Akademietheater: Kommt ein Pferd in die Bar

September 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Parforceritt des Samuel Finzi

Samuel Finzi als selbstzerstörerischer Stand-up-Comedian Dov Grinstein. Bild: Bernd Uhlig

„Wer ist jetzt in den Siedlungen und drischt auf die Araber ein?“, fragt Dov Grinstein angesichts des ausverkauften Saals sein Publikum. Political correctness ist seine Sache ganz offensichtlich nicht; der Stand-up-Comedian ist ein Krakeeler, schwankt zwischen Publikumsbeschimpfung und Publikumshure, immer auf der Jagd nach dem nächsten faulen Witz, mit dem er die Wahrheit zur Wirklichkeit entstellen kann. Samuel Finzi spielt diesen Unangemessenen, fast zweieinhalb Stunden lang tobt und berserkert er über die Bühne des Akademietheaters, ist süffisant und vulgär, im einen Moment beleidigend, im nächsten sich wort- und tränenreich entschuldigend.

Finzi gibt sich als geborener Entertainer, seine bitterbös-humorige Darstellung hat was von Lenny Bruce, und ist dabei noch jüdischer. Der israelische Autor und Friedensaktivist David Grossmann – bei der Premiere anwesend und ob des Schlussapplauses ziemlich gerührt – hat den Dov Grinstein für seinen Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ erdacht. Regisseur Dušan David Pařízek fertigte eine Bühnenfassung des Buchs an, seine Inszenierung ist nun von den Salzburger Festspielen nach Wien übersiedelt.

Eine „etwas alternativ geratene Comedy Show“ nennt Dov seinen Auftritt. Zu seinem 57. Geburtstag tritt er zur großen Abrechnung an. Er, der seine Zuschauer fast so sehr wie sich selbst hasst, wird im Laufe des Abends allerdings alle Sympathie und noch mehr Mitleid auf sich ziehen. Zum Sterben krank scheint er zu sein, was ihn zur Beschäftigung mit dem Sein und Nicht-mehr-Sein drängt. Dov erzählt von Kindheit und wie es ist, ein Kind dieser Zeit zu sein. Vom Irrsinn im Staate Israel kommt er zu dem in der eigenen Familie – Vater und die schwer traumatisierte Mutter die einzigen Shoa-Überlebenden der ganzen Sippschaft -, er reißt schlechte Scherze über Dr. Mengele, gerät über die bildhafte Beschreibung eines Orgasmus als Kriegszustand zum Sinai-Feldzug, lästert über die Palästinenser-Politik und über das paramilitärische Jugendcamp, in das ihn die Eltern einst steckten.

Pitz lässt Dovs sarkastische Schale bersten: Samuel Finzi und Mavie Hörbiger. Bild: Bernd Uhlig

Am Ende wird aus Witz die Wahrheit: Samuel Finzi und Mavie Hörbiger. Bild: Bernd Uhlig

Diesen psychischen Parforceritt begleitet Pařízek mit denkbar kargsten Mitteln, und erzielt mit seiner szenischen Sparsamkeit größte Wirkung. Finzi spielt mit seinem Schatten auf der das Bühnenbild bildenden Holzwand sowie an gegen Gelobte-Land-Klischees. Er rennt gegen beide, wird sich in der Hitze des Wortgefechts den Anzug in Fetzen reißen und das Gesicht blutig schlagen. Und dann ist da die Frau, „Maniküre und Medium“, die sich als Kindheitsgefährtin enttarnen wird – Pitz, von pitzkele, winzig.

Und wie die Wand fällt, birst auch Dovs sarkastische Schale, wenn sich das ehemalige Nachbarsmädchen an einen ganz anderen Dovele erinnert. „Du warst ein guter Junge“ beteuert sie und widerspricht den Schilderungen Dovs immer wieder mit einem bestimmten „So war das nicht“. Mavie Hörbiger schlüpft in die Rolle dieser naiv-ätherischen Feengestalt, die den vom Leben Beschädigten, sich selbst Beschädigenden immer wieder auf sich zurückwirft.

So wirken stärker als die Ausdeutung der israelischen Volksbefindlichkeit von NS-Regime zu Nationalitätsgesetz Dovs private Momente.

Lustig sei es gewesen, sagt Pitz, wie er stets im Handstand laufend seine Mutter von der Arbeit heimbegleitet habe. Doch Dovele erzählt die wirkliche Geschichte: Weil seine Mutter nach Auschwitz nicht mehr ertragen konnte, wenn Blicke auf sie gerichtet waren, hat der Sohn diese mit seiner Gaukelei auf sich gelenkt. Der Mensch wird von einer „willkürlichen äußeren Kraft, die mit Gewalt in das Leben, eine Seele, eindringt“, zugerichtet. Welch ein intensiver Theaterabend.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018

Boris Sawinkow: Das fahle Pferd

Dezember 7, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Wie man Terrorist wird

Sawinkow_Das fahle PferdEin Terrorist als Romanautor? Und noch dazu ein guter? Auf den ersten Blick erscheint das unmöglich, doch Boris Sawinkow – in der hervorragenden Übersetzung von Alexander Nitzberg – belehrt den Leser eines besseren. Wie wird ein Mensch zum Terroristen, wie denkt er, wie sieht seine Psyche aus? Fragen, die heute, nicht nur erst wegen der Anschläge in Paris, aktueller denn je sind, auch wenn „Das fahle Pferd“ über das zaristische Russland Anfang des 20. Jahrhundert handelt.

Der Ich-Erzähler George (Sawinkow) ist offiziell Staatsbürger Großbritanniens in Moskau. Niemand ahnt, dass er Terrorist und mit vier Komplizen angereist ist, drei Männer und eine Bombenbauerin. Ihr Ziel: Den Generalgouverneur zu töten. Jeder will die Bombe werfen, doch der erste Anschlag misslingt, alle fünf müssen fliehen. Nun heißt es für sie warten bis der richtige Moment wiederkommt. In den Monaten der Vorbereitung kreisen die Gespräche der Gruppe um alles und nichts, Gott, den Tod und die Liebe. Sawinkow beschreibt eine Atmosphäre, in der jeder Tag der letzte sein könnte. Wanja ist Georges einziger Freund, wenn es für diesen überhaupt so etwas gibt wie Freundschaft. Erna, die Bombenbauerin, liebt George, unerwidert, dafür wird sie von Mittäter Heinrich geliebt, den die Angst heimsucht, die Bombe könnte sie während der Fertigung in Stücke reißen. Alle haben ihre Gründe, warum sie Terroristen geworden sind.

Sawinkow knüpft mit „Das fahle Pferd“ an bestehende literarische Traditionen an. Seine Anti/Helden wirken, als wären sie unmittelbar dem Werk Fjodor Dostojewskis entsprungen. Der große russische Schriftsteller liefert bereits in „Die Dämonen“ ein Psychogramm der Nihilisten und Terroristen seiner Zeit der 1870-er Jahre. Sawinkows Akteure verkörpern typologische Gestalten, die für bestimmte Prinzipien stehen. Fjodor wurde Terrorist aus sozialen Gründen, Heinrich aus politischen, Wanja aus religiösen und Erna aus unglücklicher Liebe. George, ein Mann ohne Namen, Familie und Heimat, dagegen ist anders. Er hat einen viel schlichteren Grund: Er tötet einzig und allein, weil der Generalgouverneur getötet werden muss. George ist vollkommen desillusioniert und bleibt es bis zum Schluss. Er ist ein Schattenbild seiner Gesprächspartner ohne ein eigenes Wesen zu haben. Still und emotionslos geht er ans Werk. So ist auch der Roman geschrieben. Emotionslos, aber beängstigend eindringlich, sachlich. Sawinkow setzt in seinem Roman nicht nur die Techniken der Neuen Sachlichkeit ein, andere Dialoge erinnern an Dramen des Existenzialismus bis hin zum Symbolismus, wenn George etwa von Exotischen Blumen träumt oder sich vorstellt, wie das Gehirn des Generalgouverneurs zerplatzt. Und natürlich ist das Buch reich an religiösen Motiven, Anspielungen und Zitaten.

Liebe hat im Leben von George keinen Platz, weder zu den Menschen noch zu Gott. Nur einmal gerät er ins Wanken. Er verliebt sich hoffnungslos in die junge, verheiratete Jelena. Er löst das Problem auf seine bewährte Weise, wie er es eben kann: er tötet den Ehemann im Duell. Kurz überkommen ihn Selbstzweifel. „Ich habe einen Menschen getötet … Bisher hatte ich Gründe: Ich tötete nur im Namen des Terrors und im Namen der Revolution … Aber jetzt töte ich einzig für mich. Ich will es so, also töte ich. Wer soll mich richten? Wer soll mich freisprechen?“ Doch damit ist es mit der Reue auch schon wieder vorbei. „Ich bin ein Meister der roten Zunft. Ich will auch in Zukunft mein Handwerk ausüben. Tag für Tag, Stunde für Stunde werde ich Morde ausbrüten … Und so fort bis zum Galgen, bis zum Grab.“ Vielleicht ist er der Auserwählte, der dämonische Reiter auf dem „fahlen Pferd“, von dem die Offenbarung des Johannes spricht?

Für George gelten keine Gesetze, weder die des Staates noch die der Moral. Wie Jörg Baberowski in seinem Nachwort über die „Phänomene der Macht“, wie sie Heinrich Popitz erläutert, schreibt: „Gewalt ist eine menschliche Handlungsmöglichkeit. Jedermann kann drohen, schlagen und schießen. Selbst der Geringste, dem niemand zuhört, kann einen Machtgewinn erzielen, wenn er verletzt oder tötet. Wer Gewalt ausübt, bleibt im Gespräch. Darin liegt die Attraktivität gewalttätiger Handlungen. Man kann sie nicht ignorieren. Und deshalb wird es immer Menschen geben, die töten, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten.“ Am Ende – das zweite Attentat ist erfolgreich – ist es folgerichtig auch nur George, der am Leben bleibt, und schließlich von den Mitgliedern seiner politischen Fraktion – den Sozialrevolutionären – einen neuen Auftrag zum Töten erhält. Doch er zögert. „Ich war Terrorist. Jetzt aber will ich den Terror nicht. Wozu der Terror? Für die Marionetten? … Wer nicht lieb hat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe. Ich liebe nicht, und ich kenne Gott nicht. Den kannte Wanja. Kannte er ihn?“ Nachsatz: „Mein Revolver ist bei mir.“

Die vorliegende Übersetzung berücksichtigt erstmals den gesamten, unzensierten russischen Text und folgt der 1913 in Nizza erschienenen, vollständigen unzensierten Ausgabe aus Sawinkows Hand. In Russland selbst wird seit Jahrzehnten fast ausschließlich eine verkürzte Version veröffentlicht. Den Text begleitet ein Dossier mit einem umfassenden Nachwort von Alexander Nitzberg, der das Buch erstklassig übersetzt hat, einem Nachwort Jörg Baberowskis über das Verhältnis Sawinkows zum Terrorismus sowie die erstmals ins Deutsche übertragenen Aufzeichnungen Sawinkows über einen hingerichteten Mitterroristen „Erinnerungen an Iwan Kaljajew“.

Über den Autor:
Boris Sawinkow (1879–1925), eigentlich W. Ropschin, wurde 1906 nach einer Vielzahl erfolgreicher Attentate (unter anderem gegen den Innenminister Plehwe und den Großfürsten Sergei Romanow) festgenommen und wegen Terrorismus zum Tode verurteilt. Es gelang ihm jedoch die Flucht aus dem Gefängnis in Odessa. Im Pariser Exil schrieb er 1908 „Das fahle Pferd“. Während der Revolution war er Gegner der Bolschewiken und zeitweise stellvertretender Kriegsminister unter Kerenski. Danach plante er zahlreiche Umsturzversuche und Terrorakte gegen die Bolschewiki. Im zweiten Exil schrieb er seinen bekannten autobiografischen Text „Memoiren eines Terroristen“ (1917) und die Fortsetzung von „Das fahle Pferd“, den Roman „Das schwarze Pferd“ (1924). 1924 wurde Sawinkow mit fingierten Briefen von Agenten des Geheimdienstes NKDW nach Russland gelockt und festgenommen. Tod am 7. Mai 1925 durch Sturz aus dem 5. Stock des Gefängnisses Lubjanka in Moskau.

Verlag Galiani Berlin, Boris Sawinkow: „Das fahle Pferd“, Roman, 304 Seiten. Aus dem Russischen übersetzt, kommentiert und mit einem dokumentarischen Anhang versehen von Alexander Nitzberg. Mit einem biographischen Nachwort von Jörg Baberowski.

www.galiani.de

Wien, 7. 12. 2015