Streaming: Omar Sy ist „Lupin“

Januar 10, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ziemlich bester Gentleman-Gauner

Assane Diop und das „Collier der Königin“: Omar Sy. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Wer sagt, nur die Briten könnten Krimiklassiker mit Karacho für die Gegenwart aufmotzen? Nach Sherlock Holmes tun’s nun die Französen mit Arsène Lupin, dem Gentleman-Gauner, dessen Abenteuern Autor Maurice Leblanc zwischen 1905 und 1935 zwanzig Romane, zwei Theaterstücke und etliche Kurzgeschichten widmete. Seit 8. Jänner streamt Netflix die ersten fünf Folgen der zehnteiligen Original-Serie „Lupin“ von

Regisseur Louis Leterrier, er bekannt für die „Transporter“-Reihe und „Die Unfassbaren“. In die Rolle des eleganten und gebildeten Meisterdiebs schlüpft, unter Weglassung von Zylinder und Monokel, Filmstar Omar Sy, hierzulande vor zehn Jahren berühmt geworden als geschmeidig-spitzbübischer Driss im Kinohit „Ziemlich beste Freunde“, die Tragikomödie, die danach die Kammerspiele der Josefstadt zeigten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7921) – nun spielt der erste nicht-weiße César-Preisträger einen gewitzten Lupin 2.0 namens Assane Diop, der wie er seine familiären Wurzeln im Senegal hat.

Dies das satirisch-komödiantische Atout bei allen von Assanes Coups, gezückt aus dem Rassismus und den Ressentiments gegen Afroeuropäer, dass nämlich „die“ für „uns“ alle gleich aussehen, oder wie Assane über die besseren Herrschaften sagt: „Sie sehen mich, aber sie schauen mich nicht an“ – und so gelingen dem charmanten Schlitzohr und Coureur ungeahnte Täuschungsmanöver in Verkleidungen vom reichen Geschäftsmann bis zum – freiwilligen, da Informationen einholenden – Gefängnisinsassen. Das Schattendasein, in das die Gesellschaft „seinesgleichen“ zwingt, ist für Assane das beste Versteck zum Entwerfen seiner Geniestreiche.

Die Kriminalisierung von Migranten, das ist das Schicksal von Assanes Vater Babakar, dargestellt vom ivorischen Theaterschauspieler und -regisseur Fargass Assandé, er seit Kurzem Chauffeur im noblen Haushalt der Pellegrinis. Schon diese erste Szene ist bezeichnend: Madame, der im Regen der Wagen absäuft, kennt „den Neuen“ noch nicht und verriegelt, als dieser zu Hilfe eilt, voll Panik vorm schwarzen Mann die Autotür. Später wird Monsieur den wie Dreck behandelten „Diener“ des Diebstahls eines Colliers der Marie Antoinette bezichtigen – eine Straftat, an der keiner zweifelt, weil eh schon wissen …

Nächste Generation Lupin-Fan: Etan Simon als Assanes Sohn Raoul. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Meister der Verkleidung …: Omar Sy als reicher Geschäftsmann. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

… und als Entfesselungskünstler im Gefängnis: Omar Sy. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Pellegrini linkt Assanes Vater Babakar: Fargass Assandé und Hervé Pierre. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Doch ein Versicherungsbetrug, wie man in den Rückblenden sieht, das darf man verraten, weil daran Assanes Motive geknüpft sind. Der Vater erhängt sich in der Zelle, dies Assanes Jugendtrauma, ein anonymer Mentor (!) übernimmt die Kosten für seine Ausbildung in erlesenen Privatschulen. Die Karriere als Langfinger in die Taschen jener, die’s auch verdienen, beginnt, und als das Schmuckstück wie von Zauberhand wiederauftaucht und im Louvre versteigert werden soll, beschließt er das „Collier der Königin“ zu entwenden, um es den hochtrabenden Pellegrinis heimzuzahlen und seinen Vater zu rächen.

Ein Job als Reinigungskraft, die Kollegen alle „des Enfants immigrés“, ist fürs Abstauben der grandiosen Art ideal. Es war Babakar, erfährt man, der seinem wohlerzogenen Teenagersohn Assane einst den ersten Arsène-Lupin-Roman aus der Bibliothèque Pellegrini schenkte und ihn damit auf den richtigen „falschen Weg“ brachte – jedenfalls: dem alten Hubert Pellegrini, Comedie-francaise-Mitglied Hervé Pierre herrlich als Unsympath über dem der Pleitegeier kreist, stehen bald die Haare zu Berge.

Erstaunlich ist, dass sowohl Pellegrini-Tochter Juliette, Clotilde Hesme, der er sich zu erkennen gibt, als auch der den Vater hinter Gitter gebracht habende korrupte Inspecteur Dumont, Vincent Garanger, mit ersterer hatte er mal eine Affäre, zweiteren entführt er zwecks Wahrheitsfindung, Assane decken. Jener polizeiliche Ermittler und Leblanc-Fan, Soufiane Guerrab als tollpatschiger Youssef Guedira, der beim Zusammensetzen der straffälligen Puzzleteile als einziger erkennt, dass alle Decknamen des Täters Arsène-Lupin-Anagramme und seine Verbrechen ähnlich dessen sind, wird von den Kollegen verlacht und verspottet – et voilà! 

Louis Leterriers intelligente Neuinterpretation des bekannten Stoffes kann auch Aktion. Aberwitzig ist eine Verfolgungsjagd per Fahrrad durch den Jardin du Luxembourg oder ein Illusionisten-Trick mit Handschellen und ein „die sehen alle gleich aus“-Platztauschen des Entfesselungskünstlers mit dem echten Knacki. Ins Spiel kommt neben dem Original eine Fälschung des diamantenen Halsbands, eine investigative Journalistin, Anne Benoît als Fabienne Beriot, die Pellegrini wegen ihrer Recherchen vor Jahren beruflich ruiniert hat, und die nun nach anfänglichem Zögern beschließt, ihr Wissen mit Assane zu teilen.

Familienausflug mit der Ex: Ludivine Sagnier als Claire. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Assane verhört den entführten Inspecteur Dumont: Vincent Garanger. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Sie weiß um Pellegrinis Verbrechen: Anne Benoît als Journalistin Fabienne. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Dreharbeiten am Originalschauplatz Louvre: Omar Sy. Bild: © Emmanuel Guimier / Netflix 2021

Sowie Assanes Familie, seine Ex-Frau Claire und sein Sohn und Lupin-Lehrling Raoul, genannt nach Arsènes zweitem Vornamen, Ludivine Sagnier und Etan Simon, zwei auf die Assane bei seinem Rachefeldzug allzu oft vergisst, weshalb Claire den Meister- für einen unzuverlässigen Tagedieb hält. Es wird Raoul sein, der für jenen Cliffhanger sorgt, der das gespannte Warten auf die nächsten fünf Folgen zermürbend macht …

Bis zu deren Ausstrahlung, abgedreht sind sie bereits, gilt es sich am spektakulären – und übrigens tatsächlich vor Ort im Museum gedrehten – Juwelenraub im Louvre zu erfreuen. Wie auch bei „Sherlock“ sind für Connaisseurs die Bezüge zu den Fällen der literarischen Vorlage klar erkennbar – von Leblanc gibt es beispielsweise wirklich eine Geschichte mit dem Titel „Das Collier der Königin“, aber eben mit viel Feuer, schnellen Schnitten und technischem Schnickschnack – Assane agiert von einer Art Bathöhle aus – modernisiert. Angenehm altmodisch dagegen wirken des Filmteams Verzicht auf Blutorgien und Gewaltexzesse – Köpfchen bedeutet hier alles.

Aus der Prämisse von Assanes Inspiration durch Arsène gewinnt die Serie jede Menge kurzweiliges erzählerisches Kapital, Omar Sys Tonfall ist beschwingt und humorvoll, der heutige Lupin so charismatisch und stylisch wie der von anno dazumal, und selten zuvor hat man einen Schwerenöter so leichtfüßig sündteure Sneaker zu ebensolchen Anzügen kombinieren sehen. Mit einem Wort: „Lupin“ ist großartige Hochglanz- unterhaltung für Lockdown-Tage. Mit kleinen Seitenhieben auf die Reichen, Mächtigen und Alltagsrassisten.

Trailer dt./fr.: www.youtube.com/watch?v=2s9OAWt9vCM            www.youtube.com/watch?v=gCmuYqeeNpc           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Kammerspiele: Monsieur Pierre geht online

Oktober 30, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der diskrete Charme des alten Grantscherm

Kongeniales Herrendoppel: Wolfgang Hübsch und Claudius von Stolzmann. Bild: Rita Newman

Ach, man ist ja sowieso befangen, weil man erstens den Film mit Pierre Richard schon so gemocht hat, und zweitens … Wolfgang Hübsch! An den Kammerspielen der Josefstadt brilliert dieser nun als Protagonist in „Monsieur Pierre geht online“, der Theateradaption jener französischen Filmkomödie, die Stéphane Robelin vor drei Jahren dem „großen Blonden“ auf den Leib schrieb (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25662), und

Hübsch mit seinem Grantscherm-Charme ist einfach hinreißend. Wie er als Pierre über die Bühne tänzelt, wenn’s nach seinem Willen geht, wie den sein Rückenleiden immer dann ereilt, wenn’s für ihn zum Vorteil ist, Hübsch gibt sich als kauziger, verschmitzter, schlitzohriger Komödiant, der wie jeder Meister dieser Disziplin auf die Melancholie nicht vergisst. Zwar ist er kein „Pierrot“ wie der Richard, auch wenn dies sein Nickname ist, und bei weitem kein sanftmütiger Schalk. Nein, der sitzt Hübsch vielmehr im Nacken, wenn er als manipulativ mitleidheischender Miese-Peter die Wiener Variante des Pariser Witwers gibt.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch das eine Interesse, sich alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau anzuschauen. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und seiner Trauer und verwahrlost zusehends. Weshalb Tochter Sylvie einen sinistren Plan schmiedet: Der neue Freund ihres Nachwuchs‘ Juliette, ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora. Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings abschickt. Klar, dass das nicht gutgehen kann … Eine moderne Cyrano-Erzählung war das weiland bei Robelin, worauf Regisseur Werner Sobotka aber weitestgehend verzichtet.

Was Wunder, hat er Wolfgang Hübsch mit Claudius von Stolzmann als Alex doch einen kongenial schöngeistigen Konkurrenten im Kampf um Floras Gunst an die Seite gestellt. Die fabelhafte Textfassung von Folke Braband beschert dem Ensemble ein Powerplay an bissigem Pointen-Ping-Pong, der Dialog analog-digital macht einen Gutteil des Humors aus. Dessen missverständliche Untiefen durchwaten die Darsteller mit sichtlichem Vergnügen. Sagt Alex, Pierre müsse ein Fenster öffnen, fragt der: „Im Schlafzimmer?“ – und persönlicher Favorit ist dessen Ansage, er hätte etwas auf „Goggl Mops“ gefunden.

Susa Meyer als selbstgerechte Tochter Sylvie. Bild: Rita Newman

Monsieur Pierre fesch und auf Freiersfüßen. Bild: Rita Newman

Martina Ebm gibt sich ganz mädchenhaft. Bild: Rita Newman

Werner Sobotka hat für Wolfgang Hübsch mit Witz und Herzenswärme und viel Sinn für Details ein Virtuosen-Stück voller Zwischentöne inszeniert, hat sich behutsam dem Thema Alterseinsamkeit gewidmet, dazu Aktuelles von Homeoffice bis Zoomkonferenz eingeflochten, und es ist wunderbar, wie der Musical- und Operettenaffine diesen Abend zum Walzertanzen bringt. Das Bühnenbild von Walter Vogelweider wechselt von Pierres staubiger Bücherhöhle zum kühlen Neonchic von Sylvies Apartment und der Brüsseler Bar, in der Pierre/Alex Flora zum ersten Mal trifft. Auf kleinen Videowänden allüberall läuft der Chat, poppen Portale auf, wird geskypt.

Und noch einmal: Welch ein Paar, Hübsch und von Stolzmann, deren Beziehung sich sozusagen vom Duett zum Duell, von der Männerverschwörung zum gegenseitigen Fallensteller zum von der Damentrias in die Ecke argumentierten und alsbald aufgeflogenen Schwindler-Duo entwickelt. Pierre und Alex schenken einander mit ihren eifersüchtigen Aktionen nichts und Hübsch und von Stolzmann damit alles, wenn sie das Lügenmärchen des anderen derart aufbauschen, dass der nicht mehr weiß, wie raus aus der Sache.

Buchhändler Pierre gibt sich bei Flora als Sinologe aus, womit er Alex von dessen Computer-Fachchinesisch in die Zwickmühle eines falschen Mandarin bringt, aus Rache macht der aus dem „Großvater“ einen Vulkanologen, worauf Pierre für Flora in Windeseile ein paar Lava-Abenteuer erfinden muss. Herrliche Szenen sind das, wenn Pierre von Langzeitloser Alex mehr Selbstbewusstsein fordert, „Wie steh‘ ich denn sonst da!“ und „Hoffentlich ist sie nicht enttäuscht!“, oder wenn Sylvie für den Vater schon ein Altersheim ins Auge fasst, und ihn schließlich fesch und auf Freiersfüßen wiederfinden muss.

Verblüfft von der weiten Welt des Webs. Bild: Rita Newman

Die Chat-Kulisse. Bild: Rita Newman

In der Zwickmühle schmerzt der Rücken. Bild: Rita Newman

Familienverhör, re.: Larissa Fuchs. Bild: Rita Newman

Susa Meyer gibt diese Sylvie mit dem Beamtenpragmatismus einer, auf deren selbstgerechten Schultern die ganze Familie lastet. Großartig, wie ihre Moralvorstellungen als schlüpfrige Gedanken auf und davon galoppieren, glaubt sie doch in Physiotherapeutin Flora eindeutig eine „Masseuse“ zu erkennen. „Monsieur Pierre geht online“ ist ein Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence, die Situationen durch ihre Fehldeutungen „Spiel, Satz & Sieg“ in der Schwebe gehalten, ohne jemals auf plumpen Boden zu prallen.

Martina Ebm stattet Flora mit genau der ernsthaft romantischen Mädchenhaftigkeit aus, der man zutraut, in Pierre eine neue Jugendlichkeit und in Alex den draufgängerischen Liebhaber zu entfachen. Die Juliette von der mit Lebenspartner Johannes Krisch ans Haus gewechselten BE-Schauspielerin Larissa Fuchs wird von Anfang an auf die Art Karrierebiest getrimmt, von dem Alex ein Abschiednehmen nicht schwerfallen kann.

Keine Angst, für alle gibt’s ein Happy End. Pierre, Sylvie und Juliette sind nämlich eine David-Trauergemeinde, Juliettes Ex, der nach Shanghai gegangen ist, und mit dem – Martin Niedermair – sie immer noch videotelefoniert. Weshalb Alex zum Gaudium des Publikums mit glühenden Ohren die schlimmsten Dinge über sich und sein Schmarotzertum in Sylvies „Hotel Mama“ hören muss, bis David nach Paris zurückkehrt. Für Pierre hat Alex den gleichen Schabernack parat, wie der zuvor für ihn. Und schließlich öffnet auch Sylvie das Tor zum Datingportal …

Für einen Moment zugeschaltet hat sich in seiner Aufführung auch Werner Sobotka als Fernsehmacher Frederic, der von Alex Pitches für eine Gerichtsmediziner-Serie fordert, etwas, das die alten Zuschauer nicht vergrault und die jungen dennoch unterhält. Das scheint wie ein Motto über diesem rundum geglückten, supersympathischen „Monsieur Pierre“ zu stehen, dem man auch nach dem morgigen Samstag noch viele Vorstellungen wünscht.

Video: www.youtube.com/watch?v=988WHzW-w2w           www.josefstadt.org

  1. 10. 2020

Roman Polański: J’accuse – Intrige

Februar 6, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Affäre Dreyfus als erstaunlich aktueller Politthriller

Noch ist sein militärischer Ausbilder Picquart von Dreyfus‘ Schuld überzeugt, doch bald schon wird er sein Fürsprecher: Jean Dujardin und Louis Garrel. Bild: Guy Ferrandis

Der 5. Jänner 1895 ist kein großer Tag für die Grande Nation, vielmehr zeigt sich deren Belle Époque an diesem und den vielen folgenden von ihrer abstoßenden Seite. Die Regenwolken hängen tief, der Platz schwimmt in Wasser- lacken, zur Mitte des weitläufigen Hofs der Pariser École militaire marschiert eine Gruppe Offiziere. Der 5. Jänner ist der Tag, an dem Alfred Dreyfus, Artilleriehauptmann im Generalstab, wegen Landesverrats degradiert wird. Er soll dem Deutschen Kaiser- reich als Spion gedient haben.

Man reißt ihm die Epauletten vom Uniformrock, bricht sein Schwert entzwei, wirft alles zu Boden, ein inszeniertes, diszipliniert durchgeführtes Ritual der Entehrung. Dreyfus‘ schütteres Haar zittert im Winterwind, er nicht, seine Habtachtstellung ist eine, die starr ist vor Entsetzen über die groteske Demütigung. „Nun sieht er aus wie ein jüdischer Schneider, der den Wert der Goldtressen schätzt“, kommentiert einer der aberhundert gaffenden Soldaten und zivilen Schaulustigen. Doch der Bestrafte, der mit sichtbarer Mühe um Contenance ringt, muss noch die Reihen seiner ehemaligen Kameraden abschreiten. In dieser ersten Szene von „J’accuse – Intrige“, Roman Polańskis jüngstem Meisterwerk, das am Freitag in die Kinos kommt, ist bereits alles, was den weiteren Film ausmachen wird.

Das kalte Rattern der Militärmaschinerie, die den Menschen derart zum Objekt ihrer Macht deformiert, dass Dreyfus bei seinem Schandgang kein „Ich bin …“ über die Lippen kommt. „Man degradiert einen Unschuldigen!“, ruft er stattdessen im Gleichschritt und im Kommandoton der Kasernen. Auch der Antisemitismus ist allgegenwärtig, wenn die ältlich-fahlgesichtigen, von Standesdünkel angekränkelten Generäle versuchen, sich mit ihren judenfeindlichen Bonmots zu übertrumpfen. Für sie ist der gebürtige Elsässer Dreyfus der perfekte Sündenbock, mit dessen Deportation auf die Teufelsinsel vor Französisch-Guayana sie die Angelegenheit als erledigt betrachten. Major Marie-Georges Picquart hat zu diesem Zeitpunkt ebenfalls keine Zweifel an dessen Verbrechen. Obwohl die Beweisführung des Gerichts alles andere als hieb- und stichfest war.

Er möge Juden nicht, aber er werde auch keinen diskriminieren, hat Dreyfus‘ früherer Ausbilder ihm in einer von etlichen Rückblenden beschieden. Polański, gemeinsam mit Romancier Robert Harris auch Drehbuchautor, macht diesen Picquart zum Protagonisten seines akribisch recherchierten Fin-de-Siècle-Films, der sich vom anfänglichen Spionage-, später Gewissensdrama in seinem letzten Drittel zum Gerichtsthriller steigert, einem kitsch- und ergo musiklosen, so distanziert und unaufgeregten wie die Militärs emotionsarm wirken. Das Erzähltempo fließt im Takt der Mühlen sogenannter Gerechtigkeit, wenn sie ein Bauernopfer zermahlen, jedes Kamerabild von Pawel Edelmann wie das Gemälde eines anno dazumaligen Salonmalers, das nun in einer Amtsstube verrußt, in der die Ressentiments nie richtig enlüftet wurden.

Ein inszeniertes, diszipliniert durchgeführtes Ritual der Entehrung, die Degradierung von Dreyfus: Louis Garrel. Bild: Guy Ferrandis

Emmanuelle Seigner als Pauline mit Luca Barbareschi als Ehemann Philippe Monnier. Bild: Guy Ferrandis

Picquard verfolgt den wahren Spion Walsin-Esterházy durchs Pariser Nachtleben. Bild: Guy Ferrandis

Und stellt den Schriftsachverständigen Bertillon zur Rede: Mathieu Amalric und Jean Dujardin. Bild: Guy Ferrandis

In diesem Setting ist der privat wuschelköpfige, nun dem Vorbild mehr als sich selbst ähnelnde Louis Garrel fabelhaft als Alfred Dreyfus, für dessen Darstellung ihm immerhin nur wenige Szenen zur Verfügung stehen. Etwa die in Sepia gehaltene, wenn er Hass und Misshandlungen auf der Teufelsinsel ohne eine Miene zu verziehen erträgt, oder beim zweiten Prozess, bei dem Dreyfus‘ körperlicher Verfall nicht nur durch die weniger und weiß gewordenen Haare deutlich wird, dabei nie ein Sympathieträger, sondern einer, der dank einer ordentlichen Portion Hybris keinem Märtyrerklischee entspricht. Dreh- und Angelpunkt der Produktion ist allerdings Oscarpreisträger Jean Dujardin als Marie-Georges Picquart, sein Spiel die brillante Verkörperung eines Stoikers, dem das Strammstehen in Fleisch und Blut übergegangen ist, eines konsequent nüchternen Denkers, dessen Gefühlsaufwallungen Dujardin in minimalsten Regungen seiner Gesichtsmuskeln lediglich anmerkt.

Picquart wird befördert. Zum Leiter des Deuxième Bureau, des militärischen Auslandsnachrichtendiensts, einer Gemeinschaft von Geheimniskrämern und Dunkelmännern, allesamt Gegner des neuen Chefs, in dessen Büro der gerahmte Brief an den Militärattaché der Deutschen Botschaft hängt, durch dessen Abfangen Dreyfus überführt wurde. Doch im Zuge seiner neuen Tätigkeit, und vor allem, weil er sich von seinen Untergebenen nicht daran hindern lässt, Verschlussakte aufzuschnüren, stößt Picquard auf Dokumente, die die Verurteilung von Dreyfus immer fragwürdiger erscheinen lassen und auf den Offizier Ferdinand Walsin-Esterházy als Schuldigen verweisen.

Ganz der Citoyen, der gegen alle Widerstände seinen Prinzipien treu bleibt und Unrecht nicht zu akzeptieren bereit ist, auch wenn er für Dreyfus keine besonderen Sympathien hegt, wendet sich Picquard an die Generalität – und muss erkennen, dass die Intrige samt Fälschungen und Vertuschungen bis in deren höchste Kreise reicht. Worauf der Aufdecker selbst ins Fadenkreuz gerät. Der Filmdialog dazu: Dreyfus-Ankläger, Geheimdienst-Vize und Brieffälscher Joseph Henry: „Sie befehlen mir einen Mann zu erschießen und ich tue es. Wenn Sie mir danach sagen, Sie haben sich im Namen geirrt, tut es mir leid, aber es ist nicht meine Schuld. So ist die Armee.“ Darauf Picquart: „So ist vielleicht Ihre Armee, Major, nicht meine.“

Als es vergangenes Jahr in Venedig den Silbernen Löwen – Großer Preis der Jury für Roman Polański gab, als die zwölf Nominierungen für den César 2020 bekannt wurden, flammten die #MeToo-Debatten rund um den Filmemacher wieder auf. Polański porträtiere sich selbst als Unschuldigen, hieß es, dabei ist „J’accuse -Intrige“, auch wenn dessen Schöpfer mit Schnauzbart und in Galauniform einen Cameoauftritt bei einem Konzert im Hause Monnier hat, so viel mehr. Überragend in künstlerischer wie handwerklicher Hinsicht, ist dies Kammerspiel Polańskis wichtigster und eindrücklichster Film seit Jahren – denn er hat, man möge vom Menschen dahinter halten, was man wolle, eine moralische Strahlkraft, die an politischer Aktualität nichts zu wünschen übrig lässt.

J’Accuse …! In einem offenen Brief klagt Émile Zola die Obrigkeiten an. Bild:: Guy Ferrandis

Das bringt den Schriftsteller vor Gericht: André Marcon als Zola mit Melvil Poupaud als Anwalt Labori. Bild: Guy Ferrandis

Der Volkszorn ist im Wortsinn entfacht: Zolas Bücher werden in Paris öffentlich verbrannt. Bild: Guy Ferrandis

Die arrogante Generalität: Jean Dujardin mit Hervé Pierre, Didier Sandre und Vincent Grass. Bild: Guy Ferrandis

Mit der Figur Picquard, diesem Whistleblower avant la lettre, mit dem Zitieren eines stillen Antisemitismus, der gegenwärtig wieder lautstärker und gewalttätiger wird, mit einer kompromittierten, nichtsdestotrotz selbstgefälligen Ministerriege, die schützt, wer ihr gefährlich werden könnte, und die Möglichkeit eines begangenen Fehlers arrogant von sich weist, mit einem Plädoyer für die freie Presse, mit einem Fragen nach der Wahrheit angesichts „alternativer Fakten“. Picquard wird nämlich mit dem Herausgeber der Zeitschrift L’Aurore, Georges Clemenceau, und dem Schriftsteller Émile Zola bekannt gemacht, der darin seinen berühmten und hier titelgebenden Brief „J’Accuse …!“ veröffentlicht, ein Artikel gegen die Generäle Gonse, Mercier, Billot, Oberst du Paty de Clam und den Schriftsachverständigen und Dreyfus-Entlarver Bertillon. Weshalb Zola vom Generalstab verklagt und wegen Diffamierung verurteilt wird. Picquart wird zunächst auf ein Himmelfahrtskommando versetzt, dann doch inhaftiert und ebenfalls vor Gericht gestellt.

Dass Picquart kein komplett makelloser Charakter ist, macht Polański an dessen von Emmanuelle Seigner mit lasziver Lässigkeit grandios gespielten Geliebten Pauline Monnier fest. Auch der Rest des Casts ist handverlesen, mit Grégory Gadebois als schlitzohrigem Major Henry, Hervé Pierre als Geheimdienstgeneral Gonse, Wladimir Yordanoff als Kriegsminister General Mercier, Didier Sandre als Generalstabschef Boisdeffre, Melvil Poupaud als „Werwolf“ Fernand Labori, Rechtsanwalt von Dreyfus, Zola und Picquart, Mathieu Amalric als furchtsamen, rassentheoretische Schädelvermessungen vornehmendem Bertillon und André Marcon als bärbeißigem Émile Zola. Mit dessen Prozess, seinem Exil in London, einem Duell zwischen Picquart und Henry und einem Schussattentat auf Labori ist Polańskis mehr als zweistündige Affäre Dreyfus lange nicht zu Ende …

Das Ende schließlich, kein Spoiler, da nachzulesen, so nicht bekannt, erzählt er beiläufig. Dreyfus, 1906 rehabilitiert und wieder in die Armee eingegliedert, sitzt dem neuen Kriegsminister des Kabinetts von nunmehr Ministerpräsident Clemenceau in dessen pompösem Palais gegenüber – Picquart, ein wenig gelöster als davor, Dreyfus nach wie vor stocksteif, denn der ewige Capitaine will endlich zum Lieutenant-colonel befördert werden. Was Picquart ablehnt. Staatsräson, nicht an kaum verheilten Justizwunden rühren, etc. Kurz streifen die beiden Männer den Fall, der sie in den Geschichtsbüchern für immer verbinden wird. Verbrüderung findet nicht statt, diese zwei werden einander nicht in die Arme fallen. Im Nachspann steht, sie sahen sich danach nie wieder.

www.weltkino.de/filme/intrige

6. 2. 2020

Les garçons sauvages / The Wild Boys

Juli 4, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Insel der Lüste verlieren sich die Lümmel

Gefangen auf dem Boot des mysteriösen Kapitäns: Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Anaël Snoek und Vimala Pons. Bild: Bildstörung

Eine Insel der Enthemmtheit, weit hinter den Horizonten von Zivilisation. Dorthin unterwegs sind fünf junge Burschen, auf einem Schiff, einem Seelenfänger, auf dem ein mürrischer Kapitän für Zucht und Ordnung sorgt – indem er die bildungsbürgerlichen Buben wie Hunde an Leinen hält. Gefressen wird, was in die Schüssel kommt, und findet er im Reisegepäck etwa noch einen Shakespeare, geht der schnell über Bord.

Die einzige Lektüre, die der „Holländer“ genannte Mann duldet, sind die auf seinen Penis tätowierten Schriftzeichen. Ihre Eltern haben die Teenager-Delinquenten auf diese schwimmende Strafkolonie verfrachtet, haben sie doch ein unfassbares Verbrechen gegangen: einen schwarzmagischen Ritualmord an ihrer Literaturprofessorin, ein Hengst ist involviert, um ihrem selbst erfundenen Dämonengott zu huldigen. Dies atavistische Fantasiewesen soll das Böse sein, sagt die Bande, das sie beherrscht. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ heißt das betörende, verstörende Spielfilmdebüt des französischen Experimentalfilmregisseurs Bertrand Mandico, das am Freitag in die Kinos kommt. Ein Fiebertraum, ein mysteriös-queeres Maskenspiel, ein eigenwilliger Hommagenmix von William S. Burroughs über William Golding bis H. G. Wells, vor allem aber ein Werk auf der Höhe einer Zeit, in der vor gerade mal eineinhalb Monaten in Österreich der erste Pass für einen Menschen dritten Geschlechts ausgestellt wurde.

Mandico erzählt in poetischen Schwarzweiß-Bildern, die von farbigen Sequenzen akzentuiert werden, er erzählt in einer einzigen großen Rückblende von der menschlichen Natur, die von ebendieser bezwungen werden wird, erzählt von dunkler Begierde und brennender Sehnsucht, entwirft en miniature eine Gesellschaft, die Lüge, Gewalt und Sex als Mittel zum Zweck einsetzt – und hat, um das Spiel mit Identitäten und Illusionen auf die Spitze zu treiben, seine wilden Jungs mit Schauspielerinnen besetzt. Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel, Anaël Snoek und Mathilde Warnier stranden also mit dem unheimlichen Kapitän, dem Sam Louwyck Gestalt verleiht, auf einem zwar ungastlichen, gleichzeitig aber allzu lebendigen Eiland, gedreht wurde auf La Réunion, dessen Vegetation aus haarigen, testikelgleichen Früchten und ihren Saft abspritzenden Blüten besteht.

Sie fühlten sich „wie Zwerge auf einem obszönen Riesenmädchen“, sagt der flachsblonde Tanguy, Anaël Snoek, der sich wie auch Brillenträger Hubert, Diane Rouxel, bald als der Sensibelste der Gruppe herausstellen wird, während der brutale Jean-Louis, Vimala Pons, den durch nichts zu beeindruckenden Rebellen gibt, und Romuald, Mathilde Warnier, und Sloane, Pauline Lorillard, auf seine, die vermeintlich starke Seite zieht. Anhebt nun eine erotische Halluzination mit Pflanzen, die bereitwillig „die Schenkel öffnen“, mit diesen aber auch ihre Gefangenen machen, dazu farbige Phantasmagorien eines Damien-Hirst’schen Diamantenschädels, das Original trägt ja den Titel „For the Love of God“, einer Kriegerin mit metallischem Brustpanzer und einem rotäugigen Maskenhund.

Alkohol erleichtert erst das Inselleben: Anaël Snoek, Vimala Pons, Mathilde Warnier und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Mit dem Kapitän: Anaël Snoek, Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Vimala Pons und Sam Louwyck. Bild: Bildstörung

Unter dem Einfluss der Maske werden die Jungs zu Mördern. Bild: Bildstörung

Doch in ihren Albträumen treffen sie bald auf ihre Meisterin. Bild: Bildstörung

Im Wortsinn umgarnt von den erotisierenden Pflanzen: Diane Rouxel und Anaël Snoek. Bild: Bildstörung

Der/die geheimnisvolle Dr. Séverin/e: Elina Löwensohn und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Und während die Schuluniformen des Quintetts durch diverse Gewalt/Akte immer mehr Schaden nehmen, Hubert homoerotische Gedanken über den Kapitän, heißt: seinen Lesestoff, quälen, trifft sich der mit dem/der androgynen Inselherrn/herrin Doktor Séverin/e, den oder die Mandico mit seiner flamboyanten Muse Elina Löwensohn besetzt hat, eine Figur, die sich, wie sich herausstellt, den Kapitän Untertan gemacht hat. „Genießt die Freuden!“, ist ihre Parole, und tatsächlich beginnen die Jungs sich im süßsalzigen Klima zu verändern. Die feminisierende Wirkung der Insel setzt ein, und mit ihr im Wortsinn der Abfall von der Männlichkeit, schon verliert der erste Lümmel den seinen, und ist der Penis erst weg, kann gut ein Busen wachsen. Nur einer entwickelt, gleich übrigens dem Kapitän, nur eine weibliche Brust – und dessen Schicksal scheint somit besiegelt.

In Interviews sagt Bertrand Mandico, es wäre dieser Moment der Entwicklung, das Erforschen des Dazwischens gewesen, das ihn zu „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ angespornt hätte, und wirklich hat er sich mit queeren Kinoästhetiken bestens vertraut gemacht; sein grobkörniges 16-mm-Material ruft geschickt dort die Genreklassiker auf, wo sie ihm dienlich sind. Mandico beherrscht auch die große Geste, umgesetzt in der Fotografie von Kamerafrau Pascale Granel, die es versteht, die gezeigte Grausamkeit an der Grenze zur Sinnlichkeit changieren zu lassen, und im Soundtrack von Pierre Desprats, der Oper mit einer Art Glamrock zusammenfließen lässt, beides, Bild und Ton, dabei schmerzhaft in den Spitzentönen.

„Les garçons sauvages / The Wild Boys“ ist Kinomagie, die Geister, die Bertrand Mandico mit ihr heraufbeschwört, sind von psychedelischer Kraft. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“, sagt der Regisseur, „ist kein Thesenfilm, sondern es ist vielmehr etwas Triebhaftes: ein funkelndes Objekt bizarrer Begierde“. Ob der Sirenengesang der Insel „die Zukunft der Welt ist weiblich“ lautet, lässt Mandico bewusst offen. Immerhin werden am Ende ein paar Matrosen an Land gelockt – und von den neuen Frauen übermannt.

Trailer:

 

www.filmgarten.at/wildboys

4. 7. 2019

 

Akademietheater: Die Geburtstagsfeier

September 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Stück für Schwarzseher

Eine Polonaise fürs Geburtstagskind: Nina Petri, Oliver Stokowski, Max Simonischek, Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Andrea Breths Interpretation von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ ist von Salzburg nach Wien übersiedelt, wo die Comedy of menace am Akademietheater mit Jubel und Applaus bedacht wurde. Nicht, dass man das Ganze nicht auch in 90 Minuten hätte erzählen können, aber Breth trat an, ihren Pinter zu zelebrieren (es ist ihr zweiter nach dem „Hausmeister“), und wer ihre Liebe zu Dada und gaga kennt, zum Absurden und zum Abwegigen, weiß wohin dieser Weg führte.

Über die doppelt so lange Strecke jedenfalls, und gefühlt ging‘s an jeder Abzweigung Richtung „Arsen und Spitzenhäubchen“. Gelacht wurde jedenfalls exakt so viel. Das Spätwerk des Literaturnobelpreisträgers ist fast so ausinterpretiert wie der „Hamlet“. Ungefähr jeder Literaturkritiker hat schon seinen Senf dazu gegeben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich dass der politische Mahner einfach mal so einen Thriller mit Funfaktor geschrieben hat. Nein, Stanley (Pinter hat das reale Vorbild einst in Eastbourne kennengelernt) muss ein Zivilisations-, Gesellschafts-, Kirchenflüchtling sein, einer, der sich als Individuum über die Bedürfnisse der Gemeinschaft stellt, weshalb diese ihn einholt und zur Strecke bringt.

Wahlweise ist er Verbrecher/Vergewaltiger, ein Betrüger sowieso, Mitglied jener ominösen „Organisation“, der auch Goldberg und McCann angehören – was wiederum von Kirche bis Gauner, oder beides, reichen kann. Das Judentum wird auch bemüht, schließt heißt Stanley Webber und Goldberg, na eben Goldberg.

Wie Pinter – er schrieb Uraufführungsregisseur Peter Wood, Stanley werde sich „ganz sicher nicht dazu äußern“ – schert sich auch Breth einen feuchten Kehricht um all das. Sie lässt das Geheimnis, wo es hingehört, und das ist gut so. Aufs Schärfste zurückzuweisen ist der von der Salzach herübergeschwappte Vorwurf, das Stück wäre schlecht. Das dem grumpy old man, der es meisterhaft verstand, das Publikum in die Abgründe seines eigenen tagtäglichen Geschwätzes blicken zu lassen? Dessen Pausen beredter sind als anderer Dramatiker Dialoge?

Lulu lässt sich schänden: Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Mit so tollen Zähnen wird man der Boss: Roland Koch und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Breth trägt dem Rechnung, der Thriller-Variante mit Pause nämlich: Sie zerhackt, was Pinter in drei Blöcke geteilt hatte, in kurze, manchmal längere, von Blackouts getrennte Szenen. Mitunter sieht man starre Einzelbilder, mitunter wird interagiert (aber einander dabei nie direkt ins Gesicht geblickt), das Tempo wechselt. Das ist so filmisch, dass einmal sogar die Zeitlupe zum Einsatz kommt. Bei einem Blinde-Kuh-Spiel. Breth macht aus der „Geburtstagsfeier“ das Stück für Schwarzseher. Und Bert Wrede darf sich dazu mit spooky Wabersound austoben. Geräusche, wie die Zeitung umblättern, Tee einschenken …, werden via Mikrophon verstärkt – ein gelungener Effekt. Bestechend ist das Lichtdesign von Friedrich Rom.

Bestechend auch das Bühnenbild von Martin Zehetgruber. Er zeigt eine abgehauste, versiffte Privatpension an einem englischen Strand, die längst von Sanddünen und trockenen Grasbüscheln erobert wurde. Vor der Tür krängt ein angeschlagenes Holzboot, nach der Pause wird es sich bis in den Innenraum vorgearbeitet haben. Obwohl alle ständig vom strahlenden Sonnenschein schwafeln, hängt der Nebel tief. Dies wohl der Kern von Pinters Aussage. Allüberall verbal vermittelter Selbstbetrug; man muss es sich nur einreden, und gut ist’s.

In dieses Biotop nun hat sich der ominöse Stanley zurückgezogen. Der angeblich verkrachte Konzertpianist hat wie seine Behausung die Körperpflege eingestellt, und müffelt in jeder Bedeutung des Wortes vor sich hin. Umflattert wird er von der ältlichen Hausherrin Meg, die, ausgestattet mit einem kolossalen Iokaste-Komplex, sich zwischen Muttergefühlen und sexueller Belästigung schwankend auf ihn stürzt. Dritter im Haushalt ist Megs Mann Petey, die meiste Zeit dabei, stoisch seine Zeitung zu lesen. So heiß ihr unterm Kittel ist, ihn lassen die Faxen seiner Frau längst kalt.

Dieses Trio Infernal gestalten Max Simonischek als Stanley, Nina Petri und Pierre Siegenthaler vom Feinsten. Petri vibriert vor Betulichkeit und (vorgetäuschter?) Naivität, Simonischek zahlt es ihr mit grantiger Grausamkeit heim. Im Verhältnis der beiden manifestiert sich schon die Aggression und Gewaltbereitschaft, die in weiterer Folge die Handlung dominieren wird.

Die Stimmung eskaliert: Roland Koch, Andrea Wenzl, Max Simonischek, Nina Petri und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Und der Nagelzwicker kommt zum Einsatz: Oliver Stokowski, Max Simonischek und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Auftritt nun nämlich Roland Koch als Goldberg und Oliver Stokowski als McCann. Es ist verwunderlich, dass sich keiner wundert, dass es zwei Herren im Anzug an den A**bgrund der Welt verschlägt. Aber Meg hat eine Erklärung: „Wir sind sehr empfohlen“, lautet ihr Mantra. Dass die Fremden hinter Stanley her sind, ist gleich klar. Meg hingegen beginnt auf dessen Kosten eine Geburtstagsfeier rauszuschinden, und weil dieser nur halbherzig bestreitet einen solchen zu haben, gibt’s als Geschenk eine Kindertrommel. Derweil laufen Goldberg und McCann zur Höchstform auf, was die Alkoholbeschaffung betrifft.

Man sagt, die Vorbilder für Goldberg und McCann wäre das in den 1950er-Jahren extrem populäre Komikerduo Jewel und Warriss. Und Stokowski und Koch legen es zumindest ähnlich an. Stokowski, der den im Original verlangten irischen durch den hessischen Akzent ersetzt hat, ist als der Mann fürs Grobe das Sensibelchen. Umso erschreckender die Momente, wenn ihm die Kontrolle abhanden kommt, und er sich nur mühsam davon abhalten kann gegen jemandes Kopf oder andere Körperteile zu treten. Doch in ihren Unterwerfungsspielchen ist der wahrhaft Brutale der elegante, eloquente Goldberg.

Wie diese Figur das Geschehen, so dominiert Roland Koch die Inszenierung. Seine Performance als unterschwellig gefährlicher Charmeur ist schlichtweg großartig. Er misshandelt die Frauen – Andrea Wenzl als zunehmend betrunkener Nachbarin Lulu bricht er fast die Hand, bevor er aus ihr einen One-Night-Stand macht -, ohne es zu merken. Meg drückt er bei jeder Gelegenheit gegen die Wand, wohl weil er Platz für seine Persönlichkeit braucht. Allein schon Roland Koch ist es wert, sich diesen Abend zu gönnen. Und auch sonst entfaltet die Aufführung, so man sich auf sie einlässt, einen mächtigen Sog. Breths „Geburtstagsfeier“ ist ein beklemmend belustigendes Erlebnis.

Das Ende? Die Brutalitäten gegenüber Stanley nehmen zu, seine Brille bricht – und was ist mit seiner Zunge passiert? Black. Alles beim Alten. Nur Stanley ist weg. Lulu, das bereitwillig sexuelle Opfer, sieht sich zurückgelassen. Meg redet sich ein, die Partyqueen gewesen zu sein. Und Petey? Wiewohl er schon wieder Zeitung liest, hatte er seinen Moment des Aufbegehrens – und vielleicht als einziger den Durchblick.

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  1. 9. 2017