wortwiege: Bloody Crown – Season II

August 27, 2021 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung von Ian McEwan in Wiener Neustadt

Nina C. Gabriel in „Dantons Tod“. Bild: © Ludwig Drahosch

Unter der künstlerischen Leitung von Anna Maria Krassnigg geht das Theaterfestival „Bloody Crown“ in den historischen Kasematten von Wiener Neustadt in die zweite Runde. Nach dem großen Erfolg des Eröffnungsjahres stehen 2021 abermals zwei brisante europäische Macht-Spiele auf dem Programm: „Nussschale“ von Ian McEwan und „Dantons Tod“ von Georg Büchner. Der britische Bestsellerautor Ian McEwan steuert, als Begleiter des Salon Royal, seine Gedanken im Kontext bei.

War im Eröffnungsjahr das Thema Diffusion, Auseinanderbrechen und Aufbrechen alter Strukturen und Bündnisse – in Europa, zwischen den transatlantischen Partnern bis hinein in die intimsten Familienstrukturen – inhaltlich prägend, so ist es im Jahr 2021 die vielstimmige Analyse einer Art unruhigen Stillstandes, die Auseinandersetzung mit der Frage, wie die Gesellschaften – seit jeher und weltweit – auf epochale Ereignisse der Veränderung und Bedrohung reagieren. Was brütet dieser unheimlich stille Unruhezustand für die Zukunft aus: Aufbruch? Zusammenbruch? Neuordnung?

Die Premieren: „Nussschale“ und Dantons Tod – Narren, Schurken, Engel“

Nussschale“ nach dem Roman von Ian McEwan, Premiere am 15. September, ist die denkbar kühnste Fortschreibung der Hamlet-Geschichte. Der raffinierte Kunstgriff liegt darin, dass dieser Neo-Hamlet ungeboren ist, aber dennoch in seiner „Nussschale“ alles wahrnimmt. Die bejubelte Neuinterpretation des Shakespeare-Stoffes ist in einer Bühnenfassung der wortwiege zu erleben. Dazu arbeitet das Team erneut im Genre der Kinobühnenschau, einer weitgehenden Verwebung der beiden darstellenden Künste Film und Bühne – neben anderen raren Formaten der darstellenden Kunst ein Markenzeichen der Compagnie.

McEwans Roman greift die Ermordung von Hamlets Vater auf. Der Sohn wird Zeuge der Verführungs- und Machtspiele seiner Verwandtschaft, der Königsmord wird in ein heutiges Londoner Setting versetzt. Der Neo-Hamlet verfügt somit über die Freiheit eines utopischen Zeitgenossen, die Gesellschaft und das Verhalten seiner Mitmenschen zu durchschauen und mit Zorn, Kritik und Humor zu verfolgen. Er ist ein König der Fantasie, der sich von Beobachtungen anregen lässt. Er ist dabei, wenn die Mutter und ihr Geliebter Pläne schmieden, ihren Gatten und seinen Bruder zu ermorden und kann sehen, wie diese Pläne von unvorhergesehenen Ereignissen durchkreuzt werden, bis der Mord selbst schließlich zu einer überstürzten Wahnsinnstat wird.

Bild: © Bloody Crown – Season II

Flavio Schily in „Nussschale“. Bild: © Martin Schwanda

Neben dem Reiz eines ungewöhnlichen szenischen Settings erwartet das Publikum eine mit schwarzem britischen Humor erzählte Kriminalgeschichte, eine ironische Bestandsaufnahme der Gegenwart und ihrer Marotten sowie ein berührender Appell für das Recht auf Leben – innere und äußere Krisen hin oder her. In der Regie von Jérôme Junod und Anna Maria Krassnigg spielen Nina C. Gabriel, Flavio Schily, Jens Ole Schmieder, Martin Schwanda, Petra Staduan und Isabella Wolf.

Die zweite Produktion, „Dantons Tod – Narren, Schurken, Engel“, Premiere am 17. September, ist die zeitgenössische Bearbeitung des Klassikers von Georg Büchner durch die wortwiege. Sie zeigt das Drama über die Hintergründe der Französischen Revolution des damals 22-jährigen Autors aus weiblichem Blick und vereint Polit-Thriller, Revolutionsgeschichte und Metaphysik. Die Inszenierung besorgen auch hier Jérôme Junod und Anna Maria Krassnigg; es spielen Nina C. Gabriel, Judith Richter, Petra Staduan und Isabella Wolf.

Salon Royal – Begleitende Gespräche, Impuls und Dialog

Sowohl Hamlet als auch Danton erleben Zeiten gewaltiger Umbrüche. Autoritäten und Traditionen bröckeln, die Macht zeigt ihre grinsende Fratze und die Sicht auf die Zukunft erscheint zweifelhaft. Im Salon Royal sprechen an fünf Sonntags-Matinéenn hochkarätige Gesprächsgäste aus Kunst, Literatur und Wissenschaft über Fragen von Macht, deren Bedingungen, Verführungen, Verschiebungen, unterschiedliche Gesichter und Spiele in Gegenwart und Zukunft: Die österreichische Schriftstellerin Olga Flor, die deutsch-georgische Autorin Nino Haratischwili, die Schweizer Autorin, Journalistin und Architektin Zora del Buono, die Philosophin Lisz Hirn, der Schriftsteller und Psychiater Paulus Hochgatterer sowie der Kulturphilosoph und Essayist Wolfgang Müller-Funk sowie der britische Bestsellerautor Ian McEwan.

Der Kartenvorverkauf hat begonnen.

www.bloodycrown.at           www.wortwiege.at

27. 8. 2021

wortwiege: Re-Opening mit O. Flors „Die Königin ist tot“

August 24, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Festival-Leiterin Anna Maria Krassnigg im Gespräch

wortwiege-Mastermind Anna Maria Krassnigg. Bild: Andrea Klem

Ab 9. September setzt die wortwiege ihr wegen #Corona unterbrochenes Festival „Bloody Crown – Europa in Szene“, das erste seit der Übersiedlung in die Wiener Neustädter Kasematten, fort. Neben der Wiederaufnahme ihrer von Kritik und Publikum gefeierten Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „König Johann“ zeigt wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg die Uraufführung „Die Königin ist tot“ nach dem gleichnamigen Roman von Olga Flor.

Als Beichte einer zeitgenössischen Lady Macbeth, die sich keinen Fehler in der Verwaltung ihres Körpers und ihrer Gefühle leisten kann, verführen einen die Schauspielerinnen Nina C. Gabriel, Petra Staduan und Isabella Wolf in ein dystopisches Universum der Schönen und Reichen, die über Leichen zu gehen bereit sind, um ihre Privilegien zu verteidigen. Man teilt die Innenperspektive einer Mörderin, die mit einem System spielt, das sie selbst zerstört. Scharf und nüchtern wird eine Gesellschaft seziert, die Erfolg, Besitz und Ansehen als einzige Werte anerkennt und deren Machtstrukturen die ihnen Untergebenen zu rechtlosem Freiwild erklärt. Über ihre Arbeit an der Hochglanzhöllenfahrt und klugen Shakespeare-Neuerzählung der großen österreichischen Autorin – Anna Maria Krassnigg im Gespräch:

MM: Die wortwiege hat ihr Festival „Bloody Crown“ in den Wiener Neustädter Kasematten am 5. März fulminant begonnen und wurde Mitte März wegen #Corona unterbrochen. Nun gibt es ein Re-Opening am 9. September. Wie ergeht es einem, wenn man mit einer Neugründung derart ausgebremst wird?

Anna Maria Krassnigg: Es kam für uns – wie für alle – völlig überraschend. Als „Theatertiere“ waren wir dermaßen in den Endproben versunken, dass wir die Probleme der Welt nur sehr abstrakt wahrgenommen haben. Dass es dann tatsächlich zum Lockdown kam, zu Dingen, die wir alle noch nie zuvor erlebt hatten, ist natürlich ein Schock. Wir mussten am Tag der Generalprobe der Uraufführung von Olga Flors „Die Königin ist tot“ aufhören, da stehen drei Schauspielerinnen auf der Bühne, die sagten sehr treffend: Es ist als wärest du schwanger und darfst nicht gebären.

MM: …also?

Krassnigg: Tempelschlaf – so würde ich es nennen. Ich bin guten Mutes, da meine Erfahrung mit Wiederaufnahmen ist, dass sich die Dinge anlagern, intensiver werden, sich tiefer und reicher anfühlen, und ich bin sehr gespannt, was diese Corona-Zeit, die uns alle in der einen oder anderen Weise verändert hat, mit den Stücken gemacht hat. Wir sind jedenfalls dankbar, dass wir wieder aus der Koppel dürfen.

MM: Als wortwiege-Leiterin – gemeinsam mit Christian Mair – trägt man Verantwortung auch in finanzieller Hinsicht. Was macht man mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in so einer Zeit? Was macht man vor allem auch mit sich selbst?

Krassnigg: Eine der größten Sorgen waren tatsächlich die MitarbeiterInnen, wir sind als Team ja eng zusammengeschweißt. Wir haben die Gagen gezahlt, auch die Abendgagen, weil die Menschen ja damit gerechnet hatten. Ich kann ein Team, das mit uns durch dick und dünn gegangen ist, wegen einer Seuche nicht im Regen stehen lassen, und das Land Niederösterreich wird uns soweit es geht den Rücken freihalten. Wir haben uns dann wild ins Filmeschneiden gestürzt und daraus sind, das kann man auf unserer Homepage www.wortwiege.at sehen, wirklich schöne Arbeiten geworden. Das war sozusagen unsere Wundschmerzpflege.

MM: „König Johann“ von Dürrenmatt wird wiederaufgenommen, „Die Königin ist tot“ hat am 9. September Premiere. Warum haben Sie diesen Olga-Flor-Roman für eine Dramatisierung ausgewählt? Dieser ist eine Macbeth-Neuerzählung, aus der Sicht der Lady Macbeth, eine von Europa in die USA ausgewanderte Schönheit, die Ehefrau des Zeitungsmachers Duncan wird, bis er sie gegen eine jüngere eintauscht, und die Königin seinem ersten Mann im Imperium überlässt. Der Text ist topaktuell, vom im Wortsinn Schwarzen Peter als Figur bis zum Vorwurf der „linken Hetze“, den ein rechtsgedrehter Medienmogul erhebt, Olga Flor hat beinah prophetisch #MeToo und #BlackLivesMatter vorweggenommen …

Krassnigg: Wenn man wie Olga Flor ein politisch denkender Mensch ist, kann es schon passieren, dass das Gehirn solche Dinge ausbrütet, dass die dann aber tatsächlich eintreten, war für sie schockierend. Ich habe sie gefragt: Wann spielt dein Roman – und sie antwortete: In naher Zukunft. Ich schätze Olga Flor als Sprachkünstlerin seit Jahren und freue mich, dass wir sie sozusagen für die Bühne entdeckt haben, weil sich ihre Sprache sehr für die Verlautbarung eignet. Gerade dieser Text ist nicht sehr dialogreich, unser Dramaturg Karl Baratta in Zusammenarbeit mit Marie-Therese Handle-Pfeiffer hat zunächst einmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, dann sich verliebt und verbissen in die Sache, weil der Drang dieser Figur, einerseits eine Beichte abzulegen, andererseits ein Dokument vorzulegen, dass die Männer im Text überführbar macht, einen sehr starken dramatischen Druck erzeugt. Das hat mich interessiert für die Bühne – und ich denke, dass sich dieser „Need“ gut aufs Publikum übertragen wird. Olga Flors Königin ist eine Frauenfigur, die sich auf sehr polemische und komische Weise über diverse tagespolitische Themen auslässt.

„Die Königin ist tot“ nach dem Roman von Olga Flor. Bild: Andrea Klem

Isabella Wolf, Nina C. Gabriel und Petra Staduan. Bild: Andrea Klem

Dreimal moderne Lady Macbeths. Bild: Andrea Klem

MM: Die sind?

Krassnigg: Jede Art von Präfaschismen und Faschismen, aber auch die gängigen Frauenbilder. Olga Flor wird immer wieder gefragt, ob diese Figur eine feministische ist. Natürlich nicht! Dieses patriachal-kapitalistische Umfeld, das sie imprimiert, ergeben die Umstände, aus denen sie sich nicht mehr befreien kann. Sie fährt zunächst mit ihrem Einklinken ins System wahnsinnig gut. Und Opfer säumen ihren Weg. Die Königin ist eine Anti-Heldin, das findet man bei Frauenfiguren sonst nicht, dass sie weder Opfer noch Heldin, und das ist spannend, es in unserer heutigen, von Geschlechterfragen aufgeladenen Zeit zu machen – eine gerissene Anti-Heldin.

MM: Was Olga Flor geschrieben hat, ist die Innenperspektive der Königin, ein assoziativer Erinnerungsstrom, den ihr nun auf drei Darstellerinnen aufgeteilt habt: Nina C. Gabriel, Petra Staduan und Isabella Wolf, genannt Königin, Lilly und Lady M., sind das drei Seiten der Medaille, drei Charakterzüge – vom emanzipierten Weibchen zum weiterzureichenden Besitz zur emotional gebeutelten Manipulantin?

Krassnigg: Diese Dreiteilung ist ganz organisch entstanden. Wer will, kann man die Geschichte als eine Melania-Trump-Geschichte lesen, nur Melania Trump kannte zum Zeitpunkt des Entstehens des Textes noch niemand, und Olga Flors Figur ist sehr vielschichtig. Die Anteile an ihr, die uns regelrecht angesprungen sind, ist ihr Spiel mit der eigenen kindlichen Erotik, ihr Dasein als Mutter, wie ja auch das „Original“, die Lady Macbeth, eine ist, und als zweite Gemeinsamkeit ihr Talent als hochbegabte Erzintrigantin. Wir haben also mit Nina Gabriel diese matriarchale Königin, die gedemütigt und gedemütigt wird, bis sie sich rächt, die Tippi-Hedren-Hitchcock-artige Strategie-Lady mit Isabella Wolf, und die unglaublich manipulative Lilly, die Petra Staduan spielt. Die drei sind verschiedene Stimmen in einem Kopf, sind aber ein Bewusstseinsstrom.

MM: Sowohl Roman als auch Bühnenfassung beginnen mit dem großartigen Satz „Ich lasse mich gerne ficken von einem Krieger“, und dieser bedeutet in den drei Nuancen dieser Frau etwas völlig anderes und doch das Gleiche.

Krassnigg: Richtig. Und durch diese polyphonen Stimmen wird das Ganze irrsinnig komisch, man kennt das von sich selber, wenn ein Teil des Gehirns sagt: wir machen das so, und ein anderer: ich glaube, du tickst nicht richtig, es gibt tolle Möglichkeiten für kleine Chöre – und dieser zitierte Satz ist natürlich chorisch, was sehr reizvoll ist, weil er für jede der drei Unterschiedliches meint.

MM: Sie bedienen einmal mehr die von Ihnen wieder zum Leben erweckte Kunstform der Kinobühnenschau – daher das vorher angesprochene Filmemachen, Filme, die diesmal Träume, Visionen, Erinnerungen darstellen?

Krassnigg: Ja, und zwar soll das derart sein, dass das Publikum von Anfang an merkt, es läuft auf einen äußerst dunklen Punkt zu. Diese Krimi-Dramaturgie ist fürs Theater einfach großartig, und alles, was in Wahnsinn und Mordlust endet, passiert über die filmischen Erinnerungen und Träume. Das haben wir immer so betrieben, weil der Film dafür ein wunderbares Medium ist. Es gibt ein Buch von Christoph Türcke, „Philosophie des Traums“, in dem er erklärt, dass die große Zeit der Traumdeutung und die erste Zeit des Films nicht zufällig zusammenfallen. Die haptische Realität des Films ist faszinierend, und so verwenden wir ihn auch, im Zwiegespräch mit dem Bühnengeschehen. Das ist diesmal sehr speziell, weil die Art, wie’s projiziert wird, sehr speziell ist.

MM: Die Filme sind das Terrain der männlichen Darsteller: Horst Schily als Duncan, Jens Ole Schmieder als „erster Ritter“ Alexander …

Krassnigg: … David Wurawa als Peter und Martin Schwanda als Polizeichef Stuart, der bei Shakespeare Banquo ist. Das hat mich am Roman zusätzlich korrumpiert, weil ich dachte, ich habe meinen Traum-Cast dafür, die unglaublich starke Frauen-Trias und diese vier Männer, die wie gespuckt auf diese vier Rollen passen.

Krassnig und Christian Mair. Bild: Christian Mair

Die Kasematten in Wiener Neustadt. Visualisierung: Bevk Perovic

Einzigartige Renaissancegewölbe. Bild: Christian Mair

Die der Bespielung harren. Bild: Christian Mair

MM: Der Roman ist sehr explizit, und Karl Baratta und Marie-Therese Handle-Pfeiffer haben sehr texttreu gearbeitet

Krassnigg: Karl Baratta hat, wie er es scherzhaft formuliert, die großen Schneisen durch den Text geschlagen, und Marie-Therese Handle-Pfeiffer hat auf die Poesie der Flor’schen Sprache geachtet. Der Roman ist „anstrengend“, was für mich das Prädikat besonders wertvoll ist, doch das ist eine Energie, die sich auf die Bühne so nicht übertragen lässt. Es war also beinah ein Stück im Stück, die beiden Dramaturgen, einen Mann und eine Frau, miteinander über ihre Fassung verhandeln zu sehen. Da wurde um jeden Satz gefightet, ob er gestrichen wird oder bleiben kann. (Sie lacht.) Olga Flor jedenfalls, ich denke, das kann ich sagen, ist mit dem Ergebnis sehr glücklich.

MM: Apropos, weil wir vorhin von Politisch sprachen: Olga Flors Duncan ist, wie gesagt, ein Medienmacher der Geisteshaltung Law & Order, wer nicht für ihn ist, ist Linksterror ist, so wie derzeit für einige die Antifa die neuen Nazis sind. Und dann sagt er einen Satz, wer sich an den noch erinnern kann: Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben, so das Original aus dem Jahr 2009, Wer alt genug zum Plündern ist, ist auch alt genug erschossen zu werden, so Duncan. Das ortet diese unguided missile für Leute mit Gedächtnis genau.

Krassnigg: Mit diesem Satz ist die Figur ganz klar umrissen: In dem Moment, in dem die Maske des Geschäftsmanns abfällt, kriecht dieses Gedankengut hervor. Dieser Satz ist auch der Knackpunkt zum Folgenden, nicht weil die Königin ihn moralisch betrachtet, sondern weil sie sagt: Jetzt wurden wir alle nervös, mit solchen Aussagen reitet er uns alle in den Abgrund. Sie sagt, das geht gesellschaftlich so nicht durch, interessanterweise geht es durch. Immer mehr. Wir gewöhnen uns an derartige Dinge wie der Frosch ans brodelnde Wasser, dem wird ein lauwarmes Bad bereitet, das immer heißer und heißer wird, und am Ende ist er gekocht und hat’s nicht bemerkt. Das ist meine Empfindung diesem Satz gegenüber.

MM: Welch eine Überleitung, denn im Text spielt Wasser eine gewisse Rolle. Erzählen Sie etwas über den Spielort und wie sie das umsetzen werden.

Krassnigg: Der Spielort ist sehr speziell, die historischen Kasematten in Wiener Neustadt, die tatsächlich aus der Spätrenaissance sind, daher auch unsere Spielplan-Entscheidung für Shakespeare-artige Königsdramen. Die Kasematten haben einen eigenen Charme, man merkt ihnen an, dass sie einen italienischen Baumeister hatten. Manche Kritiker schreiben zwar „in den Kellerräumen“, aber wer dazu Kellerräume sagt, dem ist nicht zu helfen. Es sind prachtvolle Gewölbe, die per se schon eine aufgeladene Stimmung haben, ein Raum, der seit Jahrhunderten Schutzraum für Tausende war in diesem immer wieder zerstörten und zerbombten Wiener Neustadt. Diese kathedralenhafte Architektur muss man bedienen, man kann nicht gegen sie inszenieren.

MM: Wer hat den Raum gestaltet?

Krassnigg: Ich habe meinen alten Freund und Kupferstecher Andreas Lungenschmid als Bühnenbildner geholt, der in Berlin als bildender Künstler lebt und ein stark architekturelles Denken hat – und er hat uns einen Raum gebaut, hat Architektur in die Architektur eingepasst; er nennt es einen lost place, einen zerfallenen, überwucherten Resttempel unserer sogenannten Zivilisation. Samt Rolltreppe. Und, so viel verrate ich, es wird das Wasser geben. Als Spiegelung des Abgrunds. Das Wasser, über das sie einst von Europa in die USA gekommen ist, eine Fremde, die alles auf sich genommen und getan hat, um nicht mehr fremd zu sein, ist und bleibt das Element der Königin.

Andreas Lungenschmid hat einen lost space gebaut. Bild: Andrea Klem

In dem die Königinnen mit- und gegeneinander aussagen. Bild: Andrea Klem

Wasser als Spiegelbild spielt eine Rolle. Bild: Andrea Klem

Krassniggs Kinobühnenschau. Bild: Andrea Klem

MM: Der Titel des Ganzen ist „Die Königin ist tot“. Im Roman gibt es eine zweite Frau, Ann, Duncans zweite Ehefrau, eine Fernsehmoderatorin schwarzer Hautfarbe, mit der er sich von den Rassismusvorwürfen weißwaschen will. Wird’s auf der Bühne ein „Die Königin ist tot. Lang lebe die Königin“ geben?

Krassnigg: Nein, doch – in gewisser Weise, Ann wird als Zitat ins Stück geholt. Die Neuübernahme des Königreichs, das Schicksal der königlichen Kinder, das gibt es, in einem Sich-das-Maul-Zerreißen über die erlittene Verletzung. Diese Macbeth-Überschreibung ist komplett aus dem Blickwinkel der Frau erzählt, doch genau recherchiert und beschrieben. „Die Königin ist tot“ dieser berühmte Shakespeare-Satz des Soldaten im fünften Akt, fünfte Szene ist der Schlusspunkt des sich steigernden Wahnsinns bis zum Ende.

MM: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, daher die Frage: Wie wird’s mit der wortwiege in Wiener Neustadt weitergehen? Habt ihr Pläne?

Krassnigg: Wir haben Pläne, eine Vision im Hintergrund. Es ist schön hier ein Festival zu machen, für diese kulturhungrige Stadt, in die ich mich ein bisschen verliebt habe. Ich freue mich über das Publikum aus Wiener Neustadt, wobei natürlich viele auch aus Wien kommen, bei denen ich mit meinem Programm andocken konnte. Im Moment sieht es so aus, dass Stadt und Land das Festival weiterhin haben wollen, und dass es erheblich wachsen soll … aber ich will nichts verschreien …

Trailer: vimeo.com/440728950           www.wortwiege.at           www.olgaflor.at/buch/die-koenigin-ist-tot/

24. 8. 2020

Landestheater NÖ online: Der Parasit

April 5, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Grand Guignol in Grau

Ein Emporkömmling will hoch hinaus: Petra Strasser, Emilia Rupperti, Tobias Artner als „Parasit“ Selicour, Rafael Schuchter und René Dumont. Bild: © Bild: Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich eröffnete seinen Osterspecial-Stream am Samstag mit Schillers „Der Parasit“ in der Regie von Fabian Alder – und der hat aus des großen Klassikers Beamtensatire ein Grand Guignol in Grau gemacht. Wiewohl freilich eine Aufzeichnung eine Aufführung nicht ersetzen kann, schafft es das mit großer Spielfreude agierende Ensemble aus

St. Pölten und Klagenfurt, die Komödie ist eine Koproduktion mit dem dortigen Stadttheater, auch via Bildschirm „live“ zu wirken. Bemerkenswert auch auf Film ist das Bühnenbild, Thomas Garvies rotierendes Oktagon mit den im Wortsinn Drehtüren, rund um die Amtsstubenpforten ein endlosschleifiger Korridor, auf dem die Staatsdiener zu kakophonischer Drehorgelmusik ihre Runden … naja, äh … drehen. Ihr Suchlauf nach dem Einlass zu Eheglück und Karrierechance dabei ein Monty-Phyton’scher Silly Walk; ihr Katzbuckeln im Ministerium hat sie bürokratisch verformt, das System haftet an ihnen wie eine zweite Haut.

Heißt: Kostümbildnerin Johanna Lakner hat den Pro- wie Antagonisten übergroße Aktenschranksakkos übergezogen, ein kantig-steifer Thorax, der die geistige Unbeweglichkeit als körperliche versinnbildlicht und in dem feststeckend sich die zur Inflexibilität Verdammten in kolossale Gesten flüchten. Trefflich zeigt das die Figur des Ministers Narbonne, ihn spielt René Dumont, der seine Klappmaulpuppenarme nur mithilfe seines Kammerdieners, Raffael Schuchter als Michel, rühren kann. Wodurch sich die Frage stellt, ob sich hier Volk oder dessen Vertreter gebärden.

Dass Alder auf schaumgebremsten Slapstick setzt, macht das Kabale-und-Liebe-Lustspiel umso spaßiger, die Schauspieler wechseln zwischen Schockstarre und Zappelphilipp, Naivlinge treffen auf Narren auf Neider auf Tunichtguts, die Orgel orgelt Queens „We Are The Champions“ zu den Wie-Wahlkampf-Auftritten des Ministers und Michael Jacksons „Smooth Criminal“, zu dem Selicour ein Siegestänzchen aufs politische Parkett legt.

Tobias Voigt, Heike Kretschmer als La Roche und Dominic Marcus Singer. Bild: © Alexi Pelekanos

Petra Strasser als Madame Belmont mit „Charlotte“ Emilia Rupperti. Bild: © Alexi Pelekanos

Den gibt brillant Tobias Artner. Sein Selicour ist ein speichelleckender Blender, ein Bescheidenheitsheuchler, der sich in Narbonnes Ohren geschleimt hat, ein Nach-oben-Buckler-nach-unten-Treter, der seine Pedaltaktik intensiviert, je tiefer er in die Bredouille gerät. Ihm gegenüber baut sich Heike Kretschmer als La Roche auf, ein barscher Bürohengst, der mit Donnerstimme jedes Korruptionsangebot weit von sich weist. Kretschmer gelingt es grandios einen La Roche zu zeichnen, der seine Rechtschaffenheit durch seine andauernde Rage sabotiert. Je mehr er sich erzürnt, umso größer des Ministers Ennui.

Tobias Voigt und Dominic Marcus Singer sind als Vater und Sohn Firmin zwei sich verzagt gegen Selicours Heimtücke sträubende Opfer, Petra Strasser eine hingegen für den Ränkeschmied entflammte Ministersmutter Madame Belmont, die ihre Enkelin, Emilia Rupperti als Charlotte, weil sie selbst ja nicht die Braut sein kann, Richtung Traualtar treiben will. Während man derart mit Vergnügen verfolgt, wie sich der Intrigenspinner im eigenen Netz fängt, weil La Roche aufklärerisch tobend längst die Fäden in der Hand hat, vergisst Alder aufs Gesellschaftskritische nicht.

„Der Schein regiert die Welt – und Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne.“ Mit dieser Unfrohen Botschaft endet das Original. Hier nun darf Team Alder, nachdem René Dumont über „kriechende Mittelmäßigkeit“, Schein und Scheinheiligkeit und ein Sich-Schuldig-Machen, duldet man populistisches Agieren und Agitieren, ins Publikum philosophiert hat, den dringenden Appell „Aufpassen!“ an dieses richten.

Kastensystem in Aktenschranksakkos: Madame Belmont beobachtet, wie ein unliebsamer Bittsteller von Selicour unsanft expediert wird. Bild: © Alexi Pelekanos

Die Moral von der Geschicht‘ hat ein Nachspiel, in dem die Darsteller Slogans, Klassenkampf von links, Neokonservatismus von rechts, Kulturpessimismus, Kapitalismus-Schelte, politisch korrekte Pseudopolitik, auf die Zuschauer niederprasseln lassen. „So sind wir nicht“, zitiert der Minister. Und Selicour? Demonstriert, dass man das kastige Sakko nicht nur alleine stehen lassen,

sondern auch darin versinken kann. Mehr und mehr geht der Schwindler im Stoff unter, bis er scheint’s ganz verschwunden ist; „Der Parasit“ wird insektenklein und von Firmin-Sohn wie ein solches zertreten. Dass im Weiteren Emilia Ruppertis Charlotte, statt mit ihrem Karl ins Finale zu entschweben, Dominic Marcus Singer laut schreiend in den Schwitzkasten nimmt, ist schon was für Connaisseurs. „Tell the Truth, Act now“, skandiert sie die Extinction-Rebellion-Parole. Falls sich darauf ein Reim zu machen ist, dann maximal der, dass Frauen durchaus eine bedrohte Art sind. Und nein, das ist kein Bonmot.

Heute noch zu sehen bis 16 Uhr und wieder am 12. April ab 16 Uhr: vimeo.com/360206873

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7IxnEfOnF1k

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Ian McEwan „Die Kakerlake“, eine köstlich-kafkaeske Persiflage auf die aktuelle britische Politik, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=37733

5.4. 2020

Kunsttankstelle – Theater IG Fokus: Königin der Berge

November 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Rolling Stones im Rollstuhl

Der tote Kater Dukakis mag Herrn Turins Ehefrau Irene ganz und gar nicht: Markus Zett, Karola Niederhuber und Christian Kohlhofer. Bild: Anna Stöcher

Dass sich Kater Dukakis als erster mit dem Publikum bekannt macht, sein musikalisches Leitmotiv „Sympathy For The Devil“ von den Rolling Stones, damit hat es schon seine Bewandtnis. Ist das Tier doch eigentlich lange tot, vom Besitzer – da uralt und schwerkrank – vor Ewigkeiten eingeschläfert, aber diesem nun ein Einflüsterer an dessen Endstation. Dabei ein Artverwandter von Bulgakows Behemoth, heißt: ein Streiche spielender Satansbraten, der seinem Herrchen zuweilen

vorschlägt, zum Zeitvertreib des Tages eine Schwester zu quälen. „Du solltest jetzt endlich mutig genug sein und nach einer Brust greifen“, befiehlt der zwielichtige Zwiegesprächspartner ihm dann. Herrchen ist gleich Herr Turin, Hauptfigur in Daniel Wissers 2018 mit dem österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Königin der Berge“, ein ehemals extrem erfolgreicher IT-Manager, nun mit Mitte Vierzig in einem Pflegeheim. Und im Rollstuhl. Die Selbsteinweisung erfolgte bereits vor zehn Jahren. Nach der Diagnose Multiple Sklerose. Wisser gelingt es virtuos das schleichende Vergehen eines Menschen aus einer Perspektive skurriler Ausweglosigkeit zu beschreiben, die einen tatsächlich unter Tränen lachen macht, und apropos: Weg I – auf einen letzten will sich Robert Turin noch machen, in die Schweiz, wegen der dort erlaubten Freitodbegleitung.

Und apropos: Weg II – Margit Mezgolich folgt Wissers Vorlage auf dem eingeschlagenen, nämlich aus der Tragik von Turins Zwangslage eine groteske Situationskomik zu generieren. Die Theatermacherin zeigt den von ihr zur Spielfassung umfunktionierten Text mit ihrer Truppe IG Fokus in der Kunsttankstelle Ottakring. Es ist dies die zweite Produktion der Pop-up-Bühne nach „Der Winter tut den Fischen gut“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28070), und die ausgewählte Lokalität auch diesmal von perfekter Passform, fenster- und sichtbeton-trostlos, die Wände stellenweise mit Baustellenplastik verhängt, stellenweise krankenhausbettwäsche-gelb gestrichen und wie diese dazu verurteilt, am Versuch am Unort Fröhlichkeit zu verbreiten, zu scheitern. Das Publikum hat punkto Sitzgelegenheit die Wahl zwischen Warteraumsessel und Rollstuhl, wobei zweitere die spannendere Variante ist.

Die Physiotherapeutin prüft Herrn Turins Reflexe: Petra Strasser und Markus Zett. Bild: Anna Stöcher

Dukakis hat immer eine Flasche Veltliner zur Hand: Christian Kohlhofer und Markus Zett. Bild: Anna Stöcher

„Königin der Berge“ nennt Herr Turin seine unnahbare, unerbittliche Krankheit, und der im 16. Bezirk an ihr leidet, ist Schauspieler Markus Zett, der wohltemperiert und herzgewinnend den Renitenzler gibt. Sein Turin ist um einiges liebenswerter als das papierene Alter Ego, vor allem, wenn er mit großen Augen durch die runde Brille guckt, weil, was ihm zur besten Zeit seines Lebens widerfahren, einfach nicht zu fassen zu ist, und selbst, wenn er wieder einmal lieber den Veltliner aus der Cafeteria als Sonne im Garten tankt. Der ihn nur allzu gern in die Weinseligkeit versetzt, ist Kater Dukakis, für dessen Charaktergestaltung sich Christian Kohlhofer sogar ein Paar Plüschohren aufsetzt. Sein Dukakis ist ein Schlitzohr, das Mezgolichs satirische Inszenierung mittels sarkastischer Besserwisserblicke Richtung und direkten Ansprechens der Zuschauer noch maximiert.

Die Aufführung bleibt zwar stets nah am Buch, aber nicht so verbissen zwischen dessen Deckeln klebend, dass kein Platz für feingetunt schrullige Szenen wäre. Deren Darstellung in den begnadeten Händen von Karola Niederhuber, Petra Strasser und Valentina Waldner liegen, alle drei großartig als abgründig bigotte Pflegeschwestern, die selbstverständlich das Sterberecht als Gottesgesetz sehen. Niederhuber spielt außerdem noch Turins von einem neuen Mann hochschwangere, oder bildet er sich das nur ein?, Ehefrau Irene, die von ihrer Karriere vor allzu häufigen Besuchen bewahrt wird; Strasser Irenes Schwester sowie kurzzeitiges Turin-Pantscherl Christina, und überdreht-kauzig eine Physiotherapeutin mit Osteuropa-Akzent; Waldner die gegen jede Vernunft in Herrn Turin verliebte Psychologin Katharina Payer – und jede im Trio zwischendurch kreischend die alte Ditscheiner von Zimmer 407.

Erst Entsetzen über Turins Fenstersprung …: Petra Strasser, Valentina Waldner, Karola Niederhuber und Christian Kohlhofer. Bild: Anna Stöcher

… aber schon wird wieder gesungen: Valentina Waldner, Karola Niederhuber und Petra Strasser. Bild: Anna Stöcher

Ganz nach Motto lieber bitterböse, als nur bitter, wird im Verein das Schwesternalphabet gesungen, werden geschmacklose Katheterkalauer gemacht, Herrn Turins sinnlose Selbstmordversuche milde weggelächelt, will die Heimleitung doch alles tun, um einen Suizidskandal zu vermeiden, kann sich der Kater seine zynischen Kommentare zur Jenseitigkeit mancher Momente sowieso nicht verkneifen. So klar die Sprache von Daniel Wisser, so unsentimental hat Mezgolich sie umgesetzt, und auch, wenn ihre Arbeit ein scherzhaftes einem schmerzhaften Ende

vorzieht, vergisst sie nie die Ernsthaftigkeit des Themas, sich die Entscheidungen übers eigene Leben nicht entziehen zu lassen. In seinem Insistieren, dem absehbar qualvollen Siechtum durch ein selbst bestimmtes Sterben zu entkommen, macht sich Herr Turin schub-di-wupp auf die Suche nach einer Chauffeuse in die Schweiz. „Wie machst du das mit den Weibern?“, wundert sich Christina, als sich außer ihr noch deren andere für den Auftrag anbieten, „dass die immer tun, was du willst“. Wer ihn fährt und ob Turin den Schlussstrich zieht, ist bis 4. Dezember zu erfahren.

„Königin der Berge“ des Theater IG Fokus ist ein pointiertes Kammerspiel zu einer heiß umfehdeten Fragestellung. Dass Markus Zett im Rollstuhl sozusagen auf Augenhöhe am Publikum entlangfährt, macht das insgesamt beeindruckende Spiel des Ensembles nur umso besonderer. Ein Gipfelsieg – für alle Beteiligten. Letztes Lied: The Rolling Stones – „Time Is On My Side“.

igfokus.wordpress.com           www.kunsttankstelleottakring.at

  1. 11. 2019

netzzeit 2019 Out of Control: 701 britische Teelöffel – Viva la muerte!

Oktober 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fideles Totentänzchen um die Hochzeitstafel

Die Hochzeitsgesellschaft wird von der Tödin heimgesucht: Jutta Schwarz, Peter Raffalt, May Garzon, Valentin Ivanov und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

El Día de los Muertos, in diesem Land lieber Allerseelen genannt, ist wohl noch sechs Tage entfernt, aber im Off Theater läuft bereits die perfekte Produktion dazu, zeigt das netzzeit-Festival 2019 Out of Control dort doch „701 britische Teelöffel – Viva la muerte!“ nach Idee und Konzept von Nora Scheidl und Petra Weimer, die beiden auch Ausstatterin und Regisseurin der Uraufführung. Das Thema ist der Tod, heißt hier: die Tödin, denn der Wahlinnsbrucker Komponist Arturo Fuentes, dessen

Soundscapes durch die schwarz ausgekleidete White.Box wabern, ist gebürtiger Mexikaner, heißt: entgegen der Kreisler’schen Wienerliedzeile ist der Sensenmann eine schöne Sensenfrau, La Catrina, als die alsbald Kristina Bangert samt Schnitterwerkzeug auftritt. Auf weicher Friedhofserde – auf der auch das Publikum die Beine abstellt – hat sich eine Hochzeitsgesellschaft versammelt, die Braut wie als Sinnbild des Lebens hochschwanger, der Brautvater von einer Todeskrankheit befallen, über die er sofort loslegt zu sprechen, die Großmutter zufrieden, täglich mehr in einen Zustand zu geraten, in dem sie endlich aufhören kann, „etwas zu müssen“, die Familie im Versuch, die unter der Oberfläche gärenden Verstimmungen mit falscher Fröhlichkeit zu übertünchen.

Sie alle werden vom Nebelsturm einer knochenhändigen Verführerin in ihr persönliches Bardo verblasen, wo sie sich mit dem letalen Ende ihres Wegs konfrontiert sehen. Dies in einer Art andersweltlichem Wartezimmer mit einer dämonischen Ärztin, die mit Kugelschreiber und Klemmbrett bereitsitzt, um jedermanns Psychogramm zu erstellen. Das alles ist mehr Mordsspaß als Absterbens-Amen, die Charaktere Geschöpfe des Makabren, die Monologkette dieser Moribunden so abgrundtief komisch wie hintergründig grotesk wie halszuschnürend heiter. Reduziert auf ein Dasein im Zwischenreich zum Jenseits legt jetzt einer nach dem anderen seine Lebensbeichte ab, allesamt Berichte von Überforderung und Unglück und seelischer Unausgewogenheit.

Mutter-Tochter-Gespräch: May Garzon und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Die Tödin holt die Großmutter: Kristina Bangert und Jutta Schwarz. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Pietà mit Tödin und Mutter: Kristina Bangert und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Vater-Tochter-Begräbnis: Peter Raffalt und May Garzon. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Peter Raffalt ist als Vater aufgerieben zwischen Karrierismus und seiner Erkrankung, er beklagt seine Ich-habe-keine-Zeit-Existenz, wegen der nun „alle Akkus leer“ seien, die einzigen Mittel, seine Frau noch zu befriedigen, die finanziellen. Von Ernst Kurt Weigel, Lukas Meschik & das Ensemble sowie aus Ilse Helbichs wunderbaren Büchern „Grenzland Zwischenland“ und „Schmelzungen“ stammen die Texte, die von einer Intensität, die so hautnah sind, dass sie einen wie selbstverständlich zur Innenschau veranlassen.

Völlig überdrüber im Drüben ist die grandiose Tamara Stern als selbstoptimierungssüchtige Mutter, die sich mal da, mal dort vom Chirurgen zurechtschnitzen lässt, weil „Männer und Sex eine Körperappetitlichkeit verlangen“, und die das Altersjammern ihres Gatten, die Verdachtsdiagnose als dessen Beschäftigungstherapie nervtötender findet, als sein tatsächliches Hinscheiden. Zur ungeduldigen Witwenanwärterin gesellt sich May Garzon als Tochter. Die Vegan- wie Zynismus zuneigende Heiratskandidatin, vom Zukünftigen zwar „durchgegeilt“, aber „ohne Zuneigungsminimum“, die das Kind, das kommen wird, als noch Leibesfrucht damit bedroht, es einmal „mit mir zu belasten“. Den Krebsbekämpfer-Vater fordert schließlich der computerbesessene Schwiegersohn zum Totentänzchen auf, Valentin Ivanov großartig skurril als egoistischer Egoshooter, ein Gamefighter, den am Sterben eigentlich nur stört, dass er dann sein Videospiel nicht beenden kann.

Dem YouPorn-Nutzer erscheint Kristina Bangert angetan als Lara Croft, anderen im mädchenhaften Tüllrock, anderen im transparenten Top. Mitten im morbiden Menscheln hält die Tödin zum Gaudium der Zuschauer ihre absurden Tutorials: „Wie wasche ich einen Toten?“ – Tipp: nicht scheuern, weil Wunden nicht mehr heilen, oder „Wie gestalte ich mein Totenhemd?“ – mit buntem Garn, und wer will, kann à la Stammbuch Verwandte und Freunde Sinnsprüche draufsticken lassen. Zu Fuentes‘ Soundscapes musizieren live zwei Solisten des Ensemble PHACE, Flötistin Sylvie Lacroix und Trompeter Spiros Laskaridis, deren abrupte Trackwechsel die hart gesetzten Schnitte in der Handlung einerseits unterstreichen, andererseits die scharf abgegrenzten Episoden verbinden.

Familienstreitigkeiten vermiesen die Stimmung an der Festtafel: Jutta Schwarz, Peter Raffalt, May, Garzon und Valentin Ivanov. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Gerade nämlich, als man sich’s bei Black Sabbaths „Paranoid“ und einer Schilderung über die Zustandsformen der Zersetzung gemütlich machen wollte, treten die Darsteller aus ihren Rollen, um von ihrem Zugang zum Tod zu erzählen. Faktisches lagert sich über die Fiktion, wenn es darum geht, ob man sein Begräbnis selber organisieren soll, um den Angehörigen den Ärger damit zu ersparen, oder um die Angst vorm langwierigen Abkratzen, einem Verfall bei lebendigen Leib.

Peter Raffalt aka der sterbenskranke Vater berührt mit seiner Bemerkung über die große Peinlichkeit unter den Bekannten, sobald sich ihnen ein Leidtragender nähert, da sie nicht wissen, wie sie mit der Scham des Überlebens umgehen sollen. Längst ist da nicht mehr klar, wo das privat Erfahrene anfängt und das beruflich Erdachte aufhört, wo die Trennlinie zwischen Sein und Nichtmehrsein verläuft. Dem noch eins drauf setzt die sensationell ihre Abgeklärtheit zur Schau stellende Jutta Schwarz. Sich verbrennen zu lassen, so hätte sie erfahren, sei bezüglich ökologischen Fußabdrucks bedenklich. Weil dafür so viel Energie aufgewendet werden müsse, wie sie einen kompletten Haushalt einen ganzen Monat lang versorgen könnte.

Sarg, sagt sie, Jahrzehnte vor sich hin zu verwesen, sagt sie, sei keine Option. In Seattle gäbe es allerdings seit Kurzem die Möglichkeit eines Kompostbegräbnisses. Darauf hofft die Schwarz auch in Wien – zu einem Kubikmeter Humus für die Gärten ihrer Kinder will sie werden. Darauf reichen die Schauspieler – jesús!, salud!, sus! – klaren Schnaps und pikante Kekse. Der britische Teelöffel übrigens ist ein ebendortiges Raummaß, und deren exakt 701 sind es, die das Volumen eines eingeäscherten Leichnams ergeben, das man in die Urne füllt.

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  1. 10. 2019