Werk X-Petersplatz im Odeon: Tschernobyl

September 14, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Thomas Frank und Sebastian Pass

„Tschernobyl ist ein Mysterium, das wir erst entschlüsseln müssen.“ – Swetlana Alexijewitsch. Lorenz Pell auf der Badewanne liegend. Bild: © Bettina Frenzel

Noch von heute bis Donnerstag ist im Odeon Theater „Tschernobly. Eine Chronik der Zukunft“, eine Uraufführung von Theaterkollektiv Hybrid in Kooperationmit Werk X-Petersplatz, nach dem Buch von Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zu sehen. In der Inszenierung von Alireza Daryanavard, auch für die Textfassung verantwortlich, spielen Badoras Volkstheater- stars Thomas Frank und Sebastian Pass, Grace Marta Latigo, Simonida Selimović, Anne Wiederhold, Lorenz Pell und Morteza Tavakoli.

In der Sperrzone rings um den explodierten Reaktor leben wieder Menschen. Sie haben die Katastrophe miterlebt, ihr Leben wurde von ihr versehrt. Ihr Weiterleben bestreiten sie inmitten von dichten Wäldern und fruchtbaren Gärten, doch sie erzählen, wie eine unsichtbare tödliche Gefahr in alle Winkel ihrer Lebenswelt eindrang und sie für immer veränderte.Stellvertretend sprechen sie für all jene, denen friedliche Atomenergie versprochen wurde, die jedoch in den Super-GAU führte. Bis heute sind die Folgen in Europa messbar; der Sarkophag über dem zerstörten Kraftwerk eine bedrohliche Zeitbombe. Das aktive Vergessen lässt die Gefahr unterschätzen.

Thomas Frank. Bild: © Bettina Frenzel

Simonida Selimović. Bild: © B. Frenzel

Sebastian Pass. Bild: © Bettina Frenzel

Zum 35. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl setzt Regisseur Alireza Daryanavard dem kollektiven Verdrängen eine theatrale Aufarbeitung entgegen. Zu Wort kommen die Stimmen aus der Sperrzone, die das menschliche Leid jenseits der bloß faktischen Berichterstattung zu vermitteln vermögen und die ausmalen, was jederzeit wieder bevorstehen könnte. Mehr als 500 Interviews führte Swetlana Alexijewitsch in Belarus und der Ukraine und fügte sie in jahrelanger Arbeit zu ihrem Buch zusammen, ein literarisches Denkmal für die Opfer und Betroffenen. Es ist bis heute in ihrer Heimat Belarus verboten.

Lorenz Pell und Grace Marta Latigo. Bild: © Bettina Frenzel

Zur Autorin: Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, sie wurde vielfach ausgezeichnet, 2015 mit dem Literaturnobelpreis. Als sie 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ehrte sie der Stiftungsrat als „Schriftstellerin, die die Lebenswelten ihrer

Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht. In ihren Berichten über Tschernobyl, über den sowjetischen Afghanistankrieg und über die unerfüllten Hoffnungen auf ein freiheitliches Land nach dem Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums läßt sie in der tragischen Chronik dieser Menschen einen Grundstrom existentieller Enttäuschungen spürbar werden.“

Teaser: vimeo.com/591559021           Trailer: werk-x.at/premieren/tschernobyl-eine-chronik-der-zukunft           www.odeon-theater.at

BUCHTIPPS aus Swetlana Alexijewitschs Werk: www.mottingers-meinung.at/?p=15243, Rezension „Zinkjungen“, hochaktuell über das „sowjetische Vietnam“ Afghanistan: www.mottingers-meinung.at/?p=10015

14. 9. 2021

Werk X-Petersplatz streamt: Feed the Troll

April 23, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikalfeministische Rückeroberung der Datenwelt

Sonja Kreibich, Aline-Sarah Kunisch und Anna-Eva Köck. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

„Tausend Mal addiert, tausend Mal ist nix passiert“, uminterpretieren die Performerinnen Anna-Eva Köck, Sonja Kreibich und Aline-Sarah Kunisch den alten Klaus-Lage-Song. Jahaha, von wegen! „Irgendwo im Schatten zwischen Null und Eins haben wir den Fokus verloren“, mag sich Regisseurin Klara Rabl eingestehen. Was kein Wunder wäre, wurde doch die Premiere von „Feed the Troll“ Kulturlockdown-bedingt gleich zweimal verschoben.

[Von Mai 2020 auf April 2021, bis das Projekt mit der gestrigen Premiere zum One-Shot-Bühnenfilm wurde. Vom Verein für gewagte Bühnenformen in Kooperation mit WERK X-Petersplatz, nunmehr koproduziert und uraufgeführt von Okto TV – und in der Oktothek sowie auf der Werk-X-Webseite werk-x.at kostenlos zu streamen.]

Was also kein Wunder wäre, tatsächlich aber das erste satirische Augenwinkern dieser Produktion ist. Den Fokus verloren, das haben die Protagonistinnen wohl auf ihrem Weg vom Theater vor die Kamera, auf ihrer Irrfahrt zwischen Skylla Fake News und Charybdis Filterblase. Dabei wollten die drei doch dastehen wie die Erinnyen des Internets, die Augen rotumrandet vom vielen Bildschirmschauen und als sozusagen Kriegsbemalung. Lang war man im finstren Darknet unterwegs, hatte alle Breit- und Schmalband- und Mobilverbindungen gekappt, um:

Eine cyberfeministische Geheimwaffe zur radikal digitalen (Rück-)eroberung der world wide Datenwelt zu entwickeln, ein hypermediales Kampfstück zur Gründung einer neuen aktionistischen Counter Speech-Bewegung – und was ist daraus geworden? Ein kaleidoskopisches Mäandern durch die Untiefen des Virtuellen Raum und Zeit. Letztere soll zwar bekanntlich alle Stückentwicklungen heilen, aber hier geht’s erst einmal heiß her: „Hat denn niemand meinen Text fürs Programmheft gelesen?“ – „Tschuldigung, Sie hatten sich das sicher spannender vorgestellt …“ – „Keine Textflächen, nichts Chorisches? Das ist kein gutes Stück!“

Zwischen Sarkasmus und Selbstironie schwankt der ans Publikum herangetragene Disput der denkbar Unvorbereiteten, wenn einem Aline-Sarah Kunisch tief in die Augen schaut, wenn pseudo-interaktiv Schrifttafeln abzulesen sind, wenn Sonja Kreibich den Nestroy-Preis in der Kategorie „zweimal fix nicht aufgeführt“ fordert. „Das Internet ist ein breites Thema!“ und „Das ist aber schon performbar!“, beschwichtigt Kunisch. Bis Anna-Eva Köck den überhitzten, überstrapazierten Diskurs mit ihrer Coolness löscht.

Kamerafrau Alexandra Braschel. Bild: © Apollonia T. Bitzan

Aline-Sarah Kunisch als Rudy Stadler. Bild: © A. T. Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Die bedeutsamen Nicknames Hopper/Kreibich, Lava/Kunisch und Meta/Köck haben sich die Darstellerinnen gegeben, in deren wildem Wechsel von cypertheoretischer Prosa und Fehlercode-Poesie ein Chipchen Wahrheit steckt. Nämlich, dass es gelte, die soziodigitalen Machtstrukturen zu verändern, da sich „die alten Hierarchien nicht in Clouds auflösen“ würden – das world wide Sagen haben „reiche, weiße Cis-Männer und Mansplainer“.

„Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. In der Realität ist er ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt“, sagt Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology (Rezension „Robolove“: www.mottingers-meinung.at/?p=41806)

Und auch dem Kapitalismus geht man spielend leicht auf den Online-Leim. Einen „Wertschöpfungskreislauf ohne Wertschöpfung“ rechnet die süffisante Zynikerin Meta vor: Von Amazon degradiert zur „Userin“ gibst du aus, was allein Jeff Bezos verdient, denn die Fabrikarbeiterinnen in China, die ihre Arbeitskraft in deine Jogging-App stecken, sind nicht mehr als ausgebeutete Internet-Ressourcen.

Von der über jede Timeline erhabenen Ada Lovelace und ihrer Anwendung der „Analytical Engine“ im Jahr 1843 – die Mathematikerin war der erste Programmierer und die Informatikpionierin – geht’s zur „industriellen Revolution“, der ersten ohne echte Machtverschiebung, zur digitalen Zivilisation, in der das eigene Selbst aufhört und das hyperreale Ich anfängt, zur Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace von Perry Barlow anno 1996, die nicht weniger als den digitalen Garten Eden versprochen hatte.

Anna-Eva Köck beherrscht’s Rickrolling – „Never Gonna Give You Up“, und philosophiert wird über vogelfreie Memes und jene Internetunkultur, die die Wikinger zum Sturm aufs Kapitol blasen ließ. Die Schauspielerinnen spielen Tweet und Instagram, ihre kämpferische Ansage an die digitale Niedertracht ist eine irrwitzige Fantasie ohne Schnitt und Aber, in der sich vor der Kamera um Kopf und Kragen geredet wird. Das geht so weit, dass die Webkriegerinnen ihre eigene Agenda gleich mitverarschen und die abgegriffenen Phrasen ihrer cybercriminellen Fight-Club-Regeln bissig runterbeten. Eine Schelmin, die da an Anonymous denkt.

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Highlight des Ganzen ist die Verwandlung von Lava/Kunisch in den Troll „Rudy Stadler“, der im Standard-Forum sein Unwesen treibt – und jede, die schon mal mit Hate-Speech konfrontiert war, kann bei dieser Persiflage hoffentlich herzhaft lachen. Bei Posts über „die ach so aufgeklärten Emanzen, die mit konstruktiver Kritik nicht umgehen können“, die am „Patriarchat in ihren Köpfen“ leiden, denn: „Ich bin für Gleichberechtigung, glaube aber, dass es wichtigere Themen als das Gendern gibt …“ – Das ist: „Voll die Zumutung!“

Kamerafrau Alexandra Brasche von C’QUENCE bannt das Stück übers Internet fürs Internet auf Film. Das symbolträchtige Bühnenbild aus Jalousien und Müllsäcken, die Grafiken und Projektionen sind von Sophie Tautorus, fürs Musikvideo Apollonia Theresa Bitzan, Laura Stromberger, Nadine Auris Kunisch verantwortlich – Klara Rabl hat ein komplett weibliches Team zusammengestellt, wie sie im Anschluss an den Film im Gespräch mit Werk X-Petersplatz-Leiterin Cornelia Anhaus und Moderatorin Mascha Mölkner schmunzelnd sagt: „Als Beweis, dass wir Frauen uns formieren können.“

Den Abend als abgefilmtes Diskurstheater, als Ab- und Verhandlung übers Internet zu begreifen, greift zu kurz, dazu ist zu viel Spaß an der Sache. Im Gigabyte-Tempo fliegen einem die Kalauer um die Ohren, manches aus diesem Netzjargon/Leetspeak, der Buchstaben und Ziffern scheint’s willkürlich zu Abkürzungen mixt, muss man hernach nachschlagen: 1337 = 2F4U, A/N

Im plotlosen Wortgedränge kulminiert’s, als Hopper/Kreibich ankündigt, ihr wäre der Einsatz der Geheimwaffe bereits geglückt, mittels Generalmobilisierung aller Onlinerinnen hätte sie „die Bot“ entwickelt, die alle männlich-hässlichen Chatbots per permanenter Counter Speech ihrer Argumente beraube. Test, Test … funktioniert! Oder war’s nur ein Fake unter Frauen? Aus Euphorie wird Eskalation. „Und ihr sitzt alle da, als wär‘ überhaupt nichts passiert.“ – „Ja, so ist das im Internet …“ „Feed the Troll“, welch eine 6r0ß4r716 digitale (Selbst)-Inszenierung!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=igi8BaGUzkY

Bis 30. April  ist „Feed The Troll“ als Video-on-Demand auf werk-x.at/premieren/feed-the-troll/ kostenlos verfügbar sowie in der Oktothek zu finden. TV-Wiederholung Film & Gespräch auf Okto am 24. 4. um 21.10 Uhr.

werk-x.at           feedthetroll.at            www.okto.tv           www.okto.tv/de/oktothek/episode/607fe7ed8012a

  1. 4. 2021

Werk X-Petersplatz streamt: Gott ist nicht schüchtern

März 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

La création de l`homme Baschar

La création de l`homme Baschar al-Assad, davor: Diana Kashlan. Bild: © Alexander Gotter

Amal: Und was stimmt mit dir nicht?

Hammoudi: Ich habe zugesehen, wie neunhundertsiebzehn Menschen starben.

Diese erste Szene ist das stärkste, das die Bühnenfassung von Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“, erarbeitet von Regisseurin Susanne Draxler und Dramaturgin Lisa Kärcher, noch bis heute Mitternacht auf werk-x.at

kostenlos zu streamen, zu bieten hat. Mann und Frau, beide in blütenweißen Anzügen, sie flüstert ihm etwas ins Ohr, seine Miene verdüstert sich, das ist geheimnisvoll, da will man mehr erfahren … Gleich wird man wissen, dass die beiden hier am Schluss ihrer Geschichte angelangt sind, die Schauspielerin und der Chirurg, zwei junge Menschen, die sich im Arabischen Frühling in Damaskus engagierten und im syrischen Bürgerkrieg endeten – und es ist wichtig, dass es diese Inszenierung nun gibt, begeht doch dieser zwischen dem Regime Assad, der kurdischen Miliz, dem IS und Gott weiß noch wem ausgetragene Kampf 2021 sein schauriges zehnjähriges Jubiläum. Die Fluchtrouten aus der Krisenregion – geschlossen, die Festung Europa hat grad Pandemie. Bitte bleiben Sie Zuhause, auch wenn dieses eine unbeheizbare, durchnässte Notunterkunft am Rande von Nirgendwo ist! Einmal sagt Hammoudi Europa hätte „die neue Rasse Flüchtling“ erfunden.

Gott. Der kommt einem an diesem Abend des Öfteren in den Sinn. Nicht nur wegen des Buch- wie Stücktitels. Auch wegen der Bühnengestaltung von Hawy Rahman, der Bagdad-Wiener, der die drei Golfkriege überlebte, und für den Spielraum Petersplatz ein Graffito frei nach Chagalls „La création de l’homme“ entwarf. Doch, doch, man ist sich auch beim zweiten Hinsehen ziemlich sicher – und wird bestätigt, als Assad-Anhänger die Zeichen an der Wand mit „Baschar ist unser Gott“ preisen.

Es spielen die tschechisch-arabisch-österreichische Schauspielerin Diana Kashlan und Werk-Xler Johnny Mhanna, er tatsächlich in Damaskus geboren und vergangenen September live in „Geleemann“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41554). Das heißt: Die beiden spielen eben nicht, sie sind die meiste Zeit in der Erzählerrolle – wie das Romandramatisierungen halt oft so mit sich bringen, noch dazu eine von Olga Grjasnowa, in dem viel passiert, doch wenig gesprochen wird. Und so fehlt im Wortsinn das Dramatische, und die protokollarische, authentische Härte, mit der die Autorin und Ehefrau des syrischstämmigen Schauspielers Ayham Majid Agha auf Gewalt, Grausamkeit und Folterzellen blickt, wird zu einem künstlichen künstlerischen Distanzhalten.

Diana Kashlan und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Verhört von der Geheimpolizei. Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Bild: © Alexander Gotter

Nur ab und zu blitzt auf, was Grjasnowa zu schildern hat. Mit Humor, wenn Mhannas Hammoudi, gerade auf dem Möbiusband einer Behördenendlosschleife gelandet, sagt, in Syrien seien diese Wartezimmer wie Gefängnisse, man wisse nicht warum und wie lange man sitzen müsse. Mit Schrecken, wenn Kashlans Amal, mitten in der Nacht von der Geheimpolizei verhaftet und zum Verhör gebracht, erklärt, was der Mensch der Reihe nach verliert: Zähne, Würde, Freiheit, Leben. Und nein, hier will niemand einen Gewaltporno sehen, und ja, es ist an dieser Stelle niemals üblich Künstlerinnen und Künstler mit Herkunfts- und Heimatbegriffen zu punzieren.

Aber diese österreichische Erstaufführung der „Nestbeschmutzer & innen“ hat eine Wahrhaftigkeit „verspielt“, die die Vorlage erstens hat, und für die die Autorin vom deutschen Feuilleton teils sogar getadelt wurde, und für die nicht zuletzt der großartige Johnny Mhanna ein Garant gewesen wäre. Und ginge es darum, ein österreichisches Publikum abzuholen, so hätte man die Claire-Story, Hammoudis Lebensgefährtin in Paris, wo er sieben Jahre lang gelebt und studiert hat, und zu der er nicht mehr zurückkehren wird, ausbauen können. Die Entsetzlichkeit, den geliebten Mann in einem Krisengebiet zu wissen und nur mit viel Glück eine Handyverbindung zu haben …

Für all das entschädigt, und das ist der Punkt: sehenswert, Johnny Mhanna mit einem abschließenden Monolog. Die Protagonisten begegnen einander in Berlin wieder. Er als gewesener Chirurg, der im Untergrund von Deir ez-Zor in einer illegalen Ambulanz die Notversorgung für die Bevölkerung aufrechterhielt, sie, die ihren Namen „auf der Liste“ fand, flüchtete und im Mittelmeer fast ertrunken wäre. Sie, die höchst erfolgreich eine TV-Kochshow über orientalische Spezialitäten moderiert, er, der ohne Papiere in Europa kein Mensch, geschweige denn ein Arzt ist.

Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Und wie bezeichnend sind diese letzten Augenblicke. Hammoudi berichtet von seiner Odyssee, Polizei, Erstaufnahmestelle, Unterbringung in Hostels quer durch Deutschland, fünf Asylwerber aus fünf verschiedenen Ländern mit fünf verschiedenen Sprachen schnarchen in einem Zimmer, „wir können uns gegenseitig nicht einmal Gute Nacht wünschen“. Das Warten auf die Anhörung, die Verachtung, die Missachtung, Asylverfahren

und Deutschkurs. Und schließlich Kashlan als gelangweilte Beamtin, die es nicht einmal der Höflichkeit Wert findet, Hammoudis Namen richtig auszusprechen, und die, was Deir ez-Zor und eine Flucht nach Deutschland betrifft, sprichwörtlich keine Ahnung hat, wo Gott wohnt und wie er heißt …

werk-x.at/premieren/gott-ist-nicht-schuechtern

  1. 3. 2021

Werk X-Petersplatz: Geleemann

September 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gefangen im großen deutschen Sprach-Raum

Geleemann mal vier trägt seine Zellenwand mit sich: Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Sie tragen blaue Gefängnisuniformen, und die Art, wie sie sich gegenseitig vernehmen, weist sie als Häftlinge und zugleich Wärter aus. Sie tragen ihre Zellenwände vor sich her, zwei Darstellerinnen, zwei Darsteller, drei davon „Migranten“, und es ist Maria Sendlhofers den Abend eröffnendes Publikums-Spiel, wem man’s ansieht und wem nicht. Sendlhofer, im Werk X-Petersplatz zuletzt als Performerin in „Carrying A Gun“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=31561) zu erleben, hat nun ebendort „Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“ von Amir Gudarzi inszeniert – die Uraufführung eine Produktion von Andromeda Theater Vienna in Kooperation mit dem WERK X- Petersplatz, und mottingers-meinung.at zum Probenbesuch samt anschließendem Interview mit Regisseurin und Autor eingeladen.

Woher man komme und warum man hier sei, fragen Clara Schulze-Wegener, Johnny Mhanna, Philipp Auer und Simonida Selimović einander ab, Name? – Geleemann, dazwischen Gesten des Schutzes und der Abwehr, Größe? – eine gute handbreit überm jeweiligen Kopf. Der „Geleemann“, er von den Medien zu diesem gemacht, ist größer als man selbst, heißt das, und zugleich kann’s jede und jeder sein. Ja, lacht Maria Sendlhofer, als sie den Text zum ersten Mal las, dachte sie, „ich besetze das weißeste Milchbubi, das ich finde“ – oder eben so.

Amir Gudarzis Text ist so politisch wie poetisch. Wie sein Protagonist, der sich nicht als Einbrecher-Verbrecher, sondern als Dichter sieht. Da sitzt er nun in Untersuchungshaft, von den Zeitungen bereits als Vergewaltiger und Mörder vorverurteilt, Geleemann genannt, weil er sich vor seinen Taten einölte, klitschig machte, um nicht gefasst werden zu können. Den wahren Namen erfährt man nie. Der Mann ist iranischer Asylwerber, 2009 vor dem Regime in Teheran nach Österreich geflüchtet, festgenommen als Eindringling in die Schlafzimmer schlafender Frauen, auf der Suche, aus Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Geborgenheit. „Die Menschen sind nur im Schlaf nahbar“, sagt er, und dass er es nicht mehr ausgehalten hätte, das ständige „Wegsetzen, Wegschauen, weg da, du da, weg da“.

Via Video wird der Täter zum Opfer: Johnny Mhanna und Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Simonida Selimović, Philipp Auer, Clara Schulze-Wegener und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Der virtuose Ghaychak-Spieler Pouyan Kheradmand begleitet den Abend musikalisch. Bild: © Alexander Gotter

Eine der vom Geleemann „besuchten“ Frauen bei der Aussage: Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Mal als Chor, mal als Einzelstimme sagt das Ensemble solche Sätze, je nach eigener Biografie mit je eigener Klangfarbe, mit großer Intensität alle vier. Auf den auch als Videowände verwendeten Paneelen wird aus Täter Opfer, gefilmt hinter Plexiglas, wo auch der virtuose Ghaychak-Musiker Pouyan Kheradmand sitzt, Täter zu Opfer auch auf der Spielfläche, wenn die Masse den einen angreift. Mit Fäusten und jenen rechtspopulistischen Formulierungen, die die Wählerschaft in die offenen Arme der Xenophobie treibt.

Was Amir Gudarzi verhandelt, vom Publikum fordert, ist nicht wenig. Sein Text thematisiert, assoziiert, analysiert, ist ein komplexes Konstrukt aus Rassismus und Stereotypen, Geschichte und Gegenwart, Bewusstsein und Verdrängung, von den Wiener Kurdenmorde von 1989, der NS-Vergangenheit Österreichs, dem Attentat von Oberwart bis zur Grünen Revolution im Iran von 2009, der Ermordung politischer Gefangener am Ende des Iran-Irak-Kriegs, von Berichten der hiesigen Boulevard-Presse bis zum heutigen Antisemitismus.

Polemisch lässt er den Geleemann über die Willkommenskultur der heimischen Hotellerie lästern, die sich allerdings nicht an Flüchtlinge, sondern an „die reichen Araber“ wendet, und es geht unter die Haut, wenn er über die unter Androhung von Sanktionen zu erlernende Sprache sagt: „Deutsch ist wie ein großer Raum, in dem man gefangen ist.“ Der Geleemann kam traumatisiert aus Teheran, wen schert’s?, er ist eines jener in den 1980er-Jahren im Foltergefängnis geborenen Kinder, von denen man selbst erst durch den Dokumentarfilm „Born in Evin“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38221) erfuhr, wer weiß das schon? Wen interessiert der „Hurensohn“, der nach der Erschießung der Mutter im Hof ihr Blut wegwaschen musste?

„Worüber man schreibt, hat immer mit einem zu tun“, sagt Amir Gudarzi. Auf der Theaterschule in Teheran, dieser Grauzone des Dürfens, wo die Proberäume via Gucklöchern überwacht werden, mit 13, 14, hatte er einen Freund, dessen Vater, wenn er betrunken war, von der Ermordung der Oppositionellen unter Ayatollah Khomeini erzählte, die Mutter, Geschwister. Gudarzi floh, wie er es formuliert, „aus religiös-politischen Gründen“, seit 2009 lebt er im Exil in Wien, gewann den österreichischen exil-DramatikerInnenpreis und erhielt das Dramatikerstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts. Derzeit schreibt er an seinem Debütroman, schreibt, er muss schmunzeln, noch sind es viele Ideen im Kopf, darüber wie Politik der Privatheit in die Quere kommt.

Bild: © Alexander Gotter

Ein Wunschtraum vom Richtigstellen, den auch der Geleemann hat. „Steht er erst vor Gericht“, so Maria Sendlhofer, „glaubt er ein Plädoyer über Verdrängung und Verfälschung von Wissen und Gewusstem halten, und über die mediale Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit zum Ausleuchten der geschichtlichen und gegenwärtigen toten Winkel bringen zu können.“ Derweil wird’s auf der Spielfläche tumultuös, dem muslimischen Geleemann wird zur Gaudi der Jude David als Zellengenosse überantwortet, Vorurteile und Klischees prallen aufeinander, werden bedient und hinterfragt.

Schönster Satz zwischen den ihr Leid tragenden Tätern zum hiesigen Lieblingsmythos: „Hier gibt es nur ein Opfer – Österreich!“ Doch siehe, die Feindbilder beginnen sich anzufreunden, Philipp Auer und Johnny Mhanna spielen diese Szene über barbarische Regime, Millionen Tote, der Zweite Weltkrieg, die Besetzung durch Briten und Sowjets da wie dort, der offizielle Iran, der die Shoah ein israelisches Märchen nennt, die „Stolpersteine“, deren Inschriften der Geleemann in Wien gelesen hat. „Ein Mensch ermahnt seine Mitmenschen zum Hinschauen, aber wie steht es um seine Ignoranz?“, erklärt Sendlhofer das zu Sehende.

Und Gudarzi ergänzt: „Es geht um die Narrative und wer die Macht über sie besitzt. Wer kann komplexe Zusammenhänge vereinfachen, wer kann aus Leid Sensation machen, wer entscheidet, welche Nachricht sich gut verkauft und das Rennen um die Titelseite gewinnt?“ Was Regisseurin und Autor mit all dem in den Köpfen der Zuschauer festsetzen wollen? „Viele Fragen und keine Antwort“, lacht Sendlhofer. „Wir wollen herausfordern, weil das Publikum hier im Theaterraum jemandem, der ob seiner Tat verachtet werden müsste, zuhören muss.“ – „Wäre der Geleemann ein Österreicher, wäre er ein Einzelfall und würde psychologisiert“, ergänzt sie. „Aber so, heißt es wieder die …“

„Der Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern“, exakt und ideenreich inszeniert, perfekt und mit Hingabe an die Figur gespielt, ist ein Stück, dem wohl niemand gleichgültig begegnen wird können. Es ist Gudarzis lyrische Einladung zur Selbstbefragung, zur Hinterfragung der oftmals von anderen vorgefertigten Bildern, die man in sich trägt, es ist Gudarzis Bitte, der eigenen Voreingenommenheit bewusster zu begegnen. In Tagen wie diesen ein wichtiger Text, umgesetzt in einer sehenswerten Aufführung.

Vorstellungen bis 2. Oktober.

werk-x.at           www.facebook.com/WERKXPetersplatz

  1. 9. 2020

Werk X-Petersplatz: Hauptsache Gemeindebau

November 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Lebensziel a scheene Leich

Ehefrau Gitti trauert vor versammelter Familie um ihren Edu: Sophie Prusa, Josephine Bloéb, Lilli Prohaska, Lisa Weidenmüller und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

„Er hat an Abgang gmacht / er hat die Patschn gstreckt / er hat a Bankl grissn / er hat se niedaglegt / er hat se d‘ Erdäpfel von unt angschaut / er hat se sozusagn ins Holzpyjama ghaut …“ So singt die Trauergemeinde anfangs, und es ist erstaunlich, selbst für eine echte Wienerin, wie viele Synonyme fürs Sterben es gibt. Insgesamt siebzehn hat Roland Neuwirth in seinem „Echten Wienerlied“ aufgelistet, und sicher fände sich noch mehr Sinnver- wandtes für Zusatzstrophen.

Verwandt sind auch die fünf, die sich nach dem Tod von Vater Edu in dessen Wohnung versammeln, Ehefrau Gitti, die drei Töchter, der Schwiegersohn. „Hauptsache Gemeindebau. Das Leben, der Tod, die Familie“ heißt die Produktion der handikapped unicorns, die in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz ebendort uraufgeführt wird. Der Titel ist Programm, als Lebensziel a scheene Leich, bis die nostalgisch-schwelgerische Scheinheiligkeit der Sippschaft in die altbekannten Schuldzuweisungen und Vorhaltungen kippt, mit einem Wort das ganze Kreuz, das man miteinander hat, von Neuem schmerzt. Ein Elend, das – wie könnt‘ es auch anders sein? – in erster Linie die Mutter zu tragen hat.

Andreas Stockinger hat diese Leichenschmaus-Satire inszeniert, im Tisch/Sarg verstaut sind der Schnaps und die als Kalte Platte dargereichten Kekse, und Lilli Prohaska spielt mit Verve und bösem Mundwerk und staubtrockenem Humor die Gitti. Kettenraucherin mit Raucherbein, und weil so oft darauf hingewiesen wird, dass der nikotinabstinente Papa nämlich nicht an Lungenkrebs gestorben ist, ist bald klar, da ist was oberfaul im Ottakringer Gemeindebau. Die Positionen sind geprobt. Eine Tochter hat zwar studiert, sich dann aber ausgerechnet mit einem „Piefke“ getraut, eine ist aufs Land gezogen und bis dato kinderlos geblieben, die jüngste ist alleinstehend, dafür hochschwanger, daher nach wie vor Logiergast im Hotel Mama.

Lisa Weidenmüller, Lilli Prohaska und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

Franz Haselsteiner und David Mandlburger. Bild: © Alexander Gotter

Lisa Weidenmüller, Jan Hutter und Lilli Prohaska. Bild: © Alexander Gotter

Genug Konfliktstoff also für einen Abend, man kommt von einem ins andere, Erinnerungen an die „Mamsch“ genannte alte Hausbesorgerin, das unverhoffte Finden dreier Plastiksparschweine, in denen sich noch Schillinge befinden, das Niachtln der ungelüfteten Zimmer. Auf einen Lobgesang auf die 48er folgt das Klagelied über die Kameltreibernachbarn, folgen „Ana hat immer des Bummerl“ und „Drei aus Ottakring“. Franz Haselsteiner am Akkordeon und David Mandlburger mit der Gitarre begleiten die Ballade auf den 16. Hieb. Lisa Weidenmüller, Sophie Prusa und Josephine Bloéb gestalten das Schwesterntrio, Jan Hutter macht den einen Angeheirateten, der andere glänzt, da der Herrenwitze über seine Mannesschwäche überdrüssig, durch Abwesenheit.

Stockinger und Ensemble haben ihre pointierten Sager dem Gemeindebau sozusagen vom Mund abgeschaut, dessen Jargon aber in eine am Horváth’schen orientierte Kunstsprache übertragen. Viel von dem, was gemeinhin als Wiener Mentalität tituliert wird, fließt durch diese soziotopkritische Stückentwicklung. Großartig ist das, wenn die Prohaska Einsamkeit als Einstellung, nicht als Empfindung ausweist, oder – niedergedrückt von der Bürde ihres selbstverständlich der Selbstaufgabe gewidmeten Daseins – feststellt: „Du kannst vor dir selber nicht davonlaufen, im Alter holst dich wieder ein.“ – „Aus Leberwurst kann man sowieso kein Marzipan machen“, lautet ihr Leitsatz zur Unausweichlichkeit des Schicksals.

Vergessenes Spielzeug wird wiederentdeckt: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Handfester Streit unter Schwestern: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Alldieweil derart die Lebensweisheiten nur so über die spitzen Lippen flutschen, fällt es den Töchtern gar nicht schwer in ihre Kindheitsmuster zurückzufallen. Wer hat als Papakind von diesem Geld gekriegt und wer haut sich noch posthum mit dem Papa auf ein Packl? Weidenmüller und Hutter treten wie aus Protest mit ihrer mitgebrachten Rohkost gegen das Ein-Euro-Backwerk an. Dunkle Flecken in der Familienvergangenheit enttarnen sich als nie verheilte blaue auf den Seelen, mit der Menge an Alkohol steigt der Mut zur Eskalation, und aus dem Zusammenhalten wird der dringende Wunsch, das Gegenüber mög’s endlich zsammhalten. Der Clou gehört natürlich der Gitti, die zum Schluss verkündet, welche Geheimnisse sie aus Edus Schreibtisch zu Tage befördert hat – Stichwort: Testament.

Mit ironischem Augenzwinkern legt „Hauptsache Gemeindebau“ die Anatomie dieser Wiener Institution und der in ihr wohnenden Menschen bloß. Die Aufführung ist eine amüsante Abhandlung übers Granteln und Sudern, Raunzen und Räsonieren. Und sollte wer Analogien zum eigenen Anhang entdecken, unbedingt daran denken, wie dereinst schon der Heller und der Qualtinger sangen: „Bei mir sads alle im … daham.“

werk-x.at           www.facebook.com/handikappedunicorns

  1. 11. 2019