Glatt&Verkehrt: Die Highlights aus dem Programm

Juni 22, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Gerhard Polt und Erwin Steinhauer

Geyerhof Cedric Watson Trio. Bild: © 2014 Sascha Osaka

Geyerhof Cedric Watson Trio. Bild: Sascha Osaka

Am 1. Juli startet die diesjährige Ausgabe von Glatt&Verkehrt, und weil das Festival heuer sein 20-Jahr-Jubiläum feiert, geht das Programm erstmals ein ganzes Monat lang. Auch einen neuen Spielort gibt es: Das Eröffnungswochenende findet im malerischen Schaugarten der Arche Noah in Schiltern nahe Langenlois statt, die sich der Bewahrung alter Gemüsesorten und anderer Pflanzenraritäten verschrieben hat.

Die botanische Vielfalt des Ortes inspirierte kreative Köpfe aus Österreich, Slowenien und Italien: Das neugegründete Keos-Quintett, unter anderem mit Maja Osojnik, Lukas Kranzelbinder und den Strottern schloss sich eigens für Glatt&Verkehrt mit dem neapolitanischen Vokalensemble Trio Assurd  zum Projekt Cantata Viennapoli zusammen, das von Bodo Hell sprachlich und poetisch hinreißend eingeleitet wird. Entstanden ist ein einzigartiges musikalisches und literarisches Programm in einem einzigartigen Ambiente:  Elemente aus süditalienischen Vokal- und Tanz-Traditionen wie Pizzica und Tarantella treffen auf solche aus der slowenischen und Wiener Musik und werden mit großer Lust am Improvisieren vereint.

Ab 17 Uhr verteilen sich die Musiker im Schaugarten und bieten in kleinen, abwechselnden Besetzungen musikalische Einlagen. Zeitgleich stehen Mitarbeiter der Arche Noah an verschiedenen Punkten des Schaugartens bereit, um fachkundig alle Fragen rund um die hier angebauten botanischen Raritäten zu beantworten. Um 19.30 Uhr versammeln sich alle Musiker auf der Bühne zum gemeinsamen Konzert. Dazu gibt’s von der Arche Noah bietet Raritätenkulinarik, Wein und regionale Spezialitäten aus der Gartenküche von „freund von salzig“ alias Benjamin Schwaighofer.

Am 2. Juli folgt die nun schon traditionelle musikalische Schifffahrt durch die Wachau mit dem altehrwürdigen Schaufelraddampfer „Stadt Wien“. Nifty’s, die Donauwellenreiter und Zur Wachauerin präsentieren ein Programm aus Wiener und Wachauer Liedern über jiddischen Surf-Rock – ja, den gibt´s! – bis Kammerjazz mit Tango- und Balkan-Gewürzen.  Star-Trompeter und Artist-In-Residence Steven Bernstein hat eigens für die Jubiläumsausgabe seine Universal Melody Brass Band mit einem internationalen All-Star-Ensemble zusammengestellt und dazu auch vier Österreicher eingeladen.  Das Konzert ist eine Uraufführung.

Und am 3. Juli im Bio-Weingut Geyerhof in Oberfucha, einem Hof aus dem 16. Jahrhundert, nochmals mit erweitertem Programm zu erleben. Der amerikanische Trompeter, Komponist und Arrangeur gilt als ein Superstar abseits aller Konventionen und wird einiges aus seiner immensen Bibliothek der Arrangements neu darstellen, von Ellington bis Rota, von Jelly Roll Morton bis Sly Stone.

Erwin Steinhauer & klezmer reloaded extended. Bild: Hans Ringhofer

Erwin Steinhauer & klezmer reloaded extended. Bild: Hans Ringhofer

Gerhard Polt und die Well-Brüder aus'm Biermoos. Bild: HP Hösl

Gerhard Polt und die Well-Brüder aus’m Biermoos. Bild: HP Hösl

 

 

 

 

 

 

 

Erwin Steinhauer und klezmer reloaded extended gastieren mit ihrem aktuellen Hermann-Leopoldi-Programm „Ich bin ein Durchschnittswiener“ am 16. Juli in Spitz. Gerhard Polt & Die Well-Brüder aus’m Biermoos, Christian Muthspiel und das Ukulele Orchestra of Great Britain eröffnen am 27. Juli das Programm bei den Winzern Krems.

Nach dem Erfolg des Vorjahres findet ab 27. Juli auch die Musik unterm Marillenbaum – Live-Musik in der Sandgrube 13 der Winzer Krems samt kulinarischen Köstlichkeiten – ihre Fortsetzung. Heuer sind es unter anderem Carlos Malta, die Wiener Tschuschenkapelle, die Innviertler Wadlbeisser und Mitglieder des Gypsy Kumbia Orchestra, die akustisch und unverstärkt die Abende gestalten werden. Am 31. Juli schließlich findet in der Installation „Circuit03“ von Jeroen Vandesande im Klangraum Krems Minoritenkirche eine Klangkunst-Matinée mit Jeroen Vandesande & Robin Hayward statt.

www.glattundverkehrt.at

Wien, 22. 6. 2016

Alfred Komarek im Gespräch über „Alt, aber Polt“

September 10, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Noch einmal tut er sich die Schinderei nicht an

KOMAREK Alfred, SchtritstellerAm 10. September erscheint im Haymon-Verlag Alfred Komareks neuester Polt-Roman „Alt, aber Polt“. Der letzte der Reihe, wie der Autor betont. Der ehemalige Gendarmerieinspektor ist zwar schon im Ruhestand, aber deswegen keineswegs aus der Welt. Aus seiner Weinviertler Kellergassen-Welt, um genau zu sein, denn Polt ist jetzt selber unter die Weinbauern gegangen. Jeden ersten Sonntag im Monat lädt er zum geselligen Beisammensein in sein Presshaus. Dort plaudert er mit seinen Altersgenossen aus dem Dorf über den Wein und das Leben, verkostet das ein oder andere Achterl und trauert der guten alten Zeit nach. Nach einem dieser Sonntagstreffen wird der nächtliche Heimweg durch die Kellergasse unvermutet zu einem Schauspiel, das Polt gleichermaßen fasziniert und bedrückt. Als er tags darauf vom schrecklichen Ausgang dieses Spiel erfährt, steht er vor einem Rätsel, dessen Lösung er sich eigentlich nicht mehr zutraut. Aber Polt bleibt eben Polt: ein leidenschaftlicher Verteidiger der Gerechtigkeit, nicht zwangsläufig des Gesetzes – auch dann noch, wenn es wehtut und zum Fürchten ist … Eine Verfilmung des Buches von Julian Pölsler mit Erwin Steinhauer ist schon in Planung. Alfred Komarek im Gespräch:

MM: Die wichtigste Frage, da ja von einer Verfilmung auszugehen ist: Weiß Erwin Steinhauer schon, dass Sie ihm wieder einen Kater an den Leib geschrieben haben?

Alfred Komarek: Das weiß er und er ist sehr erfreut, weil der Grammel im Vergleich zum Czernohorsky ja ein kleiner Kater ist. (Er lacht.) Ja, es stimmt, der Film ist in Vorbereitung, das Drehbuch fertig. Regisseur Julian Pölsler und Erwin Steinhauer würden gerne im November schon drehen. Es gibt demnächst ein Gespräch mit dem ORF, ob das schon so schnell gehen wird.

MM: Das ist nun Ihr siebenter Polt-Band. Sie kommen wohl von einander nicht los?

Komarek: Obwohl wir es immer wieder versuchen! Wir wollten uns nach dem vierten Band eigentlich trennen, aber es gelingt uns nicht. Ich hatte nicht vor, weiter zu tun, aber der Polt ist so lebendig, der wohnt ja in Untermiete in meinem Hinterkopf. Und so hat er sich eines Tages, nach fünf Jahren Pause, wieder gemeldet und gefragt: Was ist, kann ich wegschauen, wenn im Dorf etwas passiert oder kann ich das nicht? So musste ich ihm Antwort geben – und es hat sich herausgestellt, er kann nicht.

MM: Polt ist jetzt 70. Warum darf er nicht alterslos sein wie viele seiner Ermittlerkollegen?

Komarek: Das geht nicht, weil auch die Gegend altern. Die Polt-Geschichten erstrecken sich mittlerweile über zwei Jahrzehnte, das Wiesbachtal und seine Dörfer haben sich in der Zeit grundlegend geändert, da pickt an Vielem die Jahreszahl, daher auch an den Figuren. Ich wollte nie einen Seriencharakter schreiben, sondern über einen Gendarmen in einem realen Lebensraum. Die Spannung im „Polt“ entsteht ja nicht aus Taten und Gewaltszenen, es passiert ja Null bis wenig, sondern aus der Anteilnahme an den vorkommenden Figuren. Wenn die nicht realistisch altern, wenn alles ewig gleich ist, dann ist das nicht spannend.

MM: Komarek und Polt, die „Rolling Stones“ der Literatur. Immer wieder geben sie die allerletzte Tournee 😉

Komarek: Also, im Gegensatz zu den Rolling Stones, höre ich jetzt definitiv auf. Auch, wenn’s weh tut. Und der Polt hört auch gern auf. Er hat ja diesmal schon widerwillig und nur aus Pflichtgefühl mit der Polizei gearbeitet. Weil es ihm nahe ging, dass da ein Mädchen gestorben ist und so viele dran Schuld sind. Er hat ja ein starkes dörfliches Bewusstsein und Gewissen, das hat ihn diesmal noch dazu gezwungen weiter zu tun. Aber jetzt ist’s Aus. Polt will endgültig mit Untaten aller Art nichts mehr zu tun haben, und ich tu mir die Schinderei auch nicht mehr an.

MM: Durch die Polt-Bücher weht traditionell die Melancholie. Dieses hier erscheint aber noch resignativer in seiner Sicht auf den Menschen. Eine Alterserscheinung?

Komarek: Was mich betrifft nicht. Ich habe die neuen Figuren, den Walter Grabherr, die Schauspielerin Mira Martell, den Ingenieur Seidl als unsympathisch bis mäßig sympathisch begonnen und sie sind mir immer netter geraten. Das zeigt doch, dass ich an das Gute im Menschen glaube. Das habe ich schon als Jurist. Der grauslichste Täter hat etwas Liebenswertes, und wenn’s ein zärtliches Hobby ist. Aber durch Polts Augen gesehen, ist schmerzhaft klar, dass seine Welt ein Auslaufmodell ist. Etliche seiner Weggefährten gibt es ja nicht mehr.

MM: Das bringen Sie diesmal in vielen Motiven ein: Die Moderne hält Einzug im Weinviertel. Und das sehen Sie als Wahl-Weinviertler auch in der Realität mit gemischten Gefühlen. Sind Sie ein Weinviertler im Widerstand?

Komarek: In gewisser Hinsicht ganz bestimmt. Ein Beispiel: Jetzt haben sie einen Polt-Wanderweg erfunden und wollten den mit einem hässlichen Prospekt mit irgendwelchen aufdringlichen Marketingmethoden bewerben. Da habe ich Nein gesagt, da spiele ich nicht mit. Also ist aus dem Prospekt ein liebes kleines Büchl geworden, das ich leider gratis schreiben hab’ müssen. Der einzige Komarek, den man nicht kaufen muss. Ein Begleiter für Wanderer und Radfahrer, bei dem man was über die Region und die Leut’, die da wohnen, erfährt. Mit Buchzitaten und Filmfotos. (Zu bestellen über info@pulkautal.at , Anm.)

MM: Apropos, Leut’: Zu denen gehört diesmal auch die Gruftie-Szene?

Komarek: Ich habe noch bei keinem Polt was draufgeschraubt, was es nicht gibt. Mir ist eine Gruftine zugelaufen, also habe ich recherchiert. Und tatsächlich einen Beinahe-Mord auf dem Friedhof entdeckt. Dazu habe ich meine Pulkautaler Vertrauensjugendlichen befragt, die haben gesagt, ja, so was, wie du schreiben willst, ist schon möglich bei uns. So kam’s also zur Gruftie-Szene in einem Polt-Roman. Mich hat dieses Jugendthema sehr berührt. Dieser Gruppendruck, dieses Außenseiterdasein des ermordeten Mädchens. Wer nicht dazu gehört, ist ein lebender Toter, sagt eine der Figuren. Ich bin der Bad-Ausseer-Lehrersohn, ich stand immer zwei Schritte außerhalb der Gruppe, ich kann mir dazu einiges denken. Heute sage ich, für einen Schriftsteller ist die Position ideal.

MM: Sie schreiben nicht nur Polt-Romane …

Komarek: Zuletzt habe ich mit János Kalmár ein Buch über „Schräge Vögel“ von Bodo Hell über Daniel Spoerri bis Otto Lechner, über faszinierend andere Lebensentwürfe gemacht. Zwei darin liegen mir besonders am Herzen: Marika Reichhold, die Frau Franzi, und die Clownin Martha Labil. Das ist das Schönste an meinem Beruf: Ich habe mit einer Arbeit dreizehn neue Freunde gewonnen. (Mehr dazu: www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/schrage-vogel-faszinierende-lebensentwurfe-679 , Anm.) Schade ist, dass es die Reisegeschichten, die ich früher für Zeitungen geschrieben habe, nicht mehr gibt. Ich wollte immer, dass die Leser nach einer Lektüre sagen, da kenn’ ich mich jetzt aus, da bin ich jetzt so gut wie Zuhause. Das was jetzt verlangt wird, mit Must-Sees und Do-Nots, ist nix für mich.

Buchrezension „Alt, aber Polt“: www.mottingers-meinung.at/?p=14662

www.alfred-komarek.at

Wien, 10. 9. 2015

Alfred Komarek: Alt, aber Polt

September 10, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ansichten einer verlorenen Welt

7177Er hat ein neues Fahrrad, ohne Herrenstange, weil’s so leichter ist zum Aufsteigen. Er hat, weil der Czernohorsky sich hochbetagt in eine schönere Welt geschnackselt hat, einen neuen Kater namens Grammel – ein Name, der teils der Fellfarbe, teils gewissen Charaktereigenschaften geschuldet ist. Siebzig ist er, und die Karin mit den Zwillingen Anna und Peter auf Schulwoche in London. Simon Polt ermittelt wieder. Unfreiwillig. Er sagt, dass Alfred Komarek das wollte. Alfred Komarek sagt, dass der Polt das wollte. Jedenfalls sind der Schriftsteller und seine Figur zum siebenten Mal zusammengekommen. „Alt, aber Polt“ heißt das Ergebnis. Und wenn die beiden versichern, dass das endgültig der letzte …, dann hofft man, dass es damit so ist, wie mit aller Sicherheit im Leben.

Der Polt ist also jetzt Drittel-Kirchenwirt und versuchsweise Weinbauer und Feinkost Habesam. Im Gemischtwarenmuseum ist er selber sein bester Kunde, hält Zwiesprache mit der von einem Ölgemälde streng herabblickenden Verblichenen und hält die Wochenendausflügler aus, die ihn und den Laden als Kuriosum fotografieren. Zwischen dem Friedrich Kurzbacher, dem Sepp Räuschl, dem Christian Wolfinger und ihm herrscht beim Weinvierteln immer noch güldenes Schweigen. Alles könnte so gut sein, wie es eben sein könnte, wenn nicht die Leiche einer jungen Frau im Wiesbach liegen würde. Ja, der Komarek ist unter die literarischen Mädchenmörder gegangen. Und der Brunndorfer Ex-Gendarm, das heißt: -Polizist, muss die Suppe auslöffeln, weil der ganze Landstrich seiner Kompetenz mehr vertraut, als der des neuen Zuagrasten – der sich übrigens auch an Polt wendet.

„Alt, aber Polt“ ist ein sehnsüchtig erwartetes Wiedersehen mit einer verlorenen Welt, die Menschen wie ihre Ansichten wie ihr Tonfall aus der Zeit gefallen. Liebevoll ist Komareks Blick auf seine mit satirischem Mundwerk ausgestatteten Panoptikumsbewohner, detailreich die Schilderungen ihres Biotops. Wobei’s nie so ist, dass Milieu vor Mord geht. Ganz Krimiautor legt der Autor unzählige Spuren aus. Von einer Dorfjugendbande über den Kameradschaftsbund bis zu, ja sogar, einem Pornodreh im Presshaus. Der Friedhof ist so rund um Allerheiligen, Allerseelen natürlich ein wichtiger Schauplatz. Komarek spinnt all diese Fäden gekonnt, und verfolgt dabei liebens- und unliebenswertes Anekdotenhaftes mit demselben Eifer wie die Krimihandlung.

Das Thriller-Moment ist: Die Moderne hält Einzug in der Kellergasse. Mit einem Event, das sich „Herbstzauber“ nennt; ein Weinbauer, der Eichinger, macht auf Edeltropfen, also quasi DAC, und hat sich als Verkostungs-Lokeischn eine Weinlauntsch gebaut. Seine Tochter, die Laura, wird tot gefunden. Ausgeherbstzaubert. Polt findet heraus, die Außenseiterin war wegen eben dieser Not ein Wanderpokal. Komarek, geborener Bad Ausseer, selbstgewählter Weinviertler, gibt der Beschreibung eines Mitmachzwangs, der am Land vielleicht stärker ist als in der Stadt, diesem Dazugehörenwollen, manchmal sogar –müssen, viel Raum. Dem Mitbürgermangel – der Bartl, der Brunner Karl, die Frau Habesam sind ebenso wehmütige Erinnerung wie ihre Filmdarsteller Otto Anton Eder, Hans Clarin und Monica Bleibtreu – begegnet er mit neuen Charakteren: Einer in der Selbstbehauptung berühmt gewesenen Wiener Schauspielerin (die Künstler zieht’s so gern an den Rückzugsort unter dem Manhartsberg, dass Wikipedia, kein Schmäh, eine „Liste bekannter Weinviertler“ veröffentlicht hat). Einem Ingenieur, dessen hehres Ansinnen, ehrlichen Wein aus alten Rebsorten zu machen, hart, aber herzlich wie die Region, doch nur ein umsatzgesteuertes Projekt, daher „neuzeitliche Realität“ ist. Beide natürlich schuldbeladen. Und dem neuen Postenkommandanten Walter Grabherr, der vermutlich weil er „im grellen Licht der Tatsachen“ ermittelt, kein Ermittlungserfolg beschieden ist. Komarek schildert die Figuren so plastisch, man besetzt im Kopf schon Schauspieler. Und ist dafür sicherlich entschuldigt, weil Julian Pölslers Filme mit Erwin Steinhauer halt zum Polt-Universum gehören. Hat Andrea Eckert eigentlich schon einmal mitgespielt?

Melancholie weht durch das angesagt abschließende Polt-Buch. Ein bissl sentimental darf sein. Und weil Wein bestimmt nicht von Weinen kommt, möchte man sich mit dem Brunndorfer Grußwort „Trink’ ma’ was!“ trösten. Die Lösung? Lauras Mutter bittet um „barmherzige Ungewissheit“, doch das kann der Polt nicht. Die Lösung ist einfach. Aber wann haben einfache Lösungen je geschadet? Ach ja, der in Verzweiflung dauerb’soffene Exkollege Priml und das ehemals Häusliche-Gewalt-Opfer, nunmehr Witwe Hahn hauen sich auf ein Packl. Das, siehe Absatz eins, schreit doch bitte nach einer neuen Geschichte …

Über den Autor:

Alfred Komarek, geboren 1945 in Bad Aussee, lebt als freier Schriftsteller in Wien, schreibt u.a. Reisereportagen, Essays und Erzählungen sowie Arbeiten für Hörfunk und TV (ORF, BR, HR). Zahlreiche Bücher, darunter mehrere Landschaftsbände, u.a. über das Salzkammergut, das Ausseerland, das Weinviertel, das Ötztal, die Lagune von Venedig. Kinderbücher und vier inzwischen verfilmte Kriminalromane um Inspektor Simon Polt. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Glauser-Preis für den besten Krimi 1998 und Romy für das beste Drehbuch 2002 (gemeinsam mit Julian Pölsler) für „Polt muß weinen“. Bei Haymon zuletzt erschienen: die Daniel-Käfer-Romane „Die Villen der Frau Hürsch“. Roman (2004, HAYMONtb 2014), „Die Schattenuhr“. Roman (2005), „Narrenwinter“. Roman (2006), „Spätlese“. Texte aus vier Jahrzehnten (2007), „Doppelblick“. Roman (2008), „Polt.“ Kriminalroman (2009, ausgezeichnet mit dem Goldenen Buch für über 25.000 verkaufte Exemplare), „Zwölf mal Polt“ (2011), „Polt – Die Klassiker in einem Band“ (2012), die Bände „Semmering“ und „Wachau“ in seiner Reihe „Österreich von innen“ (2012), bei Haymon Taschenbuch neu aufgelegt „Blumen für Polt“, „Himmel, Polt und Hölle“ und „Zwölf mal Polt“ (2013) sowie der neueste Polt-Roman „Alt, aber Polt“ im Hardcover (2015).

Haymon Verlag, Alfred Komarek: „Alt, aber Polt“, Kriminalroman, 184 Seiten.

www.haymonverlag.at

Alfred Komarek im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14665

Wien, 10. 9. 2015

Gerhard Polt: Und Äktschn!

Januar 31, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Arthouse Kino aus der Garage

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

Maximilian Brückner, Gerhard Polt, Robert Palfrader, Robert Meyer, Gisela Schneeberger, Prashant Prabhakar Bild: Filmbäckerei

„Die haben doch im Bunker auch improvisieren müssen.“ Genau. Was also sollte Vollamateur Hans A. Pospiech aufhalten, seine „Hitler privat“-Spieldoku zu drehen? Schließlich sieht er sich als Aufdecker à la Michael Moore. Ist wie das Vorbild kompromisslos der Wahrscheinlichkeit der Wahrheit verpflichtet. Und weiß: „Der Mensch stirbt, aber der Film bleibt.“ Ab 6. Februar haucht Gerhard Polt diesem letzten Kinosaurier, der sich über Wasser hält, indem er Zweite-Weltkriegs-Memorabilien aus dem Nachlass seines Vaters verscherbelt (pro Stalinorgel-Pumperer 50 Euro), in „Und Äktschn!“ Leben ein. Der jüngste Streich des bayerischen Vollkabarettisten kommt so amüsant-„amateurhaft“ daher – ein echter Pospiech eben -, so entschleunigt, so grenzenlos in seiner „Beschränktheit“, dass es die reine Freude ist. Ein Kultfilm über einen Film, der Kult werden muss. Arthouse Kino aus der Garage. Denn dort schnippelt Pospiech an seinem Meisterwerk.

Noch ein Hitler-Film also. Satire übers Dritte Reich sells. „Ich finde, man sollte Hitler nicht nur kaputt reden, sondern auch -spielen und -recherchieren“, sagt der britischösterreichische Regisseur Frederick Baker im Interview. „Der Mann las Karl May als Inspiration, wenn es um militärische Führung ging! Er schickte Winnetou-Ausgaben an seine Generäle an der Front. Hitler war ein richtiger Provinzler und ist es bis zuletzt geblieben. Die Wahrheit ist, je näher man an ihn ran kommt, desto provinzieller, absurder und witziger wird er. Humor ist eine wahre Wunderwaffe. Das wusste Hitler auch, denn auf Hitler-Witze stand die Todesstrafe. Auch im Namen aller, die für ihre Hitler-Witze starben, ist es wichtig, dass wir diese ‚wehrkraftzersetzende‘ Tradition fortsetzen.“ – „Frederick Baker, meinem Co-Autor und Freund wurde klar, dass zum Beispiel in dem Film ‚Der Untergang‘ auch unterging, wie so ein Mensch entstehen konnte. Das Alpha fehlte, nicht das Omega“, ergänzt Gerhard Polt mit tiefstem Ernst dazu. Nach der Lektüre der Bücher von Historiker Werner Maser habe er erkannt, dass er sein Hitler-Bild über Bord werfen könne: „Gänzlich neu war mir die Information, dass es sich bei Herrn Hitler anscheinend um einen durchaus sympathisch daherkommenden Mann gehandelt haben muss, der eindrucksvoll parlierend vor allem die Damenwelt der Münchner Gesellschaft entzückt hat und so in die ‚High Society‘ der Stadt gelangen konnte. Für mich ergab sich daraus der Verdacht, dass die sympathischen Zeitgenossen die oft gefährlicheren sind, weil sich ihnen die Wege leichter ebnen als ihren Kollegen, den Unsympathen.“

Den Gröfaz (größter Führer aller Zeiten, Frederick Baker liebt diese Abkürzung) spielt Volksopernchef Robert Meyer. Ein Schallplattenladenbesitzer, ein Laie, denn der Adolf Hitler war auch kein Profi. Große Kunst, wie Meyer mit „ungekünstelter Echtheit“ versucht, dem Original so wenig wie möglich nahe zu kommen. Man will dem Oarschloch schließlich kein Denkmal setzen. Pospiech-Polt lässt seinen Hauptakteur alle Qualen eines Darstellers wider Willen durchleiden. Und siehe da: Je unhitlerischer der zu werden versucht, desto ähnlicher wird er ihm. Wunderbar eine Konditoreiszene mit Gisela Schneeberger, in der Meyer eine Prrrinzrrregententorrrte bestellt. Darauf sie: „Aber Adi! Der Datschi is ganz frisch!“ So einen Hitler braucht der deutsche Film. Schneeberger, Polts wie immer kongeniale Filmpartnerin, mutiert als Wirtin Frau Grete zum Fräulein Eva Braun. Frau Grete ist nicht nur hinter der Schank eine, die weiß wo’s langgeht, sondern auch vor der Kamera. Mit strenger Hand und schriller Stimme dirigiert sie die anderen durch die Untiefen der Drehtage. Ein Kabinettstück der bayerischen Kabarettistin. Lobt auch Gerhard Polt: „Fred Baker und ich wollten visualisieren, mit welcher Hingabe Dilletanten das angeblich Seriöse zur Aufführung bringen. Wenn Gisela Schneeberger die Eva Braum spielt, kommt sie in ihrer Harmlosigkeit der geschichtlichen Person wahrscheinlich viel näher als andere noch so ehrenwerte Bemühungen.“

Harmlos ist an Polts Film eigentlich nichts. Nur versteckt hinter bayerisch-österreichischer G’mütlichkeit. Des bissl Alltagsfaschismus/ – rassismus. Die Erklärung, dass der indische Ober kein Neger ist, aber doch auch dunkel. Und trotzdem zum Goebbels geeignet, weil erstens: Bollywood und zweitens: Von denen stammt’s Hakenkreuz. Ja, das ist alles eh so bös‘ gemeint, wie’s klingt. Polt macht das Publikum durch In-die-Kamera-Sprechen zum Komplizen seiner Farce. Er befindet sich im Delirium der Dilettanz. Seine hingestotterten Halbsätze sind von einer Brillanz, die man ein Zeitl behirnen muss, um zu ihrem Kern vorzudringen.

Sein Ensemble ist auf Augenhöhe: Maximilian Brückner als fauler Neffe und Kameramann. Nikolaus Paryla als vor Ekel geschüttelter Cineast. Der Filmklubchef ist ein Naderer, „der Würstlverkäufer, der windige“. „Der filmt gegen die ganze Welt an“, fürchtet er sich vor Pospiech. Michael Ostrowski als schleimig-smarter Sparkassen-Filialleiter. Viktor Giacobbo als immer noch gestriger „historischer Berater“. Robert Palfrader als textloser „Bormann“ und Thomas Stipsits als osteuropäischer Handwerker. Beide haben zwar nur Kurzauftritte, aber vom Feinsten. „Dürft ich etwas sagen?“, fragt Palfrader-Bormann. Nein. Dafür Erni Mangold, die mit ihrem Foxl zum Blondie-Casting kommt. Weil, der ist eine starke Persönlichkeit, der spielt jeden Schäferhund. Als Pospiech doch auf Reinrassigkeit besteht, schimpft sie ihn Neonazi. „Obwohl, für an Neonazi san’S z’alt.“ Das alles ereignet sich zum verpopt-verfremdeten Wagner’schen Nibelungen Tod, Lichtstimmung: Ragnarök. Und geht in allgemeiner Hitlerei unter. Das 1000-jährige Reich darf sich jedenfalls als entlarvt betrachten. Das ist Gerhard Polts meisterliches Ver-Sprechen.

www.undaektschn.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FOcZCJcUmx4

Wien, 31. 1. 2014

Cornelius Obonya im Gespräch

Oktober 28, 2013 in Buch, Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Frag’ nicht, was das Theater für dich tun kann,

frag’, was du für das Theater tun kannst.“

C(R)ASH im stadtTheater Walfischgasse Bild: © Robert Polster

C(R)ASH im stadtTheater Walfischgasse
Bild: © Robert Polster

MM: Ihre aktuelle Theaterproduktion, „C(r)ash“ von Rupert Henning, läuft sehr erfolgreich im stadtTheater Walfischgasse. Sie spielen einen Cop, Officer Leroy Brooks, der, wie sich im Laufe des Abends herausstellt, durch die Finanzkrise alles verloren hat. Aber auch durch seine Antriebslosigkeit. Mein Kompliment an Sie als Schauspieler: Sie haben mich auf die Figur richtig wütend gemacht. Was waren Ihre ersten Emotionen zu Leroy – und haben Sie sich nach längerem Spielen verändert?

Cornelius Obonya: Beim Lesen war mir schon klar, dass sehr viel Selbstmitleid und Die-anderen-sind-schuld in ihm steckt. Was ich an Leroy aber mochte, ist, dass er versucht, auf etwas zu pochen: die Werte. Da können manchem die Grausbirnen aufsteigen. Zum Beispiel, ganz simpel: Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft und da sagt einer: Ich repariere es halt lieber, bevor ich es entsorge. Ich hämmere selber rum. Über die Jahre. Nun weiß ich aus eigener Erfahrung, wie leidvoll es sein, kann wenn man an einem Provisorium herumbastelt – und dann muss man’s erst recht von einem Profi reparieren lassen. Manchmal ist also das Neue ganz Okay. Was ich schön fand an Rupert Hennings Text, ist, dass die Krise ein Gesicht hat. So und so viele Leute entlassen. Government Shutdown. Auf der Straße ohne Geld weiter existieren, obwohl man glaubte, eine sichere Stelle zu haben, darum ging es. Verändert hat mich das schon, insofern, als ich durch diese Rolle unendlich ruhig geworden bin. Weil dieser Typ von Rupert so geschrieben ist. Ganz gegen meine Natur. Ich bin auch viel aktiver: Da ist etwas nicht in Ordnung, ergo mach’ ich was. Das kann Leroy nicht. Er ist ein reflektiver Mensch, der nicht aus seiner Haut kann. Verschiedene Züge sind an ihm vorbeigefahren, ohne, dass er’s mitbekommen hat, weil er an etwas festgehalten hat, das durchaus begrüßenswert ist, nämlich: Da ist ein Haus aus 1876, erbaut von meinem Urgroßvater mit seiner Hände Arbeit, da schau ich schon, dass ich’s erhalte. Der Punkt ist nur: Nicht um jeden Preis. Das ist die Geschichte der USA: Dieses Begreifen, dass the American Dream, the American Way of Live nicht mehr existiert. Teils selbstverschuldet, teils durch Einflüsse von außen. Da wird nix mehr „gut“. Die Welt hat sich zu sehr verändert. Diesen Ansatz von Rupert Henning fand ich sehr schön. Ich finde es gut, dass man den Knaben mag – aber nicht ganz …

 MM: Mit Claudia Kottal und Stefano Bernardin, den neuen Hausbesitzern, die Leroy „überfällt“, ergänzt sich in dieser Produktion ein wunderbares Trio.

Obonya: Stimmt. Wir haben uns auch vorher geprüft, ob wir zusammengehen, ob wir miteinander können, gut harmonieren. Wir haben uns auf der Bühne getroffen und gesehen, ob’s laufen kann.

 MM: Der philosophische Überbau des Stücks ist für mich der finanzielle Abstieg des „Mittelstands“ durch das (Nicht-)funktionieren der Welt an sich. Denken Sie auch manchmal an eine Runde von globalen Monopoly-Spielern, die die Welt manipulieren? Wie bei den „Simpsons“ die Runde der Republikaner im Dracula-Schloss.

Obonya: Ich glaube, es gibt die „berühmten“ großen Banken, die laut Medien immer böser werden, es gibt aber auch viele, die sich um die Anliegen der Sparer bemühen. Die für dieses playing around nicht zuständig sind, sondern, die sich auf das Kerngeschäft reduzieren und gar nichts am Hut haben mit Spekulationen, sondern versuchen, das Geld der Leute so zu verwalten, so zu vermehren, dass es sich im Rahmen hält. Wenn man angibt, kein „konservativer Anleger“ zu sein, ist es kein Wunder, dass vom Bürgermeister von Bad Reutelbach bis zur kleinen Sparerin alle irgendwann reinfallen. Andererseits: Geld hat jeder gern – und noch ist das keine Sünde. Aber der Umgang  damit ist der Knackpunkt. Ich habe dazu keine Fantasien, aber natürlich die Ängste, die alle haben. Im Sinne von: Ist das Geld, das ich da verdient habe, in einiger Zeit noch dasselbe wert? Soll ich’s vom Konto abheben und im Sparstrumpf aufheben, ist es dann dasselbe wert?

MM: Hat das mit Ihrem beruflichen Werdegang zu tun? Von der Sicherheit des – pardon – Burgtheaterbeamtenschauspielers zum freischaffenden Künstler? Haben Sie’s mit Blick auf den Sparstrumpf je bedauert?

Obonya: Nein. Und ich hoffe, ich muss das auch nie tun. Es ist ein großer Freiraum, natürlich auch etwas mehr Gefahr, den man sich da geschaffen hat. Als freischaffender Schauspieler muss ich von Projekt zu Projekt schauen, das es funktioniert. Aber im Endeffekt macht das mehr Spaß.

 MM: Mir hat vor kurzem jemand, der vom Fixengagement, vom Antichambrieren im Direktionsstock,  in die Selbstständigkeit gewechselt hat, gesagt: Das ist großartig. Ich komme überall auf einen Kaffee vorbei, man mag mich als Gast, und mit den Messerwetzereien, den Intrigen am Haus, habe ich nichts zu tun. Auch das ist ein Gewinn.

Obonya: Dem stimme ich zu. Ich bin ja auch an die Burg als Gast zurückgekehrt. Ich bin nicht einer von denen, der verzweifelt in den Terminkalender oder aufs Telefon starrt, wenn mal Pause ist. Natürlich hätte ich, wie viele Kollegen, dann Angst. Eine Pause ist nur gut, wenn man weiß, was dann kommt. Eine Pause von vornherein ist nicht lustig. Aber ich kann mich echt nicht beklagen, weil ich dann Sprecher für „Universum“ oder derlei Sendungen bin, das macht auch Spaß – und bringt auch ein bisschen Geld.

MM: Sie kennen den großen Apparat, die Sie kennen viele „kleine“ Maschinen. Die Vor- und Nachteile?

Obonya: Ich spiele wahnsinnig gern an der Burg – und genau so gern in der Walfischgasse. Da gibt es für mich als Künstler keine Unterschiede. Die Vorteile der großen Maschine sind, dass man unendlich viele Möglichkeiten hat, viele Ressourcen, aus denen man schöpfen kann, unendlich viele Menschen, die einem zuarbeiten, wenn es denn notwendig ist. Der Nachteil besteht darin, dass manchmal die Präzision, die Konzentration, die Achtsamkeit auf ein Ding verloren geht, weil man auf so vieles achten muss, weil so vieles unter einen Hut gebracht werden muss. Vorteil der kleinen Maschine ist, dass man fein, punktgenau arbeiten kann. Man hat in vielen Bereichen denselben Ansprechpartner, was manchmal gut, manchmal schlecht ist. Zum Glück ist meine Frau da eine gute Wählerin. Weshalb ich mit ihr gern an der Walfischgasse arbeite. Der Nachteil ist, man hat nicht so viel Geld. Man kann nicht sagen, ich will das oder das – und das ist dann am nächsten Tag da. Wenn ich Ihnen sagen würde, was das Bühnenbild von „C(r)ash“ gekostet hat, Sie würden lachen …

MM: Regt das Nichtvorhandensein von Ressourcen die Fantasie an?

Obonya: Nein. Die Fantasie muss in beiden Apparaten gleich funktionieren. Das ist meine Hausaufgabe. Dafür ist das Theater nicht zuständig, das würde ich auch grundsätzlich ablehnen. Schauspieler sind nicht gut, wenn sie glauben, dass der Apparat ihnen die Arbeit abnimmt. Ich kann mit einem Glöckchen, wenn ich es richtig handhabe, das große Glockenspiel erschaffen. Wenn ich aber ein großes zur Verfügung habe, warum nicht verwenden? Sagen wir so: Frag’ nicht, was das Theater für dich tun kann, frag’, was du für das Theater tun kannst.

MM: Eine schöne Überschrift für ein Interview.Sie schwingen als aktueller „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen die größte Glocke Österreichs. Wie war diese Erfahrung im ersten Jahr?

Obonya: Riesig. Es macht sehr viel Spaß, es war unendlich viel Zuspruch vom Publikum, das habe ich mir so nicht erwartet, um ehrlich zu sein. Bis auf vier Vorstellungen hatten wir immer Standing Ovations. Ich dachte bei „Cordoba“ so etwas erlebt man nur einmal im Leben, jetzt durfte ich es ein zweites Mal erleben. Das ist unglaublich, das nimmt man mit, ich werde den Sommer 2013 nie vergessen.

MM: Das ist die Rolle, mit der man Geschichte macht.

Obonya: Das geht einem im Kopf herum, das wär’ auch blöd, wenn’s anders wäre. Aber, um ehrlich zu sein, in dem Moment, wo der Lappen hochgeht, muss es wurscht sein. Ich kann’s nur so ehrlich spielen, wie ich’s eben kann. Wenn die „Bedeutung“ der Rolle nur irgendwo im Hinterkopf herumspukt, dann darf man sie nicht annehmen. Dass man damit in einer ewigen Torschützenliste landet, ist eh klar. Und ich finde das auch toll, wenn ich mir die Reihe meiner Vorgänger anschaue, ist es eine Ehre, da aufgenommen zu werden.

MM: Haide Tenner hat Ihre Lebensgeschichte bis dato in dem Buch „Kommen Sie bitte weiter vor“ (Amalthea-Verlag) aufgezeichnet. Ein doppeldeutiger Titel.

Obonya: Das ist in der Tat so. Das ist nämlich der erste Satz, der jemals auf einer Bühne zu mir gesagt wurde, bei meinem Vorstellungsmonolog am Reinhardt-Seminar. Ich hatte Mark Antonius’ zweiten Auftritt aus Shakespeares „Julius Caesar“ vorbereitet: Wofern ihr Tränen habt, bereitet euch, Sie jetzo zu vergießen. Diesen Mantel, Ihr kennt ihn alle; noch erinnr ich mich Des ersten Males, dass ihn Cäsar trug … Und wollte mit einem roten Samtumhang in den Armen „hochdramatisch“ von hinten an die Rampe schreiten und ihn aufsagen. Und da kam eine Stimme von unten: „Kommen Sie bitte weiter vor“ und zerstörte die ganze mir zu recht gelegte Theatralik. Ich weiß übrigens bis heute nicht, wer’s sagte.

 MM: In Ihrem Alter schon eine Autobiografie?

Obonya: Um Himmels Willen, nein, keine Autobiografie mit 44! So will ich das Buch nicht verstanden wissen …

 MM: Es ist über große Strecken ein theatertheoretischer Diskurs. Inklusive eines Nacktfotos im Planschbecken.

Obonya: Das gehört zu den Doppeldeutigkeiten (er lacht). Ich erzähle von dem, von dem ich etwas verstehe, dem Beruf des Schauspielers. Das ist mir wesentlich wichtiger als alles andere. Für wen das von Interesse ist, der wird Spaß haben am Lesen. Privates bleibt privat. Wir haben’s auch in Salzburg die Society-Begleiterscheinung auf das notwendige Minimum geschrumpft. Das bin nicht ich, der Schnittlauch auf jeder Suppe. Ich bin kein Society-Mensch, das ist nicht meins.

MM: Sie erzählen aber von Ihrer Frau, Carolin Pienkos, die Regisseurin, mit der Sie nach Andrea Breth am längsten zusammenarbeiten, die auch „C(r)ash“ inszeniert hat. Sie erzählen, dass Sie beim Text lernen ein Küchendielenkaputttreter sind, weil Sie ständig auf und ab laufen … Wie arbeitet Frau Pienkos?

Obonya: Ruhig und besonnen am Schreibtisch. Für mich völlig unverständlich, diese Kontemplation, diese Stille. Ich habe übrigens noch keine Diele zerstört, meine Frau fürchtet nur immer, ich laufe einmal einen Graben in den Fußboden. Vielleicht ist diese vorweggenommene Anschuldigung ein Grund, warum ich Text am liebsten alleine lerne.

MM: Keine Lust, einmal selber etwas zu schreiben? Das Aufdeckerbuch!

Obonya: Ich kann nicht schreiben, dazu fehlt mir der lange Atem. Vielleicht einmal in meinen 70ern, wenn ich mit dem Theaterspielen aufhöre. Aber sicher kein Aufdeckerbuch; ich decke nur mein Bett auf, zwei Mal täglich, morgens und abends.

MM: Sie sind derzeit auch wieder am Drehen.

Obonya: Ich habe einen „Polt“ abgedreht. Den fünften Teil, eine Fortsetzung nach zehn Jahren. Darin spiele ich einen Polizisten – schon wieder, offenbar hat das mit meinem Ausg’schau zu tun, offenbar sieht man in mir irgendwo „Law and Order“ -, der wegen seiner Sauferei entlassen wird. Ich habe diese Figur sehr lieb gewonnen und hoffe, dass sie weiterlebt, wenn Alfred Komarek weiterschreibt. Ich habe auch das erste Mal mit Julian Pölsler zusammengearbeitet – eine gute Erfahrung, die Spaß gemacht hat. Im Moment drehe ich einen Film über eine Hebamme im Jahr 1799. Ich spiele einen Marburger Richter. Ansonsten freue ich mich auf eine wohlverdiente Pause. Das heißt, ich mache natürlich „Alpenkönig und Menschenfeind“ an der Burg und „C(r)ash“, aber sonst habe ich keine weiteren Pläne. Nichts Konkretes bis zum Frühjahr, aber das ist noch nicht zu nennen.

MM: Im besten Sinne des Wortes: Ist Ihr Theaterbegriff konservativ?

Obonya: Haha, die Frage ist nicht unlustig. Ich hasse zum Beispiel den Begriff „well-made“ zutiefst, das ist ein Begriff, der sich in die Köpfe hineingefräst hat. Ich mache auch gern ein Stück, das nur mit Handzeichen arbeitet, nur mit textlichen Andeutungen, hab’ ich auch schon gemacht, aber das will gut gemacht sein. Das können nicht alle. Ich habe mit Jan Lauwers gearbeitet, der eine sehr eigene Theaterhandschrift hat … Wenn Sie mit konservativ meinen, dass ich dem Publikum gern das geben möchte, das es verdient hat, wofür es Geld zahlt, nach einem harten Arbeitstag, nämlich eine Geschichte erzählt zu bekommen, nicht mehr und nicht weniger, dann sage ich: Ja, da bin ich gerne konservativ.

www.corneliusobonya.com

stadtTheater Walfischgasse: “C(r)ash”/Rezension: www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid

„Der Alpenkönig und der Menschenfeind“: www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=1432679&repertoireView=true

Salzburger Festspiele: www.mottingers-meinung.at/tag/jedermann

„Kommen Sie bitte weiter vor“: www.amalthea.at/index.php?id=10&showBookNr=8452

Trailer: www.youtube.com/watch?v=IMV4wxK_vYI&list=UU5EefdIu_gU5xN5j7MTNUhQ&feature=player_embedded#t=0

Wien, 28. 10. 2013