Akademietheater: Die Stühle

April 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine groteske Endzeit-Clownerie

Die Alten erinnern sich vergnügt an vergangene Tage: Maria Happel und Michael Maertens. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Ganz am Schluss, da ist die Bühne schon bis auf „Die Stühle“ leer, schrillt noch einmal die Theaterklingel, ist das Gemurmel eines platznehmenden Publikums zu hören, Programmhefte rascheln, Füße scharren.

Ein schönes letztes Bild für Eugène Ionescos surreale Stücksituation, und von Regisseur Claus Peymann derart als Spiel-im-Spiel gekennzeichnet.

 

Mit seiner Inszenierung der vom Autor so genannten „tragischen Farce“ am Akademietheater verabschiedet sich der einstige Burg-Herr vom Haus. Nicht von Wien, soll er sich doch dem Vernehmen nach kommende Saison mit Thomas Bernhards „Ein Fest für Boris“ an der Josefstadt beheimaten. Das passt punkto Liebe zu Schauspielern und zum Schauspielertheater exemplarisch: Für „Die Stühle“ hat sich Peymann aus dem Ensemble zwei Publikumsmagneten auserkoren, Maria Happel und Michael Maertens, und deren Lust an der Ausübung ihrer Profession lässt er ohne viel Regie-Chichi freien Lauf. Zu dritt, und wegen Peymanns Erkrankung an einer Virusgrippe in den Endproben plus Leander Haußmann, hat man beschlossen, das Endzeitdrama als groteske Clownerie anzulegen.

Eine Übung, die Happel und Maertens naturgemäß aus dem Effeff beherrschen: Immer schnell, bevor die Postapokalypse allzu sehr im Greisensentiment versinkt, ein wenig Slapstick einzusetzen – die Happel eine Lachwurzn, der man ohnedies nicht widerstehen kann, Maertens als ihr quengeliger Muttersöhnchen-Ehemann, der mitunter auch auf ihrem Schoß Schutz sucht.

Dass die Maske sie als eine Art Stummfilmpaar ausweist, verstärkt den Eindruck, auch die Kostüme von Margit Koppendorfer, für Die Alte ein tiefdekolletiertes Colombinenkleid, darunter rote Strapse – sieht man, als Happel kurz zum Cancan ansetzt, für Den Alten eine bis über die Bauchmitte hochgezogene Altherrenhose. Über der zunehmend von Sitzgelegenheiten zugemüllten Bühne von Gilles Taschet gibt ein kaputter Kristallluster nur noch schwach-funzeliges Licht, in seinen Armen hat sich eine einsame Luftschlange verfangen, als wär‘ sie eine Reminiszenz an vergangene Feste. Zwischen unzähligen Türen, durch die die imaginierten Gäste nach und nach eintreten, und zwei Leitern Richtung Nirgendwo bereiten Poppet und Semiramis die Verkündung von Laienphilosoph Poppets Botschaft an die Nachwelt vor.

Poppet und Semiramis verlieren sich zwischen den Stühlen: Michael Maertens und Maria Happel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Dem Redner fehlt es an Selbstlauten: Mavie Hörbiger malt die Zeichen an die Wand. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Maria Happel und Michael Maertens zuzusehen, ist die reine Freude. Es geht gar nicht anders, als mitzukichern, wenn er ihr „die Geschichte“ erzählt, die sich einem zwar nicht erschließt, aber offenbar mit Paris und Varieté-Milieu zu tun hat, oder schadenfroh zu schmunzeln, wenn sie sich über seinen mangelnden Ehrgeiz beschwert, wo er doch Chef-Soundso werden hätte können. Von Moment zu Moment kippt Maertens vom Lächerlichen ins Weinerliche, vom Hysterischen ins Herrische. „Trink deinen Tee“, schnauzt Poppet Semiramis immer wieder an, und Happel formt gehorsam mit den Händen eine entsprechende Tasse.

Später wird sie Programme und Bonbons zum Verkauf anbieten, er Chansons brummeln. Es ist dieses virtuose Interagieren, das reduzierte Spiel mit Gesten und Abstraktionen, das den Abend auszeichnet. Wunderbar auch, wie die beiden die diversen herbeifantasierten Honoratioren in Empfang nehmen, von den gnädigen Frauen bis zu den Obristen, die Journalisten als überlebensgroß angedeutet, an die jeweilige Persönlichkeit angepasst mal charmant, mal zackig, mal katzbuckelnd, Poppets konfuse Komplimente, echohaft wiederholt von Semiramis. Wie Happel und Maertens mit den Unsichtbaren kokettieren

– „Sie sind ja ein Wüstling!“, ruft die Happel einem davon zu, wie sie so verpuffte Träume und verwehte Sehnsüchte als Andeutung stehenlassen, das ist beinah schon psychologische Ehekriegsführung zu nennen. Dann wieder ein Zueinander-Flüchten, als man sich zwischen den Stühlen verloren glaubt.

Zu Leonard Cohes „Show Me The Place“ wird schließlich die Nebelmaschine angeworfen, um die Ankunft des Kaisers höchstselbst anzukündigen. Für ihn schwebt ein Stuhl samt Samtkissen vom Schnürboden herab. Auftritt endlich Mavie Hörbiger als Der Redner, der Poppets Sinnieren über den Sinn des Daseins wiedergeben soll, jedoch nur unverständlich stammeln kann. Bei Peymann kommt er gar nicht wirklich zu Wort. Stattdessen schreibt er ein „Adieu!“ an die Wand, während die Alten als rote Luftballons aus ihrem Isolationsraum entschwinden. Einiges wurde nach dieser Premiere diskutiert, ob es erlaubt sei, den Leerlauf der menschlichen Existenz so leichthin auf die Bühne zu heben. Dabei, das hat Peymann gar nicht. Vielmehr gelingt es ihm, so lange die perfekte Balance zwischen Tragödie und Komödie zu halten, bis die beiden Kategorien ineinander verwischen. Diese „Stühle“ sind ein kleiner Triumph großer Schauspielkunst. Mehr ist von einem Theaterabend kaum zu verlangen.

www.burgtheater.at

1. 4. 2019

Burgtheater: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

März 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen

Die Unschuldigen und "Ich" - Christopher Nell Bild: Monika Rittershaus

Die Unschuldigen und „Ich“ – Christopher Nell
Bild: Monika Rittershaus

Als gleich zu Beginn die Ruine einer Imbissstube oder Bushaltestelle oder Bedürfnisanstalt mit Getöse aus dem Boden fährt, ist klar: Hier wird mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen ans Werk gegangen. Ein Glück. Denn ohne Claus Peymann und seinen Ideenreichtum und die glänzenden Schauspieler des Burgtheaters und des Berliner Ensembles wäre dieser Abend nicht auszuhalten. Auch so fielen ringsum einige Augenpaare zu, wurde die Pause von etlichen zum geeigneten Fluchtzeitpunkt erwählt. „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ ist naturgemäß nicht Peymanns erster Peter Handke. Aber mutmaßlich noch nie musste der gewiefte Theaterfuchs so tief in die Trickkiste greifen, um gegen das autobiografische Therapieschreiben des großen Dichters anzuinszenieren.

Freilich ist der pseudopoetische Text, der drei Stunden lang an sich selbst entlangmäandert, kein ausgewiesenes Alter-Ego-Drama, und doch … eine tiefenpsychologische Nasenbohrung, eine verquatschte Nabelschau. Denn Handke entwirft sein Bühnen-„Ich“ – im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“, entwirft also sich als eine Art Wladimir ohne Estragon, der Gott an sich und der Welt im Besonderen seinen Senf beigibt. Das ist in der ersten Stunde neckisch, dann ein Spiel von der Frage, wie lange das szenisch durchzubringen ist. Peymann hat alles dazu unternommen und viel erreicht. Es ist in diesem neuerlichen Kräftemessen der beiden alten Kampfgefährten so, als würde Peymann eine Seite an Handke (er)kennen, die der selbst gar nicht so sieht: er macht den Moralisten zum Humoristen, zum sanften Satiriker am Menschsein. Und erste Kräfte stehen ihm dabei zur Seite.

Christopher Nell beschreitet als „Ich“ die lebenslangen Kalvarienbergstationen dieses anderen, autorenschaftlichen Ichs. Und er tut das umwerfend großartig. Kein Sommerbrand, kein Winterwind kann ihn aus der von Karl-Ernst Herrmann hell erleuchteten Steilkurve tragen, stets spielt er an der Kippe des Möglichen, sich selbst aufs Spiel setzend. Seine mit Kleinodien aus dem klassischen Zitatenschatzkästchen und Kirchenliedern gespickte Suada weist ihn als geschwätzig altkluges Bildungsbürscherl aus, und diesbezüglich bleibt er kein rarer Vogel, wenn er sich derart zugerüstet in Kapitalismus-, Kulturismus-, wasauchimmer-ismuskritik übt, immer noch stürmisch kollektiv-kärntnerische Erinnerungsarbeit leistet, sich am Mutter-Sohn- und weiteren Mann-Frau-Konflikten abarbeitet. „Nofretete!“ ruft er beim Anblick von Maria Happel, „heißt das nicht: Die Schönheit ist erschienen!? La beauté est apparue. La belleza e aparecida.“ Ein Schelm, wer dabei an sich selbstvergewissernde Hirnwichserei denkt. Dass Nell zu alldem ein Orchester an darstellerischen Instrumenten bedienen kann, mal im Big-Band-Sound, mal wie als Violinsolo die Gemütsregungen eines sich der Öffentlichkeit Aussetzenden durchleidet, ist große Kunst. In seinen schönsten Momente lässt der Schauspieler dessen latent allmachtsfantastische Anwandlungen durchscheinen, alles kontrollieren zu wollen, was an der Landstraße passiert. Das Genie glaubt sich zwischen Wahn und Sinn.

Und wie um nicht an sich selber zu ersaufen gibt’s deshalb Texteinsprengsel à la „Ich meines Mannes um und auf, und er mein Drum und Drauf“ (Happel als kichernd-glucksende „Wortführerin“) oder, und dies der persönliche Favorit, „Die Schnepfe des Lebens schwebt vorbei, nur ein guter Schütze kann sie fassen“ (Regina Fritsch als domina-nte „Unbekannte“). Derlei ornithologische Ausführungen lassen einen doch fassungslos zurück. Peymann zeigt dazu die Unschuldigen als an Handyfonitis leidend, was ältere Herren am heute halt so aufregt. Müsste man in Verzweiflung anfangen in Allegorien zu denken, man könnte das „Ich“ als Autor interpretieren, den „Wortführer“ als dessen Regisseur, quasi Fundi und Realo des Bühnenbetriebs, weshalb zwischen beiden auch eine existenzielle Degenfechterei stattfindet, und die „Wortführerin“, sich anbietend, anbiedernd, verletzt bis zur Vernarbung, als das Theatrale an sich. Dann bliebe für die „Unschuldigen“ die Rolle des unbedarften Publikums, der Part einer von der Künstlergeistesgröße unterstellt ahnungslosen Mehrheitsbewegung, die Masse liebt Dichte, nicht Dichter. Die „Unbekannte“ aber ist das Erklärende, Rezensierende oder zumindest sich daran Versuchende. Nur ein Gedankenspiel, während es an der Rampe more of the same und eine Handvoll Plastikkletten gab …

Martin Schwab gibt den „Wortführer“ rülpsend und Kaugummifäden ziehend mit Alt-68er-Zopferl. Er ist ein Bedeutungsgläubiger, der die Anklage führt, dass hier weder Antworten noch Informationen geboten werden, und muss sich deshalb als „ewig Heutiger“ schimpfen lassen. Das alles ist der typische Fall, wo einer oberg’scheit vor sich hin salbadert und die, die nix verstehen vorsichtshalber „Ja, ja!“ sagen, um angesichts der Großwortssucht nicht dumm dazustehen. Muss ich mir’s dort dazu denken, wo man mir nichts zu sagen hat? Von der Seite schneit es alte Fahrscheine, Rechnungen, Kinokartenabrisse, Einkaufsgutscheine, Papierschnipsel des Lebens, man kann sie an der Literaturlandstraße auflesen. Explodiert mitten im Handke-Hochamt prätentiös eine Monstranz. Stirbt die Happel mit zuckenden Beinchen den Theatertod, als wär’s eine Reminiszenz an Heinrich Schweiger als Claudius im Brandauer-Hamlet. Als schließlich mit dem Ende kein Ende gefunden werden kann, fühlt man sich in diesem Beliebigkeitskanon an Ressentiments und Räsonierereien endlich aufgenommen, das kennt man, schon die Hände zum Schlussapplaus in die Höh‘ gerungen, und doch kriegt man noch eins drauf.

Unterm Strich also: Hat Peymann Handke von seiner Bedeutungsschwangerschaft entbunden. Hat mit verschmitzter Verspieltheit den verzwickten Diskurs der Prosa/Drama-Queen applaniert. Hat den Abgehobenheitstext des weltflüchtigen nicht Wut-, sondern vielmehr Grummelbürgers geerdet. Dass das aufgrund der mangelnden Kohärenz der Vorlage eine ebenso sinnbefreite Kunstgewerbeübung ist, wie manche meinen, lässt sich so nicht sagen. Immerhin kann man sich von viel Theaterzauber behexen lassen.

www.christopher-nell.de

www.burgtheater.at

Wien, 21. 3. 2016

Burgtheater: Karin Bergmann folgt Hartmann

März 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hermann Beil wird „ehrenamtlicher Berater“

Karin Bergmann und Josef Ostermayer  Bild: Andy Wenzel/BKA

Karin Bergmann und Josef Ostermayer
Bild: Andy Wenzel/BKA

Kulturminister Josef Ostermayer ist ein Mann der schnellen Entschlüsse. Und der guten. Das ehrt ihn. Dienstagabend traf er seine Protagonisten zum Entscheidungsgespräch, heute Mittag hat er seinen Entschluß bekannt gegeben: Karin Bergmann übernimmt nach der fristlosen Entlassung von Matthias Hartmann in der Vorwoche bis August 2016 interimistisch die Führung des Wiener Burgtheaters. Diese Entscheidung präsentierte Ostermayer  gemeinsam mit dem Burg-Aufsichtsratschef Christian Strasser. Hermann Beil (72) wird als „ehrenamtlicher Berater“ fungieren. Bergmann (60) war Burg-Vizedirektorin und ist die erste Frau in der neuen Position, ein Provisiorium, das typisch österreichisch gern zur Dauerlösung werden könnte. Beil war Claus Peymanns früherer Kodirektor am Burgtheater und ist sein jetziger Chefdramaturg am Berliner Ensemble. Er ging mit ihm auch schon eine Hose kaufen, war mit ihm essen und auf der Sulzwiese … Vor-/Nachteil: Beil ist ein Unbestechlicher, der es immer schon abgelehnt hat, Theaterintendanzen zu übernehmen.

Ostermayer, der die letzten Tage intensive Verhandlungen führte, scheint wichtig, dass eine Profin die Burg übernimmt, niemand aus dem Ensemble. Er braucht Troubleshooter. Und Bergmann darf zugetraut werden, die Burg-Krise samt ihres Budget-Fehlbetrags von bis zu 13 Millionen Euro zu stemmen, vielleicht wäre eine Art Hypo Alpe Burg (dass Hartmann nie auf diesen Slogan gekommen ist: Alpe Burg Adria) drin, damit hat man hierzulande ja Erfahrung, und sich auch beim kommenden Kultur-Sparpaket von den Politikern nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Dass sich die Verhandlungen um die interimistische Intendanz als so schwierig erwiesen, hat Gründe. Bergmann hatte Spannungen mit dem mächtigen Holding-Chef Georg Springer, dessen Position aber seit der Krise nicht mehr so stark ist. Bergmann wirkt stets ausgleichend, um Ruhe zwischen entwaigen Streitparteien bemüht. Sie war unter anderem Peymanns, mit dem die gebürtige Deutsche nach Wien gekommen und zwei Jahrzehnte am Haus tätig war, und Rudi Klausnitzers Pressesprecherin, als der noch Intendant der Vereinigten Bühnen Wien war. Sie war ab 1999 Vize-Chefin unter Nikolaus Bachler, der ihr viel freie Hand ließ, und zeichnete 2008, als dieser ein Jahr vor Vertragsende die Bayerische Staatsoper übernahm, hauptsächlich für den Betrieb verantwortlich. Mit dem entlassenen Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann verstand sie sich nicht, und sie verließ das Burgtheater in die Pension.

„Ich habe viele Ideen“, sagte Karin Bergmann in einer ersten Stellungnahme, wolle diese aber zuerst mit ihren Mitarbeitern besprechen. Das Burg-Ensemble begrüßte die Bestellung Bergmanns mit minutenlangem Applaus. „Sie ist eine Person, mit der man tatsächlich auf Augenhöhe reden kann“, lobte Ensemble-Vertreter Roland Koch. „Mit ihr beginnt heute am Haus eine neue Zeitrechnung.“

www.burgtheater.at

Wien, 19. 3. 2014