Off Theater – Shlomit Butbul: Es ist was es ist

Dezember 18, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Liebestöne nach der Lyrik von Erich Fried

Andreas Lindenbauer, Joe Pinkl, Shlomit Butbul und Martin Reining. Bild: Andreas Müller

Liebe ist …? Darüber zerbrechen sich Poeten seit Anbeginn der Dichtkunst den Kopf. Eine der schönsten Antworten auf diese weltentscheidende Frage hat der österreichische Lyriker Erich Fried gefunden und seine lakonische Gleichung gegen alle Bedenken, Beschwerden, Proteste 1983 im Gedichtband „Es ist was es ist“ veröffentlicht. Schauspielerin und Sängerin Shlomit Butbul bringt nun Frieds Liebestöne zum Klingen, sein „Ich liebe

Dich weil Du Hand anlegst an mein übervolles Herz“, seinen „Strauch mit den herzförmigen Blättern“ – „Sommer- regen warm: / Wenn ein schwerer Tropfen fällt / bebt das ganze Blatt / So bebt jedes Mal mein Herz / wenn dein Name auf es fällt“, sein „Zwischenspiel“ mit dem nassen Zeigefinger. Als Frieds sehnender, suchender Mensch wechselt Butbul dabei zwischen weiblichen und männlichen Sichtweisen, und vergisst auch den politischen Poeten nicht, wenn sie über Liebe in Zeiten des Krieges und das Menschsein ohne sie philosophiert. „Wo keine Freiheit ist / Bist du die Freiheit / Wo keine Würde ist / Bist du die Würde / Wo keine Wärme ist / Keine Nähe von Mensch zu Mensch / Bist du die Nähe und die Wärme / Herz der herzlosen Welt“, heißt es dazu in „Du“.

Begleitet wird Butbul an diesem von Tania Golden in Szene gesetzten Abend vom Ensemble Fandujo, und dessen einer Mitbegründer Joe Pinkl hat Frieds Texte sehr subtil und auf jede Schattierung achtend vertont. Entstanden sind so wunderbare kammermusikalische Kleinode, die sich in ihrer stilistischen Vielfalt zu einer Collage unterschiedlicher Momente von Zweisamkeit, auch Einsamkeit, ineinanderfügen. Liebe als romantische Vorstellung, erotische Projektion und existenzielle Bedingung für alles Lebendige, das sind die Bezugspunkte zwischen denen sich Butbul, Pinkl mit Posaune und Euphonium, Martin Reining auf der Violine und Andreas Lindenbauer auf der Bassklarinette bewegen.

Frieds ganzer Gefühlskosmos tut sich auf, und seine klare, direkte Sprache trifft einen dank dieser intensiven Performance mitten in die Seele. Die Produktion von SHIR-music Eisenstadt und AFA Wien ist heute Abend noch einmal als Gastspiel im Off Theater zu sehen.

www.shlomitbutbul.com           www.off-theater.at         www.youtube.com/watch?v=r8TPELdap9A

  1. 12. 2019

Erwin Steinhauer im Gespräch

September 24, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hand auf’s Herz“ in den Wiener Kammerspielen

Hand_aufs_Herz1Vom großen Erfolg ihres ersten gemeinsamen Musikprogramms FEIER.ABEND ermutigt (mehr als 100 Vorstellungen in ganz Österreich), begeben sich nun Erwin Steinhauer und seine Lieben  auf große Fahrt und stechen ab 16. Oktober, ausgehend von den Wiener Kammerspielen, in See. „Hand auf’s Herz“ ist eine musikalisch-satirische Odyssee mit wahren und beinahe wahren Lied-Geschichten, voller Humor und Poesie, über menschliche Schwächen, Intoleranzen, über unsere Lieben und die Scherben, die wir hinterlassen. Erzählt von einem Sänger, der zum Lachen und zum Weinen bringt: Bandleader Erschy Heart kreuzt mit seiner legendären Combo „Die Lieben“ auf dem Kreuzfahrtriesen SM Alcatraz quer durch die Weltmeere. Zwischen Nordsee und Karibik überzeugt man das routinierte Kreuzfahrt-Publikum sowohl mit Coverversionen bekannter Hits, als auch mit neuen Liedern und ruft zum Tanz in eine heile Welt, die es längst nicht mehr gibt.„I sag’ immer: das Leben is heart“ Es ist das leidenschaftliche heiße Herz des „alten Hasen“, in dem das Geheimnis eines gemeinsamen, fröhlichen Neubeginns pocht …

Idee: Deinboek/Rosmanith/Steinhauer

Buch: Heli Deinboek

Liedtexte: Heli Deinboek, Heinz R. Unger

Kompositionen: Otto Lechner, Klaus Trabitsch, Joe Pinkl und die Band

Erwin Steinhauer: Gesang, Gitarre, Ukulele

Georg Graf: Saxophone, Klarinetten, Gitarre

Joe Pinkl: Keyboard, Posaune, Tuba

Peter Rosmanith: Perkussion, Hang

MM:Wie kam’s zu der Idee, nach FEIER.ABEND auf Kreuzfahrt zu gehen? Und wofür steht diese Kreuzfahrt?

Erwin Steinhauer: Das hat nichts mit: Nimm’ dein Kreuz und wandle … zu tun. Wir haben für einen humorvollen, satirischen Abend eine Geschichte gesucht; wir sind eigentlich vom Scheitern dahin gekommen. Wie viele Leute sind in einem Beruf, den sie nicht wollten und müssen ihn ausüben, um Geld zu verdienen. Das betrifft sehr viele Menschen. Aber noch schlimmer ist, wenn man Künstler werden will, ein toller Musiker ist, ein Beherrscher seines Instruments – und damit kein Geld verdienen kann. Und dann siehst du so ein Plakat: Wir suchen für die Kreuzfahrt auf der SM Alcatraz noch eine Schiffskombo. Dann strandest du in etwas, das in der Nähe deines Traumes liegt, aber kilometerweit entfernt ist von dem, was du machen wolltest.

MM: Also eine Kreuzfahrt im Sinne von Kalvarienberg.

Steinhauer: Sicher. Ich habe einen Geburtstag mit Peter Alexander erlebt, ich glaube, es war der 70., in einem kleinen Restaurant. Da stand ein kleines Klavier und um halb Eins, als wir schon einiges getrunken gehabt hatten, setzt sich der Peter Alexander ans Klavier und spielt Jazzklavier, dass binnen kürzester Zeit alle mit offenem Mund um ihn gestanden sind. Alle sagten: Peter, warum hast denn das nicht gemacht? Das ist doch a Wahnsinn. Und er: Weil ich damit leider kein Geld verdient hätte. Das hat auch mit Scheitern zu tun. Das hat mich so beschäftigt, dass ich sagte, das wäre doch eine wunderbare Handlung. Wir erfinden eine Figur, wie diesen Erschy Heart, Erwin Herz, drum der Titel „Hand aufs Herz“, der an Bord dieses Kreuzfahrtschiffes landet und privat wie beruflich nur gescheitert ist, mehrere Familien hat, auf diversen Kontinenten verstreut, wo eine nix von der anderen weiß, ein fürchterlicher Mann, der nur dem Genuss gelebt hat. Und nun hier gestrandet ist. Das ist die Geschichte rund um zwanzig Lieder, von denen zehn Coverversionen und zehn neue Lieder sind. Heli Deinboek hat sie zum Großteil getextet, Heinzi Unger hat sieben Texte beigesteuert. Otto Lechner, Klaus Trabitsch und Joe Pinkl haben komponiert. Und es spielen wieder „meine Lieben“: Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith.

MM: Welche Qualitäten hat Heli Deinboek, dass Sie immer wieder gerne mit ihm arbeiten? Ihn auch diesmal „an Bord“ geholt haben“?

Steinhauer: Heli ist ein großartiger Texter, ein toller Musiker. Er hat einen unfassbaren Output. Wie schnell der Texte und Satzbrocken zusammensetzt! Von ihm ist ja auch „Puttin’ on the Ritz“ – „Der Putin is a Witz“ aus FEIER.ABEND. Gültig bis heute, wenn nicht sogar gültiger. Ein genialer Kopf! Mit einer unglaublich poetischen Seite. Ein Ausnahmemensch! Beide Programme hätte es ohne Heli nicht gegeben.

MM: Besteht das Programm nur aus Musik?

Steinhauer: Nein. Erschy Heart, der Mann, dem man nicht einmal einen Gebrauchtwagen abkaufen würde, erzählt auch von seinen Erwartungen und Träumen. Erzählt von seinem gescheiterten Leben bis zu den Einflüssen auf unsere Umwelt. Das ist eine kleine Gratwanderung, weil er auch immer wieder in den Erwin kippt, der auch seine satirischen Überlegungen beitragen muss. Wobei wir bitte nicht ins Kabarettladl geschoben werden wollen!

MM: Dann schiebe ich Sie kurz aus dem Ladl raus. Sie haben in Ihren Kabarettprogrammen Ohrwürmer wie „Bodenlurch“ oder „VIPs“ gesungen. Ist das jetzt ein Neuentflammen der Liebe zur Musik?

Steinhauer: Es hat MICH wiederbelebt. Die Hälfte meiner Kabarettprogramme bestand meist aus Musik, doch ich bin durch Theater und Film ganz davon weggekommen. Jetzt ist der ideale Moment zur Rückkehr. Schuld ist der Peter Rosmanith, der mich vor vielen Jahren angerufen hat, um zu fragen, ob ich zu einem seiner musikalischen Programme lese. So sind wir auf die gemeinsame Liebe H. C. Artmann gekommen und haben „Dracula, Dracula“ gemacht. Und auf den vielen Fahrten von Auftritten zurück, sagte Peter: Warum machen wir nicht ein musikalisches Programm. Und ich: Geh’ bitte, lass’ mich aus. Worüber soll ich singen in meinem Alter? Über die Liebe? Da lachen ja die Leute.

MM: Na, entschuldige …

Steinhauer: Genau das hat der Peter auch gesagt. Und so ist das immer weiter gegangen. Mittlerweile spiele ich wieder fleißig Gitarre – und Ukulele.

MM: Wie Marilyn Monroe.

Steinhauer: Ja, Musik mit der Eing’angenen. Und für die Lyrik, für die Literatur ist der Heinz Unger gekommen, hat ganz tolle Geschichten geschrieben, ganz tolle Gedichte. Ich freu’ mich, ich bin schon heiß drauf.

MM: Sie haben im Leben auch schon einiges hinter sich gelassen. Daher – „Hand aufs Herz“- die Frage: als wievielter verlassen Sie ein sinkendes Schiff?

Steinhauer: Mein Schiff sinkt nicht, ich fahre munter weiter. Ich habe drei Kinder und drei Enkelkinder, daher würde ich mich nicht mehr als Kapitän sehen, aber zum Ersten Offizier reicht’s noch. Der mit der affektierten Backbordmimik: Geht eh alles, braucht’s was? (Er lacht.) Ich halte mein Berufsleben mit großer Disziplin und großer Ernsthaftigkeit in der Waage. Ich überprüfe sehr, was ich mache, weise Dinge von mir, die nichts mit mir zu tun haben – und versuche so Wahrhaftigkeit in allen Rollen anzustreben. www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-die-schuesse-von-sarajevo/ ; http://www.mottingers-meinung.at/tobias-moretti-in-das-finstere-tal/ ; http://www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-macht-feier-abend/ Ich arbeite jetzt bis 1. Februar und warte dann, ob jemand eine Idee hat. Ich bin aus Laden, die funktioniert haben, hurtig herausgesprungen. Ich könnte heute noch Dinge wie „Der Sonne entgegen“ spielen. Aber ich liebe die Abwechslung, die neue Herausforderung, das Risiko, das man auch scheitern kann.

MM: Ist dieses Aussuchen können eine Qualität der Popularität? Oder sitzen Sie auch manchmal verzweifelt über einem leeren Terminkalender?

Steinhauer: Die Existenzangst ist Teil des Berufs. Ich bin ja nirgends fix angestellt – auch nicht an der Josefstadt, sondern kriege per Aufführung gezahlt. Meist ist es so, wenn du dir Termine freihältst für den Film, kommt ein Theaterengagement, das nimmst du an – und dann kommt natürlich ein Film.

MM: Wie der ins Auslandsoscar-Rennen geschickte „Das finstere Tal“, in dem Sie den bigotten Pfarrer spielen …

Steinhauer: Ja, wunderbar. Aber ich hab’ dann zwischendurch noch die Konzerttermine, muss für meine Musiker ja Termine blockieren. Das sehen die Filmleute dann wieder nicht so gern, weil man da weg ist … Wie man’s macht … Ich verstehe übrigens die Entscheidung nicht, einen „Western“ nach Amerika zu schicken. Wollen wir denen etwas zeigen, das sie besser können? Wir sollten ureuropäische Stoffe, die sich vom amerikanischen Geschmack total unterscheiden ins Rennen schicken. Filme, wie sie der Haneke macht. Oder der Ulrich Seidl. Das sind Dinge, die’s nur hier gibt, drüben nicht. Damit wir sagen: Hallo, wir sind irgendwie anders!

MM: Um aufs Musikalische zurückzukommen, Opapa. Sind Sie auch gut bei Kinder- und Weihnachtsliedern?

Steinhauer: Sehr! Wird alles gemacht. Wenn auch nicht immer von Erfolg begleitet. Aber wir sind eine hochmusikalische Familie. Meine Tochter Iris spielt Klavier, Matthias hat ja mit Musik begonnen, bevor er Richtung Schauspielerei ging:http://www.mottingers-meinung.at/josefstadt-die-geschichte-vom-fraeulein-pollinger/ ; http://www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-liebelei/ . Wir haben den Mattl anfangs musikalisch gar nicht so gefördert, weil er wie der Stani war: Alles anfangen, aber nichts zu Ende bringen. Der Stani hat E-Gitarre, Schlagzeug, alles begonnen. Er ist sehr musikalisch; da kann also noch was kommen. Mein ältestes Enkelkind, der Leon, der flippt total aus, wenn er Klavier spielen oder mit einer CD mitsingen kann. Die Kinder vom Mattl sind derzeit eher „Kunstturner“, sportliche Typen.

MM: Wie steht’s nun mit Kreuzfahrten? Alfred Komarek hat mir erzählt, er ist ein bissl schwanger mit einem Kreuzfahrt-Polt: Polt und Rehberg auf dem Schiff und klären einen Mord auf. Wissen Sie was davon?

Steinhauer: Nein. Obwohl der Polt und der Rehberg im bis dato letzten Teil ja eine gewinnen. Komarek wird nächstes Jahr 70, da möchte er gerne den letzten machen: „Alt, aber Polt“. Wenn das zustande käme, ginge ich auf Kreuzfahrt, aber privat: Nein. Das ist wie ein schwimmender Gemeindebau. Deshalb heißt’s bei uns ja SM Alcatraz – Sadomaso-Gefängnis. Sich im Bikini zu zeigen, hat bei manchen durchaus mit Sadismus zu tun. Oder ein Mann mit meiner Statur im Lobaufetzerl …

www.erwinsteinhauer.at

www.josefstadt.org

Wien, 24. 9. 2014

Erwin Steinhauer macht Feier.Abend

März 6, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Wien-Dernière im Stadtsaal

Bild: © Nancy Horowitz

Bild: © Nancy Horowitz

Am 14. März ist im Stadtsaal die Wien-Dernière von „Feier.Abend“. Erwin Steinhauer & Seine Lieben (Georg Graf – Saxophone, Klarinetten, Gitarre; Joe Pinkl – Keyboard, Posaune, Tuba; Peter Rosmanith – Perkussion, Hang) bringen dabei ihre Lieblingslieder zu Gehör. Schmuckstücke einer sehr persönlichen musikalischen Perlenreihe, alte Hits und neue Gassenhauer von Georg Kreisler und Roland Neuwirth bis Janis Joplins „Mercedes Benz“ und Randy Newman. Auch Drafi Deutschers Schlager „Marmor, Stein und Eisen“ gibt es  in einer a capella Interpretation. Und hochaktuell: „Da Putin is a Witz“/Puttin‘ on the Ritz. Für die genialische Übersetzung der Texte ins Wienerische sorgte Autor und Liedermacher Heli Deinböck. Da heißt’s dann „I kenn mi aus bei der Eisenbahn“/House of the rising sun, wird gesungen „Für’d Moni“ oder die „Balade von de Glanechkeiten“.

Dazwischen erzählt Steinhauer von seinen Jugendjahren, seiner Prägung zum Romantiker, von seiner Zeit als Nebenerwerbs-Heurigensänger und ganz allgemein von Höhen und Tiefen eines Suchenden, der in der Kunst stets fündig geworden ist. Die Musik karikiert diese biografische Nabelschau auf liebenswert-heimtücke Weise, etwa beim „Mädchen mit den drei blauen Augen“. Gedichte und Texte sind Teil des Programms. Allesamt vom 2006 verstorbenen Satiriker Robert Gernhardt.

Hallo, süße Kleine, komm mit mir ins Reine! Hier im Reinen ist es schön, viel schöner als im Schmutz zu stehen, Hier gibt es lauter reine Sachen, die können wir jetzt schmutzig machen. Schmutz kann man nicht beschmutzen, laß uns die Reinheit nutzen. Sie derart zu verdrecken, das Bettchen und die Decken. Die Laken und die Kissen, daß alles Leute wissen: Wir haben alles vollgesaut und sind jetzt Bräutigam und Braut.

Und auch die Welterkundungen eines H. C. Artmann dürfen natürlich nicht fehlen.

www.stadtsaal.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=bP6TZSrN370

www.erwinsteinhauer.at

Wien, 6. 3. 2014