The Sisters Brothers

März 13, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der amerikanische Goldrausch als Kapitalismuskritik

The Sisters Brothers: Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli (John C. Reilly) suchen ihren nächsten Hinzurichtenden. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Nun also ist entdeckt, was die Männer des Westens taten, während sie wochenlang durch die Weiten der Prärie ritten. Sie führten hochphilosophische Gespräche zu Pferd. Zumindest machen das Charlie und Eli Sisters so im Film „The Sisters Brothers“, der am Freitag in die Kinos kommt. Der französische Regisseur Jacques Audiard legt mit seiner Leinwandadaption des zynischen Romans von Patrick deWitt ein Meisterwerk vor, das es versteht, ein Genre bis ins kleinste Detail zu bedienen.

Und gleichzeitig auszuhebeln. Man mag Audiards Blick auf die Welt der Goldschürfer und Kopfgeldjäger, auf deren Schießereien, Saufgelage und Bordellbesuche, einen europäischen nennen, gab’s doch sowohl bei den Césars als auch in Venedig die Auszeichnung für die beste Regie. In den USA indes waren „The Sisters Brothers“ kein Box Office Hit – trotz der Starbesetzung Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, John C. Reilly, Riz Ahmed und Rutger Hauer. Die Zeit ist 1851, der Ritt geht von Oregon nach Kalifornien, und auch an die Final Frontier klopft allmählich hartnäckig die Moderne.

Schon die erste Szene macht die Figuren klar, Charlie und Eli Sisters lassen einem Grüppchen von ihnen Verfolgter die Kugeln nur so um die Ohren fliegen, in diesem Gefecht werden keine Gefangenen gemacht, denn die Brüder sind Killer im Auftrag eines ominösen Commodore – Rutger Hauer, der nicht immer kurz und mitunter auch schmerzhaft beseitigen lässt, wer ihm im Weg steht. Das ist bei Charlies und Elis nächstem Job der Chemiker Hermann Kermit Warm, der ein Verfahren entwickelt hat, eine schwer ätzende Flüssigkeit, die das Erkennen von Gold im Wasser erleichtert, und die der Commodore natürlich in die Finger kriegen will.

Jake Gyllenhaal als sinnsuchender, melancholischer Detektiv John Morris. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Großartig grindige Westernstadt: Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) reitet in Mayfield ein. Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Deshalb hat er bereits den Detektiv John Morris auf dessen Fährte gesetzt, er soll Warm aufspüren, damit die Sisters dann die Formel aus ihm herausfoltern können. Morris und Warm werden jedoch Freunde und Geschäftspartner und setzen sich ab. Charlie und Eli nehmen die Verfolgung auf und verstricken sich auf ihrem Weg in immer blutigere, aber auch skurrilere Händel. Wobei anzumerken ist, dass deWitts Buch um einiges brutaler ist als die Filmbilder, die einem sowohl eine traumatisierende Zahnzieh-Szene als auch den qualvollen Tod eines von einem Bären schwerverletzten Pferdes ersparen.

Bei Audiard darf es eher beiläufig sterben, weitere Schrecken finden in der Ferne, im Halbdunkel oder ganz außerhalb der Leinwand statt. Sehr unamerikanisch für diese uramerikanische Kunstform. Joaquin Phoenix spielt Charlie, John C. Reilly Eli Sisters, beide Outlaws schon etwas angegraut und daher auf der Sinnsuche nach einer Existenz ohne den rauchenden Colts. Für Audiard die perfekte Vorlage, um seine motivgetreue Erzählung mit einer Hinterfragung gängiger Männlichkeitsklischees zu unterfüttern. Was ihm mit einem gewissen Augenzwinkern ausgezeichnet gelingt.

Ist der Aufbruch hartgesottener Machos Richtung ihrer femininen Seite doch schon im Titel festgelegt. Während sich derart der sensible und grüblerische Eli immer mehr nach einem gewaltfreien Leben sehnt, ergibt sich Charlie allzu oft dem Suff und stürzt sich darob in Raufereien. Wie Phoenix den besoffenen, unberechenbaren Psycho gibt, ist freilich eine Glanzleistung, übertroffen allerdings von der Reillys – der es übrigens auch war, der das Projekt gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Produzentin Alison Dickey, angestoßen hat. In einer anrührenden Szene bittet er eine Prostituierte um ein Rollenspiel mit Damenschal, wovor sich das Mädchen erst fürchtet, bevor sie erkennt, wie seelisch angeschlagen das starke Geschlecht, das da vor ihr – naja – steht, ist.

Eli ist es auch, der dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen ist. „Musstest du dieses Gespräch jetzt so ins Banale ziehen?“, fragt er einmal den Bruder. Dann wieder startet er einen ersten Versuch mit Holzzahnbürste und Zahnputzpulver, allein, wie er das mysteriöse Instrument im Gemischtwarenladen entdeckt und bestaunt, spielt Reilly komödiantisch großartig, auch, wie er die mit Zeichnungen versehenen Instruktionen zum Gebrauch studiert. Später begeistert er sich im Sündenbabel San Francisco über ein Wasserklosett – „ein bisschen Komfort in unsicheren Zeiten“, stellt er dazu fest. Und während sich als Settings von Schlamm verschmutzte Städte, eigentlich Ansammlungen enger Bretterbuden, und einer wuchtigen, wilden Landschaft abwechseln, sieht man in einem Albtraum Elis den sadistischen Vater, dem schließlich Charlie den Garaus machte. Revolverhelden mit grauenhafter Kindheit also.

Shootout Showdown: John Morris (Jake Gyllenhaal), die Sisters Brothers (Joaquin Phoenix und John C. Reilly) und Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Bild: © Polyfilm Verleih 2018

Dieser gebeutelten Familienbande stellt Audiard ein nicht minder als krisenhaft gezeigtes Paar gegenüber: Jake Gyllenhaal als melancholischer Schöngeist John Morris, auch er ein Sinnierer übers Dasein an sich und seines im Besonderen, der sich mit dem eigentlich auszuliefernden Hermann Kermit Warm in Diskussionen über die ideale Gesellschaft begibt. Will Warm doch mit dem zu erwartenden Gewinn eine basisdemokratische Enklave in Texas finanzieren.

Der britische Schauspieler Riz Ahmed, dessen Eltern aus Karatschi nach Großbritannien gekommen sind, verkörpert Warm, der „Fremde“ im Wortsinn ein warmherziger Mensch, dessen Vorstellungen eines sozialistisch geprägten Landes staunen machen. Eine sehr zeitgemäße Kapitalismuskritik, die Audiard noch verstärkt, als die Sisters Brothers am Claim von Warm und Morris eintreffen, und Charlie, von der Gier übermannt, die finale Katastrophe auslöst …

Jacques Audiards Charakterdrama mit komischen Einsprengseln (an dieser Stelle sei noch Rebecca Root als mörderische(r) Mogul in dem nach ihm/ihr benannten Kaff Mayfield erwähnt) und wunderbarem Dialogwitz ist das Beste, das dem Western seit Langem passiert ist. Hervorragend inszeniert und gespielt, in den ausgestellten Themen nahe am Heute. Dass es ausgerechnet der Utopist, der politische Visionär mit den gepflegten Umgangsformen ist, der mit seinem Beitrag zum Goldrausch das Gute will und dabei das Böse schafft, gibt einem zu denken. Der idealistische Vertreter eines Demokratieverständnisses, Gegner von im übertragenen Sinne Globalisierung und Konzerntyrannei, muss anno 2019 naturgemäß scheitern.

www.wildbunch-germany.de/movie/the-sisters-brothers

  1. 3. 2019

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Theater Phönix: Wir sind keine Barbaren!

Februar 9, 2015 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Philipp Löhle in Linz

Bild: Christian Herzenberger

Bild: Christian Herzenberger

Es beginnt idyllisch: Ein Chor besingt eine Gemeinschaft, in der das WIR großgeschrieben wird. WIR sind alle gleich, werden 82 Jahre alt und haben mindestens drei Hobbys. WIR sind in diesem Fall Barbara und Mario und deren neue Nachbarn Linda und Paul. Auch wenn das erste Kennenlernen mehr als holprig verläuft, finden die beiden Pärchen doch ausreichend gemeinsame Interessen – Flachbildschirme für die Männer, Yoga für die Frauen –, um eine höfliche Freundschaft zu pflegen. Doch was passiert, wenn das Fremde in Person eines mysteriösen Flüchtlings vor der eigenen Haustür steht? Als eines Nachts ein Fremder auftaucht, dem Barbara kurzerhand Asyl in ihrer Wohnung gewährt, ist es mit den Höflichkeiten vorbei.

Die neuen Nachbarn sind irritiert von der Hilfsbereitschaft und verunsichert von dem Fremden, dessen Name nicht sicher in Erfahrung gebracht werden kann: heißt er nun Bobo oder Klint? Der Fremde hat jedenfalls Schreckliches durchgemacht, was doch zu uneingeschränkter Hilfsbereitschaft verpflichten sollte. Oder stellt er eine Bedrohung dar? Eine exotische Verlockung? Der Fremde wird mehr und mehr zur Projektionsfläche der eigenen Sehnsüchte und Ängste. Da verschwinden plötzlich Barbara und der Mann, und die Welt der durchschnittlichen Wohlstandsbürger gerät vollends aus den Fugen …

Der preisgekrönte deutsche Dramatiker Philipp Löhle zählt zu den meistgespielten deutschen Theaterautoren. „Wir sind keine Barbaren!“ spielt mit viel schwarzem Humor, abgrundtief und bitterböse mit der Angst vor dem Fremden.

Mit: Didi Bruckmayr, Rebecca Döltl, David Fuchs, Felix Rank, Judith Richter.
Regie: Johannes Maile.

www.theater-phoenix.at

Wien, 9. 2. 2015

Phoenix

Dezember 2, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Christian Petzold inszeniert Nina Hoss

Nina Hoss Bild: © Stadtkino Filmverleih

Nina Hoss
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Regiestatement:

Der erste Drehtag von „Phoenix“: Ein Birkenwäldchen, ein Mann in Wehrmachtsuniform, Frauen in KZ-Kleidung. Als Vorlage hatte uns ein Bild der Shoa-Foundation gedient, in grobkörniger Farbe, eine Waldkreuzung in einem impressionistischen Morgenlicht – und erst auf den zweiten Blick darin der Tod, die Leichen im Gras. Schon beim Drehen haben wir gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Das Licht war gut, die Kadragen klar, das Bild schien uns auf präzise Art nachgestellt. Aber es ging nicht. Das Nachstellen des Schreckens, die Kinematographie in und um Auschwitz– als würden wir sagen: Jetzt ist es Zeit, jetzt fassen wir das alles als Erzählung zusammen, jetzt wird es eine Ordnung. Das Material vom ersten Drehtag haben wir weggeschmissen. Raul Hilberg hat geschrieben, dass sich der Terror der Nazis und der anhänglichen Bevölkerung im Grunde aus Techniken speiste, die lange bekannt waren. Das Neue, das waren die Vernichtungslager, die industrielle Vernichtung der Menschen. Für die alten Techniken gab es noch Literatur, Erzählungen, Gesänge. Für den Holocaust gibt es sie nicht mehr.
Ein Text, der uns in der Vorbereitung sehr beeindruckt hat, war „Ein Liebesversuch“ von Alexander Kluge. Die Geschichte spielt in Auschwitz, die Nazis schauen durch Beobachtungsschlitze einem Paar in einem geschlossenen Raum zu, das sich einmal leidenschaftlich geliebt hat, so steht es in den Akten. Die Naziärzte versuchen diese Liebe wieder zu erwecken. Das Paar soll miteinander schlafen. Es soll verifiziert werden, ob die Sterilisation der Frau erfolgreich war. Man versucht alles: Champagner, rotes Licht, das Abspritzen mit eiskaltem Wasser, so dass vielleicht das Wärmebedürfnis die beiden wieder zusammenführt. Aber es passiert nichts. Die beiden schauen sich nicht mehr an. Auf eine merkwürdige Weise gewinnt die Liebe durch das Scheitern der Nazi-Ärzte: Als eine, die einmal war und die von den Verbrecher n nicht mehr geweckt werden kann. Ich glaube, das ist der wichtigste Text für uns gewesen. Ist es möglich, über den tiefen, nihilistischen Riss, den die Nationalsozialisten in Deutschland vollzogen haben, zurückzuspringen und die Gefühle, die Liebe, die Barmherzigkeit, das Mitleid, überhaupt das Leben zu rekonstruieren? Nelly sieht nicht ein, dass keine Erzählung, kein Gesang, kein Gedicht, dass die Liebe nicht mehr möglich sein soll. Sie will die Zeit umkehren. Diese Menschen, die etwas nicht einsehen und dadurch widerständig und störrig sind, interessieren mich.
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Am 5. Dezember kommt „Phoenix“ von Christian Petzold, in der Hauptrolle SEINE Hauptdarstellerin Nina Hoss, in die Kinos. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die im Holocaust nicht zu Ende gestorben ist – und nun leben will. Juni 1945. Schwer verletzt, mit zerstörtem Gesicht wird die Auschwitz-Überlebende Nelly von Lene, Mitarbeiterin der Jewish Agency und Freundin aus lange vergangenen Vorkriegstagen, in die alte Heimat Berlin gebracht. Kaum genesen von der Gesichtsoperation, macht sich Nelly, allen Warnungen Lenes zum Trotz, auf die Suche nach Johnny (Ronald Zehrfeld), ihrer großen Liebe, ihrem Mann, der sie durch sein Festhalten an ihrer Ehe so lange vor der Verfolgung schützen konnte. Doch Johnny ist fest davon überzeugt, dass sie tot ist – und als Nelly ihn endlich aufspürt, erkennt er nur eine beunruhigende Ähnlichkeit mit seiner totgeglaubten Frau. Johnny macht ihr den Vorschlag, diese zu spielen, um sich das Erbe zu sichern, das die im Holocaust ermordete Familie Nellys hinterlassen hat. Nelly lässt sich darauf ein, hat aber einen anderen Plan. Sie wird ihre eigene Doppelgängerin. Sie möchte wissen, ob Johnny sie geliebt hat. Ob er sie verraten hat. Petzold erzählt vor dem Hintergrund der Trümmerjahre eine verdrehte Liebesgeschichte, die überraschend endet. Es geht um Scham, Verdrängung und die Moral einer Gesellschaft, die gar nicht „entnazifiziert“ werden möchte. Harmlose Sätze (vom erst kürzlich verstorbenen Co-Autor Harun Farocki) hallen entsetzlich nach. Die Nichtopfer leben bereits wieder in einer Realität, die es für die Opfer nie mehr geben wird. Nina Hoss verkörpert Nelly als „Gespenst“, mit fahrigen Gesten, ziellosem Blick. Nach ihrer „Vergangenheit“ fragt keiner. KZ? Gibt’s nicht! Nur, wenn am linken Unterarm ihr Ärmel verrutscht, wenden sich die Blicke ab. Da ist die Häftlingsnummer tätowiert … Ein starker Film, ein aufwühlendes Liebesdrama in den Tagen nach dem Naziterror. In weiteren Rollen: Nina Kunzendorf und Michael Maertens.

Nina Hoss und Christian Petzold über:

Druckkammer
Nina Hoss: Der Film wird im Kern wie ein Kammerspiel verhandelt, wovor ich großen Respekt hatte, weil man in der Arbeit sehr genau sein muss, in der Beziehungsarbeit auch dieser beiden Figuren. Für mich hat das Sinn gemacht, weil die beiden in der Kellerwohnung wie in einer Druckkammer sind.Und in einer Druckkammer werden die Dinge größer und auch beschleunigt. Nelly ist so fokussiert auf diesen einen Menschen, von dem sie glaubt, dass er ihr ihr Leben wieder zurückgeben kann, von dem sie das Gefühl hat, dass sie wegen ihm überlebt hat, dass sie sich an an diese Liebe klammert, dass sie nicht aufgeben will. In dem Moment, wenn sie wieder nach draußen kommt, kommt die Welt wieder in ihre Geschichte, sie muss aufwachen, und in diesem Moment öffnet sich auch derFilm.
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Berlin 1945
Hoss: Je mehr ich mich mit der Figur befasst habe, desto mehr wurde mir bewusst, dass es gar nicht so viele Berichte gibt, die direkt von der Zeit „danach“ handeln. Die Nelly kommt direkt aus einem Konzentrationslager, sie hat überlebt, sie wird gerettet: Wie ist das dann, wenn du noch direkt im Trauma steckst? In welchem Zustand befindest du dich da? Kannst du über die Erfahrungen überhaupt schon reden? Das war für mich ein entscheidender Punkt, in was für einem Zustand, wie nahe am Wahnsinn vielleicht auch meine Figur zu dem Zeitpunkt ist, wo wir sie kennenlernen. Im Lager wurde man „entmenschlicht“, alles, was einen Mensch sein ließ, wurde zu zerstören versucht. Wie kannst du dich dem wieder annähern, dem, was dich als Mensch ausgemacht hat? Darüber ist mir klar geworden, wieso Nelly an dieser fixen Idee von Johnny festhalten muss: Wenn er sie erkennt, dann lebt sie wieder. Für mich hat sich die Frage so gar nicht gestellt: Wieso erkennt der sie nicht? – weil sie sich selbst nicht erkennt. Wenn der Kern gebrochen ist, dann erkennt man sich nicht mehr. Das musste ich begreifen. Das war meine Hauptarbeit. Dass es um einen Menschen geht, der versucht sich zusammenzusetzen. Sie kommt von ganz weit weg, und sie greift nach allem, was sie nur kriegen kann, um zu verstehen, wer sie war und wer sie jetzt sein könnte. Sie sagt das auch zu Lene: „Johnny hat mich wieder zu Nelly gemacht. Ich bin manchmal ganz eifersüchtig auf mich, wie glücklich ich war.“ Sie spricht über sich selber in der dritten Person, wie von einem anderen Menschen, und trotzdem hat es etwas mit ihr zu tun, das ist sie ja auch gewesen, wo ist das denn hin?

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Wechselspiel
Christian Petzold: Wenn Nelly der Lene von ihrem Zusammensein mit Johnny erzählt, sagt sie: „Wirsind fast wie ein Liebespaar, das sich gerade erst kennenlernt.“ Und es gibt Momente, wo Johnnys Abwehrmechanismus brüchig wird: „Meine Frau ist tot. Diese Frau ist es nicht. Die ist einfach nur ein Modell. Ich baue das nur.“ Nelly schafft es aber durch Bewegungen und Erinnerungen, bei ihm an die verdrängten Bereiche zu rühren. Sie versucht, diese Liebe, die er verdrängt hat, wieder gegenwärtig zu machen. Und daraus kommt die ganze Spannung. Er versucht, die Vergegenwärtigung der Liebe zu verhindern, und sie versucht, sie wiederherzustellen. Das kehrt sich ja manchmal um, in dieser Kellerwohnung, sie wird ja nicht nur von ihm geführt und angezogen, sondern fängt an, selber die Fäden in die Hand zu bekommen. Das ist auf verquere Art und Weise wie ein Liebesspiel.
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Körper
Hoss: Ich denke, wenn man wie Nelly aus so einer Erfahrung kommt, aus dem Lager – und jetztauf eine Welt trifft, die ja überhaupt keine „heileWelt“ ist, die ja immer noch bedrohlich ist, die Menschen, die du triffst, die haben dir das vielleicht angetan: Ich denke, das spiegelt sich im Körper wieder. Man läuft erstmal wie so ein Nichts durch die Gegend, man weiß überhaupt nicht, wie man gehen soll. Und erst langsam, als sie die Schuhe aus Paris wieder bekommt, als sie sich erinnert und sogar Freude am Erinnern hat, als sie wieder spürt, was da einmal war, dass sie tatsächlich gelebt hat, gelacht hat, geschmeckt hat, geliebt hat – wenn die Erinnerung wieder zurückkommt, dann verändert sich auch der Körper. Ich habe versucht, der Nelly vorher etwas Kindliches, auch etwas Fahriges, Haltloses zu geben, so wie ihre Haare, da ist alles so grau und eigentlich nicht da …
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Gespenster
Petzold: Wenn Nelly sagt: „Ich kann doch nicht mit französischen Schuhen aus Paris in einem roten Kleid aus dem Lager zurückkehren“, dann erklärt ihr der Johnny ganz kalt: „Doch, sonst erkennen die dich nicht. Sonst schaut dich niemand an.“ Darin steckt etwas davon, was Jean Améry und andere Heimkehrer erzählen, dass sie wie ein Gespenst durch Deutschland gegangen sind, weil niemand sie angeschaut hat. Aber die Nelly soll ja angeschaut werden, es sollen ja alle sagen: Sie ist wieder da. Und aus diesem Glücksgefühl, dass sie zurück ist und dass sie unbeschadet ist, wird: „Es ist nicht passiert. Wir haben nichts Schlimmes gemacht.“ Diese Rechnung wird ihr immer klarer, und andererseits ist es eigentlich ihr Ziel, dass Johnny sie „rekonstruiert“. Es ist ihr Ziel, und andererseits ist das der Horror für sie: In dem Moment, in dem sie für die anderen rekonstruiert ist, ist all das, was sie erlebt hat, ausgelöscht. Das ist der Balance-Akt, in dem die Nelly von einem Zerreißmoment zum nächsten wankt.
Hoss: Das muss ein Schlag sein, den man sich, glaube ich, nicht vorstellen kann. Weil man natürlich denkt, dass man zurückkommt und zumindest gefragt wird. Das ist für mich eine Schlüsselstelle im Film, wenn Johnny sagt: „Dich wird keiner fragen!“ Ich wusste ehrlich gesagt nicht, wie ich diesen Moment spielen werde. Es sind ja eben noch keine 30 Jahre vergangen, seit Nelly das erlebt hat, sie konnte noch nicht lernen, damit umzugehen, psychologisch, therapeutisch, sondern sie ist mittendrin. Ich habe es dann als etwas genommen wie: „Habe ich das wirklich erlebt? Oder binich vollkommen aus der Welt gefallen? – Aber das war doch so!“ Deswegen das leichte Stammeln, der Moment, wo man denkt, jetzt dreht sie durch. Weil da soviel zusammenkommt in diesem Moment. Sie versucht zu reproduzieren, was sie gesehen hat, um Johnny näherzukommen, um ihm zu zeigen, so, das habe ich erlebt, ihr habt uns doch da hingeschickt, wollt ihr das nicht hören? Und wieder wird ihr erzählt: „Dich gibt es nicht.“
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Erkennen
Petzold: Der einzige, der Nelly nicht erkennt, ist Johnny. Und Nelly selbst: Sie hat etwas verloren, er hat etwas verraten. Am Ende sind sie in einem Bahnhofshotel. Draußen die Nacht. Nelly hat eine Pistole. Sie tritt an den Bahnsteig, dem Zug entgegen. Am Schneidetisch dachte ich, dass hier alle Möglichkeiten einer klassischen Liebestragödie versammelt sind: Der Selbstmord, der Mord aus Leidenschaft, die Versöhnung. Nelly trifft eine andere Entscheidung. Ein Plan, der ihr gehört, den wir nicht vorhersehen. Nelly beendet den Film. So stand es nicht im Buch. Oder vielleicht doch. Aber begriffen haben wir es erst, als wir es gedreht haben.

 

www.phoenix-der-film.de

Wien, 2. 12. 2014