Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

Akademietheater: Zu der Zeit der Königinmutter

Februar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vorhänge zu und alle Fragen offen

Der Fremde wird konfrontiert mit Feindseligkeit: Elena Todorova, Patrick Dunst, Markus Hering, Mirco Kreibich, Christian Pollheimer, Simon Jensen und Sven Dolinski. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Nein, dass sich einem dieser Abend erschließt, kann man wahrlich nicht behaupten. Soll er mutmaßlich auch nicht. Denn Autor Fiston Mwanza Mujila, 1981 in der Demokratischen Republik Kongo geboren, seit zehn Jahren in Graz lebend und mit seinem Debütroman „Tram 83“ gleich auf der Longlist für den Man Booker International Prize gelandet, versteht sich als Poet, dessen Sache nichts weniger ist, als Wirklichkeit abzubilden. „Aus Chaos entstehen Texte“, ist sein Ausspruch dazu.

Mit seiner Mythensammlung „Zu der Zeit der Königinmutter“, gestern von Regisseur Philipp Hauß am Akademietheater zur Uraufführung gebracht, hat er Neues versucht. Zunächst einmal, erstmals auf Deutsch zu schreiben. Und das merkt man dem Stück, das keines ist, das keinen Plot hat, kein klar zu fassendes Thema umreißt, durchaus an. Mwanza Mujila, der gerne Saxophonist geworden wäre, komponiert seine Schriften im Jazzflow, liest er sie selbst, tut er das lachend, schreiend, singend, und so war’s ihm wohl diesmal darum getan, den Klang seiner nunmehr sechsten Sprache auszukosten. Tatsächlich erinnert seine Arbeit mit ihren sich steigernden Assoziationsketten, den prallen Bildern und dem dichten Rhythmus auch an die explosive Vielfarbigkeit der Gemälde eines Bona Mangangu. „Zu der Zeit der Königinmutter“ ist ein Text mit wenig Angeboten fürs Theater. Dafür entschädigen die zahlreichen Geschichten, von afrikanischen bis biblischen, die man erzählt bekommt.

Dies von einem hervorragenden Ensemble, allen voran die wunderbare Gertraud Jesserer, allesamt virtuose Sprachspieler, die durch ihre Intonation das weitgehende Fehlen von Interaktion vergessen machen. Schauplatz ist, wie schon in „Tram 83“, ein Schankraum, die New-Jersey-Bar, von der Minimalistin unter den Bühnenbildnern, Katrin Brack, einzig durch als Vorhänge eingesetzte bunte Stoffbahnen gestaltet, ein Zufluchtsort für Gestrandete, ein zwielichtiges Völkchen, das in Raum und Zeit festzustecken scheint. Sven Dolinski und Simon Jensen changieren als Mannfrauwesen zwischen Prostituierten und Sapeurs, ihre pastelligen Teddyplüschmäntel konterkariert die Band, Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Elena Todorova, mit Black-Sabbath-Akkorden. Hauß‘ Humor ist unbedingt ein surrealer.

Gertraud Jesserer erzählt vom gewaltsamen Tod der Königinmutter; hinten: Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Simon Jensen. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Mirco Kreibich erzählt vom schrecklichen Schicksal des Lehmjungen Solo. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Markus Hering könnte man mit Fatsuit und fettigen Haarsträhnen als ekligen Wirt interpretieren, so wie eben alles der Interpretation des Betrachters überlassen ist. Auftritt mit Mirco Kreibich ein Fremder, makellos gekleidet, herummäkelnd am Bier und an den sanitären Anlagen – und kurz riecht es nach Streit. Die meiste Zeit aber tauscht man sich über Legenden aus. Die von Jakob, der zu Mamba Muntu, der menschenfressenden Schlange, wurde, die vom König, der nicht schlafen konnte, die vom Lehmjungen Solo, der sich entgegen der Warnungen seiner Eltern dem Regen aussetzt und auf schreckliche, schmerzhafte Weise zerfließt.

Und wenn da gesagt wird: „Solo konnte nicht einmal jammern, weil er kein Gesicht, keinen Mund und keine Nase mehr besaß. Ein großes Loch in der Mitte seines Gesichts … Er konnte weder sehen noch schreien. Sein Kopf war halb matschig, halb zerstört … Sein Körper knackte“, kann man schwer umhin, nicht an die Geschichte des Kongo zu denken, Gewalt und Folter und systematische Säuberungen von Leopold II. bis Mobutu – in dessen Kleptokratie Fiston Mwanza Mujila ja noch zur Welt kam. „Der Hass hat einen Bauch und zwei Füße“, heißt es an einer Stelle.

Doch Mwanza Mujila definiert nicht näher, was er mit diesen Passagen, manche wie Glaubenssätze, manche die Fragwürdigkeit von Heimat und Herkunft ausstellend, manche über Goldminen und gierige Männer, meint. Einmal sagt Markus Hering: „Ich übernehme die Verantwortung für den Kolonialismus und die Sklaverei“, und wird wegen „billiger Philosophie“ gescholten, einmal verortet Mwanza Mujila ein Ereignis: Der immer wieder beschworene „Fluch von 1976“ kann als das erste bekannte Ausbrechen des Ebola-Virus in Yambuku gedeutet werden. Mehr durchdekliniert wird an diesem suggestiv-kakophonischen Gedicht nicht, Philipp Hauß, er ebenfalls ein Musiker, er spielt die Geige, hat all seine inszenatorische Energie in die Schauspielerführung und ins Atmosphärische investiert und auf das Dechiffrieren von Codes verzichtet. Man selbst hat vielleicht zu viel und zu erhitzt Jean Ziegler und Emmanuel Mbolela gelesen und Milo Rau gesehen.

Auch getanzt wird in der Bar: Patrick Dunst, Mirco Kreibich, Simon Jensen, Markus Hering, Sven Dolinski, Komparsen-Bär und Gertraud Jesserer. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Am Ende – die Jesserer. Die bis dahin meist stumm das Tun der anderen verfolgte. Nun aber erzählt „die kleine Gertraud“, woran sie sich vom Ende der Königinmutter erinnern kann. Die die Menschen bei sich aufnahm, ihnen Nahrung und Kleidung gab – und als Prophetin ihren Tod vorhersah, ihr Sterben durch ein Messer. Allein das dunkel raunende Timbre ihrer Stimme lässt einen nicht mehr denken, Mwanza Mujilas Partitur weiteren Analyse- unternehmungen zu unterziehen.

So bleiben, um einen Großen zu paraphrasieren, Bracks Vorhänge zu und alle Fragen offen.

www.burgtheater.at

  1. 2. 2018

Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: Jedermann Reloaded

Dezember 11, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der reiche Schwelger rockt sich zu Tode

Von der Bühne vor die Kamera: Nach erfolgreich absolviertem Konzert im Stephansdom, wo sein Auftritt mit „Jedermann Reloaded“ beinah 70.000 Euro für ein Aids-Hospiz in Südafrika einbrachte, dreht Philipp Hochmair nun wieder einen Film. In Wien. Seit Anfang Dezember spielt er in der Regie von Peter Payer den Artur in „Glück gehabt“. Payers Drehbuch entstand nach dem Roman „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian, Ende 2019 soll die schwarze Komödie in die Kinos kommen.

Den nächsten Auftritt mit seiner Band Die Elektrohand Gottes, Gitarrist Tobias Herzz Hallbauer, Elektroklangkünstler Jörg Schittkowski und Schlagwerker Alvin Weber, hat Hochmair auch schon geplant – für den 14. März am Burgtheater.

Bis dahin können sich Fans am frisch erschienenen Album „Jedermann Reloaded“ erfreuen. Nach fünf Jahren Beschäftigung mit dem Projekt, das damals als Bühnensolo am Hamburger Thalia Theater begann, hebt Hochmair sein Experiment auf die nächste Ebene. Intimer, musikalisch subtiler, die Sprache intensiver als bei der bekannten Live-Performance, ist diese Aufnahme geworden. Hochmair öffnet den Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, das schafft eine neue Nähe zum Hoffmannsthal’schen Text.

Und wieder ist Hochmairs Jedermann alle. Die Mutter, der Mammon, der Gute Gesell und der Teufel. Der reiche Mann hält Zwiesprache mit zwei Mikrofonen, treibende Gitarrenriffs und die erprobt jaulenden Elektrosounds jagen den Ruhelosen vor sich her, diverse Klänge im Zwischenraum von Hans Werner Henze und Heavy Metal, wie Die Presse einmal schrieb. Die Stimmung kippt vom Exzentrischen ins Albtraumhafte, bis zum Ende der vierzehn Tracks die Musik fast zum Choral wird. Wenn sich der Sünder endlich mit seinem Gott versöhnt.

„Jedermann Reloaded“ geht einem als Studio-Album nicht weniger unter die Haut, denn als wuchtiges Sprachklangtheater. Alldieweil befassen sich Hochmair und Band schon mit ihrem nächsten Coup, dem „Schiller-Balladen-Rave“.

Elektrohand Records, Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: „Jedermann Reloaded“, Rock, erhältlich als CD oder LP.

Philipp Hochmair im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30729

www.philipphochmair.com          www.elektrohand.com          www.hoanzl.at

  1. 12. 2018

Philipp Hochmair: „Jedermann Reloaded“, das Album

November 25, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin ein Glückskind“

Philipp Hochmair macht den „Jedermann“. Bild: © Rafalea Proell

Philipp Hochmair ist „Jedermann“. In einem leidenschaftlichen Kraftakt schlüpft er in alle Rollen und macht Hugo von Hofmannsthals Stück zu einem vielstimmigen Monolog. Sein Jedermann ist ein Rockstar. Getrieben von Gitarrenriffs und den experimentellen Sounds der Band „Die Elektrohand Gottes“ verwandelt Hochmair das hundert Jahre alte Mysterienspiel in ein apokalyptisches Sprechkonzert.

Die langjährige intensive Beschäftigung mit dem Originaltext ermöglichte es dem Schauspieler im Sommer 2018 quasi über Nacht für den erkrankten Tobias Moretti einzuspringen und – von Presse und Publikum bejubelt – bei den Salzburger Festspielen die Rolle auf dem Domplatz zu übernehmen. Hochmair begann sein Jedermann-Experiment 2013, seither entwickelt er die Performance als Work in Progress weiter. Das Studioalbum „Jedermann Reloaded“ ist nach fünf Jahren Tourerfahrung schließlich ein weiterer Schritt. Der Blick kehrt sich nach innen, die Reise führt in Jedermanns Kopf. Album-Release ist am 29. November im Burgtheater, tags darauf gibt es eine Benefizvorstellung im Stephansdom. Philipp Hochmair im Gespräch über seinen Jedermann, die „Vorstadtweiber“ und „Blind ermittelt“:

MM: Warum ist von all Ihren Arbeiten gerade der „Jedermann“ zum Lebensthema geworden?

Philipp Hochmair: Weil es eben ums Leben geht, und um die Hauptfrage, ob man richtig gelebt hat. Die sollte man sich in der Mitte des Lebens stellen, und darum ist in der Mitte meines Lebens auch dieses Stück auf mich zugekommen, mit einer Macht und einer Pracht, die man sich gar nicht vorstellen kann. Ich finde den Text mit den Themen, die er so essentiell anspricht, auch total zeitgemäß. Mir gefällt, wie der Jedermann erkennt, dass er einen falschen Weg gegangen ist, dass er eine Entwicklung durchmacht, die für ihn doch noch positiv endet. Das auszusagen scheint mir wichtig in einer Zeit, in der sich alles um Werte dreht, in der man sich an Sicherheit und Kapital und Versicherungen klammert, und ausklammert, dass man endlich und schwer verletzlich ist. Für mich ist „Jedermann“ das Stück der Stunde.

MM: Dabei war Ihre erste „Jedermann“-Erfahrung gar nicht so positiv.

Hochmair: Damals, noch vor der Schauspielschule, bin ich noch auf der Zuschauertribüne auf dem Domplatz gesessen, und was ich gesehen habe, war für mich als Spartenfremdem unbefriedigend. Ich habe mich einfach nur gewundert, was das sein soll. Das hat mich beschäftigt und mich umgetrieben, und dazu geführt, zu sagen, ich finde meine eigene Form. Diese Recherche endet fürs Erste im Album „Jedermann Reloaded“, das ist der aktuelle Zwischenstand einer langen Suche, die vor fünf Jahren mit dem Bühnenprogramm begonnen hat.

MM:  Und wie war’s vergangenen Sommer selber als Jedermann auf dem Domplatz zu stehen, in Vertretung des erkrankten Tobias Moretti?

Hochmair: Wahnsinn. Wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre, würde ich sagen, das war ein ganz tolles Erlebnis.

MM: Aber ist es nicht seltsam in eine bestehende Inszenierung einzusteigen?

Hochmair: Im Gegenteil, es wäre für mich viel anstrengender gewesen, langwierig zu proben. Aber so ist mir das wie durch ein Wunder erspart geblieben. Ich hätte nicht die Zeit gehabt, für drei Monate fast durchgehend in Salzburg zu sein, dazu hatte ich in diesem Jahr zu viele andere Projekte, habe auch gleichzeitig in Hamburg einen Film gedreht … Also war’s einfach ein Einsteigen und Auftreten und aus.

MM: Nun also zum Album: Was ist daran die Weiterentwicklung Ihrer Beschäftigung mit dem „Jedermann“? Was ist anders, was ist neu?

Hochmair: Dieses Album eröffnet einen Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, und das hat eine andere Intimität, eröffnet eine andere Nähe zu dieser Literatur.

MM: Ich hatte beim Anhören den Eindruck, es ist musikalisch subtiler als auf der Bühne, und die Sprache intensiver und in der Betonung ausgefeilter.

Hochmair: Genau, weil das Ganze aus einer Ruhe geboren ist. Wir hatten alle Zeit der Welt, haben am Sound, am richtigen Ton gefeilt, wohingegen man auf der Bühne getrieben ist, den Raum zu füllen, die Zuschauer mitzureißen, da agiert man ganz anders. Es nun einmal so „aufzuführen“, war eine dazu vollkommen konträre Erfahrung. Ich bin froh, dass es uns gelungen ist, nach fünf Jahren das Projekt einmal ganz genau zu definieren, auf der Bühne ist viel Improvisation und Reagieren auf den Raum. Jetzt haben wir einen klaren Klang für die von uns gewünschte Stimmung.

MM: Wäre ein Live-Album nicht die logischere Fortsetzung gewesen? Hatten Sie keine Bedenken, dass es ohne die Opulenz und Dekadenz der Auftrittsorte nicht geht?

Hochmair: Ein Live-Album könnte man jetzt immer noch machen – es wäre für uns und den Zuhörer wieder eine ganz neues Erlebnis.

MM: Ihre Auftritte sind von der Verausgabung her durchaus exzessiv zu nennen. Wann haben Sie dieses Rockstar-Gen in sich entdeckt, wie haben Sie sich die entsprechende Attitüde angeeignet?

Hochmair: Mein Mephisto oder mein Dorfrichter Adam gingen schon in diese Richtung, da habe ich das schon einmal ausprobieren können. Ich habe auch Kafkas „Amerika“ als Soloabend gespielt. Das letzte Kapitel, „Das Naturtheater von Oklahoma“, ist eine Hommage ans Theaters – alles ist plötzlich möglich, alles ist richtig … das war wahrscheinlich für mich die ersten Schritte in diese freiere Performance. Nach diesem Prinzip habe ich mich auch in den „Jedermann“ hineingeschmissen. Auf dem Domplatz ist die Aufführung doch ein ganz klar abgestecktes gesellschaftliches Ereignis, bei „Jedermann Reloaded“ haben wir diese Gesetzmäßigkeiten ausgehebelt und machen unser eigenes Ding, geprägt vom Psychedelic Rock und vom Glam Rock.

MM: Ist es das Reizvolle zwischen dem Exzess mit der Elektrohand Gottes und dem arrivierten Theaterapparat zu pendeln?

Hochmair: Ja. Das ist mein Lebensthema, vielleicht, die offene vs die geschlossene Form. Ich kann gut in staatlichen Institutionen Kunst machen, fühle mich aber genauso wohl in einer Punkband, wo man sich sozusagen tagtäglich überlegen muss, wo die nächsten Subventionen herkommen. Ich kann mit der Punkband an neue Orte gehen, wo ich neue Erfahrungen sammeln kann, ich kann die Punkband aber auch an Orte wie das Burgtheater mitnehmen, wo man mich als Schauspieler kennt. Dieses Cross-Over macht mir Spaß.

MM: Inwieweit ist das „Jedermann“-Projekt ein Selbstversuch? Und wie steht’s mit dem schönen Scheitern am Stück?

Hochmair: Ich begreife das Leben als Selbstversuch. Und was das Scheitern betrifft, wir scheitern jeden Abend am Stück. Das ist das Spannende, anders würde ich es gar nicht wollen. Das Stück ist eine Rampe, die man nehmen muss, und wir stürzen uns diese Piste runter.

Mit der „Elektrohand Gottes“. Bild: © Rafalea Proell

MM: Sie erzählen immer wieder von sich aus, dass Sie Legastheniker sind, und von Ihren Schwierigkeiten, sich Texte zu erarbeiten …

Hochmair: Ja, deshalb will ich sie, wenn ich sie einmal kann, auch nicht wieder hergeben. Deshalb kann ich sie auch so gut, dass ich über Nacht woanders einspringen kann. Der „Jedermann“ ist schwer erkämpftes Terrain, ein Berggipfel, der nun Heimat geworden ist.

MM: Es gibt von Ihnen ein Interview, aufgenommen in der Ehrengalerie des Burgtheaters, da sagen Sie den Weltklasse-Satz: „Ich wollte nicht neben meiner Statue sterben.“ Das bedeutet?

Hochmair: Eine Sehnsucht nach Dynamik und Austausch, Reisen und Entwicklung. Ich will niemals stehenbleiben und zufrieden sein mit dem, was ich tue oder schon erfahren habe. Deshalb habe ich auch zwei Mal den schweren Schritt getan, aus fixen Ensembles wegzugehen, einmal vom Burg-, einmal vom Thalia Theater. Aber er war notwendig.

MM: Gibt es denn Tage, an denen Sie in den Terminkalender schauen und denken: Oh, mein Gott …?

Hochmair: Jeden Tag, das ist ein Dauerzustand geworden. Aber das ist toll, der Preis eben dafür, dass ich die Sicherheit für meine Freiheit und für die Vielseitigkeit aufgegeben habe.

MM: Diese Vielseitigkeit, Sprechtheater, Musik, Film, Fernsehen, führt allerdings dazu, dass Sie mit diversen Etiketten versehen werden. Meine liebste Punzierung Ihrer Person ist immer noch „Bildungsbürgerpunk“. Wie leben Sie damit?

Hochmair: Das ist ein lustiges Wort, das ich sogar selber aus einer Laune heraus kreiert habe. Es soll absurd klingen, so wie Elektrohand Gottes. Was die anderen Zuschreibungen betrifft: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, werde ich mich nicht entgegenstellen. Mein Ziel ist, klassische Literatur einem breiten Publikum näherzubringen, wenn man dazu Begriffe hat, die Brücken schlagen, die Türen öffnen, ist es nur gut. Sie sollen ja nur dazu dienen nicht zu verschrecken, sondern Lust zu machen.

MM: Finden Sie, dass „Jedermann Reloaded“ dem Theater ein neues Publikum erobert hat?

Hochmair: Absolut. Ich spiele auch viel an Schulen, um ganz junge Leute ins Boot zu holen. Mein nächstes Projekt mit der Band sind Schiller-Balladen als Rave, da waren wir auch viel in Schulen, und das zu testen. Wir haben das auch schon in Bad Vöslau open air gespielt, irre, wenn die Leute zur „Glocke“ dancen. Geil!

MM: Mit dem „Jedermann Reloaded“ sind Sie schon ziemlich herumgekommen. Bis China. Wie war‘s dort?

Hochmair: Unglaublich toll. In China regiert der Turbokapitalismus schlechthin, dort ist der „Jedermann“ das Thema, seine Sehnsucht nach Glaube und Orientierung, aber auch die Frage, warum darf ein reicher Mann alles? Das Publikum war total begeistert, wir haben die Halle echt gerockt. Wir haben in einem Theater mit 2000 Sitzplätzen gespielt, in einer Stadt, die Albert Speer, der Sohn des gleichnamigen NS-Architekten,  umgebaut hat. So schaut’s dort teilweise aus, wie Hannover-Innenstadt, und gehst du 200 Meter weiter, bist du in einem urchinesischen Stadtteil, wo das Essen ein Hundertstel von dem kostet, wie um die Ecke. Absurd.

MM: Album-Release ist am 29. November im Burgtheater, und tags darauf am 30. 11. geben Sie eine Benefizvorstellung im Stephansdom.

Hochmair: Das wird noch einmal etwas ganz Besonders, nicht nur wegen des guten Zwecks, sondern auch wegen des Rahmens. Ich finde es eine große Geste, dass der Stephansdom für eine Rockband seine Türen öffnet, aber die Kirche braucht ja auch neues Publikum. Es wird akustisch und optisch zwar sicher eine Herausforderung, aber das ist ja das Aufregende. Wir wollen auch mit dem Domorganisten zusammenarbeiten, er soll mit uns spielen, und das wird auch wieder ein Experiment werden. Der Erlös des Abends geht an das „Brotherhood of Blessed Gérard“ Malteser-AIDS-Hospiz in der südafrikanischen Region KwaZulu-Natal. Der Malteser-Orden hat um Hilfe gebeten, Kardinal Schönborn meinte, da müsse man handeln, Gery Keszler hat mich gefragt, so kam das alles zustande.

MM: Sie sind auch eines der neuen Gesichter der „Know Your Status“-Kampagne des Life Ball?

Hochmair: Das ist eine unbedingt unterstützenswerte Initiative, natürlich mache ich da mit. Die Sprüche, die auf meinem Körper stehen, sind auch alle von mir.

MM: Themenwechsel – Sie spielen nicht mehr in den „Vorstadtweibern“, Joachim Schnitzler ist Geschichte?

Hochmair: Nein, das hat sich geändert. Ich habe sie vermisst, sie haben mich vermisst, jetzt kommen wir wieder zusammen. Schnitzler ist also in der vierten Staffel kurz dabei, und in der fünften, an der gerade geschrieben wird, wieder länger. Schnitzler hat ja doch viele Leute umgebracht, musste ins Gefängnis, und Gefängnisszenen gab es wohl genug, jetzt werden ihm andere Dinge passieren, ich komme also weiter vor.

MM: Außerdem geht „Blind ermittelt“ weiter.

Hochmair: Ja, es gibt zwei neue Folgen, die Drehbücher habe ich schon zu Hause. Ab Mitte März wird wieder gedreht. In 14 Tagen beginne ich mit Peter Payer einen großen Kinofilm in Wien, „Glück gehabt“ heißt der, nach der Buchvorlage „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian. Das Polykrates-Syndrom beschreibt den Unwillen einer Person mit ihrem Glück umzugehen. Es gibt eine Ballade von Schiller, „Der Ring des Polykrates“, die kommt auch in unserem Schiller-Rave vor. Da geht es um einen Dialog zwischen den Herrschern Griechenlands und Ägyptens, die ihr Glück nicht annehmen und nicht verstehen und immer wieder infrage stellen – aber es kommt immer wieder mit voller Wucht zurück. Am Ende wirft Polykrates zum Beweis seines Unglücks seinen wertvollsten Besitz, einen Ring, ins Meer, und dann wird ihm ein Fisch zubereitet, und als er den aufschneidet, findet er darin seinen Ring. Der Film-Protagonist ist so ähnlich, und um dessen Achterbahn der Gefühle dreht sich diese schwarze Komödie.

MM: Ich mag Zufriedenheit ja lieber als Glück.

Hochmair: Ich nicht. Ich bin ein Glückskind.

Die Album-Kritik: www.mottingers-meinung.at/?p=30983

www.philipphochmair.com          www.elektrohand.com          www.hoanzl.at

25. 11. 2018

Akademietheater: Der Kandidat

November 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schreien komischer Highspeed-Slapstick

Mit Hilfe der Presse zum Politiker: Florian Teichtmeister als Medienunternehmer Grübel und Gregor Bloéb als Herr Russek. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Ende ist die Wahl gewonnen. Anders als bei Gustave Flaubert und Carl Sternheim, dort im Furor (Gott zu Füßen) verreckend, hält „Der Kandidat“ hier aber seine Abschlussrede. Professionell gecoacht und vom Redakteur Bach mit Argumenten ausgestattet, verkündet er seine Zehn Gebote. Die da im Wesentlichen lauten: Abgrenzen, aufrüsten – und vor allem angstfrei sein. Ach ja, ein Aussetzen kommt auch dazu, und zwar der parlamentarischen Demokratie.

Wegen Belanglosigkeit zunächst für 100 Tage, danach Evaluierung. Gregor Bloéb ist in diesem Moment, als sein Leopold Russek dies politische Pamphlet vorträgt, schauspielerisch ganz in seinem Element, ein geschmeidiger Gewinner, ein mephistophelischer Verführer der Massen, so „echt“, dass es erschreckt und erschüttert. Jede Ähnlichkeit mit Personen, Parteien und deren Programmen ist natürlich … gar nicht so frei erfunden. Durch den Kopf geistert es einem, dass man derartiges Wortgewürfle bereits gehört, die Floskelsätze schon gelesen hat. Bemerkenswert. Flaubert schrieb seine Politposse 1873, Sternheim sie 1913/14 auf die wilhelminischen Gegebenheiten um; für die aktuelle Fassung zeichnet Dramaturg Florian Hirsch verantwortlich, eine ausgezeichnete Arbeit, die den Zeit-Ungeist vorführt, aber auch zeigt, die Verhältnisse, sie sind schon immer so.

Es ist kein Wunder, dass sich Regisseur Georg Schmiedleitner zur Inszenierung dieses Stoffs verlocken ließ. Er macht aus der bitterbösen Satire, die sowohl den Moloch Politik als auch die Entpolitisierung der Gesellschaft aufs Korn nimmt, Highspeed-Slapstick; er schont seine Schauspieler bei dieser sehr körperlichen Aufführung nicht, es wird gestolpert, gestrampelt, gestürzt, und wenn Sebastian Wendelin als Bach steif wie ein Brett fällt, fürchtet man durchaus ein wenig um dessen Gesundheit.

Die „Wahrheit“ macht eine Homestory bei Russeks: Sebastian Wendelin als Redakteur Bach, Florian Teichtmeister, Petra Morzé als Frau Russek, Christina Cervenka als Luise, Dietmar König als Fotograf Seidenschnur und Musiker Sam Vahdat. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Komödiantisches Kernstück – das TV-Duell der Spitzenkandidaten: Dietmar König, Valentin Postlmayr als Moderator und Gregor Bloéb. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Dass diese Übungen aufs Feinste gelingen, ist Verdienst der fabelhaften Spielfläche von Volker Hintermeier, diese ein von innen beleuchteter Kreis, ein Roulettetrichter, ein Glücksrad, eine ins Wanken geratene Weltscheibe, die sich unablässig dreht, dazu in Schräglage hebt und senkt, darüber, wahlweise auch dahinter, ein Spiegel, dank dessen Perspektiven gewisse Verrenkungen und Verschlingungen der Darsteller überhaupt erst wahrzunehmen sind – als würde man mittels eines allmächtigen Auges auf die sich abmühenden Figuren blicken.

So chic wie das Bühnenbild sind auch die Kostüme von Su Bühler, ein stilisiertes 19. Jahrhundert mit einigen Hinguckern, etwa Frau Russeks Schaumstoffnoppen-Tournüre, auch sie streng in stummfilmhaftem Schwarzweiß gehalten.

„Der Kandidat“ handelt vom sich selbst in den Ruhestand versetzt habenden und nun sich langweilenden Millionär Leopold Russek. Als er beschließt, ob Ende seines Ennuis in die Politik zu gehen, stehen sofort die Vertreter diverser Interessensgemeinschaften Schlange, um den Ahnungslosen auf ihre Seite zu ziehen: Funktionäre, Lobbyisten, Journalisten, Spin-Doctors und andere Opportunisten geben sich die Russek’sche Klinke in die Hand.

Doch der ganze politisch-mediale Komplex erweist sich alsbald als ein Kartenhaus aus Lügen und Manipulation. Gegenspieler stellen sich auf – bis Russek, um zu siegen, schließlich bereit ist, sich mit seinem Geld Verbündete zu züchten, und sogar die sexuelle Verfügbarkeit von Ehefrau und Tochter für seine Zwecke nutzt.

Hirschs Bearbeitung setzt auf Sprachwitz und Versprecher, Sätze fallen, wie der von der Sozialdemokratie, die den eigenen Kandidaten einmal mehr selbst massakriert habe, Begriffe wie Gutmenschenterrorismus oder Gendermanie. Ständig wird rechts mit links verwechselt, immer wieder sagt jemand „völkisch“ statt „volksnah“, Russek wird empfohlen „termingerecht zu emotionalisieren“, und der umbuhlte Neo-Politiker erweist sich in seiner Qual der Parteiwahl als erstaunlich elastisch. „Warum denn so einseitig?“, fragt er einmal. „Jede Partei hat doch ihr Gutes.“ Freilich ist derlei für Lacher gut, die Darsteller schießen diese Pointen im Schnellsprechtempo ab.

Mit großen Gesten konterkarieren sie gleich darauf das Gesagte, Outrieren ist ausdrücklich erwünscht, und mal wirkt einer wie Chaplins Tramp, mal liegt einer wie Kafkas Käfer auf dem Rücken. Sabine Haupt, als Anwältin Evelyn hier zum strippenziehenden, Parolen einflüsternden Politcoach avanciert, umtanzt den Kandidaten mit scharf gekickten Tangoschritten. Bernd Birkhahn darf als alter Graf, als Standessymbol ein Krickerl im Arm, vor Freude im Hüpfen in der Luft die Hacken zusammenschlagen.

Großartig sind das Bühnenbild von Volker Hintermeier und die Kostüme von Su Bühler: Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting brilliert Gregor Bloéb als selbstzufrieden-naiver Simpel Russek, der, durch die persönlichen Interessen der anderen angeheizt, zum korrupten Schlitzohr mutiert. Petra Morzé gibt – ebenso wie Christina Cervenka als ihre Tochter Luise – mit viel Spielfreude seine dauerlüsterne Ehefrau, die ob dieses Erregungszustands wunderbar auf den in die richtige Schreibrichtung umzupolenden Bach anzusetzen ist.

Den gibt grandios Sebastian Wendelin, den Oberkörper starr nach hinten gebogen, aber unten herum immer biegsam und verfügbar. Als „Blut-und-Boden-Headliner“ beim U-Bahn-Blatt hat er beruflich genug zu leiden, da darf privater Spaß sein. Die Postille gehört Florian Teichtmeister als ränkeschmiedendem Medienunternehmer Grübel, heißt „Die Wahrheit“, was natürlich für Zeitungsmacherwitze à la „Die Wahrheit gehört ja quasi Ihnen“ gut ist. Komödiantisches Kernstück des Abends ist ein TV-Duell der Spitzenkandidaten, Russek gegen den Society-Fotografen Seidenschnur, Dietmar König als rechtschaffener, grauer „Sozi“, in den Reflexen schneller als in der Reflexion, der unter den Zuschauern Wahlzuckerl und auf der Bühne Statistiktaferl verteilt. Valentin Postlmayr, er auch ein tadellos degenerierter junger Graf, versucht vergebens die Diskutanten im Zaum zu halten.

Zum Premieren-Schluss gab es erwartungsgemäß viel Jubel und Applaus für Schauspieler und Leading Team. Sternheims humorvoll-hinterlistiges Vorführen von Volksverdrehern, sein Hinweis auf „alternative Fakten“ und die Gefahren beim Verwässern komplexer Fragestellungen durch populistisches Geschwätz, diese Botschaft ist – inmitten des ganzen Klamauks – beim Publikum perfekt angekommen. „Der Kandidat“ am Akademietheater ist zum Schreien komisch, zum Laut-Aufschreien komisch.

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  1. 11. 2018