H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hoffmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hoffmann im Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hoffmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hoffmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hoffmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Off Theater – Shlomit Butbul: Es ist was es ist

Dezember 18, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Liebestöne nach der Lyrik von Erich Fried

Andreas Lindenbauer, Joe Pinkl, Shlomit Butbul und Martin Reining. Bild: Andreas Müller

Liebe ist …? Darüber zerbrechen sich Poeten seit Anbeginn der Dichtkunst den Kopf. Eine der schönsten Antworten auf diese weltentscheidende Frage hat der österreichische Lyriker Erich Fried gefunden und seine lakonische Gleichung gegen alle Bedenken, Beschwerden, Proteste 1983 im Gedichtband „Es ist was es ist“ veröffentlicht. Schauspielerin und Sängerin Shlomit Butbul bringt nun Frieds Liebestöne zum Klingen, sein „Ich liebe

Dich weil Du Hand anlegst an mein übervolles Herz“, seinen „Strauch mit den herzförmigen Blättern“ – „Sommer- regen warm: / Wenn ein schwerer Tropfen fällt / bebt das ganze Blatt / So bebt jedes Mal mein Herz / wenn dein Name auf es fällt“, sein „Zwischenspiel“ mit dem nassen Zeigefinger. Als Frieds sehnender, suchender Mensch wechselt Butbul dabei zwischen weiblichen und männlichen Sichtweisen, und vergisst auch den politischen Poeten nicht, wenn sie über Liebe in Zeiten des Krieges und das Menschsein ohne sie philosophiert. „Wo keine Freiheit ist / Bist du die Freiheit / Wo keine Würde ist / Bist du die Würde / Wo keine Wärme ist / Keine Nähe von Mensch zu Mensch / Bist du die Nähe und die Wärme / Herz der herzlosen Welt“, heißt es dazu in „Du“.

Begleitet wird Butbul an diesem von Tania Golden in Szene gesetzten Abend vom Ensemble Fandujo, und dessen einer Mitbegründer Joe Pinkl hat Frieds Texte sehr subtil und auf jede Schattierung achtend vertont. Entstanden sind so wunderbare kammermusikalische Kleinode, die sich in ihrer stilistischen Vielfalt zu einer Collage unterschiedlicher Momente von Zweisamkeit, auch Einsamkeit, ineinanderfügen. Liebe als romantische Vorstellung, erotische Projektion und existenzielle Bedingung für alles Lebendige, das sind die Bezugspunkte zwischen denen sich Butbul, Pinkl mit Posaune und Euphonium, Martin Reining auf der Violine und Andreas Lindenbauer auf der Bassklarinette bewegen.

Frieds ganzer Gefühlskosmos tut sich auf, und seine klare, direkte Sprache trifft einen dank dieser intensiven Performance mitten in die Seele. Die Produktion von SHIR-music Eisenstadt und AFA Wien ist heute Abend noch einmal als Gastspiel im Off Theater zu sehen.

www.shlomitbutbul.com           www.off-theater.at         www.youtube.com/watch?v=r8TPELdap9A

  1. 12. 2019

Erwin Steinhauer im Gespräch

September 24, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hand auf’s Herz“ in den Wiener Kammerspielen

Hand_aufs_Herz1Vom großen Erfolg ihres ersten gemeinsamen Musikprogramms FEIER.ABEND ermutigt (mehr als 100 Vorstellungen in ganz Österreich), begeben sich nun Erwin Steinhauer und seine Lieben  auf große Fahrt und stechen ab 16. Oktober, ausgehend von den Wiener Kammerspielen, in See. „Hand auf’s Herz“ ist eine musikalisch-satirische Odyssee mit wahren und beinahe wahren Lied-Geschichten, voller Humor und Poesie, über menschliche Schwächen, Intoleranzen, über unsere Lieben und die Scherben, die wir hinterlassen. Erzählt von einem Sänger, der zum Lachen und zum Weinen bringt: Bandleader Erschy Heart kreuzt mit seiner legendären Combo „Die Lieben“ auf dem Kreuzfahrtriesen SM Alcatraz quer durch die Weltmeere. Zwischen Nordsee und Karibik überzeugt man das routinierte Kreuzfahrt-Publikum sowohl mit Coverversionen bekannter Hits, als auch mit neuen Liedern und ruft zum Tanz in eine heile Welt, die es längst nicht mehr gibt.„I sag’ immer: das Leben is heart“ Es ist das leidenschaftliche heiße Herz des „alten Hasen“, in dem das Geheimnis eines gemeinsamen, fröhlichen Neubeginns pocht …

Idee: Deinboek/Rosmanith/Steinhauer

Buch: Heli Deinboek

Liedtexte: Heli Deinboek, Heinz R. Unger

Kompositionen: Otto Lechner, Klaus Trabitsch, Joe Pinkl und die Band

Erwin Steinhauer: Gesang, Gitarre, Ukulele

Georg Graf: Saxophone, Klarinetten, Gitarre

Joe Pinkl: Keyboard, Posaune, Tuba

Peter Rosmanith: Perkussion, Hang

MM:Wie kam’s zu der Idee, nach FEIER.ABEND auf Kreuzfahrt zu gehen? Und wofür steht diese Kreuzfahrt?

Erwin Steinhauer: Das hat nichts mit: Nimm’ dein Kreuz und wandle … zu tun. Wir haben für einen humorvollen, satirischen Abend eine Geschichte gesucht; wir sind eigentlich vom Scheitern dahin gekommen. Wie viele Leute sind in einem Beruf, den sie nicht wollten und müssen ihn ausüben, um Geld zu verdienen. Das betrifft sehr viele Menschen. Aber noch schlimmer ist, wenn man Künstler werden will, ein toller Musiker ist, ein Beherrscher seines Instruments – und damit kein Geld verdienen kann. Und dann siehst du so ein Plakat: Wir suchen für die Kreuzfahrt auf der SM Alcatraz noch eine Schiffskombo. Dann strandest du in etwas, das in der Nähe deines Traumes liegt, aber kilometerweit entfernt ist von dem, was du machen wolltest.

MM: Also eine Kreuzfahrt im Sinne von Kalvarienberg.

Steinhauer: Sicher. Ich habe einen Geburtstag mit Peter Alexander erlebt, ich glaube, es war der 70., in einem kleinen Restaurant. Da stand ein kleines Klavier und um halb Eins, als wir schon einiges getrunken gehabt hatten, setzt sich der Peter Alexander ans Klavier und spielt Jazzklavier, dass binnen kürzester Zeit alle mit offenem Mund um ihn gestanden sind. Alle sagten: Peter, warum hast denn das nicht gemacht? Das ist doch a Wahnsinn. Und er: Weil ich damit leider kein Geld verdient hätte. Das hat auch mit Scheitern zu tun. Das hat mich so beschäftigt, dass ich sagte, das wäre doch eine wunderbare Handlung. Wir erfinden eine Figur, wie diesen Erschy Heart, Erwin Herz, drum der Titel „Hand aufs Herz“, der an Bord dieses Kreuzfahrtschiffes landet und privat wie beruflich nur gescheitert ist, mehrere Familien hat, auf diversen Kontinenten verstreut, wo eine nix von der anderen weiß, ein fürchterlicher Mann, der nur dem Genuss gelebt hat. Und nun hier gestrandet ist. Das ist die Geschichte rund um zwanzig Lieder, von denen zehn Coverversionen und zehn neue Lieder sind. Heli Deinboek hat sie zum Großteil getextet, Heinzi Unger hat sieben Texte beigesteuert. Otto Lechner, Klaus Trabitsch und Joe Pinkl haben komponiert. Und es spielen wieder „meine Lieben“: Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith.

MM: Welche Qualitäten hat Heli Deinboek, dass Sie immer wieder gerne mit ihm arbeiten? Ihn auch diesmal „an Bord“ geholt haben“?

Steinhauer: Heli ist ein großartiger Texter, ein toller Musiker. Er hat einen unfassbaren Output. Wie schnell der Texte und Satzbrocken zusammensetzt! Von ihm ist ja auch „Puttin’ on the Ritz“ – „Der Putin is a Witz“ aus FEIER.ABEND. Gültig bis heute, wenn nicht sogar gültiger. Ein genialer Kopf! Mit einer unglaublich poetischen Seite. Ein Ausnahmemensch! Beide Programme hätte es ohne Heli nicht gegeben.

MM: Besteht das Programm nur aus Musik?

Steinhauer: Nein. Erschy Heart, der Mann, dem man nicht einmal einen Gebrauchtwagen abkaufen würde, erzählt auch von seinen Erwartungen und Träumen. Erzählt von seinem gescheiterten Leben bis zu den Einflüssen auf unsere Umwelt. Das ist eine kleine Gratwanderung, weil er auch immer wieder in den Erwin kippt, der auch seine satirischen Überlegungen beitragen muss. Wobei wir bitte nicht ins Kabarettladl geschoben werden wollen!

MM: Dann schiebe ich Sie kurz aus dem Ladl raus. Sie haben in Ihren Kabarettprogrammen Ohrwürmer wie „Bodenlurch“ oder „VIPs“ gesungen. Ist das jetzt ein Neuentflammen der Liebe zur Musik?

Steinhauer: Es hat MICH wiederbelebt. Die Hälfte meiner Kabarettprogramme bestand meist aus Musik, doch ich bin durch Theater und Film ganz davon weggekommen. Jetzt ist der ideale Moment zur Rückkehr. Schuld ist der Peter Rosmanith, der mich vor vielen Jahren angerufen hat, um zu fragen, ob ich zu einem seiner musikalischen Programme lese. So sind wir auf die gemeinsame Liebe H. C. Artmann gekommen und haben „Dracula, Dracula“ gemacht. Und auf den vielen Fahrten von Auftritten zurück, sagte Peter: Warum machen wir nicht ein musikalisches Programm. Und ich: Geh’ bitte, lass’ mich aus. Worüber soll ich singen in meinem Alter? Über die Liebe? Da lachen ja die Leute.

MM: Na, entschuldige …

Steinhauer: Genau das hat der Peter auch gesagt. Und so ist das immer weiter gegangen. Mittlerweile spiele ich wieder fleißig Gitarre – und Ukulele.

MM: Wie Marilyn Monroe.

Steinhauer: Ja, Musik mit der Eing’angenen. Und für die Lyrik, für die Literatur ist der Heinz Unger gekommen, hat ganz tolle Geschichten geschrieben, ganz tolle Gedichte. Ich freu’ mich, ich bin schon heiß drauf.

MM: Sie haben im Leben auch schon einiges hinter sich gelassen. Daher – „Hand aufs Herz“- die Frage: als wievielter verlassen Sie ein sinkendes Schiff?

Steinhauer: Mein Schiff sinkt nicht, ich fahre munter weiter. Ich habe drei Kinder und drei Enkelkinder, daher würde ich mich nicht mehr als Kapitän sehen, aber zum Ersten Offizier reicht’s noch. Der mit der affektierten Backbordmimik: Geht eh alles, braucht’s was? (Er lacht.) Ich halte mein Berufsleben mit großer Disziplin und großer Ernsthaftigkeit in der Waage. Ich überprüfe sehr, was ich mache, weise Dinge von mir, die nichts mit mir zu tun haben – und versuche so Wahrhaftigkeit in allen Rollen anzustreben. www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-die-schuesse-von-sarajevo/ ; http://www.mottingers-meinung.at/tobias-moretti-in-das-finstere-tal/ ; http://www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-macht-feier-abend/ Ich arbeite jetzt bis 1. Februar und warte dann, ob jemand eine Idee hat. Ich bin aus Laden, die funktioniert haben, hurtig herausgesprungen. Ich könnte heute noch Dinge wie „Der Sonne entgegen“ spielen. Aber ich liebe die Abwechslung, die neue Herausforderung, das Risiko, das man auch scheitern kann.

MM: Ist dieses Aussuchen können eine Qualität der Popularität? Oder sitzen Sie auch manchmal verzweifelt über einem leeren Terminkalender?

Steinhauer: Die Existenzangst ist Teil des Berufs. Ich bin ja nirgends fix angestellt – auch nicht an der Josefstadt, sondern kriege per Aufführung gezahlt. Meist ist es so, wenn du dir Termine freihältst für den Film, kommt ein Theaterengagement, das nimmst du an – und dann kommt natürlich ein Film.

MM: Wie der ins Auslandsoscar-Rennen geschickte „Das finstere Tal“, in dem Sie den bigotten Pfarrer spielen …

Steinhauer: Ja, wunderbar. Aber ich hab’ dann zwischendurch noch die Konzerttermine, muss für meine Musiker ja Termine blockieren. Das sehen die Filmleute dann wieder nicht so gern, weil man da weg ist … Wie man’s macht … Ich verstehe übrigens die Entscheidung nicht, einen „Western“ nach Amerika zu schicken. Wollen wir denen etwas zeigen, das sie besser können? Wir sollten ureuropäische Stoffe, die sich vom amerikanischen Geschmack total unterscheiden ins Rennen schicken. Filme, wie sie der Haneke macht. Oder der Ulrich Seidl. Das sind Dinge, die’s nur hier gibt, drüben nicht. Damit wir sagen: Hallo, wir sind irgendwie anders!

MM: Um aufs Musikalische zurückzukommen, Opapa. Sind Sie auch gut bei Kinder- und Weihnachtsliedern?

Steinhauer: Sehr! Wird alles gemacht. Wenn auch nicht immer von Erfolg begleitet. Aber wir sind eine hochmusikalische Familie. Meine Tochter Iris spielt Klavier, Matthias hat ja mit Musik begonnen, bevor er Richtung Schauspielerei ging:http://www.mottingers-meinung.at/josefstadt-die-geschichte-vom-fraeulein-pollinger/ ; http://www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-liebelei/ . Wir haben den Mattl anfangs musikalisch gar nicht so gefördert, weil er wie der Stani war: Alles anfangen, aber nichts zu Ende bringen. Der Stani hat E-Gitarre, Schlagzeug, alles begonnen. Er ist sehr musikalisch; da kann also noch was kommen. Mein ältestes Enkelkind, der Leon, der flippt total aus, wenn er Klavier spielen oder mit einer CD mitsingen kann. Die Kinder vom Mattl sind derzeit eher „Kunstturner“, sportliche Typen.

MM: Wie steht’s nun mit Kreuzfahrten? Alfred Komarek hat mir erzählt, er ist ein bissl schwanger mit einem Kreuzfahrt-Polt: Polt und Rehberg auf dem Schiff und klären einen Mord auf. Wissen Sie was davon?

Steinhauer: Nein. Obwohl der Polt und der Rehberg im bis dato letzten Teil ja eine gewinnen. Komarek wird nächstes Jahr 70, da möchte er gerne den letzten machen: „Alt, aber Polt“. Wenn das zustande käme, ginge ich auf Kreuzfahrt, aber privat: Nein. Das ist wie ein schwimmender Gemeindebau. Deshalb heißt’s bei uns ja SM Alcatraz – Sadomaso-Gefängnis. Sich im Bikini zu zeigen, hat bei manchen durchaus mit Sadismus zu tun. Oder ein Mann mit meiner Statur im Lobaufetzerl …

www.erwinsteinhauer.at

www.josefstadt.org

Wien, 24. 9. 2014

Erwin Steinhauer macht Feier.Abend

März 6, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Wien-Dernière im Stadtsaal

Bild: © Nancy Horowitz

Bild: © Nancy Horowitz

Am 14. März ist im Stadtsaal die Wien-Dernière von „Feier.Abend“. Erwin Steinhauer & Seine Lieben (Georg Graf – Saxophone, Klarinetten, Gitarre; Joe Pinkl – Keyboard, Posaune, Tuba; Peter Rosmanith – Perkussion, Hang) bringen dabei ihre Lieblingslieder zu Gehör. Schmuckstücke einer sehr persönlichen musikalischen Perlenreihe, alte Hits und neue Gassenhauer von Georg Kreisler und Roland Neuwirth bis Janis Joplins „Mercedes Benz“ und Randy Newman. Auch Drafi Deutschers Schlager „Marmor, Stein und Eisen“ gibt es  in einer a capella Interpretation. Und hochaktuell: „Da Putin is a Witz“/Puttin‘ on the Ritz. Für die genialische Übersetzung der Texte ins Wienerische sorgte Autor und Liedermacher Heli Deinböck. Da heißt’s dann „I kenn mi aus bei der Eisenbahn“/House of the rising sun, wird gesungen „Für’d Moni“ oder die „Balade von de Glanechkeiten“.

Dazwischen erzählt Steinhauer von seinen Jugendjahren, seiner Prägung zum Romantiker, von seiner Zeit als Nebenerwerbs-Heurigensänger und ganz allgemein von Höhen und Tiefen eines Suchenden, der in der Kunst stets fündig geworden ist. Die Musik karikiert diese biografische Nabelschau auf liebenswert-heimtücke Weise, etwa beim „Mädchen mit den drei blauen Augen“. Gedichte und Texte sind Teil des Programms. Allesamt vom 2006 verstorbenen Satiriker Robert Gernhardt.

Hallo, süße Kleine, komm mit mir ins Reine! Hier im Reinen ist es schön, viel schöner als im Schmutz zu stehen, Hier gibt es lauter reine Sachen, die können wir jetzt schmutzig machen. Schmutz kann man nicht beschmutzen, laß uns die Reinheit nutzen. Sie derart zu verdrecken, das Bettchen und die Decken. Die Laken und die Kissen, daß alles Leute wissen: Wir haben alles vollgesaut und sind jetzt Bräutigam und Braut.

Und auch die Welterkundungen eines H. C. Artmann dürfen natürlich nicht fehlen.

www.stadtsaal.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=bP6TZSrN370

www.erwinsteinhauer.at

Wien, 6. 3. 2014