Karikaturmuseum Krems: Ironimus 90. Jetzt mal keine Politik! Cartoons von 1948 bis 2018

Februar 28, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bislang Unveröffentlichtes aus dem „Unruhestand“

Ironimus, Zehn Impressionen, 1958 © Ironimus Archiv

Ab 3. März zeigt das Karikaturmuseum Krems die Schau „Ironimus 90. Jetzt mal keine Politik! Cartoons von 1948 bis 2018“. Die Ausstellung zum 90. Geburtstag des Karikaturisten und der Zeichnerlegende zeigt neue, bislang unveröffentlichte Cartoons aus dem „Unruhestand“. Die humorvollen Zeichnungen der Jubiläumsausstellung geben einen besonderen Einblick in das Schaffen von Ironimus.

Mit mehr als 12.000 Karikaturen, über 30 Büchern und rund 100 Ausstellungen blickt Ironimus auf eine beispiellose Karriere zurück. Seine ORF-Sendungen „Die Karikatur der Woche“ und „Der Jahresrückblick in der Karikatur“ erreichten ein Millionenpublikum. Unter seinem bürgerlichen Namen wurde Gustav Peichl als Architekt bekannt, zum Beispiel durch den Bau der ORF-Landesstudios in Graz, Dornbirn, Eisenstadt, Salzburg, Innsbruck, St. Pölten und Linz, den Neubau des Städel Museums, der Bundeskunsthalle in Bonn und des Karikaturmuseum Krems. Aus diesem Anlass präsentiert das Karikaturmuseum Krems zu seinem 90. Geburtstag eine Jubiläumsausstellung mit seinen besten, nicht politischen Zeichnungen. Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit Ironimus‘ Sohn, dem Kurator und Galeristen Markus Peichl kuratiert, dadurch erhält der Besucher einen sehr feinfühligen Blick in das Schaffen seines Vaters.

Ironimus , Metamorphosen, Nr. 32, 2016 © Ironimus Archiv

Ironimus, Metamorphosen, Nr. 10, 2015 © Ironimus Archiv

Mehr als 60 Jahre lang hat Ironimus mit spitzer Feder das politische Zeitgeschehen aufs Korn genommen, ehe er sich Ende 2014 zur Ruhe setzte. Der zeitliche Bogen der Arbeiten spannt sich von 1948 bis 2018 und präsentiert das zeichnerisch-humoristische Repertoire des Cartoonisten. Wie der Titel schon verrät, stehen nicht die (tages-)politischen Zeichnungen im Vordergrund. Feinsinnige Cartoons und hintergründige Beobachtungen, die mit der Doppelbödigkeit des Lebens und der Kunst spielen, sind in der Schau ein zentrales Thema. Sie führen die Absurdität der kleinen, alltäglichen Momente vor Augen.

Witzige, bisweilen absurde Situationen wechseln sich mit intelligenten Kurzgeschichten ab, unerwartete Perspektiven treffen neue ungewöhnliche Bild-Metamorphosen. Allesamt haben die Originale eine klare Formulierung und die unverkennbare Handschrift von Ironimus. Politisch aufgeladen finden sich viele dieser Bildideen in den Editorial Cartoons des Künstlers wieder. Genau diese Kombination und die Einzigartigkeit Ironimus‘ sind weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und geschätzt.

www.karikaturmuseum.at

28. 2. 2018

Schauspielhaus Wien neu: Sebastian Schindegger

Dezember 15, 2015 in Bühne

Sebastian Schindegger Bild: Copyright Matthias Heschl

Sebastian Schindegger
Bild: Matthias Heschl

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gespräch über Wiener Widersprüche, Stadttypen und „Spam“

Nach Tomas Schweigens Auftaktinszenierung „Punk & Politik“ stand hier  frech geschrieben, er sei ein Typ, wie von Tschechow erfunden (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15730). Das kann Sebastian Schindegger gelten lassen. Weil er Tschechow mag und, weil er Typen mag. Der gebürtige Wiener ist mit Schweigen als neuem Schauspielhaus-Intendanten in seine Heimatstadt zurückgekehrt (mehr: www.schauspielhaus.at/team/sebastian_schindegger). Und hat hier vielfältige Aufgaben übernommen. Beispielsweise als hiesiger Schmäh-Übersetzer für die Kollegen. Ab 7. Jänner zeigt Schindegger an der zweiten Spielstätte im „Nachbarhaus“ das One-Man-Stück „Spam“ von Rafael Spregelburd. Darin sucht ein Mann nach seiner verlorenen Identität. Sebastian Schindegger im Gespräch:

MM: Sie sind im theatralen Dreiländereck am Schauspielhaus Wien der Wiener. Wo waren Sie all die Jahre?

Sebastian Schindegger: Ich war 15 Jahre in Deutschland, in Halle an der Saale, Berlin, Frankfurt, Hannover, also vier Städte abgegrast – und jetzt bin ich wieder in Wien. Hier habe ich gerade auch Vermittlerfunktion, was die Mentalität meiner Landsleute betrifft. Das ist mitunter recht lustig, wenn eine Kollegin zu einem Bühnentechniker sagt: Wie geht’s?, er antwortet: Schlecht, wenn i di seh’!, und ich erklären muss, dass das unser berühmter Charme und Schmäh ist.

MM: Der Spruch hat Tradition, stimmt. Wie hingegen hat sich Wien während Ihrer Abwesenheit verändert? Wie wirkt die Stadt auf Sie?

Schindegger: Meine Frau ist auch Österreicherin, vom Land, also waren wir in unserer freien Zeit meistens dort. Nun wieder Wien – wie hat es sich verändert? Die Mieten sind teurer geworden. (Er lacht.) Ich bin im Zweiten aufgewachsen, und das war unheimlich trist. Jetzt ist es ein sehr hipper Bezirk, in dem man sich gut wohlfühlen kann. Wir wohnen in einem richtig angesagten Viertel. Da bin ich doch überrascht, welche neue Lebensqualität diese Stadt hat. Na, Wien gewinnt ja auch immer irgendwelche Preise für Lebensqualität …

MM: Sie sind mit Tomas Schweigen als neues Teammitglied am Schauspielhaus Wien angetreten. Wenn Sie sich beschreiben müssten – was Sie nun müssen: Was macht Sie als Schauspieler aus? Was interessiert Sie am Theater?

Schindegger: Das ist schwierig, weil es tatsächlich oft wechselt. Ich habe unlängst erst darüber nachgedacht. Ich finde die Mischung aus dem Ursprung, also wo man herkommt, mit einer Universalität schön. Mein bestes Beispiel dazu ist Helmut Qualtinger, den mag ich sehr. Ein Wiener mit all seinen Qualitäten und Abgründen. So eine Art Schauspieler zu sein, stelle ich mir vor. Ich mag Typen.

MM: Wenn ich das sagen darf: Sie sind auch einer.

Schindegger: Ja, und da muss man in der Not eine Tugend draus machen. Jeder Spieler ist anders, aber das Publikum geht halt doch wegen Typen ins Theater. Ich finde das auch an Kollegen spannend, gerade, wenn man sich denkt, einer passt nicht auf eine Rolle, wie er die dann interpretiert. Was Stücke oder Spielarten betrifft, das wechselt tatsächlich oft. Es gibt nicht die eine Ästhetik, von der ich sage, die ist hundert Prozent meins. Ich mag, wenn Theater unterhält. Auf viele Arten Unterhaltung, aber Unterhaltung. Ich mag, wenn Theater körperlich wird, wenn was passiert. Nur Gedanken und Text, da steige ich oft aus.

MM: Also, Gedanken und Turnen.

Schindegger: Das ist gar nicht so leicht! Manche Texte eignen sich nicht zur Bebilderung, Text ist sensibel, der lässt sich vom Eindruck auch erschlagen. Wir hier sagen allerdings: Auge geht vor Ohr.

MM: Das Schauspielhaus neu will eine Aussage zu dieser Stadt, zur  Zeit, zur Gesellschaft treffen. Das merkt man schon am Spielplan.

Schindegger: Ja. Wir sind angekommen und die Stadt- und die Weltpolitik waren voll im Gange. Dazu muss man Stellung nehmen. Ich habe mit Tomas schon in Frankfurt und Hannover gearbeitet, das waren immer gute Sachen. Er möchte ausprobieren, experimentieren, das hat mich total gereizt nach Wien zu kommen. Nichts ist schlimmer, als wenn Theater erstarrt ist. Wir versuchen uns an Formaten, an Stoffen, mal sehen, wie das wird. Es soll natürlich – ja, politisch ist immer so ein komisches Wort, wenn man’s formuliert -, aber es soll politisches Theater sein. Ich habe in den vergangenen Jahren gemerkt, dass es mich immer weniger befriedigt, die großen Klassiker „vom Blatt“ zu spielen, ausführendes Organ einer Intendanz zu sein. Man sollte als Theatermacher eine Haltung zu Themen entwickeln und sein Team einbeziehen. Das macht Tomas ganz stark. Es gibt sehr flache Hierarchien, weshalb sich jeder für alles verantwortlich fühlt. Fürs Gelingen und fürs Scheitern. Das ist eine neue Erfahrung, aber auch eine gute.

MM: Sie sind in der ersten Produktion „Punk & Politik“ noch bis Ende des Jahres zu sehen. Ein Stück, das in gemeinsamer Autorschaft entstanden ist. Es geht um die Verantwortung des einzelnen für das Ganze. Hat sich der Abend seit der Uraufführung weiter entwickelt?

Schindegger: Auf jeden Fall. Wir haben das ziemlich genau inszeniert, es wirkt sehr improvisiert, ist aber total auf den Punkt, selbst die Pausen, die scheinbaren Hänger sind ziemlich genau getimt. Aber das Publikum variiert sehr. Es mischt sich ein. Es gibt seine Meinung dazu ab. Das muss man als Spieler aushalten, da sagt man dann über Körpersprache: Es ist ja nur gespielt. Manchmal amüsieren die Leute sich königlich, manchmal herrscht Unverständnis. Darauf muss man auf der Bühne eingehen.

MM: Es gibt zu diesem Abend ein Europamanifest.

Schindegger: Wir unterstützen eine EU-Initiative, für die haben wir hunderte Unterschriften gesammelt. Ich habe mich nie so mit dem europäischen Thema auseinandergesetzt. Ich bin in die Produktion so do-it-yourself hinein und muss sagen, dass ich auch für mich etwas gelernt habe. Das ist einer der Vorteile meines Berufs, dass man sich mit Dingen beschäftigen kann und dann mehr mitnimmt, als ausschließlich einen neuen Rollentext gelernt zu haben. So kann ich mich mit meiner Arbeit und mit einem Haus mehr identifizieren. Momentan lerne ich total viel über Spams. Unglaublich, welchen Schrott es im Internet gibt!

MM: Wobei wir beim aktuellen Thema sind: „Spam“ von Rafael Spregelburd, Ihre Premiere im Nachbarhaus am 7. Jänner.

Schindegger: Genau. Da erwacht ein Mann in einem Hotelzimmer auf Malta und kann sich an nichts mehr erinnern. Er findet einen Laptop und über die Verlaufsgeschichte des Browsers versucht er seine Geschichte zu rekonstruieren. Wir werken gerade daran, Regisseurin Kathrin Herm und ich, und ich habe vor, den ganzen Raum zu bespielen, also keine Bühnensituation zu gestalten. Es wird eine Installation, es wird Projektionen von Internet-Unsinn, von Mails – Spams natürlich – und Videos mit mir dazu geben. Die Videos drehen wir derzeit.

MM: Das Stück hat 31 Szenen, die per Losentscheid gespielt werden?

Schindegger: Es ist wirklich ein sehr verwirrendes Stück. Sehr kryptisch.

MM: Das ist der Satz für den Kartenvorverkauf.

Schindegger (lacht): Nein, es ist großartig. Die Verwirrung ist ja seine große Qualität. Es werden 31 Tage im Leben dieses Mannes beschrieben. Es beginnt bei Tag zehn, nachdem er einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, und dann werden willkürlich Tage raus gezogen, vorherige, spätere, die ich dann darstelle. Für mich ist das auch eine Überraschung. Und eine Herausforderung. Es gibt eine Frau, Kassandra, von der er dubiose Nachrichten findet. Da überlegen wir gerade, ob sie da sein wird, oder nur in seinem Kopf existiert, und – ja, mehr mag ich eigentlich nicht verraten. Lassen auch Sie sich überraschen!

MM: Aber zusammengefasst: Sie befinden sich gerade in den Untiefen des Internets.

Schindegger: Und genau das, was man da an Müll oder Nichtmüll findet, ist die Fragestellung in diesem Stück. Der Mann findet ein Versatzteil aus seiner Vergangenheit und weiß nicht, hat das eine Bedeutung oder nicht. Da gibt es ein paar echt tolle Dinge. Der Titel des Stücks ist halt „Müll“ und wir denken das konsequent zu Ende. Ich hoffe, dass unser Konzept aufgeht. Ich habe von Spregelburd schon mal eine Uraufführung in Mannheim gemacht, das war auch gut, deshalb bin ich jetzt auch guter Dinge. Was wir gerade ausprobieren fühlt sich richtig an. Ich bin aufgeregt, aber gut aufgeregt.

MM: Naturell Rampensau? Eine Monologscheu scheinen Sie ja nicht zu haben.

Schindegger: Immer lieber Dialog als Monolog, weil ich nicht so gern einsam bin. Aber Rampensau schon, muss ich gestehen. Ich gehe gerne nach vorne. Ich mag es, wenn am Theater Konflikte verhandelt werden. Das geht mit einem Spielpartner, und wenn der fehlt, ist das Publikum dran.

MM: Eine gefährliche Drohung. Nein, im Ernst, ich hatte schon bei „Punk & Politik“ das Gefühl, dass Sie keine Berührungsängste haben, dass Sie gut auf ein Publikum zugehen können.

Schindegger: Das stimmt, ich mag das gerne, aber nicht in dem Sinne, dass sich jemand fürchten muss, auf die Bühne gezerrt und vorgeführt zu werden. Ich mag das selber nicht, wenn man am Theater so niederagitiert wird, wenn so Mitmach-Abende entstehen. Das ist mir als Schauspieler unangenehm, wenn ich sagen muss: Jetzt machen Sie mal mit hier. Das ist mir aber auch unangenehm, wenn ich im Publikum sitze. Ich war in zwei Produktionen, einmal musste ich die Leute schon beim Reinkommen anpöbeln, einmal jeden einzelnen Zuschauer herzlich begrüßen. Da ist mir das zweitere lieber. Aber bei Tomas muss man da keine Sorgen haben, weil er gewisse Grenzen diesbezüglich nie überschreitet. Auch das mag ich an ihm.

MM: Was wünschen Sie sich von Wien?

Schindegger: Ich möchte wieder tief in die Mentalität dieser Stadt eintauchen. Und tief in diesen Humor. Der hat mir in Deutschland ehrlich gesagt gefehlt. Dieses Abgründige, Grausliche, aber leider zwischenmenschlich sehr, sehr Wahre. Das Grantige, das Widersprüchliche und das politisch Unkorrekte. Mir gefällt das sehr gut. Da bin ich wieder bei den Typen: Manche trifft man nur mehr in Wien. Das kann einen wahnsinnig machen oder wahnsinnig freuen. Ich möchte mir da einiges aneignen, oder wieder aneignen. Mal sehen, vielleicht kann man dazu auch einmal am Theater etwas machen. Ich hoffe, ich werde in dieser Stadt viel mitmachen. Ich bin hier schon sehr zu Hause.

MM: Ich habe auf Ihrer Webseite gelesen: Bauchtanz. Bär und Bauchtanz?

Schindegger: Oh mein Gott, stimmt, mein Bruder hat mir vor Jahren einmal eine Homepage eingerichtet, da steht das drauf. Ja, ich habe einmal ein Stück gespielt, für das ich ein halbes Jahr lang professionell Bauchtanz gelernt habe. Und ich darf sagen: Ich bin sehr gut. Man kann am Theater so viel Quatsch machen, großartig. Ich dachte damals, andere fahren ins Büro, ich zum Bauchtanz – und man kriegt auch noch dafür gezahlt. Frauen bewegen sich natürlich graziler, geschmeidiger, aber ich habe eine Frau gespielt. Ich war eindeutig der beste in der Bauchtanztruppe. Mit super Hüftschwung. Immer noch.

www.sebastianschindegger.com

www.schauspielhaus.at

Wien, 15. 12. 2015

Schauspielhaus Wien: Punk & Politik

November 1, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Posttraumatisches Diskurstheater mit FunFaktor

Steffen Link, Simon Bauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger, Vassilissa Reznikoff, Sophia Löffler und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Steffen Link, Simon Bauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger, Vassilissa Reznikoff, Sophia Löffler und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Wenn ein deutscher Frosch in einen Lebensmittelladen kommt und „Quark“ kaufen will, dann ist das auf Österreichisch ein Topfen. So ungefähr die Waffe Witz von „Punk & Politik“. Das Schauspielhaus Wien eröffnet den Spielzeitraum Tomas Schweigen mit dieser Uraufführung; Schweigen selbst hat inszeniert und gemeinsam mit dem Ensemble die Autorschaft an sich gebracht. Also, den Wortsinn mit der Angel ausgeworfen und gewartet, was er denn an Land ziehen wird.

Entstanden ist so eine Konzeptcompilation zu den Themen Europa von-bis Ideologien, Nationalstolz und Heimatgefühl, Angst bis Zivilcourage, nichts ist fertig und alle sind uneins. Ein Ratgeber für Politanfänger, in dem der Begriff regional nicht nur das Schweinderl angeht, und freilich – die Wien-Wahl und die FPÖ. Posttraumatisches Diskurstheater mit FunFaktor. Der Abend ist wie eine Bastelanleitung für einen Castorf mit eingebauter Protestfunktion. Drücke den Clown in den Bauch und er brummt: Fuck you, EU!

Klar, Schweigen und sein ihm eigener Humor legen mit dieser ersten Produktion in Wien gleichsam ihr Manifest vor, Theater, das sich einmischt in die Stadt und ihre Politik, daher sind Portal und Porzellangasse im Bühnenraum ein zweites Mal aufgebaut, man tritt sozusagen ein zweites Mal ein, hört Straßensound und Straßenbahn, und ist doch mit den Darstellern draußen vor der Tür, wenn sie dort musizieren-agitieren-agieren. Bühnenbildner Stephan Weber ist auch dabei, man will sich ja vorstellen, und erklärt auf spaßig, warum in der Schwyz alles sowieso ganz anders ist. Weil: Die EU ist ihm fast so eine falsche Fassade, wie die, die er hier gebaut hat. Der Abend ist Schieben-wir-eine-schnelle-Nummernrevue und als Kabarett Kleinkunst groß gedacht, wild gewordene TV-Show und Tanz auf dem Vulkan und das Singen von Britney Spears „Toxic“. Da hat einer gegoogelt: Kann man sich über alles lustig machen?

Dass das fabelhaft funktioniert, liegt daran, dass sich das dramatische Dreiländereck, was so nicht ganz stimmt, weil auch Birmingham und Paris-Banlieue vertreten sind, angestiftet vom Wiener Schweigen auf eine sehr Wienerische Position begeben hat – man möchtelt. Für Freunde aus der Schweiz und Deutschland, das hat nichts mit miachteln zu tun, sondern mit: es müsste schon etwas passieren, aber …, mit: was hätte alles sein können, wäre nicht … Des Österreichers liebstes Kind ist der Konjunktiv. Wir würden wollen. Und das immer. Aus vollstem Herzen. Bis die Rechnung in der Regel nach hinten losgeht. Dieser „Wir wissen’s leider auch nicht“-Standpunkt vermeidet geschickt das Proseminaristische, formuliert auch keine ewig gültigen Wahrheiten über Ewiggestriges, erhebt keinen Anspruch auf Zeigefingriges; im Schauspielhaus muss keiner die Frankfurter Schulbank drücken, hier geht’s um Lust und gute Laune. Statt Elfenbeinturm hinaus aufs Wikinger-Thing! Dialekt ist Dialektik genug. Das hätte ja heiter geworden werden können minus Möglichkeitsform.

Dass das fabelhaft funktioniert, liegt am sehr sympathischen siebenköpfigen Ensemble. Allen voran Jesse Inman, dieser Freak aus Ozzys Nachbarschaft, und Sebastian Schindegger, diese Tschechow-Gestalt des verzweifelten In­tel­li­genz­lers, der vergeblich liebt und leidet bis zum Ausraster. Er spielt den Schauspieler und seine Nöte mit dem Stoff, während Steffen Link als Autor den übergroßen Robert Menasse trifft, der einen von sich selbst besoffenen „Robert Menasse“ via Video gibt, der im Essay des „Europäischen Landboten“ mit der Idee einer Europäischen Republik bereits alles vorgedacht und vorgemacht und vorformuliert und daher jede weitere Idee eigentlich obsolet gemacht hat. Vassilissa Reznikoff ist als postnationales Modell in Zeiten der Renationalisierung gleichsam die Europäische UnUnion. Ein Vergewaltigungsopfer. Simon Bauer, Vera von Gunten und Sophia Löffler – als Journalistin sprachlos auf einer freiheitlichen Veranstaltung – versuchen sich als politische Querdenkeinsteiger. Von Gunten liest dazu sogar Ratgeberliteratur.

Da hat tatsächlich einer gegoogelt: Kann man sich über alles lustig machen? Jón Gnarr, und Jesse Inman hat sich ihm nicht nur optisch angeglichen, erschien 2008 im isländischen Reykjavik auf der politischen Bühne. Da lag in der Stadt vieles im Argen und die Stadt in Agonie und er gründete die Beste Partei mit dem Programm „die Highlights aller anderen Parteiprogramme“. Resigniert vom Versagen der arrivierten Mächte wählten die Menschen den Punkanarchisten und Comedian zum Bürgermeister. Entgegen aller Erwartungen gelang es Gnarr mit gesundem Menschenverstand und dem Mut, sich von Experten beraten zu lassen, die desaströsen Finanzen zwar nicht zu sanieren, aber die Gläubiger zu überreden, sich in Geduld zu üben, und Reykjavik so wieder politische Stabilität zu bringen. Vor der Wiederwahl 2014 zog er sich aus der Politik zurück. Einfach, weil ein guter Roman ein gutes Ende haben muss, wie er sagt.

Doch zeigt sein Do-it-yourself-Beispiel nicht, dass jeder der bessere Politiker sein kann als der Politiker? Frei nach Gandhis „Sei die Veränderung, die du in der Welt willst“? Man könnte beispielsweise eine rechtspopulistische Partei gründen, um anderen rechtspopulistischen Parteien die Wähler wegzunehmen und nach der Wahl nach links abbiegen, sagt Simon Bauer. Dann wäre HC Strache nicht mehr der selbsternannte Joker in der heimischen Politik, sondern einfach nur ein Joke. Man könnte aus dem Integrationsfonds einen Identitätsfonds machen und damit Projekte für all jene finanzieren, die um ebendiese fürchten – angesichts der vielen Flüchtlingsfremden. Die Hoffnung schimmert wie das Fell eines Isländers. Man muss in dieser Welt offensichtlich fünf Gänge haben.

Ach ja I, am Ende wird Jón Gnarr, der sich höchstselbst über das Vidiwallleintuch meldet, zum Vorsitzenden der Europäischen Bürgermeister gewählt. Und nimmt das Amt gerne an. Im Überschaubaren lässt sich eben mehr erreichen, als im Unübersichtlichen. Weshalb die Zukunftsvision eines Bürgermeisters, der mehr Einfluss hat als ein Bundeskanzler, in Wien nicht mehr als eine Basler Binsenweisheit sein kann. Schön wäre jetzt, wenn Gnarr im Franchise-Verfahren „Punk & Politik“ weiterentwickeln würde. In der Performance ist das vorgeschlagen, von Berlin bis London Royal Court Theatre gibt’s fiktive Premierenmeldungen, der Schweigen wollt‘ halt kurz zeigen, wie gut er eh alle kennt. Ansonsten muss man abwarten, was und wie sich das Schauspielhaus Wien noch bewegen kann. Ach ja II: Wenn es nun schon Töchtersöhne heißt, müsste es dann nicht auch endlich „alle Menschen werden Schwesternbrüder“ heißen?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=eRdJ-U_t0Xc

Das Programm: www.mottingers-meinung.at/?p=15266

www.schauspielhaus.at

Wien, 1. 11. 2015

Salon 5: Die Politik des Vergessens

Oktober 14, 2014 in Buch, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Robert Schindel in der LiteraTurnhalle

Bild: © Drama Shop

Bild: © Drama Shop

Der Salon5 widmet sich ab 24. Oktober dem (nicht nur) österreichischen Syndrom einer Politik des Vergessens. Robert Schindels Roman „Der Kalte“ holt das „unter den Teppich Gekehrte“ sprachmächtig hervor. Diskussionen mit Gästen aus Kunst, Politik und Wissenschaft finden im Salon Waldheim – Die österreichische Wende statt. Umspielt wird dieser Schlüsselroman von den musikalisch-literarischen Betrachtungen der Wiener Musikformation Des Ano mit ihrem Chefpoeten Max Gruber.

Das Programm:
Robert Schindel: DER KALTE. Eine szenisch-literarische Aufstellung. Premiere: 24. Oktober. Theater Nestroyhof Hamakom.
Packende Szenen und Monologe entwerfen ein ungeschminktes, plastisches Bild der Waldheim-Jahre. Die Fiktion von Robert Schindels Roman „Der Kalte“ erlaubt es, den geschichtsmächtigen Ereignissen hautnah auf den Leib zu rücken und sie bis in die Nerven der Beteiligten zu verfolgen. Der Kampf um den neuen Bundespräsidenten spiegelt sich im Kampf um das Antifaschismus-Denkmal und im Kampf um dasTheaterstück über das Totschweigen der Vergangenheit. Wir werden Zeugen der entscheidenden Auseinandersetzungen im Kanzleramt, in den Parteizentralen, im Burgtheater, in den Redaktionen und Hinterzimmern und der bis ins Private gehenden Erschütterung der Gesellschaft.
Mit: Anna Maria Krassnigg, Ingrid Lang, Ernst Mathon, Horst Schily, Martin Schwanda, Doina Weber
Dramaturgie & Texteinrichtung: Karl Baratta, Anna Maria Krassnigg
SALON: „Waldheim zwischen Journaille und Journalismus“ (25. Oktober), „Waldheim – Die österreichische Wende“ (4. November) Theater Nestroyhof Hamakom
Waldheim schreibt 2006: „Wenn meine Lebensgeschichte zu einem neuen Zugang zur Geschichte beigetragen hat, dann ist das positiv – bezahlt freilich mit hoher persönlicher Schädigung.“ Wie stark muss die Erfahrung einer notwendigen Veränderung im Zeitbewusstsein sein, dass der Protagonist und Hauptleidtragende zu dieser Erklärung kommen kann? Wie emblematisch ist dieser Fall für die politische Kultur unseres Landes? ZeitzeugInnen, AutorInnen und AkteurInnen von damals werden den Waldheim-Komplex in seiner aus der historischen Distanz erkennbaren kompletten Widersprüchlichkeit beleuchten und seine Bedeutung für den Geschichtsverlauf und die Gegenwart diskutieren. Gastgeber: Karl Baratta, Anna Maria Krassnigg.

Max Gruber mit Des Ano: Faul im Staate. Premiere: 28. Oktober. Theater Nestroyhof Hamakom. Mit der Definition von RAP als „Rhythmisch Ausgeführte Poesie” ist Des Ano längst ein Begriff geworden. Max Gruber, der „neue Hauspoet der schwarzen Wiener Schule” (Die Zeit) setzt mit seinem Programm „Faul im Staate” seine Landvermessung des österreichischen und dabei besonders des Wiener Biotops konsequent fort. Erstmals bekennt sich Max Gruber auch zu einer eklatant politischen und „mit Sicherheit zumindest weltverändernden” Seite seiner Texte. Bislang wurde das aus Koketterie und Verehrung für Woody Allen, der Politik als „showbusiness for ugly people” bezeichnet hat, immer bestritten. Doch die Auslotung der Grenzen des Fortkommens im heimischen Universum, das zutiefst österreichische und damit universell gültige Pendlerschicksal zwischen „vurschrifd & nochred”, tiefer Melancholie und hohen Leberwerten, Sacher Masoch und Sacher Torte stand seit jeher im Zentrum der Hervorbringungen von Des Ano. Auch knallharte, als melancholische Ballade getarnte Protestsongs wie „Kleiner Mann”, dieses Ansingen und -spielen gegen den heimischen Verzwergungswahn, sind laut Max Gruber „unentbehrliche Beiträge zum politischen Diskurs” in diesem Land. Mit „Faul im Staate” wird sich Des Ano den heimischen Verhältnissen wie gewohnt leidenschaftlich, radikal und mit „verantwortungsloser Heiterkeit” (© Karl Kraus) stellen. Mit Musik, die so beredt ist wie die Sprache musikalisch. Auftritte von Des Ano sind eine tour de force zwischen Konzert, literarischer Performance und Theaterabend oszillierend, berührend, aufwühlend, so erbarmungslos wie heiter.

Wien, 14. 10. 2014