The Show Must Go On! Love Never Dies online

April 26, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine phänomenale Phantom-Fortsetzung

Ben Lewis und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues; vergangenen Freitag war es „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39433), nun folgte dessen Fortsetzung „Love Never Dies“ aus dem Jahr 2012 und dem Regent Theatre im australischen Melbourne, das noch bis inklusive Sonntagabend online ausgestrahlt wird.

Das Jahr ist 1907, der Ort Coney Island, wo das Phantom als mysteriöser Mister Y einen Vergnügungspark namens „Phantasma“ betreibt. Bei ihm sind Madame Giry und ihre Tochter Meg, zweitere nun zum Tingeltangelstar avanciert, und Andrew Lloyd Webber führt seinen Protagonisten mit „’Til I Hear You Sing“

ein, der genialische Untergrund-Komponist immer noch der musikalischen Avantgarde verpflichtet, doch ohne seine nach wie vor heißgeliebte Christine bar jeder Stimme dafür. Und apropos, Liebe & Stimme: Wirklich warm wird man anfangs nicht mit dem Phantom von Ben Lewis, Ramin-Karimloo-verwöhnt erscheint einem Lewis Tenor erst zu hoch bei zu wenig Timbre. Doch der erste Eindruck täuscht, Ben Lewis wächst, je dramatischer der Plot, desto mehr in die Rolle – sein Spiel und sein Gesang steigern sich zu einer emotionalen Intensität, die nicht nur eingefleischten „Phans“ die Freudentränen in die Augen treiben wird.

Optisch ist die Inszenierung von Simon Phillips, hier von Brett Sullivan auf Film gebannt, atemberaubend. Designerin Gabriela Tylesova hat einen großartig gothic-grotesken Jahrmarkt auf die Bühne gestellt, ein Theater-auf-dem-Theater, das sich wie Meg im „Bathing Beauty“-Song um immer neue Schichten entblättert, das Highlight ein spektakuläres Kuriositätenkabinett voll lebender Kreaturen, die in den Katakomben, nicht unter der hehren Pariser Oper, sondern des halbseidenen Brooklyner Amüsierviertels hausen.

Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Das Phantasma des Mister Y. Bild: © Universal Pictures

Sharon Millerchip als Meg Giry. Bild: © Universal Pictures

Maria Mercedes als Madame Giry. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Mit hohem Tempo fährt die Kamera in diesen Monsterball der skurrilen Spukgestalten, Gaukler und Jongleure, mitten drin der große Bruder des Tschinellen-Affen, strotzt doch die ganze Produktion vor „Phantom“-Zitaten, vor allem auch musikalisch, die begnadeten Buffi Paul Tabone, Dean Vince und die kleinwüchsige Sängerin-Schauspielerin-Zirkusartistin Emma J. Hawkins als Conférencier-Trio – und die hinreißend das Tanzbein schwingende Sharon Millerchip als schwer ins Phantom verschautes und um dessen Aufmerksamkeit für ihre Kunst buhlendes „Ohlàlà -Girl“ Meg, Millerchip, die sich mit Lolita-Charme gegen die Kraft der Hauptstory ins Geschehen stemmt.

Da platzt ins Beinah-Idyll die Nachricht, Christine Daaé, nunmehr verheiratete Vicomtesse de Chagny und eine der berühmtesten Operndiven der Welt, komme nach New York, um für Oscar Hammerstein das neuerrichtete Manhattan Opera Hause zu eröffnen. Eine Zeitungsnotiz, die den Zorn der düsteren Schutzpatronin Madame Giry erregt, Maria Mercedes ganz Schmerzensfrau mit Kranzfrisur-Dornenkrone, die beim rächenden Gott schwört, zu viel für das von ihr vor Mob und Flammen gerettete Phantom geopfert zu haben, um den Mann noch einmal den Krallen der Teufelin Christine zu überlassen.

Wunderbar wundersam singt Maria Mercedes ihren Part, und wunderbar ist auch, dass Webber nicht auf einen Schurken fokussiert. Wer die wahre schwarze Krähe in „Love Never Dies“ ist, wird im Laufe der Handlung noch enttarnt … Alldieweil steigt Christine im Hafen vom Schiff, Anna O’Byrne mit Simon Gleeson als Raoul und dem hochtalentierten Jack Lyall als Sohn Gustave. Raoul ist mit den Jahren nicht sympathischer geworden, sondern ein besitzergreifender Spieler, selbstgerecht und dem Whiskey zugeneigt, der Christines Gage an den internationalen Roulette-Tischen verliert.

Zu Donnerschlägen und „Angel of Music“-Anklängen entführt ebendieser seine ehemalige Muse, halb zog er sie, halb sank sie hin, in seine Arme nämlich, Christine scheint längst bereut zu haben, dass sie gutes Aussehen vor Genie den Vorzug gab. Es folgt mit „Beneath a Moonless Sky“ logischerweise ein Liebesduett, und da das Phantom endlich seine Gummilippen losgeworden und zum Kuss bereit ist, macht man sich nach einer Stunde Spielzeit ernsthafte Happy-End-Hoffnungen.

Paul Tabone und Dean Vince. Bild: © Universal Pictures

Ben Lewis mit Jack Lyall als Gustave. Bild: © Universal Pictures

Emma J. Hawkins als Fleck. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“, im Ronacher nur einmal 2012 und konzertant aufgeführt, hätte zweifellos auch in Wien das Zeug zum Klassenschlager. Mit um nichts weniger potenziellen Hits gesegnet als Teil I, besticht das Musical durch seinen sophisticated Style, der anspruchsvolle, opernhafte Arien mit bewährten Rock-Elementen des weiland „Jesus Christ Superstar“-Schöpfers verbindet, Hochdramatisches mit Unterhaltsamem, und möchte man sagen, das „Phantom“ parodiere die Kriegserklärung der Neuen Musik ans Klassische, so wird wohl diesmal der Zwist U gegen E ausgetragen.

Auch die Charaktere schillern in mehr Schattierungen als im Gut-vs-Böse-Original. Anna O’Byrnes Chistine hat das Leben das Mädchenhafte zwar nicht aus dem Antlitz, jedoch aus der Seele getrieben, ihre Existenz an der Seite Raouls ist gekennzeichnet als ständiger Balanceakt, seine Gereiztheit nicht herauszufordern. Dass O’Byrne zu ihren alabastrigen Good Lucks auch einen glockenhellen, in der Höhe sicheren Sopran mitbringt, ist ein weiteres Positivum.

Das Ereignis der Aufführung ist aber Simon Gleeson, dessen Raoul gewaltige Wandel durchläuft, vom Widerling zum Selbstzweifler, der in „Why Does She Love Me?“ von seiner eigenen Unzulänglichkeit gepeinigt wird, in Akt zwei dann ein typisch männlicher Minderwertigkeitskomplexler, der zum Man-summt-ihn-noch-tagelang-Ohrwurm „Devil Take the Hindmost“ mit dem als „Zirkusfreak“ verspotteten Phantom eine Wette um Christines Gunst eingeht – bis er zum Ende und in der Erkenntnis, dass die beiden mehr verbindet, schließlich bereit ist, sie für den Rivalen freizugeben. Das alles von Gleeson mit einer Leidenschaft und Subtilität verkörpert und gesungen, die seine unglückliche ménage à trois mit Christine und dem Phantom erst mit Elektrizität auflädt.

An anderer Stelle wiederum stellt Gleeson seinen Sinn für Sarkasmus unter Beweis, das Wiedersehensunfreudequartett „Dear Old Friend“ von Meg Giry, Madame Giry, Christine Daaé und Raoul ist diesbezüglich vom Feinsten. Den über allem schwebenden Reiz der auf Vintage getrimmten Show macht allerdings der Jubel und Trubel aus, der mit verschwenderischer Pracht längst vergangene Theatertage beschwört, ein Echo von Sentiment und Melodram, wie dereinst in der goldenen Musical-Ära eines Oscar Hammerstein II – seines Zeichens Enkel des oben erwähnten Opernimpresarios.

Simon Gleeson als Raoul. Bild: © Universal Pictures

O’Byrne, Mercedes, Gleeson. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Jack Lyall. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“ treibt die Tragödie auf die Spitze. In einer Kakophonie aus Licht und Ton lassen Webber und Regisseur Phillips das Phantom und Gustave aufeinandertreffen, der Wunderknabe hat nicht nur gleich dem Phantom Musik im Kopf, die er sofort auf Klaviertasten übertragen muss, er sieht bei diesem auch „The Beauty Underneath“, allein dieses Duett ist das Anschauen wert!, sodass augenfällig wird, dass die zwei mehr als nur eine Seelenverwandtschaft verbindet. Wann auch immer Christine und das Phantom Sex gehabt haben sollen. Die singt nun unterm Pfauenfächer endlich das titelgebende „Love Never Dies“, euphorisiert von der Schönheit der Musik, in der sie, wie sie dem Phantom gesteht, ihre innere wiedergefunden habe.

Doch zum Grande Finale folgt Plot-Twist auf Plot-Twist, der Strudel von Verlagen und Eifersucht dreht sich immer schneller, rohe Gewalt bricht sich Bahn, erneut eine wilde Kamerafahrt durch „Phantasma“, spannend, wer diesmal als Man In The Mirror zurückbleiben wird, und wieder endet’s bei Nacht und Nebel mit Wahnsinn und Wasser. Und wenn sie nicht gestorben sind … schreibt Andrew Lloyd Webber vielleicht noch ein bittersüßes Sequel über der Musical-Welt liebsten Anti-Helden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SdPrrMsUH48

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=eXP7ynpk1NY          www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag           www.loveneverdies.com          www.andrewlloydwebber.com

  1. 4. 2020

Art Carnuntum: The Merchant of Venice

Juni 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geschichte über Geld machen und Gewinnsucht

Shylock will sein Pfund Fleisch: Sarah Finigan, Russell Layton, Rhianna McGreevy, Jacqueline Phillips, Luke Brady und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

Im Programmheft-Interview sagt Regisseur Brendan O’Hea, „Der Kaufmann von Venedig“ sei für ihn kein antisemitisches Stück, sondern ein Stück über Antisemitismus. Das ist spannend anzuschauen, ist Shakespeares Werk im deutschsprachigen Raum doch ein extrem vorbelasteter Text, über den sich Theatermacher höchst selten und wenn mit Samthandschuhen heranwagen.

Nicht so die Londoner. Shakespeare’s Globe ist nach einer Direktorinnenwechsel-bedingten Pause zurück bei Art Carnuntum und zeigt als erste von drei Produktionen, dass man den Shylock auch Ideologie-unbelastet präsentieren kann. Zumal dieser hier von einer Frau gespielt wird. „The Merchant of Venice“ von der Themse entpuppt sich ergo als – wie immer – hochmusikalisches Volkstheater, die Bühne nicht viel mehr als eine „Bretterbude“, und wohl noch nie hat man das Kaufleutegerangel in der Lagunenstadt so humorvoll umgesetzt gesehen. Geschlecht, Alter und Hautfarbe spielen im Ensemble, das in jeweils mehrere Rollen schlüpft, wie man’s kennt, keine Rolle. Sarah Finigan ist als Shylock kein Sympathieträger, auch kein Opfer, aber ein von der Gesellschaft Gedemütigter, der beschließt, seine Rache voll auszuleben. So wird der Schuldschein zur Sache zwischen zwei Männern, Russell Layton brilliert als Antonio, und kaum jemals wurde in einer deutschsprachigen Inszenierung klar, dass er der im Titel angesprochene „Kaufmann von Venedig“ ist.

Jessica und Lorenzo: Cynthia Emeagi und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

Wie immer ist die Inszenierung hochmusikalisch: Rhianna McGreevy, Russell Layton, Sarah Finigan, Canthia Emeagi, Colm Gormley und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

In O’Heas Regie wird aus dem ernsten Stoff eine Liebeskomödie mit getäuschten Altvorderen, wunderbar etwa wie Steffan Cennydd als Prince of Arragon ein „Ausländer“-Englisch persifliert, wird aus Shylock eine Figur, ein reicher Geizhals, der mehr ums Geld denn um seine – in seinen Augen – entehrte Tochter weint. Das Thema ist Geld machen und Gewinn-/sucht, das passt (noch) zur Finanzstadt London, deren Topographie sich nach dem Brexit wohl drastisch verändern wird. Darüber hinaus setzt O’Hea auf Frauenpower, den Parts von Portia und Nerissa, dargestellt von Jacqueline Phillips und Rhianna McGreevy, und ihrer Intrige als „Advokat“ Balthasar und dessen Gehilfen, wird mehr Platz eingeräumt als hierzulande üblich.

Cynthia Emeagi gibt eine ziemlich emanzipierte, keinesfalls entführte, sondern aus freien Stücken gegangene Jessica, Steffan Cennydd in seiner „Hauptrolle“ einen liebestrunkenen Lorenzo. Luke Brady ist ein ehrenwerter Bassanio, Colm Gormley ein unter dem Pantoffel seiner frischangetrauten Nerissa stehender Gratiano. Am Ende geht’s um Gnade, die „vom Himmel tropft wie Regen“ und „in den Herzen von Königen wohnt“. Einem Kind Österreichs fällt auf, dass Shylock die Szene mit einem wie bei den NS-Deportationen genehmigten kleinen Koffer verlässt.

Offenbar nehmen die Briten das also doch wahr.

www.artcarnuntum.at

  1. 6. 2018

Art Carnuntum: Much Ado About Nothing

Juli 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare’s Globe Theatre spielte sich

wieder einmal in die Herzen der Zuschauer

Bild: Bronwen Sharp

Bild: Bronwen Sharp

Sie packten natürlich gleich ihre Instrumente aus. Gitarre und Akkordeon, Melodicas, Trommeln, Tamburine und eine Posaune. Die Schauspieler des Londoner Shakespeare’s Globe Theatre können alles. Musizieren, singen, tanzen, spielen – und wie! – und: unterhalten. Dieses Jahr waren sie mit der Komödie „Much Ado About Nothing“ (Viel Lärm um nichts) in der Regie von Max Webster bei Art Carnuntum im römischen Amphitheater zu Gast. Ein freudvoller, vergnüglicher Abend, bei dem manche Dame aus dem Publikum die Pirouetten mitdrehen, nein, nicht musste, sondern durfte. Die Gentlemen sind charmant. Und immer höflich. Shakespeare at its best das machen die Briten mit nicht viel mehr als einer Pawlatschen als Bühne, einer Wäscheleine und ein paar Klappstühlen. Der britische Barde hätte wahrscheinlich sogar noch diese Requisiten auf Taferln schreiben lassen.

Die Handlung von „Much Ado About Nothing“ ist mehr als nur ein bissl verzwickt. Hier ein Versuch: Don Pedro, Prinz von Aragon (Jim Kitson) macht auf dem Rückweg von einem Krieg Station beim noblen Leonato (Robert Pickavance, der als Gastgeber erst das Publikum entzückend auf Deutsch willkommen heißt). Im Gefolge von Don Pedro sind der ewige Junggeselle Benedick (Simon Bubb), der jugendlich hitzige Claudio (Sam Phillips) und Don Pedros Bruder, der gerade erst in Gnaden wieder aufgenommene, bösartige Don John (Chris Starkie, so sinsiter in seiner Erscheinung, dass man ihn gleich beim ersten Monolog als den Schurken im Stück entlarvt). In Leonatos Haushalt leben seine Tochter Hero (Gemma Lawrence) und seine Nichte Beatrice (Emma Pallant). Es folgt, was folgen muss: Liebe und Intrige. Davon zwei gute und eine garstige. Claudio will Hero freien. Don John plant mithilfe seines Gefolgsmannes Borachio (Joy Richardson, die auch eine hinreißende Margaret und ein bestimmter Friar Francis ist), die Hochzeit zu durchkreuzen. Borachio muss an Heros Fenster eine Liebesszene vollziehen, so dass man denken muss, sie sei ein Flittchen. Die üble Tat wird aufgedeckt, Hero vom Friar als vor Gram verstorben ausgegeben, damit alle Männer, die so leicht an ihre Leichtlebigkeit glaubten, bestraft werden. In der Zwischenzeit fetzen sich Benedick und Beatrice, so dass die Edelmänner beschließen, die beiden durch hier und da hingeworfene Worte gegenseitiger Liebe zu einem Paar zu machen. All’s Well That Ends Well. Sozusagen.

Die Darsteller sind allesamt herausragende Komödianten. Brilliantly witty. An ihrer Spitze Simon Bubb, in einer Szene Berufszyniker, in einer anderen glaubhaft mit Tränen in den Augen ob Heros Schicksal. Chaplinesk die Slapsticksequenz, in der er mit dem Aufstellen eines Klappstuhls kämpft, ein schrulliges Kabinettstück, wie er sich während einer ihm zuwideren Musikeinlage beim Maskenball versucht, die Ohren zuzustopfen – und trotzdem zuhören muss, weil ja von Beatrices Hingezogenheit zu ihm berichtet wird. Diese, Emma Pallant, steht ihrem Angedachten in nichts nach. Mit spitzer, schriller Zunge trägt sie den Sprachbattle aus, bis es zum ersten Kuss kommt. Claudio und Hero als ersthaftes Gegenpaar changieren zwischen süß verliebt, was ihm das Wort kostet und ihr rote Wangen malt, zu verzweifelt in ihrem Zerwürfnis. Endlich einmal ein Claudio mit Temperament, kein blasser Jüngling, der sich in „Verrat“ suhlt. Ein Highlight auch Robert Pickavance, der (alle verkörpern ja mehrere Charaktere) als weißbärtige Kammerzofe Ursula die Lacher sicher auf seiner Seite hat. Ebenso großartig die Szene, in der der Adel (Kitson, Bubb, Pallant, Phillips …) sich in die dümmliche Nachtwache verwandeln. Der „Fürst“ ein Stotterer, die Edlen Idioten – und ein weiterer großer Auftritt von Sam Phillips, der als First Watchman in schlimmstem Slang irgendwas erzählt, das keiner versteht – außer, dass die Verbrecher dingfest gemacht sind.

Ach, man könnte so weiter und weiter schreiben. Oder einfach: Until Next Year! Cheers!

TIPP: Mastermind Piero Bordin ist  ein weiterer Coup gelungen: Erstmals ist auch polnisches Theater bei Art Carnuntum zu Gast. Das Chorea Teatr Lodz unter der Leitung von Tomasz Rodowicz beschäftigt sich seit Jahren mit der griechischen Tragödie und zeigt bei vielen Festivals seine avantgardistischen, gleichzeitig authentischen Inszenierungen der klassischen Dramen. Im Amphitheater ist am 19. Juli Euripides “Bacchantinnen” in polnischer Sprache zu sehen. Die Aufführung ist im ersten Teil tänzerisch, im zweiten eine Impression der Chorforschung über die griechische Antike – was insgesamt einen archaischen, mythisch-mystischen Abend ergibt.

www.artcarnuntum.at

Trailer “Bacchantinnen”: www.youtube.com/watch?v=b_pr8PbAa4E&list=UUp4Y75CzWyqG8iPjTm3ZeWg

Tom Hanks ist „Captain Phillips“

November 28, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Piraten gekapert

Bild: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

Bild: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

Sie gelten bereits als Oscar-Favoriten. Regisseur Paul Greengrass und sein Film „Captain Phillips“ und Hauptdarsteller Tom Hanks. Die Academy würde dem Charaktermimen damit den dritten Goldjungen verleihen. Oder sie kann sich einen anderen Blickwinkel gönnen und die Leistung eines jungen Darsteller in seiner allerersten Rolle ins Auge fassen: Barkhad Abdi alias „Piratenanführer Muse“. Piraten – da denkt man an Karibik und Jack Sparrow und Freibeuterromantik. Die Angriffe auf Schiffe vor der somalischen Küste haben damit nichts zu tun. Diese Piraten sind verzweifelt, ergo gewaltbereit, abhängig von lokalen Warlords; wegen gnadenloser internationaler Fischerei in ihren Heimatgewässern sehen sie in der Freibeuterei ihre einzige Chance. „Captain Phillips“ erzählt eine wahre Begebenheit. Am 8. April 2009 wurde Kapitän Richard Phillips auf seinem Containerschiff  „Maersk Alabama“ geentert. Er transportierte Lebensmittel für das UN-Welternährungsprogramm. Er brachte seine Mannschaft in Sicherheit. Er verarbeitete die Erinnerungen an seine Gefangennahme und die Todesdrohungen im Buch „Höllentage auf See“ (Heyne Verlag). Die Grundlage für Greengrass‘ Film.

Der sich jeder Eindimensionalität verschließt. Schon die Eingangssequenz erzählt die Geschichte zweier Welten – in einem staubigen afrikanischen Küstendorf werden vier Halberwachsene von Schlägertypen gezwungen „Geld zu machen“; Phillips verabschiedet sich im malerischen Vermont von seiner Frau -, später, wenn Erste und Dritte Welt kollidieren, wird es ein Überlebenskampf für alle werden. Die US-Marine macht sich auf den Weg … Eine ausweglose Pattsituation, vom Briten Greengrass gleichzeitig als Thriller und Porträt, als Infight zweier Männer aufgelöst. Tom Hanks zeigt seine beste Leistung seit „Road to Perdition“. Als Durchschnittssympathler ohne Bock auf Heldentum. Als einer, der stoisch versucht, den Durchblick zu bewahren – und doch vor Angst vergeht. Sorgenvoll, aber komptent, als er die über das Wasser fliegenden Nussschalen sieht, ein selbstmörderisches Kommando, das vor Mord nicht zurückschrecken wird. Hanks hat sich in der Vorbereitung auf die Rolle mit Richard Phillips getroffen. „Was mich an ihm am meisten erstaunte“, so der Leinwandstar, „war seine unerschütterliche Hingabe an die See. Nach allem, was ihm passiert war, war er immer noch ein Mann, der einfach seinen Job erledigt, weil ihn einer erledigen muss. Ohne groß nachzugrübeln: Warum ich? Ich wusste gleich, dass diese Charaktereigenschaft herauszuarbeiten wichtig für die Figur war, denn niemand, der’s nicht erlebt hat, kann sich vorstellen, was es heißt, eine Geisel zu sein.“

Als Hanks‘ Gegenspieler wollte Greengras, der wie stets auf den dokumentarischen Stil setzt, auf Handkameras und Stakkato-Schnitt wegen der „Authentizität“, somalische Schauspieler. Nur: Die gibt es nicht. So castete man in der größten somali-amerikanischen Gemeinde in Minneapolis, Minnesota. Und fand neben drei weiteren Talenten Barkhad Abdi für die Rolle des Muse. Geboren im Mogadischu und aufgewachsen im Jemen kam er mit seiner Familie 1999 in die USA, damals 14 Jahre alt, heute ein sehr schlanker Schlacks. Erbärmlich dürr im Vergleich zu den Marines-Muskelpaketen. Die Situation der somalischen Piraten nachvollziehbar zu machen, war ihm ein persönliches Anliegen: „Ich habe immer noch Familie dort“, so Abdi. Und weiter: „Ich möchte Piraterie nicht entschuldigen, aber ich glaube, dass Muse ein anderes Leben gelebt hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, ein Fischer zu bleiben. So aber wurde er aufgrund globaler Umstände zu einem Fusssoldaten in einem Krieg, den ER ganz sicher nicht gewinnen kann. Das muss man den Leuten auch einmal erzählen.“

Und das tut Greengras. Schlicht, ohne moralischen Zeigefinger, ohne Pseudopsychologie. Statt dessen vielschichtig, aufrichtig  und spannend.

www.captain-phillips.de

www.captainphillipsmovie.com/site/

Wien, 28. 11. 2013