Kammerspiele: Lenya Story – Ein Liebeslied

März 31, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Standing Ovations für Sona MacDonald

Psychogramm einiger komplizierter Künstlerbeziehungen: Sona MacDonald als Lotte Lenya und Tonio Arango als alle ihre Männer. Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald in ihrem Element, dafür gab’s Donnerstagnacht in den Kammerspielen der Josefstadt Standing Ovations. Nach Marlene Dietrich und Billie Holiday widmet die wunderbare Schauspielerin und Sängerin all ihre Talente nun der Weill-Gattin und Brecht-Muse Lotto Lenya. „Lenya Story – Ein Liebeslied“ heißt der Abend, den auch diesmal Torsten Fischer und Herbert Schäfer für die Ausnahmekünstlerin geschaffen haben.

Und wieder versteht es MacDonald, ihre Sprache, ihre Stimme einer großen Diseuse anzuverwandeln, erneut gelingt es ihr, tief in deren Seele abtauchen – und nicht als Kopie, sondern als ein eigenständiger „Klangkörper“ ihre Geschichte zu erzählen. Dass Timbre und Temperament stimmen, versteht sich. MacDonald „kann“ die Lenya mit ihren eigenwilligen Tönen, die mal hell klirren wie zerstoßenes Glas, mal wund und rau sind, wie mit Sandpapier geschmirgelt. Sie kann ihren unbändigen Elan und den puren, rohen Sex-Appeal, sie changiert zwischen Schutz suchendem Mädchen und rotzfrecher Straßengöre. Wie sie da auf der Bühne steht, scheint auch sie eigens geschaffen zur Heldin der Brecht-Weillschen Gossenwelt mit ihren Lumpen, Gaunern und leichten Madämchens. „Sie kennen ja die berühmten Zwanzigerjahre. Jede Frau war eine femme fatale, und alle schliefen miteinander“, sagt Lenya launig.

MacDonald atmet den Zeitgeist dieser Zwanziger- und Dreißigerjahre; Fischer, ein Experte für solcher Art Aufführungen, fügt geschickt die Zeitgeschichte hinzu. Entlang von Lenyas Biografie und der Weill-Musik macht er die politischen Machtverhältnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts greifbar. Die Bühne zeigt eine Welt in Schieflage, der Schnee, der auf den Steilhang fällt, wird mehr und mehr zu Ruß und Asche. Man ringt buchstäblich wie bildlich um Widerstandskraft und Standhaftigkeit; jeder Song gilt dazu als Zitat über gesellschaftliche Zu- und Umstände: „Denn wie man sich bettet, so liegt man“, „Berlin im Licht“ und natürlich und vor allem „Wie lange noch“. Ein hervorragendes Musikerquartett, Christian Frank, Herbert Berger, Andy Mayerl und Klaus Pérez-Salado, interpretieren einiges an Neu- und Wiederentdeckungen so stimmig, wie die Gassenhauer aus der „Dreigroschenoper“, „Mahagonny“ oder „Happy End“.

Alter Bilbaomond! Wo noch die Liebe lohnt… Bild: Moritz Schell

Du hast kein Herz, und ich liebe dich so … Bild: Moritz Schell

Was dieses Sona-MacDonald-Fest aber vor allem anderen auszeichnet, ist ihr Bühnenpartner Tonio Arango. Mit ihm wird das Solo für Sona zum Psychogramm eines komplizierten Künstlerpaares. Er schlüpft in die Rollen aller Lenya-Männer, gibt mit Glatze und Nickelbrille den Lebensmenschen Kurt Weill, mit Schiebermütze und Zigarre kurz Bert Brecht, die Ehemänner zwei und drei, George Davis und Russel Detwiler, und diverse andere Liebhaber. Spielt einen James Bond, dem die Lenya als KGB-Offizierin Rosa Klebb „Liebesgrüße aus Moskau“ schickt. Dann wieder feiert Sie mit roter Federboa und Er mit Zylinder und Strapsen – die Exzellenz der Dekadenz. Kein Wunder, erscheint ihnen später New York langweilig und Hollywood als spießiges Nest.

Es ist ein pralles, fiebriges, mitunter arg anekdotisches Dasein, das die Inszenierung zeigt. Ein Dasein, das sich den öffentlichen Blicken fast nie entzogen hat. Ein Arbeiterkind aus den ärmlichsten Verhältnissen der Penzinger Ameisgasse ist die Lenya. Das Wienerische hätte ihr die Musik ins Blut geimpft, sagt sie auf Nachfrage gern. „Wenn ich mich nach dir sehne“, schreibt Weill einmal, „so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe. In diesem Klang bist Du für mich ganz enthalten, alles andere ist nur ein Teil von dir, und wenn ich mich in Deine Stimme einhülle, bist Du ganz bei mir.“ Den Briefwechsel der beiden haben Fischer und Schäfer als O-Ton-Grundlage für ihre Stückdialoge verwendet.

Im New Yorker Exil: Tonio Arango als Kurt Weill mit Sona MacDonald. Bild: Moritz Schell

Man erfährt, er wollte nicht mehr sein als ihr „Lustknabe“, und: Er nennt sie seine „Mistblume“. Was die beiden auch verbindet, ist ihr Hang zu sarkastischem Humor. Zwei Menschen, einer des anderen Schicksal, zwei Mal miteinander verheiratet, trotz unzähliger Seitensprünge eine ewige Treue – und als er stirbt, stürzt sie ins Bodenlose. In diesem Moment gibt MacDonald alles, gibt sich hin und verausgabt sich.

Am Ende merkt man, sie braucht, um aus dieser intensiven Performance zu sich zu kommen. Da steht sie, Tränen glitzern in den Augen, das Makeup ist verschmiert – und wie schön ist sie so. Das Publikum hatte noch lange nicht vor, nach Hause zu gehen. Wie sich am Applaus zeigte. Grad, dass man sich’s verkniff, „Zugabe“ zu rufen …

Video: www.youtube.com/watch?v=NRzIOcGTtT0

www.josefstadt.org

Wien, 31. 3. 2017

Kammerspiele: Blue Moon. Hommage an Billie Holiday

November 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Sehnsuchtsstimme von Schlägen singen

Sona MacDonald Bild: Moritz Schell

Sona MacDonald
Bild: Moritz Schell

Vorher, das Gespräch mit Sona MacDonald, war die Suche nach einem besseren Ausdruck als Farbe. Aber Stimme hat eine Farbe – eine Klangfarbe. Wenn Sona MacDonald Billie Holiday singt, ist sie dunkler Purpur. Ein Ton zwischen Herzblut und blauer Fleck. An den Kammerspielen wurde „Blue Moon. Eine Hommage an Billie Holiday“ uraufgeführt. Und nicht nur wer die MacDonald jemals als Marlene Dietrich in „Spatz und Engel“ gesehen hat, weiß, wie groß und großartig diese neuerliche Verwandlung ist. Sie wolle nicht kopieren, sagte die Schauspielerin, sondern sich mit tiefer Verehrung annähern. Sona MacDonald ist nicht „in die – von“ geschlüpft, sie geht direkt unter …, ihre Stimme ein subkutaner Schmerz und gleichzeitig dessen Linderung. Wie sie voller Sehnsucht über die Schläge von Männerfäusten singt, wie sie frohlocken kann über menschliche Niedertracht.

Regisseur Torsten Fischer und Autor Herbert Schäfer haben den Abend gestaltet. Er ergibt sich aus Zeitzeugenaussagen und Zeitungsartikeln, aus Liedern und Bildern. Aus Julia Blackburns Gesprächssammlung „Billie Holiday“. Aus Holidays Autobiografie „Lady Sings The Blues“. Jazz ist die Kunst des Ungenauen, und so genau wollte Billie Holiday über ihr Leben wohl gar nichts wissen. Sie hat es immer wieder und immer wieder neu erzählt. Und es zelebriert, es inszeniert wie ihre Auftritte. Das lässt im Ungefähren die Ahnung einer Frau entstehen. Mehr wollten Fischer und Schäfer nicht. Der Abend ist kein Biopic, er erzählt The Essentials und vom Feeling, er setzt Spotlights auf Stationen dieser Schmerzensfrau, mit 20 Songs von „Mean To Me“ über „God Bless The Child“ bis „Lover Man“. Und „Strange Fruit“, vor der Pause dieses Lied gegen Lynchjustiz vom russisch-jüdischen Kommunisten Abel Meeropol. Außenseiter traf Außenseiterin. Billie Holiday war keine Bürgerrechtlerin, sie war die Künstlerin, die dem Protest gegen den Ku-Klux-Klan ihre Stimme lieh. Seit Barack Obama US-Präsident ist kommen die Kabutzen wieder in Mode.

Die Farbe, also. Die Haut. Jede Schattierung wirft einen Schatten auf die Person. MacDonald spielt die Schwärzung des Gesichts. Als Billie Holiday mit der Big Band von Count Basie im von Rassenunruhen getriebenen Detroit auftreten will, ist sie dem Veranstalter nicht „Nigger“ genug. Die Sängerin sehe zu gelb aus, man könne sie für eine Weiße halten. Also drücken sie Lady Day schwarze Creme in die Hand. Sie flucht, sie tobt, dann färbt sie sich dunkel. „Du kannst bis zu den Brüsten in weißer Seide stecken, mit Gardenien im Haar, kein Zuckerrohr weit und breit, und trotzdem immer noch auf einer Plantage arbeiten.“ Als MacDonald die Farbe abwischt bleiben dunkle Augenringe, wie Wimperntusche nach dem Weinen, wie das Eye Black der American-Football-Spieler. Abwehr, Angriff, man darf sich nicht blenden lassen. Doch trotz Bemalung, dieser Krieg gegen Rassismus und Rauschgift ist nicht zu gewinnen. Hope – Dreams – You steht an der Wand (Bühnenbild und Kostüme sind von Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos), alle drei durchgestrichen, alle drei zerschmettert. Das Leben ist Himmel und Hölle. So hieß Holidays Lieblingsdrink aus Portwein und Gin.

„Blue Moon“ erzählt davon, was Menschen sich und einander antun. Der Abend ist in diesem Sinne ein Plädoyer für Respekt. Er ist mehr Konzert als Drama, es reden zwischen den Songs manche Popstars mehr auf der Bühne, doch mehr Dialog war im Leben dieser Vereinsamenden nicht drin. Nikolaus Okonkwo ist dessen Chronist, ein sich unbeteiligt-lässig gebender Beteiligter an diesem Schicksal. Er ist alle Liebhaber, drei Ehemänner, die Drogendealer, Joe Guy, John Levy, Jimmy Monroe, Louis McKay … Billie Holiday hatte einen fatalen Hang zu den bösen Buben; den einzig guten, ihren Soul Mate, verkörpert folgerichtig der Mann mit dem Sax: Herbert Berger als Lester Young; er nennt sie Lady Day, sie nennt ihn Pres, von President. Sein Tod wird ihr Ende sein. Christian Frank hat die Lieder für Sona MacDonald arrangiert; ihn, am Klavier, unterstützen außerdem Andy Mayerl am Kontrabass und Klaus Pérez-Salado am Schlagzeug.

Die Kammerspiele können Swing und Blues. MacDonald singt Synkopen und Sarkasmus, spielt Eskalation und Eskapismus. Spielt Kumpelhaftigkeit als Attitüde einer Diva und das Gossenkind, das sich in Eleganz kleidet. Sie weiß, wie es ist, wenn’s so weh tut, dass man es nicht mehr spürt. Selbst auf dem Häusl herrscht Segregation. Keine weißen Klobrillen für Sklavenhintern. „Wenn ich keine Toilette finde, die ich benutzen darf, na dann gehe ich eben in die Büsche“, sagt Billie Holiday. Sona MacDonald verschleift die Worte, slangt die Sätze, nur beim Singen betont sie präzise. Sie gestaltet den Verfall dieser einzigartigen Stimme und die Ironie, dass sie im Verblühen an Ausdruckskraft zunimmt. 2015 wäre Billie Holiday hundert Jahre alt geworden, mit 40 Jahren hatte sie gerechnet, 44 sind es geworden. Dann war die Nadel in der Auslaufrille angelangt. Als sie stirbt, umringen Polizisten ihr Krankenhausbett, man will sie nicht gehen lassen, sondern wegen Drogenbesitzes inhaftieren.

Die Kammerspiele beschwören für Billy Holiday, die Ausnahmeerscheinung, noch einmal den blauen Mond. Die blaue Stunde. Torsten Fischer ist eine fabelhafte Hommage an diese Interpretin des Great American Songbook gelungen. Doch er zeigt auch eine Welt, die sich zwar weiter gedreht hat, aber wenig vorwärts gekommen ist. „Blue Moon“ sollte langen Nachhall haben. Zwei Tage ist es her, da sah man Aufnahmen, wie Laquan McDonald in Chicago getötet wurde. Ein Messer gegen sechzehn Schüsse aus einer Polizeiwaffe. So set ‚em‘ up, Joe, I got a little story I think you should know … Timbre ist das bessere Wort.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SzbqmDUTEu8#t=13

www.josefstadt.org

Wien, 27. 11. 2015