Vestibül des Burgtheaters: Beben

Januar 26, 2019 in Bühne

MICHAELA MOTTINGER

Die virtuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit

Die Spieler und der Mann von Ulro: Marta Kizyma, Martin Vischer, Daniel Jesch und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die beiden gläsernen, in kaltem Licht leuchtenden Vitrinen erinnern an Museumsschaukästen. Eine Bühnenlösung von Thurid Peine, die fürs Vestibül des Burgtheaters in ihrer Schlichtheit nicht nur eine praktikable ist, sondern auch präzise veranschaulicht, was Regisseurin Anna Stiepani mit ihrer Inszenierung von Maria Milisavljevics Stimm- gewitterstück „Beben“ zeigen will: Ein Rühr‘-mich-nicht-an von Menschen, die sich selber hinter Scheiben weg- geschlossen haben.

Die Realität gegen reality tauschten – deutlich gemacht durch eine der Figuren, die kaum am Handeln der anderen teilnehmen kann, weil beim Gamen der nächste Level noch nicht erreicht wurde. Doch ganz so erklärlich macht es einem Milisavljevic, die mit ihrem dystopischen Text 2016 den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann, denn auch wieder nicht. Nie nämlich ist völlig klar, ob die von ihr beschriebene Wahrnehmung von Wirklichkeit eine virtuelle oder eine physische betrifft. Ihre Geschöpfe, sie gibt sie an als „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind“, Stiepani hat sich für vier entschieden, stolpern durch einen medialen wie Social-Media-Overkill aus Katastrophenmeldungen und Kriegsberichten. Doch wie fern oder nah ist dieser Displaykosmos tatsächlich? Geschieht Gewalt vielleicht gleich draußen vor der Tür?

Gekleidet in Schwarz lassen die Schauspieler Daniel Jesch, Marta Kizyma, Valentin Postlmayr und Martin Vischer die von der Dramatikerin heraufbeschworene Apokalypse dröhnen, und die lässt wortwörtlich „Trompeten der Endzeit“ ertönen. Ihre von Stiepani auf die Darsteller aufgeteilte Sprechblasensprache, die Halbsätze sind eine assoziative Aneinanderreihung zum Thema Reizüberflutung durch allgegenwärtige Informationssintflut, kontrastiert Poesie und Banalität und Pathos, ist witzig und kitschig und zum Schluss sehr berührend. Und als sei’s damit nicht genug, zieht Milisavljevic eine Metaebene ein, einen aus William Blakes „The Book of Los“ entliehenen an der Kante von Ulro sitzenden Mann.

Eine sinistre Erscheinung in Gestalt von Daniel Jesch, der übers Gesagte schadenfroh spottet, kommentiert und manipuliert, da er mutmaßlich versucht, die Geschehnisse mittels deren Eskalation unter seine Kontrolle zu bringen. In Blakes mystisch-prophetischem Buch, in dem sein Protagonist Los im biblischen Sinn gefallene Wesen betrachtet, steht Ulro für eine Art Geisteswüste, für jene Dunkelheit, die sich Bahn bricht, wenn die (göttliche) Vision erloschen ist. Dies wissend öffnet sich ein neuer Blick auf Milisavljevics enigmatische, oft hermetisch anmutende Zeilen, wird die von ihr heraufbeschworene Gefährdung ihrer Smartphone-Daddler greifbar.

Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Deren Fluchtmanöver Richtung Onlineebene, es fällt der Satz „Er dachte, sein Sofa sei nicht Teil dieser Welt“, gelingen immer weniger, je mehr der Ulro-Mann seine Armeen in Stellung bringt. Da kann man noch so viele Lebenspunkte und Diamantschwerter gesammelt oder Selfies mit einer toten und darob von ihrem Kater angefressenen Nachbarin geschossen haben. Denn allmählich zeichnet sich im ständigen Wechsel der Perspektiven so etwas wie ein Erzählstrang ab, über einen Bewaffneten, der einen Buben erschießt, weil der ihm zu nahe kommt, ein Kind, das ein Buch für die Mutter so unter dem Shirt versteckte, dass es auf den Soldaten bedrohlich wirkte, eine Bombe hätte sein können.

Wie nun Stiepani Milisavljevics stimmiges Bild einer grundlos amüsierten bis sinnlos alarmierten, in beidem aber stets passiven Beobachtungsgesellschaft, in das die Regisseurin auch Zitate einer Kurz gedachten Tagespolitik verwoben hat, zu einer Geschichte über Schuld und Sühne und den Versuch eines Verzeihens dreht, das ist die Stelle, an der „Beben“ erschüttert. Vor allem Marta Kizymas Monolog der Mutter darüber, wie sie die erkaltete Stirn ihres Sohnes küsst und in seine toten Augen „all ihr Sein“ fließen lässt. Ob der Ego-Shooter am Ende zu Fleisch und Blut geworden ist, darf das Publikum unter sich ausmachen. Milisavljevic lässt mit ihrer wuchtigen Arbeit wie Stiepani mit ihrer nicht minder massiven Aufführung dem Spiel Raum für Interpretationen. Der Mann an der Kante von Ulro jedenfalls wird durch einen Bruderkuss besänftigt. Seltsam auf dem Nachhauseweg auf dem eigenen Handy nachzulesen, wie einander Erdoğan und Putin treffen.

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  1. 1. 2019

Akademietheater: Der Kandidat

November 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schreien komischer Highspeed-Slapstick

Mit Hilfe der Presse zum Politiker: Florian Teichtmeister als Medienunternehmer Grübel und Gregor Bloéb als Herr Russek. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Ende ist die Wahl gewonnen. Anders als bei Gustave Flaubert und Carl Sternheim, dort im Furor (Gott zu Füßen) verreckend, hält „Der Kandidat“ hier aber seine Abschlussrede. Professionell gecoacht und vom Redakteur Bach mit Argumenten ausgestattet, verkündet er seine Zehn Gebote. Die da im Wesentlichen lauten: Abgrenzen, aufrüsten – und vor allem angstfrei sein. Ach ja, ein Aussetzen kommt auch dazu, und zwar der parlamentarischen Demokratie.

Wegen Belanglosigkeit zunächst für 100 Tage, danach Evaluierung. Gregor Bloéb ist in diesem Moment, als sein Leopold Russek dies politische Pamphlet vorträgt, schauspielerisch ganz in seinem Element, ein geschmeidiger Gewinner, ein mephistophelischer Verführer der Massen, so „echt“, dass es erschreckt und erschüttert. Jede Ähnlichkeit mit Personen, Parteien und deren Programmen ist natürlich … gar nicht so frei erfunden. Durch den Kopf geistert es einem, dass man derartiges Wortgewürfle bereits gehört, die Floskelsätze schon gelesen hat. Bemerkenswert. Flaubert schrieb seine Politposse 1873, Sternheim sie 1913/14 auf die wilhelminischen Gegebenheiten um; für die aktuelle Fassung zeichnet Dramaturg Florian Hirsch verantwortlich, eine ausgezeichnete Arbeit, die den Zeit-Ungeist vorführt, aber auch zeigt, die Verhältnisse, sie sind schon immer so.

Es ist kein Wunder, dass sich Regisseur Georg Schmiedleitner zur Inszenierung dieses Stoffs verlocken ließ. Er macht aus der bitterbösen Satire, die sowohl den Moloch Politik als auch die Entpolitisierung der Gesellschaft aufs Korn nimmt, Highspeed-Slapstick; er schont seine Schauspieler bei dieser sehr körperlichen Aufführung nicht, es wird gestolpert, gestrampelt, gestürzt, und wenn Sebastian Wendelin als Bach steif wie ein Brett fällt, fürchtet man durchaus ein wenig um dessen Gesundheit.

Die „Wahrheit“ macht eine Homestory bei Russeks: Sebastian Wendelin als Redakteur Bach, Florian Teichtmeister, Petra Morzé als Frau Russek, Christina Cervenka als Luise, Dietmar König als Fotograf Seidenschnur und Musiker Sam Vahdat. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Komödiantisches Kernstück – das TV-Duell der Spitzenkandidaten: Dietmar König, Valentin Postlmayr als Moderator und Gregor Bloéb. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Dass diese Übungen aufs Feinste gelingen, ist Verdienst der fabelhaften Spielfläche von Volker Hintermeier, diese ein von innen beleuchteter Kreis, ein Roulettetrichter, ein Glücksrad, eine ins Wanken geratene Weltscheibe, die sich unablässig dreht, dazu in Schräglage hebt und senkt, darüber, wahlweise auch dahinter, ein Spiegel, dank dessen Perspektiven gewisse Verrenkungen und Verschlingungen der Darsteller überhaupt erst wahrzunehmen sind – als würde man mittels eines allmächtigen Auges auf die sich abmühenden Figuren blicken.

So chic wie das Bühnenbild sind auch die Kostüme von Su Bühler, ein stilisiertes 19. Jahrhundert mit einigen Hinguckern, etwa Frau Russeks Schaumstoffnoppen-Tournüre, auch sie streng in stummfilmhaftem Schwarzweiß gehalten.

„Der Kandidat“ handelt vom sich selbst in den Ruhestand versetzt habenden und nun sich langweilenden Millionär Leopold Russek. Als er beschließt, ob Ende seines Ennuis in die Politik zu gehen, stehen sofort die Vertreter diverser Interessensgemeinschaften Schlange, um den Ahnungslosen auf ihre Seite zu ziehen: Funktionäre, Lobbyisten, Journalisten, Spin-Doctors und andere Opportunisten geben sich die Russek’sche Klinke in die Hand.

Doch der ganze politisch-mediale Komplex erweist sich alsbald als ein Kartenhaus aus Lügen und Manipulation. Gegenspieler stellen sich auf – bis Russek, um zu siegen, schließlich bereit ist, sich mit seinem Geld Verbündete zu züchten, und sogar die sexuelle Verfügbarkeit von Ehefrau und Tochter für seine Zwecke nutzt.

Hirschs Bearbeitung setzt auf Sprachwitz und Versprecher, Sätze fallen, wie der von der Sozialdemokratie, die den eigenen Kandidaten einmal mehr selbst massakriert habe, Begriffe wie Gutmenschenterrorismus oder Gendermanie. Ständig wird rechts mit links verwechselt, immer wieder sagt jemand „völkisch“ statt „volksnah“, Russek wird empfohlen „termingerecht zu emotionalisieren“, und der umbuhlte Neo-Politiker erweist sich in seiner Qual der Parteiwahl als erstaunlich elastisch. „Warum denn so einseitig?“, fragt er einmal. „Jede Partei hat doch ihr Gutes.“ Freilich ist derlei für Lacher gut, die Darsteller schießen diese Pointen im Schnellsprechtempo ab.

Mit großen Gesten konterkarieren sie gleich darauf das Gesagte, Outrieren ist ausdrücklich erwünscht, und mal wirkt einer wie Chaplins Tramp, mal liegt einer wie Kafkas Käfer auf dem Rücken. Sabine Haupt, als Anwältin Evelyn hier zum strippenziehenden, Parolen einflüsternden Politcoach avanciert, umtanzt den Kandidaten mit scharf gekickten Tangoschritten. Bernd Birkhahn darf als alter Graf, als Standessymbol ein Krickerl im Arm, vor Freude im Hüpfen in der Luft die Hacken zusammenschlagen.

Großartig sind das Bühnenbild von Volker Hintermeier und die Kostüme von Su Bühler: Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting brilliert Gregor Bloéb als selbstzufrieden-naiver Simpel Russek, der, durch die persönlichen Interessen der anderen angeheizt, zum korrupten Schlitzohr mutiert. Petra Morzé gibt – ebenso wie Christina Cervenka als ihre Tochter Luise – mit viel Spielfreude seine dauerlüsterne Ehefrau, die ob dieses Erregungszustands wunderbar auf den in die richtige Schreibrichtung umzupolenden Bach anzusetzen ist.

Den gibt grandios Sebastian Wendelin, den Oberkörper starr nach hinten gebogen, aber unten herum immer biegsam und verfügbar. Als „Blut-und-Boden-Headliner“ beim U-Bahn-Blatt hat er beruflich genug zu leiden, da darf privater Spaß sein. Die Postille gehört Florian Teichtmeister als ränkeschmiedendem Medienunternehmer Grübel, heißt „Die Wahrheit“, was natürlich für Zeitungsmacherwitze à la „Die Wahrheit gehört ja quasi Ihnen“ gut ist. Komödiantisches Kernstück des Abends ist ein TV-Duell der Spitzenkandidaten, Russek gegen den Society-Fotografen Seidenschnur, Dietmar König als rechtschaffener, grauer „Sozi“, in den Reflexen schneller als in der Reflexion, der unter den Zuschauern Wahlzuckerl und auf der Bühne Statistiktaferl verteilt. Valentin Postlmayr, er auch ein tadellos degenerierter junger Graf, versucht vergebens die Diskutanten im Zaum zu halten.

Zum Premieren-Schluss gab es erwartungsgemäß viel Jubel und Applaus für Schauspieler und Leading Team. Sternheims humorvoll-hinterlistiges Vorführen von Volksverdrehern, sein Hinweis auf „alternative Fakten“ und die Gefahren beim Verwässern komplexer Fragestellungen durch populistisches Geschwätz, diese Botschaft ist – inmitten des ganzen Klamauks – beim Publikum perfekt angekommen. „Der Kandidat“ am Akademietheater ist zum Schreien komisch, zum Laut-Aufschreien komisch.

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  1. 11. 2018

Burgtheater im Kasino: europa flieht nach europa

Oktober 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den Mythos bei den Hörnern gepackt

Statt Sex mit dem Stier gibt’s für Europa eine Runde „Blinde Kuh“: Alina Fritsch, Sven Dolinski, Dorothee Hartinger, Marie-Luise Stockinger, Marta Kizyma und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Da steht sie also, Dorothee Hartinger als Europa, in blutiger Stola und sein Herz in der Hand, die Stiertöterin, die Freikämpferin. Noch bevor ihr Entführer zum Vergewaltiger werden konnte, hat sie Gott Zeus den Garaus gemacht. Wie wär’s auch anders möglich? Die Schöpfungsgeschichte eines ganzen Kontinents kann doch nicht mit einer Gewalttat beginnen! Also der Machomännertat flugs Frauenpower entgegengesetzt.

„Hier beginnt das Kapitel Hoffnung“, formuliert die Hartinger Europas euphorische Einladung an die „friedlichen Menschen“, einen Erdteil zu besiedeln, der „nicht in Blut getränkt“ sein soll. Dass sie da bald resignieren muss angesichts rechter Realitäten, Unrechtmäßigkeiten, Grausamkeiten, Gräuelerbe, ist klar.

Die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova hat den Mythos bei den Hörnern gepackt und mit „europa flieht nach europa“ einen hinterlistig heiteren Text verfasst, der nach der Uraufführung bei den Berliner Autorentheatertagen nun im Kasino des Burgtheaters Premiere hatte. „ein dramatisches gedicht in mehreren tableaus“ nennt die Autorin ihre Arbeit, der Titel wohl als Reminiszenz an 2500 Jahre Vertreibung, Flucht, Völkerwanderung gedacht. Tatsächlich klingen die melodiös mäandernden Satzkaskaden mit ihren Aus- und Abschweifungen einigermaßen jelinekisch, eine Hommage an die Große und deren In-immer-wieder-Worte-Fassung eines beklemmenden Heimatbegriffs. Bei Svolikova wird das „Abenteuer Abendland“ vollends zur Farce.

Dementsprechend hat Regisseur Franz-Xaver-Mayr eine tragikomische Clownerie inszeniert, einen grellen „karneval der wirklichkeit“ – dieser als Burg-Spielzeitmotto von Svolikova entliehen -, auf dem Kreuzzügler, Kolonialisten, Kapitalisten und Klassenkämpfer ihren Bilderringelreihen aufführen. Den beginnt Valentin Postlmayr als mit aufgemalten Muskeln bepackter König; erst stotternd, bis es ihn beinah zerreißend aus ihm herausbricht, weidet er sich an seiner totalitären Regentschaft. Später wird Postlmayr gemeinsam mit Sven Dolinski zwei als Bauern verkleidete Beamte mimen, die sich mit Falsettstimme freuen, dass es das Leben mit beiden Ständen so schlecht meint. Auftritt der drei Moiren, die den Faden, den sie dafür in Händen halten, allerdings alsbald verlieren.

Der personifizierte Regenbogen: Dorothee Hartinger, Sven Dolinski, Marta Kizyma und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Europas Kinder machen Mut: Marta Kizyma, Valentin Postlmayr, Sven Dolinski, Marie-Luise Stockinger, Alina Fritsch und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma spielt eine Hexe nach Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen, Alina Fritsch den waffenbewehrten, in imperialistischem Denken verhafteten Adelsstand, Marie-Luise Stockinger macht die Ambivalenz der Wissenschaft deutlich – als Lebenvernichter wie dessen Erschaffer -, um schließlich einen Priester darzustellen, der den Verfall von Sitte, Anstand, Familie beklagt. Ihnen allen bietet Europa, nun in rosafarbener Krinoline, ihr Zitzenunterkleid als Nahrungsquelle an, aber ach Aktualität!, „es kommen immer mehr“. Dolinski tritt als Regenbogen auf, der gequetscht wird, bis alle Farben zusammenrinnen und braun werden. Folie auf Folie zieht Svolikova ab, um Geschichte wie Gegenwart bloßzulegen.

Mayr setzt ihr lyrisches Sprachgewühl höchst exakt um. Präzise einstudierte Sprechchöre und aufwändige Gesangsnummern bringen den Abend zum Klingen. Mit Dadada- und Lalala-Lauten instrumentiert er die Europahymne, wie man sie schräger noch nie gehört hat. Dennoch verblödelt er die Vorlage nicht, er nimmt nur mit der ihm gegebenen Leichtigkeit auf, was Symbollast hätte werden können.

Nachdem Europas Grundpfeiler – griechische Demokratie, römisches Recht, christliche Nächstenliebe, die Aufklärung und ihr Bildungsgut, Willkommenskultur – derart ironisch abgeklopft und als mängelhaft gemeldet sind, beschließt sie im schwarzen Traueroutfit zu sterben. Doch ihre Kinder machen Mut. Sie wollen nicht aufhören, das Neue zu erfinden, bis die Welt eine richtige geworden ist. Denn auch das ist Europa: Immer wieder Utopie, die aus dem Chaos entsteht. Das jungeuropäische Publikum applaudierte dieser Idee am Stückende begeistert.

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  1. 10. 2018

Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

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  1. 11. 2017

Volkstheater: Höllenangst

September 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volk kommt nicht die Halfpipe hoch

Familie Pfrim fürchtet sich vorm Leibhaftigen: Günter Franzmeier, Claudia Sabitzer und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für die einen ist es ein Schutzwall, für die anderen eine sturmreife Barrikade, oben sind der Freiherr und der Staatssekretär, unten die Schusterfamilie, die Kammerjungfer, die Bedienten. Immer wieder nehmen sie Anlauf, laufen gegen die Mauer der „Mehrleister“ an, rutschen ab – und landen erneut am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchien. Mit diesem starken Bild beginnt Regisseur Felix Hafner seine Inszenierung von Johann Nestroys „Höllenangst“ am Volkstheater.

Er wiederholt es im Laufe des Abends mehrmals, dieses Anrennen gegen die metallisch-graue Halfpipe zur Einhaltung der Hackordnung, die Camilla Hägebarth als Bühnenbild erdacht hat. „Höllenangst“ ist Nestroys politischstes Stück. Verfasst rund um das Revolutionsjahr 1848, 1849 schließlich auf die Bühne gebracht, stellt es den Machtapparat der Reichen und Privilegierten bloß. Die Dinge werden deutlicher als in anderen Possen beim Namen genannt: ein Minister liegt im Sterben, Adel und Politik bemächtigen sich des Vermögens einer Waise, deren unliebsamer Onkel wird ins Gefängnis verfrachtet – und wenn am Ende, nachdem alles aufgeklärt, die ganze Stadt ob der Wahl eines neuen Ministers „illuminiert“ ist, lässt Nestroy offen, ob vor Freude oder weil’s schon wieder brennt.

Hafner macht im Wahljahr 2017 deutlich, wie bestürzend aktuell, eigentlich: wie zeitlos, dieses bissige Spiel ums Auf und Ab, ums Oben und Unten ist. Zwar sind aus feudalen Abhängigkeiten neoliberalistische geworden, doch ob Ausbeutung oder Selbstausbeutung bleibt sich letztlich gleich. Der Kapitalismus steht in Hochblüte; wer zahlen kann, schafft an. Mit Hafners Interpretation der „Höllenangst“ setzt das Volkstheater den von Direktorin Anna Badora beschrittenen Weg fort, in Theaterklassikern Konflikte der Gegenwart zu spiegeln.

Tauschhandel mit dem „Teufel“: Thomas Frank als Wendelin und Christoph Rothenbuchner als Oberrichter Thurming. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Sturm auf die Barrikaden wird bei Felix Hafner zur Rutschpartie: Kaspar Locher und Stefan Suske (oben), Luka Vlatković, Isabella Knöll, Valentin Postlmayr, Günther Franzmeier und Claudia Sabitzer (unten). Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Pfrims haben für Reichthal wichtige Papiere aufbewahrt: Günter Franzmeier, Gábor Biedermann und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Tempo der Aufführung ist hoch. Unerwartet freigelegte Schlupflöcher in der Halfpipe erlauben rasante Auftritte und Abgänge. Es wird geschlittert, gestolpert, geflutscht, drei Meter rauf-runter-rauf, der Körpereinsatz der Schauspieler grenzt ans Akrobatische,und mehr als einmal fragt man sich, ob’s gerade Absicht war oder gerade noch Glück gehabt? Die Plätze in bester Höhenlage, dort, wo sich die Wohlhabenden vorm Volk absetzen, sind besetzt. Stefan Suske steht als Bösewicht Freiherr von Stromberg über seinem Besitz wie ein Kapitän an der Schiffsreling.

Später wird sich sein Spezi, Kaspar Locher als der in Unschuldsweiß gewandete Staatssekretär Arnstedt dazugesellen. Die beiden haben die Erbschaft von Strombergs Mündel, der Baronesse Adele (Laura Laufenberg), eingezogen – und sonnen sich nun im Glanz des erbeuteten Geldes.

Auftreten nun Christoph Rothenbuchner als ehrlicher, ob der Verhältnisse leicht amüsierter Oberrichter Thurming, seit drei Wochen Adeles geheimer Ehemann, und Gábor Biedermann als Adeles ehrenwerter Onkel, der inhaftiert gewesene Freiherr von Reichthal. Dass die beiden in die Bredouille kommen, ist klar. Auch, dass es beide mit der Schusterfamilie Pfrim zu tun bekommen werden. Die Pfrims, Günther Franzmeier als Familienoberhaupt, Claudia Sabitzer als Ehefrau Eva und Thomas Frank als Sohn Wendelin, sind das Herzstück der Aufführung. Vor allem Franzmeier und Frank agieren wie entfesselt.

Wendelin, der sich als Gefängniswärter anheuern ließ, um Reichthal zur Flucht zu verhelfen, hält den durchs Fenster eingestiegenen Oberrichter für den eben erst von ihm um Hilfe angerufenen Teufel – und hält sich daher im weiteren Verlauf als Schützling des Leibhaftigen für unantastbar. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird. Mutter Eva wiederum, Adeles ehemalige Amme, hat von deren Mutter wichtige Papiere, die Reichthal erhalten muss.

Und schon ist der Intrigen-Spiel perfekt. Franzmeier und Frank, bereits in „Zu ebener Erde und erster Stock“ ein Dreamteam, setzen ihr Zusammenspiel aufs Feinste fort, die beiden können Nestroy, und vor allem, da Hafner dessen ausgeklügelte Sprache in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, die Charaktere, ihre Eigenschaften und Handlungen über die Nestroy’schen Wortverdrehungen und Satzspielereien erklärt, sind zwei so präzise Sprecher wie die beiden unerlässlich. Franzmeier brilliert als Vater Pfrim, dessen Fatalismus ihn nicht davon abhält, sich die Welt schön zu trinken. Wunderbar die Szene, in der er im Haus des Oberrichters um seinen irrtümlich inhaftierten Sohn kämpft, und die allgemeine Verwirrung bis zum äußersten treibt.

Diesen gibt Frank als Revolutionär und Aufbegehrer, nicht gegen die weltliche, sondern gegen die höhere Ordnung, die ihm so einen schlechten Platz auf Erden zugedacht hat. Franks Wendelin ist mit wehleidigem Pathos voll bis zum Überlaufen, ein Verkannter auf Lebzeiten. Wie er aber um die Aufmerksamkeit eines ehemaligen Gefängniswärterkollegen (Mario Schober) buhlt, indem er in bester Monty-Python’s„Ministry of Silly Walks“- Manier vor diesem auf und ab patrouilliert, das ist große Klasse. Das Metaphern-Monster der Bühnenkonstruktion kommt auch in den Pfrim’schen Momenten zum Einsatz: Als der Schuster endlich seinen Trumpf ausspielt, nämlich, dass die Gattin Beweismittel gegen Stromberg und den Staatssekretär in der Hand hat, erklimmt Franzmeier den höchsten Punkt der Halfpipe und jagt die Betrüger nach unten.

Isabella Knöll, seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, beweist als Rosalie, Wendelins Geliebte und Adeles Kammerjungfer, Talent fürs Komödiantische bis hin zum Slapstick. Wie sie immer wieder gegen Thomas Frank anrennt, erst unfreiwillig, dann mit zunehmendem Zorn, das ist im Wortsinn umwerfend. Auch, wie sie temperamentvoll beteuert: „Ich bin eine stille, sanfte Person, aber aufbringen muss man mich nicht“, bringt das Publikum zum Lachen. Knöll hat Feuer, ihre Streitszene mit Wendelin (Er: „Dich erwartet die Hölle an meiner Seite.“ Sie: Gibt ihm eine Watschn.) gehört mit zum Unterhaltsamsten des Abends. Valentin Postlmayr und Luka Vlatković, ersterer Bedienter bei Stromberg und mit dem Mantra: „Er zahlt halt gut“ ausgestattet, zweiterer Bedienter und Pizzabote bei Thurming, komplettieren das Ensemble.

Die Couplets sind hochpolitisch: Luka Vlatković, Thomas Frank und Günter Franzmeier als Nestroy-Boyband. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Couplets hat Peter Klien neu getextet und Clemens Wenger neu vertont. Das Musikalische reicht von Tango-Anklängen bis zum sperrigen, schwer zu bewältigenden Rap, der Inhalt ist tagespolitisch brisant, vom Brexit bis zu mangelnden Frauenrechten, von falschen Wahlversprechen bis zur obligatorischen Social-Media-Schelte. Wendelins Aberglauben-Song darf natürlich nicht fehlen, gesungen von Thomas Frank, Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier.

Und auch Luka Vlatković greift zum Mikrophon. Am Ende bleiben zwei arme Teufel, Vater und Sohn Pfrim, denen die Freiheit ausgegangen ist, und die ausgegangen sind, um sie wiederzuerlangen. Als Pilger nach Rom wollen sie den Beelzebub abschütteln, werden freilich eingeholt und über ihre Irrtümer aufgeklärt. Das Premierenpublikum im Volkstheater zeigte sich ob Felix Hafners Inszenierung begeistert und dankte mit Jubel und Applaus. Der junge Theatermacher, der am Haus schon mit Thomas Köcks „Isabelle H.“ und Molières „Der Menschenfeind“ überzeugte, setzt mit diesem Abend seinen Erfolgskurs fort.

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  1. 9. 2017