PeterLicht und Stefan Zweig …

Januar 10, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

… im Jänner im Schauspielhaus Wien

Das Sausen der Welt: Gideon Maoz, Martin Vischer Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Das Sausen der Welt: Gideon Maoz, Martin Vischer
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Nach der ausverkauften Silvesterpremiere erblickt im Jänner ein neues Stück das Rampen-Licht: Am 10. Jänner zeigt das Schauspielhaus Wien „Das Sausen der Welt“ von PeterLicht. Der Dramatiker und Musiker beschreibt darin das Dasein als Tinnitus-Erfahrung, als Leben mit semantischem Grundrauschen, dessen Inhalte kaum noch entschlüsselt werden können. In dieser agnostischen Variante des Rosenkranzgebets Gegrüßet seist Du, Maria wird „der Klang vom Umherschwirren von Geld, von der Herstellung von Sinn“ willkommen geheißen – in einem hochmusikalischen Text, der sich dem agitatorischen Sound amerikanischer Profitkirchenprediger ironisch nähert: Gelobt wird die Krise als marktkonform und sinnstiftend. Vormerken: Am 14. Februar  spielt PeterLicht ein nur von seinem Keyboarder begleitetes Konzert im Schauspielhaus – nach den beiden ausverkauften Abenden im November 2011 eine der raren Gelegenheiten, den scheuen Musiker live zu erleben!

Und auch die Schauspielhaus-Serie ist wieder da: Nach der Strudlhofstiege, Freud, den X Geboten, Kreisky und Schubert steht diesmal Stefan Zweigs autobiographischer Roman „Die Welt von Gestern“ im Mittelpunkt. Ausgehend von diesem literarischen Porträt der zerfallenden Donaumonarchie befragten die Hausautorin Anne Habermehl und die Hausregisseurin Felicitas Brucker fünf hundertjährige WienerInnen zu ihrem Leben. Diese Biographien bilden den Ausgangspunkt für Anne Habermehl, Sabina Holzer und Jack Hauser, Ferdinand Schmalz und Philipp Weiss, die in ihren Bearbeitungen der Frage nachgehen, wie Erinnerung – die persönliche und kollektive – funktioniert.

1. Folge: Glanz und Schatten Europas
von Anne Habermehl / Regie: Anne Habermehl
Do, 16. Jänner 2014 / 20:30 Uhr Premiere

2. Folge: Die Welt der Sicherheit
von Philipp Weiss / Regie: Anne Habermehl
Do, 23. Jänner 2014 / 20:30 Uhr Premiere

3. Folge: Umwege auf dem Weg zu mir selbst
Konzeption, Choreografie und Performance: Sabina Holzer und Jack Hauser
Do, 6. Februar 2014 / 20:30 Uhr Premiere

4. Folge: Die Agonie des Friedens
von: Ferdinand Schmalz / Regie: Felicitas Brucker
Do, 13. Februar 2014 / 20:30 Uhr Premiere

5. Folge: Heimkehr nach Österreich
von: Anne Habermehl /Regie: Felicitas Brucker
Do, 20. Februar 2014 / 20:30 Uhr Premiere

www.schauspielhaus.at

Wien, 10. 1. 2014

„Der Geizige“ in der Ein-Raum-Wohnung

Februar 8, 2013 in Bühne

Molières Komödienklassiker im Schauspielhaus (von links nach rechts): Vincent Glander, Max Mayer, Johannes Zeiler, Veronika Glatzner, Katja Jung
24.02.2012, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/7

„Der Geizige“ und seine geldgeilen Kinder

Musiker und Autor PeterLicht hat fürs Schauspielhaus Wien Molières Komödienklassiker „Der Geizige“ übermalt: Eine amüsante Neudichtung.

Klaustrophobiker kaufen sich für diesen Theaterabend besser keine Karte. Der schmale Streifen drehbarer Wohnkulisse, den sich Peter Baur als Bühnenbild für die PeterLicht-Premiere „Der Geizige. Ein Familiengemälde nach Molière“ am Schauspielhaus Wien einfallen hat lassen, lädt geradezu zum Atemnotstand ein.

Zwei Stunden sieht man einer Hand voll Schauspieler dabei zu, wie sie auf diesem engsten Raum über einander, über Küchenkastln, eine Couch, sogar eine Hängelampe klettern. Dem anderen aus dem Weg zu gehen, ist schlicht unmöglich. Und Programm.

Musiker und Autor PeterLicht hat Molières Komödienklassiker übermalt. Das Ergebnis ist eine amüsante Neudichtung, der das Original nur noch als Folie dient. In der aber dank Bastian Krafts Regie alle Tricks aus der Boulevardklamottenkiste hervorgezaubert werden. An eine Sitcom dachte PeterLicht beim Schreiben, an jenes TV-Format, vor dem es kein Entrinnen gibt, in dem auch nie jemand den Schauplatz des Geschehens verlässt.

Böse Wichte

bühnenfoto
Johannes Zeiler (Mitte) ist der Geizige: Er spielte in dem in Venedig mit dem Goldenen Löwen prämierten Faust-Film die Hauptrolle.

Neu ist: Nicht mehr Geizhals Harpagon, dargestellt von Johannes Zeiler, ist der eigentliche Bösewicht. Er will nur zusammenhalten, was ihm gehört. Er hat kein Interesse die „Reinheit“ des Geldes zu beschmutzen, indem er es für „wertlose“ Ware eintauscht.

Die konsumgeilen Kinder, Cléante (pupertär pampig: Vincent Glander) und Elise (Veronika Glatzner als Klischee-Blondie), aber wollen den Lohn der Arbeit ihres Vaters einkassieren. Schließlich gibt’s ja so viele Statussymbole zu kaufen.

Damit die einen nicht kriegen, was der andere nicht hergeben will, muss viel aneinander vorbei und beiseite geredet werden. Da wird Sprache zum Slapstick.

Highlight der Inszenierung ist ein nur als Worthülsen bestehender Nicht-Dialog zwischen Harpagon und Sohn. Ihre Schwäche liegt in langen Monologen. Jede Figur hat einen, um über Wegwerfgesellschaft bis Plastikphobie („Weichmacher vom Gehirn bis zu den Genitalien“) zu philosophieren. Das dauert …

Fahrt nimmt die Sache auf, sobald Max Mayer (ein Grimassen schneidender Valère) das Sagen hat. Er verschafft Clèante die Kohle, macht ihn zum Afrika-Patenkind für Papa. Frech ist das, wird vom Publikum aber fröhlich aufgenommen.

Interview mit Max Mayer

Februar 8, 2013 in Bühne

Molières „Geiziger“ auf dem Al-Bundy-Sofa

Schauspielhaus Wien: Er ist der amtierende Nestroypreisträger. Und Sohn von ORF-Legende Horst Friedrich Mayer. Nun spielt Max Mayer „Molière“.

Wunderbar war’s, wie sie sich alle gemeinsam den alten Louis-de-Funès-Film angeschaut haben. Der quirlige Franzose spielte im Jahr 1980 fürs Kino Molières „Geizigen“.

„Unsere Arbeit“, erklärt Max Mayer, „wird mehr mit Funès’ Spielstil zu tun haben als mit Molières Text.“ Der stammt am Schauspielhaus Wien nämlich von PeterLicht. Der Musiker und Autor hat dem der Gegenwartsdramatik verpflichteten Theater eine Neudichtung, eine geistreiche, amüsante Überschreibung des Originals vorgelegt. Titel: „Der Geizige – Ein Familiengemälde nach Molière“.
Premiere: am Donnerstag.
Die Hauptrolle, Harpagon, übernahm Johannes Zeiler, der zuletzt in Alexander Sokurovs in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Film als „Faust“ brillierte. Für Max Mayer, den amtierenden Nestroypreisträger in der Kategorie Bester Schauspieler, wurden zwei Charaktere zu einer Rolle zusammengefügt: Valère, der Liebhaber von Harpagons Tochter, und La Flèche, der Diener von Harpagons Sohn.
Wie es zur Symbiose kam?

Politisch unkorrekt

„Die Dreistigkeit, mit der sich beide Figuren in diesem Haushalt eingenistet haben, ließ sich gut zu einer verbinden“, sagt Mayer. Diese eine, nun Valère genannt, ist ein Parasit. Der gezielt seine Strategien verfolgt. Etwa dem Sohn des Hauses politisch höchst unkorrekte Ideen in den Kopf setzt, um an Papas Geld zu kommen: „Er soll sich als afrikanisches Patenkind ausgeben.“ Mayer ist gespannt, wie das aufs Publikum wirken wird: „Ob man es als Farce akzeptiert und über diese Unkorrektheit als völlig gaga lachen wird – wir werden ja sehen.“

Für seine demonstrativ dekadente Gesellschaft, die nur noch am Konsumieren und dabei Müll produzieren ist, hat sich PeterLicht einen besonderen Ort einfallen lassen.
„Eine Wohnzimmerlandschaft mit einem Sofa wie bei Al Bundy. Ein Raum, in dem immer alle anwesend sind, wie das bei Fernseh-Sitcoms eben üblich ist. Eine letzte Insel. So, wie PeterLicht das beschreibt, hat das etwas Apokalyptisches“, meint Mayer.
Apropos „immer alle anwesend“: Wie funktioniert das eigentlich am Schauspielhaus, wo ein achtköpfiges Ensemble allein diese Saison das unglaubliche Arbeitspensum von mehr als einem Dutzend Premieren zu bewältigen hat?

Kein Lagerkoller

„Durch den Geist, der bei uns vorherrscht“, streut Mayer den Kollegen und dem Hausherrn Andreas Beck Rosen. „Woanders hätten längst alle den Lagerkoller. Hier werden wir von Jahr zu Jahr neugieriger aufeinander.“
Geschichte hat Mayer ursprünglich studiert. Familiär vorbelastet, wie er lacht. Vater Horst Friedrich Mayer, ORF-Chefredakteur und Doktor der Geschichte, war am Küniglberg berühmt-berüchtigt, Redaktionsitzungen durch Ausführungen über die k.u.k. Kriegsmarine zu sprengen.

Als der Sohn beschloss, Schauspieler zu werden, „kann man nicht behaupten, dass die Idee auf wahnsinnige Begeisterung stieß, aber sie wurde nicht boykottiert. Jeder meiner Erfolge war für meine Eltern ein Attest, das ihr Zulassen meiner Idee bestätigt hat.“ Nachsatz: „Der Nestroy-Preis hätte meinen Vater sehr gefreut.“

Eine Frage noch zum Stück: Womit geizt Max Mayer? Er denkt lange nach.
„Mit Disziplin. Ich kann schwer Dinge an mich halten. Ich muss mich jedes Wortes, jedes Gefühls, jedes Gedankens entledigen.“ Klingt, als wäre das für die Umwelt mitunter anstrengend. „Ja, das kann passieren.“

Zur Person: Von Linz zum Nestroy

Geboren 1974 in Wien. Erster Auftritt als Schauspieler 1998 am Theater Phönix in Linz. Es folgten Engagements bei den Salzburger Festspielen, am Hamburger Thalia Theater und am dortigen Schauspielhaus. Als Andreas Beck vor fünf Jahren das Schauspielhaus Wien übernahm, holte er Mayer zurück in seine Geburtsstadt. Im November wurde er mit dem Nestroy-Preis als Bester Schauspieler ausgezeichnet. Und setzte sich damit bei der Jury gegen die Mitbewerber Gert Voss, Joachim Meyerhoff, Marcello de Nardo und Roland Koch durch.