Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf im Gespräch

September 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ganymed Dreaming“ im Kunsthistorischen Museum

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf Bild: wennessoweitist

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf
Bild: wennessoweitist

Mit „Ganymed Dreaming“ startet das Theaterkollektiv wennessoweitist ab 23. September das nächste große Projekt im Kunsthistorischen Museum. Regisseurin Jacqueline Kornmüller und Lebens- wie Bühnenpartner Peter Wolf setzen diesmal den besonderen Schwerpunkt auf Musik. Sieben musikalische Kompositionen und sechs literarische Texte, inspiriert von Meisterwerken der Gemäldegalerie, werden direkt vor den Gemälden aufgeführt und eröffnen so neue Sichtweisen auf Alte Meister. Schauspieler, Musiker und Tänzer erwecken die Bilder zum Leben. Mit dabei: Star-Sopranistin Angelika Kirchschlager, Burgtheaterschauspielerin Sylvie Rohrer, Pianist Marino Formenti und Die Strottern. Ein Gespräch mit Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf über „Ganymed“, Flüchtlinge und Theater, das politischer Widerstand ist:

MM: Nach „Ganymed Boarding“ und „Ganymed goes Europe“ ist „Ganymed Dreaming“ das dritte Projekt der Reihe. Entwickelt sich „Ganymed“ zur Marke?

Peter Wolf: „Ganymed“ hat eine bestimmte Bekanntheit erreicht, ja. Aber es ist keine Marke, denn Coca Cola schmeckt seit 40 Jahren gleich. Wir versuchen immer etwas Neues zu entwickeln, es soll sich immer weiter streuen. In alle Richtungen. Entstanden ist die Idee in Hamburg. Wir haben ein Buch des Dichters Mark Strand in die Hand bekommen, der über die Gemälde von Edward Hopper geschrieben hat. Wir haben damit herumexperimentiert – und sind so auf die Idee gekommen: Wenn man über Bilder assoziiert, erschließt sich das Gemälde neu. Wir haben dann ein Museum gesucht, das mit uns arbeiten würde. Es war in Wien das Kunsthistorische Museum. Sabine Haag hat es ermöglicht – nun schon zum dritten Mal. Die Ausformulierung erfolgt diesmal mit Musik, Tanz und Schauspiel. Es gibt 13 Stationen.

MM: Diesmal geht es um die Schönheit und Gewalt der Träume. Es ist mehr Musiktheater als bisher. Inwieweit haben die Künstler Mitsprache- und Auswahlrecht?

Wolf: Das Thema Träume ist inspiriert von einem Film Akira Kurosawas, „Yume“, der die ganze Bandbreite an Träumen zeigt. Die Tänzerin Maria Teresa Tanzarella führt seit drei Monaten Traumtagebuch und wird danach ihren Beitrag gestalten, erzählen und tanzen. Der Künstler hat volle Verantwortung für seine Station. Beispielsweise Angelika Kirchschlager geht mit Jacqueline Kornmüller durch die Gemäldegalerie, schaut sich mal grundsätzlich die Bilder an, sieht ein Frauenporträt und sagt: Die sieht ja aus, wie Putin. Das nimmt Jacqueline Kornmüller auf, fragt Martin Pollak, ob er eine Art Rede für Putin schreiben könnte. Johanna Doderer vertont das Ganze. Und weil Angelika Kirchschlager einmal Schlagwerk studiert hat, hängen wir ihr einen großen chinesischen Gong dazu. Um das einmal zu beschreiben: So entwickelt sich eine Station.

MM: Sie selbst machen „Der beste Ort auf Erden“, ein Text von Viktor Martinowitsch vor „Alter Mann am Fenster“ von Hoogstraten.

Wolf: Martin Pollak hat uns bekannt gemacht. Martinowitsch ist ein außergewöhnlicher Mensch, eine große Begabung in der europäischen Literatur. Er hat eine sehr schwierige Situation ist Weißrussland, wo ihm das veröffentlichen verboten ist. Er hat das fantastische, überbordende Buch „Paranoia“ geschrieben, das ich in einem Atemzug mit Houellebecqs „Unterwerfung“ nennen möchte. Wir haben ihn gefragt, ob er für „Ganymed“ einen Text beisteuern möchte. Es ist eine wahnsinnig schöne Geschichte geworden, in der er seine Lebenssituation, seine Ängste umlegt auf ein Glücksthema. So eine schöne Arbeit habe ich seit Längerem nicht gemacht.

MM: Dann gibt es die „Lampedusa“-Station von Esther Balfe und Emmanuel Obeya zum „Traum des Hl. Josef“ von Daniele Crespi …

Wolf: Jacqueline hat sich diese Station ausgedacht. Es geht um Flucht. Das Thema verfolgt uns künstlerisch seit fünf, sechs Jahren. Aber es wird sehr anders, als man sich es vielleicht denken möchte.

Jacqueline Kornmüller: Es war mir ganz wichtig, dass das Thema Flucht hier vorkommt. Von sich aus ist keiner der Künstler auf das Thema zugegangen, so habe ich den heiligen Josef ausgesucht und Emanuel Obeya kennen gelernt. Er ist ein fantastischer Tänzer und Leadsänger der Sofa Surfers. Er hat ein Lied geschrieben über das Gefühl der Scham eines Flüchtlings, ein Gefühl, das ganz schwer abzuschütteln ist. Es geht um die Frage, wann hört ein Flüchtling auf, Flüchtling zu sein und wird Einwanderer und wird sogar Mitbürger. Wann darf er den Flüchtlingsstatus abschütteln? Seine Frau tanzt daneben in einem goldenen Kleid – sie ist der Blick des Westens auf das, was da auf uns zurollt.

MM: „Das was da auf uns zurollt“ haben Sie in anderen Projekten wie „Die Reise“ (www.mottingers-meinung.at/?p=1313) und „fly ganymed“ (www.mottingers-meinung.at/?p=860) schon vorweggenommen. Haben Sie prophetische Eingebungen?

Kornmüller: Mir erschien die Situation eben damals schon sehr brisant. Heute ist es viel schlimmer, heute würde ich ein Stück machen über die Menschen, die auf der Flucht sterben, eine verschärfte Form, die von den Toten erzählt. Denn viele lassen wir im Stich. Natürlich kommen auch viele zu uns durch – und da finde ich es fantastisch, wie ihnen geholfen wird. Es gibt das andere Europa, ganz viele Menschen, die ihre Türen öffnen, die dringend Notwendiges zum Westbahnhof tragen …

Wolf: Ich bin überzeugt davon, dass „Die Reise“ einen Teil der Stimmung in der Stadt verändert hat. Aber der künstlerische Weg läuft nicht gleich mit politischen Entwicklungen. Manchmal sieht man etwas voraus, manchmal bewegt man sich auch fernab der politischen Diskussion, weil einem das die Intuition sagt.

MM: Sind die Menschen den Politikern im Kopf voraus?

Kornmüller: Empathisch auf jeden Fall. Die Grenzen dicht machen, das sind für mich hilflose Schritte. Man muss nach vorne losgehen, man muss seine Fantasie anstrengen, überlegen, was man jetzt machen kann. Ich glaube, da gibt es ganz viele Lösungen, auf die man gemeinsam kommen kann. Das Letzte, was man machen sollte, ist sich abschotten. Das geht nach hinten los. Das wird uns auch auf Dauer nichts bringen. Nein, wir müssen uns öffnen. Juncker muss sich durchsetzen und Europa überzeugen, Flüchtlinge in viel größerem Maße aufzunehmen, als es bisher passiert. Ich glaube, er schafft das.

MM: Ihr Engagement entstand auch durch die Begegnung mit Ute Bock.

Wolf: Wir haben direkt im Haus daneben gewohnt, haben täglich die Traube von Menschen gesehen, die in ihr Büro wollten, haben uns gewundert was das ist – und sind reingegangen. Ute Bock ist ja sehr erzählfreudig und hat uns alles genau erklärt. Das hat sich uns ein Thema, das uns bis dato nicht so sehr nahe gegangen ist, erschlossen. Wir haben drei Jahre bei ihr Postdienst gemacht und erkannt, wie wichtig die Arbeit ist und wie weit sie geht. So ging das los.

MM: Sie haben so Menschen, die in Österreich Zuflucht gesucht haben, kennengelernt. Was kann unsere Gesellschaft von ihnen annehmen, was können sie uns geben?

Kornmüller: Ich habe mit Menschen aus Somalia und Syrien in drei Werkstätten gearbeitet: Fahrrad, Tischlerei, Nähen. Da kam ein unglaublicher Reichtum, Ideen, auf die wir nie gekommen wären. Die Menschen sind liebevoll, bringen neue Geschichten mit zu uns – und sie können Partys feiern. Ich bin am Ende des Tages immer glücklich nach Hause gegangen. Flüchtlinge sind nicht so „unglaublich fremd“. Sie haben die gleichen Sorgen wie wir, sie wollen ihre Familien ernähren und ein gesellschaftliches Leben führen. Sie müssen sich in Österreich immer wieder gegen eine Form von Rassismus wehren, aber momentan habe ich ein gutes Gefühl. Es ist alles auf einem guten Weg. Die Politiker, die auf diese Angstschiene setzen, deren Wahlkampf wird als Schuss nach hinten losgehen. Diese Politiker stemmen sich gegen etwas, das derzeit in der Bevölkerung passiert – Solidarität.

Wolf: Das ist ein Projekt, dass Jacqueline in der VinziRast von Cecily Corti entwickelt hat, es nennt sich VinziChance. Die Arbeit hatte Pole. Es war auch emotional sehr aufwühlend. Es wurde uns da so klar, wie das attische Ideal von Theater ist. Die Theater, die wir haben, sind, bei aller großer Qualität der Aufführungen, Amüsierbuden für Großbürgerliche. Das Theater meint aber auch etwas anderes, es ist auch eine pädagogische Lehranstalt, ein Ort, wo Gesellschaft sich bespricht. Theater ist die große Chance der Gesellschaft, sich zu bewegen. Wir haben in Lunz gearbeitet, das Projekt „Die Wahl“ gemacht. Fünf Jahre war es ein Hin- und Herziehen, die Lunzer waren sehr zögerlich, aber dann haben alle mitgemacht, sich besprochen, ob ein Asylwerber sich eine Wohnung nehmen darf oder nicht. Tatsache ist, dass nun, fünf Wochen nach dem Projekt, die erste syrische Familie eine Bleibe gefunden hat. Das ist das Wesentliche: Theater ist der Besprechungsort des Volkes.

MM: Theater als Ort der gesellschaftspolitischen Veränderung?

Kornmüller: Das ist ganz wichtig und es wird mir immer wichtiger. Meine Inszenierungen waren nie unpolitisch, aber je älter ich werde, desto wichtiger wird mir Theater als Ort, an dem es um politische Statements geht. Ich finde, es ist wichtig, dass Künstler politisch Stellung beziehen. Es gibt so viele Angsthasen unter den Künstlern und das nervt mich eigentlich. Da verschanzt man sich hinter einem Stück und hinter einem Text und sagt, die Interpretation allein muss uns schon genügen, und im Publikum weiß keiner, was gemeint ist. Das ist mir nicht deutlich genug. Kultur muss konkret werden, unsere Welt braucht konkrete Lösungsansätze. Beim Film schafft man das schon lange, beim Theater ist es höchste Eisenbahn. Beim „Weltdorf“ beim Forum Alpbach hatte ich wieder einmal das Gefühl, wir sind am Kern. Wir haben die Teilnehmer körperlich, als prozentuale Masse, erfahren zu lassen, wie ungleich Geld auf dieser Welt verteilt ist, was es heißt, Analphabet zu sein. Das haben wir mit ihnen gespielt.

Wolf: Das war eine schöne Anregung, man könnte auch sagen: Provokation. Wir wollen Leute anpieksen. Immer mehr. Das Spielen ist schön, ich habe in Deutschland viele große Rollen gespielt, aber Leben bedeutet, dass man Einfluss nimmt. Ob ich jetzt Schauspieler, Musiker oder Gärtner bin, man muss es versuchen. Das ist auf jeden Fall wichtiger, als den 500. Hamlet zu spielen.

MM: Hauptberuflich Denkanstoßgeber?

Kornmüller: Naja, das machen viele. Wir versuchen es halt auch.

MM: Wie weit ist „Ganymed Dreaming“ die Möglichkeit, in hochkulturellem Rahmen mit den hochkulturellen Mitteln klassischer Musik und Tanz die Themen zu transportieren, die Ihnen wichtig sind?

Kornmüller: Die sind in den Bildern eingeschrieben: Lynchjustiz, Mord, Totschlag. Das ist in fast jedem Bild drin. Und die familiären Themen, die Liebe. Die Künstler nähern sich den Bildern schon auf radikale Weise. Nicht jedem ist das Recht. Manche sagen, das Kunsthistorische Museum ist eine Kirche, hier sollte so etwas nicht passieren. Unser Ansatz ist, dass durch das Projekt eine Lebendigkeit, eine Forschheit, eine Inhaltstiefe reinkommt, die dem Raum eigentlich gut tut. Wir haben gemerkt, dass das Projekt sich sehr verändern kann. Das ist toll. Wir bauen mit den Strottern eine Szene, die mit Musik beginnt und fast clownesk endet. Mit einem Sprung ins Nichts. Klemens Lendl und David Müller machen das eins zu eins auf sich bezogen und sind doch ganz beim Bild „Opfertod des Marcus Curtius“ von Veronese. Da ergeben sich sehr schöne Konstellationen. Das Bläserensemble Federspiel hat sich die „Hirschjagd“ von Lucas Cranach vorgenommen, die treiben die Zuschauer durch den Saal und schlachten musikalisch einen Hirsch. Was wir diesmal präsentieren können, eröffnet dem Publikum ganz neue Sichtweisen auf die Bilder.

MM: Haben Sie Berührungsängste?

Wolf: Nein, das gesellschaftliche Leben, das wir haben, ist auch das, das wir verdienen. Wie Cecily Corti sagt, ich kann sehr wohl als einzelner einwirken, dann wird sich auch was ändern. Bis dahin ist das, was an Gesellschaft vorhanden ist auch das, womit ich leben muss.

Kornmüller: Ich habe keine Berührungsängste. Ein Mensch ist ein Mensch. Wir haben ein sehr unterschiedliches Publikum. Zu uns kommen Leute aus den unterschiedlichsten Ecken, Studenten, Kinder, viele, die einen Pass von „Hunger auf Kunst und Kultur“ haben, viele, die Stammbesucher des Kunsthistorischen Museums sind. Das ist eine gute Mischung. Die Leute haben viel Freude miteinander und aneinander. Die Leute kommen gerne in unsere Projekte, weil sie da auf andere treffen, mit denen sie sonst keinen Abend teilen. Es sind die kleinen Schritte, die kleinen Gesten, die uns zusammenführen. Ich finde es gut, wenn Bundespräsident Heinz Fischer nach Traiskirchen fährt, traurig nur, dass es dazu eines Amnesty-International-Berichts bedurft hat. Da wundert man sich schon, warum von sich aus keiner nachschauen geht. In Traiskirchen ist eine private Sicherheitsfirma schwer überfordert. Die scheinen’s nicht zu packen. Man müsste sie von ihrer Verantwortung entbinden. Wäre das bei Siemens oder am Burgtheater, dass jemand einen schlechten Job macht, dann wird er rausgeschmissen. In Traiskirchen müssen neue Lösungsansätze her, so wie es ist, kann’s nicht bleiben.

MM: Ist die Würde des Menschen antastbar?

Wolf: Das ist eine der Fragen, über die jeder einmal nachdenken sollte. Grundsätzlich, ja. Aber ich bin immer für das positive Bild. Und daher sehr dankbar für die derzeit so positive Stimmung der Menschen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele vernünftige Menschen in Österreich gibt. Da hört man plötzlich im Fernsehen einen Polizeihauptmann, der „normale“ Sätze sagt! Ich finde, das straft alle anderen Lügen. Das wird sich auch schnell wieder ändern, fürchte ich. Wenn es so bliebe, könnten wir vielleicht aufhören, Theater zu machen.

MM: Bis es soweit ist 😉 : Wo wollen Sie sich als nächstes einmischen?

Kornmüller: Da geht uns einiges im Kopf um. Auch darüber, wie wir uns als Kollektiv verändern müssen. Für mich ist wichtig, dass wir nicht festfahren, dass wir nicht wieder in die konventionelle Schiene reinkommen. So gerne ich manchmal an einem festen Theater arbeiten würde, so sehr muss ich mir dann immer wieder sagen, lass’ es bleiben, bleib’ auf diesem freien Feld, auch wenn es schwer ist, dafür Finanzierungen aufzustellen. Was Themen betrifft, gehen sie uns nicht aus. Ganz vorne natürlich, dass Europa Einwanderungsland wird. Die Begegnung mit der Angst wäre für mich auch ein großes Thema.

Wolf: Wenn wir theatrale Kunst machen, dann soll es immer mehr Richtung politischer Widerstand gehen. Es ist nicht in Ordnung, wie wir uns in Europa verhalten. Wir haben Möglichkeiten und man muss daran arbeiten, dass diese Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Das ist der Motor aus dem heraus wir Theater machen. Wir versuchen immer wieder Formen zu finden – und „Ganymed“ ist dafür eben ein wunderbar bewegliches Tool.

MM: Wie würden Sie dem Publikum empfehlen, „Ganymed Dreaming“ anzugehen?

Wolf: Wir haben diesmal sehr darauf geachtet, dass man alle 13 Stationen an einem Abend sehen kann. Meine Empfehlung ist, sich für den Eindruck Zeit zu nehmen.

MM: Sie waren mit „Ganymed“ auch in Ungarn, haben sogar einen Kritikerpreis bekommen.

Wolf: Ich bin sehr froh, dass wir dort waren, weil ich nun weiß, dass es auch das andere Ungarn gibt. Nicht nur das des Herrn Orbán. Es gibt ein wundervolles, reiches Ungarn, das voll innerer Schönheit ist. Jetzt hätte es keinen Sinn, ein Projekt wie unseres zu machen. Die Sache hat sich zu verroht. Wir haben viele Freunde in Ungarn, die darüber sehr unglücklich sind.

www.khm.at/ganymed-dreaming/

www.wennessoweitist.com/

Wien, 16. 9. 2015

Theater in der Josefstadt: „Wie im Himmel“

November 8, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Titel ist Programm

Thomas Mraz (Holmfrid), Peter Scholz (Arne), Alma Hasun (Lena), Christian Nickel (Daniel Daréus), Therese Lohner (Siv), Sona MacDonald (Inger), Christian Futterknecht (Erik), Matthias Franz Stein (Tore) Bild: © Erich Reismann

Thomas Mraz (Holmfrid), Peter Scholz (Arne), Alma Hasun (Lena), Christian Nickel (Daniel Daréus), Therese Lohner (Siv), Sona MacDonald (Inger), Christian Futterknecht (Erik), Matthias Franz Stein (Tore)
Bild: © Erich Reismann

Denn „Wie im Himmel“ fühlt man sich tatsächlich. Das Theater in der Josefstadt zeigt Kay Pollaks oscarnominierten Film als Bühnenfassung – und beweist damit einmal mehr, was nicht mehr bewiesen werden muss: Dass das Haus über ein wunderbar harmonisches, bei dieser Produktion in doppelter Bedeutung: über ein im Einklang stehendes Ensemble verfügt. Auch Regisseur Janusz Kica und der für die Musik zuständige Komponist Kyrre Kvam sind ganz in ihrem Element. Der im Text beschworene „Grundton“ stimmt. piano bis mezza voce. Ohne, dass die Dynamik zu kurz kommt. Poetisch lyrisch, wenn zu Beginn Schneeflocken den Vorhang aufwehen, wenn der von einem Herzinfarkt aus der Laufbahn geschleuderte Dirigent Daniel Daréus in Unterwäsche in Embryohaltung da liegt. Einer, der neu geboren werden will, und auf diesem Weg Hebamme für eine Kleinstadt, für eine ganze Gesellschaft ist. Und dafür sforzato mit Gewehr, Axt und Fäusten bedroht wird. Da wird der Klang spröde, splitterig, steinhart. Dorffriede? Von wegen.

Christian Nickel spielt den Daniel. Ein Glück. Nickel kann von Geige bis Klavier sein musikalisches Talent ausleben – und erstmals auch einen Chor dirigieren. Der „Chor im Hemd“, musikalische Leitung: Andreas Salzbrunn, unterstützt die Josefstädter. Nickel rührt ans Herz, das seine Rolle bis zum Umfallen erschöpft hat. Was im Film Rückblende ist, erzählt er: seine Kindheit, der verspottete „Daniel mit der Fiedel“, seine von seinem Genie überzeugte und es fördernde Mutter, eine nicht mehr unter uns weilende, dennoch omnipräsente Figur, Grausamkeiten, die einen Bratscher in den Freitod trieben – der Perfektionist erwaretet auch von anderen Perfektion, Blitzlichtgewitter über dem Star, seine Rückkehr ins Heimatdorf. Warum? Er weiß er selber nicht. Und gerät als neuer Kantor des Kirchenchors in eine Spirale von Intoleranz, Verklemmtheiten, ständig läutenden Handys (diesmal auf der Bühne, nicht im Zuschauerraum) und Eifersucht – von den Männern wegen der Frauen; von den Frauen wegen Sex. Kica lässt statt Überblendungen mehrere Szenen gleichzeitig auf der Bühne zu: Vergangenheit – Gegenwart – erträumte Zukunft. Alte Freund- und Liebschaften brechen auseinander, neue entstehen . Doch was Daniel immer wollte, gelingt ihm schließlich: die Herzen des Publikums zu öffen. Der Preis dafür, ein Menschenleben.

In alto i nostri cuori. Sono rivolti al Signore.

Sursum corda. Habemus ad Dominum.

Die großartigen Spieler mit und Gegenspieler von „Daniel“ Christian Nickel sind: Peter Scholz als Arne, geschäftiger, geschäftsmäßiger Autotandler, wie seine Zunft es vorschreibt ein sympathisches Schlitzohr, der für den Chor große Pläne hat – Gesangswettbewerb im Wiener Konzerthaus! Thomas Mraz als sein von ihm verlachter Angestellter „Fettsack“ Holmfried, eine sensible Darstellung eines Außenseiters, der seinem Boss am Ende sagt: Ich vergebe dir. Der noch größere Außenseiter, „Dorftrottel“ Tore, der nach Daniels Gebot: Jeder der mitsingen will, darf, plötzlich Mitglied des Chors sein will. Eine glanzvolle Talentprobe von Matthias Franz Stein, der nicht in die Ich-spiele- einen-geistig-Behinderten-Falle tappt, weder zuviel noch zu wenig macht, sondern einfach liebenswert ist. „Erik“ Christian Futterknecht, der „Florence“ Maria Auersperg spät, aber doch seine Liebe gesteht. „Gabriella“ Maria Köstlinger, die von ihrem Mann „Conny“ Oliver Huether geprügelt wird. Köstlinger ist die zweite „Hauptrolle“ des Abends. Wie ihr der Chor Selbstbewusstsein gibt, wie sie sich emanzipiert, wie sie ihre Kinder nimmt und geht. Natürlich singt sie auch „Gabriellas Lied“. Trotzig. Schön. Vor der Pause. Furchtbar. www.youtube.com/watch?v=u2Vr1ODCUag Mit in alle Richtungen davongelaufener Wimperntusche in den Stäußelsälen aufzutauchen. Conny wird von ihr ablassen, als er ihren Halt in der Gruppe erkennt, er wird in Handschellen enden. Huether mit Tränen in den Augen. „Olga“ Maria Urban, die sich von Siv nicht mehr deren Willen aufzwingen lässt. Therese Lohner ist eine prächtige bigotte „Betschwester“, die die verdorbenen Sitten im Chor – einer liegt auf des anderen Bauch und horcht auf dessen Atmung! – anzeigen MUSS. Das hat was von Hexenjagd, auch wenn ihr Busen nach Daniel bebt. Verlangen ist eine Sünde. Weswegen sie „Lena“ Alma Hasun, ganz junges Ding und Daniels romantic interest, beim Pfarrer denunziert. Der, „Stig“, Michael Dangl, ein Unsympath, wird von Daniels Bewunderer zum größten Gegner. Innerlich versteinert, weil er glaubt, dass Gott das von ihm verlangt, sieht er seinen Einfluss über seine Schäfchen schwinden. Selbst in der Frisur zeigt sich der Gegensatz der beiden: Daniels weiche Locken vs. Stigs zur Haifischflosse gegelter Hinterkopf. Ausgerechnet seine Frau, „Inger“, Sona MacDonald, die dritte Protagonistin, ist die einzige Freidenkerin im Ort. Sie liebt Stig und will wieder geliebt werden, körperliche Hingabe, ein wenig Ekstase für den Hausgebrauch inklusive. Doch der ist nur in seinem Benehmen steif. Bei einem ausgelassenen Fest, bei dem Köstlinger Klavier, Futterknecht Schifferklavier und Scholz Stromgitarre spielen, verrutscht ihr das Hemdchen. Und der Pfarrer greift zur Flinte …

Typisch Protestanten. Dann schon lieber, wie Ottfried Fischer sagt, brachial barock katholisch.

Konfessionen? Egal. „Wie im Himmel“ bereitet all jenen zweieinhalb besinnliche Stunden, die noch bis zur Besinnungslosigkeit Erledigungen zu machen haben, bis „die besinnliche Zeit“ über sie hereinbricht. In diesem Sinne ist es auch stimmig, dass Kica anfangs ein paar Weihnachtsmänner über die Bühne jagt. (Nicht nur das ist) sehenswert!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/christian-nickel-im-gespraech

www.chorimhemd.com

Wien, 8. 11. 2013

Christian Nickel im Gespräch

November 7, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wie im Himmel“ an der Josefstadt

Christian Nickel (Daniel Daréus) Bild: © Jan Frankl

Christian Nickel (Daniel Daréus)
Bild: © Jan Frankl

Nach dem Erfolg der letzten Spielzeit mit “Lady Windermeres Fächer” ist “Wie im Himmel”, Premiere am 7. November im Theater in der Josefstadt,  die zweite Zusammenarbeit von Christian Nickel und Regisseur Janusz Kica. 2005 wurde der erfolgreiche Kinofilm für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert. „Wie im Himmel“  war der erste Film des Regisseurs Kay Pollak seit 18 Jahren. Pollak hatte die Regiearbeit 1986 aufgegeben, nachdem der schwedische Ministerpräsident Olof Palme nach einem Kinobesuch ermordet worden war. Nun kommt diese mitreißende, fast spirituelle Geschichte auch auf die Bühne  – mit viel Gesang! Inhalt: Der gefeierte Dirigent Daniel Daréus (Nickel) findet nach einem Herzinfarkt in seinem schwedischen Heimatdorf als Kantor des Kirchenchors eine neue Herausforderung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fassen die Dorfbewohner Vertrauen in ihren neuen Chorleiter und der kleine Chor wächst und wächst … Neuer Zusammenhalt und Unterstützung treffen auf Sorgen und Probleme einzelner Chormitglieder, Bigotterie und Enge des dörflichen Lebens.

 „Musik heilt alle Menschen. Diese Sprache ist universell und überwindet alle Schranken. Das ist eine wunderbare Kraft. „Wie im Himmel“ erzählt von der inneren Reise eines Menschen. Ich wollte, dass das äußere Milieu, das heißt die Landschaft, die gleiche Reise zeigt. Zu Beginn sollte alles kalter, frostiger Winter sein. Am Ende ist es Sommer und alles steht in voller Blüte.“ Kay Pollak

MM: Das Thema von „Wie im Himmel“, könnte man sagen, ist das Herz.

Christian Nickel: Das stimmt buchstäblich wie bildlich. Der Charakter, den ich spiele, Daniel Daréus, ist ein Stardirigent, der nach einem Herzinfarkt in sein Heimatdorf zurückkehrt. Dort wird er Kantor des Kirchenchors – und öffnet auf eine neue Weise die Herzen der Menschen mit Musik. An einer Stelle im Text wird als Metapher über das „erschöpfte Herz“ philosophiert. Nun weiß ich nicht, in wie weit ein Herz medizinisch erschöpft sein kann, aber auf einer psychologischen Ebene ist das sicher möglich. In diesem Sinne haben mehrere Figuren im Stück ein erschöpftes Herz.

MM: Wie würden Sie den Grundton der Figur Daniel Daréus beschreiben?

Nickel: Als Dominantseptakkord in C-Dur – wobei C-Dur die anderen, weniger ihn selbst betrifft. Er ist ein Perfektionist bis zum Herzinfarkt, war zu sich selbst genau so „hart“ wie zu anderen. Da gibt es eine Rückblende, wo er einen Bratscher solo vorspielen lässt und vielleicht Unmögliches von ihm fordert, ihn dann sogar rausschmeisst, worauf hin der sich umbringt. Daniel hat eine dunkle Seite. Er ist entwurzelt, vor allem nach dem Tod seiner Mutter, sein Manager gab ihm einen Künstlernamen – eigentlich heißt er ja Olsson -, und ist auf der Suche nach sich selbst. Als er in seinem Dorf ankommt, hat ihn die schwere Krankheit sanfter gemacht, er will integrativ wirken. Deshalb sagt er: Jeder, der im Chor mitmachen will, darf. Auch – pardon – Dorftrottel Tore.

MM: Und das gefällt nicht allen. „Wie im Himmel“ ist auch das Psychogramm einer Gesellschaft, die in Bigotterie und von der Religion in Gestalt von Pfarrer Stig gefördertem Schamgefühl ertrinkt. Plötzlich kommt einer, der Erstarrungen löst. Ein Katalysator.

Nickel: Stimmt. Stig ist ein Gegenpol, will die Kontrolle über alles.Daniel geht es um die befreiende Kraft der Musik. Deshalb widerstrebt ihm auch der Gesangswettbewerb, an dem Arne, der ambitionierte Manager des Chores, unbedingt teilnehmen will. Daniel will die Macht, die Schönheit der Musik ausloten. Karriere und Ruhm hatte er schon und wurde davon sozusagen nicht satt. Damit muss man sich als Darsteller ins Benehmen setzen: Diesem Wechselspiel aus Angst und freudvollen Emotionen. Ich mag in diesem Zusammenhang besonders die Szene, wo Daniel die Chormitglieder dazu bringt am Bauch des anderen zu liegen, um dessen Atmung zu lauschen, um ein gemeinsamer Klangkörper zu werden.

MM: Die „Macht der Musik“ ist wohl eine, die man auch als Schauspieler heraufbeschwören möchte, weil es heißt: die Herzen anzurühren. Welche Macht hat Musik über Sie?

Nickel: Jede. Ich höre sehr viel Musik, spiele selbst ein wenig Geige und Klavier und ich trete sehr gern zusammen mit Musikern auf. Es war ein Riesenerlebnis, als ich mit Sir Roger Norrington und der Camerata Salzburg eine Tournée mit Egmont gemacht habe – als Sprecher mitten im Orchester – fantastisch!

MM: Das heißt, Sie streben Richtung Bassa Selim?

Nickel (lacht): Soll ich laut aussprechen, was mein Herz sich wünscht? Aber, wenn jemand auf die Idee käme …

 MM: Schon wieder das Herz! Eines scheint mir allerdings: Was Daniel fehlt, ist die Erdung. Er lebt nur in den Sphären der Kunst, hat sich von der „Normalität“ verabschiedet. Das kann auf die Dauer nicht gesund sein.

Nickel: Das denke ich auch. Zum Glück habe ich ein Leben neben dem Theater. Eine Familie, heißt: Kinder, die nicht nur mit Hausübungen auf mich warten, den Wald, die Berge, das Meer … Ich gehe gern segeln, auch wenn ich leider kein eigenes Boot habe …

 MM: Eine handwerkliche Frage: Bereitet man sich speziell darauf vor, einen Dirigenten zu spielen?

Nickel: Ich lasse mich fachlich beraten, ja, mache mir aber keine Illusionen über mein Niveau als Dirgent! Dazu eine Anekdote: Das Josefstadt-Ensemble wird gesanglich vom „Chor im Hemd“ unterstützt. Die sagen mir relativ beinhart, wenn ich etwas falsch mache. Einmal gab ich ein Handzeichen, das für sie offensichtlich sehr eindeutig war, also haben sie ganz aufgehört zu singen. Da war’s aus! Und ich wusste schlagartig um die eigene Wichtigkeit! (er lacht wieder).

 MM: Der Stoff „Wie im Himmel“ ist von Kay Pollak als Film konzipiert, 2005 für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert. Mikael Nyqvist spielt darin den Daniel. Kennen Sie die Vorlage?

Nickel: Ja, ich habe mir den Film angeschaut, als mir Herbert Föttinger die Rolle angeboten hat und war zunächst skeptisch, mochte ihn dann aber. Wie er zwischen der Enge des Pfarrsaals und der Weite der schwedischen Landschaft wechselt. Auch das Stück ist insofern filmisch geschrieben, als es aus vielen, kurzen Szenen besteht. Die Weite und den Atem der Landschaft müssen wir hier erfinden, da vertraue ich diesem Regisseur. Und es gibt ein wunderbares Ensemble.

MM: Kyrre Kvam macht die Musik; Janusz Kica macht Regie – ein hochmusikalischer Regisseur. Sie haben schon mit Luc Bondy, Karin Beier, Jan Bosse, Dieter Giesing, Thomas Langhoff, Peter Stein gearbeitet, führen selbst Regie. Was zeichnet Kica aus?

Nickel: Das ist meine dritte Arbeit mit ihm. Ich mag seine leise, bedächtige, dann wieder so erregte Art an die Dinge heranzugehen. Seinen Humor. Er ist wohltuend unaufgeregt. Und er versteht sehr viel von Musik, soweit ich das beurteilen kann.

MM: Weitere Pläne?

Nickel: Offen gesagt keine. Im letzten Jahr habe ich eine Sache nach der anderen gemacht und es gab kaum Zeit zum Luftholen. Auch ist mir diese Rolle sehr wichtig, da ist es mir ganz lieb, dass ich mich voll auf sie konzentrieren kann – ohne schon eine größere neue Aufgabe im Kopf herumspuken zu haben. Aber mein Hunger meldet sich meist sehr schnell.

ZUR PERSON: Christian Nickel wurde in Heilbronn geboren, wuchs in Hamburg auf und erhielt seine Schauspielausbildung in Berlin an der Ernst-Busch-Schule. Nachdem er 1997 als Primislaus in Grillparzers „Libussa“ in der Inszenierung von Peter Stein bei den Salzburger Festspielen debütierte, wurden für ihn die wichtigsten Stationen das Schauspiel Frankfurt/Main und das TAT, das Residenztheater in München und das Burgtheater in Wien, wo er fünf Jahre lang zum festen Ensemble gehörte und unter der Regie von Luc Bondy, Karin Beier, Jan Bosse, Dieter Giesing, Thomas Langhoff u. a. spielte. Einem größeren Publikum bekannt wurde Christian Nickel durch seine Darstellung des Faust auf der Expo2000 in Hannover in der Inszenierung von Peter Stein. In der letzten Saison spielte er am Residenztheater in München den Sala in Schnitzlers „Der einsame Weg“ (Regie Jens-Daniel Herzog) und den Theseus aus Sophokles‘ „Ödipus auf Kolonos“ am Berliner Ensemble/Salzburger Festspiele (Regie Peter Stein), in der laufenden Spielzeit gastiert er am Schauspiel Köln ebenfalls als Theseus in „Phädra“ von Racine/Schiller (Johannes Schütz). Seit 2003 ist er auch als Regisseur tätig und konnte nach seinem Stuttgarter Debüt mit „Emilia Galotti“ Inszenierungen in Hamburg, Salzburg, Karlsruhe und bei den Luisenburgfestspielen in Wunsiedel realisieren u. a. „Clavigo“, „Peer Gynt“, „Faust“, „Cyrano de Bergerac“, „Nathan der Weise“, „Antigone/Das Produkt“, „Die Vermessung der Welt“. Neben einigen Filmarbeiten (Hermine Hunthgeburt, Ottokar Runze, Joseph Vilsmaier, Heinrich Breloer u. a.) wirkte Christian Nickel in Hörspielproduktionen mit und wurde zu zahlreichen Lesungen eingeladen, oft in Verbindung mit Musik u. a. „Egmont“, „Ariadne“, „Tu Axion Esti“. Christian Nickel lebt mit seiner Familie in Wien.

www.josefstadt.org

Wien, 7. 11. 2013