Jeder stirbt für sich allein

November 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fallada-Verfilmung mit Emma Thompson

Nach dem Tod ihres Sohnes an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 18. November kommt die langerwartete Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Pérez in die heimischen Kinos, und es ist schon so, dass diese nunmehr fünfte Kinoarbeit über Hans Falladas erstmals 1947 erschienenen NS-Widerstandsroman eine kleine Enttäuschung ist. Zwar ist sie sogar weniger pathostriefend als befürchtet, doch umso mehr trifft einen, dass es dem Schweizer Regisseur und Drehbuchautor offenbar nicht möglich war über die letzte Hürde zu springen.

In Sets, die aussehen wie die Postkarten, die die Protagonisten schreiben, gedreht wurde einmal mehr in Görlitz, erzählt er in konservativen Bildern in einer für ein großes Publikum weichgespülten Fassung seine Story. Wenig ist noch übrig von der Drastik, der Schonungslosigkeit des Buches, ja, Pérez missversteht Falladas spröden Schreibstil, er geht allzu schematisch vor, er entwirft seine Charaktere grob wie Holzschnitte; er hat nicht verstanden, dass es bei Fallada gerade die vorgetäuschte Emotionslosigkeit der Figuren ist, die einen tief berührt und in die Handlung involviert. Und: Emma Thompson, diese großartige, hochintelligente Schauspielerin, ist keine Anna Quangel. Das deutsche „Muttchen“, das sich mit Näharbeiten ein bisschen was dazu verdient, die unpolitische, einfache Hausfrau, die sich nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront gegen Hitler radikalisiert, die nimmt man ihr nicht ab. Der Trost ist, dass dank ihres Starstatus der Film international Aufmerksamkeit auf sich ziehen und der Welt ein weiteres neues Bild des innerdeutschen Widerstands präsentieren wird. Ein schmerzlinderndes Moment, an das man sich schon bei Tom Cruises „Operation Walküre“ zum Stauffenberg-Attentat gehalten hat, sagte doch sogar die Thompson im Interview: „Ich bin groß geworden mit der Vorstellung, dass alle Deutschen Nazis gewesen sein mussten …“

Die Geschichte ist wahr. Fallada hat sie aus Gestapo-Akten. Otto und Elise Hampel verfassten zwischen September 1940 und September 1942 an die 300 Postkarten und 200 Handzettel, in denen sie zum zivilen Ungehorsam gegen das Dritte Reich, zur Sabotage wichtiger Kriegsarbeiten und zur Auflehnung gegen das Mörderregime aufriefen. „Freie Presse“ nannten sie sich und legten ihre Schriften in Treppenhäusern rund um ihr Wohnviertel in Berlin-Wedding aus. Der Tischlermeister und sein „Muttchen“ wurden von der Gestapo ausgeforscht und 1943 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ durch das Fallbeil hingerichtet. Am Nachkriegsbau Amsterdamer Straße 10, das ursprüngliche Wohnhaus der Hampels wurde durch eine Fliegerbombe zerstört, erinnert heute eine Gedenktafel an das Ehepaar.

Kommissar Escherich auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Kommissar Escherich ist fieberhaft auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Folter in der Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Hausgemeinschaft beschreibt Pérez getreu der literarischen Vorlage, sie ist ein Gesellschaftskaleidoskop, dreht sich um Mitläufer und Überzeugungstäter und eine jüdische Mieterin, der nach der Plünderung ihrer Wohnung und ihrem Selbstmord sogar noch das Armkettchen vom Handgelenk gerissen wird. Im Keller haust der Kleinkriminelle Enno, in der Beletage ein pensionierter Richter, dem es im entscheidenden Moment doch an Courage mangelt. Lars Rudolph und Joachim Bißmeier verstehen es diesen Nebenfiguren dramatisches, sogar tragisches Profil zu geben, ebenso wie Daniel Strässer, der einen von der Nazi-Ideologie durchdrungenen Ermittler spielt und Katrin Pollitt als mitfühlende Briefträgerin. Es sind ihre Aufblitzer, die den Film doch sehenswert machen. Und während Emma Thompson die Anna Quangel mit durchgehend gleichbleibend sorgenzerfurchtem Gesicht gestaltet, man muss allerdings gerechterweise sagen, dass Anna im Roman eine wesentlich aktivere Rolle als im Film zukommt, zeigt Brendan Gleeson die Möglichkeiten auf, die diese Figuren bieten.

In winzigen Nuancen lässt er erahnen, wie es im Inneren seines Handwerkers wirklich aussieht. Wortkarg ist er, ein stiller Ehrenmann, und beim Auslegen der Postkarten ausgestattet mit der Ruhe eines, der nichts mehr zu verlieren hat. Sein Überlebenselexier ist das Anschreiben gegen die „Hitlerei“ und dabei verleiht Gleeson dem Quangel unaufgeregt eine große Würde. Als sein Kontrahent ist Daniel Brühl zu sehen, als Kommissar Escherich ein Mann, der sich als Kriminalist versteht, nicht aber das dumbe Treiben der SS-Schreihälse. Wie er versucht, seinen professionellen Ehrgeiz, den Fall zu lösen, und sein moralisches Empfinden in Einklang zu bringen, ist tatsächlich der einzige interessante innere Konflikt in einem Film, der ansonsten wie am Schnürchen schnurrt.

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Wie Brühl sich vom Standartenführer als „Intellektueller“ beschimpfen lassen muss, ein Begriff, der auch im hiesigen Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten als Schmähwort benutzt wurde, wie er einem Verdächtigen den Gnadentod vor der Gestapofolter gibt, wie er schließlich für sich selbst die Konsequenzen zieht, in diesen Szenen ist der Schauspieler ganz bei Fallada.

Den man, nachdem man den Film gesehen hat, unbedingt zur Hand nehmen sollte, um auch dem Medium Film geschuldete gestrichene Handlungsstränge nachzulesen. Erst dann nämlich erschließt sich der ganze Kreis des Grauens, den das Dritte Reich um die Menschen zog. Ihm fallen auch völlig unbeteiligte, wie Hans‘ Ex-Verlobte, längst anderweitig verheiratet und Mutter, zum Opfer. Oder eine Tierhändlerin, die Enno aus sexuellen Gründen Unterschlupf gewährt. Oder eine kommunistische Zelle in der Holzfabrik, die nur ausgehoben wird, weil man Quangel bereits auf der Spur ist … All das würde den Rahmen des Films sprengen, all das ist aber wichtig, um zu verstehen, wie die Todesmaschinerie der Nazis funktionierte. An einer Stelle sagt Otto über die Postkarten: „Sie sind wie Sandkörner, die wir in diese Maschine füttern. Ein Korn hält die Maschine nicht an. Aber wenn man immer mehr hineintut, dann wird es mit der Zeit Auswirkungen auf die Maschine haben.“

www.jederstirbtfuersichallein.x-verleih.de

Wien, 17. 11. 2016

Salzburger Festspiele: “Jedermann”

August 7, 2013 in Bühne

Mausetot. Mit Musik und Mummenschanz.

Keine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.

Jedermann 2013: Cornelius Obonya (Jedermann), Ensemble
Bild: © Salzburger Festspiele / Forster

Es ist eine Zumutung. Wo, bitte, soll man denn da zuerst hinschauen? Man will ja vom Spektakel nichts verpassen. Hat den Regisseuren Brian Mertes und Julian Crouch eigentlich niemand gesagt, dass auch Zuschauer nur zwei Augen haben? Es ist eine Zumutung. Eine wunderbare, fabelhafte, hervorragende, glanzvolle, großartige … es gehen einem schier die Superlative aus. Welches arme Schwein auch immer den nächsten „Jedermann“, so in zehn, fünfzehn Jahren, inszenieren muss: Bonne chance!

Unmöglich, zu beschreiben, was sich auf und neben der Bühne auf dem Domplatz alles tut. Das beginnt mit einem karnevalesken Einzug. Von links kündigt sich mit traditioneller Balkanmusik und ein wenig Jazz die Spielergemeinschaft an. Buntes Volk, unter ihnen Gestalten die große, groteske Masken tragen, mit kleinen Hörnern, Perchten nicht unähnlich, Gnome wie Kartoffelmännchen, überlebensgroße Skelette, Harlekine, Gaukler. „Buhlschaft“ Brigitte Hobmeier fährt mit einem Fahrrad, auf dem sie sogar Kunststückchen vorführt, vor. Auf den Stufen der Bühne stehen Modelle mittelalterlicher Stadthäuser. Da schlägt sie durch, die verspielte Fantasie von Brian Crouch. Sie bestimmt nachhaltig mit ihren skurrilen, ernsten und witzigen Puppen diese Arbeit. Getragen deklamiert wird jedenfalls nicht mehr. „Speaker“ kündigen über Megaphone das Programm an. Crouch und Mertes haben Hofmannsthal mit dem britischen „Everyman“ vermischt. Das alles ist schwung- und lustvoll, gewagt, frivol, ein wenig „Punch and Judy“.

Da spricht der Herr. Vom „Glauben“ Hans Peter Hallwachs auf einen Sessel gehoben. Und alles beugt vor IHM das Knie. ER werde ein Exempel statuieren am Getümmel der Menschheit. Das Kind Florentina Rucker ist dieser Gott. Schade, dass sie in Bubenkleidung gesteckt wurde und kein Mädchen sein durfte. Jedenfalls, eh bekannt: Jedermann ist des Allmächtigen Wahl fürs Buße tun. Den spielt erstmals Cornelius Obonya. Und wie. Differenziert. Ein moderner Kapitalist, der den Pathos der Verse zerkauft und ausspuckt. Nichts ist hier mehr „reim dich, oder ich freß dich“. Obonya übertüncht seine Grausamkeiten mit Jovialität und Lachen – das allerdings zunehmend verzweifelter wird. Verbitterter, zorniger, am Schluß weint er vor Furcht. Keiner bleibt. Vom „Toten“tänzchen bis zum Totenhemd spielt Obonya auf der Klaviatur aller Gefühle. Eine Meisterleistung.

Doch erst: Festgelage – samt (zur allgemeinen Belustigung) Bär. Die Buhlschaft hat ihr Kleid gewechselt. Rot mit glitzerdurchsichtigem Oberteil, zwei Rubine an den dafür gedachten Stellen. Und schwarzen Strümpfen samt immer wieder sichtbarem Strumpfband. Hobmeier ist das Weib, die Circe, die neckische Erotik an sich. Es knistert zwischen ihr und Obonya hörbar, die beiden werden sogar „handgreiflich“. Wenn er ihr mit dem Mund ein Trompetenständchen bläst und sie ihn mit einer Rose aufs Hirn schlägt. Kein Wunder, dass bei dieser Party sogar die „Werke“ Sarah Viktoria Frick einen Tequila kippen. Aber der Tod naht, schleppt erst die Stadt mit sich fort, macht das Tisch- zum Leichentuch, schubst die Buhlschaft von der Bühne. (Was die kleine Rolle noch kleiner macht, weil die Buhlschaft ihren „reichen Mann“ nicht offensiv verlässt, aber bei der Klasse einer Hobmeier gibt es ohnedies keine kleinen Rollen oder Auftritte.) Peter Lohmeyer ist dieser seltsame Tod, eindringlich, fast gebrechlich, im bodenlangen Leichenhemd, aus dem vorn und hinten die Wirbelsäule lugt. Den ständig ein Surren begleitet, der einmal ein totes Mädchen über den Domplatz trägt. Ein Angstmacher. Groß – dank High Heels -, schlank und biegsam ist er, die Stimme hoch und eindringlich. Und er setzt dem Jedermann einen Tag Frist, seinen guten Willen zu beweisen.

An diesem begegnen ihm: Die Werke, zunächst eine kleine, hilflose Puppe in einer Kiste, der sie aber bald in ihrer vollen Größe entsteigt, um ihn zu begleiten. Ihr Vetter Glaube sitzt in zehn Meter Höhe auf einer Holzlatte (unglaublich, dass sich Hallwachs da hinaufziehen ließ) und tauft Jedermann. Da hat selbst „Teufel“ Simon Schwarz keine Chance, der sich aus dem Trachtenjankerl schält und seinen roten Pelz zeigt, zum Glauben in luftige Höhen empor klettert, um sein Recht auf die Seele geltend zu machen – und doch vom Engelschor nur verhöhnt wird, auch wenn er ihre Harfen zertrümmert. Da bleibt dem Teufel nichts, als vor Wut mit seinen Perchten zu tanzen und zu toben wie Rumpelstilzchen.

Einer der Höhepunkte ist der Auftritt des Mammon (Jürgen Tarrach), der als monströse Puppe mit aufklappbarem Maul aus einer Truhe springteufelt. Heraus kommt der eigentliche Mammon, ein buchstäblicher Geldscheißer in Frack, Zylinder und Untergatte. Ein selbstgerechter, sich selbst gehörender, ergo freier Reichtum, für den der Jeder- immer nur ein Hampelmann war. Ein Mittel zum Zweck der Vermehrung seiner selbst. Das Ensemble zeigt sich als Best of Best bis ins kleinste Detail. Julia Gschnitzer ist eine streng-frömmig-liebevolle Mutter. Fritz Egger ein wütender, rabiater Schuldknecht, Katharina Stemberger seine umsonst um Gnade flehende Frau (sie spielt auch Cello). Johannes Silberschneider ist ein mahnender, nicht bettelnder Armer Nachbar.

Mertes und  Crouch erweisen sich als Bewahrer und gleichzeitig als Erneuerer des Stücks. Am Schluss zeigen die beiden Regisseure noch einmal ihr Einfühlungsvermögen, aber auch ihre ungewohnte Sehweise auf den Stoff. Jedermann wird vom Tod nicht auf die Brust geschlagen. Kein Herzkasperl. Lohmeyer legt Obonya sanft zu Boden und deckt ihm mit dem Tisch/Leichentuch zu. Das Ensemble geht als Trauerzug an ihm vorbei und wirft Erde auf den Toten. Alle sind dabei, der Schuldknecht, der Teufel, die Kinder, auch die Buhlschaft. Die Trauermusik gewinnt aber rasch an Tempo, und die Gesellschaft löst sich fröhlich auf.

Das Leben geht weiter. Standing Ovations.

Termine im TV:

ORF 2: 28. 7., 9.05 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg, 22 Uhr: Jedermann 2013

ORF III: 28. 7., 15.45 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg; 4. 8., 20.15 Uhr: Jedermann 2013

3sat: 17. 8., 19.35 Uhr: Der neue Jedermann – Cornelius Obonya in Salzburg, 20.15 Uhr: Jedermann 2013

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2013/ :Domplatz: Die Sommerresidenz der Familie Hörbiger

www.mottingers-meinung.at/die-neue-buhlschaft/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-jungfrau-von-orleans/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-young-directors-projekt/

Von Michaela Mottinger

Salzburg, 21. 7. 2013