterkapelle feat. Gustav, Didi Bruckmayr, Susanna Gartmayer, Glutamat, Oliver Stotz, TUMIDO, Ana Threat, fijuka u. a. Die mittlerweile traditionsreiche V’ELAK Gala – Konzertreihe für experimentelle Musik feiert im Herbst ihr stolzes 80. Jubiläum und findet weiterhin alle zwei Monate im brut im Konzerthaus statt. Mit Howool Baek, Brigitta Bödenauer, Matthias Erian, Susanna Gartmayer, S. Juster/V. Arn/E.A Arn, Katharina Klement, Kristen Roos u. a.

Auch in der Saison 2013/14 setzt brut die beliebten Partyformate fort.

Kooperationen in der Spielzeit 2013/14
Auch in der kommenden Saison finden im brut zahlreiche Kooperationsprojekte statt. Zur Saisoneröffnung wird das Projekt Rebelodrom von Gin Müller/Verein zur Förderung der Bewegungsfreiheit in Kooperation mit WIENWOCHE 2013 gezeigt. Im Oktober kooperiert brut mit dem Festival WIEN MODERN. Gemeinsam wird das Tanz- und Konzertprojekt SHIROKURO der Choreografin Nicole Beutler, der Pianistin Tomoko Mukaiyama und des Lichtdesigners Jean Kalman gezeigt. Im November feiert das Stück Normarena von Jan Machacek, das mit dem SPIELART Festival München koproduziert wird, im brut Premiere. Eine weitere Kooperation ist das Ute Bock-Benefizkonzert. Für die zweite Hälfte der Saison sind unter anderem Kooperationen mit Szene Bunte Wähne, den Wiener Festwochen, Macht|schule|theater, Vienna Independent Shorts, Dschungel und Schauspielhaus geplant.

EU-Netzwerk House on Fire
Seit Herbst 2012 ist brut gemeinsam mit neun weiteren internationalen Koproduktionshäusern Partner im EU-Projekts House on Fire. Die Mitglieder des Produktionsnetzwerks verfolgen das Ziel, gemeinsam Projekte aus dem Bereich der Darstellenden Künste zu koproduzieren und international zu präsentieren. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf Projekten, die einen Beitrag zur kritischen Diskussion über politische und soziale Themen liefern und die in enger Zusammenarbeit mit Partnern aus der europäischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft entstehen. Geplant ist zudem die Veröffentlichung einer Buchserie zu den Darstellenden Künsten. Als erste Produktion im Rahmen von House on Fire zeigte brut im Herbst 2012 das Stück HATE RADIO. Seitdem konnten weitere Projekte von brut im Rahmen von House on Fire realisiert werden, darunter unter anderem Old Chaos, New Order von Oleg Soulimenko und Andrei Andrianov und das Projekt Green Rules: Thementag Wachstum. Zur Saisoneröffnung 2013/14 zeigt brut im Rahmen von House on Fire die Stücke The year I was born von Lola Arias, Remote Wien von Stefan Kaegi/Rimini Protokoll, Western Society von Gob Squad und IN COMMON von Ivana Müller.

brut on tour

Auch in der Spielzeit 2013/14 touren brutproduktionen durch internationale Festivals und Spielstätten. Erste Tourings im Herbst 2013 sind unter anderem Die Rabtaldirndln mit ihrem Stück Schwarze Wolle am 4. September im der Galerie Salzburg, am 6. September bei Theater am Bahnhof in Graz und am 11. September beim Best Off Styria Festival. Simon Mayer ist mit seiner diesjährigen imagetanz Produktion Monkeymind, am 24. und 25. September bei Wunder der Prärie in Mannheim, einem internationalen Festival für Performance, Live-Art und Kunst, zu Gast. Doris Uhlich zeigt am 1. Oktober Come Back im Österreichischen Kulturforum in Bukarest und am 1. November more than naked bei In Between Time Productions in Bristol. Oleg Soulimenko & Andrei Andrianov präsentieren am 22. und 23. Oktober ihre Performance Old Chaos, New Order in Bergen bei BIT TEATERGARASJEN. Zudem zeigt Jan Machacek seine Produktion Normarena, die im November im brut im Konzerthaus Premiere feiert, am 29.und 30. November beim SPIELART Festival in München.

Neubesetzung ab der Saison 2013/14
Ab der Spielzeit 2013/14 übernimmt Katalin Erdődi als Nachfolgerin von Bettina Kogler die künstlerische Leitung des Festivals imagetanz. Das Festival findet seit über 20 Jahren jährlich statt und hat sich als wichtige Nachwuchsplattform für international tätige Choreografinnen und Choreografen etabliert. Katalin Erdődi arbeitete bisher als Kuratorin und Projektleiterin in zahlreichen Kulturinstitutionen in Budapest, unter anderem dem Trafó – Haus der zeitgenössischen Künste, der Moving House Stiftung und dem Ludwig Museum der zeitgenössischen Künste. Neben der Leitung des Festivals unterstützt Katalin Erdődi den künstlerischen Leiter Thomas Frank auch bei der kuratorischen Arbeit am Jahresprogramm von brut.

Zur finanziellen Situation von brut
Seit seiner Gründung erhielt brut vom bmukk eine jährliche Förderung für den Spielbetrieb in der Höhe von rund 180 000 Euro. Für das Jahr 2013 wurden derzeit nur 80 000 Euro zugesagt. Über weitere Förderungen für die Saison 2013/14 wird erst im Oktober 2013 entschieden. Der fehlende Projektkostenzuschuss von 100 000 Euro für das Jahr 2013 reißt ein großes Loch in das künstlerische Budget von brut, da die Förderung des bmukk ausschließlich für die Finanzierung künstlerischer Projekte und nicht für Infrastruktur und laufende Kosten verwendet wird. Das aktuelle Programm kann nur aufgrund finanzieller Vorgriffe auf das Budget der kommenden Jahre innerhalb der EU Förderung für House on Fire in dieser Weise durchgeführt werden. Sollte die Förderung des bmukk ausbleiben, muss sowohl das Programm und in weiterer Folge auch die Zahl unserer MitarbeiterInnen den geänderten Bedingungen angepasst werden. Das bmukk zeigte in seinen Förderentscheidungen bereits jetzt eine starke Unterdotierung des Performancebereichs. Die geänderten Richtlinien der bmukk Projektförderung sehen vor, dass im Fall von Koproduktionen nur die Rechteinhaber innerhalb eines Koproduktionsverhältnisses gefördert werden können. Diese Entscheidung steht im diametralen Gegensatz zur Förderpraxis der Stadt Wien, die mit der Theaterreform das Modell Koproduktion für die Freie Szene gezielt etabliert hat. Zugleich ist jedoch die Förderung einer Gebietskörperschaft (z.B. der Stadt Wien) Voraussetzung für den Zugang zur Projektförderung durch das bmukk, das prinzipiell nur subsidiär fördert. Mit dieser Engführung der Förderrichtlinien wird die Zugänglichkeit der Freien Szene zur Projektförderung erheblich erschwert, die Bündelung von Ressourcen in Form von Koproduktionen verunmöglicht und die Netzwerkarbeit untergraben.

www.brut-wien.at/de/

Wien, 18. 9. 2013