Landestheater NÖ – Luk Perceval & NTGent: Yellow. The Sorrows of Belgium II: Rex

Oktober 1, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Front- und Fluchtbriefe auf dem Billardtisch

Vabanquespiel auf dem Billardtisch: Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys, Oscar Van Rompay und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Ab 8. Oktober zeigt das Landestheater Niederösterreich LIVE im Großen Haus Luk Percevals Uraufführung von „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“, LIVE hier besonders großgeschrieben, da es COV19-bedingt im Frühjahr bereits eine Filmversion zu streamen gab. Hier zum Einlesen die Rezension dazu: Mit dem Verlesen eines Artikels einer neuen rechtsradikalen französischsprachigen Zeitung, der vor den neuen rechten Schlagwörtern nur so strotzt, großer Austausch, Kulturmarxismus vs. christliche Werte,

die Linke unterstützt den Islam, um mit der Frustration der Minderheiten die westliche Zivilisation zu zerstören …, legt Luk Perceval den Finger in eine Wunde, die längst noch nicht vernarbt ist. Nationalsozialismus in Belgien, darüber weiß man hierzulande wenig. Belgien war neutral, doch griffen im Mai 1940 die nazideutschen Truppen an; nach der campagne des 18 jours ergab sich die belgische Armee bedingungslos. In „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“ beschäftigt sich Perceval nun mit der Kollaboration seiner Landsleute mit den Nationalsozialisten und damit gleichsam mit dem bis heute schwelenden Konflikt der Wallonen mit den Flamen.

Yellow“ ist der zweite Teil von Percevals nach den Farben der belgischen Nationalflagge benannten Trilogie, Teil eins „Black“ befasst sich mit den Kolonialverbrechen Belgiens im Kongo, Teil drei „Red“ wird von den aus Brüssel stammenden IS-Attentätern handeln. Zwei alte Männer also, der eine sitzt an einem Billardtisch mit abgesägten Beinen und studiert Fotos, Briefe, verlesen, gelesen wird viel in dieser Produktion, der andere hinter ihm sagt etwas, unhörbar, seine Stimme geht im melancholischen Yellow Waltz von Sam Gysel unter. „Jef? Jef?”, stammelt der Mann am Tisch, Peter Seynaeve als dessen Vater Staf, gleich wird er mit sich überschlagender Stimme Parolen deklamieren, man ist in den 1940ern – bei jenen Flamen, die sich als Deutsche sehen, als Teil der „germanischen Rasse”.

Nach dem Text von Autor Peter van Kraaij verfolgt Perceval das Schicksal der von Hitlers Reden entflammten flämischen Familie Goemmaere. „Der Führer lässt Flandern wieder an der Geschichte teilnehmen”, ist man überzeugt. Wallonen gegen Flamen, das hat was von Kain und Abel, die Französischsprachigen werden seit Jahrhunderten, genauer seit 1302 als ein bäuerliches Infantrieheer einer französischen Ritterarmee gegenüberstand, als Unterdrücker betrachtet. Jetzt ist der Glaube an Gott und das Tausendjährige Reich geweckt. Staf hat Sohn Jef mit der Flämischen Legion, Freiwilligen der Waffen-SS, in den Kampf gegen die Sowjets geschickt. Staf selbst ist Mitglied der Dietse Militia des Rechtsnationalisten Jef François, Tochter Mie bei den Dietse Meisjesscharen und Priester-Onkel Laurens ein fanatischer Faschist.

Einzig Stafs Bruder Hubert hält sich von der Hurra-Stimmung fürs NS-Regime fern, eine Hurra-Stimmung, eine Kriegsbegeisterung, die im Laufe der kommenden zwei Stunden mehr und mehr zu Kadavergehorsam wird, geschildert dies alles ohne moralische Gehässigkeit, das „Heil!” auf dem Heldenplatz kam den Menschen um nichts weniger enthusiastisch über die Lippen als hier den Flamen, alldieweil sich Mutter Marije, Chris Thys, um ihren Sohn, der qua einer Andeutung auch Huberts sein dürfte, die Augen ausweint. Ein sphärischer Soundtrack wabert durch den Theaterraum, der Billardtisch ist bald eine zweite Spielebene; die Fahnen, die wehen, sind weiß wie die der ethischen Kapitulation, die Rekapitulation einer historischen Desillusionierung – im emblemlosen Flaggenwald geht’s so zackig zu, „Deutscher Gruß” und deutsche Disziplin, dass keine Fragen offenbleiben.

Fast schon wähnt man den Regisseur in satirischer Distanz zu seinen Figuren; wie in einem abstrakten Leo erscheinen Valéry Warnotte als Léon Degrelle, Gründer der faschisten Bewegung Rex – siehe Stücktitel – und Aktiver in der Wallonischen Legion, Warnotte als Demagoge und Phrasendrescher der Inszenierung, und als Österreich-Import Obersturmbannführer Otto Skorzeny, dem der Mythos der Mussolini-Befreiung zu einiger Berühmtheit verhalf. An diesen real existiert habenden Charakteren dokumentiert Perceval scheint’s die absurde Groteske von Geschichte.

Seynaeve, Van Rompay, Wildemeersch, Kelz und Thys, vorne: Luk Perceval. Bild: © Maria Shulga

Strammer „Deutscher Gruß“: Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz und Valéry Warnotte. Bild: © Fred Debrock

Seynaeve, Van Rompay, vorne: Wildemeersch und Kelz, Warnotte und Thys. Bild: © Maria Shulga

 

Die beiden Alt-Nazis werden einander später im Spa, nicht Belgien, sondern mit Bademantel und Wellnesscocktail in Spanien begegnen. Der nunmehrige „José de Ramirez Reina” und der Firmenvertreter für Nivea und die Voest haben sich vom gefallenen „Führer” unter Francos Fittiche gerettet, um dem Diktator beim Machterhalt zu helfen und in Skorzenys Fall – „Ich will doch nicht enden wie Eichmann!” – Waffengeschäfte mit dem Mossad zu machen. Eine Episode, unglaublich, doch historisch belegt, die zu den besten des Abends gehört; die Freunde überbieten sich in Hitler-Anekdoten: „He was such a nice guy!”

Doch noch ist es nicht so weit. Philip Leonhard Kelz, Ensemblemitglied des Landestheaters, agiert, agitiert sich als Otto Skorzeny in den Mittelpunkt des Geschehens. Mit dem Laurens von Oscar Van Rompay übt er ein Burschenschafter-Duell, das ins Homoerotische entgleitet, bei einem lasziven Tänzchen wird er sich an die Mie von Lien Wildemeersch schmiegen, Kelz ganz Stimmungsmacher, Spielmacher, geschmeidig wie die Schlange der Versuchung – er, der offensichtlich weiß, was gewesen sein wird, und seine Schilderungen in Vergangenheitsform setzt.

Wenn er als „überzeugter Europäer” von „sozialer Gerechtigkeit” spricht, werden die Floskeln aus der falschen Ecke zeitgemäß. In diesem vielschichtigen Spiel, in dem sich keiner schont, fügt sich Kelz mit seiner starken, in schönster Verschmitztheit das Österreichertum ausstellenden Performance nahtlos ins Genter Ensemble ein. Der Flamen-Clan saugt Skorzenys Heilsversprechen gierig auf, der Kamerazoom zeigt die Gesichter erwartungsvoll, stolz, euphorisch, Marijes unter Tränen – und hassverzerrt wie die Fratzen in Hieronimus Boschs „Christus trägt das Kreuz”, das im Museum für Schöne Künste in Gent hängt.

Vor allem Lien Wildemeersch als Mie schafft es, dass man auf deren blindwütige Gläubigkeit zunehmend zornig wird, und Oscar Van Rompays Laurens mit seinen vor religiöser Extase aufgerissenen Augen. Der Russlandfeldzug, er ist ein Heiliger Krieg, die Soldaten Kreuzritter für „unsere Zivilisation”. „Flandern frei! Und für Belgien nix!” wird skandiert. Bis das nationalistische Narrentreiben und sein schwärmerischer Rassismus von ersten Frontberichten gestört werden.

Chris Thys, Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Maria Shulga

Oscar Van Rompay, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Gleich Eva und der Schlange der Versuchung: Philip Leonhard Kelz und Lien Wildemeersch. Bild: © Maria Shulga

Van Rompay, Seynaeve, Warnotte, Thys, Shulga und Wildemeersch. Bild: © Fred Debrock

Die Briefe also. Sie kommen von Jef, dem stillen Bücherwurm, der nach Stafs Willen im Schützengraben zum Mann geschmiedet werden soll, und Aloysius, der Mie von den Meisjesscharen als Korrespondenz-Kamerad zugeteilt wird, eine Nahebeziehung in Worten, die von Kelz und Wildemeersch mit Körpernähe und Mut zur Initimität als elegische Liebesfantasie ausgelebt wird. Jefs Post spricht eine andere Sprache, weit und breit kein flämischer Offizier und die Flamen von der Herrenrasse auf Französisch angebrüllt; Grausamkeiten, Gräueltaten und die Abstumpfung dagegen kriegen beim Lautlesen eine seltsame Intensität – eine Poesie des Schreckens.

Briefe kommen auch von Bert Luppes’ Hubert. Der hat die geflohene Wiener Jüdin Channa, Maria Shulga, versteckt, wird entdeckt und entkommt mit ihr nach Antwerpen. Gleich Skorzeny erzählt auch Channa Vergangenes, das charmante, leichtlebige Wien, das sich nicht er- sondern hingegeben hat, ihr Verlobter, dessen Mutter sie anflehte ihn freizugeben, damit er nicht in die Fänge der Gestapo gerät, Hubert in seinen Schreiben von Zerstörung, Hunger und der Polizei, die „für eine neue Aufgabe” ausgebildet wird. Channa wird deportiert werden, „nach Osten, Jef hinterher”, kommentiert Hubert zynisch.

Da hat Familie Goemmaere ihre Verblendung längst erkannt. Schnee fällt auf Front und Familiengeheimnisse, ein unbekannter Fronturlauber bringt Nachricht von dort – und der Wahnsinn greift um sich. „Yellow”, diese bedächtige, andächtige Aufführung, deren Melancholie eben noch in Lethargie kippte, wird von Geschrei und Sirenengeheul zerschnitten. Kelz kiert konsonatenknatternd im Hitler-Ton, Mie, als Krankenschwester im Lazarett, schnappt angesichts der vielen Versehrten allmählich über.

Szene um Szene montiert Luk Perceval zu seiner Collage, diese teils pathetisch, teils bizarr, immer leidenschaftlich, mit stilisierter Action und den Mitteln des Körpertheaters, didaktisch – Prädikat: wertvoll. Seine extrem präsenten, expressiv agierenden Darstellerinnnen und Darsteller schultern mit Verve das Paradoxon ein Chor monologierender Stimmen zu sein. Ihr Spiel ist im besten Sinne der Bedeutung sinnlich.

Zum Schlussakkord gehört Hubert, der nach dem Krieg Wien besucht, Museum rein, Museum raus, und raus zum Zentralfriedhof, dem jüdischen Teil. Dutzende Grabstätten, aber sehr viel freie Fläche. Ein Symbol. Hier sei von jüdischen Familien Land gekauft worden für Gräber, die es nun nicht mehr gibt, meint Hubert. Zum Schlussakkord gehört Laurens im Gefängnis. „Geduld”, sagt er. „Geduld, meine Seele, die Saat keimt noch nicht.” Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44919

Trailer: www.youtube.com/watch?v=pOC9NaqoKYA           vimeo.com/519872206           Interview mit Dramaturgin Margit Niederhuber: www.youtube.com/watch?v=D-aHuHj_VpI            www.ntgent.be/en          www.lukperceval.info

www.landestheater.net

1. 10. 2021

Burgtheater: „Komplizen“ von Simon Stone

September 27, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer im Glashaus sitzt …, oder: Das Warten auf die wahrhaft neue Volkspartei

Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Lilith Häßle und Roland Koch. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Es sind zwei Sätze, die Peter Simonischek als Matthias spricht, die die Klammer dieses Abends und damit die Rotationsachse der derzeitigen Geschehnisse bilden – der erste: „Ich habe nichts gegen Nächstenliebe, aber sie ist ein Privileg, dass diejenigen von uns, die sich nach oben gekämpft haben, denen gewähren, die unten geblieben sind“, der letzte: „Es ist alles aus, und wir sind selber schuld daran.“ Dazwischen entfaltet Regisseur Simon Stone ein in

doppeltem Sinne beziehungsreiches Gesellschaftspanorama, und setzt dafür seine Figuren einer künstlerisch-wissenschaftlichen Upperclass vs. der sogenannten wirtschaftlich Abgehängten in ein derart träges Karussell aus Räumen, dass man sich Fortschritt hier schier unmöglich denkt. Das heißt, Stones Figuren sind’s und sind doch geborgte, die gestern am Burgtheater als „Komplizen“ ihre Uraufführung hatten. Getreu Mark Twains „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ hat der Australier mit europäischem Background, der 2018 am Haus für sein „Hotel Strindberg“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28131) gefeiert wurde und der statt Twain lieber Friedrich Nietzsches zentralen philosophischen Gedanken der Ewigen Wiederkunft des Gleichen zitiert, Maxim Gorkis Dramen „Kinder der Sonne“ und „Feinde“ in aktuellem Kontext neugeschrieben.

Das eine vom russischen Autor 1905 in der Peter-und-Paul-Festung verfasst, wo er wegen seines Aufrufs zum „brüderlichen Kampf gegen die Autokratie“ inhaftiert war, ein Stück über einen großbürgerlichen Intellektuellenkreis, der seinen Ennui und sein Unglück pflegt, während vor seinen Toren Cholera-Aufstände wüten. Das andere von einer Amerika-Reise im Jahr 1906 mitgebracht, Gorki von Lenin nach Übersee verfrachtet, um einer neuerlichen Gefangennahme zu entgehen und Propaganda für die kommunistische Sache zu machen, „Feinde“, in dem es zum in Gewalt eskalierenden Konflikt zwischen einem Fabrikbesitzer, dessen Direktor und den Arbeitern kommt.

Diesen „Komplizen“, und Stone meint damit wohl jene Kontrahenten, die ihr Klassendenken, ihr Klassenzwang in Tateinheit mit ihrer elitären Unbeweglichkeit und einem narzisstischen Kollektiv-Egoismus zu Systemerhaltern eines sozialpolitischen Stillstands macht, diesen Komplizen hat Bob Cousins eine Grinzinger Glasvilla auf die Bühne gestellt, Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad voll funktionsfähig, und hebt sich der Vorhang, sieht man zuallererst das Personal die unzähligen Fensterscheiben putzen. Das modernistische Manor rotiert träge, alldieweil die Intelligenzija nicht minder behäbig um sich selbst kreist – wiewohl immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird, dass Behäbigkeit, schweizerisch für die Eigenschaft, wohlhabend zu sein, und Hysterie einander nicht ausschließen.

In diesem Glashaus, der Vergleich mit einem Museumsschaukasten drängt sich auf, sitzt nun Michael Maertens, vor fast 120 Jahren noch der Chemiker Protassow, anno 2021 schlicht Paul genannt, nach einem alkoholintensiven Abend und muss sich die kommenden vier verkaterten Stunden von Freud, Freund, Feind und Familie quälen lassen. Maertens legt das bei der Nobelpreis-Vergabe vergessene Genie mit der seiner Rollengestaltung eigenen Quengelei an, wie überhaupt das ganze Star-Ensemble perfekt einem beiläufigen, herrlich voneinander angeödetem Konversationston huldigt. Man hat sich Status und Lifestyle mit einer Selbstgewissheit angeeignet, mit einem Abgehoben-Sein, das sich durch Finanzstärke rechtfertigt.

Roland Koch und Mavie Hörbiger. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Birgit Minichmayr und Michael Maertens. Bild: © M. Ruiz Cruz

Rainer Galke und Michael Maertens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Lilith Häßle und Michael Maertens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Peter Simonischek gibt den leutseligen, mit einer Noblesse-oblige-Rücksichtslosigkeit gesegneten Fabriksbesitzer Matthias Prositsch, Pauls Onkel, Mavie Hörbiger Pauls revoltierende, NGO-engagierte, vom Depressiven ins Manische changierenden Schwester Lisa, von der sofort klar ist, dass sie emotional ebenso wenig stabil ist, wie die exaltiert und hypernervös agierende Birgit Minichmayr als in erster Linie autokommunikative Anwältin Melanie, ehemals Melanija Kirpitschowa, die den versponnenen Mikrokosmonauten Maertens stalkt.

Melanies Bruder, Felix Rech als Botho, ist vom Veterinär zu Lisas in sie verliebten Psychotherapeuten geworden. Pauls Frau Tanya, Lilith Häßle, ist eine durchaus unliebenswerte, krisengebeutelt-egomanische (Burgtheater-)Schauspielerin, die Roland Koch, als Dietmar nicht mehr Maler, sondern Filmemacher und Fotograf, zu einem Porträt und einer Affäre überreden will – und sage nun keiner, Simon Stone könne es weniger delikat-diffizil als die russischen Literaten.

Auf der Gegenüberseite stehen: Der brillante Rainer Galke als Hausmeister Igor, ein Handwerker mit Golfhandicap und dem Hausherrn unentbehrlicher WLAN-Auskenner, Safira Robens als Reinigungsfrau Farida, Falk Rockstroh – wie von Gorki in die Gegenwart gezaubert – und Reinhardt-Seminarist Dalibor Nikolic als Fabriksarbeiter Jürgen und „Gastarbeiter“ Goran, und irgendwo dazwischen Annamária Láng als Pauls Haushälterin Anita sowie Bardo Böhlefeld als Matthias‘ Geschäftsführer Raschid nebst verteufelt schlauer Ehefrau und Bankangestellter Cleo, Stacyian Jackson – diese beiden der Mittelstand zwischen den Standesdünkeln von Arm und Reich, und wenn man so will, bei Simon Stone am Ende die Gewinner.

In der Übersetzung von Martin Thomas Pesl wird’s einem mit trocken-zynischem Humor so richtig reingesagt. Die schwelenden Konflikte in den Dioramen sprengen bald den Rahmen, ein Durchräuspern des Textes, ein gelegentliches Husten, die Erwähnung von Quarantäne und PCR-Tests, weisen auf die aktuelle Infektionsgefahr hin, auch wenn die Nachrichten von draußen, übervolle Intensivstationen und bald brennende Autos, der Arbeitsk(r)ampf und die sozialen Verwerfungen dieser Tage die Scheibenwelt nur glasig gefiltert durchdringen. Doch die umstürzlerische Durchseuchung macht auch vor tollem Design nicht halt, wie sich alsbald erkennen lässt, Geschäftsführer Raschid, ganz Typ Slim Fit, will die Fabrik wegen Streikandrohung der Gewerkschaft – es geht um Maskenpausen für die Belegschaft – schließen. Was ihn, wie den erschossenen Michail Skrobotow, beinah das Leben kosten wird.

Peter Simonischek und Stacyian Jackson. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Mavie Hörbiger mitten im Nerven- zusammenbruch. Bild: © M. Ruiz Cruz

Peter Simonischek, Bardo Böhlefeld und Stacyian Jackson. Bild: © M. Ruiz Cruz

Beide von Gorkis Vorlagen wurden von der zaristischen Zensur mit einem Bühnenbann belegt, zu regional beschränkt glaubte man die ersten Erschütterungen, die ein Jahrzehnt später zur Oktoberrevolution führen sollten. Ähnliches ortet und verortet Stone in seinem Gegenwartsdrama, und dieser Gedankengang lässt doch gehörig Gänsehaut aufkommen – das dumpfe Gefühl einiger, Manövriermasse der obszönen Geliebten Politik und Wirtschaft zu sein, das Rumoren im Souterrain bei gleichzeitigem Champagnisieren einer Jeunesse dorée in der Beletage, Turbokapitalismus, während der ehrenwerte Proletarier, die Proletarierin zum Prekariat degradiert wurde. Stone nimmt diese Zustände um nichts weniger ernst als weiland Gorki.

Und er nimmt, zwischen gutmenschlichem Gedankengut bei schleunigstem Rückzug in die bourgeoise Deckung, sobald es ans Eingemachte geht, dies vor allem Lisas von Mavie Hörbiger glänzend fahrig verkörperte Charakterisierung, auch die eigene Zunft aufs Korn. In Lilith Häßle als Tanya mit der Künstlerseele, die in ihrem Nichtwissen(-wollen), durch ihre Realitätsflucht vor allem Ruhe fürs Rollenstudium will. Härtester Spruch, als sie Igor-Galke ins Krankenhaus zu dessen an COV19-verstorbener Ehefrau fährt und sie seinen Schmerz mitansieht: „Merk dir das Tanya für die Bühne, das ist echter Verlust!“ In Roland Kochs Dietmar, dem Salonsozialisten, der sich auf seiner Suche nach Authentizität selbst links von Ken Loach wähnt, während er doch nur ein von der Sozialfotografie in die Konventionen der Kulturschickeria aufgestiegener Auswegloser im Maßanzug ist.

Versteht sich, dass Stone, alldieweil er Innerstes offenlegt, auch Situationskomik kann. „Komplizen“ vergeht wie im Flug, nur zum Ende hin bei den Erklärungsmonologen könnte man die Schraube ein wenig anziehen, und apropos, Authentizität: Auf die verstehen sich vor allem die „Unterschicht“-Darstellerinnen und Darsteller, der grundaggressive Galke, ein zwielichtiger Geselle, der, was Farida betrifft, am Rande von #MeToo balanciert, was aber Paul angesichts seiner Internet-Qualitäten ohnedies wurscht ist, bis er sich in einer ergreifenden Schlussszene bei seinem Opfer entschuldigt. Der wie fürs Burgtheater gemachte Dalibor Nikolic, dessen Goran – siehe Raschid – Täter und Opfer zugleich ist. Falk Rockstroh als brav-ergebener Vorarbeiter Jürgen, den seine lebenslange Nähe zum Establishment lähmt.

Schließlich Annamária Láng als dienstbarer, guter Geist Anita, bis ihr im Selbstmitleidssumpf ihrer ignoranten Arbeitgeber deren Dreck bis hier steht. Mit der aus Ungarn kommenden Schauspielerin und dem serbischen Nikolic greift Simon Stone auch Themen wie – welch ein Unwort – „Migrationshintergrund“ und Multikulturalität auf. Einer wie Theatermacher Stone, weiß auch jeder und jedem in seinem Cast eine Sternstunde zu verschaffen, was diese mit scharfkantiger Rollengestaltung weidlich zu nutzen wissen, mit bravourösen Auftritten und grandios aufgeblähten Ansagen, die die Versagensangst und das schlussendliche Versagen der Figuren gar nicht verschleiern wollen, sondern als eine Art „C’est la vie!“ ausstellen, dann wieder mit leisen Augenblicken des Zweifels und der Verzweiflung – Felix Rechs Botho, der die selbstmörderische Konsequenz zieht und sich – Tschepurnoi hatte sich einst an einer Weide am Fluss erhängt – statt zwischen die sich verhärtenden Fronten vor die Wiener U-Bahn wirft.

Bardo Böhlefeld und Safira Robens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Felix Rech und Mavie Hörbiger. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Michael Maertens und Annamária Láng. Bild: © M. Ruiz Cruz

Rainer Galke, Falk Rockstroh und Dalibor Nikolic. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Es wird der Moment dräuen, da die aufgebrachte, aufgestachelte Masse an die Glasfassade ein „Fickt euch alle!“ sprayen wird, wer sich erinnert, denn damals sorgte dies für öffentliche Debatten, bei Achim Benning 1988 zog die Arbeiterschaft mit wehenden roten Fahnen an der demolierten Datscha vorbei, und es ist als größtes Kompliment an Simon Stones „Komplizen“ gemeint, dass dies eigenständige Stück Dramatik, so nah es auch der Gorki-Dramaturgie ist, auch versteht, wer den Gorki nicht studiert hat.

Es kommt – Achtung: Spoiler! – zum großen Aufräumen. Nicht nur der Glasscherben, sondern auch der Gesellschaftssplitter. Der wiederauferstandene, zumindest im Rollstuhl sitzende Raschid hat sich via Wertpapiere zum Mehrheitseigentümer von Matthias‘ Fabrik gemacht, der Spross eingewanderter Gemüsehändler als Big Boss im Eingelegte-Gurkerl-Business, und man sieht die Kündigungswelle schon anrollen, Cleo sich der Paul’schen Hypotheken bemächtigt, was diesen um Haus und Hof bringt. Die neoliberale Ausbeuterin mit dem königlichen Namen hat schon Pläne für Tennisplatz und Swimmingpool, der Mittelstand steigt auf und entpuppt sich als Neureiche als noch gnadenloser als der alte, sich noch vom Gemeindebau ins Villenparadies hochgearbeitet habende Geldadel. Welch ein Symbolbild.

Und zwischen denen, die ihren Kummer über den „toten Traum“ (© Matthias-Simonischek) im Wein ertränken, den „vertrottelten Spielen von Stolz und Vorurteil“, dem Nachsinnen über „Besitz als neue Waffe der Unterdrückung“, den Wohlstandsverlierern da wie dort, den Generationen- und Familienkonflikten, den Betroffenen und den Performern von Betroffenheit, Anitas Zornesausbruch und dem endgültigen Irre-Werden von Lisa und Melanie ob Bothos Suizid, Wissenschaftler Paul-Maertens‘ Furor und Revolutionsästhet Dietmar-Kochs Resignation, alle entfremdet oder: jeder überlebt für sich allein, steigt ein Phönix aus den Trümmern. Safira Robens als Unterste-der-Unteren-, wie’s auf Wienerisch heißt: -Bedienerin, die ihre Zulassung zum Medizinstudium geschafft hat.

Was bleibt zu sagen? Am Premierenabend hat in Graz die KPÖ die Gemeinderatswahl gewonnen. Laut Wählerstromanalyse mit Stimmen, die bisher für andere Parteien abgegeben wurden und einem großen Zulauf von bis dato Nichtwählerinnen und -wählern. „Es ist alles aus, und wir sind selber schuld daran“, sagt Simonischeks Prositsch. Doch wer weiß, vielleicht lugt an der Wahlurne endlich eine echte, wahrhaft neue Volkspartei aus der Zukunft ins Heute?

Teaser: www.youtube.com/watch?v=BO2R6ZllyYY&t=1s           www.burgtheater.at

  1. 9. 2021

Burgtheater: Zdeněk Adamec

September 19, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frank Castorfs grausiges Grand Guignol

Ein Mann in brennendem Mantel geht stoisch, schweigsam, schaurig über die Bühne: Marcel Heuperman, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold und Hanna Hilsdorf. Bild: © Matthias Horn

Nach dem „Faust“ an der Staatsoper und Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47456) schloss Frank Castorf gestern Abend am Burgtheater seinen Wien-Hattrick mit der Inszenierung von Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ ab. Dass der Autor ein Meister der leisen Zwischentöne ist, der seinen Text demgemäß auch „eine Skizze“ nennt, kränkelte Polter-Geist Castorf nicht eine der 255 Minuten Spieldauer an.

Auf des einen feinnervige Reserviertheit antwortet der andere mit nervösem Rambazamba. Ein wilder Widerspruch der beiden das Schützenswerte im Menschen hochhaltenden Wut-Verwandten, der störrisch-spröde Literaturnobelpreisträger und der sture Bühnenexpressionist, was sich mit Blitz und Theaterdonner höchst erfrischend entlädt. Was sich auf der Bühne ereignet, ist extrem, exzentrisch, exaltiert. „Bitte macht mich nicht zum Narren“, schrieb Zdeněk Adamec als letzten Satz in seinem Abschiedsbrief. Dafür hält Castorf jetzt ein grausiges Grand Guignol ab, dies, weiß der frankophile Frank, nicht nur das gallisch-gallige Pendant zum Kasperl, sondern auch Gattungsbezeichnung für grotesk-triviales Gruseltheater.

Handkes titelgebende Figur ist ein real existiert habender Mensch. Am Abend des 5. März 2003 fuhr der 18-jährige Schüler Adamec mit einem Überlandbus von seiner Heimatgemeinde Humpolec nach Prag, um sich dort auf den Stufen des tschechischen Nationalmuseums auf dem Wenzelsplatz mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Zdeněk ist ein Selbstmörder, der um den historischen Bezug seiner Tat weiß: 1968 verbrannte sich ebendort der Student Jan Palach als „Fackel No.1“ aus Protest gegen die Okkupation durch sowjetische Truppen.

Adamec hingegen adressiert als „Fackel 2003“ die „lieben Bewohner der ganzen Welt“, plädiert für die „totale Demokratie“, ruft auf mit Kriegen, Kapitalismus und Korruption, heißt: sozialen Ungerechtigkeiten, der Umweltzerstörung, der Macht des Geldes Schluss zu machen … Bald ist der Fall vergessen. Bis ihn Peter Handke 2017 in seinem Roman „Die Obstdiebin“ erstmals aufgreift. Adamec ist ihm kein „verstörter Jugendlicher“, wie Vaclav Klaus versuchte, die Selbsttötung kleinzureden, kein von existentiellem Ekel befallener Unzurechnungsfähiger – doch wer dann?

Marcel Heuperman und Franz Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Liebling, hältst du mal die Axt? Mavie Hörbiger. Bild: © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi und Marcel Heuperman. Bild: © Matthias Horn

In seiner bei Suhrkamp erschienenen 71-Seiten-Albtraumballade sucht Handke dies nur bedingt zu ergründen, und Castorf gesteht ihm im Interview – befragt nach Handkes proserbischem Engagement, in Stück schreibt er: „Zeige niemandem deine Heimat!“ – zu, dass ein Dichter andere Tatsächlichkeiten, Ansichten und Ansätze haben dürfe als Otto Normalo. Sieben Spielerinnen und Spieler, Mehmet Ateşçi̇, Marcel Heuperman, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Marie-Luise Stockinger und Florian Teichtmeister, schickt er los auf die Pirsch nach einer Geschichte, sie sind Beobachtende, Erzählende, Gestrandete im Mentalitätskaff Humpolec, Sich-ihren-Teil-von-der-Story-Nehmende – und letztlich per Rollennamen auch sie selbst.

„Eine Inszenierung von Frank ist nie kurz“, bescheidet Franz dem Florian. Gelächter. „Wo bleibt denn die Requisite?“, fragt Marcel besorgt, als der volltrunkenen Marie-Luise der Sprit – eine Plastikkalaschnikow voll Schnaps – ausgeht. „Jetzt müssen wir einmal den roten Faden wieder finden“, fordert Mavie die anderen auf. Denn Kernthema ist, besungen von Georg Danzer: „Die Freiheit“, auch die, sich das Leben zu nehmen, der Kernsatz zu Adamec‘ medialem Verschwinden: „Es scheint, als würde es nur um Aktualität gehen und hinter der Aktualität keine Welt.“ Ihrer auf Spekulationen und Mutmaßungen basierenden Aufführung des Ewig-Unbegreifbaren misstrauen sie selbst: „Woher weißt du das?“ fragen sie einander immer wieder skeptisch.

Auf die Drehbühne hat Castorfs Longtime Companion Aleksandar Denić, die mal königlichen, mal klobigen Kostüme sind von Adriana Braga Peretzki, Handkes „Feierabendleuten“ diverse Spielorte gestellt. Unorte an der städtischen Peripherie, eine Autobushaltestelle, eine grün gestrichene Baracke mit Hinterhof-Ausschank und Außendusche, eine Deponie voller Benzinfässer. Darüber große Werbetafeln für bosnische und serbische Zigaretten, wo viel Rauch, da auch viel Feuer, und Handke erinnert in seinem Text an die großen Leuchtreklamen internationaler Konzerne am Wenzelsplatz, die den jungen Mann im letzten Augenblick darin bestärkten, das ihm richtig erscheinende zu tun.

Florian Teichtmeister, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Mehmet mit den Scherenhänden: Florian Teichtmeister und Mehmet Ateşçi. Bild: © Matthias Horn

Im Chaos gleich einem klassischen Calderón-Helden: Marcel Heuperman und Franz Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Bude zerlegt: Hilsdorf, Hörbiger, Stockinger, Heuperman, Teichtmeister, Ateşçi und Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Castorf setzt darüber als ohnmächtige Verhöhnung des unantastbaren Systems ein riesiges Billboard: „Let’s Start Burning“, womit die in Flammen stehende Sportlerin allerdings die Fettverbrennung beim Workout meint. Trostlosigkeit also in Humpolec, auf der Leinwand das „berühmte“ Autocrossrennen des Ortes samt ohrenbetäubendem Heavy Metal, jede verständliche Bemerkung die eine oder einer macht, kommentieren, relativieren die anderen als „… oder auch nicht!“-Chor. Ein derartiges Textkaleidoskop über die Rampe zu bringen, gelingt nur mit einem großartigen Ensemble wie diesem.

Hanna Hilsdorf etwa, die Castorf von der Volksbühne mitgebracht hat, worüber sie auch ein reminiszentes Tränlein vergießen darf, Castorf, der Feminist anorektischer Frauenfiguren, der den Damen hier inhaltlich mehr zu spielen gibt, als den Herren. Nach der Pause gesellt sich zum lakonisch vorgetragenen Nonsens-Hintersinn eine häppchenweise Adamec-Abhandlung, Mavie gebiert unter Schmerzen das Baby Zdeněk, das als Spielzeugpuppe gespenstisch auf und davon krabbelt, Franz macht sich zum Alter Ego punkto der Angelegenheit „sich selbst abzuschaffen“, schön und gut, dass Castorf Handkes Hang zum Pathos plattgemacht hat, doch er tut’s an dieser Stelle auch mit dem Performer.

Ziehen doch die rätselhaften Bilder einer Postapokalypse aus Jan Schmidts tschechischem 1967er-Schwarzweiß-Spielfilm „Ende August im Hotel Ozon“ die Aufmerksamkeit auf sich. Ansonsten ist Castorf um Ideen nie verlegen. Ein Mann in brennendem Mantel geht stoisch, schweigsam, schaurig über die Bühne. Im Inneren des grünen Häuschens, Wohnküche und Stockbetten-Schlafzimmer, und für seine Begriffe setzt Castorf Andreas Deinerts Live-Kameras diesmal relativ spät ein, kocht Florian ein Karottensüppchen, das ihm Mehmet mit den Scheren- händen später, da ersterer auf der Toilette sitzt, über den Unterleib kippt. Auch dies wohl eine Art Metapher fürs Brennen, wie Castorf überhaupt einmal mehr klar macht, woraus der Mensch besteht: Blut und Scheiße.

Marie-Luise Stockinger und Ensemble. Bild: © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi und Ensemble. Bild: © Matthias Horn

Hilsdorf und Hörbiger, auf der Leinwand: Pätzold und Heuperman. Bild: © M. Horn

Ebenfalls ungewöhnlich für den Godfather des deutschsprachigen Diskurstheaters ist der sparsame Einsatz von Fremdtexten. Castorf unterfüttert Handke mit Handke, ein wenig Céline kommt vor, Schillers ästhetische Briefe, das Darker Manifest, Adam Smiths „mitten im Schoße der Gefühligkeit hat der Egoismus sein Sein begründet“. Ivo Robic singt „Morgen“, Hans Albers „La Paloma“ und Karel Gott „… oder auch nicht“ die Modřanská Polka „Škoda lásky“ aka „Rosamunde“. Am Ende erklingt das ursprünglich russische Arbeiterlied, später NSDAP-Propagandalied, früher und später der Hit der sozialistischen Bewegung: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, verfasst 1895 von Leonid Petrowitsch Radin im Moskauer Taganka-Gefängnis. Dies für alle, die sich nach der Beschaffenheit des Castorf’schen Humors fragen.

Und apropos, Ende: Es gibt jede Menge schöner Schlussbilder. Pätzold spielt das nunmehrige Chaos allüberall wie einen Klassiker. „Das Leben ein Traum“, hänselt ihn darob Heuperman (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41295). Auf ein Leintuch schreibt die Hörbiger wie einen Demoslogan auf Tschechisch „Bitte mach‘ mich nicht verrückt“ – und wird anschließend mit dem Rest des Ensembles im Regen stehen gelassen. Ein Video zeigt das reale Humpolec von heute als nettes Provinz-Städtchen, doch Mehmet Ateşçi̇ reagiert hysterisch schreiend: „Neiiiin!! Ich will nicht aufhören! Ich spiele weiter!“ Ein Lacher angesichts von Castorfs Endlos-Arbeiten, aber auch ein Appell ans Niemals-Vergessen. Dazu skandiert das Ensemble gemeinsam den Zungenbrecher „strc prst skrz krk“/Steck deinen Finger in den Hals.

Fazit: Grandseigneur Frank Castorf, früher standfest in Buh-Orkanen, nun im elegant-dunklen Anzug von Bravorufen begleiteten Applaus entgegennehmend, entfesselt ein Ensemble wie kein zweiter. Wie sie alle x-e Male die Masken wechseln, ihre Haltungen und Tics, das ist großes Kino. Am Burgtheater scheint sich dafür bereits eine Stammcrew herauszukristallisieren, samt Florian Teichtmeister, den man selten so brillant expressiv gesehen hat wie hier. Und weil eingangs vom Gruseltheater die Rede war: Für seine Darstellerinnen und Darsteller wandelte sich der Frank im Jubel gar zum Kuss-Monster. Und was das enthusiasmierte Publikum betrifft: Der Gemeinschaft der Unzufriedenen und nach Veränderung Strebenden gab die Aufführung ganz castorfesk in jedem Augenblick die Wahrnehmung dazuzugehören. Merci beaucoup et plus encore.

www.burgtheater.at           Teaser: www.youtube.com/watch?v=zAb-FXICTGw          Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=7w76t1xcjM8

  1. 9. 2021

Theater in der Josefstadt: Die Stadt der Blinden

September 18, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pandemie als Metapher für Entmenschlichung

Bei Soldaten in Schutzanzügen: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Roman Schmelzer, Martina Ebm, Alexandra Krismer, Marlene Hauser und Raphael von Bargen. Bild: © Moritz Schell

Die Ampel steht auf Rot. Nein, nicht die Bundesländerwarnung für Salzburg, sondern jene auf der Bühne der Josefstadt, und dennoch hat das Lichtsignal beide Male mit Pandemie zu tun. Autor Thomas Jonigk hat des Literaturnobelpreisträgers José Saramago „Die Stadt der Blinden“ für die Josefstadt adaptiert, ein Auftragswerk des Hauses, da Regisseurin Stephanie Mohr ein Stück zur Situation wollte – und entstanden ist so eine

ergreifende und fesselnde, auf die drastische Wirkmacht von Saramagos Metapher für Entmenschlichung konzentrierte Uraufführung. Von einer „Blindheit des Herzens“ spricht der portugiesische Romancier mehrmals, einer mysteriösen Epidemie, die gefährlich ansteckend ist, und wie er es vorgibt, zeigt Mohr eine Gesellschaft in der Menschenrecht, Menschenwürde, Mit-/Menschlichkeit verloren gehen, das Tasten der ihrer Sehkraft beraubten Figuren ist eines nach Orientierung und Ordnung, doch endet’s für sie in Chaos und Gewaltherrschaft. Das ist so gegenwartsbezogen und überstilisiert dystopisch zugleich, dass einem mitunter der Atem stockt.

Mohrs Inszenierung hat diese brüchige Sprödheit, statt Blackouts gibt es „Blendouts“, die ihren Arbeiten oft zu eigen ist. Sie hinterfragt das Augenscheinliche wie die Motivationen des Saramago’schen Personals und zeigt, dies des Schriftstellers universelles Thema, ein milchigweißes, ununterscheidbares Gut und Böse, von beinah jeder Figur auch die Kehrseite der Medaille.

„Die Stadt der Blinden“ ist ein Ensemblestück, das die Namenlosen in ihrer Anonymität belässt, sodass Mehrfachbesetzungen de facto keine Rolle spielen. Jonigk hat für die zehn Darstellerinnen und Darsteller auch chorische Szenen entworfen. Gleich dem der griechischen Tragödie sind sie Berichterstatter, prophetische Beobachter, dann wieder einzelne Involvierte, die ihr Schicksal schildern, während sie es durchleben.

Ungewohnt mag das sein für die Josefstadt, das hier zugunsten einer starken Symbolik auf ausgefeilte Charakterstudien verzichtet wurde, die Protagonistinnen und Protagonisten nehmen stattdessen eine parabelhafte Platzhalterrolle für jede und jeden im Publikum ein. Wobei Jonigk wie Mohr auf erkennbare Sympathien oder Antipathien verzichten, niemals moralisieren, werten, richten, sondern es den Betrachtenden überlassen, sich eine Meinung zu den handelnden Personen zu bilden.

Im Setting von Miriam Busch, das mit sparsamen Mitteln größten Effekt erzielt, die flugs zu wechselnden, zeitgemäßen Kostüme von Nini von Selzam, ist Roman Schmelzer der erste Blinde, der – dies gilt es zu erwähnen – wie alle anderen die schauspielerische Schwerstarbeit, Blindheit zu mimen, mit Bravour meistert. Und während „Patient Null“ noch damit ringt, sich blindlings vom Augenarzt, Ulrich Reinthaller als ebendieser, etwas verschreiben zu lassen, und honi soit, wer da an die Impfdebatte denkt, sind auch schon der Mediziner, Martina Ebm als Frau des ersten Blinden und mit Raphael von Bargen jener sinistre Mann infiziert, der dem Patienten Hilfe anbot, nur um dessen Auto zu stehlen.

Alexander Absenger und Roman Schmelzer. Bild: © Moritz Schell

Sandra Cervik und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Die Mafia: Von Bargen, Absenger und Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Einzig die Frau des Augenarztes, Sandra Cervik, bleibt von der Blindheit verschont, bei Saramago ist die personelle Erzählperspektive bevorzugt die ihre, die alleinig Sehende, die einsame Seherin des Kommenden. Sie beschließt ihren Mann verbotenerweise ins Internierungslager zu begleiten, und schon werden die Verseuchten von Soldaten in Schutzanzügen zwecks Quarantäne zusammengetrieben und in eine frühere Irrenanstalt – ein weißer, von oben herabschwebender Koben – gepfercht.

Auftritt, während für Marlene Hauser, Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Peter Scholz der Überlebenskampf ums tägliche Brot beginnt, Julian Valerio Rehrl als Slim-fit-Politiker mit zurückgegeltem Haar, der mit kieksender Stimme und Messias-Gesten von jener Verantwortung pflichtbewusster Bürgerinnen und Bürger, die ihnen der Staat nicht mehr abnehmen wolle, salbadert, vom „Akt der Solidarität gegenüber dem Rest der nationalen Gemeinschaft“, während sich er samt dieser augenscheinlich entsolidarisiert.

Es sind Textzeilen wie diese, auch aus diversen Lautsprechern verlautbarte, die Regierung hätte alles unter Kontrolle, es gebe regelmäßige Meetings mit Fachleuten, weswegen man „zwei Mal in sechs Tagen die Strategie ändert“, kommentiert Scholz staubtrocken, die im Saal zu unterdrückt zynischem Gelächter führen. „Im Reich der Blinden ist der Einäugige König“, raunt der Sitznachbar. Und einem selbst fällt im Zusammenhang mit Politik ein hoffnungsvoller Bibelvers ein: Wenn ein Blinder den anderen führt, fallen beide in die Grube ..

Jonigk hat mit Verve Saramagos Vorliebe für schwarzen Humor und skurril-gaunerische „Schlauberger“ ins Tagesaktuelle befördert, Mohr dazu obwohl abstrakte, dennoch beklemmende Bilder erdacht. Auf Befehlstreue gedrillte Soldaten, die den ersten „Blindgänger“ erschießen, weil der sich auf ihr Terrain verirrt hatte. Opfer, die in verblendetem Zweckoptimismus am Glauben an den „Weitblick“ der Obrigkeit festhalten. Cervik, die um Zusammenhalt bemüht, nicht nur wie alle den Modergeruch wahrnimmt, sondern auch die Leichenberge sieht.

Polonaise des Grauens: Sandra Cervik, Ulrich Reinthaller, Martina Ebm und Julian Valerio Rehrl. Bild: © Moritz Schell

Im schmutzig-weißen Quarantäne-Koben: Sandra Cervik und Marlene Hauser. Bild: © Moritz Schell

Kampf ums tägliche Brot: Krismer, Hauser, von Bargen, Schmelzer, Ebm, Reinthaller und Cervik. Bild: © Moritz Schell

Roman Schmelzer, Ulrich Reinthaller, Marlene Hauser, Sandra Cervik und Martina Ebm. Bild: © Moritz Schell

Zum schmalen Grat des Vorwärtstaumelns kommt der Grad der Verwahrlosung, Unrat und Dreck als lehmige Substanz auf Körpern und Gesichtern, eine von den Capos unter den Insassen gegründete Essensmafia zwingt die Frauen, sich für die Verteilung der Lebensmittel zu prostituieren. In einer Kakophonie der weiblichen Stimmen wird der Missbrauch ausdrucksstark vorgetragen, es genügen die verständlichen Wortfetzen, um sich das Schreckliche vorzustellen.

Die Schweigsame Frau der Krismer stirbt an der Massenvergewaltigung, die Frau des Augenarztes ersticht einen der Täter, sie wird zur rasenden Rächerin, wie die Medea, als die Cervik ebenfalls zu erleben ist (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47538). Alldieweil und mitten im Inferno versucht von Bargens Figur, sich Hausers Frau mit dunkler Brille sexuell aufzudrängen … Die Hölle, das sind die anderen, um Sartre zu bemühen.

Aus dem eindrücklichen Spiel des Ensembles, das etwa 30 Rollen meistert, darunter großartig komisch Rehrl und von Bargen als Apokalyptiker und Verschwörungstheoretiker, schälen sich kürzeste Szenen heraus, die haften bleiben. Scholz als Der Alte, der eine zarte Beziehung zu Hausers Frau mit dunkler Brille entspinnt. Cervik mit von Bargen als Schriftsteller und Saramagos Alter Ego, die über die mit dem Augenlicht schwindende Empathie philosophieren. Von Bargen, der auf der Bühne Sarangi und Posaune spielt. Die Sehende Frau, die zum Schutz der Blinden diese zu einer Polonaise des Grauens arrangiert. Krismer als vom Wahnwitz umzingelte Nachbarin, die sich aufs Fangen und Roh-Verspeisen von Kaninchen/oder sind die Fellbündel Katzen spezialisiert.

„Die Stadt der Blinden“ an der Josefstadt entwirft das Panorama einer Krise, freilich mit den Mitteln der Kunst extremer und exaltierter als die Realität seit eineinhalb Jahren, und doch als Warnung, wohin es führen kann, wenn Wegsehen, Nicht-sehen-Wollen um sich greift und Populismus die Politik ersetzt. Saramagos niedergeschriebenes Gleichnis auf eine Gedankenseuche, für die Bühne übersetzt von Thomas Jonigk und auf diese gebracht von Stephanie Mohr, ist zu lesen als gesellschaftspolitischer Weckruf, sich wieder als Solidargemeinschaft zu erkennen. Dass Cervik schreit: „Gott hat es nicht verdient zu sehen!“, ist das eine, das andere die fortdauernde Niedertracht allüberall.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zMn7W3dDLMY           www.josefstadt.org

BUCHTIPP: Da sich im Programmheft zu „Die Stadt der Blinden“ ein Auszug aus dem „Wuhan Diary“ sowie ein Interview mit Autorin Fang Fang finden, hier die Leseempfehlung / Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41195. Hoffmann und Campe, Fang Fang: „Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt“, Sachbuch, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Michael Kahn-Ackermann.

17. 9. 2021

Volksoper: Roxy und ihr Wunderteam

September 12, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

So sexy kann Fußball sein

„Roxy“ Katharina Gorgi und ihr Wunderteam. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schon zur Ouvertüre muss das Runde ins Eckige. England gegen Ungarn, das ist Brutalität! Am Ende steht’s 3:2 für die Gäste vom Kontinent, die Nationalelf feiert im Nobelhotel, da stürmt ins Zimmer des Teamkapitäns Gjurka Karoly eine Braut, die sich nicht traut, Roxy auf der Flucht vorm unterbelichteten Verlobten – und die frohgemute Mannschaft beschließt, das britische Fräulein ins Trainingslager an den Plattensee zu retten.

Womit an der Volksoper zur Saisoneröffnung ein schwungvoller Gute-Laune-Abend beginnt, der das Premieren-Publikum zu begeistertem Jubel und Applaus veranlasste. Andreas Gergen hat Paul Abrahams Revueoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ inszeniert, und Dirigent Kai Tietje lässt das Volksopernorchester zwischen Attack Speed im Big Band Sound und magyarisch-melancholischen Klängen taktieren – Abraham hat sozusagen von Charleston bis Csárdás komponiert -, dass es eine Freude ist. Eine Freude sind auch der nicht nur gesanglich, sondern auch tänzerisch talentierte Jugendchor des Hauses als Schülerinnen eines Mädchenpensionats und eine Handvoll durchtrainierter Herren als anfangs leichtgeschürzte Fußballer, diese später auch heiß als Feuerwehrmänner, Stichwort: The Full Monty.

Im tausend Stückeln spielenden, ohne Rot-Weiß-Grün-Folklore funktionierenden Bühnenbild von Sam Madwar, unter anderem ein senkrechtes Fussballfeld, stimmigen Videos von Andreas Ivancsics und ebensolchen Kostümen von Aleksandra Kica, geht’s leichtfüßig durch zweidreiviertel höchst unterhaltsame Stunden. Das Ensemble dribbelt flink durch tumultuöse Geschehen, in dem ganz klar Peter Lesiak als Tormann Jani Hatschek II der Spielmacher ist. Wie er in den ausgetüfelten Choreografien des früheren John-Neumeier-Studenten Francesc Abós mit „Roxy“ Katharina Gorgi singt, swingt, steppt, ein Highlight ist der „Black Walk“, das muss man gesehen haben, Violinsolistin Gorgi, die nicht nur mit neckischem Charme, sondern wie ein Prímás auf der Geige spielt.

„Das Wunderteam“, dieser Begriff hat hierzulande beinah mythischen Charakter. 1931 besiegte die österreichische Nationalmannschaft in Berlin den im Wortsinn großen Bruder Deutschland mit einem sensationellen 6:0. Auf dem Platz Mittelstürmer „der Papierene“ Matthias Sindelar, Tormann-Beau Jani Hatschek und „der Blade“ Karl Sesta. Es dräute das Jahr 1933 und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, der Wiener Fußball verabschiedete sich aus der Weltgeschichte im legendären „Anschluss-Spiel“ 1938, in dem Sesta einen widerständigen 2:0-Treffer schoss.

Katharina Gorgi und Jörn-Felix Alt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer, Marco Di Sapia und Michael Havlicek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jakob Semotan und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil, Christoph Wagner-Trenkwitz und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sport ist Politik, das macht die Figur des Baron Szatmary, Marco Di Sapia als Präsident der Fußballmannschaft deutlich, der stets bestrebt ist, seine Verbindungen nach Berlin zu verbessern, und den Gjurka bescheidet, er werde sich noch umschauen, wo er landet, wenn er nicht bald zur Parteilinie passe. Als dieser Gjurka ist Jörn-Felix Alt dem Sindelar nachgezeichnet, ein introvertiertes Elegiebürscherl, das vom Temperamentsbündel Roxy zum Dumdududum des James-Bond-Themas überrannt wird.

„Gibt es denn niemanden, der mir beim Ausziehen helfen will?“, bleibt, als Roxy aus ihrem Hochzeitskleid schlüpfen will, beileibe nicht die einzige schlüpfrige Bemerkung und frivole Doppeldeutigkeit im Text von Alfred Grünwald und Hans Weigel. Gorgis und Alts Musical-Stimmen kommen nicht aus der größten Tiefe des Resonanzraums, haben aber den Zug zum Tor. Anfangs lampenfiebrig ein wenig schwächelnd, legt sich das, sobald die beiden merken, wie sehr sie mit ihrem sympathischen Auftritt beim Publikum punkten.

Spielentscheidend ist sowieso der Mannschaftsgeist. Das Volksopern-Team ist für die musikalische Kurzpass-Komödie in guter Kondition, Jakob Semotan als Arpad Balindt, Oliver Liebl als Géza Alpassy, Martin Enenkel als Laczi Molnar, Kevin Perry als Aladar Kövess und Maximilian Klakow als Jenö Körmendy. Verfolgt werden die Fußballer von Roxys schottischem Onkel Sam Cheswick, Robert Meyer grandios komisch als geiziger Mixed-Pickles-Produzent, der sich mit dem abservierten, ergo weinerlichen Bräutigam Bobby Wilkins, Matthias Havlicek mit warmtimbriertem, elegant geführtem Bariton die schönste Stimme der Aufführung, nach Ungarland aufmacht.

Julia Koci und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek und Katharina Gorgi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Juliette Khalil und Peter Lesiak. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dort hat der Wirrwarr gewaltige Dimensionen angenommen. Baron Szatmarys Gutsverwalter, Thomas Sigwald mit seiner bald von allen persiflierten Klage „Das muss Kovacs passieren!“, hat das Herrenhaus, in dem die Elf sich fürs Rückspiel fit machen soll, ohne Wissen seines Herrn einem Mädchenpensionat als Urlaubsquartier vermietet. Klar, dass die Damen einziehen wollen, Julia Koci als züchtige und züchtigende Direktorin Aranka von Tötössy in Breeches und mit Reitgerte und Wirbelwind Juliette Khalil als deren rotzfreche Problemschülerin Ilka Pirnitzer.

Bald ist die Stimmung „Party! Party!“ – „Lass Dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donaunixen“ wird enthusiastisch intoniert, Lesiak und Khalil finden sich als hinreißendes, elanvolles Buffo-Paar, die „Paprikablume“ und der Goalkeeper-Beau, doch nicht nur „Vintage-Box“ (Semotan für „alte Schachtel“) Aranka, sondern auch Spielverderber Gjurka wollen das tolle Treiben per Schlusspfiff abblasen. Um ihn zu ärgern gibt sich Roxy als Szatmarys Verlobte aus, der sich an der Augenweide ohnedies nicht sattsehen kann, was Gjurkas Herz brechen und ihn zur Schnapsflasche greifen lässt.

Die zweite Halbzeit nach der Pause befördert das Ganze in den Turnsaal des Mädchenpensionats, herrlich hier Gernot Kranner als alkoholisierter, konjunktivischer Pedell Miksa, der die ihre Liebsten aufsuchenden Sportler einen nach dem anderen als Handwerker verkleidet vorlässt – dies eine der vergnüglichsten Szenen in Hausdebütant Gergens Regie. Die höheren Töchter kriegen Hausarrest und können nur der Übertragung von Radioreporter Christoph Wagner Trenkwitz lauschen, ein Kabinettstück, doch als die Budapester Helden nach der ersten Spielhälfte im Rückstand sind, beschließen die Schülerinnen Richtung Stadion auszubüchsen.

Katharina Gorgi und die Mannschaft auf dem Platz. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Maximilian Klakow, Oliver Liebl, Jakob Semotan, Peter Lesiak, Jörn-Felix Alt, Georg Prohazka, Oliver Floris und Kevin Perry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Michael Havlicek, Josef Luftensteiner und Robert Meyer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gernot Kranner, Julia Koci, Robert Meyer, Thomas Sigwald und der Jugendchor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der moderaten Modernisierung von Gergen und Wagner-Trenkwitz werden auch der Entstehungszeit des Werks anhängende Songs wie „Handarbeit“, der das Hitler-Ideal Heimchen am Herd ohnedies parodistisch preist, der Stricklieseln „Handarbeit“ für den Gatten – zwinkerzwinker! – per Chair Dance zur Burlesque-Nummer. Tatsächlich stricken die Schülerinnen jenen langen Schal, mit dem sie sich später abseilen werden. Und nennt sich Roxy einen „kleinen, hübschen Fußball“, so ist das einfach als Versuch zu deuten, zu Gjurka unter Verwendung einer ihm vertrauten Sprache endlich durchzudringen.

Punkto Tagesaktualität wird der Ball zumeist flach gehalten. Umso mehr auffällt Robert Meyers Couplet des Cheswick, in dessen letzter Strophe er nestroyanisch nörgelt, wie übel ihm von Operette würde, denn „wahre Kunst sieht anders aus!“ Welch einen Beer, den er dem Publikum da aufbindet. Im Schlussbild der vereinten Paare, Roxy und Gjurka, der sich als zivilberuflicher Chemielaborant entpuppt und dessen Konservenlack ex machina für den Schotten-Onkel patent/Patent genug ist, Ilka und Hatschek II, Cheswick und Aranka, auf deren Sparsamkeit der Fabrikant hofft, und schließlich, weil jeder T(r)opf einen Deckel findet, Bobby und Pensionat-Schülerin Ilonka aka Stefanie Mayer, weht statt der ungarischen als OrbánKritik die Regenbogenfahne.

„Roxy und ihr Wunderteam“ an der Volksoper ist die Steilvorlage für einen unterhaltsamen Musiktheaterabend. Eine Empfehlung an alle Operettenfans und Freundinnen und Freunde des klassischen Musicals. Lasst uns diese letzte von Robert Meyer verantwortete Saison bis zum letzten Spieltag auskosten!

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=iu6TVZ1TBvk          Regisseur Andreas Gergen, Diriget Kai Tietje, „Roxy“ Katharina Gorgi und Tormann „Hatschek II“ Peter Lesiak im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=cuBOtYXU-j4          Roxys Wunderteam und Rapid-Legenden im Match gegen den Wiener Sport-Club: www.youtube.com/watch?v=LGa9txFPapI           www.volksoper.at

  1. 9. 2021