Museum der Moderne Salzburg: Proudly Presenting

April 28, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Sammlung Generali Foundation

auf dem Mönchsberg

Bruno Gironcoli: Große Säule mit eingesetzten Augenprothesen, 1968  Ausstellungsansicht Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation, 2014, Skulptur  Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg  Bild: © Museum der Moderne Salzburg, Rainer Iglar

Bruno Gironcoli: Große Säule mit eingesetzten Augenprothesen, 1968
Ausstellungsansicht Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation, 2014, Skulptur
Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg
Bild: © Museum der Moderne Salzburg, Rainer Iglar

Mit der Ausstellung Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation wird erstmals eine Auswahl aus der international renommierten Sammlung an ihrem neuen Standort, dem Museum der Moderne Salzburg, präsentiert. Die Generali Foundation hat ihre international viel beachtete Sammlung Anfang des Jahres dem Museum der Moderne Salzburg im Rahmen einer umfassenden Partnerschaft als Dauerleihgabe anvertraut. In dieser ersten Schau zur Vorstellung einer Auswahl aus der Kollektion, die insgesamt etwa 2.100 Werke von 200 Künstlerinnen und Künstlern umfasst, wird Einblick in einige der Charakteristika der bekannten Sammlung gegeben. Präsentiert werden 133 Arbeiten von 25 Künstlerinnen und Künstlern in unterschiedlichen Medien, die von Skulptur und Installation über Film, Fotografie und Video bis zu Zeichnung reichen. Die Sammlung Generali Foundation enthält herausragende Werke von den 1960erJahren bis in die Gegenwart. „Von international bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern wurden bereits relativ früh größere Werkgruppen gesammelt“, erläutert Sabine Breitwieser, Direktorin am Museum der Moderne Salzburg. „Anlässlich dieser ersten Präsentation in Salzburg werden zentrale Werke gezeigt, unter anderem von Künstlern, die in den letzten Jahren leider verstorben sind – Bruno Gironcoli, Walter Pichler, Allan Sekula und Franz West. Mit ihnen bestand – wie mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die in dieser Ausstellung zum Teil erstmalig in Salzburg vorgestellt werden – ein besonderes Naheverhältnis.“

Eine erste thematische Werkgruppe in der Ausstellung umfasst emblematische Objekte, in denen Kunst, Design und Architektur in Form von utopischen Ideen miteinander verschmelzen. Die phallischen Skulpturen von Bruno Gironcoli, die Glaspavillons von Dan Graham, das Mobile Büro (1969) von Hans Hollein, die Interventionen von Gordon Matta-Clark in aufgelassenen Gebäuden oder der TV-Helm (1967) von Walter Pichler sind inzwischen Ikonen dieser Thematik. Die hohen Erwartungshaltungen an neue Technologien und Medien, die wir seit den 1960erJahren erleben, mündeten auch in zahlreichen Arbeiten, in denen deren Auswirkungen auf den Menschen erforscht werden. Die feministisch-aktionistischen Werke von VALIE EXPORT, insbesondere ihr TAPP-und TASTKINO (1968), oder Harun Farockis Videoinstallationen beziehen dazu Position in Form von profunden Werkgruppen, aus denen in dieser Ausstellung nur ein kleiner Ausschnitt gezeigt werden kann. Eine mittlere und jüngere Generation von Künstlerinnen und Künstlern bezieht sich in ihren Arbeiten wiederum aus einer aktuellen Perspektive auf die ehemaligen Utopien, darunter Dorit Margreiter, Marjetica Potrc, Florian Pumhösl, Mathias Poledna und Heimo Zobernig.

Im Verbund mit einer Medienkritik sind in der Sammlung zahlreiche Werke vertreten, in denen Fotografie gewissermaßen gegen den Strich gebürstet wird, wie in Sanja Ivekovic’ Fotocollagen, in Martha Roslers Foto-Text-Installation über die New Yorker Bowery oder in Allan Sekulas filmischen Fotoarbeiten. „Institution für Institutionskritik“ wurde die Generali Foundation vor vielen Jahren in einer  Schlagzeile genannt. Tatsächlich sind in der Sammlung viele Künstlerinnen und Künstler vertreten, die eine Untersuchung der Bedingungen von Kunst sowie die Frage, was wir von Kunst eigentlich wollen, zum Inhalt ihrer Arbeit gemacht haben. Hans Haacke hat dies in seinem Kondensationswürfel (1965) als einer Art von kinetischer Besucherstatistik früh verdeutlicht. Adrian Piper wiederum verhandelt in ihrer Arbeit Hegemonien und Stereotypen in der Kunst, und Andrea Fraser klärt uns in „Museumsführungen“ in lustvoller Weise über das wirkliche Leben in einem Museum auf.

Mit dieser Ausstellung setzt das Museum der Moderne Salzburg den Prätext zu einer neuen rotierenden Schausammlung, in der künftig Werke der Sammlung Generali Foundation in Dialog mit den anderen umfangreichen Beständen des Museums treten – von denhauseigenen Werken über die Fotosammlung des Bundes und die Sammlung FOTOGRAFIS der Bank Austria Unicredit bis zur Sammlung MAP. In der Ausstellung vertreten sind Werke von VALIE EXPORT, VALIE EXPORT/Peter Weibel, Harun Farocki, Andrea Fraser, Bruno Gironcoli, Dan Graham, Hans Haacke, Hans Hollein, Sanja Ivekovic, Richard Kriesche, Dorit Margreiter/Mathias Poledna/Heimo Zobernig, Gordon Matta-Clark, Gustav Metzger, Walter Pichler, Adrian Piper, Marjetica Potrc, Florian Pumhösl, Martha Rosler, Allan Sekula, Goran Trbuljak, William Wegman, Peter Weibel, Franz West und Heimo Zobernig.

www.museumdermoderne.at

Wien, 28. 4. 2014

Wean hean 2014

April 22, 2014 in Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Na, des kann wos wean!

Johannes Silberschneider Bild: © Gerd Neuhold

Johannes Silberschneider
Bild: © Gerd Neuhold

15 Jahre wean hean – das Wienerliedfestival und 20 Jahre Wiener Volksliedwerk im Bockkeller! Vom 24. April bis 17. Mai 2014 feiert und befeuert wean hean deshalb mit zehn außergewöhnlichen Konzertereignissen das Wienerlied in seiner Vielfarbigkeit und seinen vielschichtigen Dimensionen. Spannende Themenabende werden eigens ausgetüftelt, Uraufführungen und neue Szenerien initiiert sowie gleichsam vertraute wie noch nie dagewesene musikalische Wege beschritten. Auf das geschätzte Publikum wartet ein imponierendes Jubiläumsprogramm mit markanten Künstlern und Künstlerinnen, mit bestechenden Interpreten und Interpretinnen. Die musikalischen Wogen tragen uns an ausgewählte Schauplätze in Wien, zwischen Zentrum und lauschigem Stadtrand.

Die erste wean hean Welle führt uns nach Ottakring, zur „Wiege“ des Wienerliedes. „In Ottakring draußt“, in den Gefilden des Liebhartstals und Gallitzinbergs, wird am 24. April eine musikalische Auslese der Wienermusik-Hautevolee wie Roland Neuwirth, Kurt Girk, Karl Hodina, Rudi Koschelu sowie Federspiel, Rutka.Steurer u.a. das Festival eröffnen. Schon um 1900 war diese Gegend ein beliebtes Ausflugsziel. So besaßen die Gebrüder Gammer hier ein Gasthaus, das inmitten eines weitläufigen Gartens lag, der an die 2000 Personen fasste und von 100-jährigen Bäumen beschattet wurde. 1906 ließen sie ein zweites, einstöckiges Gasthaus erbauen: den Bockkeller, der 2014 im Brennpunkt des wean hean Festivals steht. Hier befindet sich der einzigartige Spiegelsaal, der Veranstaltungsort des Wiener Volksliedwerks. Die weiteren Schauplätze der Eröffnung wie das Schutzhaus Waidäcker und der Heurige 10er Marie liegen nur einen Steinwurf von hier entfernt.

Die Ausstellung „Franz is here! Franz Ferdinands Reise um die Erde“ veranlasst wean hean in Zusammenarbeit mit dem Weltmuseum Wien einen Blick auf das Tagebuch der Weltreise 1892/93 des 1914 ermordeten Thronfolgers zu werfen und seine musikalischen Vorlieben zum Klingen zu bringen. In der Säulenhalle des Weltmuseums stehen am 28. April Unterhaltungs- und Salonmusik, alpenländische Lieder und Jodler, Schlager sowie österreichische Traditionsmärsche jener Zeit im Fokus. Die Neuen Wiener Concert Schrammeln, Stippich & Stippich und Soyka & Stirner garantieren einen abenteuerlustigen Abend, dessen Erlebnisreichtum durch Lesungen von Chris Pichler ergänzt wird.

Im Rahmen einer Personalie stellt wean hean eine nuancierte und talentierte Frau in den Mittelpunkt: Julia Lacherstorfer. Diejunge Geigerin, Bratschistin, Sängerin und Komponistin hat in den letzten Jahren mit ihrer außergewöhnlichen, erfrischenden Kreativität im Bereich zeitgenössischer traditioneller Volksmusik und Crossover Aufsehen erregt. Ihr Können verwirklicht sie in den Formationen Ramsch & Rosen, Alma und Neuschnee. Jede Gruppe steht musikalisch großartig für sich. Am 30. April werden sie alle gemeinsam im Theater Akzent auftreten. Ramsch & Rosen präsentieren zudem an diesem Abend ihre erste CD „Bellver“ (Lotus Records).

Am 3. und 4. Mai lässt wean hean 20 Jahre Wiener Volksliedwerk im Bockkeller mit einem Auftragswerk an das Kabinetttheater hochleben. Unter der Regie von Thomas Reichert wird unter dem Titel „Versammlung unter Engeln“ eine ganz besondere Geschichte über das Haus und sein vergangenes wie gegenwärtiges Eigenleben erzählt. Das Team des Kabinetttheaters inszeniert sein unvergleichliches, auf die Bockkellerbühne zugeschnittenes Puppenspiel. Das Ensemble Zum fidelen Bock, das sind Anna Clare Hauf, Markus Kraler und Nikolai Tunkowitsch, zaubert dazu eine eigene musikalische Szenenfolge. Margret Kreidl hat zu einem „bewegten“ historischen Foto das Minidrama „Ollas Eibüdung“ verfasst, Texte von Friedrich Achleitner, Gustav Ernst, Tanja Ghetta, Ernst Jandl und Julia Reichert sind Teil der minidramatischen Aufführung.

Wie prominent das Wienerlied auftreten kann, führen Meistersinger und Meistersingerinnen am 7. Mai im Rathauskeller vor. Lassen Sie sich überraschen, welche Prominente aus Medien, Kultur und Politik neben den Genreroutiniers Agnes Palmisano, Roland Sulzer, Daniel Fuchsberger, Walter & Tommy Hojsa sowie den Schrammelknödeln im Rahmen der Benefizveranstaltung zugunsten der Wiener Tafel dem Publikum ihre ganz persönlichen Wienerliedinterpretationen präsentieren. Dabei sind unter anderem Johannes Silberschneider, Thomas Stipsits, Miguel Herz-Kestranek und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny.

Tags darauf am 8. Mai im Porgy & Bess:„Das kann was wean“. Das Klangkombinat Kalksburg sortiert und arrangiert das Wienerlied nach jazzigen Gesichtspunkten neu und wird dabei wohl jegliche angestammte Ordnung über Bord werfen. Mit dabei: alles, was einschlägig Musik macht – von A wie Aichinger bis Z wie Zrost:Oskar Aichinger, Thomas Berghammer, Heinz Ditsch, Hannes Enzlberger, Christian Gonsior, Clemens Hofer, Paul Skrepek, Wolfgang V. Wizlsperger und Martin Zrost.

Wiederum einen Tag später, am 9. Mai, kehrt wean hean zurück in den Bockkeller, diesmal um das Wienerlied ins zeitgenössische Gewand im Zuschnitt Kurt Schwertsiks zu hüllen und ein Klangkleid für Stimme und Streichquartett zu kreieren. Christa Schwertsik wird gemeinsam mit dem Koehne Quartett das Bühnenweihespiel „Hans im Glück“ (op.96) von Karl Ferdinand Kratzlnach der Musik Kurt Schwertsiks aufführen. Weitere Rarität des Abends: Die Uraufführung einiger Wienerlieder steht am Programm!

Wer kennt nicht die Schlager „Veronika der Lenz ist da“, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“, „Ich hab mir für Grinzing einen Dienstmann engagiert“ oder „Was macht der Maier am Himalaya“? Wer jedoch weiß darum, wer diese genialen Schlager geschrieben hat? Nach dem erfolgreichen Hermann Leopoldi Programm steht nun der 12. Mai ganz im Zeichen des großartigen Schlagerschöpfers Fritz Rotter. Einem österreichischen Krimi wie „Schnell ermittelt“ gleich, steigt unter der künstlerischen Leitung von Bela Koreny im Wiener Konzerthaus die Spannung mit jedem weiteren Künstlerauftritt: Ursula Strauss, Wolf Bachofner und Katharina Straßer. Ebenfalls mit dabei: Der für Musikfragen im Volkstheater unverzichtbare Patrick Lammer.

Ebenfalls um leichte Muse, allerdings in schwerer Zeit, geht es in einer Kooperationsveranstaltung mit der Wienbibliothek im Rathaus zu Wiener Musik im Ersten Weltkrieg. Im Jahr 1914 wurde der Krieg als gemeinsame, gute Sache ausgerufen, so, als wäre er die einzig mögliche Haltung eines aufrechten Menschen. Auch Kabarett und Operette rückten nahezu geschlossen ein. An der Front und dahinter feierten sie die Kämpfe mythisch, feindselig und sentimental oder mobilisierten einfach das eigene Genre für die Propaganda. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr kamen Musiker und Textdichter als denkende Individuen wieder zu sich und die Themen und Töne der Lieder gewannen an Wirklichkeit und Vielfalt. Entlang bekannter, unbekannter, neuer und neu bearbeiteter Lieder fühlt der Abend den wechselnden Emotionen, Gesinnungen und Irrungen dieser Jahre nach.

Gemeinsam mit Hannes Löschel, Wolfgang Vincenz Wizlsperger, Theresa Eipeldauer und Thomas Berghammer leuchten die beiden Historiker Christoph Lind und Georg Traska Aspekte der Wiener Musik im „Großen Krieg“ aus. So heißt es am 15. Mai anlässlich der Finissage der Ausstellung „Wohin der Krieg führt. Wien im Ersten Weltkrieg 1914-1918“ im Festsaal des Rathauses: „Rosa, wir fahr’n nach Lodz!“

Zum Ausklang des Festivals im Schutzhaus Ameisbach werden musikalische Streiflichter auf Ödön von Horváths legendäre Bühnenstücke „Geschichten aus dem Wiener Wald“ und „Kasimir und Karoline“ und deren Bezüge zum Volkssängertum geworfen. Die Verbindungen zwischen Wien und Bayern, zwischen der Wiener und der Bayerischen Volkssängertradition sind geradezu frappant! Die musikalischen Protagonisten des Abends, der bayerische Volksschauspieler Harald Helfrich, die Salonmusik Karl Edelmann sowie Stippich & Stippich, werden diese Beziehung mit Liedern von Ludwig Gruber, Carl Lorens, Walzern von Johann Strauss u.v.m. augenscheinlich machen. Das werte Publikum ist zum Mitsingen eingeladen!

http://www.weanhean.at

Wien, 22. 4. 2014

Drachengasse: Kleingeldaffäre

März 7, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Doina Weber spielt Elfriede Hammerl

Ich habe nämlich einen Beruf, auch wenn es so aussieht, als sei G. mein Beruf.

Doina Weber  Bild: © Andreas Friess

Doina Weber
Bild: © Andreas Friess

Am 17. März findet im Theater Drachengasse die österreichische Erstaufführung von Elfriede Hammerls „Kleingeldaffäre“ statt. Es spielt Doina Weber, Regie führt Karin Koller, die auch für die Bühnenfassung verantwortlich ist. Eine beruflich erfolgreiche und attraktive Frau, nicht weit vom Pensionsalter, hat einen Liebhaber. G. gibt ihr Geld und bietet ihr dennoch nichts, was sie sich nicht auch selbst leisten könnte. Außer der Illusion von Luxus und Sorglosigkeit. Und der Illusion von Liebe. Denn das Geld stammt von seiner Frau, sein Leben findet zu zweit im ehelichen Nest statt. Aber er hätte sich doch auch eine Jüngere suchen können. Also doch Liebe? Oder ist sie als Frau jenseits vom Familiengründungsalter und abseits anderer Optionen einfach nur die praktischere/bequemere Wahl? Mit der Zeit wird es schwieriger für sie, an G. und an Aufträge heranzukommen. Der Liebhaber laboriert an den Folgen eines Herzinfarkts und ihre Auftraggeber kommen nun aus einer Generation, der sie nicht mehr angehört. Vielleicht wird eines Tages nicht mehr G. das Epizentrum ihres Lebens sein, sondern der Wert ihrer Arbeit, die Noten und Banknoten, die der Markt ihr zuteilt.

„Kleingeldaffäre ist ein Text über eine obsessive Liebe, über die Unberechenbarkeit und die Unsteuerbarkeit erotischer Anziehung, übers Älterwerden und über Liebe und Erotik im Alter. Und, nicht zuletzt, über den Stellenwert von Geld – in Beziehungen und im Alter“, sagt Elfriede Hammerl.  Autobiographisch? „Die Frage kommt immer. Ja, insofern, als alles Geschriebene mit eigenen Erfahrungen und dem daraus resultierenden Blick auf die Welt zu tu hat. Aber die eigenen Erfahrungen sind nicht eins zu eins abgebildet, eine Tagebuchschreiberin war ich nie. Seit geraumer Zeit ist es vor allem das Älterwerden, das mich beschäftigt, die unausweichliche Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens und der schleichende Verlust an Reputation. Denn machen wir uns nichts vor: Die Optionen nehmen ab.“ Wie fertig werden mit den Widrigkeiten des Lebens, der Liebe, das Alters, der Liebe im Alter? Hammerl: „Keine Ahnung. Und genau das ist das Thema. Also: keine Patentrezepte. Keine Schönfärberei. Kein Gejammer. Aber Witz, Sarkasmus und Zorn, um halbwegs aufrecht durch den Tag zu kommen“.
Im Herbst 2014 erscheint Elfriede Hammerls neues Buch „Zeitzeuge“ in der Edition Ausblick.

Tipp:

Von 18. bis 20. März sind in der Bar&Co die 18. Tage des französischsprachigen Theaters in Wien. Neben szenische Lesungen mit Chris Pichler und Florian Teichtmeister in deutscher Sprache sind auch die AutorInnen Koffi Kwahulé („Misterioso 119“), Carine Lacroix („Burn baby burn“) und Pascal Rambert („Das Ende einer Liebe „/“Clôture de l’Amour“) anwesend und lesen einen kurzen Auszug ihrer Stücke in Originalsprache.

www.drachengasse.at

Wien, 7. 3. 2014

Wien für Insider

August 13, 2013 in Buch

Eine schaurige Lektüre

Abseits von imperialem Glanz und architektonischer Schönheit birgt Wien geheimnisvolle, unheimliche und rätselhafte Geheimnisse. Wer die dunklen Seiten und schaurigen Orte entdecken will oder den verborgenen Schönheiten und düsteren Geschichten der Stadt auf die Spur kommen möchte, für den gibt es nun eine ganze Reihe von Büchern:

9783854316459_Cover_300dpiGeheimnisvoller Da Vinci Code in Wien. Verborgene Zeichen  – Versteckte Botschaften
Von Gabriele Lukacs und Robert Bouchal. Pichler Verlag. 192 Seiten.
Hinter der glänzenden Fassade der Bundeshauptstadt gibt es zahlreiche geheimnisvolle Codes, verschlüsselte Botschaften und verborgene Zeichen. Kennen Sie die originalgetreue Kopie des „Abendmahls“ von Leonardo da Vinci in Wien, den wahren Geheimcode im Gemälde? Wissen Sie, wo in Wien der Heilige Gral aufbewahrt wird? Haben Sie jemals vom Gralshüter und dem Kultraum unter der Maria-Magdalenen-Kapelle gehört? Wien verbirgt viele Geheimnisse, die man nur entdeckt, wenn man einen Blick hinter die Fassaden der Traumstadt riskiert

Unheimliches Wien. Gruselige Orte – Schaurige Gestalten – Okkulte Experimente
Von Gabriele Lukacs und Robert Bouchal. Pichler Verlag. 208 Seiten.
Die Donaumetropole Wien ist auch eine Fundgrube für alles Dunkle und Mysteriöse. Keine andere Stadt kann mit einer so großen Anzahl an gruseligen Schauplätzen und Sammlungen aufwarten, auf ihrer fantastischen Entdeckungsreise führen Robert Bouchal und Gabriele Lukacs in eine faszinierende Welt, die selbst den meisten Wienern unbekannt ist.

Unbekanntes Wien.Verborgene Schönheit – Schimmernde Pracht
Von Isabella Ackerl und Harald A. Jahn. Pichler Verlag.256 Seiten.
Wie jede Metropole wächst auch Wien heute über seine historischen Grenzen hinaus und bringt Neues hervor. Altes muss nur allzu oft weichen, doch gibt es liebevoll Restauriertes, das Vergessenes zutage fördert. Zahlreiche Geheimtipps machen diesen ebenso amüsant wie spannend zu lesenden Band zu einem wertvollen Begleiter für jeden Wien-Fan.

Dunkle Geschichten aus dem alten Wien
Von Barbara Wolflingseder. Pichler Verlag. 176 Seiten.
In ihren „dunklen Geschichten“ begibt sich Barbara Wolflingseder auf eine faszinierende Zeitreise in die Welt Alt-Wiens. Sie fördert Vergessenes und Verborgenes zutage, erzählt von düsteren Geheimnissen und mysteriösen Bluttaten, von Verbrechen, die einst die Stadt erschütterten. Eine schaurig-spannende Begegnung mit dem morbiden Schattenreich der Kaiserstadt.


Lexikon der Wiener Gemeindebauten. Namen | Denkmäler | Sehenswürdigkeiten
Von Peter Autengruber und Ursula Schwarz. Pichler Verlag. 320 Seiten.

Wiener Gemeindebauten prägen seit den 1920er Jahren das Stadtbild, manche sind schon lange Wahrzeichen, andere kaum bekannt. Das Lexikon der Wiener Gemeindebauten listet nun alle benannten Bauten auf, erklärt die Namen, Denkmäler und Sehenswürdigkeiten – eine Fundgrube für alle Wiener und Nicht-Wiener, die sich auf die Spuren des „Roten Wien“ begeben wollen.Mit den ersten großen Gemeindebauten setzte das „Rote Wien“ einst ein wichtiges Zeichen: für eine neue Solidarität mit den sozial Schwachen, für eine neue Politik der Gerechtigkeit und der Rücksichtnahme. Bauten wie der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt oder der Goethehof in Kaisermühlen wurden zu Wahrzeichen dieses solidarischen Wohnungsbaues, bis heute prägt der „Gemeindebau“ die Wohnlandschaft Wiens. Das „Lexikon der Wiener Gemeindebauten“ listet alle benannten Gemeindebauten mit Adresse in alphabetischer Reihenfolge auf und erklärt ausführlich die Herkunft der Namen. Darüber hinaus werden das Datum der Errichtung und das Benennungsdatum genannt. Erklärt werden aber nicht nur die Namen der Bauten, sondern auch Denkmäler, Sehenswürdigkeiten und Kleinode. Die zahlreichen Plastiken, Reliefs, Brunnen und Mosaike in Gemeindebauten werden erstmals in ihrer Vollständigkeit erfasst und beschrieben. Fotos der Gemeindebauten, Porträts der Geehrten, eine Liste der umbenannten Wohnhausanlagen, eine Liste der Künstler und ihrer Kunstwerke sowie eine Liste der ausführenden Architekten und Architektinnen mit bibliografischen Daten machen das Buch zum Nachschlagewerk.

http://pichlerverlag.styriabooks.at/

Von Rudolf Mottinger

Wien, 13. 8. 2013

Festspiele Reichenau: “Die Stützen der Gesellschaft”

August 7, 2013 in Bühne

Die Leichen im Keller regen sich

Lona Hessel (= Therese Affolter) und Karsten Bernick (= Marcello de Nardo) Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Lona Hessel (= Therese Affolter) und Karsten Bernick (= Marcello de Nardo)
Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

1877 geschrieben und noch so modern. Engstirnigkeit und Kleinbürgerei trifft auf Macht- und Schaffensstreben. Ein Ibsen ist nicht zu schlagen. Das wussten auch die Festspiele Reichenau und eröffneten ihre diesjährige Saison mit des norwegischen Dramatikers „Die Stützen der Gesellschaft“. In der Familiensaga dreht sich alles um den reichen Reeder Konsul Bernick (Marcello de Nardo). Ein Musterbeispiel an moralischer Integrität und voller Sorge um die öffentliche Wohlfahrt. DER Mann in der kleinen Küstenstadt. Aber: Fassaden bröckeln. Vor allem, wenn unerwünschte Verwandtschaft (Therese Affolter als Halbschwester und Tobias Voigt als Schwager) zurückkehrt, um ein paar Leichen im Keller auszugraben. Oder offenzulegen, dass sich der ach so mildtätige Konsul an einem Eisenbahnprojekt in erster Linie selbst bereichert. Mordpläne werden geschmiedet …

In Reichenau legt man den Beinah-Krimi in die bewerten Hände von Peymann-Kumpan Alfred Kirchner (Fassung: Nicolaus Hagg, Bühne: Peter Loidolt, Musik: Kyrre Kvam). Kirchner inszeniert im Neuen Spielraum psychologisches Theater, emotional, präzise, hervorragend. Entlarvt die Moralinsäure hinter der Scheinmoral. Durch die Durchlässigkeit der Bühne bespitzelt hier jeder jeden. Ein intimes Wort ist kaum bis unmöglich. Alles ist „Repräsentation“. Haggs Textfassung ist schlank, klar, pointiert und wirft einen tiefen Blick auf die Diskussionsstandpunkte  der damaligen Gesellschaft: Fortschrittsglaube? Mensch gegen Maschinen? Europas veraltete Strukturen gegen die Offenheit, aber auch die Brutalität der Neuen Welt USA? Das Ensemble ist umwerfend gut. De Nardo, präsent, wie immer die Bühne beherrschend, hartherzig, ein „Herrenmensch“, ein Rasender in seinem Schaffensdrang, entwickelt sich sich im Laufe des Abends vom selbstgerechten Macher zum gestürzten Patriachen, der die Trümmer seiner Existenz in Aktien für die Allgemeinheit verwandeln muss. Und doch genau in diesem Moment des Zusammenbruchs klar macht, dass er sich wie ein Phönix aus der Asche erheben wird.  Gibt es eine Rolle, in der dieser Mann nicht brilliert? Nein!

Marin Schwab als Schiffsbaumeister Aune ist der Gegenpol, dem er sich schließlich ergibt. Schwab spielt eine Art ersten Gewerkschafter, der gegen Husch-Husch-Pfusch sowohl die Schiffe als auch seine Arbeiter als auch seinen guten Ruf schützen will. Eine Paraderolle. Ein Working-Class-Hero im „Blaumann“, der trotz allem im feinen Salon seine Mütze verlegen mit den Fingern knetet. Aune steht für die im Revolutionsjahr 1848 gegründete norwegische Arbeiterbewegung. Dank lokaler Vereine gewann sie rasch an Macht. Sie wurde zerschlagen. (Ein wichtiger Kopf war Marcus Thrane, dessen Thranitter-Bewegung gehörte auch der junge Ibsen an.) Chris Pichler spielt Bernicks durch ständige Demütigungen längst mundtot gemachte, eingeschüchterte, unterdrückte Frau Betty, Jürgen Maurer ist als missionarischer Frömmler Rörlund ein perfekter Pharisäer, Dirk Nocker nimmt’s als Vetter locker. Johanna Arrouas gibt schön verhuscht das Überbleibsel, sprich: Mündel, von Bernicks Seitensprung.

Den hat einst Bettys Bruder Johann (Tobias Voigt) auf sich genommen, um das Aufsehen, den Bankrott zu verhindern. Nun will er seinen Namen reinwaschen. Er kommt mit Bettys Halbschwester Lona (Therese Affolter), der Bernick erst ein Eheversprechen gab, bevor er begriff, dass Betty mehr erbt. Es folgen Hass, Verzweiflung, Rachegelüste eines, der seine Felle schwimmen und seine Schiffe untergehen sieht. Affolter hat den großen Auftritt, ein Fleisch gewordener Lügendetektor, eine Skandalnudel, gekommen, den Skandal aufzudecken, „auszulüften“, wie sie sagt. Im Nahkampf mit De Nardo sind die beiden nicht zu schlagen. Die ehrliche Haut Tobias Voigt kriegt am Schluss sein Recht und Johanna Arrouas. Eine gelungene Ensembleleistung. Ein mehr als gelungener Abend. Bravo!

VORSCHAU 2014:

Vier neue Theaterproduktionen:

Im Neuen Spielraum:

„1914 – Zwei Wege in den Untergang“ von Nicolaus Hagg
(Uraufführung im Auftrag der Festspiele Reichenau)

„DAS WEITE LAND“ von Arthur Schnitzler

Im Großen Saal:

„UNVERHOFFT“ von Johann Nestroy

„EFFI BRIEST“ von Theodor Fontane
Uraufführung, Neue Bühnenfassung

www.festspiele-reichenau.com

www.mottingers-meinung.at/festspiele-reichenau-madame-bovary

Von Michaela Mottinger

Reichenau, 4. 7. 2013