Albertina: Provoke – zwischen Protest und Performance

Januar 27, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Fotografie in Japan von 1960 bis 1975

Shōmei Tōmatsu: Editor, Takuma Nakahira, Shinjuku, Tokyo, 1964 Bild: Collection of the Art Institute of Chicago © Tōmatsu Shōmei - Interface

Shōmei Tōmatsu: Editor, Takuma Nakahira, Shinjuku, Tokyo, 1964
Bild: Collection of the Art Institute of Chicago © Tōmatsu Shōmei – Interface

Das japanische, zwischen 1968 und 1969 in nur drei Ausgaben erschienene Fotomagazin „Provoke“ gilt als Höhepunkt der Fotografie der Nachkriegszeit. In einer weltweit ersten Ausstellung zum Thema widmet sich die Albertina ab 29. Jänner den Schöpfern und der komplexen Entstehungsgeschichte des Magazins. Die zum Magazin gleichnamige Schau zeigt einen repräsentativen Querschnitt durch die fotografischen Strömungen Japans der 1960er- und 1970er-Jahre.

Mit etwa 200 Objekten vereint „Provoke“ Arbeiten der einflussreichsten japanischen Fotografen, darunter Daidō Moriyama, Yutaka Takanashi, Shomei Tomatsu und Nobuyoshi Araki. Vor dem Hintergrund der massiven Protestbewegungen in Japan zu dieser Zeit entstanden ihre Bilder an einem historischen Wendepunkt zwischen gesellschaftlichem Zusammenbruch und der Suche nach einer neuen Identität Japans. Ihre Fotografien sind sowohl Ausdruck des politischen Umbruchs als auch der Erneuerung vorherrschender ästhetischer Normen.

Die Ausstellung untersucht „Provoke“ im historischen Kontext und fokussiert dabei den Dialog der Fotografien der Gruppe mit der zeitgleichen Protestfotografie und Performance-Kunst. Zum einen wird die Fotografie als Dokument von – oder Aufruf zum – Protest gegen Ungerechtigkeit beleuchtet: Um 1960 erscheinen im Zusammenhang mit der ersten großen Protestwelle des Landes, die sich gegen die Erneuerung des Bündnisses zwischen den Vereinigten Staaten und Japan richtet, zahlreiche Bücher. Einige davon halten die Protestkundgebungen fest, andere hingegen beschäftigen sich mit damit in Verbindung stehenden Themen, vor allem mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Rund um die Jahre des Erscheinens von „Provoke“ geht aus den äußerst kreativ gestalteten Demonstrationen eine fesselnde Bildwelt des Widerstands gegen das gesetzeswidrige Handeln von Großkonzernen und den Despotismus des neoliberalen japanischen Staates hervor. Im weiteren Verlauf der 1960er-Jahre nehmen die Protestbewegungen zu, was eine Flut von Fotobänden und -drucken zur Folge hat. Die Mitwirkenden von „Provoke“, der Kritiker Koji Taki, der Schriftsteller Takahiko Okada, der Kritiker und Fotograf Takuma Nakahira und die Fotografen Yutaka Takanashi und Daido Moriyama, vertreten die Auffassung, dass sich die Protestfotografie erschöpft habe und langfristige Veränderung durch direktes politisches Handeln unmöglich herbeizuführen sei. Dennoch orientieren sie sich in ihren Texten und Bildern durchwegs an den von der japanischen Protestfotografie entwickelten ästhetischen Strategien: Ihre Werke zeichnen sich durch ein innovatives Grafikdesign aus, das mit Bildfolgen, griffigen Text-Bild-Kombinationen, dynamischen Ausschnitten und einem Wechselspiel von bewusst gewählten geringwertigen Materialien wie raues Papier und niedrig aufgelöster Druck mit ungewöhnlichen Formaten arbeitet.

Die Schau der Albertina konzentriert sich darüber hinaus auf jenen Aspekt der japanischen Fotografie, der die Mythologien des modernen Lebens kritisch hinterfragt: Inspiriert von der 1957 erschienenen Essaysammlung „Mythen des Alltags/Mythologies“ von Roland Barthes entstehen zahlreiche pointierte Projekte bedeutsamer Fotografen, unter anderem von Nobuyoshi Araki, Eikoh Hosoe und Shomei Tomatsu. Das Spektrum ihrer Arbeiten reicht von der Darstellung gewagter Sexualität über die Abbildung von Einsamkeit und Grausamkeit bis hin zu mutigen Abstraktionen. Sie legen das kollektive Trauma bloß, das die Erfahrungen in Japan um die Mitte des 20. Jahrhunderts hinterlassen haben, und zeigen das Land verwundet und in hohem Maße instabil.

Zuletzt thematisiert die Ausstellung die japanische Fotografie jener Jahre als Spielart der Performance-Kunst und als Dokumentation von Live-Aktionen: Daido Moriyama, Takuma Nakahira und Nobuyoshi Araki gehören zu den Fotografen, die um 1970 ein großes Interesse daran entwickeln, die Arbeit in der Dunkelkammer oder andere mit der Herstellung von Abzügen verbundene Prozesse als sichtbaren und aktiven Bestandteil des fotografischen Schaffens darzustellen. In ihren Bestrebungen gehen ihnen Tanz-Performer wie Tatsumi Hijikata voran, die mit Filmemachern und Fotografen zusammenarbeiten, aber auch Gruppierungen wie das Hi-Red Center, die die Grenze zwischen Dokumentation und Livemomenten, bei denen die Fotografie und andere Medien eine Rolle spielen, zum Verschwimmen bringen.

Der Einfluss ist jedoch nicht einseitig: Unmittelbar angeregt durch das Schaffen der Fotografen von „Provoke“ wenden sich Jiro Takamatsu als Mitglied des Hi-Red Center und Koji Enokura, der der diesem nahestehenden Künstlergruppe Mono-Ha angehört, in den frühen 1970er-Jahren der fotografischen Konzeptkunst zu.

www.albertina.at

Wien, 27. 1. 2016

High Performance

April 8, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mandarinen lügen nicht

Bild: FreibeuterFilm

Bild: FreibeuterFilm

Rudi ist ein Manager im Höhenflug, selbstbewusst und strahlend wird er akklamiert bei einer Wirtschaftspreisverleihung. Er hat eine Karriere gemacht auf die seine Eltern, seine Frau und seine beiden kleinen Töchter stolz sind. Sein Bruder Daniel ist ein strauchelnder Künstler. Er kommt zu Rudis Fest, um zu gratulieren. Aber er wird von den Türstehern erst einmal gar nicht reingelassen, er passt so gar nicht in die Welt des Erfolgs. Hilfsbereit und jovial bietet Rudi seinem Bruder Daniel einen Job an: ein Sprechcoaching, schnell verdiente 2.000 Euro, um Nora Windisch, der vielversprechendsten IT-Mitarbeiterin seines Softwarekonzerns für eine wichtige Präsentation Nachhilfe in Rhetorik und Selbstbewusstsein zu geben. Es ist zwar ein Auftrag, den Daniel leicht erledigen könnte, es ist aber keiner, der ihn sonderlich interessiert: Geld ist nicht die Währung des ambitionierten Künstlers. Doch das hindert ihn nicht, seinen Vater in finanziellen Nöten um Unterstützung anzupumpen, soweit gehen die Prinzipien dann ja doch wieder nicht. Rudi aber weiß, welche Hebel er bedienen muss, um das Nein des Bruders in ein pflichtbewusstes, wenn auch zögerliches Ja und einen immer weiter greifenden Gefallen umzumodeln. Aber das Coaching entpuppt sich sehr rasch als ganz andere Aufgabe: Rudi, verheiratet mit Barbara und Vater einer Tochter, möchte dass Daniel die Kollegin Nora unter falschem Namen näher inspiziert. Rudi, der Chef, interessiert sich für sie, kann sich aber in seiner Situation nicht frei bewegen, also schickt er seinen kleinen Bruder inkognito vor. Die potentielle Herzdame erweist sich als lustig, als schlau und charmant. – Nur driftet das „Abtesten“ in die falsche Richtung: Noras Sympathie gehört Daniel und bestimmt nicht dem glatten Chef, wie spätestens der Kuss nach dem Theaterabend zeigt, der der Verkupplung von Nora und Rudi hätte dienen sollen. Und irritierenderweise scheint sich Daniel auch weit mehr für Nora zu interessieren als der Auftraggeber – der angeblich verliebte Rudi. Was wird hier gespielt? Was will Rudi wirklich? – Peu à peu erhascht Daniel einen Blick in Rudis Karten, was Daniels Gewissen nicht eben erleichtert. Er hat schon viel zu lange als Marionette in diesem Stück agiert. Als Rudi ein generöses Sponsoring für Daniels finanziell unterdotiertes Theaterkollektiv auf den Tisch legt, sieht es mit der Moral für Daniel noch schlimmer aus. Kann es einen Helden geben in einer Situation wie dieser? Von wem kann man hier behaupten, er würde eine „High Performance“ abliefern?

In der Regie von Johanna Moder spielen Marcel Mohab, Manuel Rubey, Helmut Berger, Lisa Weidenmüller, Jaschka Lämmert, Pippa Galli, Pia Hierzegger, Elfriede Schüsseleder; Special Appearance – Ulli Bäer.

http://highperformance-film.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FFx0LmhEA5E

Wien, 8. 4. 2014

Erstmals offene Ausschreibung für imagetanz 2014

August 13, 2013 in Bühne

Festival für Choreografie und Performance

7909017332_9eccdcd986_bZum ersten Mal seit mehr als 20 Ausgaben des imagetanz Festivals gibt es eine offene Ausschreibung für Projekte und Ideen, die im Rahmen des Festivals im März 2014 neben internationalen Gastspielen und Kooperationen realisiert werden sollen. Bewerben können sich KünstlerInnen mit performativen Ansätzen aus allen Disziplinen, die in Österreich leben und arbeiten.

Die Ausschreibung für imagetanz 2014 stellt die Frage WHO CARES? in den Mittelpunkt. Wen kümmert’s: ein Aufruf für Solidarität und Engagement oder ein Manifest der Indifferenz? Die Doppelbedeutung der Frage schärft die Diskussion um intime und institutionelle Aspekte der Fürsorge und fordert die KünstlerInnen dazu auf, sich durch ihre performativen Praxen mit dem Thema auseinanderzusetzen. Hinterfragt werden kann einiges: laut Statistiken verfügt Österreich über eines der besten Sozialsysteme weltweit, der Staat versorgt seine BürgerInnen mit nahezu allumfassender Fürsorge. Gleichzeitig aber werden prekäre Arbeitsbedingungen, die alternde Gesellschaft und soziale Ungerechtigkeit europaweit hitzig diskutiert, wobei Fürsorge und Sorgearbeit auch im Zentrum der Debatte stehen.

Die Bewerbung für eine Teilnahme am Festival ist bis zum 15. September möglich.

Call for proposals imagetanz 2014: A festival for choreography, performance and care

WHO CARES?  Open call for artistic projects to be realized as part of imagetanz 2014 at brut Wien.
imagetanz festival is a platform for radical and playful proposals, interested in finding the  moment when choreography and society clash, ideally with the greatest willingness to take risks. Acting as a support structure for local artistic production for over 20 editions, imagetanz is eager to explore different means of support and for the first time in its  history, announces an open call for proposals for emerging artists living and working in Austria. Alongside international guest performances and cooperations, projects selected through the call will form the core of the festival program.
A call for solidarity or a manifest of indifference?
With the double-edged motto WHO CARES? imagetanz invites artists to explore the notion of care and the act of caring. Who cares and what do we care about in contemporary cultural production?
Care is an almost unquestioned part of our everyday lives, present in various forms, from the institutionalized to the intimate. Worldwide surveys of health care and social services show that Austria, and especially Vienna, rank high in caring, providing citizens with universal care. At the same time precarious working conditions, a rapidly aging population and growing social inequity are hot topics across Europe, exposing the loopholes of the system and putting care and care work at the center of these debates. Against the backdrop of access to care, the care for the self and for the body are also important intimate and public affairs.
What do artists have to do with care? Do they offer consolation, healing and tenderness to the public? Can they trigger new dynamics of social exchange? By exploring personal issues, tactile physical relationships and emphatic practices, can they create new forms,
attitudes and situations of caring and thus question, subvert or re-imagine current individual and social practices?
Addressing super-cynics and devoted carers alike, imagetanz welcomes proposals in any format, with an essentially performative approach. Alongside new creations, the festival supports artistic research, as well as residencies in organisations associated with care. In
this case, a public presentation or a work-in-progress showing will take place during the festival.

How to apply
The call is open to artists from all disciplines, living and working in Austria. Projects can be proposed for both brut venues (Künstlerhaus, Konzerthaus), public spaces or other special locations in Vienna.
Submit your proposal:
. project description, including technical conditions, max. 3 pages
. budget proposal max. 1 page
. personal details, short CV, portfolio
Deadline: 15 September 2013

Selection process
Projects will be selected by brut artistic team with the collaboration of an advisory board of experts from related fields.  Selected projects will be announced early October 2013. Each selected project will receive:
. production/research budget from brut
. rehearsal possibility at brut (Zieglergasse)
. mentoring and support in the production process

Participants have to be available for:
. mentoring and production period
. presentation of their projects during imagetanz festival (3-23 March 2014)

Please submit your proposal as pdf document via e-mail. Applications can be submitted in German and English language.
Contact: Katalin Erdödi
Curator/Artistic direction imagetanz
erdoedi@brut-wien.at

www.brut-wien.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 13. 8. 2013

Imagetanz 2013 im Wiener brut

Februar 24, 2013 in Tipps

Im März kommen Stars von

Diego Agulló bis Lise Lendais

Von 8. bis 22. März findet wieder imagetanz 2013, das Festival für Choreografie, Performance und Kosmisches, statt.Seit mehr als 20 Jahren  interessiert man sich dort für den Moment, in dem Choreografie und Gesellschaft aufeinanderkrachen. Und das mit höchster Risikobereitschaft. Alljährlich dient dabei ein Motto als lockere Klammer. Heuer ist das Thema Science Fiction, im Sinne von Galaktischem, Universellem, Sphärischem. Auf materielle Ebene meint das den nackten Körper, auf einer immateriellen hingegen den Geist. Mind & Spirit. In der Hoffnung, irdischen Problemen auf den Leib zu rücken.

Das Programm:

Freitag, 8. und Samstag, 9. März, 20 Uhr | brut im Künstlerhaus

Diego Agulló & Dmitry Paranyushkin (Berlin): The Humping Pact. Vienna Mission: Performance • Erstaufführung

„Auch Gebäude brauchen Liebe.”: Diego Agullós & Dmitry Paranyushkins Humping Pact, in Deutsch etwa gleichbedeutend mit „Bumsabkommen“, ist ein Pakt zwischen Sex und Architektur. In körperintensiven
Interventionen begatten, bespringen und besteigen die beiden Performer öffentliche
Gebäude. Durch diese Hump-ins des ausgewählten Objekts lernen sie die zumeist alten
Gemäuer kennen und lieben. Eine intime, persönliche Beziehung zu den
architektonischen Stätten entsteht, die den menschlichen Körper, seine Sehnsucht nach
Eroberung, Verbreitung und Stimulation zelebriert. The Humping Pact ist eine
ästhetische Meditation über die Natur der Dissemination, Illusionen von Größe und das
menschliche Verlangen, an Sinnloses zu glauben und Unmögliches zu erdenken.
Nachdem sich Diego Agulló & Dmitry Paranyushkin unter anderem bereits am
Justizpalast in Brüssel, an einem vormaligen sowjetischen Militärstützpunkt in Lettland
und einer stillgelegten Kohlengrube liebevoll vergangen haben, werden bei ihrer Vienna Mission Orte wie das Schloss Schönbrunn oder das brut selbst zu Objekten der Begierde Am 8. März beweisen die beiden Künstler, dass sie nicht nur gerne mit Gebäuden auf Tuchfühlung gehen, sondern auch für Plattenteller etwas übrig haben. Als DJ Blue
Cosmic Hand und DJ Yellow Galactic Star laden sie im Anschluss an Spirit von Florentina
Holzinger & Vincent Riebeek in die brut-Bar im Künstlerhaus zur Eröffnungsparty von imagetanz.

Freitag, 8. und Samstag, 9. März, im Anschluss an The Humping Pact | brut im Künstlerhaus

brut_imagetanz_Spirit__PhileDeprez_4Florentina Holzinger & Vincent Riebeek (Wien/Amsterdam): Spirit/Tanz • Österreichische Erstaufführung

Nach ihrem Hit Kein Applaus für Scheiße bei imagetanz 2012 und ihrer
atemberaubenden Überraschungseinlage in der Silvesternacht bringen die beiden
inzwischen international erfolgreichen Performer Florentina Holzinger und Vincent
Riebeek in Spirit eine Ode an Glaube und Spiritualität auf die Bühne. Spirit ist ein starker
Likör und eine radikale Theatererfahrung über das spirituelle Leben. Das verführerische
Duo Holzinger & Riebeek begibt sich auf eine Entdeckungsreise durch östliche
Philosophie, Popkultur, Tarot, Psychomagie und Cirque du Soleil. Es will leidenschaftlich
einander, dem Publikum und seiner Performance glauben. Mit größter Überzeugung
erschafft es ein Spektakel, das schonungslose Einblicke in nie gesehene Sphären gibt
und dabei immer wieder mit der Spannung zwischen Scheu und Neugier konfrontiert.

Montag, 11. und Dienstag, 12. März, 20 Uhr | brut im Künstlerhaus
Agnieszka Dmochowska & Mariana Tengner Barros (Wien/Lissabon): Star Diaries

Tanz • in englischer Sprache • Erstaufführung
Ein Geisterschiff voller Geiseln driftet auf einer Zeitschleife durch den dunklen Kosmos.
Unter den Entführten befinden sich Persönlichkeiten von Weltrang: Galileo lauscht an-
dächtig Steven Spielberg, Marlene Dietrich fachsimpelt mit dem Science-Fiction-Autor
Philip K. Dick und der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman trifft auf ein
Zwitterwesen aus Sokrates und Plato. Alle Geiseln amüsieren sich prächtig und
entzünden sich immer wieder in hitzigen Diskussionen und absurden Gedanken-
experimenten über die großen Ideen der Menschheit. Ab und zu verschwindet der eine
oder andere im Dunkel des Kosmos, um dann im ungünstigsten Moment wieder aufzupoppen. Für das Projekt Star Diaries recherchierten die polnische KünstlerinAgnieszka Dmochowska und die portugiesische Performerin und Choreografin MarianaTengner Barros intensiv am European Space Policy Institute in Wien.

Montag, 11. und Dienstag, 12. März, im Anschluss an Star Diaries | brut im Konzerthaus
Gérald Kurdian (Paris): 1999. Konzertperformance • in englischer Sprache • Österr. Erstaufführung
48 Episodenschnipsel aus der britischen TV-Serie Mondbasis Alpha 1 (Space: 1999) aus
den 1970er-Jahren sind Anlass für die Ein-Mann-Schau des französischen Performers,
Songwriters und Radiokünstlers Gérald Kurdian. Zwischen Bruchstücken aus Tango-
und Mambotänzen, Liebeschansons und selbstgeschriebenen Liedern erzählt Kurdian
die Handlung eines noch zu realisierenden Science-Fiction-Films und übernimmt dabei
ausnahmslos alle Rollen und Figuren selbst. Es treten die Akteure der Musikindustrie
auf: Kurdian vollzieht den fliegenden Wechsel vom Performer zum Composer, vom
Graphic Designer zum Video-Clip-Director und Artistic Manager. Er bewegt sich
souverän in einem Setting aus technischen Apparaten, Musikinstrumenten und
Diavortrag-Equipment. Mit seinen Lo-Fi-Arrangements und minimalistischen Aktionen
besingt der musikalische Bastler Kurdian den Charme des Unfertigen als die wahre
Utopie.

Donnerstag, 14. und Freitag, 15. März, 20 Uhr | brut im Künstlerhaus

Simon Mayer (Wien/Brüssel): Monkeymind. Konzertperformance • Erstaufführung

Monkeymind ist ein buddhistischer Begriff und bezeichnet einen unbeständigen,
launischen, fantasievollen und kreativen Geist. In seiner Konzertperformance schlüpft
Simon Mayer, seines Zeichens ehemaliges Mitglied des Balletts der Wiener Staatsoper,
performender Bauernbursche und künstlerischer Leiter des Kunstfestivals Spiel am
Biobauernhof Schlossergütl in Oberösterreich, in die Rolle des Monkeymind. Der
wunderliche Exzentriker kämpft verzweifelt darum, verstanden zu werden. Auf
komische und berührende Weise versucht er etwas sehr Wichtiges zu erzählen und der
Essenz der Dinge auf den Grund zu gehen.

Donnerstag, 14. März, im Anschluss an Monkeymind | brut im Konzerthaus

Margrét Sara Gudjónsdóttir (Reykjavik): Variations on Closer. Tanz  • Österreichische Erstaufführung

Variations on Closer bringt einen beunruhigenden Suspense-Moment auf die Bühne, der
von einem para-noiden Soundtrack des Musikers und Produzenten Peter Rehberg
begleitet wird. Die drei Performerinnen Laura Siegmund, Johanna Chemnitz und Angela
Schubot – zuletzt mit dem Stück What they are instead of bei imagetanz 2011 auf der
brut-Bühne zu sehen – bewegen sich zu Soundspuren und Fetzen unheimlicher
Partymusik. Ihre mal ekstatischen, mal minimalistischen Einlagen schaffen in
Kombination mit Musik eine intensive, geheimnisvoll-mystische Atmosphäre.

Samstag, 16. März, 21 Uhr | brut im Künstlerhaus

The Irrepressibles (London): Album Release: NUDE. Konzert •

Nachdem ihnen bereits das Bluebird-Festival 2012 mit der Ankündigung „Mit Sicherheit
eine der innovativsten Bands der aktuellen Musikszene“ Rosen streute, darf nun das
brut das Art-Pop-Orchester aus London im März bei sich begrüßen. Präsentiert wird das
zweite Album NUDE: eine Kombination aus elektronischen Klängen, klassischen
Instrumenten und der menschlichen Stimme als unmittelbarem Weg in das
Unbewusste. Jamie McDermott – Sänger und Visual Artist – verknüpft dabei
extravagante Choreografie, Lichtinstallation und hochemotionale Texte, um das
Publikum auf eine Reise durch das Selbst und die Zeit zu nehmen. Inspiriert von
Musikern wie Chris Isaak, Neil Young und Röyksopp und oft verglichen mit Größen wie
David Bowie oder Antony and the Johnsons performen „Die Unbezähmbaren“ eine hingebungsvolle und rebellische Show. Gerade live „erblüht die gesamte Schaffenskraft des Kollektivs, die sich aus barock anmutenden Melodien, theatralischer Inszenierung und punktgenauer Choreografie zusammensetzt“ (laut.de).

Montag, 18. und Dienstag, 19. März, 20 Uhr | brut im Konzerthaus

Sööt/Zeyringer (Wien/Tallinn): Never Name the Shelf. Performance • in englischer Sprache •

In Never Name the Shelf untersuchen Tiina Sööt und Dorothea Zeyringer die Idee von
Arbeit, die nicht dem Verlangen nach einem konkreten Resultat nachgibt. Höchst
konzentriert verfolgen die beiden den Arbeitsprozess des Möbelaufbauens und
verschieben dabei den Fokus vom eigentlichen Ziel dieses Vorgangs, dem fertigen
Objekt, hin zu den Bewegungsabläufen des Zusammensetzens. Jeder Handgriff wird in
sprachliche Instruktionen übersetzt und macht die Nähe zwischen Arbeit und ArbeiterIn
deutlich spürbar. Ein choreografierter Arbeitsablauf, der das Verhältnis von Produktion
und Produkt revidiert.

Montag, 18. und Dienstag, 19. März, im Anschluss an Never Name the Shelf | brut im Konzerthaus

Deborah Hazler (Wien): Anthropology of Man. Tanz • in englischer Sprache  • Erstaufführung

In Anthropology of Man versetzt sich Deborah Hazler in das Leben fiktionaler Männer
und simuliert sie authentisch. Durch die Einfühlung in maskuline Körperlichkeiten und
Emotionen nähert sie sich der Frage, ab welchem Punkt Mann eigentlich als solcher
erkannt wird. Unter anderem mutiert sie dabei zu Männertypen wie dem nerdigen
Hipster, der leidenschaftlich dem literarisch-alternativen Lebensstil der Beat-Poeten
frönt. Oder zum 17-jährigen Richard Rogers, der sich mit der Absicht, Mädchen zu
beeindrucken, einem intensiven Muskelaufbauprogramm unterzieht und als Blogger
sein Leben dokumentiert. Bereits 2010 hat Deborah Hazler im Solo Deborah Does Male am eigenen Körper
verschiedene Ideale und Zustände von Männlichkeit ausprobiert. Körperbetont
präsentierte sie sich auch zusammen mit Nanina Kotlowski und Kerstin Olivia
Schellander bei imagetanz 2011 in der Arbeit offnature, die mit Ironie und Übertreibung
dem voyeuristischen Blick auf den weiblichen Körper einen Dämpfer verpasst hat.

Montag, 18. und Dienstag, 19. März, im Anschluss an Anthropology of Man | brut im Konzerthaus

Radek Hewelt (Wien): Substitute show. Performance • in englischer und polnischer Sprache • Erstaufführung

In Substitute show begibt sich der polnische Performer Radek Hewelt auf eine kleine
Zeitreise in die persönliche Vergangenheit und landet im kommunistischen Polen. Die
politische und ökonomische Krise hat das Land fest im Griff, doch der innige Wunsch
des jungen Mannes, eine Punkband zu gründen, ist stärker. Einziges Problem dabei: Eine
elektrische Gitarre ist weder greifbar noch erschwinglich. Not macht erfinderisch, und
so wird der Tennisschläger kurzerhand zum Instrument umfunktioniert, dem sich
magische Sounds entlocken lassen. 30 Jahre später in erneut krisengebeutelten Zeiten
erinnert sich Radek Hewelt solch fast vergessener Skills – dieses Mal nicht um eine
Gitarre zu basteln, sondern um eine Performance zu kreieren. Do it yourself heißt das
Credo und etwas aus dem Nichts zu erschaffen das Ziel.

Donnerstag, 21. und Freitag, 22. März, 20 Uhr | brut im Künstlerhaus

Lise Lendais (Wien): TALIN, MARY KATE & ME. Performance • in englischer Sprache • Erstaufführung

TALIN, MARY KATE & ME ist ein Theaterprojekt zwischen Fiktion und Dokumentation, bei
dem drei Künstlerinnen aus Istanbul, London und Wien auf der brut-Bühne
zusammentreffen. Mit ihren Babys sitzen sie in einer surreal-poetischen Landschaft aus
Gras und Moos und tun das, was sie tagein, tagaus tun: Sie versorgen ihre Kinder. Und
gleichzeitig tun sie etwas ganz anderes: Ihre tägliche Routine wird zu einem Experiment
im Theaterraum, zu einem Spiel mit ihren Rollen als Mütter und Künstlerinnen. Die
französische Künstlerin und Bühnenbildnerin Lise Lendais, spätestens seit ihrer
Zusammenarbeit mit Anne Juren in der Wiener Performanceszene bekannt, tauschte
sich für das Projekt mit den Künstlerinnen Talin und Mary Kate über die Distanz hinweg
über ihre täglichen Routinen als Mütter und ihre Bedürfnisse als Individuen aus und
dokumentierte diese im Internet.

www.brut-wien.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 24. 2. 2013