Porgy & Bess online live: Konrad Bayer Chansons

Dezember 4, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Johanna Orsini-Rosenberg und Paul Skrepek

Bild: @ Michael Pleesz

Am 6. Dezember um 20.30 Uhr überträgt das Porgy & Bess live einen Konrad-Bayer-Abend mit Johanna Orsini-Rosenberg und Paul Skrepek. Nach dem Theaterstück „Auf der Suche nach dem sechsten Sinn“ 2018 im TAG (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26064), entstand die Vinylplatte „Chansons“, aus dieser wiederum hat sich die Idee zu konzertieren und ein weiterer Abend entwickelt, der sich ganz dem musikalischen Aspekt hingibt.

Paul Skrepek hat die Chansons vertont – unter anderem „die moritat vom tätowierten mädchen“, „glaubst i bin bled“, „le invocation du tlu“. Auch der eine oder andere Prosatext wird musikalisch zubereitet und womöglich hört man das kosmische Geknalle, wenn der Mond auf die Erde fällt. Ein Konzert und eine Hommage an Konrad Bayers Sprachkunst und Stil. Das Melancholische, Fantastische, aber auch Humorvolle und Rauschhafte von Konrad Bayers Texten wird zelebriert und die Schwerkraft möge sich aufheben …

Das Porgy & Bess schaltet seine Webseite ab 20 Uhr auf „Now Live“, und so öffnet sich automatisch ein Fenster, über das man via Vimeo kostenlos und ohne irgendeine Registrierung das Konzert miterleben kann. Das Projekt lässt sich via „Pay as you wish“ unterstützen.

Alle Infos: porgy.at/events/9818         Trailer: vimeo.com/387658033

4. 12. 2020

Theater an der Wien: Porgy and Bess

Oktober 21, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Catfish Row als Flüchtlingslager an Europas Küste

Das Container-Bühnenbild von Katrin Lea Tag, vorne mit Fussball Eric Greene als Porgy und Jeanine de Bique als Bess. Bild: © Monika Rittershaus

Deutlicher kann man #BlackLivesMatter nicht singen. Der beinortheste Held, eben von der Missachtung des Gesetzes zurück, ergeht sich in Liebe zur Anti-Heldin, während sich rundum die Gesichter verdüstern. Ist doch die untreue Drogensüchtige mit ihrem Dealer nach New York abgehauen. Macht nichts, meint Porgy, weder Wegstrecke noch Gehbehinderung können ihn aufhalten, seine Bess zu retten.

Die „Summertime“ ist zwar vorüber, aber im Gelobten Land für alle Platz. Also auf, never give up, never give in – das bessere Leben muss einfach ums nächste Eck liegen … Wohl jeder kennt „Porgy and Bess“ und die wunderschönen Melodien, nur aufgeführt wird George Gershwins Meisterwerk in Europa selten. Das liegt zum einen an der strikt vorgeschriebenen Besetzung, zum anderen an der Genregrenzen sprengenden Komposition, diese mit Blue Notes, Spirituals und Swing ein Opera meets Popculture, an das sich die wenigsten heranwagen.

Das Theater an der Wien hat den Grenzgang nun gewagt, nach mehr als 50 Jahren die erste szenische Premiere in der Stadt – und alles gewonnen. Ein beglücktes Publikum bedankte mit Jubel und Applaus nicht nur die Aufführung, sondern auch den Mut, diese – in #Corona-Zeiten – zu planen und auszuführen. Ging doch die vereinbarte Kooperation mit der Cape Town Opera in Kapstadt Pandemie-bedingt in die Binsen; die Anreise der Choristen aus Südafrika wurde unmöglich, weshalb das Theater an der Wien in Windeseile einen internationalen Cast aus vier Kontinenten zusammenstellen musste.

Norman Garrett und Zwakele Tshabalala. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique und Eric Greene. Bild: © Monika Rittershaus

Zwakele Tshabalala und Tichina Vaughn. Bild: © Monika Rittershaus

Dies durchaus nicht gegen das Ansinnen des südafrikanischen Regisseurs Matthew Wild. Der im Programmheft-Interview seine Intentionen, in seiner Inszenierung die globale Migrationsdebatte zu thematisieren, so formuliert: „Unsere Produktion ist in unserer Gegenwart angesiedelt, an der Peripherie einer nicht genauer bezeichneten europäischen Küstenstadt, wo wir die Catfish Row neu erfinden als eine multi-kulturelle Gemeinschaft von Flüchtlingen und Asylwerbern, die gezwungen waren, ihre Heimatländer zu verlassen …“ – das bessere Leben, es muss einfach ums nächste Eck liegen …

Die Überführung von Gershwins Opernpersonal in die Problemzone der Gegenwart erweist sich als stimmig. Als Schauplatz hat Ausstatterin Katrin Lea Tag eine Containersiedlung entworfen, 32 Stück verteilt auf drei drehbare Stockwerke, ideal für Massenszenen, Parallelerzählungen und als Versteck für intime Arien und Duette. Den Gedanken, dass die Menschen in Moria froh wären, wenn …, darf man dabei nicht zu Ende führen, ebenso wenig wie den an die eine Hijab tragende Frau als klischeehafte Kostümierung von – Zitat Wild – multikulturell, ebenso wenig wie jenen, ob statt des Hurricans eine Altkleidersammlung über dem Ganzen niedergegangen sei. Denn die Solistinnen und Solisten, Ensemble wie Tänzerinnen und Tänzer überzeugen auf ganzer Linie.

Allen voran Norman Garrett als Crown. Als brutaler Ex-Lover von Bess verströmt sein Klang-/Körper die krude Erotik eines wilden Tiers. US-Bariton-Kollege Eric Greene als Porgy steht Garrett in beidem in nichts nach. Er ist trotz Krücke eine imposante Erscheinung und geht mit seiner samtig-souligen Stimme, man merkt’s, den Zuschauerinnen unter die Haut. Schön, wie sich dieser leichtgläubige Tropf zu einer ungeahnt empfindsamen Intensität steigert, Greene ein Quarterback-Goliath mit David’scher Seele. Schön auch, wie kristallklar und grazil die aus Trinidad stammende Jeanine De Bique ihren Sopran zu führen versteht, ihre Bess ein liebenswerter, aber in seiner Labilität verlorener Junkie.

Tanz auf dem Altkleiderberg. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique als Bess (Mi.). Bild: © Monika Rittershaus

Eric Greene als Porgy. Bild: © Monika Rittershaus

Norman Garrett als Crown. Bild: © Monika Rittershaus

Als Milieustudien fügten sich die von Louisa Ann Talbot choreographierten Tanzszenen organisch in die Handlung ein. Der von der Metropolitan Opera ausgezeichneten und von der New York Times für ihr „distinctive earthy coloring“ gefeierten Brandie Sutton kommt als bekopftuchter Muslima Clara die Aufgabe zu, mit einer „Summertime“ im strömenden Regen den größten Hit der Oper zu präsentieren. Ryan Speedo Green als christlicher Ehemann und mit seinem Boot untergehender Jake verleiht seiner Figur ein starkes gesangliches wie darstellerisches Profil. Und apropos: Der südafrikanische „Sportin’ Life“ Zwakele Thabalala stattet den Rauschgifthändler in Baseball-Kappe und Zuhälter-Anzug mit einem aufreizenden Machismo aus.

Großartig sein Prügelbeziehen von Tichina Vaughn als blondgefärbter Maria, sein angekratztes Angebergehabe ist für den einen oder anderen Lacher gut und sängerisch wie von Speed befeuert. Selbiges gilt auch für das um Jazzmusiker erweiterte Wiener KammerOrchester – special extended unter der Laid-Back-Leitung des afrobritischen Gershwin-Spezialisten Wayne Marshall, das mal mit Big Band Sound die Dezibel-Skala sprengt, wenn’s auf der Bühne heftig, mal butterweiche, leise Jazztöne erklingen lässt, wenn’s romantisch wird. Marshall verzichtete auf allzu viel Schmelz & Schmalz bei Standards wie „I Loves You, Porgy“, „I Got Plenty o’ Nuttin’“ oder „It Ain’t Necessarily So“ und dirigiert einen für CD-Aufnahmen umschmeichelte Ohren ungewohnt harten, aber zum Geschehen oberhalb des Grabens passenden Gershwin.

Die Vorstellungen bis inklusive Samstag sind restlos ausverkauft. Bleibt zu hoffen, dass jemand daran gedacht hat, diesen fulminanten Abend auf Film zu verewigen. Special thanks to Intendant Roland Geyer und seinem Team. Mit seiner Beherztheit, das „Porgy and Bess“-Projekt trotz aller Widrigkeiten nicht aufzugeben, beweist er einmal mehr, dass das Überwinden von Zäunen und Verzagtheit stets ein Türöffner zur Vielfalt anderer Welten ist.

www.theater-wien.at

  1. 10. 2020

Porgy & Bess: Session Work Festival

Februar 16, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Drei Tipps aus dem diesjährigen Jazzprogramm

Jazz-Players Bild: mottingers-meinung.at

Jazz-Players
Bild: mottingers-meinung.at

In den vergangenen Jahren hat sich das vom Innsbrucker Saxophonplayer Christoph Pepe Auer initiierte Session Work Records zum größten aktiven Label für Jazzmusik in Österreich entwickelt. 85 Alben sind bereits erschienen. Damit zählt das Label zu den wichtigsten Plattformen einer Szene die sich längst nicht nur auf „klassischen“ Jazz beschränkt, sondern auch Elemente des Pop oder der Electronic nutzt.

Von 26. bis 28. Februar findet die vierte Ausgabe des Session Work Festivals im Porgy & Bess statt: 180 Musikerinnen und Musiker aus ganz Österreich laden zu Party und Werkschau. Zu entdecken gibt es vieles, junge neue Bands sind ebenso vertreten, wie langjährig erfahrene und bereits bekannte Jazzer. Eröffnet werden die drei Tage durch Patrick Dunst’s Tribal Dialects, gefolgt vom Duo Stephie Hacker & Lukas Lauermann und dem Wiener Sketch Book Quartett. Eins weiteres Highlight ist Bassist und Sideman Josef Wagner mit seinem eigenen Projekt „Memory Control“ am 28. Februar. Und zu guter Letzt spielt das Session Work Composers Ensemble, das heuer den Komponisten Arnold Zamarin in den Mittelpunkt stellt.

Die Empfehlungen:

26. Februar, 20h: Patrick Dunst’s Tribal Dialects. Stammessprachen im Spannungsfeld zwischen ethnischer Musik, Minimal und Jazz. Das Ensemble Tribal Dialects, das sich mit dem 2014 erschienenen Album „Home“ bereits als musikalisches Experimentierfeld zwischen unterschiedlichen musikalischen Stilen etabliert hat, gibt ein Preview auf sein neues Album, das im März aufgenommen wird. Mit im Gepäck die Hits des letzten Albums in neuem Gewand, sowie einige neue Kompositionen mit einem noch stärkeren Fokus auf Percussion. Zur Stammbesetzung des Ensembles, bestehend aus Grilli Pollheimer an den Percussions und Electronics, sowie dem Bandleader und Holzbläser Patrick Dunst, gesellt sich ein polyglotter Hoffnungsträger der heimischen Jazzszene, Leo Waltersdorfer an Vibraphon und Marimba.

27. Februar, 20h: Christoph Pepe Auer.  Der Labelbegründer und Initiator des Festivals bestreitet seinen diesjährigen musikalischen Beitrag mit dem Herzensprojekt „Songs I Like“. Das langerwartete Programm unter eigenem Namen präsentiert eine Auswahl an Eigenkompositionen und Arrangements „musikalischer Jugenderinnerungen“, die den Komponisten und Musiker seit geraumer Zeit begleiten. „Songs I Like“ zeigt einen authentischen und persönlichen Einblick in das spielerische Schaffen von Christoph Pepe Auer. Und dazu erfährt der staunende Zuhörer, wie sich Auer mit seiner Klarinette das Schlagzeug erspart …

Danach: Bleu. Mit Spannung erwartet werden darf dieser Auftritt der Formation um Ausnahme-Trompeter Lorenz Raab, die soeben unter dem Titel „Kaum ein Hauch …“ ein gemeinsames Album mit Schauspieler und Chansonnier Michael Heltau veröffentlicht hat, der darauf Texte von Goethe vorträgt. Manchmal muss man an die Weiten der asiatischen Steppe denken, wenn schräg dengelnde Stahlsaiten auf verschliffene Trompetentöne treffen – dabei kommt das Trio Bleu aus Österreich und besteht schon seit zehn Jahren. Die drei Herren strafen mit ihrem Facettenreichtum alle Kategorisierungsversuche Lügen, sie zaubern Klangbilder von außergewöhnlicher Schönheit und Anmut – irgendwo zwischen Nils Petter Molvaer, Markus Stockhausen und Rabih Abou-Khalil. Jazz trifft Pop, Rock auf Volksmusik und Avantgarde. Hauptsache, es groovt.

www.sessionworkrecords.com

www.porgy.at

Wien, 16. 2. 2016