Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

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  1. 4. 2019

Burgtheater: Glaube Liebe Hoffnung

September 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unwirklicher Totentanz in einer total leeren Unterwelt

Elisabeth am Ende: Andrea Wenzls brillante Darstellung beherrscht Michael Thalheimers Inszenierung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein schwarzes Loch, das auf einen Lichtpunkt zuläuft, als wär‘ der ein Heilsversprechen am Himmel. Dass sich dieses nicht erfüllen wird, versteht sich – bei Ödön von Horváth. Regiegenie Michael Thalheimer hat dessen „Glaube Liebe Hoffnung“ am Burgtheater inszeniert, und beschreitet auch mit dieser Produktion weiter seinen Weg der kühlen, strengen Reduktion. Horváths Definition seines Dramas als „kleinen Totentanz“ nimmt er dabei wörtlich.

Thalheimer hat sich von Olaf Altmann einen in seiner Totalität erschreckend leeren Raum als Bühnenbild anlegen lassen, darin die Sterblichen als aufgescheuchte Schatten, um sie nichts als Einsamkeit und Seelennot. Eine Unterwelt, eine Prosektur, in der Thalheimer gewohnt präzise seine Sektion der menschlichen Abgründe vornimmt. Alle, so scheint es, die Präparatoren, die Schupos als Arm des Gesetzes, die Arbeitsgeberin Prantl, die Frau Amtsgerichtsrat, nicht zuletzt Alfons, operieren hier am lebenden Leichnam Elisabeth. Wollen deren Innerstes bloßlegen, bloßstellen, ausstellen, was sie schließlich selbst besorgt, bedrängt von Gaffern sogar noch beim bekannten Ende im Wasser. Glaube verloren, Liebe verraten, Hoffnung versiegt. Nicht einmal im Hingehen ist Herzensruh.

Dass Horváths im Rezessionsjahr 1932 erschienenes Stück heute so aktuell klingt, ist gesellschaftlich nicht gerade beruhigend. Diesbezügliche Zwischentöne braucht es gar nicht erst zwanghaft in Szene zu setzen. Da hat also eine mitten im Wohlfahrtsstaat die Stellung verloren, benötigt nun Geld für ihre neue Arbeit, heißt: einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein, und die neue Arbeit fürs Geldverdienen. Ein Teufelskreis, dessen Rotieren Elisabeth mit ihrem Mantra „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen“ aufhalten will. Andrea Wenzl mit ihrer seltenen Aura verleiht ihr Gesicht und Gestalt, sie dominiert das Geschehen mit ihrer spröd-zerbrechlichen Darstellung dieser am ganzen Körper bebenden, mitunter zu Deep Purple und Led Zeppelin auch headbangenden Elisabeth, mit ihrem Stets-auf-der-Hut-Sein und dem Miederwarenmetier als Sehnsuchtsort.

Die Arbeitgeberin ist unzufrieden: Christiane von Poelnitz als Irene Prantl mit Alexandra Henkel als Frau Amtsgerichtsrat. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ohnmacht angesichts des Selbstmords: Christoph Radakovits als zweiter Schupo, Marcus Kiepe als Vizepräparator, Stefan Wieland als dritter Schupo, Falk Rockstroh als Präparator und Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Um sie die Grausamkeit als Groteske, die Horváth’schen Charaktere als hässliche Fratzen, grelle Karikaturen, ausgestattet mit einer immer wieder höhnischen Heiterkeit. „Entschuldigens, aber jetzt muss ich lachen“, ist noch so eine Spruchformel der Elisabeth, wenn sie sich als Opfer brutaler Begierden dagegen verwehrt, ein „Ding“ zu sein. Die Wenzl lässt sie dabei so tob- wie sehnsüchtig aus einer schmerzlich-schrecklichen Fallhöhe stürzen, wird von einer 60-köpfigen Statisterie immer wieder beinah überrannt, eine „völkische“ Vervielfachung der Figuren, eine Menschenhydra, mal in Polizeiuniform, mal in blutverschmierten Präparatorenkitteln, die den einzelnen als Spielball der Mehrzahl der Mächtigen ausweist.

Der erbarmungslose Ringelreihen rund um Elisabeth ist hochkarätig besetzt, etwa mit Branko Samarovski als an Leib und Seele versehrtem Oberpräparator oder Peter Matić als an den von ihm abgeurteilten Schicksalen desinteressiertem Amtsgerichtsrat. Christiane von Poelnitz und Alexandra Henkel sind als Irene Prantl und Frau Amtsgerichtsrat vulgär-schrille Schreckschrauben, sensationslüstern die eine, immerhin knapp vor Schluss anteilnehmend die andere. Sie alle betonen in ihrem Spiel das Distanziert-Artifizielle, die Unnatur ihrer im Lichtkreis zappelnden Leut‘.

So, wie es Thalheimer als Konzept für seinen Abend vorgegeben hat, agieren auch Michael Masula als Oberinspektor, Christoph Radakovits und Stefan Wieland als Schupos oder Tino Hillebrand als „tollkühner Lebensretter“. Hermann Scheidleder verkörpert mit Hingabe den Invaliden, der sich mit Irina Sulavers ohne Unterlass kopfnickender Maria bitter über die Aussetzer im Sozialsystem beklagt. Als Vizepräparator überzeugt Marcus Kiepe, als Baron mit dem Trauerflor Robert Reinagl, als Vergewaltiger Eltz Daniel Jesch. Falk Rockstroh ist als Präparator derjenige, der zumindest zwei Mal Herz zeigen darf. Der Taubenfütter, der erst das Geld leiht, dann für die Betrugsanzeige sorgt und schließlich ob des mitangesehenen Suizids zusammenbricht.

Liebe mit Ablaufdatum: Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer und Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bleibt Merlin Sandmeyer, der als Schupo Alfons Klostermeyer eine Glanzleistung hinlegt. Angelogen wegen Elisabeths vierzehntägigem Arrest, versteht er es in Windeseile sich der Verliererin zu entziehen. Seine sogenannte Liebe hält vor seinen Ehrbarer-Bürger-Standesdünkeln nicht stand. Sandmeyer spielt diesen ichbezogenen, unempathischen Unsympath an seinen besten Stellen so nüchtern und bar jeder Gabe zur Selbstreflektion, dass es einen schaudert.

Dass dieser Alfons, in Wahrheit nicht mehr als ein um Autorität ringender Hänfling, mit seinem selbstmitleidig sich wiederholendem Satz „Ich habe kein Glück“ das letzte Wort hat, ist für diese Aufführung symptomatisch. Man weiß um die, die das eigene Schicksal endlos bejammern und blind sind für die Not des Nachbarn. Wer von sich selber glaubt, am Leben zu leiden, kann einen anderen umso leichter zugrunde gehen lassen.

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  1. 9. 2018

Burgtheater: Macbeth

Juni 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Grausamkeit als gruseliges Gedankenspiel

Die drei Hexen schlüpfen in die Rollen von Macbeth, seiner Lady und Duncan: Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Ein Märchen ists erzählt von einem Irren …“, sagt Macbeth in seinem Schlussmonolog. Dies beherzigend hat Regisseur Antú Romero Nunes deren drei für seine Interpretation des schottischen Stücks auf die Bühne des Burgtheaters gestellt, untote Geister, die drei Hexen, möchte man meinen, die das grausame Geschehen als gruseliges Gedankenspiel wiedergeben. Um nicht weniger geht es, als um die Frage nach Gut und Böse, und wie man die Welt in beidem täuschen kann.

Nunes‘ auf 90 Minuten sehr klug verknappte Kurzfassung kommt mit einer Handvoll Rollen aus, Ole Lagerpusch spielt den Macbeth, Christiane von Poelnitz dessen Lady, Merlin Sandmeyer schlüpft in die Figuren Duncan und Banquo, um die Quintessenz des Shakespeare’schen Stoffs über politischen Ehrgeiz, der zum Machtrausch wird, wiederzugeben.

Los geht es, da ist das Saallicht noch an, dieser im Bühnenbild von Stéphane Laimé gleichsam gespiegelt als wär’s der Mittelrang, Balkon, Kristallluster, roter Samt, auf dem Boden ein Pentagramm, da laufen laut kreischend Mädchen in weißen Nachthemden, flüchten vor den Nachtmahren, die gleich auftreten werden. Der Kinderchor „The Vivid Voices“, angetan wie im Horrorfim „The Ring“, bereitet so schauderhaft das gewitternde Erscheinen der Hexen auf der Heide vor. Die kommen in von Adern und Knochen überzogenen Bodysuits, darüber blutige Kleider, und lang-zerrauften Haaren (Kostüme: Victoria Behr). So wird Atmosphäre vorgegeben, auf seltsame Art archaisch wirkt das Spiel der Darsteller, so als wär’s bereits entrückt von einem längst vergangenen Gemetzel.

„Heil dir, Macbeth, der König wird, danach!“ Ihrer verstörenden Prophezeiung folgend übernehmen die Hexen nun die Parts der angesprochenen Charaktere. Merlin Sandmeyer tritt zunächst als Duncan auf, lasziv tänzelnd in angedachter Heerpauke und leicht trottelig verkündet er Macbeths Sieg über den Aufständischen Macdonwald und darf vom Bühnenbalkon aus auch einmal kalauern: „Die Burg ist … schön gelegen.“ Alldieweil besprechen die Gastgeber die Ermordung ihres hohen Herrn, uneinig darüber, wie ernst die Weissagung zu nehmen ist. Zwar wird sich geküsst und innig umarmt, doch ist klar, dass Christiane von Poelnitz‘ Lady Macbeth die Starke im Team ist. Sie wird mit Duncans Blut die Wachen beschmieren, während Ole Lagerpuschs Macbeth vergeblich versucht, sich die besudelten Hände an den Wänden sauber zu wischen.

Merlin Sandmeyer als Banquo. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kinderchor, Merlin Sandmeyer und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich wird auch Sandmeyers Banquo ein Opfer von Macbeths immer angstverzerrteren Mordtaten werden. Nunes inszeniert das effektvoll, indem er Banquo minutenlang durch Bodennebel hasten und stolpern lässt, dabei auf der Drehbühne doch immer auf der Stelle bleibend. Es sind derlei Einfälle, die den Abend mit einer Sogwirkung ausstatten, der man sich nicht entziehen kann: das synchrone Keuchen der Macbeths nach dem Morden, das Türklopfen, das wie ein Herzschlag klingt …, am Ende Tusch und Donner von der Post und Telekom Musik Wien. Da holt die Lady „The Vivid Voices“ noch einmal heraus, wird sie, während sie „Central Park“ von Woodkid singen, eine nach der anderen in den Tod reißen. Die Aufführung endet mit Lady Macbeths Selbstmord, eine ganze Flasche Theaterblut muss dafür daran glauben, und großem Applaus.

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  1. 6. 2018

Akademietheater: Die Perser

Mai 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In der Einfachheit liegt die Kraft

Geht an ihre Grenzen: Christiane von Poelnitz als Königsmutter Atossa. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Satz fällt schnell: „Wo, um Himmels Willen, liegt dieses Athen?“ Die Königsmutter Atossa spricht ihn, und in ihm liegt wohl begründet, warum man sich für die älteste überlieferte Tragödie der Theatergeschichte nach wie vor zu interessieren hat. Sinnlos Kriege zu führen, Konflikte zu schüren am anderen Ende von Welt und Vernunft, das wirft einen zurück auf diese Tage, die nicht heutiger sein könnten und dennoch antik-zeitlos sind. Welch ein Stoff, welch ein Autor.

Am Akademietheater hat Michael Thalheimer Aischylos‘ „Die Perser“ inszeniert. Auf die ihm eigene Art der theatralen Reduziertheit hat er das große Thema auf dessen Essenz verfeinert. Einmal mehr belegt der großartige Regisseur, dass in der Einfachheit die Kraft liegt, einmal mehr überlässt er seinen Schauspielern die Bühne – und deren Kraft ist überwältigend. Der Abend reißt einen hin und her und mit, und am Ende ist man beinah so erschöpft, aber glücklich wie die Darsteller.

Aischylos hat sein Drama 472 v. Chr. verfasst. Es behandelt den Untergang des Perserreiches nach einer unnötigen kriegerischen Auseinandersetzung mit den Griechen.

Nachdem sein Vater Dareios bei Marathon von Athen vernichtend geschlagen wurde, sinnt sein Sohn Xerxes nach Rache. Er bricht mit einer riesigen Flotte und einem Landheer auf, er baut mit seinen Schiffen einen Ponton an die griechische Küste – und wird doch von der widerständigen Minderzahl bei der Seeschlacht von Salamis vernichtend geschlagen. Das Eroberungsvolk ist endgültig liquidiert.

Der große Dramatiker Aischylos nahm als Soldat auf Siegerseite an dem Gemetzel teil. Dass er acht Jahre danach sein Stück verfasste, wird mit zwei Beweggründen erklärt: Zum einen galt es die Geburt des Okzidents, den Beginn eines Europas zu feiern, das sich endlich von der Bedrohung durch den Orient befreit hatte. Zum anderen aber wollte der Dichter anhand des Negativ-Beispiels „sein“ Athen wohl vor Überheblichkeit und Selbstüberschätzung warnen. „Hybris“ ist der Gedanke, um den sich sein Text dreht. Der freilich keine Antikriegsaufforderung ist, konnte sich der antike Mensch ein Dasein ohne diesen vermutlich gar nicht vorstellen.

„Das nackte Elend“: Merlin Sandmeyer ist als Xerxes ein Ereignis. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Chor des persischen Ältestenrates, Falk Rockstroh, belehrt die Königinmutter. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Am Akademietheater nun treten einem fünf Darsteller mit der ganzen Wucht ihrer Möglichkeiten entgegen. Christiane von Poelnitz, die Antikengeschulte, tritt erst als goldene Gottesmutter Atossa auf – denn die Perser verehrten ihre Herrscher als solche, als kalkulierende Politikerin, die beim Chor des persischen Ältestenrates Rat sucht und diesen doch zu gängeln weiß. „Und morgen gehört uns Griechenland“, tönt es noch kurz in der angemessen zeitgemäßen Textbearbeitung von Durs Grünbein, dann erscheint der Bote, dann reißt sich Atossa die edlen Kleider vom Leib und steht im schwarzen Hemdchen da.

Wie die Poelnitz diese plötzliche Verlorenheit, dieses Unverständnis über den Verlust der eigenen Größe, wie sie die Sorge um den geliebten Sohn spielt, nervös und zittrig und dennoch stolz erhobenen Hauptes, das ist große Klasse. Im quasi Wortsinn fällt ihr die Decke auf den Kopf, der einzige Bühnenbild-„Trick“ von Olaf Altmann, der Plafond saust wie ein Fallbeil herunter, wieder und wieder, und bringt mit sich den „Aschesturm“ der Gemeuchelten. Der die Darsteller kurz bis zur Unsichtbarkeit einhüllt.

Falk Rockstroh als der Ältestenrat changiert zwischen der Loyalität zum Herrscherhaus und der Anklage, dass hier „für nichts“ persische Männer geopfert wurden. Er ist in seiner Performance ebenso statisch kistallklar, wie Markus Hering, der als Bote die Unglücksbotschaft zu übermitteln hat – und dabei heult wie ein getretener Hund. Einem ganzen Volk, machen die beiden bewusst, ist nicht erklärlich, was da über es gekommen ist – ergo gibt man schnell einem Daimon die Schuld. Rockstroh, mit seinen schwarzen Augen blind (?), lässt Atossa keine Ruhe, er treibt sie vor sich her, jetzt, jetzt, gilt es politische Weichen zu stellen.

Es wird also der Daimon von Dareios aus dem Grab beschworen. Der kommt, Branko Samarovski in Kothurn und mit Teleskopstecken, doch kann er seinem Volk weder mit Rat noch Tat dienen. Auch ihm bleibt nicht mehr, als die Hybris seines Sohnes zu beweinen, bis er wieder in der Ewigkeit verschwindet.

Denn Anmaßung ist tatsächlich die große Sünde des Xerxes, brach er doch auf voll der Zerstörungswut. Nun kehrt er heim, im Wortsinn „das nackte Elend“. Merlin Sandmeyer, dieses eben erst aus der Schauspielschule geschälte Talent, erscheint blutig und bloß, ein von Minderwertigkeitskomplexen geplagtes Rich Kid, ein Neurosenkönig, der gegen die übermächtige Vaterfigur antreten wollte und nun vor der Verfetzung seiner Unternehmung steht. Sandmeyer spielt den Xerxes als vom Wahnsinn Umzingelten, tatsächlich gesteht ihm Thalheimer eine beinah Freud’sche Psychologisierung seiner Figur zu, wo ringsum subtile Stereotypheit herrscht – und Sandmeyer meistert die Aufgabe mit Bravour.

Markus Hering zerbricht als Bote an seiner bösen Nachricht. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Stimme aus dem Grab: Branko Samarovski als Dareios‘ Geist. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Endlich ist mit seinem fulminanten Auftritt auch die bis dahin im Halbdunkel gehaltene Bühne hell erleuchtet. Man sieht Blut und Boden, beim frenetischen Schlussapplaus arbeitet sowohl das Ensemble als auch das Leading Team hart daran, auf dem glitschig-ekeligen Untergrund nicht über die Rampe zu rutschen. Michael Thalheimers Aufführung besticht in ihrer Brillanz, er ist einer der wenigen Regisseure, die auf den ersten Blick an ihrer Bühnenhandschrift zu erkennen sind, und sich dennoch nie wiederholen. Wie eine gute Rockband, deren Sound man sofort wahrnimmt, auch wenn jedes neue Album eine Weiterentwicklung auf dem künstlerischen Weg ist.

Und P.S.: Weil dieses on-dit ist, dass man „Richard III.“ nach dem so verehrten wie überlebensgroßen Gert Voss an der Burg nie mehr zu machen bräuchte: Hier täte sich buchstäblich eine blutjunge Möglichkeit auf …

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Burgtheater: Pension Schöller

Oktober 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Berliner Schwung und Schnauze

Schwungvoll hinein in die Abendunterhaltung: Sabine Haupt und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Schwungvoll hinein in die Abendunterhaltung: Sabine Haupt und Roland Koch als Philipp Klapproth. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Es ist ein gewisses Wagnis, man merkte es an den Foyergesprächen vor dem Einlass, in der Stadt, in der sich so viele noch an die legendäre Hugo-Wiener-Fassung mit Max und Alfred Böhm erinnern können, die „Pension Schöller“ auf die Bühne zu bringen. Das Burgtheater hat’s nun erstmals gewagt – und gewonnen.

Regisseur Andreas Kriegenburg macht alles neu und anders, heißt eigentlich, er bewegt sich näher entlang des Originals von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby, und damit macht er alles richtig. Dreieinhalb Stunden dauert seine Inszenierung und ebenso lange fackelt er ein Feuerwerk an schrägen Ideen und skurrilen Einfällen ab. Nun kann in diesem Schwank freilich nichts weltbewegend Welterklärendes gefunden werden, doch wer gekommen war, um sich zu unterhalten, wurde bestens bedient. Kriegenburg setzt auf Berliner Schwung und Schnauze, auf stummfilmartigen Slapstick, selbst wenn zeitweise ein bisschen arg viel gestolpert wird, denn nicht einmal der Bananenausrutscher darf da eingangs fehlen. Allerdings als Theatergag auf dem Theater. „Ike schäme mir so“, sagt der ausführende Zahlkellner im Kaffee dazu.

Immer wieder treten die Darsteller auch aus ihren Rollen, um ebendiese Menschenparodien noch zu persiflieren, immer auf der Suche nach der Steigerungsstufe für das Wort Wahn-Witz, und wenn einer zum anderen sagt: „Das Niveau ist auf der Flucht vor dir“, dann ist damit die Temperatur des Abends eingestellt. Das passende Kunstwerk dazu ist das Bühnenbild von Harald B. Thor, der Schriftzug Smile, wie aus Backsteinen gebaut, dreidimensional zu bespielen, mit Balkonen und Blumenfenstern. Alles dreht sich, alles bewegt sich, alle überschlagen und verheddern sich im nächsten Schabernack. Sogar eine Bollywood’sche Tanzeinlage darf da nicht fehlen.

Mit Christiane von Poelnitz als Schriftstellerin Josephine Krüger. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Christiane von Poelnitz als Schriftstellerin Josephine Krüger. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Max Simonischek als Schauspieler ohne L, Eugen Rümpel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Max Simonischek als Schauspieler ohne L, Eugen Rümpel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Nun ist „Pension Schöller“ in erster Linie ein Fest für Schauspieler, und das Ensemble des Burgtheaters feiert sich und seine Kunst ausgiebig. Allen voran Roland Koch als Philipp Klapproth, der bis zum Schamhaar alles gibt. Er ist der reiche Privatier aus der Provinz, der Prototyp des braven Bürgers, der ein Abenteuer in der Großstadt erleben will und dem ein hinterlistiger Neffe ein Familienhotel als Irrenhaus vorgaukelt. Woran die Mieter in demselben nicht ganz unschuldig sind. Michael Masula brilliert als liebenswert-verrückter Weltreisender Fritz Bernhardy, die schamanische Reinigungsszene, der sich Klapproth an seiner Seite unterziehen muss, ist ein Kabinettstückchen für sich. Dietmar König ist als cholerischer Major a. D. Gröber ganz fabelhaft.

Christiane von Poelnitz hätte sich als nervige Schriftstellerin Josephine Krüger nicht nur einen Komödiantik-, sondern auch einen Artistikpreis verdient. Max Simonischek meistert sein Burg-Debüt mit Bravour. Er hat als Eugen Rümpel – der Schauspieler, der kein L sprechen kann – nicht nur eine der sprachlichst anspruchsvollsten Possenrollen ausgefasst, sondern eine, die vollen Körpereinsatz verlangt. Bernd Birkhahn und Sabine Haupt überzeugen als Schöller nebst Schwägerin auch mit einer musikalischen Einlage.

„Pension Schöller“ am Burgtheater ist irre lustig. Das Publikum reagierte mit lautem Lachen und viel Szenenapplaus. Was Schöneres lässt sich über einen Theaterabend sagen?

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Wien, 23. 10. 2016