Landestheater NÖ online: „Molières Schule der Frauen“ als Silvester-Vorstellung

Dezember 11, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Am Ende heißt’s „Alles Tango!“ Laura Laufenberg als Agnès und Tobias Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

In seiner Reihe #wirkommenwieder bietet das Landestheater Niederösterreich zu Silvester ab 19.30 Uhr und danach für 24 Stunden Ruth Brauer-Kvams „Molières Schule der Frauen“ als kostenlosen Online-Stream auf der Homepage www.landestheater.net an. Hier Auszüge aus der Premieren-Kritik:

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité!

Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im

Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt. Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt.

Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung … Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers Arnolphe in die Quere kommt … Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanoss

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt. Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain:

Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt. Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusstwird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen … Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser … die ganze Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41393, Trailer: www.youtube.com/watch?v=eK70Z4bkrTQ

Bettina Kerl und Julia Engelmayer. Bild: Alexi Pelekanos

Spaziergang durchs jüdische St. Pölten

Bereits ab 18. Dezember, 19.30 Uhr und frei für 48 Stunden, ist der digitale Stadtspaziergang „Es gab ein jüdisches Leben in St. Pölten“ zu sehen. Schauspielerin Bettina Kerl und Dramaturgin Julia Engelmayer haben Lebensgeschichten von St. Pöltner Jüdinnen und Juden recherchiert. Nun nehmen sie das Publikum mit auf ihrem Weg durch die barocke Innenstadt, erzählen von Schicksalen und historischen Hintergründen. Ausgangs- punkt ist die ehemalige Synagoge, aufgenommen wurde das Ganze von Filmemacher Johannes Hammel.

www.landestheater.net

  1. 12. 2020

Landestheater NÖ online: Hamlet

Dezember 5, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blutiger Albtraum im Popcorn-Kino

Im 3D-Film: Bettina Kerl, Sami Loris, Philip Leonhard Kelz, Michael Scherff, Tim Breyvogel, Marthe Lola Deutschmann, Tilman Rose und Laura Laufenberg. Bild: © Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich streamt bis Sonntagabend seine mit dem Nestroy-Preis für die beste Bundesländeraufführung 2020 ausgezeichnete Aufführung von „Hamlet“. Der junge britische Regisseur Rikki Henry, unverkennbar ein Peter-Brook-Schüler, führt das Ensemble mit seiner Inszenierung in darstellerisch lichte Höhen – wiewohl es auf der Bühne die längste Zeit finster bleibt. Seine bildgewaltige Shakespeare-Interpretation ist der blutdurchtränkte Albtraum

eines Dänenprinzen, dessen Irre-Sein oder nicht sein sich bis zum Schluss nicht entschlüsseln wird. Als dieser Hamlet ist Tim Breyvogel zum Fürchten gut, er ist Beobachter wie Spielmacher dieser verkommenen Gesellschaft, und wird mit papierener Königskrone bald Hugo Ball im Cabaret Voltaire ähneln, nur mehr Gaga statt Dada – und wenn er den Hof zur 3D-Filmvorführung von „Die Ermordung des Gonzago“ wie zur Familienaufstellung arrangiert, dann wird’s im Popcorn-Kino, denn solches wird gegessen, flottweg freudianisch: „Hamlet“, die Traumdeutung des Dänenprinzen.

Und so beginnt’s. Mit Stimmengewirr, „Mutter!“, „Verrat!“, „Du bist umgebracht“, sogar „Der Rest ist Schweigen“ kann man der Kakophonie entnehmen, eine Galgenschlinge sehen, hat das Gemetzel etwa schon stattgefunden?, da schließt sich der Vorhang und Breyvogel-Hamlet rollt darunter hervor. Bereit für seine Prophetie. Ein somnischer Patient im Grübelkreislauf. Als der sich alsbald die Drehbühne entpuppen wird, entworfen von Max Lindner, die Kostüme von Cedric Mpaka, auf der sich unter einer Riesenkrone immer neue Räume öffnen.

Tim Breyvogel, Sami Loris und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Alexi Pelekanos

Die Krone für … Tim Breyvogel und Michael Scherff. Bild: © Alexi Pelekanos

Fecht at its best: Kelz, Loris, Kerl und Breyvogel. Bild: © Alexi Pelekanos

Kämmerleins, Verstecke für allerhand Verräter und Verlogenheit, und ebenso perfide stehen sie einander durch kleinste Bewegungen plötzlich gegenüber – ein Danish Horror House. Eine Vorstellung, die die Lichteffekte von Günter Zaworka und die spooky Sounds von Nils Strunk noch befeuern. Erstere kommen gar doppelt nachtmahrisch zum Einsatz, denn unter den diversen ringelreihenden gibt es à la „Fifty Shades of Grey“ das Spielzimmer in Rot, in dem die Lebenssäfte nur so sprudeln. Allerdings nur im irrealen Raum, siehe das Verhör von Rosenkranz und Güldenstern, das zu Hamlets imaginierter Folter wird.

Ja, im Wortsinn Schlag auf Schlag geht’s zu bei diesem todessehnsüchtigen Mann der Tat. Welch Szenen Breyvogel geschenkt sind. Die Fackelsuche nach des Vaters Geist. Die clowneske, wenn Polonius aus dessen Brief an Ophelia den gekrönten Häupter vortragen muss, er höre nicht nur Helene Fischer, er singe sogar mit ihr, und Hamlet im Hintergrund als Strippenzieher fungiert. Die schon erwähnte in Claudius‘ Heimkino, Schüsse, Schreie; Gesichter, als würden die Royals „The Crown“ anschauen müssen, alldieweil Hamlet „God Save The Queen“ pfeift. Rikki Henry, wie gesagt, kommt aus London.

Und er folgt den dortigen zwei Theatergeboten „Trust the Text“ und „Thou Shallst not be Boring“ ergeben. Immer schneller dreht sich das Schicksalskarussell, und umso mehr Volten reitet die Handlung. Einer wird zu des anderen Spukgestalt, Hamlet bricht Mutter und Claudius „in Rot“ das Genick. All dies erzählt Rikki Henry uneitel und unprätentiös. Laura Laufenberg gelingt es, eine Ophelia jenseits aller Klischees zu geben, die ihre hat Ecken und Kanten, und scheint, da rationale Denkerin, ebenso über der verrückten On-off-Beziehung zu Hamlet wie über Vaters und Bruders Bevormundung zu stehen. Dass sie sich goldgesichtig dennoch entleiben muss, ist …

Im Wortsinn im Kreis gehen: Bettina Kerl, Michael Scherff, Marthe Lola Deutschmann und Tim Breyvogel. Bild: © Alexi Pelekanos

… Shakespeare, dafür darf sie als erste übers Sein oder nicht sein philosophieren. Nach Henry ist am britischen Barden in keinem Moment ein Körnchen Staub. Als in Hamlets Erinnerung seine Mutter noch den Vater liebt, schmust die hinter dem Prinzenrücken schon ungestüm und kichernd mit Onkel Stiefvater. Als der Königsmörder und seine neue Frau die Thronrede proben, wummert hinter ihnen bereits die Party … Michael Scherff und Marthe Lola Deutschmann sind als Claudius und Gertrud brillant, des Weiteren Bettina Kerl als Horatio. Und Tilman Rose als aufgeblasener, geschwätziger Polonius.

Philip Leonhard Kelz und  Sami Loris überzeugen neben anderen Rollen als Rosenkranz und Güldenstern. Nicht mehr als zwei Stunden dauert die Tragödie bei Ricki Henry, und doch hat er Zeit für einen stuntmen’schen Fechtkampf, der sich von der Akrobatik zur Stroboskop-Zeitlupe vorarbeitet. Und weil beim Kreiseln im Karussell das Ende stets der Anfang ist, rollt’s Hamlet noch einmal unterm Vorhang hervor.

Als wär’s eine Anspielung auf die x-en Male, die man das Stück schon gesehen hat. Und so beschließt’s. Mit Stimmengewirr, „Mutter!“, „Verrat!“, „Du bist umgebracht“, sogar „Der Rest ist Schweigen“ kann man der Kakophonie entnehmen, eine Galgenschlinge sehen, hat das Gemetzel etwa schon stattgefunden? …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yAwVQv65nOc           www.landestheater.net           vimeo.com/366135220

  1. 12. 2020

Landestheater NÖ: Molières Schule der Frauen

September 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti, Michael Scherff, Laura Laufenberg, Tim Breyvogel, Tobias Artner und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité! Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia

dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt.

Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt. Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung. Was dem präfeministisch kritikasternden Climène im allgemeinen Chaos auch mal eine für Arnolphe gedachte Ohrfeige einbringt, wohingegen die Position der Uranie im Damenfrack eine abgeklärt-belustigte ist.

Sätze wie „Ihr Frauen habt die Pflicht, uns untertan zu sein“ wollen erst einmal gesagt, Weltbilder, wie das von der Frau als Suppe, in die ein Fremder seinen Löffel tunkt, erst einmal ausgesprochen sein, ehe/wehe man sich zu lachen traut. „Wer macht denn heute noch sowas?“, empört sich Climène. Und nur so, genau so kann man’s machen, dieses ein wenig aus der Zeit gekippte Stück, in dem ein reicher Mann ein Mädchen in vollkommener Abgeschiedenheit zur Unterwürfigkeit, heißt: pflegeleichten Gattin erziehen und sie sicherheitshalber ungebildet lässt, weil: „Die Dumme frei’n heißt, nicht der Dumme werden! Frauen mit Geist – das bringt Beschwerden“. Bis die Ziehtochter bereit ist fürs Heiraten. Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers in die Quere kommt.

Artner, Scherff im Schwitzkasten, Rose und Breyvogel: Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

*Fußnote: Pikanter Fakt zur Fiktion ist, dass der 40-jährige Molière just 1662 die zwanzig Jahre jüngere Armande Béjart ehelichte, sie seit Kindesbeinen Schauspielerin in seiner Theatertruppe und offiziell die jüngere Schwester seiner Ex-Geliebten Madeleine Béjart, in Pamphleten aber als deren uneheliche Tochter, sogar Molières Kind geoutet – Blutschande! Was nichts daran ändert, dass Armande Molière gleich nach der Hochzeitsnacht betrogen haben soll, aber Arnolphes Fremdgeh-Paranoia erklärt.

Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren. Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Alles Tango! Rupperti, Rose, Breyvogel, Kelz, Laufenberg und Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain, Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt.

Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusst wird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen. Dies endet in einem Tauziehen mit Arnolphe, einem gegenseitigen Einwickeln, bis er sie als Paket von der Bühne schleppen kann. Würde enden. Denn auf der Zielgeraden dieser Hochgeschwindigkeits-Inszenierung kratzt Molière die Kurve, Tobias Artner erscheint mit Paten-Stimme und Rabenschwingen als Horaces Vater Oronte, um ihn mit der Tochter eines gewissen Enrique zu verheiraten. Und der, Tim Breyvogel als fransengeflügelter Deus ex USA im güldenen Ami-Schlitten, ist Agnès‘ leiblicher Vater.

Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser. Michael Scherffs Climène hält ein Plädoyer gegen männlichen Despotismus und wirbt um Verständnis zwischen Mann und Frau. Ihm selbst bleibt die Liebe verwehrt. Mit seiner bierernsten Art hat er sich bei der komödien-begeisterten Frau lächerlich gemacht. Uranie lässt ihn abblitzen. Fürs Erste, wie sie betont, und Scherff singt mit Michel-Sardou-Timbre „La maladie d’amour“. Und der Flow, der den ganzen Abend zwischen Bühne und Zuschauerraum floss, entlud sich in viel Jubel und Applaus – auch wenn der Saal nur halb gefüllt war. Fürchtet euch nicht, kommet und amüsiert euch, die #Corona-Sicherheitsmaßnahmen im Landestheater sind top!

Zu Gast an der Bühne Baden, Dienstag 17. und Mittwoch 18.11., 19.30 Uhr.

www.landestheater.net           www.facebook.com/Landestheater.Niederoesterreich/videos/253610582528707

  1. 9. 2020

Art Carnuntum / Shakespeare’s Globe: Romeo & Juliet

April 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beim Blankvers ungeniert anbaggern

Have not saints lips, and holy palmers too? Romeo & Juliet: Adetomiwa Edun und GoT-Star Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Das Art Carnuntum Festival bringt auch in Zeiten von #Corona Welttheater nach Österreich, und bietet auf seiner Webseite www.artcarnuntum.at Inszenierungen des Shakespeare’s Globe Theatre zum kostenlosen Stream an. Seit mehr als zehn Jahren ist die gefeierte Londoner Kompagnie Stammgast im Amphitheater, für dieses Jahr waren Aufführungen von „A Midsummer Night’s Dream“ und „The Tempest“ geplant, aber ach …

Nach dem „Hamlet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39290) zeigt man nun bis 3. Mai online eine Aufzeichnung von „Romeo & Juliet“ aus dem Jahr 2009, mit dem in Nigeria geborenen Schauspieler Adetomiwa Edun und der mittlerweile als Grünseher-Schwester und -Beschützerin Meera Reed aus „Game of Thrones“ bekannt

gewordenen Ellie Kendrick. Die Produktion überzeugt mit Musik und Tanz und Degengerangel, wie man’s aus Carnuntum kennt und liebt, mit dreisten Anspielungen auf alles unter Gürtellinie – und man erinnert sich freudig an die famose im Niederösterreichischen gezeigte Inszenierung, als die Montagues und Capulets im VW-Bus anreisten, um dort ihre Fehde auszutragen.

Regisseur Dominic Dromgoole, künstlerischer Leiter des wooden O von 2005 bis 2011, hat sich bei dieser Arbeit für ein extrem junges Ensemble entschieden, nicht nur die Juliet, auch die Darsteller des Benvolio und des Tybalt geben hier ihr Theaterdebüt, und punkto Tempo, Temperament und Lust an der Outrage macht sich das allemal bezahlt. Der geschmeidig-athletische Adetomiwa Edun besticht wie seine Mit- und Gegenspieler mit überbordender Spielfreude und außerordentlicher Bühnenpräsenz. Sein Romeo ist ein lebhafter, übermütiger junger Mann, frisch, frech, leichtfüßig und voll des Überschwangs erster Liebe.

Ein Halbstarker, wie der ganze Haufen der ihn umgibt, der gekünstelt tragikomisch die Augen verdreht, wenn er mit den Worten Liiiebe, Tod und Rosaline seine Scherze treibt, nichts ahnend, dass die Triebtäter Eros und Thanatos ihn bereits in ihren Klauen haben. Ellie Kendrick ist eine derart entzückend mädchenhafte Juliet, dass man ihr die süßen 14 Jahre fast noch abnimmt. Wie sie sich in die Arme ihrer Amme schmiegt, als sie erfährt, dass Romeo sie heiraten will, ist von unwiderstehlich unschuldiger Freude.

Als Ian Redfords wütender Capulet sie wegen ihres Ungehorsams ausschimpft, zitterte sie in ihrer kindlichen Verletzlichkeit und fleht Mutter und Amme an dazwischen zu gehen. Man glaubt Ellie Kendricks Juliet, diesem zerbrechlichen Seelchen, dass sie nach Romeos Dahinscheiden keinen Sinn im Weiterleben sieht. Ein weiteres Highlight ist Penny Layden als North Country Nurse mit entsprechendem Zungenschlag, eine Amme mit großem Herzen und noch größerem Mundwerk, dessen Zahnlosigkeit sie nicht daran hindert, den Jungs ungeniert Avancen zu machen. Wofür sie von Mercutio launig geküsst wird – obwohl sie von Romeos „body“ schwärmte.

„Nurse“ Penny Layden und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Hinreißend verliebt: Adetomiwa Edun und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Die Capulets: Miranda Foster und Ian Redford. Bild: John Haynes

Love Is In The Air, sozusagen, und überhaupt versteht es Dromgoole die schelmische Seite des britischen Barden bestens zu bedienen. Beinah jeder Satz hat einen sexuellen Subtone, ob nun die heißblütigen Edelherren beim Blankvers blankziehen und schamlos das Publikum anbaggern oder Juliet neckisch nachdenkt: „What’s Montague? It is nor hand nor foot nor arm nor face nor … [Pause] … any other part belonging to a man.“

Bemerkenswerte Leistungen liefert auch der übrige Cast: Fergal McElherron zeigt sich in den diversen Dienerrollen Balthazar, Peter, Gregory als geborener Spaßmacher, wunderbar, wie er die zum Capulet-Ball geladenen Gäste Grimassen schneidend nachahmt, während Romeo die Liste laut vorliest, und auch Maori-Star Rawiri Paratene hat als seine Textzeilen wie auf Häkelkissen gestickte Lebensweisheiten aufsagender Friar Lawrence die Lacher auf seiner Seite. Den Vogel ab schießt aber Tom Stuart als Paris, mit einer Interpretation der Figur, wie man sie hierzulande wohl noch nie gesehen hat.

Stuarts Paris ist zwar in dem die Clans unterscheidenden Rot-Blau-Schema, einzig Romeo und Juliet tragen nach der Balkonszene trotzig beide Farben, von Kopf bis Fuß weiß gewandet, weiß aber nichts über das passende Benehmen gegenüber Mitmenschen, heißt: er ist eine Nervensäge durch und durch, und urkomisch, wie er nie versteht, wann’s Zeit ist zu gehen oder dass er jemandem zu nahe getreten ist. Sein „These times of woe afford no time to woo“ ist in diesem Sinne zum Brüllen. Was Ian Redford als Capulet denn auch gleich tut, Capulet, dessen oberflächliche Bonhomie sich so schnell in rotgesichtige Böswilligkeit verwandelt, dass er was Wunder die Tochter dem Grab zutreibt.

Der vielschichtigste Charakter ist freilich einmal mehr Mercutio, Philip Cumbus, dessen zynischer Weltverdruss, sein Sarkasmus-Ausgießen über allem und jedem auf ein tieferes Seelenleid verweist. So beginnt etwa sein betrunkenes Rufen nach Romeo ausgelassen und amüsant, endete aber als bedrücktes Bitten und Betteln nach dem abwesenden Freund. Dessen – nach der Nachtigall-Nacht mit Juliet – endgültiger „Verrat“ im Duell mit Tybalt ist deshalb umso ergreifender. Gefochten wird auf hohem Niveau, blitzschnell sind die Schauspieler beim Zustechen, und im Sterben haben sie ein letztes Scherzchen auf den Lippen.

Besonders stark ist hier der Tybalt des guyanesich-britischen „Blindspot“-FBI-Psychiaters Ukweli Roach, ein angry young man, der sich aus der Capulet’schen Höflichkeitszwangsjacke befreit und auf die freie Wildbahn kämpft. Sein letztes Ringen mit Romeo wirkt wirklich brutal, nach dem Verlust der Waffen ein Kratzen, Hauen und Treten, bis Benvolio die beiden trennt, Jack Farthing in der Figur vom Charme eines Schulbuben, der seine Phallus-Zoten mit verlegen glühenden Wangen witzelt.

Aus Bonhomie wird bald Bedrohung: Ian Redford, Penny Layden und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Fergal McElherron, Adetomiwa Edun, Philip Cumbus als Mercutio und Jack Farthing als Benvolio. Bild: John Haynes

Farthing, Cumbus, Tom Stuart als Paris, Andrew Vincent als Prinz und Ukweli Roach als Tybalt. Bild: John Haynes

Here’s to my love! Thus with a kiss I die: Ellie Kendrick und Adetomiwa Edun. Bild: John Haynes

Dominic Dromgoole versteht, den um einen ersten Stock und eine Rampe ins Parkett erweiterten Raum perfekt zu nutzen. Effektvoll, wie Graham Vick als Apotheker wie ein Springteufel aus einer Versenkung raus-„explodiert“ und mit erdiger, bedrohlicher Würde Romeo das Gift verkauft, bevor er als dessen personifiziertes Schicksal wieder in den Eingeweiden des Theaters verschwindet. In der Gruftszene verwandelt Dromgoole die komplette Bühne in dieselbe, während Romeo und Paris einander auf einer oberen Ebene begegnen, einem schmalen, davor als Balkon benutzten Steg, von dem der verwundete Paris eine Wendeltreppe hinab ins Grab fällt. Das hat Schauwert!

Mit allem Jubel-Trubel und Drama, Baby! ist es jetzt endgültig vorbei, Dromgoole besinnt sich auf die tragedy, lässt Juliet auf einer Bahre quer durchs stehende Publikum wegtragen, so schweigsam die vier Mönche, so erschüttert die Zuschauer. Begleitet vom Sängerquartett Jack Farthing, Graham Vick, Fergal McElherron und James Lailey, die vorher als Volk das Geschehen erläuterten und kommentierten, und via historischem Volkslied auch aufs Handyverbot im Theater hinwiesen.

Und wenn sie nicht gestorben sind … folgt auf die die Luft reinigende Rede des Prinzen rasch ein Lied. Was gefallen war, erhebt sich zu guter Letzt zum Tanz, dieser Schluss im Shakespeare’s Globe Theatre bei allen Stücken stets die schönste Tradition. Cheers fellows, it’s always a pleasure to see you – even on screen!

Coming Soon: „Romeo & Juliet“ wird noch bis 3. Mai kostenlos gezeigt, danach folgt am 4. Mai „The Two Noble Kinsmen“ und ab 11. Mai die aktuelle 2020er-Produktion von „Macbeth“ aus Shakespeare’s Globe. Mitunter erheiternde deutschsprachige Untertitel (siehe Übersetzungsfehler Nurse/Amme als Krankenschwester, wiewohl rund um Romeo mancher eine brauchte) können zugeschaltet werden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=8TuR24xhtYg           www.youtube.com/watch?v=6baK-km5gFA           www.youtube.com/watch?v=v_ji4opPBbY           www.artcarnuntum.at           www.shakespearesglobe.com

  1. 4. 2020

Volksoper im Kasino: Powder Her Face

April 23, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine speelige Oper über die Queen of Queer

Die Queen of Queer mit ihrem Gefolge: Ursula Pfitzner, David Sitka (li.) und Ensemble. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Es ist nichts Alltägliches, dass eine Inszenierung eine Altersfreigabe ab 16 Jahren hat. Bei Komponist Thomas Adès‘ Erstlingswerk „Powder Her Face“ weist praktischerweise bereits der Wikipedia-Eintrag auf den Grund dafür hin, hat doch Librettist Philip Hensher in dessen vierte Szene den ersten Blowjob der Opernwelt eingeschrieben. Dass im Werk der beiden Briten viel mehr steckt, als einmal „Französisch“, beweist allerdings die fürs zeitgenössische Musiktheater beispiellose Erfolgsgeschichte seit seiner Uraufführung 1995 beim Cheltenham Festival. Die Volksoper zeigt die erotische Kammeroper nun als dritte Produktion an ihrem Spielort für Besonderes, dem Kasino am Schwarzenbergplatz, und es ist von einer gewissen Pikanterie, diese Arbeit im einstigen Palais des Habsburger-Nesthäkchens Erzherzog Ludwig Viktor zu sehen.

Machte Skandalprinz „Luzi-Wuzi“ aus seinem queeren Lebensstil ja bekanntlich kein Geheimnis. Queer, diesen ehemaligen Begriff für abnorm oder abartig, hat die LGBT-Community längst als Selbstbeschreibung für sich in Anspruch genommen, vielfach taucht das Wort auch im Henshers explizitem Text auf, ein Moment, auf das Regisseur Martin G. Berger Bezug nimmt, indem er den Solistinnen und Solisten der Aufführung eine in allen sexuellen Spielarten ausgestattete Statisterie zur Seite stellt.

Diese empfängt das Publikum leicht geschürzt schon beim Einlass, überhaupt gehen die Darsteller immer wieder auf Tuchfühlung zu ihm, wenn sie die Bühne, die eigentlich ein rund ums Orchester laufender Catwalk ist, verlassen. Bergers Zugriff auf die Oper ist very british, spleenig und skurril, was passt, wird doch der tragische Absturz der Protagonistin in eine schwarzhumorige Gesellschaftssatire gebettet, in der weder die Upper Class noch das in doppeltem Sinne gemeine Volk geschont werden, und mit der Adès und Hensher die Dekadenz und den Ennui der High Society ebenso aufs Korn neben, wie die Falschheit und Verbissenheit deren, die in diesen inneren Kreis mit allen Mitteln zu gelangen trachten. Unnötig zu sagen, dass dieses vor Sex und Zynismus geradezu dampfende Stück von den Zuschauern heftig akklamiert wird.

Rückschau im Rosé-Riesenpelz: David Sitka, Ursula Pfitzner, Bart Driessen und Morgane Heyse. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Richter ist ein Hampelmann: Bart Driessen projiziert mit Livekamera sein Gesicht auf die Puppe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende eine Karikatur ihrer selbst: Morgane Heyse als Interviewerin und Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Inspiriert ist „Powder Her Face“ von der Biografie der in Großbritannien legendären Margaret Campbell, Duchess of Argyll, einer nicht nur in Liebesdingen Freigeistin mit den Markenzeichen Pudel und dreireihige Perlenkette, und ihrem aufsehenerregenden Scheidungsprozess vom Herzog im Jahr 1963, bei der ihr dieser nicht nur 88 Affären vorrechnete, sondern auch das Polaroid einer Fellatio vorlegte. Adès hat dafür eine dreiste Partitur zu Papier gebracht, ein Mix aus Zitaten der Unterhaltungsmusik der 1920- und 1930er-Jahre, Tango und Cole-Porter-Persiflage, der Margaret Campell laut ihr in „You’re the Top“ besungen haben soll, und Reverenzen an Schubert, Strawinsky und Strauss‘ „Rosenkavalier“. Dirigent Wolfram-Maria Märtig führt das kleine, mit unter anderem überdimensionalem Schlagwerk, Harfe, Akkordeon und Klingeln eigenwillig besetze Instrumentalensemble der Volksoper zur Höchstleistung, wenn es die disparaten musikalischen Versatzstücke aufs Feinste zusammensetzt. Nicht umsonst wird dieser Klangkörper beim Schlussapplaus beinah am lautesten gefeiert.

Wie Adès den Musikern bei der Klangschöpfung menschlicher Abgründe enorme Virtuosität abverlangt, so müssen auch die vier Akteure für ihre schwierigen Partien alles geben. Dies gelingt Ursula Pitzner als Duchess, Morgane Heyse als Maid, David Sitka als Electrician und Bart Driessen als Hotel Manager gesanglich wie schauspielerisch exzellent. Pitzner balanciert als Queen of Queer brillant auf dem schmalen Grat, ihre Figur der Lächerlichkeit preiszugeben und trotzdem etwas von deren Würde zu retten. Ob die acht Szenen Erinnerung oder Einbildung sind, enträtselt sich nicht, da Morgane Heyse, David Sitka und Bart Driessen nicht nur das Personal des Hotels, in dem die Herzogin ihre späten Jahre verbrachte, verkörpern, sondern auch Feinde und Wegbegleiter früherer Zeiten. Klammer der Handlung ist das Jahr 1990, von dem aus die Ereignisse von 1934 bis 1970 erzählt werden, allerdings nie die prägenden, sondern stets ein Warten darauf oder ein Reflektieren darüber.

So geht’s über Körperverschlingungen zu einem schräg-sündigen Tango, dieser gleichsam die Ouvertüre und Morgane Heyses erste Chance zum Koloratur-Orgasmus, über eine Spottepisode, in der Zimmermädchen Heyse und Elektriker Sitka die Herzogin ob ihrer Freizügigkeit demütigen, von 1990 nach 1934, in welchem die Duchess sehnsüchtig auf den zu werdenden Ehemann Nr. 2, Bart Driessen als Herzog, hofft. Auch hier kommentieren die Bediensteten die Gefühlsduselei ihrer Herrin hämisch, ihre Habsucht gegen seinen Hang, Mädchen ins Unglück zu stürzen. Zwei Jahre später, bei der Hochzeit, träumt eine Kellnerin angesichts der ausschweifenden Feierlichkeiten vom Luxus.

Exzess mit Badewanne: David Sitka, Bart Driessen, Morgane Heyse und Ursula Pfitzner in Champagner und Schoko. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Society erfreut sich am Scheidungsskandal: David Sitka, Morgane Heyse und Bart Driessen als Richter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin G. Berger erschafft auf der Bühne von Sarah-Katharina Karl und mit den Bondage-Accessoires, Strapsen und Spitzencorsagen von Kostümausstatter Alexander Djurkov Hotter sinnlich-suggestive Bilder. Zur Vergnügung jedes mit jedem werden schön klischierte Videos von zerfließendem Softeis und aufblühenden Blumen projiziert. Mit vollem Einsatz wird geposed, nehmen die Damen ein Champagner-Schokolade-Obstsalat-Bad, singt sich Pitzner bei Sitkas sehr speziellem Roomservice, Berger präsentiert Beischlaf statt Oralsex, zum Höhepunkt, tobt die Öffentlichkeit schließlich in Affenmasken über die Eskapaden der Herzogin. Die Verrücktheiten, die die allgemeine Sensationsgier von ihr nachgerade forderte, werden der Herzogin nun zum Vorwurf gemacht, werden ihr zum Verhängnis werden.

Mit Heyse und Sitka, die ihre Stimmen im Reigen der Rollen- und Partnerwechsel sicher führen, glänzt Bart Driessen, der diese Charaktere schon zum zweiten Mal gestaltet, als Herzog und als Scheidungsrichter. Ersterer hat nicht nur einen Auftritt wie der Komtur, sondern darf sich auch, als ihm seine Geliebte die Seitensprünge der Gattin offenbart, rechtschaffen männlich entrüsten und besagtes Polaroid in der Luft zerfetzen. Bei zweiterem ergänzt Driessen einen Riesenhampelmann um sein per Livekamera gefilmtes Gesicht, der Gesetzsprecher, der die Herzogin für pervers und ergo schuldig erklärt, als bigotter In-ihren-Unterrock-Wichser, den vor Geifer ein genitaler Blutsturz ereilt. Was Driessen nicht davon abhält, seine Arie vortrefflich zu Ende zu singen. Als Hotel Manager wird es, wieder 1990 angelangt, seine Aufgabe sein, unter Absingen einer Art Requiem die mittlerweile verarmte Adelige aus dem Haus zu expedieren, wogegen sie sich ein letztes Mal einem freilich interesselosen Mann anbietet.

Davor stellt Ursula Pfitzner noch einmal ihr tragikomisches Können aus, 1970, da wird die Herzogin interviewt, erscheint als Karikatur ihrer selbst mit clownesk-groteskem Makeup und überkandidelter Perücke, den Hängebusen im pinken Kostüm verstaut und mit Plüschtierpelz verhängt. Aber während sie über ihre Schönheitsgeheimnisse schwadroniert, bricht durch ihren Smalltalk die Einsamkeit, der Jammer über den Verlust von sogenannten Freunden und Liebhabern. Noch einmal Tango, doch angeekelt zieht man sich von ihr zurück, und am Ende die Erkenntnis: „Die einzigen Menschen, die je gut zu mir waren, wurden dafür bezahlt.“ „Powder Her Face“ ein weiteres sehenswertes Kleinod der Volksoper im Kasino. Morgen wird Hausherr Robert Meyer verraten, was in der Saison 2019/20 am großen Haus und in der kleinen Spielstätte geplant ist. Man darf gespannt sein.

Video: www.youtube.com/watch?v=ISNsqcL9ZWg&t=77s  www.youtube.com/watch?v=2EWQ2Yo3a-c           www.volksoper.at

  1. 4. 2019