Sherlock: Die Braut des Grauens

April 27, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Meisterdetektiv ermittelt im viktorianischen London

sherlock-die-braut-des-grauensWeil die Kinoverpflichtungen von Benedict Cumberbatch und Martin Freeman den Drehstart von Staffel vier verschoben haben, heißt: 2016 ist mit keinen neuen Folgen zu rechnen, seit Kurzem wird aber in Cardiff gearbeitet, tröstet man Fans der BBC-Serie mit einem Special. Das war in Großbritannien sogar im Kino zu sehen und ist hierzulande bei Polyband auf DVD erschienen. „Die Braut des Grauens“ ist ein Muss, nicht weil die Lösung des Falls so aufsehenerregend wäre, die ist tatsächlich eher mau, sondern weil der 90-Minüter direkt an die letzte ausgestrahlte Staffel anschließt und mutmaßlich zur nächsten überleiten wird.

Am Ende von Staffel drei hatte es Moriarty ja geschafft, trotz tödlichen Kopfschusses auf den Reklametafeln am Piccadilly Circus aufzutauchen. Wie aber André Heller lehrt, sind die besten Abenteuer im Kopf, und in den, seinen Gedächtnispalast, zieht sich Sherlock bekanntlich gern zurück.

Man befindet sich also im viktorianischen England, und „Sherlock“ Cumberbatch und „Watson“ Freeman wandeln mit Deerstalker, Pfeife und Schnauzbart auf den Spuren ihrer literarischen Vorbilder. Pferdekutschen befahren die Baker Street 221B, ein Kaminfeuer lodert und auf einem Balkon steckt sich eine grell geschminkte Braut den Lauf einer Pistole in den Mund, drückt ab und stirbt. Kurzfristig. Denn die Weißgewandete, dargestellt von Natasha O’Keeffe, kennt offenbar die Geheimnisse der Wiederauferstehung und killt als Wiedergängerin einen tyrannischen (Ehe-)Mann nach dem anderen. Das Ganze dröselt sich schließlich als Akt der erstarkenden Suffragettenbewegung auf, aber das ist nicht wirklich elementar, wenn auch ziemlich gruselig.

Der Horror ist, was sich hinter dieser Geschichte verbirgt. Denn die Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss entziehen ihrer eigenständigen Alternativerzählung bald das Netz und verweisen auf einen doppelten Boden. Mark Gatiss sagt als Bruder Mycroft, nunmehr fett und Plumpudding fressend, sogar die anachronistische Zeile, Moriarty wäre ein „Virus“ auf Sherlocks „Festplatte“. Ah! Das sind die kleinen, feinen Gänsehautmomente des Films. Und natürlich spielen Kokain und die Klippe am Reichenbachfall eine Rolle.

Dazu gibt es allerhand Humorvolles, das dem Entschlüsseln des Rätsels durchaus dienlich ist. Denn eines ist hier das Spiegelbild eines anderen. Etwa, wenn Dr. Watson, der zeitgemäß nicht in seinem Blog, sondern im Strand Magazine veröffentlicht, sich von Vermieterin Mrs. Hudson alias Una Stubbs vorwerfen lassen muss, sie wäre zu mehr als zur bloß teeservierenden Nebenhandlung nutze. Oder Watson in den Momenten eines verbalen Wutausbruchs – seine Frau Mary, gespielt von Freeman-Lebensgefährtin Amanda Abbington, entpuppt sich als jamesbondige Geheimagentin in Mycrofts Diensten – kurz zum schnurrbartlosen John wird. Schön auch, dass Gerichtsmedizinerin Molly Hooper, zur Rolle von Louise Brealey gab’s ja nie eine Vorlage von Sir Arthur Conan Doyle, sich anno 1895 als Mann verkleidet muss.

Sherlock Holmes und Dr. Watson ermitteln diesmal im viktorianischen London: Martin Freeman und Benedict Cumberbatch. Bild: BBC

Sherlock und Watson ermitteln im viktorianischen London: Martin Freeman und Benedict Cumberbatch. Bild: BBC/Polyband

Kaum tot, steht sie wieder auf: Natasha O’Keeffe als schießwütige Braut des Grauens. Bild: BBC

Kaum tot, steht sie wieder auf und killt den nächsten Ehemann: Natasha O’Keeffe als schießwütige Braut des Grauens. Bild: BBC/Polyband

In „Die Braut des Grauens“ bewegt sich Sherlock einmal mehr auf dem schmalen Grat zwischen cleverer Selbstbetrachtung und pompöser Selbstverliebtheit. Das Detektiv-Spiel ist atmosphärisch dicht, und Ungereimtheiten, vor allem die an den Haaren herbeigezogene Erklärung fürs Ende des Falls, sind verziehen, weil es einfach Spaß macht Benedict Cumberbatch und Martin Freeman mitten im Irrsinn zuzuschauen. Außerdem verweisen die Autoren oft genug auf die Escape-Taste, und so wird Watson konsequenterweise zu Sherlocks „Firewall“. Nun bleibt zu hoffen, dass sie in Staffel vier eine gute Auflösung des “Did you miss me?”-Cliffhangers liefern. Übrigens, Spoiler, eines ist über die neuen Folgen schon bekannt: John und Mary müssen sich auf ihre bis dato größte Herausforderung vorbereiten – Eltern zu werden. Mit Patenonkel Sherlock kann das ja was werden …

Polyband: Sherlock – Die Braut des Grauens, zwei DVDs im Softschuber, Laufzeit 90 Minuten + 86 Minuten Bonusmaterial (Mark Gatiss: A Study in Sherlock, Mark Gatiss: Production Diary u.v.a.), Sprachen und Untertitel: Englisch und Deutsch, inklusive Booklet mit Hintergrundinformationen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=wd_xkl9zp8M

polyband.de

Wien, 27. 4. 2016

Hilary Mantels „Wölfe“

Februar 22, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Europageschichte aus der Sicht eines Außenseiters

81neSrwlY4L._SY445_Die BBC-Miniserie „Wölfe“ ist nun via Polyband auf DVD erhältlich. Die sechs Folgen basieren auf Hilary Mantels historischen Romanen „Wölfe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=153) und „Falken“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=2951), Mantel selbst verfasste gemeinsam mit Peter Straughan, bekannt etwa für „Männer, die auf Ziegen starren“, die Drehbücher. An Darstellern kann die BBC natürlich alles auffahren, was im Vereinigten Königreich schauspielerisch Rang und Namen hat: „Homeland“-Star Damian Lewis, Globe-Theatre-Schauspieler und -Regisseur Mark Rylance, Jonathan Pryce, ehrenwertes Mitglied der Royal Shakespeare Company, mit Thomas Brodie-Sangster eines der größten Insel-Talente, und als Gast sogar Mathieu Amalric als französischen Botschafter.

Mantel erzählt aus der Zeit des britischen Königs Heinrich VIII. Allerdings aus einer besonderen Perspektive, der Thomas Cromwells. Cromwell kam aus der untersten Gesellschaftsschicht und arbeitete sich bis in den innersten Kreis Heinrichs hoch. Dass ihn das letztlich den Kopf kostete, ist systemimmanent. Immerhin aber ist Cromwell, Vorfahr von Karl-I.-Enthaupter Oliver, der einzige, der vom cholerischen König Posthum ein Pardon erhielt. Heinrich bedauerte bald sehr seinen „treuesten und loyalsten Diener“ hingerichtet zu haben. Und gab die Schuld daran selbstverständlich falschzüngigen Beratern. „Wölfe“ ist very british, eine Ausstattungsoper, ganz BBC ruhig, authentisch, aber freilich weniger sexy als Jonathan Rhys Meyers in „Die Tudors“.

Regisseur Peter Kosminsky erzählt Cromwells Geschichte, die des geprügelten und deshalb geflüchteten Hufschmiedsohns, in Rückblicken. Niederländische Kaufleute lasen den vom Vater schwer Verletzten am Themse-Ufer auf und nahmen ihn mit nach Kontinentaleuropa, wo er das Kriegshandwerk und Sprachen lernte. Und das Finanzwesen. Und schließlich Jus. Er wird in Großbritannien Teil des neuen Bürgertums, auf das Heinrich in Gelddingen lieber setzte als auf seine blaublütigen Jagdfreunde. Und: Er ist ein „Ketzer“, ein Puritaner, der die Bibel nicht länger auf Latein, sondern in Englisch lesen will. Dies das einzige, was ihn mit seiner Todfeindin Anne Boleyn verbindet. Cromwell wird Heinrichs Weg zum Religionsgründer vorbereiten. Der Defender of the Faith macht sich – auch aus heiratstechnischen Gründen – zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Am Glauben wird Cromwell, dann schon Lord Great Chamberlain, auch zu Grunde gehen. Doch soweit ist Hilary Mantel noch nicht. Der dritte Band ihrer „Wölfe“-Reihe steht noch aus.

Wenig ist über das Politgenie als Privatmensch bekannt. Die Quellenlage ist katastrophal. Mantel recherchierte intensiv, durchforstete jahrelang die königlichen Archive, um Material für ihr Psychogramm dieses außergewöhnlichen Mannes zusammenzutragen. Mark Rylance spielt ihn nun mit berührender Einfachheit. Sein Cromwell ist weder Held noch Hasardeur, sondern ein Analytiker und Pragmatiker. Er ist in Wahrheit ein wahnsinnig langweiliger Charakter, aber in dieser Fadheit irgendwie rätselhaft. Es ist mutig, diese historische Randfigur zum TV-Hauptdarsteller zu machen – und dieser Mut hat sich belohnt. Rylances Cromwell spielt sich durch Intelligenz in die Mitte des Geschehens. Und Mantel füllt die Leerstellen seines Lebens mit Fantasie.

Schön etwa der Erzählstrang, wie Cromwell nach dem Tod seiner Frau deren Schwester heiratet. Das ist zunächst eine Vernunfthandlung: Er braucht eine weibliche Hand für den Haushalt und will Gerede wegen eines „schlampigen Verhältnisses“ vermeiden. Doch nach und nach wird aus dieser Altersehe zarte Zuneigung und schließlich eine späte Liebe. Cromwell nimmt den verwaisten Rafe Sadler, ihn spielt Thomas Brodie-Sangster, als Mündel an. Er erkennt in dem jungen Mann nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch Potenzial, und das will er fördern, wie er einst gefördert worden ist. Und dann ist da Cromwells Liebe zu Hunden. Immer umgibt ihn einer. Sein Vater hatte seine vierbeinige Jugendspielgefährtin totgeschlagen, nur um das Kind Thomas zu peinigen. Nun sucht er lebenslang Ersatz für diesen Verlust. In diesen Szenen geht Mark Rylance trotz oder gerade wegen seines stoischen Gesichtsausdrucks ans Herz.

Auf Action hat Peter Kosminsky verzichtet. Er taucht sein Kammerspiel um die Macht in Licht wie von einem Vermeer-Gemälde. An historischen Drehorten herrschte kein Mangel, und so kann er der Welt der Höflinge eine gediegene, gemütliche Bürgerlichkeit gegenüberstellen, die zwar weniger Prunk, aber mehr Charme hat. Auch das zerstörte Castle Cawood, es existieren nur noch Pförtnerhaus und Banketthalle, wurde als Verbannungsort für den von Jonathan Pryce dargestellten Erzbischof Wolsey herangezogen.

Damian Lewis ist Heinrich VIII. optisch durchaus ähnlich. Und auch die Kostüme von Joanna Eatwell sind weitestgehend korrekt. Lewis gibt den in den Zwängen seines Amtes gefangenen Machtmenschen. Er belauert seine Opfer wie ein Löwe vor dem Sprung, er lächelt schelmisch, doch seine Augen sprechen eine andere Sprache. Wie er Stirn an Stirn mit Cromwell steht, weil dieser als einziger in seinem Umfeld nicht bereit ist, einen Meter von seinen Überzeugungen zurückzuweichen, dieses Zusammentreffen von Lewis und Rylance macht die Serie sehenswert. Fans des rothaarigen Londoner können sich freuen: In der Verfilmung tritt Heinrich wesentlich öfter auf als im Roman. Das ist logisch. Part braucht Gegenpart. Der wahre Cromwell hat seinen König mutmaßlich nicht so oft zu Gesicht bekommen.

Trailer, englisch: www.youtube.com/watch?v=5kT2lMkhldc

polyband.de

Wien, 22. 2. 2016