Burgtheater: Faust

September 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction ohne Professor und Teufelspudel

Mephisto und Faust gehen in den Infight: Bibiana Beglau und Werner Wölbern begeistern das Burgtheater-Publikum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tschin! Bumm! Krach! Ohne lange zu fackeln gehen zwei Alte in Flammen auf, daneben wird gekokst, geschossen und gefickt, und die diversen dazugehörigen Körpersäfte fließen in Strömen. Am Burgtheater hatte gestern Abend Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus dem Resi Wiener Premiere, und der ist in dessen Interpretation ein abgefuckter Übeltäter, das Haar fett, Hemd und Hose schlampig, ein Macher, dem’s bereits aufs Gemeinste ans Eingemachte ging.

So, dass er sich von Gott und der Welt nichts mehr vorgauckeln lässt. War er mal Banker, Börsenmakler? Auf jeden Fall ein wachstumsfanatischer Kapitalist – und sicher ein Todsünder, dessen Hochmut, Habgier, Hemmungslosigkeit Kušej als spukhafte, sogwirksame Pulp Fiction präsentiert. Ein Vorhaben, für das er nicht nur der Tragödie ersten und zweiten Teil ineinanderschiebt, sondern auch Neuverfasstes von Autor Albert Ostermaier verwendet. So beginnt die Aufführung denn auch mit Barbara Petritsch und Jürgen Stössinger als Philemon und Baucis, deren Sterben im Faust’schen Feuer gleich einmal die Richtung des programmatisch Kommenden vorgibt: Zeit, die aufs Elitär-Europäische beschränkten Bildungsalleinansprüche niederzubrennen!

Der bis ins Parkett fegende Gluthauch geht ebenso aufs Konto von Ausstatter Aleksandar Denić wie das Bühnenbild, eine sich ständig drehende Kulisse, angesiedelt zwischen „Modern Times“ und „Metropolis“, nachtfarbene Industriearchitektur samt Kran, als wär’s die Zeche, die Faust noch bezahlen wird müssen. Werner Wölbern spielt diesen von seinen Trieben fiebrig Getriebenen, der auf der Suche nach Erlösung durch Denićs zweigeschossiges Labyrinth irrt, wobei ihm der Daseinssinn nicht nach Metaphysik oder Aufklärung, weder nach hohem Geist noch tieferer Erkenntnis steht, sondern danach, jedes Tages Lust zu maximieren. „Honi soit qui mal y pense“ prangt in Leuchtbuchstaben über dem Ganzen, und schon wird der Osterspaziergang zum obszönen Akt.

Faust fackelt Philemons und Baucis ab: Werner Wölbern. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tanz mit dem Teufel: Werner Wölbern und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Passanten flanieren nicht durch den Frühling, sondern sind Schlägertypen und deren Schlampen, eine verdorbene Brut, wo’s jeder mit jedem treibt. „Hier bin ich Mensch“, zitiert Wölbern den Geheimratstext, muss sich aber whiskeytrunken von Jörg Lichtensteins Wagner – Typ: Seicherl im Strickpullunder, einer, der den Chef in Weissglut versetzt – erst zum Kotzen bringen lassen, bevor er sich ins Getümmel werfen kann. Alldieweil Auftritt Bibiana Beglau als Mephisto, der Luziferin rechte Hand so geschwärzt wie das Leder, das sie sich vom Leib reißt und dabei zwei immer noch schwärende Wunden, wo einstmals ihre Engelsflügel waren, entblößt.

Nach ihrer furiosen Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34528), stellt sich die Beglau dem Burgtheater-Publikum nun endgültig als das Theaterwunder vor, das sie ist. Beglaus schockierend schamloser Exhibitionismus kennt keine Schranken, die lasziven Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Stimme, die zwischen lapidaren Ansagen und hinterlistigem Aufstacheln mal bricht, mal schrillt, sind ebenso atemraubend wie ihr bestrapstes Vorführen von Vulgarität. Noch traumatisiert vom Höllensturz, agiert sie manisch in ihrem Krieg gegen Gott, ist aber abgeklärt, was das Wesen seiner Geschöpfe betrifft, und beides kommentiert sie mit boshaft schlauem Witz. Wenn schon Goethe seinen Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ gedichtet hat, so kommt Beglau dieser Charakterisierung bestechend nahe.

Zum Pakt mit Faust trägt Mephisto später eine blutbefleckte Metzgerschürze – sie hat wohl wo gemetzelt -, bevor sie dessen Verlangen nach Exzess-Erlebnissen erst auf einer Technoparty, dann im Fight Club à la „Auerbachs Walpurgisnacht“ zu stillen versucht. Faust wird, bei ersterer zugedröhnt, im zweiteren vermöbelt, von der Sadomaso-Hexe verjüngt. Marie-Luise Stockinger nimmt als solche in blonder Beautyqueen-Aufmachung schon mal Margaretes wichtigste Sätze vorweg, vom ungeleiteten Fräulein zur Gretchenfrage, bis sie sich bei Mephisto an die Fellfellatio macht, ein gekicherter Orgasmus, dessen „besondren Saft“ Faust zu schlucken bekommt.

Jungbrunnen-Sex bei der Hexe: Bibiana Beglau, Werner Wölbern und Marie-Luise Stockinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Alexandra Henkel als Frau Marthe, Werner Wölbern, Andrea Wenzl als Margarete und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Margaretes blutiges Ende im weiß getünchten Kerker: Werner Wölbern und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Den surrealen Dreier Faust-Mephisto-Hexe wird Regisseur Kušej später im flotten Vierer Faust-Mephisto-Margarete-Frau Marthe spiegeln, Alexandra Henkel dabei eine miniberockte, sexbesessene Nutte, die besonders gern Mephistos hengstlangen Schwengel zwischen ihren Schenkeln aufnimmt, Andrea Wenzl als Margarete hingegen unschuldig keck wie ihres Erfinders Heideröslein. Dass ihr Leben in einem tarantinoesken Babyblutbad endet, Margaretes Kammer/Kerker ist als Rotkontrast der einzige weiße Raum im Setting, ist eben – Pulp Fiction. Samt Overkill an Waffenhändlern, Geldwäschern, Zuhältern, Terroristen und einem kindlichen Selbstmordattentäter.

Neben Petritsch, sie auch Margaretes hier hinzugefügte Mutter, Henkel und Stockinger, sind die Rollen des Valentin mit Daniel Jesch, eines jungen Manns mit Max Gindorff, eines Flaneurs der Nacht mit Arthur Klemt und eines Mafiapaten mit Robert Reinagl neu besetzt. Herzstück der Aufführung ist aber der intellektuelle Infight von Faust und Mephisto, der gefühlsverwahrloste Sichverwirklicher, der längst begriffen hat, dass da nichts mehr ist, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, und der tatsächlich arme Teufel, der sein Leiden an Gott und ebendieser mit flapsigem Sarkasmus zu übertünchen trachtet.

Wobei das Aufeinanderprallen der beiden, der sleeken Androgynen mit dem herrischen Alphamann, etwas durchaus Herb-Erotisches hat, wenn sie ihm nach Unterzeichnen des Pakts brünstig über den Mund leckt oder er sie wegen Befehlsverweigerung in einer Beischlafpose zu Boden ringt. Zum Ende, Margaretens Ende, schließlich der finale gemeinsame Blick ins Publikum, um mit diesem unisono festzustellen, dass das alles eigentlich nichts gebracht hat. Das ist Nihilismus der heftigsten Sorte!

Wenn Martin Kušej sein Mitbringsel aus München als Faust-Schlag in die Magengrube der hiesigen Zuschauer geplant hat, so ist die Übung gelungen. Mit viel Effekt hat er Goethes Werk auf Endzeitthriller gebürstet, hat es zum ekelhaften Endspiel einer geilen, gierigen Gesellschaft gemacht, in der keine Kraft mehr Gutes schafft. „Faust“ aus Kušejs Sicht ist ein Bühnen-„Film noir“ mit der Wucht jener Theaterüberforderungen, mit denen sich der neue Burgtheaterdirektor dereinst seinen guten Namen gemacht hat. Dass er fürs Haus ein Händchen hat, zeigt sich mit dieser Inszenierung, die in vielerlei Hinsicht nahtlos an Ulrich Rasches Saisoneröffnungs-„Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) anschließt, allemal.

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  1. 9. 2019

Burgtheater: The Party

September 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das linksliberale Idyll kippt aus der Balance

Gesundheitsministerin, ade: Während Janets Wahlkampf ging Bills Liebe flöten: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

„Bill krank. Zwischen uns aus.“ So knapp, per SMS, werden heute Beziehungen beendet. Es ist Janet, die diese Kurznachricht in ihr Handy klopft, an wen diese adressiert ist, wird noch der Clou des Abends werden und die Feierlaune im Freundeskreis endgültig zunichte machen. Regisseurin Anne Lenk, eines der vielen neuen Gesichter, die Martin Kušej in Wien präsentiert, brachte gestern am Burgtheater Sally Potters Stück „The Party“ zur deutschsprachigen Erstaufführung.

Die britische Filmemacherin hat ihr tragikomisches Kino-Kammerspiel aus dem Jahr 2017 mit Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz und Timothy Spall (www.theparty-derfilm.de) selbst für die Bühne adaptiert, zum hörbaren Amüsement des Publikums, Lenk und Dramaturgin Sabrina Zwach sich neun Tage vor der Nationalratswahl naheliegende Querverweise auf österreichische Politquerelen jedoch erspart. Man belässt’s bei very british, und dass die Inszenierung auch so zündet, hat wohl in erster Linie mit den hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern zu tun, bis auf Christoph Luser alle „alte Mann/Frauschaft“, und damit, dass Brexit-Boris Johnson auch hierzulande medial allgegenwärtig ist.

Die Story, die Sally Potter erzählt, ist eine grausame, zeigt sie doch, wie schnell das liberale Idyll „of what is morally right and politically left“ aus der Balance kippen kann, wenn Persönliches beginnt, das Politische zu unterminieren. Die Zuschauer sind zu Gast auf einer Party zu Ehren von Janet, die eben zur Gesundheitsministerin des sozialdemokratischen Schattenkabinetts gewählt wurde (die im Englischen gegebene Ambiguität „Party = Fest + Partei“ geht im Deutschen verloren), und in deren Verlauf drei von vier Paaren ihre Beziehung in Schutt und Asche legen werden.

Eingeladen haben Janet und ihr Ehemann, der Antikenexperte Bill: Janets längst gediente Freundin April, die seit Studientagen revolutionären Aktionismus dem Parlamentarismus vorzieht, und ihren Lebensgefährten, den esoterisch angehauchten Lebenscoach Gottfried; das lesbische Ehepaar Jinny und Martha, von denen erstere gerade erfahren hat, dass sie dank In-virto-Fertilisation mit Drillingen schwanger ist – mit ausschließlich Buben; sowie den ein wenig aus der Labour-Art schlagenden Slim-Fit-Banker Tom und seine Frau Marianne, die eben erst zu Janets engster Mitarbeiterin avanciert ist. Diese Marianne allerdings wird in den gesamten 90 Minuten Spielzeit nicht physisch auf der Bildfläche erscheinen, denn …

Das großartige dreigeschossige Bühnenbild: Regina Fritsch, Markus Hering, Peter Simonischek und Barbara Petritsch im Wohnzimmer, oben: Katharina Lorenz auf dem Weg zur Wohnungtür. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Partykrise: Barbara Petritsch, Dörte Lyssewski, Peter Simonischek und Regina Fritsch, oben: Christoph Luser in der Küche. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Fürs nun Folgende hat Bühnenbildnerin Bettina Meyer eine grandiose Kulisse erdacht, das Innere eines bereits Gebrauchsspuren aufweisenden Hauses auf drei Ebenen, unten das Wohnzimmer mit Bills wandfüllender Vinylsammlung und ein schwarzgekacheltes Badezimmer, in der Mitte die Küche und ein Ankleideraum, oben der Flur, der zum Eingang führt. In diesem Setting ist es eine originelle Idee von Anne Lenk, beispielweise April auf Etage zwei die Haustür öffnen zu lassen, während Jinny aber auf Etage drei eintritt, oder Tom ins imaginäre Bad auf Etage drei zum Koksen zu schicken, obwohl er sich eigentlich im Waschraum Etage eins befindet. Derart sind nicht nur fast filmisch schnelle Schnitte möglich, sondern werden die Situationen, denen Sally Potter ihre Figuren aussetzt, auch auf witzige Weise miteinander verbunden.

Mit dem Ensemble des Burgtheaters ist es naturgemäß ein Leichtes, aus Potters übertrieben holzschnittartig entworfenem Personal dreidimensionale Charaktere zu formen, Menschen zwischen Eigensinn und Eigennutz, über deren mit trockenem Humor vorgebrachte kleine Heucheleien und mittelgroße Lügen man in Komplizenschaft lachen kann. Zur nicht und nicht aufkommen wollenden guten Laune, kann man nur sagen: Stimmung geht anders! Aber die Anwesenden sind allesamt zu intellektuell, zu vernunftgesteuert für Ausgelassenheit, diese bourgeoisen Bohemiens, die gern gutbürgerlich leben, alldieweil sie im linken Gedankengut schwelgen.

Als ultimativer Partycrasher erweist sich Bill mit seiner schockierenden Feststellung, todkrank zu sein und die ihm verbleibenden Monate mit seiner Geliebten verbringen zu wollen. Peter Simonischek spielt Bill als geistesabwesenden Schallplattenaufleger, dessen Herzenswärme für Janet im Zuge ihrer Wahlkampftour, bei der er ihr – welch emanzipatorischer Traum! – den Rücken freigehalten hat, vollends erkaltet ist. Köstlich, wie er Janets machtstreberische Suaden schon auswendig kennt und die Worte hinter ihr nachäfft. Wenn aber Simonischeks Bill etwa bedauert, dass Janet „seit Jahren nichts mehr an mir bemerkt“, dann sind das die Momente, an denen Gags und Situationskomik zurücktreten, und der Spaß auf Messers Schneide steht.

Durch Bills und sich plötzlich aneinanderreihende weitere Geständnisse gerät das Geschehen aus den Fugen. Konflikte brechen auf, Ängste tauchen auf. Die Partygäste sehen auf einmal ihre Korrumpier- und philanthropische Haltbarkeit verhandelt, mit verheerender Feuerkraft – und, apropos: es befindet sich eine Pistole auf der Bühne – treibt man einander zum Äußersten, wobei man in Höchstgeschwindigkeit die drängenden Themen der Zeit durchdekliniert, die Krisen des Sozialstaats, vom schleichenden Demokratieverlust des Westens über Fehler im Gesundheitswesen bis zu Heuschreckenbanken und dem frauenpolitischen Stillstand. „Manchmal muss man so tun als ob“, konstatiert Janet. „Das hat für die Partei und für dich als Person nicht funktioniert“, erwidert Martha.

Lebenscoach Gottfried will Bill unterstützen: Markus Hering und Peter Simonischek, hinten: Katharina Lorenz. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Katharina Lorenz und Barbara Petritsch als lesbisches Ehepaar Jinny und Martha. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Tom kämpft mit einem Geheimnis und seinem schwachen Magen: Christoph Luser mit Dörte Lyssewski und Regina Fritsch als April. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dörte Lyssewski gestaltet die Janet mit Merkelscher Topffrisur und hart am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hin- und hergerissen in ihrer frauenschicksalhaften Doppelfunktion als Ministerin und Hausmütterchen wechselt sie flugs zwischen dem Belegen von Brötchen und dem Zu-Papier-bringen von Parteireden. Dass ausgerechnet ihr Ehemann zu einem Privatarzt gegangen ist, weil der alle Tests „zack, zack, zack“ erledigt hat, der Kassenarzt hingegen erst in zwei Wochen den ersten freien Termin gehabt hätte, ist für Janet ein schwerer Schlag, fürs Publikum ein mit Applaus bedachter Scherz.

Lange vor den Figuren selbst, sieht dieses deren Fassaden in sich zusammenfallen. Die Doppeldeutig- wie Doppelzüngigkeit häuft sich, der Rauch der im Ofen verbrannten Pasteten durchzieht das Haus, und Regina Fritsch als nie um einen zynischen Spruch verlegene April nennt Martha im Streit „eine erstklassige Lesbe, aber eine zweitklassige Denkerin“. Das kann Barbara Petritschs Martha, diese eine Professorin für Gender Studies, so freilich nicht stehen lassen, doch ist sie zu sehr mit der dauerkotzenden Jinny beschäftigt, und ihrer Furcht davor, ihre Zweierromanze zum fünfköpfigen „Kollektiv“ aufzustocken, um sich eine gepfefferte Replik überlegen zu können.

Der Eskalation ist noch nicht Genüge getan, es wird noch eine Champagnerflasche über einen Schädel gezogen und die Pistole gezückt und mit ihr geschossen werden. Die Gewaltspirale schraubt sich höher, als sich herausstellt, dass Bill seine Schäferstündchen in Marthas Appartement absolviert hat – hysterischer Ausraster Janet. Dies ein Liebesdienst in alter Verbundenheit, waren doch Bill und Martha auf der Uni kurz Sexpartner – aggressiver Ausraster der von Katharina Lorenz als kindlich wirkende, aber ein Kraftweib seiende verkörperten Jinny, weil „in Martha schon einmal ein Mann war“.

Und während Fritschs April den von Markus Hering dargestellten gutmütig-hilfsbereiten Tropf Gottfried in Permanenz disst, egal ob’s um seinen spleenigen Tanzstil oder seine Glaubenssätze von der Wahrheit als Lebenskonzept geht, bevor sie ihm eine Heirat anbietet, weil’s ihnen beiden mit ihrer Beziehungskiste immer noch besser geht, als dem Rest der Gruppe, hat Christoph Lusers Tom seine Nase endlich aus dem weißen Pulver gezogen. Er offenbart vor Anspannung schwitzend und von Weinkrämpfen geschüttelt, dass Bills Pantscherl seine Frau Marianne ist. Allein, Bill ist nicht der einzige mit dem Marianne eine Affäre hat …

„The Party“ in Anne Lenks Regie ist nicht zum Schenkelklopfen lustig, sondern eine satirisch auf pointierte Zwischentöne setzende Abhandlung darüber, wie schnell als liberal verbuchte Zivilisationsgewinne verpuffen, wenn’s den moralisch hochgetunten handelnden Personen ans Eingemachte geht. Die bös-stichelnde Aufführung am Burgtheater ist ein sinistres Vergnügen, bei dem es angesagt ist, einmal die eigenen Überzeugungen zu belächeln. Eine unterhaltsame Abwechslung zu den irrwitzigen Nachrichten, die Europa gewiss schon morgen wieder aus London zu erwarten hat.

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  1. 9. 2019

Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

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30. 11. 2018

Akademietheater: Der Rüssel

April 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alpenländische Absurditäten

Alles kniet vor dem Elefanten: Barbara Petritsch, Falk Rockstroh, Christoph Radakovits, Simon Jensen, Peter Matić, Markus Meyer, hinten: Sebastian Wendelin und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Man möchte sich erlauben, es zu deuten, dass dieser Text ausgerechnet an einem 20. April uraufgeführt wurde. Ein Stück, in dem zu seinem unrunden Geburtstag das Bild eines tyrannischen Urgroßvaters immer wieder von der Wand fällt, dessen Urenkel sich verpflichtet hat, des Alten Traum wahr zu machen: Afrika im Alpenland, samt eines Elefanten auf dessen Geburt sehnsüchtig gewartet wird. Kaum aus der Wildbachtaufe gehoben wird das Tier zwar in hiesigen Verhältnissen eingekeilt, doch gleichsam als Heilsbringer verehrt.

Und der Nachfahr‘ schwingt sich in der nunmehr wortwörtlichen Bananenrepublik zum neuen Diktator auf … Christian Stückl hat am Akademietheater Wolfgang Bauers „Der Rüssel“ auf die Bühne gehoben. 1962, mit nur 21 Jahren, schuf der Grazer Autor dieses Frühwerk. Das Literatur-Enfant-Terrible zählt zu den wichtigsten Stimmen einer im Schatten des Dritten Reichs und im Halbdunkel von Verdrängen, Vergessen, Vergeben entstandenen österreichischen Nachkriegsdramatik. Am Rande allgemeiner Wiederaufbau-Aufbruchsstimmung entstand also „eine Tragödie in elf Bildern“, die alsbald verloren ging – und erst 2015 im Nachlass des Leibnitzer Komponisten Franz Koringer wiederentdeckt wurde. Eine Sensation.

Die, wenn denn Zuordnungen sein müssen, sich am ehesten mit einem Theater des Absurden, verwandt den ebenfalls frühzeitig verfassten Mikrodramen Bauers, in Bezug setzen lässt. Stückl trägt dem Rechnung. Der Intendant des Münchner Volkstheaters inszeniert ebendieses – Volkstheater. Seine Interpretation bleibt nah am Werk, das Ganze wirkt wie Anzengruber auf Speed, und immer knapp bevor die Frage auftaucht, ob man afrikanische Zeremonien und Riten so veralbern darf, sagt Stückl: Pfeif‘ auf p.c., wir wollen doch nur spielen mit derlei ironisiert kolonialen Stereotypen. Na gut.

Falk Rockstroh als Bürgermeister Trauerstrauch und Markus Meyer als Kaplan Wolkenflug. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Familie Tilo: Barbara Petritsch als Großmutter, Christoph Radakovits und Simon Jensen als Wilderer-Brüder. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Stückl schöpft aus dem Vollen. Mit Donner, Blitz, Sturmgebraus und verdächtigen Schritten auf dem Dachboden. Von Herrgottswinkel bis Gipfelkreuz. Anfangs alles dunkel-schwarz, bäuerlich-dumpf, Bauers Typen dargestellt als ländliches Unsittenbild aus traditionsbewusster Engstirnigkeit, obrigkeitsgläubigem Katholizismus und salopp demonstrierter sexueller Gewalt. Darin tummelt sich das Gebirglerpanoptikum: die einfältigen Wilderer-Brüder Tilo, Christoph Radakovits und Simon Jensen, deren bigotte Großmutter und notgeiler Großvater, Barbara Petritsch und Branko Samarovski, ebenfalls geil, aber nach Geschäften, der Bürgermeister Trauerstrauch, Falk Rockstroh. Der mit seinem Eh-klar-Mantra „Wir schaffen das!“ ein paar Extralacher auf seiner Seite hat.

Markus Meyer ist Gottes hysterischer Kaplan Wolkenflug und Peter Matić der umsatzbewusste Kaufmann Kuckuck. Dirk Nocker gibt einen Reporter. Und schließlich das jugendliche Liebespaar: Stefanie Dvorak als Kellerbirn Anna und Sebastian Wendelin als Außenseiter Florian Tilo, im Text er der einzige Rothaarige, bei Stückl sind’s alle. Auch die Gesangskapelle Hermann, die hier und dort um die Ecke lugt, und von unheilverkündend bis frohlockend, von „Ein Prost mit harmonischem Klange“ bis „Sag‘ zum Abschied leise Servus“ immer das richtige Lied zum surrealen Losschmettern auf den Lippen hat. Dies mitunter auch in Suaheli. Denn hereinbricht mit aller Wucht Afrika.

Mit „heidnischen Palmen“, Giftschlangen unterm Hemdkragen und Riesenspinnen auf dem Steirerjanker (Bühnenbild und Kostüme: Stefan Hageneier). In den eigenen Aberwitz setzt sich der Irrwitz des Anderen. Und was gerade noch als Segen betrachtet wurde, wird schnell zum Fluch. „Das Fremde“, auch darin ist der Abend erstaunlich aktuell zu deuten, wird bald mit Abscheu und Angst beäugt, der Elefant ebenso zum Sterben verurteilt wie sein herrischer, nunmehr als „Hexendoktor“ gekleideter und von der Kirche bereits als Satanas abgeurteilter Besitzer …

Afrika im Alpenland: Gesangskapelle Hermann, Sebastian Wendelin als Florian Tilo und Stefanie Dvorak als Kellerbirn Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Gespielt wird auf Teufel-komm-raus, mit verschmitzter Freude an theatralen Gags und Gimmicks, Bauers überhöhte Kunstsprache dabei genauso genüsslich dargeboten, wie auf die große Geste nicht verzichtet wird. Es macht Spaß so viel Spiellust beim Outrieren zuzuschauen, und vor allem die Petritsch, Meyer und Rockstroh leisten da das Ihre. Peter Matić ist ein köstlich kauziger Kuckuck, Branko Samarovski mit Schlagrahm-Rasierschaum im Gesicht überzeugt als unheimlich-gemütlicher Ulpian.

Sebastian Wendelin schließlich wandelt sich vom Revoluzzer zum repressiven Machtmenschen – und landet als solcher auf der Spitze des Kalvarienberges. Wie’s ihm dort ergeht, zeigt er noch in einer Akrobatikeinlage. Bleibt zu hoffen, dass diese Heimatgroteske zu einer Wolfgang-Bauer-Renaissance an heimischen Bühnen führt.

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  1. 4. 2018

Burgtheater: jedermann (stirbt)

Februar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Finanzphilosophisches von Ferdinand Schmalz

Der Homo oeconomicus als ein Hedgefondshamster im Rad: Markus Hering als jedermann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Zum Ende hin das Bild. jedermann in der schwarz sich drehenden Röhre, die in die goldfleckige Wand eingelassen ist. Er diese zur Menschwerdung abschreitend, doch schneller und schneller dreht sich die Trommel, er muss nun laufen, der Hedgefondshamster im Rad, und strauchelt und stürzt und sagt, der Homo oeconomicus im Burnout-Modus: „Ich kann nicht mehr.“ Am Ende der Satz vom „schema sündenbock“.

Der jedermann, er stirbt, weil er zum Opfer wird, exemplarisch vorgeführt für eine ganze verkommene Schicht, die Gott nicht abträgt. Nur den einen … So ist das. Wenn Ferdinand Schmalz Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes über- und ergo fortschreibt. Und derart ein Zeitgeistzerrspiegel entsteht, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht. Vielmehr aktuelle Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Freitagabend war Uraufführung des Auftragswerks am Burgtheater, ein Abend, der mit großem Applaus und viel Bravo bedacht wurde. Inszeniert hat, Experte für Schwieriges, Stefan Bachmann (die reduzierte Bühne vom kongenialen Olaf Altmann, die mal goldenen, mal schwarzen Trachten-Kostüme von Esther Geremus wohl eine Reverenz an Salzburg).

Bachmann hat verstanden, dass Schmalz das barocküppige Moral-und-Anstand-Stück in eine moderne Moritat verwandelt hat. „jedermann (stirbt)“ befasst sich wie das Vorbild mit den weltwichtigen Fragen zu den allerletzten Dingen. Und gibt es keinen Glauben mehr, so immer noch die Hochmoral vom rechten Leben. Und den Allmächtigen – der hofft, so das Burgmotto für diese Saison, „es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht“ – und eine Sensenfrau und den Teufel sowieso.

Katharina Lorenz als jedermanns frau, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Barbara Petritsch als buhlschaft tod, Markus Hering als jedermann, Katharina Lorenz als jedermanns frau. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Letzterer tritt als gehörnte Masse auf. Schmalz hat Figuren neu gruppiert. Der Unterweltfürst ist nun eine (teuflisch) gute gesellschaft, die buhlschaft tod, der arme nachbar gott und die guten werke charity. Diese ganz erschöpft von den vielen -veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern … Ort und Tat verlegt Schmalz jenseits einer Festungsmauer, dahinter will sein jedermann ein Fest geben, er ein nicht näher definierter, es mit der Wirtschaft Treibender, ein Mann, der sich die Erde als Investment Untertan gemacht hat, ausgelaugt vom Schrauben an den Rädchen dieser Welt.

Doch vor den Toren brodelt es. Ein Finanzdebakel bahnt sich an, und Schmalz hat dazu viel Finanzphilosophisches zu sagen. Wie überhaupt seine Arbeit sehr sprachmächtig daherkommt, die überwältigend poetische Prosa und dazwischen die Reimlieder, die das Ensemble gemeinsam singt. Die allegorischen Figuren sind solche geblieben, ihre Handlungen wirken wie ritualisiert. Ein Totentanz und immer wieder eingefrorene Tableaux. Bachmanns Regie schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, löst deren Komplexität zwar nicht auf, aber konkretisiert durch Mehrstimmigkeit gekonnt dort, wo einem das Konstrukt sonst zu entgleiten drohen könnte. Und wie stets bei Bachmann ist das Ganze nicht ohne Humor.

Für diesen sorgen vor allem Markus Meyer und Sebastian Wendelin als dicker und dünner vetter, zwei Politiker, die Schulden für eine Parlamentskampagne angehäuft haben, erst schmeicheln und dann die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl jedermanns Konzerne übernehmen werden. Den jedermann gibt Markus Hering als Pragmatiker, ein Kapitalismussieger, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen. Katharina Lorenz und Elisabeth Augustin brillieren als dessen frau und mutter. Viel Zeit lässt sich Schmalz, um über Todesverdrängung zu berichten. Da passt es, dass Barbara Petritsch eine intensive buhlschaft tod ist, eine, die sich selbst Gauklerin nennt, wohl weil sie zum letzten Vorhang lädt.

Die (teuflisch) gute gesellschaft: Sebastian Wendelin als dünner vetter, Markus Meyer als dicker vetter, Elisabeth Augustin als jedermanns mutter, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott, Mavie Hörbiger als mammon/werke. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Stokowski spielt den armen nachbar gott als zum Fest gebetenen, erschöpften Bettler, Mavie Hörbiger hat ihre starken Momente als mammon, der über die Fortpflanzung des Geldes und über Rendite und Kredite referiert, und als gute werke aka exaltierte charity. Dass die Situation eskaliert ist klar, „den gläubigern fehlt es an glauben“. Schließlich der Aufruf, mit Geborgtem, sei’s Leben, Welt oder Geld, achtsam umzugehen.

Und, ach ja, der jedermann-Rufer ist diesmal seine frau. Absolution gibt es anno 2018 keine. Der Rest freut sich, während jedermann nun nackt aufgebahrt ist, aufs Erben: „der tod kann auch etwas nützliches sein – wenn er nicht einen selber trifft.“ Begeisterung im Publikum für diesen exzeptionell gelungenen Theaterabend!

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  1. 2. 2018