Roman Polański: J’accuse – Intrige

Februar 6, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Affäre Dreyfus als erstaunlich aktueller Politthriller

Noch ist sein militärischer Ausbilder Picquart von Dreyfus‘ Schuld überzeugt, doch bald schon wird er sein Fürsprecher: Jean Dujardin und Louis Garrel. Bild: Guy Ferrandis

Der 5. Jänner 1895 ist kein großer Tag für die Grande Nation, vielmehr zeigt sich deren Belle Époque an diesem und den vielen folgenden von ihrer abstoßenden Seite. Die Regenwolken hängen tief, der Platz schwimmt in Wasser- lacken, zur Mitte des weitläufigen Hofs der Pariser École militaire marschiert eine Gruppe Offiziere. Der 5. Jänner ist der Tag, an dem Alfred Dreyfus, Artilleriehauptmann im Generalstab, wegen Landesverrats degradiert wird. Er soll dem Deutschen Kaiser- reich als Spion gedient haben.

Man reißt ihm die Epauletten vom Uniformrock, bricht sein Schwert entzwei, wirft alles zu Boden, ein inszeniertes, diszipliniert durchgeführtes Ritual der Entehrung. Dreyfus‘ schütteres Haar zittert im Winterwind, er nicht, seine Habtachtstellung ist eine, die starr ist vor Entsetzen über die groteske Demütigung. „Nun sieht er aus wie ein jüdischer Schneider, der den Wert der Goldtressen schätzt“, kommentiert einer der aberhundert gaffenden Soldaten und zivilen Schaulustigen. Doch der Bestrafte, der mit sichtbarer Mühe um Contenance ringt, muss noch die Reihen seiner ehemaligen Kameraden abschreiten. In dieser ersten Szene von „J’accuse – Intrige“, Roman Polańskis jüngstem Meisterwerk, das am Freitag in die Kinos kommt, ist bereits alles, was den weiteren Film ausmachen wird.

Das kalte Rattern der Militärmaschinerie, die den Menschen derart zum Objekt ihrer Macht deformiert, dass Dreyfus bei seinem Schandgang kein „Ich bin …“ über die Lippen kommt. „Man degradiert einen Unschuldigen!“, ruft er stattdessen im Gleichschritt und im Kommandoton der Kasernen. Auch der Antisemitismus ist allgegenwärtig, wenn die ältlich-fahlgesichtigen, von Standesdünkel angekränkelten Generäle versuchen, sich mit ihren judenfeindlichen Bonmots zu übertrumpfen. Für sie ist der gebürtige Elsässer Dreyfus der perfekte Sündenbock, mit dessen Deportation auf die Teufelsinsel vor Französisch-Guayana sie die Angelegenheit als erledigt betrachten. Major Marie-Georges Picquart hat zu diesem Zeitpunkt ebenfalls keine Zweifel an dessen Verbrechen. Obwohl die Beweisführung des Gerichts alles andere als hieb- und stichfest war.

Er möge Juden nicht, aber er werde auch keinen diskriminieren, hat Dreyfus‘ früherer Ausbilder ihm in einer von etlichen Rückblenden beschieden. Polański, gemeinsam mit Romancier Robert Harris auch Drehbuchautor, macht diesen Picquart zum Protagonisten seines akribisch recherchierten Fin-de-Siècle-Films, der sich vom anfänglichen Spionage-, später Gewissensdrama in seinem letzten Drittel zum Gerichtsthriller steigert, einem kitsch- und ergo musiklosen, so distanziert und unaufgeregten wie die Militärs emotionsarm wirken. Das Erzähltempo fließt im Takt der Mühlen sogenannter Gerechtigkeit, wenn sie ein Bauernopfer zermahlen, jedes Kamerabild von Pawel Edelmann wie das Gemälde eines anno dazumaligen Salonmalers, das nun in einer Amtsstube verrußt, in der die Ressentiments nie richtig enlüftet wurden.

Ein inszeniertes, diszipliniert durchgeführtes Ritual der Entehrung, die Degradierung von Dreyfus: Louis Garrel. Bild: Guy Ferrandis

Emmanuelle Seigner als Pauline mit Luca Barbareschi als Ehemann Philippe Monnier. Bild: Guy Ferrandis

Picquard verfolgt den wahren Spion Walsin-Esterházy durchs Pariser Nachtleben. Bild: Guy Ferrandis

Und stellt den Schriftsachverständigen Bertillon zur Rede: Mathieu Amalric und Jean Dujardin. Bild: Guy Ferrandis

In diesem Setting ist der privat wuschelköpfige, nun dem Vorbild mehr als sich selbst ähnelnde Louis Garrel fabelhaft als Alfred Dreyfus, für dessen Darstellung ihm immerhin nur wenige Szenen zur Verfügung stehen. Etwa die in Sepia gehaltene, wenn er Hass und Misshandlungen auf der Teufelsinsel ohne eine Miene zu verziehen erträgt, oder beim zweiten Prozess, bei dem Dreyfus‘ körperlicher Verfall nicht nur durch die weniger und weiß gewordenen Haare deutlich wird, dabei nie ein Sympathieträger, sondern einer, der dank einer ordentlichen Portion Hybris keinem Märtyrerklischee entspricht. Dreh- und Angelpunkt der Produktion ist allerdings Oscarpreisträger Jean Dujardin als Marie-Georges Picquart, sein Spiel die brillante Verkörperung eines Stoikers, dem das Strammstehen in Fleisch und Blut übergegangen ist, eines konsequent nüchternen Denkers, dessen Gefühlsaufwallungen Dujardin in minimalsten Regungen seiner Gesichtsmuskeln lediglich anmerkt.

Picquart wird befördert. Zum Leiter des Deuxième Bureau, des militärischen Auslandsnachrichtendiensts, einer Gemeinschaft von Geheimniskrämern und Dunkelmännern, allesamt Gegner des neuen Chefs, in dessen Büro der gerahmte Brief an den Militärattaché der Deutschen Botschaft hängt, durch dessen Abfangen Dreyfus überführt wurde. Doch im Zuge seiner neuen Tätigkeit, und vor allem, weil er sich von seinen Untergebenen nicht daran hindern lässt, Verschlussakte aufzuschnüren, stößt Picquard auf Dokumente, die die Verurteilung von Dreyfus immer fragwürdiger erscheinen lassen und auf den Offizier Ferdinand Walsin-Esterházy als Schuldigen verweisen.

Ganz der Citoyen, der gegen alle Widerstände seinen Prinzipien treu bleibt und Unrecht nicht zu akzeptieren bereit ist, auch wenn er für Dreyfus keine besonderen Sympathien hegt, wendet sich Picquard an die Generalität – und muss erkennen, dass die Intrige samt Fälschungen und Vertuschungen bis in deren höchste Kreise reicht. Worauf der Aufdecker selbst ins Fadenkreuz gerät. Der Filmdialog dazu: Dreyfus-Ankläger, Geheimdienst-Vize und Brieffälscher Joseph Henry: „Sie befehlen mir einen Mann zu erschießen und ich tue es. Wenn Sie mir danach sagen, Sie haben sich im Namen geirrt, tut es mir leid, aber es ist nicht meine Schuld. So ist die Armee.“ Darauf Picquart: „So ist vielleicht Ihre Armee, Major, nicht meine.“

Als es vergangenes Jahr in Venedig den Silbernen Löwen – Großer Preis der Jury für Roman Polański gab, als die zwölf Nominierungen für den César 2020 bekannt wurden, flammten die #MeToo-Debatten rund um den Filmemacher wieder auf. Polański porträtiere sich selbst als Unschuldigen, hieß es, dabei ist „J’accuse -Intrige“, auch wenn dessen Schöpfer mit Schnauzbart und in Galauniform einen Cameoauftritt bei einem Konzert im Hause Monnier hat, so viel mehr. Überragend in künstlerischer wie handwerklicher Hinsicht, ist dies Kammerspiel Polańskis wichtigster und eindrücklichster Film seit Jahren – denn er hat, man möge vom Menschen dahinter halten, was man wolle, eine moralische Strahlkraft, die an politischer Aktualität nichts zu wünschen übrig lässt.

J’Accuse …! In einem offenen Brief klagt Émile Zola die Obrigkeiten an. Bild:: Guy Ferrandis

Das bringt den Schriftsteller vor Gericht: André Marcon als Zola mit Melvil Poupaud als Anwalt Labori. Bild: Guy Ferrandis

Der Volkszorn ist im Wortsinn entfacht: Zolas Bücher werden in Paris öffentlich verbrannt. Bild: Guy Ferrandis

Die arrogante Generalität: Jean Dujardin mit Hervé Pierre, Didier Sandre und Vincent Grass. Bild: Guy Ferrandis

Mit der Figur Picquard, diesem Whistleblower avant la lettre, mit dem Zitieren eines stillen Antisemitismus, der gegenwärtig wieder lautstärker und gewalttätiger wird, mit einer kompromittierten, nichtsdestotrotz selbstgefälligen Ministerriege, die schützt, wer ihr gefährlich werden könnte, und die Möglichkeit eines begangenen Fehlers arrogant von sich weist, mit einem Plädoyer für die freie Presse, mit einem Fragen nach der Wahrheit angesichts „alternativer Fakten“. Picquard wird nämlich mit dem Herausgeber der Zeitschrift L’Aurore, Georges Clemenceau, und dem Schriftsteller Émile Zola bekannt gemacht, der darin seinen berühmten und hier titelgebenden Brief „J’Accuse …!“ veröffentlicht, ein Artikel gegen die Generäle Gonse, Mercier, Billot, Oberst du Paty de Clam und den Schriftsachverständigen und Dreyfus-Entlarver Bertillon. Weshalb Zola vom Generalstab verklagt und wegen Diffamierung verurteilt wird. Picquart wird zunächst auf ein Himmelfahrtskommando versetzt, dann doch inhaftiert und ebenfalls vor Gericht gestellt.

Dass Picquart kein komplett makelloser Charakter ist, macht Polański an dessen von Emmanuelle Seigner mit lasziver Lässigkeit grandios gespielten Geliebten Pauline Monnier fest. Auch der Rest des Casts ist handverlesen, mit Grégory Gadebois als schlitzohrigem Major Henry, Hervé Pierre als Geheimdienstgeneral Gonse, Wladimir Yordanoff als Kriegsminister General Mercier, Didier Sandre als Generalstabschef Boisdeffre, Melvil Poupaud als „Werwolf“ Fernand Labori, Rechtsanwalt von Dreyfus, Zola und Picquart, Mathieu Amalric als furchtsamen, rassentheoretische Schädelvermessungen vornehmendem Bertillon und André Marcon als bärbeißigem Émile Zola. Mit dessen Prozess, seinem Exil in London, einem Duell zwischen Picquart und Henry und einem Schussattentat auf Labori ist Polańskis mehr als zweistündige Affäre Dreyfus lange nicht zu Ende …

Das Ende schließlich, kein Spoiler, da nachzulesen, so nicht bekannt, erzählt er beiläufig. Dreyfus, 1906 rehabilitiert und wieder in die Armee eingegliedert, sitzt dem neuen Kriegsminister des Kabinetts von nunmehr Ministerpräsident Clemenceau in dessen pompösem Palais gegenüber – Picquart, ein wenig gelöster als davor, Dreyfus nach wie vor stocksteif, denn der ewige Capitaine will endlich zum Lieutenant-colonel befördert werden. Was Picquart ablehnt. Staatsräson, nicht an kaum verheilten Justizwunden rühren, etc. Kurz streifen die beiden Männer den Fall, der sie in den Geschichtsbüchern für immer verbinden wird. Verbrüderung findet nicht statt, diese zwei werden einander nicht in die Arme fallen. Im Nachspann steht, sie sahen sich danach nie wieder.

www.weltkino.de/filme/intrige

6. 2. 2020

Les garçons sauvages / The Wild Boys

Juli 4, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Insel der Lüste verlieren sich die Lümmel

Gefangen auf dem Boot des mysteriösen Kapitäns: Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Anaël Snoek und Vimala Pons. Bild: Bildstörung

Eine Insel der Enthemmtheit, weit hinter den Horizonten von Zivilisation. Dorthin unterwegs sind fünf junge Burschen, auf einem Schiff, einem Seelenfänger, auf dem ein mürrischer Kapitän für Zucht und Ordnung sorgt – indem er die bildungsbürgerlichen Buben wie Hunde an Leinen hält. Gefressen wird, was in die Schüssel kommt, und findet er im Reisegepäck etwa noch einen Shakespeare, geht der schnell über Bord.

Die einzige Lektüre, die der „Holländer“ genannte Mann duldet, sind die auf seinen Penis tätowierten Schriftzeichen. Ihre Eltern haben die Teenager-Delinquenten auf diese schwimmende Strafkolonie verfrachtet, haben sie doch ein unfassbares Verbrechen gegangen: einen schwarzmagischen Ritualmord an ihrer Literaturprofessorin, ein Hengst ist involviert, um ihrem selbst erfundenen Dämonengott zu huldigen. Dies atavistische Fantasiewesen soll das Böse sein, sagt die Bande, das sie beherrscht. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ heißt das betörende, verstörende Spielfilmdebüt des französischen Experimentalfilmregisseurs Bertrand Mandico, das am Freitag in die Kinos kommt. Ein Fiebertraum, ein mysteriös-queeres Maskenspiel, ein eigenwilliger Hommagenmix von William S. Burroughs über William Golding bis H. G. Wells, vor allem aber ein Werk auf der Höhe einer Zeit, in der vor gerade mal eineinhalb Monaten in Österreich der erste Pass für einen Menschen dritten Geschlechts ausgestellt wurde.

Mandico erzählt in poetischen Schwarzweiß-Bildern, die von farbigen Sequenzen akzentuiert werden, er erzählt in einer einzigen großen Rückblende von der menschlichen Natur, die von ebendieser bezwungen werden wird, erzählt von dunkler Begierde und brennender Sehnsucht, entwirft en miniature eine Gesellschaft, die Lüge, Gewalt und Sex als Mittel zum Zweck einsetzt – und hat, um das Spiel mit Identitäten und Illusionen auf die Spitze zu treiben, seine wilden Jungs mit Schauspielerinnen besetzt. Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel, Anaël Snoek und Mathilde Warnier stranden also mit dem unheimlichen Kapitän, dem Sam Louwyck Gestalt verleiht, auf einem zwar ungastlichen, gleichzeitig aber allzu lebendigen Eiland, gedreht wurde auf La Réunion, dessen Vegetation aus haarigen, testikelgleichen Früchten und ihren Saft abspritzenden Blüten besteht.

Sie fühlten sich „wie Zwerge auf einem obszönen Riesenmädchen“, sagt der flachsblonde Tanguy, Anaël Snoek, der sich wie auch Brillenträger Hubert, Diane Rouxel, bald als der Sensibelste der Gruppe herausstellen wird, während der brutale Jean-Louis, Vimala Pons, den durch nichts zu beeindruckenden Rebellen gibt, und Romuald, Mathilde Warnier, und Sloane, Pauline Lorillard, auf seine, die vermeintlich starke Seite zieht. Anhebt nun eine erotische Halluzination mit Pflanzen, die bereitwillig „die Schenkel öffnen“, mit diesen aber auch ihre Gefangenen machen, dazu farbige Phantasmagorien eines Damien-Hirst’schen Diamantenschädels, das Original trägt ja den Titel „For the Love of God“, einer Kriegerin mit metallischem Brustpanzer und einem rotäugigen Maskenhund.

Alkohol erleichtert erst das Inselleben: Anaël Snoek, Vimala Pons, Mathilde Warnier und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Mit dem Kapitän: Anaël Snoek, Mathilde Warnier, Pauline Lorillard, Vimala Pons und Sam Louwyck. Bild: Bildstörung

Unter dem Einfluss der Maske werden die Jungs zu Mördern. Bild: Bildstörung

Doch in ihren Albträumen treffen sie bald auf ihre Meisterin. Bild: Bildstörung

Im Wortsinn umgarnt von den erotisierenden Pflanzen: Diane Rouxel und Anaël Snoek. Bild: Bildstörung

Der/die geheimnisvolle Dr. Séverin/e: Elina Löwensohn und Diane Rouxel. Bild: Bildstörung

Und während die Schuluniformen des Quintetts durch diverse Gewalt/Akte immer mehr Schaden nehmen, Hubert homoerotische Gedanken über den Kapitän, heißt: seinen Lesestoff, quälen, trifft sich der mit dem/der androgynen Inselherrn/herrin Doktor Séverin/e, den oder die Mandico mit seiner flamboyanten Muse Elina Löwensohn besetzt hat, eine Figur, die sich, wie sich herausstellt, den Kapitän Untertan gemacht hat. „Genießt die Freuden!“, ist ihre Parole, und tatsächlich beginnen die Jungs sich im süßsalzigen Klima zu verändern. Die feminisierende Wirkung der Insel setzt ein, und mit ihr im Wortsinn der Abfall von der Männlichkeit, schon verliert der erste Lümmel den seinen, und ist der Penis erst weg, kann gut ein Busen wachsen. Nur einer entwickelt, gleich übrigens dem Kapitän, nur eine weibliche Brust – und dessen Schicksal scheint somit besiegelt.

In Interviews sagt Bertrand Mandico, es wäre dieser Moment der Entwicklung, das Erforschen des Dazwischens gewesen, das ihn zu „Les garçons sauvages / The Wild Boys“ angespornt hätte, und wirklich hat er sich mit queeren Kinoästhetiken bestens vertraut gemacht; sein grobkörniges 16-mm-Material ruft geschickt dort die Genreklassiker auf, wo sie ihm dienlich sind. Mandico beherrscht auch die große Geste, umgesetzt in der Fotografie von Kamerafrau Pascale Granel, die es versteht, die gezeigte Grausamkeit an der Grenze zur Sinnlichkeit changieren zu lassen, und im Soundtrack von Pierre Desprats, der Oper mit einer Art Glamrock zusammenfließen lässt, beides, Bild und Ton, dabei schmerzhaft in den Spitzentönen.

„Les garçons sauvages / The Wild Boys“ ist Kinomagie, die Geister, die Bertrand Mandico mit ihr heraufbeschwört, sind von psychedelischer Kraft. „Les garçons sauvages / The Wild Boys“, sagt der Regisseur, „ist kein Thesenfilm, sondern es ist vielmehr etwas Triebhaftes: ein funkelndes Objekt bizarrer Begierde“. Ob der Sirenengesang der Insel „die Zukunft der Welt ist weiblich“ lautet, lässt Mandico bewusst offen. Immerhin werden am Ende ein paar Matrosen an Land gelockt – und von den neuen Frauen übermannt.

Trailer:

 

www.filmgarten.at/wildboys

4. 7. 2019

 

Akademietheater: Die Geburtstagsfeier

September 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Stück für Schwarzseher

Eine Polonaise fürs Geburtstagskind: Nina Petri, Oliver Stokowski, Max Simonischek, Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Andrea Breths Interpretation von Harold Pinters „Die Geburtstagsfeier“ ist von Salzburg nach Wien übersiedelt, wo die Comedy of menace am Akademietheater mit Jubel und Applaus bedacht wurde. Nicht, dass man das Ganze nicht auch in 90 Minuten hätte erzählen können, aber Breth trat an, ihren Pinter zu zelebrieren (es ist ihr zweiter nach dem „Hausmeister“), und wer ihre Liebe zu Dada und gaga kennt, zum Absurden und zum Abwegigen, weiß wohin dieser Weg führte.

Über die doppelt so lange Strecke jedenfalls, und gefühlt ging‘s an jeder Abzweigung Richtung „Arsen und Spitzenhäubchen“. Gelacht wurde jedenfalls exakt so viel. Das Spätwerk des Literaturnobelpreisträgers ist fast so ausinterpretiert wie der „Hamlet“. Ungefähr jeder Literaturkritiker hat schon seinen Senf dazu gegeben, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, nämlich dass der politische Mahner einfach mal so einen Thriller mit Funfaktor geschrieben hat. Nein, Stanley (Pinter hat das reale Vorbild einst in Eastbourne kennengelernt) muss ein Zivilisations-, Gesellschafts-, Kirchenflüchtling sein, einer, der sich als Individuum über die Bedürfnisse der Gemeinschaft stellt, weshalb diese ihn einholt und zur Strecke bringt.

Wahlweise ist er Verbrecher/Vergewaltiger, ein Betrüger sowieso, Mitglied jener ominösen „Organisation“, der auch Goldberg und McCann angehören – was wiederum von Kirche bis Gauner, oder beides, reichen kann. Das Judentum wird auch bemüht, schließt heißt Stanley Webber und Goldberg, na eben Goldberg.

Wie Pinter – er schrieb Uraufführungsregisseur Peter Wood, Stanley werde sich „ganz sicher nicht dazu äußern“ – schert sich auch Breth einen feuchten Kehricht um all das. Sie lässt das Geheimnis, wo es hingehört, und das ist gut so. Aufs Schärfste zurückzuweisen ist der von der Salzach herübergeschwappte Vorwurf, das Stück wäre schlecht. Das dem grumpy old man, der es meisterhaft verstand, das Publikum in die Abgründe seines eigenen tagtäglichen Geschwätzes blicken zu lassen? Dessen Pausen beredter sind als anderer Dramatiker Dialoge?

Lulu lässt sich schänden: Andrea Wenzl und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Mit so tollen Zähnen wird man der Boss: Roland Koch und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Breth trägt dem Rechnung, der Thriller-Variante mit Pause nämlich: Sie zerhackt, was Pinter in drei Blöcke geteilt hatte, in kurze, manchmal längere, von Blackouts getrennte Szenen. Mitunter sieht man starre Einzelbilder, mitunter wird interagiert (aber einander dabei nie direkt ins Gesicht geblickt), das Tempo wechselt. Das ist so filmisch, dass einmal sogar die Zeitlupe zum Einsatz kommt. Bei einem Blinde-Kuh-Spiel. Breth macht aus der „Geburtstagsfeier“ das Stück für Schwarzseher. Und Bert Wrede darf sich dazu mit spooky Wabersound austoben. Geräusche, wie die Zeitung umblättern, Tee einschenken …, werden via Mikrophon verstärkt – ein gelungener Effekt. Bestechend ist das Lichtdesign von Friedrich Rom.

Bestechend auch das Bühnenbild von Martin Zehetgruber. Er zeigt eine abgehauste, versiffte Privatpension an einem englischen Strand, die längst von Sanddünen und trockenen Grasbüscheln erobert wurde. Vor der Tür krängt ein angeschlagenes Holzboot, nach der Pause wird es sich bis in den Innenraum vorgearbeitet haben. Obwohl alle ständig vom strahlenden Sonnenschein schwafeln, hängt der Nebel tief. Dies wohl der Kern von Pinters Aussage. Allüberall verbal vermittelter Selbstbetrug; man muss es sich nur einreden, und gut ist’s.

In dieses Biotop nun hat sich der ominöse Stanley zurückgezogen. Der angeblich verkrachte Konzertpianist hat wie seine Behausung die Körperpflege eingestellt, und müffelt in jeder Bedeutung des Wortes vor sich hin. Umflattert wird er von der ältlichen Hausherrin Meg, die, ausgestattet mit einem kolossalen Iokaste-Komplex, sich zwischen Muttergefühlen und sexueller Belästigung schwankend auf ihn stürzt. Dritter im Haushalt ist Megs Mann Petey, die meiste Zeit dabei, stoisch seine Zeitung zu lesen. So heiß ihr unterm Kittel ist, ihn lassen die Faxen seiner Frau längst kalt.

Dieses Trio Infernal gestalten Max Simonischek als Stanley, Nina Petri und Pierre Siegenthaler vom Feinsten. Petri vibriert vor Betulichkeit und (vorgetäuschter?) Naivität, Simonischek zahlt es ihr mit grantiger Grausamkeit heim. Im Verhältnis der beiden manifestiert sich schon die Aggression und Gewaltbereitschaft, die in weiterer Folge die Handlung dominieren wird.

Die Stimmung eskaliert: Roland Koch, Andrea Wenzl, Max Simonischek, Nina Petri und Oliver Stokowski. Bild: Bernd Uhlig

Und der Nagelzwicker kommt zum Einsatz: Oliver Stokowski, Max Simonischek und Roland Koch. Bild: Bernd Uhlig

Auftritt nun nämlich Roland Koch als Goldberg und Oliver Stokowski als McCann. Es ist verwunderlich, dass sich keiner wundert, dass es zwei Herren im Anzug an den A**bgrund der Welt verschlägt. Aber Meg hat eine Erklärung: „Wir sind sehr empfohlen“, lautet ihr Mantra. Dass die Fremden hinter Stanley her sind, ist gleich klar. Meg hingegen beginnt auf dessen Kosten eine Geburtstagsfeier rauszuschinden, und weil dieser nur halbherzig bestreitet einen solchen zu haben, gibt’s als Geschenk eine Kindertrommel. Derweil laufen Goldberg und McCann zur Höchstform auf, was die Alkoholbeschaffung betrifft.

Man sagt, die Vorbilder für Goldberg und McCann wäre das in den 1950er-Jahren extrem populäre Komikerduo Jewel und Warriss. Und Stokowski und Koch legen es zumindest ähnlich an. Stokowski, der den im Original verlangten irischen durch den hessischen Akzent ersetzt hat, ist als der Mann fürs Grobe das Sensibelchen. Umso erschreckender die Momente, wenn ihm die Kontrolle abhanden kommt, und er sich nur mühsam davon abhalten kann gegen jemandes Kopf oder andere Körperteile zu treten. Doch in ihren Unterwerfungsspielchen ist der wahrhaft Brutale der elegante, eloquente Goldberg.

Wie diese Figur das Geschehen, so dominiert Roland Koch die Inszenierung. Seine Performance als unterschwellig gefährlicher Charmeur ist schlichtweg großartig. Er misshandelt die Frauen – Andrea Wenzl als zunehmend betrunkener Nachbarin Lulu bricht er fast die Hand, bevor er aus ihr einen One-Night-Stand macht -, ohne es zu merken. Meg drückt er bei jeder Gelegenheit gegen die Wand, wohl weil er Platz für seine Persönlichkeit braucht. Allein schon Roland Koch ist es wert, sich diesen Abend zu gönnen. Und auch sonst entfaltet die Aufführung, so man sich auf sie einlässt, einen mächtigen Sog. Breths „Geburtstagsfeier“ ist ein beklemmend belustigendes Erlebnis.

Das Ende? Die Brutalitäten gegenüber Stanley nehmen zu, seine Brille bricht – und was ist mit seiner Zunge passiert? Black. Alles beim Alten. Nur Stanley ist weg. Lulu, das bereitwillig sexuelle Opfer, sieht sich zurückgelassen. Meg redet sich ein, die Partyqueen gewesen zu sein. Und Petey? Wiewohl er schon wieder Zeitung liest, hatte er seinen Moment des Aufbegehrens – und vielleicht als einziger den Durchblick.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Monsieur Pierre geht online

August 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Pierre Richard ist ein anrührender Internet-Cyrano

Monsieur Pierre macht Alex zu seinem jüngeren Alter Ego: Pierre Richard und Yannis Lespert. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Alle Jahre wieder entzückt das französische Kino mit einer hinreißenden Sommerkomödie. 2017 heißt sie „Monsieur Pierre geht online“, ist der grandios bewährte Mix aus leichtfüßiger Elegance und schwerer Melancholie, und ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen. Monsieur Pierre, das ist kein Geringerer als Pierre Richard.

Regisseur und Drehbuchautor Stéphane Robelin hat dem großen Blonden nach dem Erfolg von „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ diese Rolle auf den Leib geschrieben. Und Pierre Richard, dieser lebenslange Pierrot, füllt sie mit Schwärmerei, mit zärtlicher Zerstreutheit – und mit der Unfähigkeit sich gegen die Unbilden des Lebens zu wehren. Sein Monsieur Pierre ist im besten Sinne ein sanftmütiger Schalk. Außerdem fast ein Poet. Im Internet. Die Story hat viel mit Edmond Rostands Cyrano gemein. Nur, keine Sorge, gibt es hier ein märchenhaftes Happy End für alle.

Monsieur Pierre also hat im Leben nur noch ein Interesse. Der Witwer schaut tagein, tagaus alte Filmaufnahmen seiner verstorbenen Frau an. Nichts treibt ihn mehr vor die Tür, er bunkert sich ein in seiner Wohnung und in seiner Trauer. Da schmiedet Tochter Sylvie (Stéphane Bissot) einen sinistren Plan: Der Lover ihrer Tochter Juliette (Stéphanie Crayencour), ohnedies ein nichtsnutzig-arbeitsloser Autor, soll dem Alten Unterricht in Sachen Internet geben – ohne, dass der von Alex‘ Verhältnis zu Juliette weiß.

Nach Einstiegsschwierigkeiten flutscht das Ganze, und Pierre macht in einem Datingportal die Bekanntschaft von Flora (Fanny Valette). Er verliebt sich, doch kann er sich nicht als 80-jähriger Zausel enttarnen. Also muss Alex zu seinem Fleisch und Blut werden, während er selbst aus der Deckung immer gewagtere, intimere Postings/Briefe abschickt. Dass das alles nicht gutgehen kann, ist klar. Am Ende verliebt sich auch Alex, der die Körperlichkeiten dieser ménage à trois zu schultern hat, in Flora. Und zwischen den beiden Männern bricht der Konkurrenzkampf los …

Monsieur Pierre stellt seine junge „Geliebte“ der Familie vor: Pierre Richard, Stéphane Bissot, Stéphanie Crayencour und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Das Schlafzimmer teilen allerdings Flora und Alex: Yannis Lespert und Fanny Valette. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Stéphane Robelin gelingen ein paar großartige Szenen. Pierre Richard, verlegen wie ein Schulbub beim ersten Rendezvous, das gar nicht er bestreiten wird. Weshalb er das Date erst mit dem Feldstecher beobachtet, später vom Nebentisch im Restaurant aus. Wunderbar, wie der alte Anbeter den jungen in seine Biografie drängt, und der beginnt diese auszuschmücken. Wobei aus dem faden Verwaltungsbeamten ein abenteuerlustiger Vulkanologe wird. Fabelhaft Stéphane Bissot und Stéphanie Crayencour, als Pierre, bislang der Fremdkörper in der Familie, doch nun treibt sie die Neugier herbei, ihnen die junge „Geliebte“ beim Frühstück vorstellt:

Fanny Valette als Flora, die tatsächlich glaubt, Pierre wäre Alex‘ schrulliger Großvater. Das ist Verwechslungsschwank vom Feinsten, Wortverdreherei par excellence – ohne jemals plumb zu sein. Wie diese Situation für etliche Minuten durch Fehldeutungen in der Schwebe bleibt, ist zwar komplett unrealistisch, aber extrem unterhaltsam.

Monsieur Pierre skypt immer noch mit Juliettes Lieblings-Ex-Verlobtem, und der anonym gehaltene Alex muss nun daneben sitzen und sich anhören, wie die Familie dem Verflossenen nachweint. In schwermütigen Tagträumen lässt Robelin seinen Pierre eng umschlungen mit dessen toter Frau tanzen; in weniger bekümmerten imaginiert er die Treffen mit diversen Dating-Damen. Die Fantasie führt bis zu einer Konfrontation von Pierre und Alex, einander gegenüber vor einem Toilettenspiegel. Ist das echt oder von Pierre bloß erdacht? Wer derart lyrische Momente erschafft, der darf auch eine Szene, wie diese schreiben: Telefonkonsultation, weil am Computer gerade gar nichts geht. Alex: Haben Sie das Fenster geöffnet? Pierre steht auf und tut ebendieses …

Pierre Richard ist ein anrührender, aber auch kauziger Internet-Cyrano. Bild: © 2016 Tom Trambow/Filmladen Filmverleih

Dass Pierre Richard in jeder Minute des Films als wieder zum Leben erweckter Kauz schimmert wie ein wertvoller Edelstein, ist klar. Um nichts steht ihm aber auch sein Filmpartner Yaniss Lespert nach. Hierzulande bis dato unbekannt, erfreut sich der 28-Jährige in Frankreich als Darsteller in der TV-Serie „Fais pas ci, fais pas ça“ großer Beliebtheit.

Als Alex ist er ein würdiges Pendant in dieser seltsam sich entfaltenden Freundschaft zu Monsieur Pierre, ebenfalls ein Weißclown, allerdings ohne Ambitionen, ein erfolgloser Antriebsloser mit Dackelblick, dessen gar nicht so tief verborgener Widerspruchsgeist ihn gesellschaftliche Normen aber ignorieren und an sein schriftstellerisches Talent glauben lässt. Lange Zeit scheint er keinerlei Ziel zu haben, scheint sich das Szenario um ihn herum fast ohne sein Zutun zu entwickelt – und genau deshalb kann sich der Humor des Films emporschrauben, kann sich sein Charme entwickeln.

Mit Volldampf steuern Robelin und seine Darsteller so dem überdrehten Finale entgegen. Höhepunkt der Absurdität ist die Enttarnung, wenn Flora mit Pierre spricht, während sie aber Alex meint. Eine Sequenz, in der man sich wahrlich unter die Cadets de Gascogne versetzt fühlt. Als Motto des Films kann aber ein Zitat des unsterblichen (und Pierre Richards Freundes) Jacques Brel gelten: Man braucht viel Talent, um nicht erwachsen zu werden. Voi­là, c’est ça!

www.monsieur-pierre-geht-online.de

10. 8. 2017

Festspielhaus St. Pölten: Fritz Langs „Metropolis“ einmal anders

November 25, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Choreograf Dave St-Pierre inszeniert „Cirkopolis“

Cirque Éloize: Cirkopolis Bild: Valerie Remise

Cirque Éloize: Cirkopolis
Bild: Valerie Remise

Am 28. und 29. November gastiert die multimediale Produktion „Cirkopolis“ des kanadischen Cirque Éloize im Festspielhaus St. Pölten. Videoprojektionen und Bühnenbild lassen eine futuristisch anmutende Stadtatmosphäre entstehen, die – inspiriert von Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“ – eine außergewöhnliche Kulisse für die akrobatischen Höchstleistungen der Akteure bietet. Akustisch wird die Kreation von eigens für das Stück geschaffenen Kompositionen aus Stadtlärm, verträumten Chansons und typischen Zirkusklängen untermalt.

Der 1993 gegründete Cirque Éloize ist weltweit eine der erfolgreichsten Compagnien des cirque nouveau. Für die akrobatischen Performances vereint der künstlerische Leiter Jeannot Painchaud die fabelhafte Welt des Zirkus stets geschickt mit anderen Kunstformen wie Film, Theater und Poesie und schafft dadurch Raum für innovative Abende, die sich atmosphärisch zwischen Imagination und Realität, zwischen Grenzen und Möglichkeiten ansiedeln.

Für die träumerische Inszenierung „Cirkopolis“, die im Festspielhaus erstmals in Österreich zu sehen sein wird, engagierte Painchaud das enfant terrible des zeitgenössischen kanadischen Tanzes, den Choreografen Dave St-Pierre. Bereits für die Éloize-Show „iD“ erarbeitete er die Choreografie und zeichnet nun erstmals auch bei einer Zirkusproduktion für die Inszenierung verantwortlich. Mit „Cirkopolis“ stellt der Cirque Éloize einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis, dass sich Zirkus zu einer wahrhaftigen Kunstform entwickelt hat. „’Cirkopolis‘ zu betreten, bedeutet loszulassen und voll und ganz darauf zu vertrauen, von der Hoffnung getragen zu werden“, so Jeannot Painchaud über die Erfolgsproduktion, die als „Unique Theatrical Experience“ 2014 mit dem New Yorker Drama Desk Award ausgezeichnet wurde.

TIPP:

Im Rahmen der Masterclass geben Ensemblemitglieder des Cirque Éloize am Samstag von 13.30 bis 15.30 Uhr jungen Tanzschaffenden Einblicke in das Zirkuswesen.

www.festspielhaus.at

Wien, 25. 11. 2015