Volksoper: Kiss me, Kate

September 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare wie er swingt und lacht

Peter Lesiak, Juliette Khalil, Martin Bermoser, Ursula Pfitzner, Andreas Lichtenberger, Wolfgang Gratschmaier, Oliver Liebl und Sulie Girardi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Premierenfieber ist ein Gefühl“, das kann man dieser Tage laut sagen, scharren doch sowohl Künstlerinnen und Künstler als auch ihr Publikum in den Startlöchern zur neuen Saison. Endlich wieder Theater! Und die Volksoper begann dieses vor der ersten Premiere, „Sweet Charity“ am 13. September, mit der Wiederaufnahme ihres Klassikers „Kiss me, Kate“ in der schnittigen Inszenierung von Bernd Mottl aus dem Jahr 2012 – und mit allerhand Rollendebütanten.

Shakespeare wie er swingt und lacht, möchte man den Abend übertiteln, auch wenn Mezzosopranistin Sulie Girardi als Garderobiere Hattie das „Premierenfieber“ einmal mehr in wundersam schönen Operntönen erklingen lässt, und damit das Screwball-Musical in Gang setzt, eine Aufführung, die rundum ausschließlich Erfreuliches zu bieten hat. Fred-Graham-Urgestein Andreas Lichtenberger duelliert sich diesmal mit Ursula Pfitzner als Lilli Vanessi, die beiden Rosenkrieger par excellence.

Und wenn Lilli ihren Quasi-Verlobten Harrison Howell zu Hilfe ruft, der aber nicht kann, weil’s in Baltimore #blacklivesmatter-Unruhen gibt, weshalb der Präsident das nunmehrige Notstandsgebiet als Sicherheitsrisiko für Leib und Leben einstuft, dann ist dieses Käthchen definitiv im Jahr 2020 angekommen. Von Newcomern bis alten Hasen ist diese Produktion gesanglich und schauspielerisch vom Feinsten, Dirigent Guido Mancusi hat das richtige Händchen für die Cole-Porter-Hits, die Choreografie ist schwungvoll, der Volksopernchor sowieso.

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Besagter Fred Graham also ist Produzent und Regisseur eines „Der Widerspenstigen Zähmung“-Projekts, in dem er die Rolle des Petruchio mit sich selbst besetzte, für die Rolle der Kate aber seine Ex-Frau Lilly engagierte. Obwohl es zwischen ihnen nach wie vor knistert, sind die beiden stückkonform auf Krawall gebürstet, Liebe und Hiebe auf und hinter der Bühne – das ergibt eine tollkühne Parodie aufs Showbusiness, großartig, wenn Fred bedauert, eine „Musicalhupfdohle“ für einen Shakespearedarsteller gehalten zu haben, und Bernd Mottl erweiterte den Spaß um eine Schmierentheater-Satire, in der statt des britischen Barden das Chaos herrscht.

Freds kreischbuntes Bauklötzchen-Bühnenbild, das verzweifelt italienische Renaissance imitiert, und die grellen Kostüme mit der unübersehbaren Herrenausstattung verdeutlichen, dass hier nicht die erste Liga spielt – siehe der mittelschwer überkandidelte Fred Graham, der selbsternannt „ernsthafte Mime“, den Andreas Lichtenberger zu Outrage-Höchstleistungen bringt.

Wo ein Star, da ein Sternchen, Juliette Khalil gefällt als Freds frech-frivoles Nachtclubliebchen Lois Lane, die er als Bianca einsetzt, die ihrerseits aber mit dem Bill Calhoun aka Lucentio des Peter Lesiak kokettiert. Was sie zwar prinzipiell mit jedem tut. Ursula Pfitzners brillant bissiges „Nur kein Mann“ konterkarieren Khalil und Lesiak mit einem temperamentvollen „Aber treu bin ich nur dir Schatz auf meine Weise“ – und apropos Bill Calhoun: Da der es geschafft hat, den Schuldschein für seine Spielschulden als Fred Graham zu unterschreiben, erwarten diesen bald zwei zwielichtige Gestalten in der Garderobe.

Christian Graf, Andreas Lichtenberger und Jakob Semotan. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Bermoser mit Ensemble und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wolfgang Gratschmaier, Juliette Khalil, Sulie Girardi und Martin Bermoser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jeffrey Treganza, Juliette Khalil, Peter Lesiak und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf und Jakob Semotan erstmals als Ganovenpaar mit schönstem Jargon, das die Vanessi zwecks Füllen der Theaterkasse daran hindern muss, die Show zu verlassen, was die beiden unter großartigen Kapriolen als „Diener“ auf die Bühne treibt, worauf sie – „Schlag nach bei Shakespeare“, einmal Theaterblut geleckt, nicht mehr zu bremsen sind. Als Laurel und Hardy der Volksoper fliegen ihnen die Herzen der Zuschauer nur so zu, dies deutlich zu merken am Szenen- wie Schlussapplaus. Auch ihnen ist mit dem „Nicht die Waffe tötet Menschen …“-Zitat Tagesaktuelles in den Mund gelegt.

Martin Bermoser singt und tanzt als Garderobier Paul ein sehr laszives „Viel zu heiß“. Thomas Sigwald ist nicht wie weiland Kurt Schreibmayer ein würdig-eleganter Harrison Howell, sondern hat als Geschäftsmann mit bester Vernetzung zum Weißen Haus etwas Mafiöses an sich. Wolfgang Gratschmaiers Harry Trevor muss sich als Baptista herrlich komisch mit seinen beiden ungleichen Töchtern plagen. Oliver Liebl und Jeffrey Treganza als Bianca-Verehrer Gremio und Hortensio sowie Georg Wacks als überforderter Inspizient Ralph runden den fabelhaften Cast ab.

Bernd Mottls „Kiss me, Kate“ ist alles andere als ein Nostalgieabend, vielmehr von einer Rasanz und Souveränität, die auch diese 48. Vorstellung hell strahlen lässt. In der Zähmung der Widerspenstigen folgt er dem Weg den Elizabeth Taylor und Richard Burton vorbereitet haben, Lillys Kate ironisiert ihre Unterwerfung auf schmerzhafte Weise, indem sie dem Macho mit ihren High Heels zu Boden ringt … Dafür viel Jubel und Beifallklatschen!

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

Mai 31, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel

Schmerzlich vermissen ein Mann und seine beiden kleinen Söhne die vor wenigen Tagen bei einem Unfall ums Leben gekommene Mutter. Nichts geht mehr in dieser zurückgebliebenen Familie. Bis endlich eine überdimensionale Krähe an der Tür läutet. „Ich gehe erst wieder, wenn ihr mich nicht mehr braucht“, verkündet das Tier und zieht in die Wohnung ein. So beginnt Max Porters unvergleichlicher Roman über einen ungebetenen Gast. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist das bewegendste, verwegendste, was einem dazu in die Hände fallen kann.

In poetischer Sprache und mit herzzerreißender Genauigkeit schreibt Porter über den Verlust eines nahen Menschen. „Allmählich war ich Experte für Verhalten im Trauerfall“, denkt Dad da beispielsweise. „Im Epizentrum zu sitzen erlaubt ein merkwürdig gesteigertes anthropologisches Bewusstsein für andere: die Überwältigten, die Unsensiblen, die Weg- und die Ewigbleiber …“ Dann geht’s ans Aufräumen: „Sie wird nichts mehr brauchen (Make-up, Kurkuma, Haarbürsten, Thesaurus) … Sie wird nichts mehr auskosten (Highsmith-Krimi, Erdnussbutte, Lippenbalsam).“ Manchmal ist die Seele ein schwarzer Vogel.

Die Krähe – erzählt wird aus drei Perspektiven: ihrer, Dad, Jungs – bringt die Familie auf Vordermann. Schlichtet Streitereien, vernichtet Alkoholdepots, kümmert sich um den Haushalt, verscheucht ungebetene Gäste. Dass sie dabei lyrisch-grausame Töne anschlägt, auch derb-fluchend den Parasit Trauer verprügeln darf, ist durch einen Kunstgriff Porters zu verstehen. Sein Totemtier ist bei seinem persönlichen literarischen Fixstern Ted Hughes ausgeborgt. Die tricksterartige, mythologische Krähe ersann der britische Poet in den 1960er-Jahren für sein nie vollendetes Hauptwerk „Crow, ihr Gekrächze half dem Witwer der Schriftstellerin Sylvia Plath damals durch die Lebenskrise. Plath hatte Selbstmord begangen.

Wie sich „Crow“ in den Gedichten mit aller Brutalität als Tier und gleichzeitig Dämon darstellt, so heißt es bei Porter: „Bei Krähe gibt es ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Natur- und Kulturwesen, zwischen Aasfresser und Philosoph, Ganzheitsgott und schwarzem Fleck …“ Bald wird klar, dass Dad ein Ted-Hughes-Forscher ist und an einem wissenschaftlichen Buch über diesen arbeitet. In Porters dichter, prägnanter Sprache hat diese Wendung gar keine Chance ein selbstgefälliger literarischer Insider-Witz zu werden. Die Grenzen zwischen Fantasiewelt und realer fließen, auch das Schriftbild passt sich an:

„Kein Schlaf.

Scharfe Kanten.

Schlechter Atem.“

Und es gibt nur einen Wunsch: Wieder haben. Bitte wieder haben. „Nach-vorne-Schauen als Konzept ist für Deppen, denn jeder vernünftige Mensch weiß, dass Trauer ein Langzeitprojekt ist. Ich werde nichts überstürzen. Es bremse, beschleunige oder nehme niemand den Schmerz, den wir leiden.“ – „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist anders als alles, was man bisher gelesen hat.

Porter gelingt es meisterhaft Trauerklischees zu umschiffen, er setzt auf echten Schmerz, wo falsches Sentiment möglich gewesen wäre, und wiewohl er die Innenschau vor allem Dads nur andeutet, gelingen ihm Figuren aus Fleisch und Blut. Selbst die verstorbene Mutter gewinnt in den Erinnerungen Kontur. Am Ende wird der skurrile Schutzgeist Wort gehalten haben und die Familie wieder verlassen. Doch nicht ohne einen letzten Rat mit auf den Weg zu geben: „Seid brav und hört auf die Vögel.“

Über den Autor: Max Porter, 1981 geboren, studierte Kunstgeschichte und arbeitete jahrelang als unabhängiger Buchhändler, was ihm den Young Bookseller of the Year Award einbrachte. Seit 2012 ist er Lektor bei Granta Books. „Trauer ist das Ding mit Federn“ ist sein schriftstellerisches Debüt. Der Roman erhielt den International Dylan Thomas Prize und avancierte in Großbritannien zum Bestseller. Max Porter lebt mit seiner Familie in London.

Kein & Aber Pocket, Max Porter: „Trauer ist das Ding mit Federn“, Roman, 126 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Göritz, Matthias Götz, Uda Strätling.

keinundaber.ch

  1. 5. 2018

Volkstheater: Das Narrenschiff

September 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Laufender Probenprozess vor Publikum

Einblick ins Workshoptheater: Bei Dušan David Pařízek symbolisieren Schminktische die Schiffskabinen. Stefanie Reinsperger, Jan Thümer, Sebastian Klein, Katharina Klar, Seyneb Saleh, Anja Herden, Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Einblick ins Workshoptheater: Bei Dušan David Pařízek symbolisieren ein Dutzend Schminktische die Schiffskabinen. Stefanie Reinsperger, Jan Thümer, Sebastian Klein, Katharina Klar, Seyneb Saleh, Anja Herden, Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn diese Inszenierung in ein, zwei, drei Wochen fertig sein wird, ist aus ihr sicherlich eine sehr schöne und spannende Arbeit geworden. Derzeit allerdings ist, was man auf der Bühne des Volkstheaters sieht, noch in mehrerer Bedeutung des Wortes unkonzentriert. Regisseur Dušan David Pařízek zeigt als Saisoneröffnungspremiere des Volkstheaters „Das Narrenschiff“ von Katherine Anne Porter in einer eigenen, tadellos griffigen Textfassung, doch ist, was er zeigt, ein laufender Probenprozess vor Publikum.

Ein Eindruck, der insofern durchaus gewollt sein mag, als Pařízek, wie immer auch fürs Bühnenbild verantwortlich, neben eine Schiffsdeck-Spielfläche ein Dutzend Schminktische platziert, die als eine Art Backstagebereich ist gleich Schiffskabinen dienen, und an denen alle Schauspieler immer anwesend sind. Doch dies „Workshoptheater“ darf nicht Ursache dafür sein, dass die Handlung in alle Richtungen zerfließt, dass sich einem nicht erschließt, welche Geschichte hier eigentlich erzählt – Stoff gäb’s ja genug aus den „Rassen“ und Klassen, von Kapital und Krise bis Sozialismus und Nationalsozialismus – und welchen Sukkus sie haben soll. Diverses versteht man schlicht nicht, und dies nicht im Sinne von enigmatisch, sondern von unverständlich.

Warum etwa reist Bulldogge Bébé ohne Herrl Professor Hutten, und wenn man auf den Hund schon wert legt, warum fehlt die Schlüsselszene des Romans, ihre Rettung durch den Zwischendeck-Basken, der dabei freilich sein Leben verliert? Warum ist statt Hutten der sittenstrenge jüdische Kaufmann Julius Löwenthal Schweizer, warum die hyperhysterische Condesa offenbar aus Simmering entsprungen, außer dass Lukas Holzhausen und Stefanie Reinsperger den jeweiligen Zungenschlag beherrschen?

Ein halbes Dutzend Passagiere präsentiert seine Schicksale: Jan Thümer, Gábor Biedermann, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Passagiere gehen an Bord: Jan Thümer, Gábor Biedermann, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth brilliert als Schiffsarzt Dr. Schumann; mit Stefanie Reinsperger als La Condesa. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth brilliert als Schiffsarzt Dr. Schumann; mit Stefanie Reinsperger als La Condesa. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am besten ist der Abend dort, wo Pařízek Porter spielen lässt. Wenn ihn dann ab und an der didaktische Zeigefinger des deutschen Diskurstheaters in die Seite sticht – als kubanisch-spanische misera plebs wird dazu das Publikum angeleuchtet und angesprochen -, dann ist das eben … Volkstheater unter Anna Badora. Zu diesem theaterpädagogischen Ansatz passt, dass der Regisseur wieder seinen obligatorischen Overheadprojektor mitgebracht hat, auf dem die Schauspieler fröhlich Folien hin und her schieben. Das kennt man bereits ebenso, wie die Versuche des Souffleurs einem Düsseldorfer Mimen hiesige Dialekte beizubringen. Siehe „Alte Meister“. Wiener reden zwar vielleicht komisch, können aber übers Jahr durchaus was im Kopf behalten …

Die Momente entstehen aus einzelnen Bildern. Anja Herden als Mary Treadwell und Michael Abendroth als Schiffsarzt Dr. Schumann schaffen in ihren bestechenden Auftritten die Atmosphäre, die man sich für den ganzen Abend gewünscht hätte. Die beiden präzisieren Situationen, die Amerikanerin mit dem Sarkasmus einer Siegernation und jenem Lieber-gar-nicht-wissen-Wollen, das lange die Haltung der USA zum Dritten Reich kennzeichnete, der Deutsche mit einer verweht-nostalgischen Melancholie, die beinah anachronistisch den Untergang alles Guten und die Morgendämmerung des Bösen charakterisiert. Der Kapitän ist abwesend wie Gott, so dass der Teufel seinen Platz einnimmt – Rainer Galke ist als nationalsozialistischer Zeitungsherausgeber Siegfried Reber Agitator, Angstmacher und derart großmäuliger „Piefke“, wie’s der österreichischen Seele ein Stachel in derselben ist. Katharina Klar und Sebastian Klein gestalten mit viel Engagement das On-Off-Liebespaar Jenny Brown und David Scott.

Bei der Todesfiesta nimmt der Dampfer endlich Fahrt auf: Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bei der Todesfiesta nimmt der Dampfer endlich Fahrt auf: Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anderen Darstellern, wie Seyneb Saleh als Lizzi Spöckenkieker, Gábor Biedermann als Wilhelm Freytag, Bettina Ernst als Frau Otto Schmitt oder vor allem auch Jan Thümer als William Denny, wünscht man von Herzen mehr Zeit für ihr Spiel in dieser beinah dreieinhalbstündigen Aufführung. Wie’s werden wird können, zeigt sich nach der Pause, wenn der Dampfer endlich Fahrt aufnimmt und eine Todesfiesta beginnt.

Mit grell geschminkten Totenkopfmasken, mit Sätzen, die wie im Rhythmus der Füße stampfen. Marschiert und gestorben wird immer noch wo, da ist Gestern wie heute. In dieser Szene blitzt Pařízeks inszenatorische Brillanz auf, am Rest kann ganz ehrlich noch gefeilt werden.

Michael Abendroth im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21783

www.volkstheater

Wien, 10. 9. 2016

Neu am Volkstheater: Michael Abendroth im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON  MICHAELA MOTTINGER

 Er spielt ab 9. September in „Das Narrenschiff“

Michael Abendroth ist ab dieser Saison Ensemblemitglied am Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth ist ab dieser Saison Ensemblemitglied am Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als er vergangene Saison das Publikum in den Bezirken mit Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“ zum Lachen brachte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) , war er noch Gast am Haus. Ab sofort ist Michael Abendroth fixes Ensemblemitglied des Volkstheaters. Der Charakterschauspieler und Theaterregisseur, dessen Karriere ihn von Bochum übers Berliner Ensemble bis ans Düsseldorfer Schauspielhaus führte, spielt in der Saisoneröffnungspremiere „Das Narrenschiff“. Dušan David Pařízek hat Katherine Anne Porters großen Gesellschaftsroman für die Bühne eingerichtet.

Inspiriert von einer Schiffsreise nach Europa und durch die Lektüre von Sebastian Brants „Narrenschiff“ aus dem Jahr 1494 entwirft die Autorin ihren Mikrokosmos. Es ist das Jahr 1931, und Künstler und Kaufleute, Spanier, Amerikaner und vor allem Deutsche, Juden und Nationalsozialisten wollen von Veracruz nach Bremerhafen gelangen. Die Situationen an Bord eskalieren. Viele der Passagiere haben leidvolle Erfahrungen in der Fremde hinter und eine ungewisse Zukunft in Europa vor sich.

In erotisch wie politisch gereizter Atmosphäre lassen sie voreinander die Masken fallen, freiwillig oder erzwungen. So wird die Überfahrt zum prophetischen Lehrstück darüber, wohin nationalistischer Größenwahn, Fanatismus und Rassenhass führen werden. Premiere ist am 9. September. Michael Abendroth im Gespräch:

MM: In der vergangenen Saison waren Sie am Volkstheater noch Gast, waren in „Nora³“ und „Halbe Wahrheiten“ zu sehen, nun sind Sie fixes Ensemblemitglied. Übersiedlung abgeschlossen?

Michael Abendroth: Sozusagen ja (er lacht), ich lebe schon lange in Wien. Da ich Freiberufler war, habe ich mich vor vier Jahren entschlossen, hierher zu ziehen. Meine Mutter war Wienerin, ich habe also sehr viel Bezug zu dieser Stadt, ich fühle mich an der Donau heimisch. Anna Badora und ich haben die Stücke definiert, in denen ich mitwirken werde. Ich bin inzwischen Pensionist und kann mir aussuchen, was ich mache. Ich möchte einfach nicht nur rumsitzen und mich langweilen.

MM: Da haben Sie sich ja gleich das Richtige ausgesucht, denn „Halbe Wahrheiten“ war eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken. Da sind Sie ganz schön rumgekommen. Wie war’s?

Abendroth: Fantastisch! Das war eines meiner schönsten Theatererlebnisse überhaupt. Jeden Tag woanders sein und dabei immer im gleichen Bett schlafen können, das hat schon was. Doris Weiner hat mir erklärt, in welche U-Bahn ich wohin einsteigen muss – und los ging’s. Das Publikum hat uns großartig aufgenommen. Ich habe mich vorher immer in die Foyers gesetzt und mir die Zuschauer angesehen. Die wussten ja nicht, wer ich bin, also konnte ich sie gut beobachten. Es war rührend und liebenswert. Von Ottakring bis Döbling haben sich alle vergnügt. In Liesing hatten wir zwei Vorstellungen, da bin ich zwischendurch zum Billa gegangen und der halbe Laden war mit unseren Zuschauern voll. Das Volkstheater in den Bezirken ist sehr familiär. Ich mag das.

MM: Mit einem Wort, Sie sind schon auf dem Weg zum Publikumsliebling.

Abendroth: Sagen wir lieber, ich liebe das Publikum. Ich bin Publikumsliebhaber. Ich habe mich sofort für die nächste Tournee angemeldet. Das Wiener Publikum ist ein Genuss, das haben wir auch bei „Nora³“ bemerkt, wo die Aufführungen in Wien eine ganz andere Temperatur als die in Düsseldorf hatten. Hier waren die Reaktionen viel emphatischer. Mag sein, dass die Wiener ein tieferes Verständnis für den Aberwitz der Frau Jelinek haben, aber ich glaube, in erster Linie liegt es daran, dass in dieser Stadt so viele theaterverliebt sind.

MM: Wer Sie noch nicht am Theater gesehen hat und trotzdem meint, Ihr Gesicht zu kennen, dem sagen Sie …

Abendroth: Fernsehen, das mache ich nebenbei, „Wilsberg“ oder „Tatort“ vermutlich, da habe ich acht oder neun gemacht. Ich spiele immer die Anwälte oder Ärzte …

MM: Opfer oder Täter?

Abendroth: Das mischt sich. Ich war vor längerer Zeit auch in „Alarm für Cobra 11“, das ist die erfolgreichste Actionserie weltweit, da habe ich eine zwielichtige Doppelrolle gespielt und wurde am Ende erschossen, und vor drei Wochen haben wir wieder gedreht – und wieder hat’s mich erwischt.

MM: Das heißt, man kann Sie für österreichische TV-Krimis empfehlen. Das Fernsehen hierzulande braucht ja auch Leute, die sich gern meucheln lassen.

Abendroth: Ja, ich lass‘ mich jederzeit um die Ecke bringen, wenn die Rolle davor spannend war. Lustig war’s kürzlich: Ich musste eine Bescheinigung für meine Versicherung beibringen, und der Beamte auf der Behörde, der sie ausstellen sollte, meinte launig, nein, das macht er nicht, weil er habe gestern erst gesehen, dass ich erschossen worden bin. Den Ruf habe ich also weg.

In "Halbe Wahrheiten" mit Doris Weiner und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In „Halbe Wahrheiten“ mit Doris Weiner und Christoph Rothenbuchner … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth in "Halbe Wahrheiten". Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… spielte sich Michael Abendroth als seitenspringendes Schlitzohr Philip in die Zuschauerherzen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Ihre große Liebe gehört allerdings dem Theater. Und da haben Sie bemerkenswerte Stationen hinter sich. Zuletzt, weiß ich, haben Sie in Deutschland mit Michael Gruner in Düsseldorf gearbeitet.

Abendroth: Richtig, das war „Die Gerechten“ von Camus, der Kaljajev war 1968 meine erste Rolle am Theater, und nun habe ich ihn wieder gespielt. Die Idee von Michael Gruner war, es retrospektiv mit alten Schauspielern zu machen, ich war der jüngste Alte. Eine sehr schöne Arbeit, und die Leute mochten es sehr. Ich war lange in Düsseldorf, woher ich auch Anna Badora kenne, davor Frankfurt in den Zeiten der Mitbestimmung unter Neuenfels, Bochum bei Zadek, lange Zeit in Nürnberg bei Hansjörg Utzerath … da ist auch meine ältere Tochter geboren, die im Juni geheiratet hat. Ach, das ist alles schon hundert Jahre her …

MM: Hat sich das Theater verändert?

Abendroth: Ich kenne es autoritär, dann haben wir uns rückwirkend betrachtet oft überflüssig die Mitbestimmung erkämpft. Heute habe ich das Gefühl, die können alle sehr viel – technisch, sie sind sehr versiert, sehr gut ausgebildet, bloß sie denken sehr wenig. Das gilt für Regisseure wie für Kollegen. Heute wird viel darüber nachgedacht, wie man welchen Satz am schönsten sagt, aber seltener warum man ihn sagt. Wobei ich explizit meine beiden jungen Kollegen von der Bezirke-Tour ausnehme. Christoph Rothenbuchner und Evi Kehrstephan, das sind zwei gewissenhafte, engagierte, sehr überlegte Darsteller.

MM: Nun folgt am 9. September „Das Narrenschiff“, Regisseur Dušan David Pařízek erstellt die Bühnenfassung nach Katherine Anne Porters Roman. Haben Sie das Buch je gelesen?

Abendroth: Ich kenne doch den Film, da brauche ich das Buch nicht mehr zu lesen! (Er lacht.) Ich lese ungern Romane, die zu Stückvorlagen werden, man ist dann beeinflusst, beginnt zu selektieren, was „wichtig“ ist und was nicht. Dušan ist ein verlässlicher Mann, ich konzentriere mich auf seine Fassung. Ich freue mich sehr über diese Arbeit. Ich habe Dušan in Düsseldorf für „Nora³“ kennengelernt, nun ist es schön, dass wir wieder etwas zusammen machen.

MM: „Das Narrenschiff“ bietet für einen Darsteller, wie Sie einer sind, eine Vielzahl von Rollen: den Nazi-Verleger Rieber, Freytag mit seiner jüdischen Frau, den Schiffsatzr Dr. Schumann, Professor Hutten mit seiner Bulldogge Bébé … Welche werden Sie spielen?

Abendroth: Wir werden vielleicht wandern, werden verschiedene Rollen spielen. Es ist ja sehr personenreich. Für mich ist wichtig, was und mit wem ich arbeite, welche Rolle es dann konkret ist, ist mir zweitrangig, wobei ich prinzipiell natürlich schon besonders gerne die subtil Bösen spiele. Die Stückwahl ist gut: Kurz vor dem Dritten Reich sind Menschen in verschiedensten Lebenslagen auf engstem Raum zusammengewürfelt. Da kann man schlimmerweise einiges an Parallelitäten sehen. Dušan ist ja kein dummer Mensch, der denkt sich da was zur Zeit, auch, wenn wir mit einem Stück nicht die Welt verändern werden. Diese Fahrt von Amerika nach Europa ist eine gedankliche Konstruktion: man muss in das Land fahren, von dem man sich eigentlich wegbewegen sollte, um selber zu sehen, was vor sich geht. Oder besser gesagt: vor sich gehen wird. Man muss am eigenen Leib erleben, wie sich die Gesellschaft verändert, und sei es in kleinsten Details. Das geht mir in letzter Zeit oft durch den Kopf, diese schrecklichen Entwicklungen und Entstellungen.

MM: Sie meinen das jetzt in Bezug auf das Jahr 2016?

Abendroth: Ich bin hier Gast, ich möchte mich in Österreich nicht politisch äußern, deshalb sage ich stellvertretend etwas über Deutschland und die AfD und diese grauenhafte Pegida. Da kriegt man nur Angst. Ich bin überzeugter und glücklicher Europäer. Und Sozialdemokrat. Ich bin 1948 geboren und habe keinen Krieg miterlebt. Diese Errungenschaft des vereinten Europa ist doch ein Geschenk. Dass der Europagedanke nun immer weniger wird, ist ein Wahnwitz, in den gewisse Politiker die Menschen treiben. Von Frauke Petry bis Marine Le Pen ist das ein Typus Machtmensch, den wir Demokraten genau im Auge behalten sollten.

Das Narrenschiff-Ensemble: Lukas Holzhausen, Jan Thümer, Rainer Galke, Anja Herden, Seyneb Saleh, Gábor Biedermann, Bettina Ernst, Sebastian Klein, Katharina Klar, Michael Abendroth und Stefanie Reinsperger. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Passagiere auf dem „Narrenschiff“: Lukas Holzhausen, Jan Thümer, Rainer Galke, Anja Herden, Seyneb Saleh, Gábor Biedermann, Bettina Ernst, Sebastian Klein, Katharina Klar, Michael Abendroth und Stefanie Reinsperger. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Weckt Dušan David Pařízek in Ihnen Qualitäten, entdeckt er darstellerische Seiten, von denen Sie selber nicht gewusst haben, dass sie in Ihnen stecken?

Abendroth: Ja, insofern, als er mit viel Humor bei den Proben zum Spielen anregt und dabei die verrücktesten Sachen sehen will. Er will, dass wir improvisieren, er ermutigt einen, auszuprobieren, und daraus entstehen dann die Dinge.

MM: Heißt, Sie spielen gerne. Ich hätte Sie eher für einen Kopfmenschen gehalten.

Abendroth: Privat Kopf, beruflich Bauch. Darum bin ich ja zum Theater gegangen, ich bin auf der Bühne für jeden Blödsinn zu haben. Ich habe dank der Begegnung mit wunderbaren Regisseuren, Jürgen Gosch möchte ich da nennen, erfahren, dass man den Kopf beim Spielen vergessen kann. Ich war lange Zeit „schwierig“, aber sie haben mich gelehrt „naiv“ zu sein. Egal, ob man der Lear oder der Mephisto oder die Großmutter in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ist, und alle drei Rollen habe ich schon gespielt, was man für unseren Beruf am meisten braucht, ist Humor. Heute bin ich nur noch rabiat, wenn wirklicher inhaltlicher Unfug bei den Proben passiert, sonst versuche ich ein genügsamer, liebenswerter Mensch zu sein. Fragen Sie die Kollegen.

MM: Nun „Das Narrenschiff“ als Vorlage von Sebastian Brandt betrachtet, zu welcher Narretei der Menschheit bekennen Sie sich?

Abendroth: Das ist mir zu privat (er lacht). Ich habe eine Frau in Bulgarien, sie ist Romni, und mit ihr eine kleine Tochter, meine kleine Valencia, das ist doch Narretei genug. Ich kurve mit dem Auto die tausend Kilometer nach Sofia so oft es geht. Unser Plan ist, dass sie nach dem Sommer endlich zu mir nach Wien übersiedeln.

MM: Sie führen auch Regie ...

Abendroth: Ich inszeniere alle drei Jahre bei den Wallensteinfestspielen in Altdorf Schillers „Wallenstein“ mit Laiendarstellern. Das ist mir Regie genug. Ich finde es schwierig, an einem Theater, an dem ich schauspiele auch zu inszenieren. Da wissen die Kollegen dann nie, wie sie einen ansehen sollen, mal als Bühnenpartner, mal als Regisseur. Am Volkstheater muss sich diesbezüglich also niemand fürchten. Das heißt … wenn ich morgen eine Idee hätte, würde ich sie Anna Badora schon vorstellen. Aber eigentlich möchte ich mich aber auf das konzentrieren, das mir Spaß macht, das Spielen.

MM: In diesem Sinne: Was kommt denn noch außer dem „Narrenschiff“?

Abendroth: Ich bin für vier Inszenierungen vorgesehen, eine davon mit Anna Badora als Regisseurin. Kurze Pause. Dafür, dass ich wie gesagt schon Pensionist bin, arbeite ich eigentlich ganz schön viel. (Er lacht.)

www.volkstheater.at

Wien, 31. 8. 2016