Harri Pinter Drecksau

Dezember 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Absolut sympathische Loser-Komödie

Harris Herzblut – Juergen Maurer schlägt mit der U12-Eishockeymannschaft des KAC ein. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Von den „Mighty Ducks“ bis zum „Miracle“ – Filme über Eishockey stehen auf der persönlichen To-do-Liste nicht besonders weit oben. Nicht einmal Paul Newman und „Slap Shot“ konnten daran etwas ändern. Nun aber „Harri Pinter Drecksau“: hinreißend, supersympathisch, eine warmherzige Loser-Komödie, die den Kinobesuch lohnt, noch bevor der Film ins Fernsehen kommt (ist er doch die dritte „ORF-Stadtkomödie“).

Ein wenig  zaghaft wagte man sich erst nur an eine Veröffentlichung in Kärnten, nun ist „Harri Pinter Drecksau“ dank des dortigen Erfolges seit Freitag österreichweit in den Kinos. Der Inhalt: Harri Pinter, 46, hat seine beste Zeit schon hinter sich, nicht nur optisch: in den 1980er-Jahren holte die berüchtigte „Drecksau“ – dies ein Ehrentitel, bei dem das Ohrlapperl eines „Russen“ eine Rolle spielte – dem KAC den Meistertitel.  Erfolge, die der nunmehrige Fahrlehrer und Trainer der U12-Mannschaft beim Bier mit seinen Haberern gerne aufwärmt. Als aber Dauerfreundin Ines mit ihrem Uniprofessor den Absprung probt, gerät Harris Welt- und Selbstbild gehörig ins Wanken. Und als ihm auch noch der Trainerposten weggenommen wird, versteht er gar nichts mehr …

Nach „Die Werkstürmer“ ist „Harri Pinter Drecksau“ die neue turbulente Komödie von Andreas Schmied. Und sie besticht, wie schon die vorherige, durch die großartigen Darsteller. Juergen Maurer ist die Idealbesetzung für den einfach gestrickten Kraftlackel Marke „raue Schale, weicher Kern“, der bei seinen Eishockeykids sogar batzweich wird. Sein Harri ist mehr armes Würstl als Macker, weit weniger testosterongesteuert, als er’s gern hätte, und stets peinlich bemüht seinen Freunden etwas zu beweisen.

Mit einem Blick wie ein gescholtener Rottweiler bewegt sich dieses so hilflos naive Mannsbild durch die Gegend. Wunderbar, wie er alle Frauen in seiner Umgebung nach dem neuen, sensiblen Gegenmodell fragt, zu dem er sich für die Ines entwickeln möchte. Die unbequemen Wahrheiten, die er dabei zu hören bekommt, lassen nur einen Schluss zu: „Die Weiba stehen auf so halbschwule Sachn.“ In einer der witzigsten Szenen versucht er mit à la 80er Jahre aufgekrempelten Sakkoärmeln in der Disco einen Stich zu machen. Sehr fein auch, dass in der Kantine nicht Tischfussball, sondern Tischeishockey gewuzzelt wird.

Flasch gewährt Harri seine „5 minutes of fame“: Juergen Maurer und Andreas Lust. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Harri begleitet Dörki auf seinem schweren Weg zu Miri: Juergen Maurer und Hosea Ratschiller. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Flankiert wird Harri von Andreas Lust als Unsympathler vom Dienst, Flasch, der beim KAC auf Funktionärsebene große Karriere bis zum Vereinspräsidenten machen will, und Hosea Ratschiller als Dodl von der Vereinszeitung, Dörki, der unsterblich in die Kantinenkraft verliebt ist. Julia Cencig spielt die Ines, Dominik Warta ihren Uniprof – und alle beherrschen sie den Kärntner Dialekt aus dem Effeff.

Am Ende, eh klar, wird Harri zum Hero. Durchschaut alle Machenschaften und erkennt, dass Dörki sein einziger echter Freund ist. Entdeckt hinter Helm und Brustschutz seine perfekte Mischung aus Macho und Schmusebär. Das Dilemma moderner Männer. Doch gerade, weil Harri an allem (ver)-zweifelt, ermannt er sich. Schließlich gilt es ein Spiel und die Frau fürs Leben zu gewinnen …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=56&v=1V-adkDjncI

  1. 12. 2017

Akademietheater: Die Geburtstagsfeier

September 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Stück für Schwarzseher

Eine Polonaise fürs Geburtstagskind: Nina Petri, Oliver Stokowski, Max Simonischek, Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Andrea Breths Interpretation von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ ist von Salzburg nach Wien übersiedelt, wo die Comedy of menace am Akademietheater mit Jubel und Applaus bedacht wurde. Nicht, dass man das Ganze nicht auch in 90 Minuten hätte erzählen können, aber Breth trat an, ihren Pinter zu zelebrieren (es ist ihr zweiter nach dem „Hausmeister“), und wer ihre Liebe zu Dada und gaga kennt, zum Absurden und zum Abwegigen, weiß wohin dieser Weg führte.

Über die doppelt so lange Strecke jedenfalls, und gefühlt ging‘s an jeder Abzweigung Richtung „Arsen und Spitzenhäubchen“. Gelacht wurde jedenfalls exakt so viel. Das Spätwerk des Literaturnobelpreisträgers ist fast so ausinterpretiert wie der „Hamlet“. Ungefähr jeder Literaturkritiker hat schon seinen Senf dazu gegeben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich dass der politische Mahner einfach mal so einen Thriller mit Funfaktor geschrieben hat. Nein, Stanley (Pinter hat das reale Vorbild einst in Eastbourne kennengelernt) muss ein Zivilisations-, Gesellschafts-, Kirchenflüchtling sein, einer, der sich als Individuum über die Bedürfnisse der Gemeinschaft stellt, weshalb diese ihn einholt und zur Strecke bringt.

Wahlweise ist er Verbrecher/Vergewaltiger, ein Betrüger sowieso, Mitglied jener ominösen „Organisation“, der auch Goldberg und McCann angehören – was wiederum von Kirche bis Gauner, oder beides, reichen kann. Das Judentum wird auch bemüht, schließt heißt Stanley Webber und Goldberg, na eben Goldberg.

Wie Pinter – er schrieb Uraufführungsregisseur Peter Wood, Stanley werde sich „ganz sicher nicht dazu äußern“ – schert sich auch Breth einen feuchten Kehricht um all das. Sie lässt das Geheimnis, wo es hingehört, und das ist gut so. Aufs Schärfste zurückzuweisen ist der von der Salzach herübergeschwappte Vorwurf, das Stück wäre schlecht. Das dem grumpy old man, der es meisterhaft verstand, das Publikum in die Abgründe seines eigenen tagtäglichen Geschwätzes blicken zu lassen? Dessen Pausen beredter sind als anderer Dramatiker Dialoge?

Lulu lässt sich schänden: Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Mit so tollen Zähnen wird man der Boss: Roland Koch und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Breth trägt dem Rechnung, der Thriller-Variante mit Pause nämlich: Sie zerhackt, was Pinter in drei Blöcke geteilt hatte, in kurze, manchmal längere, von Blackouts getrennte Szenen. Mitunter sieht man starre Einzelbilder, mitunter wird interagiert (aber einander dabei nie direkt ins Gesicht geblickt), das Tempo wechselt. Das ist so filmisch, dass einmal sogar die Zeitlupe zum Einsatz kommt. Bei einem Blinde-Kuh-Spiel. Breth macht aus der „Geburtstagsfeier“ das Stück für Schwarzseher. Und Bert Wrede darf sich dazu mit spooky Wabersound austoben. Geräusche, wie die Zeitung umblättern, Tee einschenken …, werden via Mikrophon verstärkt – ein gelungener Effekt. Bestechend ist das Lichtdesign von Friedrich Rom.

Bestechend auch das Bühnenbild von Martin Zehetgruber. Er zeigt eine abgehauste, versiffte Privatpension an einem englischen Strand, die längst von Sanddünen und trockenen Grasbüscheln erobert wurde. Vor der Tür krängt ein angeschlagenes Holzboot, nach der Pause wird es sich bis in den Innenraum vorgearbeitet haben. Obwohl alle ständig vom strahlenden Sonnenschein schwafeln, hängt der Nebel tief. Dies wohl der Kern von Pinters Aussage. Allüberall verbal vermittelter Selbstbetrug; man muss es sich nur einreden, und gut ist’s.

In dieses Biotop nun hat sich der ominöse Stanley zurückgezogen. Der angeblich verkrachte Konzertpianist hat wie seine Behausung die Körperpflege eingestellt, und müffelt in jeder Bedeutung des Wortes vor sich hin. Umflattert wird er von der ältlichen Hausherrin Meg, die, ausgestattet mit einem kolossalen Iokaste-Komplex, sich zwischen Muttergefühlen und sexueller Belästigung schwankend auf ihn stürzt. Dritter im Haushalt ist Megs Mann Petey, die meiste Zeit dabei, stoisch seine Zeitung zu lesen. So heiß ihr unterm Kittel ist, ihn lassen die Faxen seiner Frau längst kalt.

Dieses Trio Infernal gestalten Max Simonischek als Stanley, Nina Petri und Pierre Siegenthaler vom Feinsten. Petri vibriert vor Betulichkeit und (vorgetäuschter?) Naivität, Simonischek zahlt es ihr mit grantiger Grausamkeit heim. Im Verhältnis der beiden manifestiert sich schon die Aggression und Gewaltbereitschaft, die in weiterer Folge die Handlung dominieren wird.

Die Stimmung eskaliert: Roland Koch, Andrea Wenzl, Max Simonischek, Nina Petri und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Und der Nagelzwicker kommt zum Einsatz: Oliver Stokowski, Max Simonischek und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Auftritt nun nämlich Roland Koch als Goldberg und Oliver Stokowski als McCann. Es ist verwunderlich, dass sich keiner wundert, dass es zwei Herren im Anzug an den A**bgrund der Welt verschlägt. Aber Meg hat eine Erklärung: „Wir sind sehr empfohlen“, lautet ihr Mantra. Dass die Fremden hinter Stanley her sind, ist gleich klar. Meg hingegen beginnt auf dessen Kosten eine Geburtstagsfeier rauszuschinden, und weil dieser nur halbherzig bestreitet einen solchen zu haben, gibt’s als Geschenk eine Kindertrommel. Derweil laufen Goldberg und McCann zur Höchstform auf, was die Alkoholbeschaffung betrifft.

Man sagt, die Vorbilder für Goldberg und McCann wäre das in den 1950er-Jahren extrem populäre Komikerduo Jewel und Warriss. Und Stokowski und Koch legen es zumindest ähnlich an. Stokowski, der den im Original verlangten irischen durch den hessischen Akzent ersetzt hat, ist als der Mann fürs Grobe das Sensibelchen. Umso erschreckender die Momente, wenn ihm die Kontrolle abhanden kommt, und er sich nur mühsam davon abhalten kann gegen jemandes Kopf oder andere Körperteile zu treten. Doch in ihren Unterwerfungsspielchen ist der wahrhaft Brutale der elegante, eloquente Goldberg.

Wie diese Figur das Geschehen, so dominiert Roland Koch die Inszenierung. Seine Performance als unterschwellig gefährlicher Charmeur ist schlichtweg großartig. Er misshandelt die Frauen – Andrea Wenzl als zunehmend betrunkener Nachbarin Lulu bricht er fast die Hand, bevor er aus ihr einen One-Night-Stand macht -, ohne es zu merken. Meg drückt er bei jeder Gelegenheit gegen die Wand, wohl weil er Platz für seine Persönlichkeit braucht. Allein schon Roland Koch ist es wert, sich diesen Abend zu gönnen. Und auch sonst entfaltet die Aufführung, so man sich auf sie einlässt, einen mächtigen Sog. Breths „Geburtstagsfeier“ ist ein beklemmend belustigendes Erlebnis.

Das Ende? Die Brutalitäten gegenüber Stanley nehmen zu, seine Brille bricht – und was ist mit seiner Zunge passiert? Black. Alles beim Alten. Nur Stanley ist weg. Lulu, das bereitwillig sexuelle Opfer, sieht sich zurückgelassen. Meg redet sich ein, die Partyqueen gewesen zu sein. Und Petey? Wiewohl er schon wieder Zeitung liest, hatte er seinen Moment des Aufbegehrens – und vielleicht als einziger den Durchblick.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Kasino des Burgtheaters: Party Time

Februar 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Mitglieder im exklusivsten Mörderclub der Welt

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Daniel Jesch, Mavie Hörbiger, Alexandra Henkel, Stefanie Dvorak, Philipp Hauß, Marcus Kiepe, Elisabeth Augustin und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Es ist eigentlich ganz einfach. Der Technobeat muss nur mehr Dezibel haben als das Geschützfeuer. Klingt ja beides irgendwie gleich. Die Gespräche müssen immer schön an der Oberfläche bleiben, besser Mist aus dem Mund, als den tiefer liegenden Dreck aufwühlen. Und die Performance. Ganz wichtig. Stil, Eleganz, Grazie, Geschmack – wie Liz sagt. Da sind aber schon alle dabei sich auszuziehen und auszukotzen und auszugreifen. Endlich Stimmung! Endzeitstimmung.

Regisseur Miloš Lolić hat im Kasino des Burgtheaters Harold Pinters „Party Time“ inszeniert. Lolić ist gebürtiger Belgrader. Als die Jugoslawienkriege begannen und Pinters grausliche Groteske im Londoner Almeida Theatre uraufgeführt wurde, war er nicht einmal noch richtig Teenager. Den Herzschlag seiner Stadt, die dröhnenden Bässe der Nato-Bombeneinschläge, hat er aber nicht vergessen. Und nun in seine Arbeit eingearbeitet. Könnte man sagen.

Weil man manches sagen könnte. Mr. Literaturnobelpreisträger, der alte Enigmatiker, lässt sich nicht in die Karten schauen. Sein Stück ist ein Interpretations-Spielraum. Den das Ensemble großartig nutzt, im Sinne von: Expect the Unexpected! Lolićs Debüt am Haus ist voll aufgegangen, er macht Poesie mit Bums, er setzt auf Effekt und legt genau durch dieses vordergründige Verdecken die Schärfe seiner Pinter-Deutung frei. Er führt die Schauspieler so nah an die Unsinnigkeit, dass die Beklemmung, das Unbehagen, der Wahnwitz ihrer Figuren immer glaubhaft bleiben.

Zu acht, Philipp Hauß, Michael Masula, Mavie Hörbiger, Elisabeth Augustin, Stefanie Dvorak, Alexandra Henkel, Daniel Jesch und Marcus Kiepe, zeigen sie eine High Society bei einer Rooftop Party. Dieses Dach der Schönen und Reichen, es ist nur eine kleine Hebebühne. Man muss strampeln und drängen, um seinen Platz darauf zu verteidigen. Ja, es gehört etwas dazu, sich oben zu halten, vor allem, die anderen nach unten zu treten. Ist doch klar. Wo Wohlstand, da auch irgendwo Armut. Wo Demokratie, da auch irgendwo Diktatur. Und gegen den Hunger in der Welt helfen am besten Charityessen. Das nennt sich Balance halten. Oder Geschäfte machen. Der Rücken derer, auf die man dabei steigt, muss nur gebeugt genug sein. Bevor die Show beginnt, muss diese Welt also erst zurechtgerückt werden, die Schauspieler bringen ihre Bühne in Position. Und los.

Smart herumstehen, Cocktails trinken, die Upper Class mit gut gefülltem Glas, Sex- und Politikgespräche, beides belangloser dirty talk, latente Homoerotik und SM-Fantasien, Geschwister- und ödipale Liebe. Sie sind eindeutig neues und altes Geld. Ein wenig wie Buñuels Bourgeoisie. Die Elite Europas. Geld macht Politik. Sie könnten in New York, Moskau oder Pjöngjang genauso leben. Sie sind die Monopolyspieler der internationalen Finanzmärkte, die Instagram-It-Girls, die durch Geburt Bevorzugten. Ein exklusiver Club, und um die heißbegehrte Mitgliedschaft in einem solchen – Sie wissen: Tennis, Golf, Swimmingpool, Bar – drehen sich auch die intensivsten Diskussionen. Doch auf den Straßen ist irgendetwas los. Hubschrauber fliegen, Hunde bellen. Und Pinter lässt offen, ob die Mörder drinnen oder draußen sind. Ist Revolution oder Putschversuch oder wird die Opposition ausradiert? „Eine Razzia“, erklärt „Gavin“ Michael Masula ganz Grand­sei­g­neur. Brüssel Molenbeek? „Einen gusseisernen Frieden. Keine undichten Stellen“, verlangt Jeschs Fred. Der Mann ist Gefahr, spürt man. Und dann die Frage: „Was ist eigentlich mit Jimmy passiert?“ Der kommt, wie ein Gespenst aus einem Foltergefängnis, und schießt auf das Establishment und wird von ihm erdrosselt und am Ende …

Lolić lässt Pinters 26-Seiten-Drama drei Mal spielen. Mit jeweils anderem Ausgang. Er dekonstruiert Situation und Text, präsentiert schließlich nur noch deren Eingeweide. Die dafür auf dem Silbertablett. Runde zwei ist bereits hektischer und heftiger. Die Klasse, die einander und nur einander beispringt, verliert ebendiese. „Ich bin’s doch nicht allein, die sich für unglaublich wichtig hält?“, ist Dvoraks Liz bange Frage. Die Verbalgewalt und die Mordgedanken nehmen zu, der gepflegte Ennui wird hysterische Heiterkeit. Psychosen entkleiden sich wie die Darsteller. Der Firnis der Zivilisation ist sowieso nur ein dünnes Designerfähnchen, also fliegt der Leoprint neben das Plastikrosé, und gezogene Gürtel kann man nun zur Selbstgeiselung nutzen. Der Podestplatz wird kleiner, die Promillezahl steigt. Es wird Trauer getragen, um einen geliebten alten Club, der aber geschlossen wurde. Nun will man rigoroser und fundamentaler sein. Augen zu, Gewehre über. Das Publikum wird angeklagt, warum es nicht mitmacht. Das ist so zynisch, so zum Lachen, eben Pinter aufs beste gespielt. Die Gesellschaft hat sich geschlossen. Aber Jimmy ist diesmal schon da, Christoph Radakovits, krank und verschmiert, und es wird ihm an den Kragen gehen. „Das Herumgewurschtel muss aufhören“, wird verlangt.

Und Runde drei. Sprache nur noch rudimentär. Der Text ist knapp, das Textil auch. Wort- folgen auf Patronenhülsen. Mittels Poledance geht’s in den Bunker unter der Hebebühne. Auf Eskalation und Orgie folgt Agonie. Die Menschen werden ein in sich verschlungenes Vampirnest, die Darsteller entäußern sich ein letztes Mal in einer ausgeklügelten Choreografie. Alles geht nun kurz und rasch, der kleine und der endgültige Tod. Er ereilt diesmal … Mavie Hörbiger gelingt es in dieser amorphen Masse von Leibern am eindringlichsten ihrer Figur von Wiederholung zu Wiederholung mehr Kontur, eine immer andere Nuance, zu geben. Sie ist Jimmys Schwester. Die einzige unbeirrt Suchende. Goldregen geht nieder. Die Kratzwürmer kriecht davon. Als könnte man sie so leicht loswerden. „Alles, was wir verlangen, ist, dass die öffentlichen Dienste dieses Landes ihren sicheren und geregelten Gang gehen, und dass der brave Bürger seiner Arbeit und seiner Freizeit ungestört nachgehen darf“, sagt Gavin. Er klingt wie ein Echo. Ein nicht und nicht ersterbendes Echo. Lolić macht klar, wo diese „Party Time“ stattfindet. Eine sehenswerte Produktion, so zwischen Akademiker- und Opernball.

www.burgtheater.at

Wie, 4. 2. 2016

Wiener Festwochen: Titkaink/Unsere Geheimnisse

Mai 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Volksmusik und Pädophilie

István (Zoltán Friedenthal) und Stieftochter Timike (Éva Enyedi) Bild: Zsolt Puskel

István (Zoltán Friedenthal) und Stieftochter Timike (Éva Enyedi) Bild: Zsolt Puskel

Wer immer die Idee hatte, die Produktion „für Zuschauer ab 16 Jahren“ freizugeben, weil Kindesmissbrauch zu sehen sein wird, dem sollte man nicht die Ehre antun, mit einem Ui! zu reagieren. Von den meisten KritikerkollegInnen wurde dieser Aspekt sowieso als Nebendingsbums abgetan – und auch Autor und Regisseur Béla Pintér braucht ihn nur als Katalysator.

Da gibt es also István Balla Bán (Zoltán Friedenthal), im ungarischen Kommunismus höchst angesehener Volksmusikkomponist, der wie ein Krokodil durch den flachen Plattensee robben muss, weil er einen Steifen kriegt, wenn er seine siebenjährige Stieftochter im Badetrikot sieht. Pintér findet jede nur mögliche Ausrede für den Pädophilen, der Täter ist sein Opfer, der Arme, kann ja nicht anders, ist in höchster Not, ach, diese Lolitas. Timike (Éva Enyedi) wird aber weniger kindliche Lazivität angedichtet, als eine Art Stockholm-Syndrom. Sie will dem Stiefpapa halt eine Freude machen, wenn „sein Zwerg zum Riesen wird“ und ihr dann noch ins Gesicht spuckt. Lustig, lustig, tralalalala … Die Ehefrau hält ihren Mann für impotent, macht sich Sorgen, konsoldiert Ärzte, freut sich, als der mit entsprechendem Ergebnis von der Tochter träumt, über eine mögliche Chance, aber plumps fällt der Vati um. Die Mutti will er ja nicht. Dafür mixt er später dem Sohn eines Freundespaares etwas Einschläferndes in den Apfelsaft und zieht ihm die Hose runter. Wie gesagt: Für Béla Pintér ist das die Neben-neben-neben-Handlung.

Denn István besucht immerhin eine Psychiaterin. Doch die wird abgehört. Und nun hat ihn der kommunistische Parteiapparat in den Klauen. Nachdem ihm der Kossuth-Preis verliehen worden ist (und ihm der zuständige Funktionär schwule Avancen macht; an dieser Stelle: Wer hat jemals von einem Fall gehört, in dem Schwule pädophil waren? Welche unheilvollen Vorurteile werden da wieder vermischt?), rückt man raus mit der Wahrheit. Er soll das Paar bespitzeln, dessen Sohn er noch missbrauchen wird. Er, Imre (Béla Pintér), schreibt für das oppositionelle Blatt „Eiserner Vorhang“, sie, Bea (Zsófia Szamosi) ist die lupenreinste Kommunistin jenseits der Erzsébet híd. Imre landet im Zuchthaus, István sticht sich den Schwanz ab. Einen Preis hat er noch gestiftet: Den bekommt Imres Sohn, den die Begegnungen mit István immerhin zum Volksmusikliebhaber gemacht haben (er gibt der Stiefgeliebten des Vaters, also Bea, nicht einmal die Hand, sagt nur: „Mein Vater wäre heute 61 …“) Und: Da Timike Vorsitzende der Stiftung ist, wird man ihr die Gelder streichen.

Das erfährt man in einem zynischen kurzen Epilog: Die Situation in Ungarn heute ist unter Premier Viktor Orbán nicht viel besser geworden ist. Die Spitzel und Opportunisten von einst sind wieder an der Macht, die Unterdrückung hat nur andere Formen angenommen. Bitterböse ist das Fazit dieses Stücks, das meist in einem Tanzhaus spielt, und gespielt wird, wie von einer Laientruppe aus der hintersten Provinz. Von der Pußta will ich träumen, wenn der Cardaz klingt. Ungarland, Ungarland, Ich hab‘ dir meine Herz verschrieben. Ich bin dein, Donaustrand … Ope-rette sich, wer kann.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-geschichten-aus-dem-wiener-wald/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-bluthaus/

Wien, 20. 5. 2014

Wiener Festwochen: „Le Retour“

Mai 19, 2013 in Bühne

Bruno Ganz glänzt in Harold Pinters

Familienaufstellung

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory Bild: Ruth Walz

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory
Bild: Ruth Walz

Es war einmal, da erklärte Bruno Ganz nie wieder in Wien Theater spielen zu wollen. Verrisse hatten ihn gekränkt. Zu Recht. Er war damals ein fabelhafter Ödipus in Kolonos in einer fabelhaften Inszenierung von Klaus Michael Grüber. Ein Glück. Verletzungen verheilen. Auch, wenn’s zehn Jahre dauert. Nun ist der Schweizer Star wieder da. Spielt in Luc Bondys Inszenierung von Harold Pinters „Le Retour“ den Max. Fabelhaft. Naturgemäß. Der Intendant der Wiener Festwochen hat diese Arbeit von seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, mitgebracht.Eine gewaltige Collage aus in Gewalt verborgener Geborgenheit, Wut und Witz. Eine Familienaufstellung.

1964 hat Literaturnobelpreisträger Pinter „Die Heimkehr“ geschrieben. Und damit dem Publikum ein unlösbares, wunderbares Rätsel aufgegeben: Als Viererbande hausen Max, Schlachter im Ruhestand, sein Bruder Sam, Privatchauffeur, und seine Söhne – Hilfsarbeiter Joey, der hofft, Boxer zu werden, und Zuhälter Lenny – in einer unfreiwilligen, aus finanzieller Not entstandenen Männer-WG. Da taucht im tristen Nordlondoner Loch der einzige der Familie auf, der’s geschafft hat: Teddy, Philosophieprofessor in den USA, mit Haus, Swimmingpool, drei Söhnen – und einer Ehefrau. Die hat er mitgebracht. Die wird mit herber Herzlichkeit begrüßt und geprüft. Denn Ruth hat eine Vergangenheit als „Model“ und mehr. Die Männerwirtschaft macht die Mutter wieder zur Hure. Eine(r) muss ja aufs Wirtschaftliche schauen. Und tatsächlich: Sie bleibt. Teddy geht allein heim … Undurchsichtig, undurchschaubar das Ganze.

Johannes Schütz hat für diese Geschichte ein sehr schön abgefucktes Bühnenbild erfunden: einen Riesenraum, in dem Küche, Essplatz, Wohnzimmer und Wohnwagen (Sams Unterschlupf) untergebracht sind. Schlafzimmer: im ersten Stock. Hier lässt Bondy seine Schauspieler ihr Spiel entfalten. Bondy hätte Pinter „entstaubt“ war nach der Pariser Premiere irgendwo zu lesen. Blödsinn. Das braucht es bei Pinter nicht. Und das hat auch ein Bondy nicht nötig. Meisterhaft stülpt er über die MQ-Halle eine Atmosphäre, die Verlangen, Verachtung, Verlust spürbar macht. Wie in einer „französisch duftenden“ Käseglocke gefangen, ist das Publikum all diesen starken Gefühlen, Gerüchen, dem Odeur, ausgeliefert. Der Rivalität zwischen beiden Brüderpaaren, der Hassliebe der Eheleute; intellektuelle Humanität trifft auf Animalität. Ohne Ausweg nehmen noch das harmloseste Gespräch, ein absolut banaler Alltagsaugenblick, eine ungeheuere Wendung.

Apropos, Ungeheuer: Bruno Ganz spielt eines. Großartig, gefährlich, grausam. Ein Berserker, Prolet. Ein Kronos, der auf den ersten Blick Seinesgleichen erkennt. Sieht, welche Gorgone ihm da ins Haus kommt. Die wird uns noch was kosten, stellt er nach abgeschlossenem „Geschäft“ mit Ruth fest, während die schon ihr Täschchen dreht. Dieser Fremdkörper Frau wird im Laufe des Abends zunehmend konkret körperlich. Emmanuelle Seigner (Ehefrau von Roman Polanski und hierzulande von seinem „Frantic“ bis Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ als Filmschauspielerin bekannt) ist als Ruth überirdisch schön, so elektrisierend wie traumwandlerisch. Erst geheimnisvoll -no na -, bald anlassig. Schnell findet sie in alte Muster zurück; die Natur des Menschen ändert sich nicht. Schnell wird da der verbitterte, verwitwete Patriarch zum Tänzler, zum Um-sie-herum-Schwänzler. Wie er das Wesen durchschaut, betrachtet er es auch schon als sein Eigentum. Der trögen Gesellschaft aus Vater und Söhnen schießt das Blut ein – ja, genau da -, als Zukunftspläne greifbar, angreifbar, antatschbar werden. Sehr nachvollziehbar stellen das Louis Garrel als Sportskanone Joey und der immer leicht eingeraucht wirkende Lenny (Micha Lescot) dar.

Das Gewissen, in Gestalt des stets mit seinem Toupet kämpfenden Onkel Sam, hat keine Chance. Pascal Greggory (schon 2011 mit Patrice Chéreaus Inszenierung von Jon Fosses „Rêve d’automne“ bei den Festwochen zu Gast) gibt ihm eine tragikomische Note. Ein Weißclown, bei dem man nicht weiß, ob man über ihn Lachen oder mit ihm Weinen soll. Bleibt Teddy (Jérôme Kircher). In dieser Runde der Spießbürger. Der sich nächtens, nervös mit dem Schlüssel fingernd, ins väterliche Haus stiehlt. Keinen Versuch macht, seine Frau zu „retten“. Am Ende still seinen Koffer nimmt. Und aus. Fast scheint es, er wäre nur heimgefahren – weil, warum sollte ein Uni-Prof sich diese Bagage antun -, um das unter seiner Würde befindliche Weib, dem auch er einmal verfiel, ein für alle Mal loszuwerden. Ach, hätte er doch wenigstens den lieben Sam aus diesem Clan-Gefängnis befreit. Dem fehlt nämlich allein offenbar die Kraft dazu. Aber, Halt! Man darf manches tun, nur nicht versuchen, Pinter zu interpretieren. Also nur so viel: Es war ein überwältigender Abend, der mit Riesenapplaus, Bravorufen und Standing Ovations für Ganz und Bondy endete.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 5. 2013