Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

www.volkstheater.at

15. 5. 2019

TAG: Das Programm der Saison 2018/19

September 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Was TAG-Chef Gernot Plass „verwirrt und grantig“ macht

Die TAG-Chefs Gernot Plass (re.) und Ferdinand Urbach präsentieren den Spielplan der anlaufenden Saison 2018/19. Bild: Georg Mayer

Mit einer „Gruselgeschichte“ begannen Gernot Plass und Ferdinand Urbach, künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführer des TAG, ihre Saisonpressekonferenz am Donnerstag – und in dieser dreht es sich natürlich um Geld. Weil die Stadt Wien nicht imstande sei, die Förderung zu valorisieren, bleibe dem sich als Wiener Stadttheater verstehenden Haus nichts anderes übrig, als weniger zu produzieren.

Für die beiden Theatermänner ist das Verhalten des Subventionsgebers, „diese leise Strangulierung, die in der Öffentlichkeit nicht einmal bemerkt wird“, nicht nachvollziehbar, werde das TAG von Politik und Kritik doch gleichermaßen hochgelobt. „Das verwirrt einen und macht einen grantig“, so Plass, „vor allem wenn man Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verpflichtet ist.“ Immerhin: In der vergangenen Saison kam das TAG auf 72,3 Prozent Auslastung bei einer Eigendeckung von mehr als 18 Prozent.

Als Ergebnis dieser finanziellen Nichtentwicklung gibt es in der Saison 2018/19 „nur“ drei Premieren. Deren erste ist am 17. November die Uraufführung von „Der Untergang des österreichischen Imperiums oder Die gereizte Republik“. Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Republik“ werden Ed. Hauswirth und Ensemble diese Koproduktion mit dem Grazer Theater im Bahnhof „sehr frei nach Boccaccios ,Il Decamerone‘ gestalten. „Es wird um die Defensive des linken Diskurses gehen“, erklärt Plass, wenn sich in eine Villa am Semmering Intellektuelle und Journalisten zurückziehen, um ihre Wunden angesichts der rechtslastigen politischen Krise zu lecken.

Einer der, laut Plass, „herausragendsten Balten“ bestreitet die Uraufführung am 2. Februar: Arturas Valudskis interpretiert Tschechow unter dem Titel „Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume“. Der russophone Litauer übersetzt dafür das Original auf seine eigene Art ins Deutsche, er nimmt die Spartenbezeichung „Komödie“ des Dramatikers ernst und „betont die komödiantisch-absurde Seite des Stücks“. Am 3. April schließlich wird Bernd Liepold-Mosser seine Neuschreibung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ präsentieren. Der Regisseur inszeniert erstmals am TAG, und wird Hauptmanns Dialektsprache in seine eigene Kunstsprache übertragen.

Wiederaufnahme „Unterm Strich“ mit Ensemblemitglied Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Wiederaufnahme „Macbeth – Reine Charaktersache“ mit Gast Julian Loidl. Bild: Anna Stöcher

An Wiederaufnahmen wird es geben: „Auf der Suche nach dem sechsten Sinn“ (29. 9., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26064), „Unterm Strich – Ein Jahrmarkt der Eitelkeit“ (11. 10., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28818) und „Macbeth – Reine Charaktersache“ (17. 10., Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28223).

Auch die beliebten Improvisationsformate haben einen fixen Platz im TAG-Spielplan: Von 4. bis 9. Oktober findet etwa „Moment! 7th International Improv Festival Vienna“ statt. Mit Impro-Profis aus der ganzen Welt, wie Patti Stiles, Ruth Bratt oder Dan O’Connor, die auch wieder Workshops anbieten werden. Zum Saisonauftakt startet am 23. September „Sport vor Ort“, und ab Dezember gibt es erneut Zieher & Leeb mit „Fake off!“ zu sehen.

dastag.at/

  1. 9. 2018

TAG: Macbeth – Reine Charaktersache

Februar 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Zufall macht den Mörder

Julian Loidl ist der perfekte Macbeth. Bild: Anna Stöcher

Gegen Ende sagt eine der Hexen, Georg Schubert spielt sie, sie hätte jedem der anwesenden Männer den Königswahn in den Kopf pflanzen können. Dass es Macbeth traf und sie damit ausgerechnet sein Schicksal besiegelte, war – Zufall. Mit diesen Gedankenspielereien, was wählt der Mensch, wo wird für ihn gewählt, befasst sich Gernot Plass bei seiner jüngsten Shakespeare-Überschreibung im TAG. Wie immer, wenn Plass zum britischen Barden greift, ist ihm ein exzellenter Abend gelungen. Modern, witzig, temporeich, und das alles, ohne dem Shakespeare’schen Stoff in irgendeiner Weise Gewalt anzutun.

Im Gegenteil, Plass bleibt nahe am Original, seine Sprache ist poetisch, sie kontrastiert die Brutalität der Handlung. „Heutig“ ist die eine Frage, die ihn offenbar umtreibt: In dieser Welt, in der Selbstbestimmtheit ein Recht ist, auf das es zu pochen gilt, wie weit ist’s wirklich damit her? Gibt es so etwas wie freien Willen, freie Entscheidung überhaupt, oder muss sich nicht jedermann Kräften beugen, die von außen auf ihn einwirken? Derlei philosophischem Überbau folgt fantastisches Schauspiel.

Ein mit einem bald besudelten weißen (Leichen-)Tuch bedecktes Podium stellt die Hochebene dar, drauf und drunter wird gemeuchelt und gemordet, dass es eine Freude ist. Den „geilen Bräutigam der Göttin Krieg“ gibt Julian Loidl. Er ist die Idealbesetzung für diesen Typus Macbeth, ein Zögerer und Zauderer, den die zunehmende Macht mit sich steigernder Angst ausstattet, ebendiese wieder zu verlieren. Loidl gestaltet den Hin- und Hergerissenen ganz großartig, erst am Schluss, erneut auf dem Schlachtfeld, wird dieser Krieger wieder zu sich gefunden haben.

Ihm zur Seite steht Elisa Seydel als eine intensive Lady Macbeth (und wie alle anderen außer Loidl in unzähligen weiteren Rollen. Plass gelingt es, mit sechs Darstellern Shakespeares gesamten schottischen Kosmos zum Leben zu erwecken), sie eine vom Ehrgeiz Getriebene, die die Chance der Prophezeiung nicht ungenutzt verstreichen lassen kann. Wie Seydel zetert und tobt, schmeichelt und kurz darauf mit Liebesentzug droht, wenn er nicht nach ihrem Willen tanzt, ist sehenswert. Diese Lady Macbeth ist eine große Manipulatorin.

Die drei Hexen bei der Arbeit: Lisa Schrammel, Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Banquo wird ermordet: Lisa Schrammel, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen ist ein ehrenwerter Banquo, Georg Schubert als despotischer Duncan kein so guter König, wie dem nachgesagt wird. Lisa Schrammel macht unter anderem den Malcolm zum sich ermannenden Söhnchen, Raphael Nicholas ist als Lennox verzweifelt über die politischen Entwicklungen in seiner Heimat. Allesamt Krieger in ihren erstaunlich erstarrten Männlichkeitsritualen, die Bühne (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) ein düsteres Schlachtengemälde, in das ab und an allerdings kräftig Farbe gebracht wird – womit nicht nur das Blutrot gemeint ist.

Denn wie stets, wenn Plass bei Shakespeare die Finger im Spiel hat, kommt natürlich der Humor nicht zu kurz. Zum einen, wenn sich Nicholas, Schrammel und Schubert als gedungene Mörder im Dialektsprechen und Bärbeißigsein üben, zum anderen, wenn die drei als Hexen auftreten. Die sind bei Plass in Leoprint gehüllte Esoteriktanten, die zwischen Hekates Zauberworkshop und den aktuellsten Societymagazinen tändeln. Dass diesen Spaßgesellschaftsgirlies überhaupt jemand etwas glaubt, grenzt an ein Wunder. Doch natürlich kommt’s, wie’s kommen muss. Dafür war gerade der richtige Mann zur richtigen Zeit am falschen Ort. Alles Zufall – oder was?

Gernot Plass im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28155

dastag.at

  1. 2. 2018

TAG: Gernot Plass im Gespräch

Januar 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert „Macbeth – Reine Charaktersache“

Gernot Plass. Bild: Anna Stöcher

Am 3. Februar präsentiert Gernot Plass am TAG seine jüngste Überschreibung: „Macbeth – Reine Charaktersache“, frei nach Shakespeare. Es spielen Jens Claßen, Julian Loidl, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, Georg Schubert und Elisa Seydel. Ein Gespräch über Zufall und Schicksal, Macher und Mörder – und die aktuelle Kulturpolitik in Österreich:

MM: Wenn Sie inszenieren, dann Shakespeare. Wie kam’s zu dieser Liebe?

Gernot Plass: Es ist nicht schwer, dass Shakespeare bei einem Theatertier, wie ich eines bin, der Lieblingsautor ist. Shakespeare hat in seiner Dramaturgie und in seinen Figuren, die er ja in einer Unzahl geschaffen hat, uns eine Welt hinterlassen, mit der er den modernen Menschen erfunden hat. Bei ihm ist es so, dass der Mensch sich ein Bild aus der Literatur nimmt, und sich danach formt, nicht umgekehrt. Ich folge da den diesbezüglichen Theorien, dass das englische Renaissance-Ich, das Individuum eine Erfindung Shakespeares ist. Man hat sich an seinen Figuren damals orientiert, und auch wir heute sind – wenn man so will – nichts anderes als seine Kopfgeburten.

MM: Trotz dieser Verehrung muss Shakespeare „neu“ werden, das TAG hat sich ja der Überschreibung von Klassikern generell verschrieben. Muss man Shakespeare modern machen?

Plass: Ich glaube, ja, und jetzt wird’s frech: Es braucht bei all diesen klassischen Texten einen sprachlichen Eingriff. Das ist mein Skandal, den ich provoziere. Man muss diese Sprache aus dem 16. Jahrhundert herausholen; Sprache ist etwas Lebendiges und es gibt die sprachlichen Moden einer Zeit. Natürlich kann man Shakespeare konservieren und immer wieder museal aufführen, nur treffen wir Theaterpraktiker auf Sprachbilder- und muster, Sehgewohnheiten …, die nicht mehr heutig sind und die uns eigentlich im Weg stehen. Wir können uns überlegen, dass wir die Ausstattung anpassen, und alle in Strumpfhosen auf die Bühne schicken, in England machen sie das, die haben sogar ein ganzes Theater nachgebaut, so dass man in eine Art Zeitmaschine hineingeht. Ich gehe den anderen Weg, ich passe die Sprache an die Moderne an – und hebe nicht das Stück, aber dafür den Tex – das ist ein Unterschied – hinüber in unsere Zeit.

MM: Manche versuchen Moderne über die Regie zu schaffen und lassen den Text, wie er ist …

Plass: Regietheater ist der Versuch, Klassisches in die Moderne zu heben. Da macht man’s mit lustigen Ideen, Kostümen, Ausstattung. Man verändert auch hie und da den Text, macht ein Extempore etc. Ich sage, wenn schon, denn schon. Nehmen wir moderne Figuren mit einem modernen Text. Ursprünglich war es meine Idee für ein Jugendtheater, um Jugendlichen die Klassiker näher zu bringen. Das lief so gut bei „Richard II.“, das wir damals sagten, das könnte eine Morgenröte für einen neuen Theaterzugriff werden. Mittlerweile wird schon überall überschrieben, vielleicht  so ein morphogenetisches Feld, das sich ergeben hat, wer weiss.

MM: Der Erfolg gibt Ihnen Recht. Ihre Shakespeare-Inszenierungen zählen zu den erfolgreichsten im deutschsprachigen Raum, zu mindestens aber in Österreich.

Plass: Ob ich im ganzen deutschsprachigen Raum schon wahrgenommen werde, weiß ich nicht. Es melden sich mittlerweile einige deutsche Stadttheater, meine Art zu inszenieren ist halt gerade ein bisschen im Schwange: die Klassiker neu zu befragen und es sich dabei aber nicht zu einfach machen … das hoffe ich wenigstens …

MM: Nun also „Macbeth“ oder lieber „das schottische Stück“? Sind Sie abergläubisch?

Plass: Ich bin eher Rationalist. Das Globe Theatre im Übrigen ist nicht bei „Macbeth“ abgebrannt, sondern bei „Heinrich VIII.“ Insofern … nein, ich bin nicht abergläubisch.

MM: Was ist für Sie das Thema von „Macbeth“? Worauf fokussieren Sie?

Plass: Mich interessiert die Metaphysik des Stückes: Gibt es eine Zukunft, die festgelegt ist? Gibt es eine Vorbestimmung, die nicht ausweichbar ist? Oder ist – wieder modern gedacht – alles Zufall? Ist das Leben nur eine Reihe von Banalitäten, die im Rückblick eine Kausalität ergeben? Im Sinne von Ursache – Wirkung. Das ist die große Frage von „Macbeth“: Schicksal, Zufall, in welcher Welt leben wir? Wer strickt den Faden.

MM: Das heißt, hat der Mensch einen freien Willen? Was ja eigentlich ein aufklärerischer Gedanke ist?

Plass: Richtig. Oder hat der Mensch eine Vorherbestimmung? Ist die Erzählung schon fertig, und wir treten bloß in einem Stück auf? Womit wir bei Shakespeare sind, der sagt, die Welt ist eine Bühne. Na, da frage ich doch sofort: Wer ist der Bühnenautor? Ein weiteres Thema sind natürlich die Szenen einer Ehe …

MM: Eine wichtige Frage: Wie legen Sie die Lady Macbeth an – als Macherin oder Mörderin?

Plass: Es wird von Mann und Frau das Abgründigste hergezeigt, und wo Beziehungen landen können, obwohl man sich so unwahrscheinlich liebt. In der Weltliteratur gibt es kein zweites Paar, das sich so liebt, wie die Macbeths, auch, weil sie sich in eine Welt begeben, in der sie einzig voneinander gegenseitig abhängig sind. Die Lady macht sich natürlich eines Verbrechens schuldig, sie ist ein böser Antrieb, der den tragischen Helden in die Misere hineintreiben. Er wird, auch von den Hexen, in diese Handlung geschubst, heißt: Frauen sind der Motor in „Macbeth“. Die Lady ist eine starke Frau, sie hat ihre Haken in seinem Fleisch, und weil er nicht so funktioniert, wie sie das vorgesehen hat, verzweifelt sie an ihm, auf eine sehr moderne Art und Weise. Die Lady Macbeth ist eine fast feministische Figur.

MM: Nur um zu provozieren, die Frage: Was geht mich das heute an?

Plass: Den Aufstieg eines ambitionierten Paares, das kennt man auch aus der heutigen Zeit. Krieg ist natürlich leider immer aktuell, Macht, Liebe, das Ausspielen von Sexualität sind Dinge, die ewigmenschlich sind. Dieses ja nicht reale Schottland ist eine Metapher für unsere Welt, und darin sehen wir moderne Figuren, die auf ihre Weise zu überleben probieren. Das sollte abgründige Saiten in uns zum Schwingen bringen, die wir meistens, oder eigentlich immer verbergen wollen.

Julian Loidl als „Macbeth“. Bild: Georg Mayer

MM: Heißt, es geht um die Frage, wie weit würde man gehen, um …

Plass: … die Dinge, die man wirklich will, deren man bedarf, zu erreichen? Wie konsequent geht man auf diese Dinge zu?

MM: Bei der Programmpräsentation sagten Sie über „Macbeth“: Es wird blutig, es wird lustig, und: die Hexen seien die modernsten Figuren darin. Wie das?

Plass: Die Hexen sind esoterische Tanten, die in einem Hinterzimmer sitzen und Horoskope verkaufen. So, wie man sie aus Tageszeitungen oder anderen Medien kennt. Sie „verkaufen“ Zukunft, und treffen auf einen Menschen, der aufgrund seiner Disposition schon unlauter ist, und bei dem fruchtet das.

MM: Sie sind eine Art Königsmacher-Boulevardmedium?

Plass: In dem Sinne als Journalismus eine hexische Macht ist. Journalismus kann Karrieren machen, in der Politik, in der Kultur. Man kann jemanden rauf- oder runterschreiben, und das tut auch das Boulevard gerne. Es kommt im Text auch eine Boulevardzeitung vor. Das führt meinen Shakespeare auch ans Volkstheater heran, und ans absurde Theater, ich möchte nicht, dass er diesen gutbürgerlichen Illusionismus hat, ich schau‘ den Leuten aufs Maul. Und ich will, dass sich die Leute letztlich unterhalten.

MM: Julian Loidl kommt als Macbeth wieder einmal ans Haus.

Plass: Er ist tatsächlich für diese Rolle ideal, weil er tatsächlich alles mitbringt, was ein Darsteller des Macbeth benötigt. Er hat eine unheimliche Kraft, er lotet die Texte wirklich aus, und er hat – was tatsächlich wenige Schauspieler haben: eine dämonische Seite. Der Loidl hat etwas Gefährliches und gleichzeitig Hyperintelligentes, deswegen war er auch schon mein „Richard III.“. Ein Schauspieler, der das produziert, ist selten, ich hänge also in diesem Sinne vom Loidl ab. Um aber nicht nur ihm lobzuhudeln, wir haben ein großartiges Ensemble, das alle Rollen abdeckt …

MM: … Das ist so im TAG: Selbst wenn das Konzept einmal nicht aufgeht, das Ensemble ist in der Regel hervorragend.

Plass: Das ist auch handverlesen, und Neuzugänge suche ich sehr sorgfältig und vorsichtig aus, wer da zu uns dazu passt. Der Ensemblegeist ist der Hausgeist. Ich arbeite auch in anderen, größeren Theatern, wo vieles schwieriger ist; bei uns ist es eine schöne geölte Maschine. Also: In „Macbeth“ spielen außer dem Loidl nochdie großartigen Schauspieler Georg Schubert, Jens Claßen, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, die seit dieser Saison im Ensemble und auch unsere „Johanna“ ist, und Elisa Seydel als Gast. Sie spielt die Lady Macbeth.

MM: Lassen Sie uns noch übers TAG an sich sprechen. Diese Saison gibt es „nur“ vier Produktionen, davon eine Koproduktion, weil zusätzlich zu den erhaltenen 770.000 Euro 30.000 Euro an Subventionen fehlen.

Plass: Naja, um wirklich glücklich zu werden, bräuchten wir noch etwas mehr. Die 30.000 wären die reale Indexanpassung über den vierjährigen Förder-Zyklus. Durch die Vierjahresförderung schauen wir prospektiv auf eine Zeit, und daneben lauft die Inflation. Unsere Fördermargen sind tatsächlich so, dass wir seit 2014 die gleiche Summe kriegen. Leider muss man annehmen, dass Kulturpolitik diese volkswirtschaftlichen Zusammenhänge nicht versteht oder nicht verstehen will, dass die Deckung der Kosten am Theater nicht über den Verkauf von Platzkarten gehen können. Sie rennt lieber dem Austeritäts- und Sparer-Zeitgeist hinterher, indem sie alles deckelt.  So erwürgt man die Theater langsam, heißt: ohne, dass man sich groß schuldig macht. Das ist ein großer Zynismus oder eine große Dummheit der Politik, denn real verlieren wir, wenn wir immer die gleiche Fördersumme kriegen. Wir haben 120 Sitzplätze, die für eine Mittelbühne sehr gut besucht sind, aber die werden nicht mehr, und wir haben – das ist Hauspolitik – sehr niedrige Kartenpreise: nicht mehr als 20 Euro. Das ist nix. Wir können uns über die Abendkasse nicht groß steigern.

MM: Müssen aber andererseits wie viele Mitarbeiter entlohnen?

Plass: 22, im Sommer weniger. Es gibt Gehaltsanpassungen, damit man zu mindestens das, was man hat, finanzieren kann. Eine verantwortungsvolle Kulturpolitik sollte also die Institutionen, die sie fördert, immer zumindest entlang der Realeinkommen und der Inflationsrate indizieren. In unserem Fall tun sie’s nicht. Sie haben uns zwar mehr in Aussicht gestellt, wenn sie irgendwo mal Geld finden, aber so kann man nicht planen. Das ist ein Appell an die noch bestehende Sozialdemokratie in Wien, dass sie endlich die volkswirtschaftlichen Grundrechnungen versteht! Realeinkommen sinken, Mieten steigen. Das macht die Leute verrückt und sie rennen nach rechts.

MM: Apropos, Bund: Was erwarten Sie vom neuen Kulturverantwortlichen Gernot Blümel?

Plass: Herr Blümel ist für uns genauso ein Fragezeichen, wie es vor ihm Herr Drozda und Herr Ostermayer waren. Die sind mit uns nicht befasst, die machen sich keine Gedanken, egal ob das ein Sozialdemokrat oder ein ÖVPler ist. Die schauen nur, dass sie ihre Bundestheater und Bundesmuseen im Lot behalten. Nur, wenn die ganze Szene einmal Aufstand macht und ihre Begehrlichkeiten groß in der Zeitung äußert, dann schaut der Kanzleramtsminister einmal kurz her.

MM: War das Ihre Enttäuschung, dass es wieder keinen Kulturminister gibt? Oder war das zu erwarten?

Plass: Mich überrascht das bei der jetzigen Regierung nicht, mich hat es viel mehr bei der vorherigen Regierung geärgert, an der die Sozialdemokratie führend beteiligt war. Der Kulturminister wäre auch nicht nur etwas Symbolisches, der säße im Ministerrat und hätte dort eine Stimme, das wäre der Unterschied. Konservativen Parteien verstehen Kultur ohnedies bloß als Repräsentation, als Schmuck, den man trägt. Die Sozialdemokratie hätte Kunst und  Kultur dagegen anders begreifen müssen. Und sollte es in Wien immer noch.

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29. 1. 2018

TAG: Die Premieren der Saison 2017/18

September 7, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Macbeth, Jeanne d’Arc und Konrad Bayer

Gernot Plass und Ferdinand Urbach, die künstlerischen und kaufmännischen Leiter des Hauses, und ein lässig an der Wand lehnender Georg Schubert. Bild: © Georg Mayer

Als „leichte Bremsbewegung“ bezeichneten Gernot Plass und Ferdinand Urbach am Mittwoch Vormittag das Programm der Spielzeit 2017/18 im TAG. Der Anlass für derlei Formulierungen: Diese Saison sieht sich reduziert auf vier Premieren, davon drei Eigenproduktionen, allesamt Uraufführungen, und eine Koproduktion. Was für den künstlerischen und den kaufmännischen Leiter des Hauses aber schwerer wiegt:

Aus finanziellen Gründen gibt es auch eine Ensemblestelle weniger. Im Ensemble sind nun noch Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert. Lisa Schrammel kommt als vierte neu dazu. Urbach erklärt die Sparmaßnahmen mit der fehlenden Indexanpassung der Subventionen. Man stehe nach wie vor bei 770.000 Euro an Förderung, dies seit 2014, „was ergo eine Minderung bedeutet“. Was er bräuchte, um den Status Quo zu halten? „800.000 Euro“, sagt er.

Das TAG startet am 16. September mit der Premiere von Auf der Suche nach dem sechsten Sinn, einem Konrad-Bayer-Abend in Kooperation mit Pistoletta Productions. In Konrad Bayers letzten Roman „der sechste sinn“ steht der Kampf des Protagonisten mit der Realität und ihrer Sprache im Zentrum. Er wird dabei durch stets neue Höhen und Tiefen einer Liebesgeschichte getrieben, durch Alltagskatastrophen und Grenzerfahrungen, bis er aus der immer absurder und brüchiger werdenden Welt verschwindet. In diesem Werk kommt Bayers Misstrauen gegenüber der Eindeutigkeit von Sprache und Wirklichkeit zum Höhepunkt. Die Bühnenversion von Elisabeth Gabriel mischt nun Romanfragmente mit Bayers „konkreten Texten“, heißt: seiner Lyrik, und Chansons. Den Abend gestalten die Schauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg und der Musiker und Maschinenkünstler Paul Skrepek. „Eine groteske, poetische und nachdenklich machende Angelegenheit“, so Plass.

(Ein)Käthchen.Traum: Nancy Mensah-Offei und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Weisse Neger sagt man nicht: Nancy Mensah-Offei und Michaela Kaspar. Bild: © Anna Stöcher

Am 8. November folgt die Jeanne-d’Arc-Paraphrase Johanna. Eine Passion, Text und Regie von Christian Himmelbauer. Plass: „Es gibt über Jeanne d’Arc ein penibel geführtes Gerichtsprotokoll, in dem sie sich als eine Frau zeigt, die mit fester, klarer Stimme ihre Sache führt. Das ist etwas ganz anderes im Vergleich zu den unzähligen Interpretationen dieser Figur.“ Himmelbauer macht nun Johanna erneut den Prozess und stellt sie vor ihre Richter und Henker über die Jahrhunderte. Er konfrontiert sie mit seiner Textcollage mit diversen Deutungen ihrer Person und zeigt Versuche, diese Frauenfigur begreifbar zu machen. Sie selbst antwortet dabei auf alle Vorwürfe und Interpretationen mithilfe der Originalaussagen, die sie 1431 in ihrem Prozess in Rouen ihrem Tribunal entgegenhielt und die als Beleg ihrer Überzeugung, ihrer Intelligenz und ihrer eindrucksvollen Stärke erhalten sind.

Plass selbst wendet sich einmal mehr Shakespeare zu und inszeniert für den 3. Februar Macbeth. Reine Charaktersache. In seiner Überschreibung thematisiert er das Schicksal: Ob alles schon vorherbestimmt ist und rein gar nichts auf freien Entscheidungen des Menschen ruht – das Glück, die Freude, Aufstieg, Fall, Wahnsinn, Tod. Gibt es so etwas? Oder ist alles doch nur Zufall? Diesen Fragen spürt Gernot Plass nach und kleidet den shakespeareschen Handlungs- und Konfliktkern in ein zeitgemäßes Kostüm – sowohl auf sprachlicher wie auch auf inhaltlicher Ebene. Die modernsten Wesen werden bei ihm die drei Hexen sein. „Das sollte witzig werden“, hofft Plass.

Auf der Suche nach dem sechsten Sinn: Musiker und Maschinenkünstler Paul Skrepek und Schauspielerin Johanna Orsini-Rosenberg. Bild: © Judith Stehlik

Auch Margit Mezgolich kommt wieder ans Haus, ab 21. April mit Unterm Strich. Ein Jahrmarkt der Eitelkeit, sehr frei nach William M. Thackerays  großem Gesellschaftsroman über die Londoner High Society des 19. Jahrhunderts. Plass: „Im Wesentlichen geht es um eine Abrechnung beim Klassentreffen einer Schauspielschule.“

Margit Mezgolich nutzt dieses Setting, um in schnellen Szenenwechseln, Zeitsprüngen und überraschenden Wendungen die Biographien von fünf Menschen zu umreißen, die ihre Lebensmitte bereits überschritten haben und vor dem geschrumpften Rest ihrer Zukunft stehen. Gemeinsam erinnert sich der Abschlussjahrgang 1989 – „das Jahr des vorläufigen Endes des Kalten Krieges“, so Plass – an die Karriereträume am Theater und im Film. Umständlich-komisch erklärt man, warum man letztlich doch bei ganz anderen Berufen gelandet ist, präsentiert stolz Fotos der Nachkommenschaft und versucht sich von seiner Schokoladenseite zu präsentieren.

Wiederaufgenommen werden „Weiße Neger sagt man nicht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24954), „(Ein) Käthchen.Traum“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24145), „Faust-Theater“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13951) und „Nathan – Ein Ring ist ein Ring ist ein Ring“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23354). Zu den bewährten Impro-Formaten kommt neu Fake Off! dazu: Magda Leeb und Anita Zieher präsentieren ab 20. Oktober ihre ganz persönliche Wahrheit mit Endgültigkeitscharakter. Motto: Faken statt lügen. Zum Abschluss gab es von Ferdinand Urbach noch ein paar Zahlen: In der Saison 2016/17 lag die Auslastung bei 73 Prozent; Eigendeckung: 16 Prozent.

dastag.at

6. 9. 2017