Werk X-Petersplatz: Geleemann

September 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefangen im großen deutschen Sprach-Raum

Geleemann mal vier trägt seine Zellenwand mit sich: Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Sie tragen blaue Gefängnisuniformen, und die Art, wie sie sich gegenseitig vernehmen, weist sie als Häftlinge und zugleich Wärter aus. Sie tragen ihre Zellenwände vor sich her, zwei Darstellerinnen, zwei Darsteller, drei davon „Migranten“, und es ist Maria Sendlhofers den Abend eröffnendes Publikums-Spiel, wem man’s ansieht und wem nicht. Sendlhofer, im Werk X-Petersplatz zuletzt als Performerin in „Carrying A Gun“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=31561) zu erleben, hat nun ebendort „Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“ von Amir Gudarzi inszeniert – die Uraufführung eine Produktion von Andromeda Theater Vienna in Kooperation mit dem WERK X- Petersplatz, und mottingers-meinung.at zum Probenbesuch samt anschließendem Interview mit Regisseurin und Autor eingeladen.

Woher man komme und warum man hier sei, fragen Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović einander ab, Name? – Geleemann, dazwischen Gesten des Schutzes und der Abwehr, Größe? – eine gute handbreit überm jeweiligen Kopf. Der „Geleemann“, er von den Medien zu diesem gemacht, ist größer als man selbst, heißt das, und zugleich kann’s jede und jeder sein. Ja, lacht Maria Sendlhofer, als sie den Text zum ersten Mal las, dachte sie, „ich besetze das weißeste Milchbubi, das ich finde“ – oder eben so.

Amir Gudarzis Text ist so politisch wie poetisch. Wie sein Protagonist, der sich nicht als Einbrecher-Verbrecher, sondern als Dichter sieht. Da sitzt er nun in Untersuchungshaft, von den Zeitungen bereits als Vergewaltiger und Mörder vorverurteilt, Geleemann genannt, weil er sich vor seinen Taten einölte, klitschig machte, um nicht gefasst werden zu können. Den wahren Namen erfährt man nie. Der Mann ist iranischer Asylwerber, 2009 vor dem Regime in Teheran nach Österreich geflüchtet, festgenommen als Eindringling in die Schlafzimmer schlafender Frauen, auf der Suche, aus Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Geborgenheit. „Die Menschen sind nur im Schlaf nahbar“, sagt er, und dass er es nicht mehr ausgehalten hätte, das ständige „Wegsetzen, Wegschauen, weg da, du da, weg da“.

Via Video wird der Täter zum Opfer: Johnny Mhanna und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Simonida Selimović, Philipp Auer, Clara Schulze-Wegener und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Der virtuose Ghaychak-Spieler Pouyan Kheradmand begleitet den Abend musikalisch. Bild: © Alexander Gotter

Eine der vom Geleemann „besuchten“ Frauen bei der Aussage: Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Mal als Chor, mal als Einzelstimme sagt das Ensemble solche Sätze, je nach eigener Biografie mit je eigener Klangfarbe, mit großer Intensität alle vier. Auf den auch als Videowände verwendeten Paneelen wird aus Täter Opfer, gefilmt hinter Plexiglas, wo auch der virtuose Ghaychak-Musiker Pouyan Kheradmand sitzt, Täter zu Opfer auch auf der Spielfläche, wenn die Masse den einen angreift. Mit Fäusten und jenen rechtspopulistischen Formulierungen, die die Wählerschaft in die offenen Arme der Xenophobie treibt.

Was Amir Gudarzi verhandelt, vom Publikum fordert, ist nicht wenig. Sein Text thematisiert, assoziiert, analysiert, ist ein komplexes Konstrukt aus Rassismus und Stereotypen, Geschichte und Gegenwart, Bewusstsein und Verdrängung, von den Wiener Kurdenmorde von 1989, der NS-Vergangenheit Österreichs, dem Attentat von Oberwart bis zur Grünen Revolution im Iran von 2009, der Ermordung politischer Gefangener am Ende des Iran-Irak-Kriegs, von Berichten der hiesigen Boulevard-Presse bis zum heutigen Antisemitismus.

Polemisch lässt er den Geleemann über die Willkommenskultur der heimischen Hotellerie lästern, die sich allerdings nicht an Flüchtlinge, sondern an „die reichen Araber“ wendet, und es geht unter die Haut, wenn er über die unter Androhung von Sanktionen zu erlernende Sprache sagt: „Deutsch ist wie ein großer Raum, in dem man gefangen ist.“ Der Geleemann kam traumatisiert aus Teheran, wen schert’s?, er ist eines jener in den 1980er-Jahren im Foltergefängnis geborenen Kinder, von denen man selbst erst durch den Dokumentarfilm „Born in Evin“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38221) erfuhr, wer weiß das schon? Wen interessiert der „Hurensohn“, der nach der Erschießung der Mutter im Hof ihr Blut wegwaschen musste?

„Worüber man schreibt, hat immer mit einem zu tun“, sagt Amir Gudarzi. Auf der Theaterschule in Teheran, dieser Grauzone des Dürfens, wo die Proberäume via Gucklöchern überwacht werden, mit 13, 14, hatte er einen Freund, dessen Vater, wenn er betrunken war, von der Ermordung der Oppositionellen unter Ayatollah Khomeini erzählte, die Mutter, Geschwister. Gudarzi floh, wie er es formuliert, „aus religiös-politischen Gründen“, seit 2009 lebt er im Exil in Wien, gewann den österreichischen exil-DramatikerInnenpreis und erhielt das Dramatikerstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts. Derzeit schreibt er an seinem Debütroman, schreibt, er muss schmunzeln, noch sind es viele Ideen im Kopf, darüber wie Politik der Privatheit in die Quere kommt.

Bild: © Alexander Gotter

Ein Wunschtraum vom Richtigstellen, den auch der Geleemann hat. „Steht er erst vor Gericht“, so Maria Sendlhofer, „glaubt er ein Plädoyer über Verdrängung und Verfälschung von Wissen und Gewusstem halten, und über die mediale Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit zum Ausleuchten der geschichtlichen und gegenwärtigen toten Winkel bringen zu können.“ Derweil wird’s auf der Spielfläche tumultuös, dem muslimischen Geleemann wird zur Gaudi der Jude David als Zellengenosse überantwortet, Vorurteile und Klischees prallen aufeinander, werden bedient und hinterfragt.

Schönster Satz zwischen den ihr Leid tragenden Tätern zum hiesigen Lieblingsmythos: „Hier gibt es nur ein Opfer – Österreich!“ Doch siehe, die Feindbilder beginnen sich anzufreunden, Philipp Auer und Johnny Mhanna spielen diese Szene über barbarische Regime, Millionen Tote, der Zweite Weltkrieg, die Besetzung durch Briten und Sowjets da wie dort, der offizielle Iran, der die Shoah ein israelisches Märchen nennt, die „Stolpersteine“, deren Inschriften der Geleemann in Wien gelesen hat. „Ein Mensch ermahnt seine Mitmenschen zum Hinschauen, aber wie steht es um seine Ignoranz?“, erklärt Sendlhofer das zu Sehende.

Und Gudarzi ergänzt: „Es geht um die Narrative und wer die Macht über sie besitzt. Wer kann komplexe Zusammenhänge vereinfachen, wer kann aus Leid Sensation machen, wer entscheidet, welche Nachricht sich gut verkauft und das Rennen um die Titelseite gewinnt?“ Was Regisseurin und Autor mit all dem in den Köpfen der Zuschauer festsetzen wollen? „Viele Fragen und keine Antwort“, lacht Sendlhofer. „Wir wollen herausfordern, weil das Publikum hier im Theaterraum jemandem, der ob seiner Tat verachtet werden müsste, zuhören muss.“ – „Wäre der Geleemann ein Österreicher, wäre er ein Einzelfall und würde psychologisiert“, ergänzt sie. „Aber so, heißt es wieder die …“

„Der Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“, exakt und ideenreich inszeniert, perfekt und mit Hingabe an die Figur gespielt, ist ein Stück, dem wohl niemand gleichgültig begegnen wird können. Es ist Gudarzis lyrische Einladung zur Selbstbefragung, zur Hinterfragung der oftmals von anderen vorgefertigten Bildern, die man in sich trägt, es ist Gudarzis Bitte, der eigenen Voreingenommenheit bewusster zu begegnen. In Tagen wie diesen ein wichtiger Text, umgesetzt in einer sehenswerten Aufführung.

Vorstellungen bis 2. Oktober.

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  1. 9. 2020

Werk X-Petersplatz: Hauptsache Gemeindebau

November 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Lebensziel a scheene Leich

Ehefrau Gitti trauert vor versammelter Familie um ihren Edu: Sophie Prusa, Josephine Bloéb, Lilli Prohaska, Lisa Weidenmüller und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

„Er hat an Abgang gmacht / er hat die Patschn gstreckt / er hat a Bankl grissn / er hat se niedaglegt / er hat se d‘ Erdäpfel von unt angschaut / er hat se sozusagn ins Holzpyjama ghaut …“ So singt die Trauergemeinde anfangs, und es ist erstaunlich, selbst für eine echte Wienerin, wie viele Synonyme fürs Sterben es gibt. Insgesamt siebzehn hat Roland Neuwirth in seinem „Echten Wienerlied“ aufgelistet, und sicher fände sich noch mehr Sinnver- wandtes für Zusatzstrophen.

Verwandt sind auch die fünf, die sich nach dem Tod von Vater Edu in dessen Wohnung versammeln, Ehefrau Gitti, die drei Töchter, der Schwiegersohn. „Hauptsache Gemeindebau. Das Leben, der Tod, die Familie“ heißt die Produktion der handikapped unicorns, die in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz ebendort uraufgeführt wird. Der Titel ist Programm, als Lebensziel a scheene Leich, bis die nostalgisch-schwelgerische Scheinheiligkeit der Sippschaft in die altbekannten Schuldzuweisungen und Vorhaltungen kippt, mit einem Wort das ganze Kreuz, das man miteinander hat, von Neuem schmerzt. Ein Elend, das – wie könnt‘ es auch anders sein? – in erster Linie die Mutter zu tragen hat.

Andreas Stockinger hat diese Leichenschmaus-Satire inszeniert, im Tisch/Sarg verstaut sind der Schnaps und die als Kalte Platte dargereichten Kekse, und Lilli Prohaska spielt mit Verve und bösem Mundwerk und staubtrockenem Humor die Gitti. Kettenraucherin mit Raucherbein, und weil so oft darauf hingewiesen wird, dass der nikotinabstinente Papa nämlich nicht an Lungenkrebs gestorben ist, ist bald klar, da ist was oberfaul im Ottakringer Gemeindebau. Die Positionen sind geprobt. Eine Tochter hat zwar studiert, sich dann aber ausgerechnet mit einem „Piefke“ getraut, eine ist aufs Land gezogen und bis dato kinderlos geblieben, die jüngste ist alleinstehend, dafür hochschwanger, daher nach wie vor Logiergast im Hotel Mama.

Lisa Weidenmüller, Lilli Prohaska und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

Franz Haselsteiner und David Mandlburger. Bild: © Alexander Gotter

Lisa Weidenmüller, Jan Hutter und Lilli Prohaska. Bild: © Alexander Gotter

Genug Konfliktstoff also für einen Abend, man kommt von einem ins andere, Erinnerungen an die „Mamsch“ genannte alte Hausbesorgerin, das unverhoffte Finden dreier Plastiksparschweine, in denen sich noch Schillinge befinden, das Niachtln der ungelüfteten Zimmer. Auf einen Lobgesang auf die 48er folgt das Klagelied über die Kameltreibernachbarn, folgen „Ana hat immer des Bummerl“ und „Drei aus Ottakring“. Franz Haselsteiner am Akkordeon und David Mandlburger mit der Gitarre begleiten die Ballade auf den 16. Hieb. Lisa Weidenmüller, Sophie Prusa und Josephine Bloéb gestalten das Schwesterntrio, Jan Hutter macht den einen Angeheirateten, der andere glänzt, da der Herrenwitze über seine Mannesschwäche überdrüssig, durch Abwesenheit.

Stockinger und Ensemble haben ihre pointierten Sager dem Gemeindebau sozusagen vom Mund abgeschaut, dessen Jargon aber in eine am Horváth’schen orientierte Kunstsprache übertragen. Viel von dem, was gemeinhin als Wiener Mentalität tituliert wird, fließt durch diese soziotopkritische Stückentwicklung. Großartig ist das, wenn die Prohaska Einsamkeit als Einstellung, nicht als Empfindung ausweist, oder – niedergedrückt von der Bürde ihres selbstverständlich der Selbstaufgabe gewidmeten Daseins – feststellt: „Du kannst vor dir selber nicht davonlaufen, im Alter holst dich wieder ein.“ – „Aus Leberwurst kann man sowieso kein Marzipan machen“, lautet ihr Leitsatz zur Unausweichlichkeit des Schicksals.

Vergessenes Spielzeug wird wiederentdeckt: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Handfester Streit unter Schwestern: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Alldieweil derart die Lebensweisheiten nur so über die spitzen Lippen flutschen, fällt es den Töchtern gar nicht schwer in ihre Kindheitsmuster zurückzufallen. Wer hat als Papakind von diesem Geld gekriegt und wer haut sich noch posthum mit dem Papa auf ein Packl? Weidenmüller und Hutter treten wie aus Protest mit ihrer mitgebrachten Rohkost gegen das Ein-Euro-Backwerk an. Dunkle Flecken in der Familienvergangenheit enttarnen sich als nie verheilte blaue auf den Seelen, mit der Menge an Alkohol steigt der Mut zur Eskalation, und aus dem Zusammenhalten wird der dringende Wunsch, das Gegenüber mög’s endlich zsammhalten. Der Clou gehört natürlich der Gitti, die zum Schluss verkündet, welche Geheimnisse sie aus Edus Schreibtisch zu Tage befördert hat – Stichwort: Testament.

Mit ironischem Augenzwinkern legt „Hauptsache Gemeindebau“ die Anatomie dieser Wiener Institution und der in ihr wohnenden Menschen bloß. Die Aufführung ist eine amüsante Abhandlung übers Granteln und Sudern, Raunzen und Räsonieren. Und sollte wer Analogien zum eigenen Anhang entdecken, unbedingt daran denken, wie dereinst schon der Heller und der Qualtinger sangen: „Bei mir sads alle im … daham.“

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  1. 11. 2019

Werk X: Das Programm der Saison 2019/20

Juni 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganz nach dem Motto „Heimat und Arschloch“

Stellten den Spielplan für die Saison 2019/20 vor: Knut Klaßen und Monika Gintersdorfer aka Gintersdorfer/Klaßen, die leitende Werk-X-Dramaturgin Hannah Lioba Egenolf, die Werk-X-Leiter Harald Posch und Ali M. Adullah, Werk-X-Petersplatz-Kuratorin Cornelia Anhaus und Andreas Stockinger von den handikapped unicorns. Bild: Bernhard Bilek

„Wir haben uns gewundert, was alles geht“, kommentieren Harald Posch und Ali M. Abdullah, die beiden Leiter des Werk X, bei ihrer heutigen Spielplanpräsentation für 2019/20 doppeldeutig die eben auslaufende Saison. Die gar nicht so scherzhaft gemeinte Erklärung: „Während die Akteure auf der politischen Bühne nach einem scheinbaren Schrecken ohne Ende schließlich doch ein überstürztes Ende mit Schrecken hinlegten, hielt man sich in Meidlung und am Petersplatz ein weiteres Mal gut im Sattel.“

Was Abdullah in Zahlen, neben der Freude über die Nestroypreis-Nominierung für seine im Herbst wiederaufgenommen werdende Inszenierung „Homohalal“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27973), so ausdrückte: „Im Spielstättenverbund Werk X hat sich der Publikumszuspruch von etwa 16.000 auf etwa 19.000 Zuschauerinnen und Zuschauern erhöht, das bedeutet bei 288 gespielten Vorstellungen eine Auslastung von knapp 80 Prozent.“ Die nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Cornelia Anhaus als kuratorischer Leiterin des Werk X-Petersplatz zustande kam, deren Programm vielfach gelobt und sehr gut besucht wurde.

Trotzdem warnen Posch und Abdullah davor, dass das Werk X durch die nicht valorisierte Förderung, derzeit von der Stadt Wien für die Spielstätte in Meidling eine Million Euro, für die am Petersplatz 550.000 Euro, der Bund subventioniert nur noch projektweise, pro Jahr 25.000 Euro, heißt bis 2021 200.000 Euro Verlust zu erwarten hat.

„Die kommende Saison soll sich unter dem Eindruck des politischen Geschehens nun vertieft mit der in die Krise geratenen Identität Österreichs auseinandersetzen“, so die Theatermacher, die als Leitmotiv für diese das Motto „Heimat und Arschloch“ ausgegeben haben, und darunter die Fieberträume von Vaterland und dessen nationaler Größe dem Glauben an Humanismus, Menschenrechten und Gleichberechtigung gegenüberstellen wollen. „Darum ist der Spielplan 2019/20 geprägt von modernen österreichischen Autoren, die vor Augen führen, dass der gegenwärtige Wahnsinn Dramatikern wie Ludwig Anzengruber vor 140 Jahren oder Ödön von Horváth vor 90 Jahren in verblüffend ähnlicher Form bekannt war und zum Gegenstand ihres Schreibens wurde.“

Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald zeigt zum Saisonstart die internationale Gruppe Gintersdorfer/Klaßen rund um die Regisseurin Monika Gintersdorfer und den bildenden Künstler Knut Klaßen als Auseinandersetzung mit dem mehrfach postfaktisch gewendeten Selbstbild der österreichischen Gesellschaft. Wie’s die Art der Performer ist, werden sie „auf der Bühne reagieren, formulieren und Text in Bewegung umsetzen“, erklärt Monika Gintersdorfer. Den Wien-Bezug verstärkt die Musik von Natalie Ofenböck & Der Nino aus Wien. Premiere ist am 10. Oktober. Am 24. Oktober folgt Nurkan Erpulats und Claudia Tondls Try to be Lulu nach Frank Wedekind, eine Arbeit, bei der sich Constanze Passin und Karl Baratta nicht als Kindfrau und Liebhaber gegenüberstehen werden, sondern als Schauspielerin und Dramaturg ihre Sicht auf die „Monstretragödie“ austauschen.

aktionstheater ensemble: „Wie geht es weiter“ mit Michaela Bilgeri, Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek, Thomas Kolle und Maria Fliri. Bild: Gerhard Breitwieser

Nestroypreis-Nominierung für „Homohalal“: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Die Arbeitersaga, einstmals vierteilige Spielfilmserie von Peter Turrini und Rudi Palla, kommt auf die Bühne, und zwar soll hier in zwei Mal zwei Folgen der Bogen vom postfaschistischen Nachkriegsösterreich bis in die 1990er-Jahre, von der sozialen Marktwirtschaft zur Massenkonsumkultur gespannt, und über das letzte Erzähljahr hinaus fortgeschrieben werden. Premiere von Teil eins ist am 12. Dezember, mit Helmut Köpping vom Grazer Theater im Bahnhof als Regisseur der Folge 1 und Kurt Palm als Regisseur der Folge 2. Teil zwei folgt im Frühjahr 2020 – und Harald Posch verspricht dafür zwei Regisseurinnen. Ebenfalls im Frühjahr inszeniert Ali M. Abdullah Bert Brechts Baal als kritische Hinterfragung des gern gelebten Klischees vom amoralischen, dafür umso genialeren Künstler, der jenseits jeder sozialen Ordnung steht. Abdullah: „Das Thema ist: Inwieweit kann Kunst in eine Gesellschaft hineinwirken? Oder betreiben wir Künstler nur Eskapismus?“

Als „Steilvorlage für das Phantasma einer völkischen Idylle, die in Österreich derzeit so wirkmächtig ist“, beschreibt Harald Posch Ludwig Anzengrubers Der Gwissenswurm, dem er sich mit dem Zusatz – the unintentionally end of Heimat mit Premiere im April widmen wird. Poschs Bearbeitung des 1874 uraufgeführten Volksstücks untersucht, welche Rolle das Unterbewusst-Imaginäre im Faschismus der Gegenwart spielt und „unter wessen Räder der Gwissenswurm zwischen Wien und Ibiza eigentlich gekommen ist“. An Koproduktionen gibt es am Wochenende 18. und 19. Oktober die Wortstattnächte 2019, die sich diesmal mit zeitgenössischer internationaler Dramatik befassen, „Böhmisches Paradies“ des tschechischen Autors Jaroslav Rudis, „Heiliger Krieg“ vom Italiener Fabrizio Sinisi, „Fälle“ von Ursula Knoll und „Lassen Sie mich durch, ich bin …“ von Valerie Melichar, beide Autorinnen Wienerinnen. Ab dem Herbst wird das Kollektiv Play:Vienna unter dem Titel Die Siedler von Süd-Wien ebendiese zur Selbstermächtigung aufrufen, indem mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Siedlungen Kabelwerk, Schöpfwerk und Alterlaa ein Spielkonzept erarbeitet wird. Die Aufführungen sind fürs Frühjahr geplant.

Nach der fulminanten Jubiläumsproduktion „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672), deren Wiederaufnahme für Herbst geplant ist, zeigen Martin Gruber und das aktionstheater ensemble ab 10. Juni ihre neue Produktion Wann beginnt das Leben. An Specials geht Schnitzel im Kontext selbstverständlich im Häuserl am Spitz weiter; dort findet am 9. November auch Gala und Preisverleihung zu Julius Deutschbauer: Suche die unpolitischste Theaterproduktion Wiens 2018/19 statt.

Cornelia Anhaus übernahm im Februar 2018 die kuratorische Leitung des Werk X-Petersplatz. Bild: Wolfgang Lienbacher

handikapped unicorns mit „Zum wilden Mann“: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann und Sebastian von Malfér. Bild: © Alexander Gotter

Junges Theater Wien mit „Lies mein Herz“: Soffi Schweighofer und Régis Mainka. Bild: Apollonia Theresa Bitzan

Der iranische Schauspieler und Regisseur Alireza Daryanavard als „Ein Staatenloser“. Bild: © Alexander Gotter

Die Premieren 2019/20 im Werk X-Petersplatz

Die Saison am Petersplatz startet am 3. Oktober mit Wasted der britischen Spoken Word Artistin und Poetin Kate Tempest in einer Übersetzung der Singer/Songschreiberin Judith Holofernes. Das Kollektiv MOROSIS wird den Text inszenieren, in dem drei planlose und beziehungsgeschrottete Thirty-Somethings am zehnten Todestag eines Freundes einander zur Party treffen – die klarerweise entgleisen muss. How to protect your internal ecosystem heißt die Stückentwicklung, die Miriam Schmidtke und Mimu Merz am 23. Oktober zur Uraufführung bringen, eine Performance an der Schnittstelle von Video, Sound, Sprache und Choreografie, in der es um Fabrikarbeit und Fertigungsprotokolle aus der Computerchipherstellung gehen wird.

Die handikapped unicorns, die diese Saison mit ihrer Burschenschaften-Persiflage „Zum Wilden Mann“ erfreuten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30877), legen mit Hauptsache Gemeindebau. Das Leben, der Tod, die Familie nach, eine Verbeugung, wie Regisseur Andreas Stockinger erklärt, vor 100 Jahre Gemeindebau. Inhalt: „Nach dem Selbstmord ihres Oberhaupts sieht sich eine Familie gezwungen, in der elterlichen Gemeindebauwohnung zusammenzukommen, um das Begräbnis des Vaters zu planen. Unter Alkoholeinfluss entsteht eine explosive Atmosphäre, werden Geheimnisse gelüftet etc. – ein non-galantes Wiener Sittenbild, live untermalt von Wienerliedern“, so Stockinger. Mit dem Gudrun-Ensslin-Lebensgefährten und Vater ihres Sohnes, Bernward Vesper, befasst sich die Bühnenfassung seines fragmentarischen Großtextes Die Reise. tangent.COLLABORATIONS will dieses „Spiel zufälliger elektrischer Ströme auf meiner Großhirnrinde“ – © Vesper – in einer multimedialen Performance erfahrbar machen. Ein mutmaßlich so luzider wie bewusstseinsverstörender Horrortrip mit Premiere am 6. Februar.

Schauspieler und Regisseur Alireza Daryanavard beeindruckte vergangenen Oktober mit seinem Monolog „Ein Staatenloser“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) über sein Leben in Österreich, das sich nicht als das ersehnte Friedens- und Freiheitsparadies entpuppte. Mit Premiere am 27. Februar beschäftigt sich der im Iran geborene Schauspieler und Regisseur in Blutiger Sommer mit den Massenhinrichtungen politischer Gefangener im Iran Ende der 1980er-Jahre, im Land natürlich ein Tabu. Das Stück basiert auf Interviews mit Zeitzeugen, die jahrelange Gefangenschaft und Folter überlebt haben, Tagebüchern und Abschiedsbriefen von Ermordeten – und Fotos von deren Habseligkeiten, die den Angehörigen zurückgegeben wurden. Eine neue Form von Musical wollen Johannes Schrettle und Imre Lichtenberger Bozoki mit HORSES erfinden. Die irrwitzige Story: Ein rechter Redenschreiber überfährt einen Ausländer und muss zur Vertuschung dessen Platz in einem soziokulturellen Flüchtlingsprojekt einnehmen. Bei der Produktion von Splitscreen Entertainment werden Georg Breinschmid, Martin Hemmer und Imre Lichtenberger Bozoki für die Musik sorgen.

Am 16. April folgt vom Theater KuKuKK die Wien-Premiere von Gruber geht nach dem Roman von Doris Knecht. Und zum guten Schluss, Premiere ist am 3. Juni, befasst sich das Junge Theater Wien, dessen Produktion „Lies mein Herz“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31838) vor Weihnachten wiederaufgenommen wird, unter dem Titel Back To Black mit dem Leben von Amy Winehouse.

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26. 6. 2019

Werk X-Petersplatz: Mein Hundemund

April 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wurst, Wahn, Weltenkrempel

Der Hundsmaulsepp schwadroniert, während der Sohn sein kaputtes Auto bejammert und die Frau ungerührt im Kochtopf rührt: Sonja Kreibich, Jens Ole Schmieder und Benjamin Vanyek. Bild: © Alexander Gotter

Das menschliche Wrack kriecht über die Spielfläche, vorneweg Schnaps und Selbstvernichtung, hinterdrein das im „tausendjährigen Reich“ kriegsversehrte Bein. Das metallene Wrack kommt geflogen, zerlegt in seine Karosserieteile – wie der Hundsmaulsepp von der Vorsehung auf den Mist geworfen worden ist, macht sein Sohn ebendieses nun mit seinem sportroten, schrottreifen Wagen. Und während der eine überall „Führervertreter“ ortet, will der andere nur eins, „einen Vergaser, der vergast“.

Fürs Auto versteht sich, aber nicht einmal einen solchen hat der Vater bei der Hand. Die Maschine bleibt also so kaputt, wie’s der Hundsmaulsepp längst ist, weil doch beide „einen Schmerz“ haben und die eigene Existenz „nicht mehr ausgehalten“. Der junge Regisseur Alexandru Weinberger-Bara, Absolvent des Max Reinhardt Seminars 2017 und diesen Mai als einer der „35 spannendsten Nachwuchskünstler aus der ganzen Welt“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen, hat im Werk X-Petersplatz Werner Schwabs viertes Fäkaliendrama „Mein Hundemund“ inszeniert. Das ist, verglichen mit den „Präsidentinnen“ oder der „Volksvernichtung“ keine derb überdrehte Volkskomödie, sondern gnadenloser, erbarmungsloser, und Weinberger-Bara versucht auch nicht, dem Stück ein Schenkelklopfen abzuluchsen, er will den Schauspielern kein Kabinett-Stück aufzwingen, womit was bleibt ein so ekel- wie hasserfüllter Abgesang auf alles und das im Besonderen ist.

Der da seine Allmachts- und Ohnmachtsfantasien ausspeit, eingekerkert in Weinberger-Baras Schutthaldenbühne aus Müllsäcken und Kunststoffhäckseln, ist Jens Ole Schmieder als „Drecksepp“, so die Eigenbezeichnung der Figur. Benjamin Vanyek gestaltet die Rolle des Sohns, Sonja Kreibich „das saubere, streng geschürzte Frauenzimmer“, beide dazu angetan, spöttische, sarkastische Stichwortgeber zu sein, stemmt Schmieder die eindreiviertelstündige Aufführung mit der Dreckseppischen Suada doch beinah allein. Im Furor rechnet der Fleischhauer und Bauer mit Gott und der Welt ab, und Schmieder deliriert sich in dessen Tirade politischer und privater Zwangsvorstellungen.

Im Wortsinn ein Blutbad: Jens Ole Schmieder. Bild: © Alexander Gotter

Der Wagen, ein Wrack: Benjamin Vanyek. Bild: © Alexander Gotter

Sein Drecksepp ist ein auto-/aggressiver Alkoholiker, der augenscheinlich schon die Apokalypse sieht, ist aus jenem Stoff, aus dem die Franz Fuchse und Ted Kaczynskis dieser Erde sind, wenn er sich „in seine Einbildungen hineindenkt“, wie alles vor die Hunde gehen muss. Auch er selber; seiner heißt Rolfi und dringt als Klanggetöse von der Seite herein. Schmieder fordert Schwabs Textmonster zum zornglühenden Duell heraus. Er grunzt, grölt, gurgelt sich die Seele samt der „Innensau“ aus dem Leib – bis zur Unverständlichkeit.

Weil er in der Verausgabung die Wort- deutlichkeit mitunter hintanstellt. Momente, die Schwabs brachial-poetischen Sätzen bedingt guttun, „die Sprache zerrt die Personen hinter sich her“, sagte der über seine surreal-skurrilen Verschlüsselungen, und wenn man die schon nicht alle versteht, so sollte man sie zumindest alle verstehen. Was Sonja Kreibich und Benjamin Vanyek trefflich gelingt. Kreibich, von Kostümbildnerin Antoaneta Stereva versehen mit Kittelstürze, Nylonsocken in Gesundheits- schlapfen und einer abenteuerlich orangen Flechtperücke, stampft hantigen Blicks durch Zivilisationsabfall und familiären Unrat.

Eine verbitterte, vom Abscheu auf ihren Mann getriebene Frau, die sich pausenlos bei ihm über ihn beklagt, ihn nichtsdestotrotz herumzukommandieren probiert, eine Übung die naturgemäß misslingen muss, und ihm schließlich im Wortsinn das Bett vor die Tür stellt. Wunderbar eine Szene, in der Kreibich bis zur Gänsehaut mit dem Küchenmesser im Kochtopf kratzt, die spezielle Folter einer Frau, da er statt zu essen zur x-ten Flasche greift. Sonja Kreibich hört man gern zu, wie sie erklärt, als nächstes das „reine Essgeschirr“ in die „unbefleckte Kredenz“ einräumen zu wollen.

Vanyek macht aus dem aus dieser Ehe hervorgegangenen Sohn, der „Kindsgemeinheit“, wie ihn der Drecksepp nennt, ein verhuschtes Bürschchen, nur weil freundlicher, um nichts weniger psychisch gestört als der Vater, das trotz seiner Furcht vor ihm nicht in die Freiheit flüchten kann, hat er doch dessen Defätismus als etwas Angeborenes angenommen. Wäre sein Wagen nicht hinüber, ja dann, aber so! Vanyek spielt es genüsslich aus, wenn dieser Sohn andauernd mit seinem Autounfug nervt, wenn er über seinen einen, kleinen Wutausbruch selbst verwundert ist, wenn er vom Ableben des Vaters träumt, das sein und der Mutter Aufleben sein wird, davon, wie er mit der Raupe den Drecksepp und dessen Dreck ins Grab schieben wird, um darauf, wie es sich für einen Schlachtersohn gehört, eine Wurst zu defäkieren.

Im Mostkeller werden die Messer gewetzt: Sonja Kreibich und Jens Ole Schmieder. Bild: © Alexander Gotter

Ein Wutausbruch, über den sich der Sohn selber wundert: Benjamin Vanyek. Bild: © Alexander Gotter

Vanyek geht mit dem quälerisch komischen Potential dieses bizarren Charakters, der am Ende aus seiner inneren Emigration auftaucht und den Haus- und Hofumbau zu planen beginnt, großartig um. Wie der unterbutterte Sohn immer mehr Oberwasser bekommt, kriegt der Drecksepp gar nicht mit, alldieweil er im Mostkeller sein Messer wetzt, über Gewalt- und die Wohltaten des von ihm erdachten „Weltpräsidenten“ brütet, wie verrückt Plastikgebinde nach Farben sortiert oder sich, seiner Stricklumpen entledigt, in einer Badewanne voll mit Schweineblut wäscht.

Selbst-/Verletzung als Daseinszweck, da darf Schmieders Drecksepp im Todeswahn auch weinerlich werden, er wirft sich vor den Rolfi und dem „Hundemund“ die Gurgel zum Fraß vor. Und schon bei der Beerdigung ziehen Frau und Sohn aus der schwarzen Trauerkleidung gelbe Gummihandschuhe hervor, um ohne Aufschub anzufangen, des Vaters schlechten Geruch sauber zu wischen. Derlei Einfälle hat Weinberger-Bara in seiner das Absurde mit dem Konkreten austarierenden Arbeit einige zu bieten. Ein, zwei Striche hätten dem Ganzen geholfen, und dem Publikum, würde Jans Ole Schmieder, Aura hin, Atmosphäre her, etwas artikulierter sprechen.

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  1. 4. 2019

Das neue Wiener Künstlerkollektiv: DARUM im Gespräch über die erste Produktion „Ungebetene Gäste“

März 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Unsere Ideen passen nicht in Theaterräume“

Victoria Halper, Kai Krösche und Laura Andreß. Bild: DARUM

Mit der Spurensuche „Ungebetene Gäste“ startet das neu gegründete Kollektiv „DARUM. Darstellende Kunst und Musik“ am 24. März seine künstlerische Arbeit. Das Kernteam Laura Andreß, Victoria Halper und Kai Krösche, das in sich das Know-How zahlreicher Disziplinen, darunter Film- und Theaterregie, Dramaturgie, Musik, Literatur, Video- und Medienkunst, Schauspiel und Performance, vereint,

beschäftigt sich dabei mit den „einsamen Begräbnissen“, heißt: Bestattungen, die ohne die Anwesenheit Angehöriger stattfinden. In fünf einmalig zur Aufführung gebrachten Vorstellungen, beginnend im WERK X-Petersplatz, über eine Busfahrt durch Wien vom Zentrum zum Zentralfriedhof bis zu einem „Leichenschmaus“, wird dem Leben und Ableben dieser Menschen nachgegangen. DARUM im Gespräch:

MM: Ihr Kollektiv „DARUM. Darstellende Kunst und Musik“ begibt sich ganz neu in die Wiener Kunst- und Kulturszene. Wie und warum kam es zur Gründung?

Kai Krösche: Wir drei kennen einander seit Jahren aus verschiedensten Arbeitskontexten, arbeiten aber im Rahmen von „Ungebetene Gäste“ erstmals als Kollektiv auf Augenhöhe. Zuletzt waren wir alle an dem Punkt, wo wir vom klassischen Stadttheater genug hatten, und dachten, da muss was Neues her.

Laura Andreß: Ich habe die vergangenen beiden Jahre in Berlin verbracht und mein Masterstudium in Dramaturgie an der Ernst-Busch-Schauspielschule absolviert. Ich komme also frisch aus dem Studium, und mir war von Anfang an klar, dass es mich in die Freie Szene verschlägt und wieder zurück nach Wien. So hat das eine zum anderen geführt, so ist DARUM entstanden.

MM: Wo sind Ihre Schnittmengen und Schnittstellen, was bringt jeder von Ihnen ins Kollektiv ein?

Victoria Halper: Ich habe Schauspiel und Theaterwissenschaft in Toronto studiert, habe im Studium auch Regie gemacht und kollektives und kollaboratives Arbeiten. Ich komme einerseits vom Selber-Spielen und -Performen, andererseits von der Stückentwicklung, vom Inszenieren – und auch von der Videokunst.

Krösche: Ich habe lange Jahre Regie gemacht, bin dann zur Dramaturgie ans Landestheater Niederösterreich gewechselt, habe aber auch im Filmbereich gearbeitet und konzentriere mich nun wieder aufs Inszenieren, in letzter Zeit auch verstärkt auf Theatermusik.

Andreß: Vielleicht sollte man generell sagen, dass wir sehr unklassisch arbeiten. Es gibt bei uns keine festgeschriebenen Aufgabenbereiche, heißt: einer ist der Bühnenbildner, weil er da eine Ausbildung abgeschlossen hat, sondern wir bringen alle sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen ein, die sich zum Teil überschneiden. Was gerade das Spannende ist, weil wir die Berufszuordnungen kritisch betrachten und reflektieren. Bei uns ist nichts in Stein gemeißelt.

Halper: Ein simples Beispiel: Laura macht ein Foto für Instagram, ich bearbeite es nach, und Kai schreibt den Text dazu. Oder Kai macht ein Foto, Laura bearbeitet es nach, und ich schreibe den Text dazu.

Andreß: Genau, von einem kommt der Input, vom nächsten das Feedback, vom dritten der Draft. Immer der nächste macht sich die bisherigen Überlegungen zu eigen und arbeitet weiter daran. Eins greift ins andere über.

MM: Soweit zu Ihrer Arbeitsweise, nun zum künstlerischen Output. Es herrscht in Wien kein Mangel an Freier Szene. Was ist das Alleinstellungsmerkmal von DARUM? Wie unterscheiden sich Ihre Projekte von anderen? Welcher künstlerischen Sprache bedienen Sie sich?

Krösche: Es ist immer schwierig, etwas zu machen, das noch nie jemand anderer gemacht hat. Das würde ich von uns auch nicht behaupten. Was uns interessiert, ist ein sehr buntes Bild, aber nicht im Sinne von farbenprächtig, sondern eher von allumfassend. Wir denken die Dinge sehr groß. Das ist es auch, was uns gerade ordentlich Stress beschert, weil die Produktion, an der wir arbeiten über drei Stunden geht, und nicht nur im Theater stattfinden wird, sondern ins Freie geht. Unsere Ausstatterin Julia Grevenkamp baut nebem vielen anderem eine kleine, naturalistische Wohnung auf, es gibt Musik und Videokunst im Rahmen einer begehbaren Installation, es gibt dann eine Busfahrt, die zum Zentralfriedhof geht … Wir haben den Wunsch, das Publikum sehr stark einzubeziehen in die Thematik, mit der sich unser Projekt beschäftigt, mit allen künstlerischen Mitteln sozusagen. Dieses Bedürfnis nach einem „totalen Theater“ ist es vielleicht, das uns auszeichnet – das Alleinstellungsmerkmal.

Andreß: Das Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen oder Genres, das Zusammenspiel der Orte, gehören da dazu. Wir entlassen das Publikum in eine ganze Welt, in der es für alle Sinne etwas zu entdecken und zu erleben gibt. Und dabei hat das Publikum jede Freiheit.

MM: Wir sprechen nun schon die längste Zeit über „Ungebetene Gäste“, die erste Produktion des Kollektivs DARUM. Eine Spurensuche zum Sterben ab dem 24. März. Wie kommt man darauf, dass man sich zu Anfang gleich mit dem Ende beschäftigt?

Krösche: Das Ende ist zu uns gekommen. Wir haben heute erst gesagt, der Tod ist uns immer einen Schritt voraus, wir können nämlich unsere Generalprobe auf dem Zentralfriedhof nicht im vorgesehenen Raum absolvieren, weil da an dem Tag ein Ehrenbegräbnis stattfindet. Begonnen hat’s vor mehr als einem Jahr mit einem Zeitungsartikel über das Phänomen der „einsamen Begräbnisse“, also Begräbnisse, bei denen keinerlei Angehörige oder Bekannte anwesend sind. Das sind meist Sozialbegräbnisse, da zahlt die Stadt Wien dafür, und von diesen über 1000 Sozialbegräbnissen sind es im Jahr doch immerhin 500, die ohne Trauergäste stattfinden. Das ist mehr als eines pro Tag – und wir wollten wissen, warum das so ist und wie das ist, wenn der Prozess des Verabschiedens und des Erinnerns einfach nicht stattfindet. Auf dieses Vergessen-Sein wollten wir künstlerisch reagieren.

Victoria Halper und Nora Jacobs. Bild: DARUM

Laura Andreß. Bild: DARUM

MM: Wie?

Krösche: Wir haben konkrete Fälle recherchiert, und relativ schnell festgestellt, dass das Projekt gar nicht so viel mit dem Tod, sondern viel mehr mit dem Leben zu tun hat. Weil man auf Spuren trifft, auf Menschen, die die verstorbene Person doch kannten, teilweise erstaunt waren, weil sie vom Begräbnis gar nichts wussten, weil dieser Termin nie an sie kommuniziert wurde. Einsam begraben werden, heißt nicht unbedingt, einsam gelebt zu haben.

Halper: Ich glaube, es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man einen Artikel liest und der etwas in einem auslöst. Einen Schock, ein unangenehmes Gefühl, eine Frage. Die bei mir war, warum diese einsamen Begräbnisse entstehen. Wir werden das an unserem Abend nicht beantworten, aber unter die Lupe nehmen. Das ist für mich Kunst, dass wir uns mit etwas auseinandersetzen, mit dem wir im Alltag nicht konfrontiert werden wollen – in diesem Falle Menschen, bei deren Begräbnis niemand mehr erscheint.

Andreß: Da hinzusehen hat etwas Voyeuristisches, aber auch etwas Masochistisches. Zeitgleich deutet der Titel auch auf die Ungebetenheit unseres Unterfangens an. Denn wozu werden wir als freischaffende Künstler denn gebeten? Wie Sie richtig sagten, es gibt genug Freie Szene – nur leider viel zu wenig Geld. In einer Art und Weise sind wir freien Kunstschaffenden ja immer ungebetene Gäste.

MM: Wie wird die szenische Umsetzung sein?

Halper: Der Abend ist geprägt von sehr vielen Traditionen der Darstellenden Kunst. Wir starten im WERK X-Petersplatz, unserem Kooperationspartner, und enden am Stadtrand von Wien. Es gibt performative Installationen, aber auch Elemente, die Richtung immersives Theater gehen. Es passiert Videokunst, es gibt Audiowalks, die fast für sich alleine stehen könnten …

Andreß: Es fällt uns selbst schwer, das Projekt einem eindeutigen Genre zuzuordnen. Es ist eine künstlerisch gestaltete Reise, das drückt es vielleicht am besten aus. Wir agieren wie Zeremonienmeister. Wir begleiten das Publikum auf seiner eigenen Reise. Wir stellen den Zuschauern all die erwähnten Mittel zur Verfügung, damit sie dann für sich diese Welt erkunden können.

MM: Sie drei performen selbst, und haben als Gast Nora Jacobs dabei.

Halper: Ja, wobei wir den Einsatz eines jeden von uns an dessen jeweilige Stärken angeglichen haben. Wir haben keine Figur, keine Rolle, sondern eine Position, die einem entgegenkommt. Nora zum Beispiel ist eine sehr interaktive Spielerin. Sie bekommt zwar ein Skript, wird aber individuell auf die Bedürfnisse jedes Zuschauers eingehen. Meine Station ist ein bisschen mehr abgeschottet und performativ, Kai seinerseits hat sehr viel mit Text zu tun.

MM: Interaktiv meint, als Zuschauer ist man Teil des Ganzen?

Krösche: Nicht im Sinne des gefürchteten Mitmach-Theaters, man darf komplett man selbst bleiben. Die Zuschauer sollten sich aber schon herumbewegen, weil sie sonst nichts erfahren …

Halper: … aber der Grad, indem man interagiert, bleibt einem selbst überlassen. Man wird nicht angepiekst, rausgezerrt, in den Mittelpunkt gestellt. Ein Dialog mit Nora kann losgehen, muss aber nicht.

Krösche: Wir möchten das Publikum dazu animieren, auf eine eigene Spurensuche zu gehen. Und wer eine spielerische Veranlagung hat, kann mitmachen, wenn sich jemand lieber in Ruhe ein Video anschaut, ist das auch okay.

Andreß: Wir arbeiten sehr viel über Imagination und Denkräume. Das heißt, das Publikum wird erleben, was es erleben möchte.

MM: Sie weisen die Spieltermine von „Ungebetene Gäste“ als fünf Premieren aus. Warum?

Halper: Weil sich jeder Tag einem anderen real verstorbenen Menschen widmet. Die Dramaturgie bleibt immer gleich, ein Großteil der anderen künstlerischen Elemente – Sound, Musik, Video, Texte – sind maßgeschneidert auf den jeweiligen Menschen.

Krösche: Dazu muss man sagen, dass unsere Recherche damit begonnen hat, dass wir auf einsame Begräbnisse gegangen sind. Um herauszufinden, wer diese Menschen waren, haben wir an Wohnungstüren geklopft, haben mit Nachbarn gesprochen und haben sehr viel über die einzelnen Schicksale herausgefunden. Das geht von der Mindestpensionistin, die auch noch Freunde hatte und ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn, bis zum ehemaligen Obdachlosen, der gerade erst eine Wohnung bezogen hatte und darin verstorben ist. Nach diesen Eindrücken war uns klar, das kann man nicht alles in eins pressen. Daher fünf Premieren, weil alle Elemente eines Abends von einer konkreten Person inspiriert sind.

MM: Heißt: fünf Mal Videokunst, fünf Mal Musik …? Klingt, als wären Sie gut beschäftigt.

Krösche: Ja! Natürlich haben wir eine Grundstruktur, die gleich bleibt, aber es gibt andere Inhalte, andere Texte, andere Videos …

Halper: … andere Spuren, auf die man sich begibt.

Andreß: Außerdem steuert zu jeder Premiere ein anderer Autor einen Text bei. Und zwar Emre Akal, Mario Schlembach, Alexandra Pâzgu, Andrea Imler und Thomas Perle.

MM: Das Ganze endet, wie es sich gehört, in einem Leichenschmaus?

Krösche: Wir wollen’s noch nicht ganz verraten. Aber es gibt Essen und Getränke am Ende. Auch Alkohol.

MM: Ein kleiner Ausblick: In welcher Frequenz können Sie sich Produktionen vorstellen? Werden Sie es zum Programm machen, ungewöhnliche Spielorte oder solche, die bisher noch keine waren, auszuwählen?

Halper: Dieses Projekt hat noch ein Echo, eine Lecture Performance, die ab dem 17. Juni im WERK X-Petersplatz zu sehen sein wird. Da wird aus unseren Erfahrungen und der Recherche ein Abend konzipiert, der sich dem Phänomen „einsamer Begräbnisse“ allgemeiner widmet, derzeit aber natürlich erstmal noch eine grobe Idee ist.

Andreß: Ansonsten hängt die Frequenz von den Fördergeldern ab. Wir haben bereits zwei weitere Anträge für Projekte eingereicht, von denen wir bei entsprechender Subvention eines im Herbst realisieren möchten.

Krösche: Ebenfalls an einem Nicht-Theaterort. Unsere Ideen passen nicht in Theaterräume. Manchmal kann eine alte Fabrikhalle spannender sein und zum Projekt besser passen. Wir wollen bei unseren Produktionen, dass auch der Spielort etwas mit einem macht.

Bild: DARUM

MM: Da nun schon von Subvention die Rede war: Für „Ungebetene Gäste“ gibt es Geld von SHIFT, einem Programm der Basis.Kultur, und vom Kulturamt der Stadt Wien.

Krösche: Darüber freuen wir uns natürlich wahnsinnig. Es ermöglicht uns, das Projekt in dieser Größe, sowohl zentral wie auch dezentral an verschiedensten Orten in Wien mit einem Team von über 20 Leuten umsetzen und auch die erwähnte Lecture Performance im Juni häufiger zu spielen.

 MM: Zum Schluss gefragt: Was sollen die Zuschauer von „Ungebetene Gäste“ mitbringen.

Krösche: Neugier vor allem, und was das Praktische betrifft, wetterfeste und nach Möglichkeit dunkle Kleidung und Schuhe, mit denen sich gut gehen lässt.

Halper: Außer, jemand bewältigt den Zentralfriedhof in Stilettos.

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15. 3. 2019