Werk X-Petersplatz: Trümmerherz

Juli 7, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nachkriegsbrutalität in Pastelltönen

Yes, Sir, I Can Boogie: Unfreiwilliger Partnertausch mitten im „Mach koane Dànz!“: Lukas David Schmidt, Anna Zöch und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

„Siehst doch eh wie die Leut hier sind. Die tun: Vergessen. Verdrängen. Lügen. Wo ist hier die Moral? Wo ist hier der Anstand? Den Wiederaufbau schaffen ́s doch nur: Weil’s die frühere Gesinnung in die neuen Häuser miteinbauen.“ – „Du sollst nicht immer von früher reden. Die Mama hat’s verboten.“ – „Ohne früher kein Heut‘. Das wird die Mama auch noch begreifen …“ Mit diesem Dialog lernt man die Schwestern Mitzi und Rudi kennen, erstere von der Nachbarschaft als Ami-Hur‘

gebrandmarkt, will sie doch mit ihrem GI-Johnny in die USA auswandern, zweitere, das Nesthäkchen insofern amerikanisiert, als sie den Boogie-Woogie in den Beinen hat, mithilfe derer sie sich das Preisgeld eines Tanzwettbewerb abholen will. Autor Bernhard Bilek hat diese Mädchen für seinen Text „Trümmerherz“, basierend auf biographischen Episoden aus dem Leben seiner mit knapp 90 Jahren verstorbenen Großmutter, erdacht und ihnen Nachkriegs-österreichische Signature-Sätze in den Mund gelegt. Es ist nicht zu viel zu sagen, dass Bileks 1950er-Jahre-Wien nur ums Eck zur berühmten „stillen Gasse im achten Bezirk“ liegt. Das Milieu, die Charaktere, eine Dreiecksbeziehung, der genretypische Kunstdialekt … alles passt bei dieser jüngsten Hervorbringung der Gattung „neues Volksstück“.

Regisseurin Martina Gredler, gemeinsam mit Bilek Gründerin des Kunst- und Kulturvereins Wiener*innen Wahnsinn, hat mit dem Ensemble Anna Zöch als Rudi, Josefine Reich als Mitzi, Bettina Schwarz als Mama, Felix Krasser als Pepi und Lukas David Schmidt als Moritz die Uraufführung von „Trümmerherz“ zur auslastungsstärksten Produktion am Werk X-Petersplatz in der Spielzeit 2021/22 gemacht. Grandios dazu Komposition und Live-Musik von Nadine Abado, Ausstattung und Kostüme von Moana Stemberger und die Choreografie von Daniela Mühlbauer.

Abado, die den Boogie als hypnotischen Percussion-&-Voice-Sound wispert, was die Tanzenden bei psychischem Fast Forward zur physischen Slow Motion zwingt; Stemberger, deren pastellige Outfits – die Damen in Ballroom-Petticoats, die Herren in Rosé- und Metallic-Silber samt Pailletten, Nagellack in Killerfarbe und blutroten High Heels – die Brutalität der Ereignisse konterkarieren; Mühlbauer, in deren somnambule Bewegungsabläufe die Schauspielerinnen und Schauspieler sich albträumen, wenn die Zweier-, Dreier-, Viererkonstellationen einander mit Worten nichts mehr zu sagen haben. Nach dem großen Publikumszuspruch zur ersten Aufführungsserie ist eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit geplant, über deren Termine www.mottingers-meinung.at informieren wird, wenn sie von der Kulturabteilung der Stadt Wien – MA7 bewilligt wurde.

Können Spielen und Tanzen: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

Lukas David Schmidt, Felix Krasser, Josefine Reich und Anna Zöch. Bild: © Alexander Gotter

Zum Geschlechtsverkehr abgeschleppt: Anna Zöch und Lukas David Schmidt. Bild: © Alexander Gotter

So steht also auf Moana Stembergers leerer Nachkriegstristesse-Bühne Anna Zöch als rotzfrech um ihr Emanzipiert-Sein ringende Rudi (Lieblingsfrage ihres losen Mundwerks: „Tätschn?“) von Beginn an zwischen zwei Burschen: dem tölpelig-warmherzigen Pepi von Felix Krasser, der sich das Korsett, in das ihn die Gesellschaft zwängt, tatsächlich um den Leib gelegt hat, und dem draufgängerischen Frauenschwarm und Schwarzhändler Moritz, der sich nimmt, was er will – und das in, für Darsteller Lukas David Schmidt muss man den Begriff erfinden, ungestümer Zeitlupe.

Und über alles und allen schwebt die Mater Dolorosa in der Kittelschürze, „Mitzi-Mama“ Bettina Schwarz, die sich ans Mantra klammert, der Papa und der Onkel wären als Kommunisten im Konzentrationslager ermordet worden (weshalb sie von den Russen die kleine Wohnung zugeteilt bekommen hätte) – Mamas Liebling Pepi dazu, während er sich noch ein Stück ihres Guglhupfs reinschiebt: „Das Leben ist zu kurz, um für eine Partei zu sterben.“ Seine Mama hätt‘ seinem Papa halt immer was zum Essen in den Mund gestopft, wenn er politisieren wollte. Während Moritz die Widerständler-Glorifizierung mit einem „Die waren doch selber Nazis!“ entherrlicht, bevor das Publikum verbale Schlagabtausche später erfährt, er könnt‘ ebenso gut den eigenen Vater zu verspäteter Rechenschaft gezogen haben.„Wir haben alle nichts gelernt. Entweder waren wir zu früh dran, oder zu spät“, schreit dieser Moritz die Rudi an, als sie ihn wegen seines sinistren Broterwerbs zur Rede stellt.

Und unwillkürlich denkt man die Zukunft der Generation CoV-19 und ans Ausarten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, dessen Grausamkeit den Geflüchteten und folgenden Generationen wie hier nach 1945 blutig in die Körper eingeritzt ist. Rudi hat/hatte von Moritz ein Kind, Anni, das mit zwei Jahren verstarb. Ob dessen bösartige Großmutter mit diesem Ableben zu tun hat, erfährt man nicht, wie Bilek und Gredler überhaupt vieles in der Schwebe halten. Geldknappheit, ein verlorenes Kind und das bedrückende Schweigen, das Wien für die Nachgeborenen in einen undurchdringlichen, grauen Schleier hüllt, ein Kuss an falscher oder gar richtiger Stelle. Man taumelt durch Kriegstraumata, stilisiert sexuelle Gewalt, quer zu lesende queere Geschlechterverhältnisse, österreichische Verdrängungskultur, heißt: Zeitgeschichte, wie’s Huhn übers Möbiusband.

Gluckhenne Mitzi-Mama (M.) und ihre Küken: Anna Zöch, Bettina Schwarz und Josefine Reich. Bild: © Alexander Gotter

Lieber noch dem Joker als ihm einen Luftballon abgekauft: Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Ami-süchtige Sisters in Crime: Josefine Reich als Mitzi und Anna Zöch als Rudi. Bild: © Alexander Gotter

Geschlecht? Spielt keine Rolle: Lukas David Schmidt und Felix Krasser. Bild: © Alexander Gotter

Hochspannend ist das, wie der Boogie-Woogie inszenatorisch zum Ringkampf wird. Hip Bump Flirt, American Spin, Whip, Let Loose, Ladies Solo, Fallaway Throwaway, schließlich der „Todessprung“, im Englischen „Birth of a Baby“ genannt. Im Wechselschritt meint man den Rückwärtsgang eingelegt zu haben, Rudi, eben noch den Tod ihres Töchterchens beklagend, ist jetzt hochschwanger …, jedenfalls ist‘s, wie’s kommt, eine Drehung senkrecht nach unten. Wie Mitzi Rudi aus Moritz‘ Umklammerung befreit, wie Moritz den Pepi diesmal nicht heraus-, sondern auffordert. Intensiv performen das die Vier. Selten war ein Turniertanz so ein „Mach koane Dànz!“

Geht Pepi wirklich in diese Art von Herrenetablissements, wie Moritz behauptet? Und gibt ihm dies das Recht, Rudi zwecks Kindszeugung von der Tanzfläche im Wortsinn abzuschleppen? Ist das geschehen oder wird es erst passieren? Rudis Antwort auf Baby und Pepis Bi+Stereotypisierung: „Besser einer, der sich kümmert, als …“ Anna Zöch überzeugt als stur-zerbrechliche Rudi, Bettina Schwarz als Hart-aber-herzlich-Mama und Lukas David Schmidt ist sowieso des Werk X-Petersplatz‘ Antwort auf „Elvis the Pelvis“, doch obliegt es Felix Krasser seinen Pepi in grausige Abgründe zu entwickeln, im Prater als Luftballonverkäufer in dragqueenigen Zwölfzentimetern und einem sinistren Lächeln als wäre er ein Joaquin-Phoenix‘-Joker-Lookalike.

„Trümmerherz“ ist ein ungeschönt authentisches, aber von Bernhard Bilek gleichwohl liebevoll gestaltetes Sittenbild einer Familie, wie es zahlreiche gab und gibt, die sich im Chaos zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine rosige Zukunft erträumen. Dass Regisseurin Martina Gredler die Realität des Textes nicht „bebildert“ hat, sondern ihr Ensemble in choreographisch-tänzerischer Körperarbeit ausleben lässt, ist der Clou der Aufführung. Vor allem aber: Danke, Oma Bilek, dass du als Zeitzeugin uns alle über deinen Enkel an deinen Erinnerungen teilhaben lässt …

Bernhard Bilek. Bild: © Matthias Heschl

Über den Autor: Bernhard Bilek wurde 1982 in Wien geboren. Er studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Germanistik an der Universität Wien. Während seines Studiums wurde er zum Theaterautor am Burgtheater und Schauspielhaus Wien in den von Andreas Beck initiierten Schreibklassen unter den Leitungen von David Spencer, Wolfgang Stahl und Bernhard Studlar ausgebildet. Zusätzlich ließ er sich postgradual am Institut für Kulturkonzepte in Kulturmanagement schulen. Er arbeitete als Kommunikations- und Kulturmanager im Theaterverein „Ich bin OK”, im Nachtclub „Flex” und in der Filmproduktionsfirma „evolver film” (dort auch als Script Consultant). Von 2019 bis 2021 leitete er Presse- und Kommunikation am Theater Werk X.

2020 gründete er mit Martina Gredler den Theaterverein „Wiener*innen Wahnsinn“, um Projekte von Frauen, queeren und nicht-binären KünstlerInnen zu fördern. Die Uraufführung seines Theaterstücks „Trümmerherz“ in der Inszenierung von Martina Gredler ist das erste Projekt des Vereins.

werk-x.at           werk-x.at/premieren/truemmerherz

7. 7. 2022

Trailer: © Clemens Schmiedbauer

Werk X-Petersplatz am Judenplatz: Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik. Der Eintritt ist frei.

Juni 18, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein öffentlicher theatraler Gerichtsprozess samt Urteil

Die Protagonistinnen des „Asyl Tribunal“ am Judenplatz (v.l.n.r.): Ingrid Pozner, Denise Teipel, Noomi Anyanwu, Ines Rössl, Amani Abuzahra, May Garzon, Mahsa Ghafari und Alice Schneider. Bild: © Rezzarte

„Ein Rechtsstaat bleibt ein Rechtsstaat“, sagt Karl Nehammer, der österreichische Bundeskanzler. Das Theater- kollektiv Hybrid stellt infrage, ob dies auch für den Asylbereich gilt – in „Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik“, einem öffentlichem Gerichtsprozess in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz. Premiere der von Alireza Daryanavard inszenierten Uraufführung ist am 20. Juni.

Weitere Termine von 22. bis 25. Juni, jeweils 19.30 Uhr am Judenplatz, 1010 Wien, sowie live auf www.okto.tv. Der Eintritt ist frei. Jede Vorstellung wird aus dem Deutschen synchronübersetzt in Arabisch und Dari/Farsi, bitte für die Übersetzung Smartphone und eigene Kopfhörer mitbringen.

Der Gerichtsprozess

In Asyl Tribunal wird, basierend auf realen Sachverhalten, in einem symbolischen Tribunal verhandelt, wie wirksam Asylsuchende in Österreich zu ihrem Recht auf Asyl kommen. Die Klage und die Verteidigung werden in einem mehrtägigen Verfahren im öffentlichen Raum vorgetragen. Gemeinsam mit Richterinnen und Richtern, Expertinnen und Experten sowie der Republik Österreich findet ein Gerichtsprozess statt, der sich mit aktuellen Problemlagen auseinandersetzt. Die österreichische Gesetzgebung erschwert die Zusammenführung von Asylsuchenden mit Angehörigen zunehmend. Aus vielen Krisen und Kriegsgebieten gibt es derzeit keine Möglichkeit, auf legalem Weg nach Österreich zu gelangen. Es finden illegale Pushbacks an Österreichs Außengrenzen statt.

Zwar ist Österreich zur Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention und der Europäischen Menschenrechts- konvention (EMRK) verpflichtet, doch die Republik Österreich steht aktuell unter dringendem Verdacht, wesentliche Grundrechte von Asylberechtigten zu missachten. Maßgebliche sterreichische Asylrechts- bestimmungen scheinen die Europäische Grundrechtecharta und die EMRK umgehen zu wollen, indem sie Vorgänge rechtskonform erscheinen lassen, die eigentlich einen Rechtsbruch darstellen. Asyl Tribunal ist ein ffentliches theatrales Verfahren, an dessen Ende ein Urteil gefällt und gegenüber der Republik verkündet wird.

Mit May Garzon, Ines Rössl , Denise Teipel, Amani Abuzahra, Noomi Anyanwu, Victoria Kremer, Marie Noel, Ingrid Porzner, Alice Schneider und Hicran Taptik. Recherche und Dramaturgie: Mahsa Ghafari, Menschenrechtsaktivistin, Autorin, Schauspielerin und Moderatorin, Mitbegründerin des Vereins Flucht nach Vor, der 2015 mit dem Ute-Bock-Preis für Zivilcourage gewürdigt wurde, seit 2012 Vorstandsmitglied von  SOS Mitmensch. Rechtsberatung und Text: Ronald Frühwirth, früher Rechtsanwalt in Graz für Asylrecht und Menschenrechtsfragen, heute Vollzeitvater, Vortragender und Autor zum Thema Asylrecht. In Zusammenarbeit mit SOS Balkanroute, SOS Mitmensch, Okto, Venga! und #aufstehn.

Die Verhandlungstage

TAG 1 Montag, 20. 6 – Weltflüchtlingstag, Thema: Westbalkonroute
Nach dem Eintreffen des Demozuges anlässlich des Weltflüchtlingstags beginnt die Klage gegen die Republik mit den Plädoyers der klagenden und der beklagten Seite sowie dem Abstecken des rechtlichen und inhaltlichen Rahmens des Verfahrens. Im Mittelpunkt steht die Missachtung der Genfer Flüchtlingskonvention und des Rechts auf Asyl, das die Grundrechtecharta der Europäischen Union gewährleistet. Die Verhandlungsgegenstände und die Beweggründe für die Klage werden dargelegt. Die Kommission berichtet, welche Bedeutung das Schließen der „Westbalkanroute“ für die Einleitung dieses Verfahrens hatte.

TAG 2 Mittwoch, 22. 6., Themen: Familienzusammenführung, Push-Backs
Am zweiten Tag geht es um das Aussetzen von Resettlementprogrammen, die Menschen die einzige sichere Fluchtmöglichkeit nach Österreich ermöglichen würden; außerdem um das Erschweren von Familienzusammen- führung als letzte verbleibende Möglichkeit für Schutzsuchende, auf legalem Weg zur Asylantragstellung nach Österreich zu gelangen. Zudem kommt es nachweislich zu illegalen PushBacks an den Grenzen, die bisher seitens der Republik ignoriert werden zu diesem Punkt werden zwei Zeuginnen aus Bosnien, Zemira Gorinjak und Salena Klepić, ihre Beobachtungen dem Gericht und den Zuhörerinnen und Zuhörern mitteilen.

TAG 3 Donnerstag, 23. 6., Themen: Ungleichbehandlung von Ukraine-Flüchtlingen, rassistische Gewalt
Am dritten Tag folgt die Auseinandersetzung mit der ungleichen Behandlung von Schutzsuchenden aus der Ukraine sowie den zahlreichen Erfahrungen von rassistischer Gewalt, die Black and People of Color im Zuge ihrer Flucht aus der Ukraine widerfuhr. Als Zeugin spricht an diesem Tag Mariama Nzinga Diallo, die zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Polen befragt wird.

TAG 4 Freitag, 24. 6., Themen: Behörden-Verstöße, Abschiebung von Kindern und nach Afghanistan
Am vierten Tag werden Missstände und Verstöße der Behörden gegen gesetzliche Bestimmungen in Asylverfahren aufgezeigt. Dazu zählen etwa sehr umstrittene Methoden zur Altersfeststellung bei Minderjährigen oder die unzulässige, aber dennoch gängige Praxis der ersten Befragung zu Fluchtgründen durch Polizeibeamtinnen und -beamte. Durch solche Vorgangsweisen werden zahlreiche Schutzsuchende daran gehindert, zu ihrem Recht auf Asyl zu kommen denn über einen großen Teil der Fälle wird auf Grundlage dieser Vorgänge negativ entschieden. Schließlich geht es um die Missachtung des Kindeswohls, die schwache Position von unbegleiteten Kindern im Asylverfahren und um kritikwürdige Abschiebungen nach Afghanistan.

Danach: InstaWalk zur Produktion Asyl Tribunal von und mit Patrizia Reidl in Kooperation mit Igersvienna, der sich inhaltlich der „Menschenrechtsstadt Wien“ widmet, 17 Uhr, Treffpunkt: WERK XPetersplatz.

TAG 5 Sammstag, 25. 6., Schlussplädoyers und Urteilsverkündung
Am letzten Tag präsentieren die Parteienvertreterinnen und -vertreter ihre Schlussplädoyers. Danach folgt die Urteilsverkündung durch die Richterinnen.
Im Anschluss an die letzte Vorstellung findet ein Expertinnen-/Experten und Künstlerinnen-/Künstlergespräch im WERK XPetersplatz mit Ronald Frühwirth, Rechtsexperte für Asyl und Migrationsrecht, und Ines Rössl, Schauspielerin und Rechtswissenschafterin, rund um das Thema Asyl und Migrationsrecht in sterreich statt. Auch Beweggründe und Herausforderungen bei der Erarbeitung des Stücks werden durchleuchtet; Moderation: Mahsa Ghafari, Menschenrechtsaktivistin, Theaterschaffende und Dramaturgin von „Asyl Tribunal Klage gegen die Republik“.

Der iranischstämmige Theatermacher und Schauspieler Alireza Daryanavard. Bild: © Isa Heliz

Wiederaufnahme im November: „Blutiger Sommer“ mit Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Alireza Daryanavard in „Ein Staatenloser“, Wiederaufnahme 2020. Bild: © Alexander Gotter

Regie & Konzept: Alireza Daryanavard

Der Performancekünstler und Regisseur wurde im Iran geboren und begann im Alter von 12 Jahren als Schauspieler zu arbeiten. Neben Hauptrollen in Kino und TV war er auch als Fernseh und Radiomoderator tätig. Als es ihm offiziell nicht mehr erlaubt war, künstlerisch tätig zu sein, gründete er ein Untergrundtheater in seiner Herkunftsstadt Buschehr, bis die Situation lebensgefährlich wurde und er schließlich fliehen musste. Seine Flucht führte ihn 2014 nach Österreich, wo er seitdem in Wien als Schauspieler, Musiker und Regisseur lebt. 2017 wurde ihm das Startstipendium des Bundeskanzleramts Österreich für Darstellende Kunst verliehen, 2019 war er Stipendiat beim Heidelberger Stückemarkt sowie bei „In the Field“ der Wiener Festwochen.

Am WERK XPetersplatz begeisterte er Presse wie Publikum sowohl in der Spielzeit 2018/19 mit der Uraufführung von Ein Staatenloser (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) als auch in der Spielzeit 2020/21 mit seinem Stück Blutiger Sommer”, für das er in der Kritikerinnen- und Kritikerumfrage von Theater heute bei den Höhepunkten der Saison in der Sparte Beste/r NachwuchskünstlerIn geführt ist, und das auch für den NestroyPreis 2020 in der Kategorie Bester Nachwuchs männlich nominiert wurde. Das Stück wird im November 2022 im WERK XPetersplatz wiederaufgenommen. www.alireza-daryanavard.com

werk-x.at

18. 6. 2022

Werk X-Petersplatz streamt: Feed the Troll

Juni 12, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikalfeministische Rückeroberung der Datenwelt

Sonja Kreibich, Aline-Sarah Kunisch und Anna-Eva Köck. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

„Tausend Mal addiert, tausend Mal ist nix passiert“, uminterpretieren die Performerinnen Anna-Eva Köck, Sonja Kreibich und Aline-Sarah Kunisch den alten Klaus-Lage-Song. Jahaha, von wegen! „Irgendwo im Schatten zwischen Null und Eins haben wir den Fokus verloren“, mag sich Regisseurin Klara Rabl eingestehen. Was kein Wunder wäre, wurde doch die Premiere von „Feed the Troll“ Kulturlockdown-bedingt gleich zweimal verschoben.

Bis das Projekt zum One-Shot-Bühnenfilm wurde, vom Verein für gewagte Bühnenformen in Kooperation mit WERK X-Petersplatz nunmehr koproduziert, 2022 für den 54. Fernsehpreis der Erwachsenenbildung nominiert – und ab 13. Juni, 13. Uhr, auf der Werk-X-Webseite werk-x.at kostenlos zu streamen.

Was also kein Wunder wäre, tatsächlich aber das erste satirische Augenwinkern dieser Produktion ist. Den Fokus verloren, das haben die Protagonistinnen wohl auf ihrem Weg vom Theater vor die Kamera, auf ihrer Irrfahrt zwischen Skylla Fake News und Charybdis Filterblase. Dabei wollten die drei doch dastehen wie die Erinnyen des Internets, die Augen rotumrandet vom vielen Bildschirmschauen und als sozusagen Kriegsbemalung. Lang war man im finstren Darknet unterwegs, hatte alle Breit- und Schmalband- und Mobilverbindungen gekappt, um:

Eine cyberfeministische Geheimwaffe zur radikal digitalen (Rück-)eroberung der world wide Datenwelt zu entwickeln, ein hypermediales Kampfstück zur Gründung einer neuen aktionistischen Counter Speech-Bewegung – und was ist daraus geworden? Ein kaleidoskopisches Mäandern durch die Untiefen des Virtuellen Raum und Zeit. Letztere soll zwar bekanntlich alle Stückentwicklungen heilen, aber hier geht’s erst einmal heiß her: „Hat denn niemand meinen Text fürs Programmheft gelesen?“ – „Tschuldigung, Sie hatten sich das sicher spannender vorgestellt …“ – „Keine Textflächen, nichts Chorisches? Das ist kein gutes Stück!“

Zwischen Sarkasmus und Selbstironie schwankt der ans Publikum herangetragene Disput der denkbar Unvorbereiteten, wenn einem Aline-Sarah Kunisch tief in die Augen schaut, wenn pseudo-interaktiv Schrifttafeln abzulesen sind, wenn Sonja Kreibich den Nestroy-Preis in der Kategorie „zweimal fix nicht aufgeführt“ fordert. „Das Internet ist ein breites Thema!“ und „Das ist aber schon performbar!“, beschwichtigt Kunisch. Bis Anna-Eva Köck den überhitzten, überstrapazierten Diskurs mit ihrer Coolness löscht.

Kamerafrau A. Braschel. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Kunisch als Rudy Stadler. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Die bedeutsamen Nicknames Hopper/Kreibich, Lava/Kunisch und Meta/Köck haben sich die Darstellerinnen gegeben, in deren wildem Wechsel von cypertheoretischer Prosa und Fehlercode-Poesie ein Chipchen Wahrheit steckt. Nämlich, dass es gelte, die soziodigitalen Machtstrukturen zu verändern, da sich „die alten Hierarchien nicht in Clouds auflösen“ würden – das world wide Sagen haben „reiche, weiße Cis-Männer und Mansplainer“.

„Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. In der Realität ist er ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt“, sagt Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology (Rezension „Robolove“: www.mottingers-meinung.at/?p=41806)

Und auch dem Kapitalismus geht man spielend leicht auf den Online-Leim. Einen „Wertschöpfungskreislauf ohne Wertschöpfung“ rechnet die süffisante Zynikerin Meta vor: Von Amazon degradiert zur „Userin“ gibst du aus, was allein Jeff Bezos verdient, denn die Fabrikarbeiterinnen in China, die ihre Arbeitskraft in deine Jogging-App stecken, sind nicht mehr als ausgebeutete Internet-Ressourcen.

Von der über jede Timeline erhabenen Ada Lovelace und ihrer Anwendung der „Analytical Engine“ im Jahr 1843 – die Mathematikerin war der erste Programmierer und die Informatikpionierin – geht’s zur „industriellen Revolution“, der ersten ohne echte Machtverschiebung, zur digitalen Zivilisation, in der das eigene Selbst aufhört und das hyperreale Ich anfängt, zur Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von Perry Barlow anno 1996, die nicht weniger als den digitalen Garten Eden versprochen hatte.

Anna-Eva Köck beherrscht’s Rickrolling – „Never Gonna Give You Up“, und philosophiert wird über vogelfreie Memes und jene Internetunkultur, die die Wikinger 2020 zum Sturm aufs Kapitol blasen ließ – was von einem US-Untersuchungsausschuss nun als „Höhepunkt eines Putschversuchs“ durch Donald Trump gewertet wird. Die Schauspielerinnen spielen Tweet und Instagram, ihre kämpferische Ansage an die digitale Niedertracht ist eine irrwitzige Fantasie ohne Schnitt und Aber, in der sich vor der Kamera um Kopf und Kragen geredet wird. Das geht so weit, dass die Webkriegerinnen ihre eigene Agenda gleich mitverarschen und die abgegriffenen Phrasen ihrer cybercriminellen Fight-Club-Regeln bissig runterbeten. Eine Schelmin, die da an Anonymous denkt.

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Highlight des Ganzen ist die Verwandlung von Lava/Kunisch in den Troll „Rudy Stadler“, der im Standard-Forum sein Unwesen treibt – und jede, die schon mal mit Hate-Speech konfrontiert war, kann bei dieser Persiflage hoffentlich herzhaft lachen. Bei Posts über „die ach so aufgeklärten Emanzen, die mit konstruktiver Kritik nicht umgehen können“, die am „Patriarchat in ihren Köpfen“ leiden, denn: „Ich bin für Gleichberechtigung, glaube aber, dass es wichtigere Themen als das Gendern gibt …“ – Das ist: „Voll die Zumutung!“

Kamerafrau Alexandra Braschel von C’QUENCE bannt das Stück übers Internet fürs Internet auf Film. Das symbolträchtige Bühnenbild aus Jalousien und Müllsäcken, die Grafiken und Projektionen sind von Sophie Tautorus, fürs Musikvideo Apollonia Theresa Bitzan, Laura Stromberger, Nadine Auris Kunisch verantwortlich – Klara Rabl hat ein komplett weibliches Team zusammengestellt, wie sie im Anschluss an den Film im Gespräch mit Werk X-Petersplatz-Leiterin Cornelia Anhaus und Moderatorin Mascha Mölkner schmunzelnd sagt: „Als Beweis, dass wir Frauen uns formieren können.“

Den Abend als abgefilmtes Diskurstheater, als Ab- und Verhandlung übers Internet zu begreifen, greift zu kurz, dazu ist zu viel Spaß an der Sache. Im Gigabyte-Tempo fliegen einem die Kalauer um die Ohren, manches aus diesem Netzjargon/Leetspeak, der Buchstaben und Ziffern scheint’s willkürlich zu Abkürzungen mixt, muss man hernach nachschlagen: 1337 = 2F4U, A/N

Im plotlosen Wortgedränge kulminiert’s, als Hopper/Kreibich ankündigt, ihr wäre der Einsatz der Geheimwaffe bereits geglückt, mittels Generalmobilisierung aller Onlinerinnen hätte sie „die Bot“ entwickelt, die alle männlich-hässlichen Chatbots per permanenter Counter Speech ihrer Argumente beraube. Test, Test … funktioniert! Oder war’s nur ein Fake unter Frauen? Aus Euphorie wird Eskalation. „Und ihr sitzt alle da, als wär‘ überhaupt nichts passiert.“ – „Ja, so ist das im Internet …“ „Feed the Troll“, welch eine 6r0ß4r716 digitale (Selbst)-Inszenierung!

Von 13. Juni, 13 Uhr, bis 17. Juni, 17 Uhr, auf werk-x.at/premieren/feed-the-troll/ kostenlos verfügbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=igi8BaGUzkY           werk-x.at           feedthetroll.at

12. 6. 2022

Werk X-Petersplatz: Rocky! Die Rückkehr des Verlierers

Januar 18, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Boxer auf dem Weg zum populistischen Politiker

Andreas Patton als Rocky. Bild: © Alexander Gotter

Gut gelaunt und gut gekleidet kommt der Schauspieler auf die Spielfläche. Einen Humanisten nennt er sich, so wie wohl auch sein Publikum aus solchen besteht, und wie es sich für Philanthropinnen und Philanthropen gehört, wünscht er dem „kleinen Mann“ eine Ausstiegschance bis zu einem gewissen Grad, der Unterschichtler soll seinem sozialen Erbe entfliehen können. Im hermetischen Andachtsraum der Gleichgesinnten,

wo die Meinung Andersdenkender nicht willkommen ist, werden diese weisen Worte von der ZuschauerInnentribüne her abgenickt. Andreas Patton spielt im Werk X-Petersplatz „Rocky! Die Rückkehr des Verlierers“, inszeniert von Hans-Peter Kellner, der das preisgekrönte Stück von Tue Biering auch vom Dänischen ins Deutsche übersetzte. Die deutschsprachige Erstaufführung ist eine Produktion der Juggernauten in Kooperation mit dem WERK X- Petersplatz.

Der Schauspieler präsentiert auch gleich sein liebstes Paradebeispiel, wenn auch ein fiktives, „Rocky“, den ständigen Verlierer, der dennoch nicht aufhört zu fighten und zu fighten und zu fighten. Animiert von Patton summen alle die legendäre Titelmelodie des Films, eine Zuschauerin fordert Patton auf, „Adrian“ zu rufen. „Ich bin alles andere als Rocky. Ich bin belesen, gebildet, habe Möglichkeiten zu wählen, doch ich kann mich in den Schmerz und die Ohnmacht dieses linkshändigen Losers hineinversetzen“, kontert der – nur um sein Anschauungsobjekt mit dem nächsten Satz schon zu verraten: „Muskeln ohne mentalen Überbau“.

Patton beginnt, die Filmstory nachzuerzählen, und wer die Filmreihe mit Sylvester Stallone immer gemocht hat, muss sich klarmachen, dass es hier nicht darum geht. Ausstatterin Sandra Moser erreicht mit geringsten Mitteln kolossale Wirkung, das Sounddesign von Edgar Aichinger steuert Atmosphäre bei. Patton berichtet vom besten Freund Paulie, von der geliebten Adrian, vom Trainer Mickey (Burgess Meredith unvergesslich), er „läuft“ hinauf zur Liberty Bell. Mit roter Farbe pinselt er Creed an die Wand, der ungeschlagene schwarze Schwergewichts-Boxweltmeister, der hofft bei einem Schaukampf mit lebendigem Sandsack die Leute zu amüsieren.

Fürs Training zerrt Patton ein geschlachtetes Schwein* in den Raum, hat Rocky doch im Schlachthaus die Fäuste schwingen lassen. Trotz FFP2-Maske wittert man den Fleisch- und Blutgeruch. Patton zieht das Schwein an einem Elektrokettenzug hoch. *Die auf der Bühne eingesetzten Schweine wird nach den Vorstellungen in das Wolfsgehege des Wildparks Ernstbrunn gebracht, wo sich das weltweit einzigartige Wolf Science Center der Vet-Uni Wien befindet. www.wolfscience.at    www.wildpark-ernstbrunn.at Der schutzlose Körper, auf den bald eingedroschen wird, ist erbarmungswürdig.

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Patton wechselt nun vom selbstverständlichen Mitglied der kulturellen Elite im Land zum halbnackten Haudrauf. Die Beinarbeit führt weg vom gutmütigen Trottel, mit einem Mal ist „Rocky! ein Politstück. Und der Protagonist lässt deutlich seinen Hass spüren. Auf die schwarzen Affen, auf die, die ins Land kommen und Unterstützung fordern, während Einheimische sich die Mieten nicht mehr leisten können. „Die Weißen werden überrannt, bis keine mehr von uns übrig sind“, sagt er. Unwillkürlich erinnert man sich an die Kapitolstürmer, den „QAnon-Schamanen“ Jake Angeli, die Staatsverweigerer auf dem Heldenplatz und den rechten, nein: nicht Rand, sondern die rechte Mitte bei den Corona-Maßnahmen-Demos.

Rocky reüssiert, er wird nicht mehr ausgelacht, sondern aufgefordert zu kandidieren. Wenn er es schafft, können andere es auch! Wenn sich die vielen weißen Rockys dieser Welt erheben, sich nicht länger mit ihrer Rolle als Verlierer abfinden und ihre eigenen Wertvorstellungen definieren, wird die Geschichte zum Albtraum des Establishments. „Es ist die Naivität der Politiker, die nicht gesehen haben, was aus uns Rockys wird. Es gibt welche, die kein Recht haben, hier zu sein. Es muss Schluss sein mit den Bimbos und Kanaken in Samt und Seide“, krakeelt Rocky bei einer Wahlveranstaltung. Apollo Creed mit seiner bürgerlichen Attitüde gehört da dazu. Das Stimmvieh hängt an Rockys schiefer Lippe. Vereint in kollektiver Wut, im Demofieber: „Wir sind das Volk!“ Das ist geil.

Selbst die Herzen der Ku-Klux-Klan-Oberschichtstudenten fliegen Rocky zu. Seine Parolen sind einfach, er verkörpert ein kleines, überschaubares Wertesystem, er hat für alles eine simple physische Lösung. Rocky ist längst nicht nur aus dem Zinshaus im ärmeren Viertel, er ist Anwalt, Arzt, Architekt, Polizist, beim Bundesheer. Was Kunst und Kultur betrifft, entsteht eine „Identitätsbewegung für österreichische Interventionen“ … Andreas Patton brilliert als „Schauspieler“ mit seiner intimen, intensiven Art in diesem vielschichtigen Gesellschaftsspiel, dazwischen die Momente martialischer Gewalt.

„Rechtsradikal“, das sagt sich leicht. Karikieren, sich über sie zu belustigen oder sie gar zu verhöhnen, ist mittlerweile kontraproduktiv. Am Horizont zeigt sich eine posthumanistische Epoche und wir im Theater-Safe-Space haben kein Patent mehr darauf, den Humanismus zu verteidigen. Andererseits: Wer seine Toleranz aufgibt, tauscht nur die Rolle mit den Rockys. Rocky, das ist kein Einzelkämpfer mehr, sondern ein ganzes Spektrum der Rechten, das ein dringliches Demokratieproblem widerspiegelt: Auf welche Art, oder überhaupt?, können wir mit jenen kommunizieren, die anderen ethischen Paradigmen folgen als wir?

Am Ende „Schauspieler“ Andreas Patton. Er ist jetzt der Verlierer. Nackt. Gedemütigt und wertlos. Er klassifiziert sich mit roter Farbe in seine Teilstücke, wie’s bei Schlachtvieh getan wird. Er hängt sich, die Füße voran, an den Elektrokettenzug und zieht sich hoch: „Ich bin das Schwein am Haken, die intellektuelle Elite, die er längst mit unsichtbarer Faust zu Boden geboxt hat“, sagt er, und raunt, das Publikum wäre als nächstes dran. Dem gilt es vorzubeugen, indem man auf die Bühne wie in einen Boxring steigt. Bevor die Rockys dort oben stehen – und wir draußen vor der Tür.

Zu sehen bis 22. Jänner.

werk-x.at           Trailer: vimeo.com/654882969

  1. 1. 2022

Werk X-Petersplatz im Odeon: Tschernobyl

September 14, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Thomas Frank und Sebastian Pass

„Tschernobyl ist ein Mysterium, das wir erst entschlüsseln müssen.“ – Swetlana Alexijewitsch. Lorenz Pell auf der Badewanne liegend. Bild: © Bettina Frenzel

Noch von heute bis Donnerstag ist im Odeon Theater „Tschernobly. Eine Chronik der Zukunft“, eine Uraufführung von Theaterkollektiv Hybrid in Kooperationmit Werk X-Petersplatz, nach dem Buch von Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zu sehen. In der Inszenierung von Alireza Daryanavard, auch für die Textfassung verantwortlich, spielen Badoras Volkstheater- stars Thomas Frank und Sebastian Pass, Grace Marta Latigo, Simonida Selimović, Anne Wiederhold, Lorenz Pell und Morteza Tavakoli.

In der Sperrzone rings um den explodierten Reaktor leben wieder Menschen. Sie haben die Katastrophe miterlebt, ihr Leben wurde von ihr versehrt. Ihr Weiterleben bestreiten sie inmitten von dichten Wäldern und fruchtbaren Gärten, doch sie erzählen, wie eine unsichtbare tödliche Gefahr in alle Winkel ihrer Lebenswelt eindrang und sie für immer veränderte.Stellvertretend sprechen sie für all jene, denen friedliche Atomenergie versprochen wurde, die jedoch in den Super-GAU führte. Bis heute sind die Folgen in Europa messbar; der Sarkophag über dem zerstörten Kraftwerk eine bedrohliche Zeitbombe. Das aktive Vergessen lässt die Gefahr unterschätzen.

Thomas Frank. Bild: © Bettina Frenzel

Simonida Selimović. Bild: © B. Frenzel

Sebastian Pass. Bild: © Bettina Frenzel

Zum 35. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl setzt Regisseur Alireza Daryanavard dem kollektiven Verdrängen eine theatrale Aufarbeitung entgegen. Zu Wort kommen die Stimmen aus der Sperrzone, die das menschliche Leid jenseits der bloß faktischen Berichterstattung zu vermitteln vermögen und die ausmalen, was jederzeit wieder bevorstehen könnte. Mehr als 500 Interviews führte Swetlana Alexijewitsch in Belarus und der Ukraine und fügte sie in jahrelanger Arbeit zu ihrem Buch zusammen, ein literarisches Denkmal für die Opfer und Betroffenen. Es ist bis heute in ihrer Heimat Belarus verboten.

Lorenz Pell und Grace Marta Latigo. Bild: © Bettina Frenzel

Zur Autorin: Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, sie wurde vielfach ausgezeichnet, 2015 mit dem Literaturnobelpreis. Als sie 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ehrte sie der Stiftungsrat als „Schriftstellerin, die die Lebenswelten ihrer

Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht. In ihren Berichten über Tschernobyl, über den sowjetischen Afghanistankrieg und über die unerfüllten Hoffnungen auf ein freiheitliches Land nach dem Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums läßt sie in der tragischen Chronik dieser Menschen einen Grundstrom existentieller Enttäuschungen spürbar werden.“

Teaser: vimeo.com/591559021           Trailer: werk-x.at/premieren/tschernobyl-eine-chronik-der-zukunft           www.odeon-theater.at

BUCHTIPPS aus Swetlana Alexijewitschs Werk: www.mottingers-meinung.at/?p=15243, Rezension „Zinkjungen“, hochaktuell über das „sowjetische Vietnam“ Afghanistan: www.mottingers-meinung.at/?p=10015

14. 9. 2021