Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ernst ist das Leben

Juni 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dandys sind diesmal herr-liche Damen

Die Damenriege übt sich in Theatralik: Maresi Riegner, Elzemarieke de Vos, Karola Niederhuber, Maria Hofstätter, Marie-Christine Friedrich, Raphaela Möst, Miriam Fussenegger und Michou Friesz. Bild: Lalo Jodlbauer

So weiß wie die Bühne ist hier niemandes Weste, weshalb in Kostümen, die so schrill sind wie die Stimmung, ordentlich Komödienvollgas gegeben wird. Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf inszenierte Intendant Michael Sturminger Oscar Wildes „Ernst ist das Leben / Bunbury“ und setzte dabei weniger auf Subtilität und britisches Understatement, denn auf Tempo, Timing und Tohuwabohu. Ein Spaß, der vor allem nach der Pause voll aufgeht.

Sturminger spielt, gekonnt auch in Orientierung auf das Privatleben des berühmtesten Dandys der Welt, der vier Tage nach der Bunbury-Uraufführung seinen unglückseligen Prozess begann, mit den Geschlechterrollen. Sein Ensemble besteht ausschließlich aus Frauen, und da gibt es in der deutschsprachigen Fassung von Elfriede Jelinek nicht nur sprachliche, sondern auch sexuelle Zweideutigkeiten, wenn eine Frau, die einen Mann spielt, dessen bestem Freund Avancen macht, den ebenfalls eine Frau darstellt. Und so ist es ein Küssen und Knutschen zwischen Jack Worthing und Algernon Moncrieff, in deren Rollen Raphaela Möst und Elzemarieke de Vos schlüpfen, um zu zeigen, wie man Ennui in Exaltiertheit verwandelt.

So turnt die Truppe durch Irrungen und Wirrungen, Wortspiele und Intrigen. Mit der Jelinek’schen Feder werden Versprechen rasch zu Versprechern, Sturminger bespielt die Frivolität dieser Vorlage gekonnt, so entsteht eine spritzige, quirlige, überdrehte Aufführung, die die Exzellenz der Dekadenz feiert. Und schließlich in der unvermeidlichen Kuchenschlacht endet. Möst und de Vos erlauben sich den Scherz ihre Figuren bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei Sturminger generell ein doppeltes Spiel -, die beiden bleiben süffisant, auch wenn Algie sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. De Vos ist, man braucht es nicht zu erwähnen, die geborene Komödiantin. Eine Poserin in bester Wilde’scher Manier, eine Zynikerin und – der personifizierte Un-Ernst. Wie sie lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihr die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist erfordert.

Spiel mit den Geschlechtern: Elzemarieke de Vos und Raphaela Möst. Bild: Lalo Jodlbauer

Komödienvollgas bei der Kuchenschlacht: Maresi Riegner, Karola Niederhuber und Miriam Fussenegger. Bild: Lalo Jodlbauer

De Vos hat Perchtoldsdorf  bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der dortigen Upperclass, und davon finden sich im Publikum nicht wenige, ist sie Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke auch aufs Lügen. Möst ist ihr eine ebenbürtige Partnerin, ihre verschwitzte Verlegenheit weist eine aus, die wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen. Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Miriam Fussenegger und Maresi Riegner. Riegner gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Fusseneggers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern.

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Marie-Christine Friedrich als Gouvernante Miss Prism und die großartige Michou Friesz als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Maria Hofstätters Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s dann noch zu Tortenschlacht und Slapstick, da ist das Publikum längst bestens gelaunt und dankt mit langem Applaus. Schade, dass diese Premiere wetterbedingt im Neuen Burgsaal stattfinden musste, open air ist es sicher noch der doppelte Genuss.

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  1. 6. 2018

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Minna von Barnhelm

Juli 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Happy End mit Kriegsversehrtencombo

Minna holt sich ihren Tellheim zurück: Andreas Patton und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Erschöpft und kriegsmüde lungern sie an der rostfarbenen Wirtshauswand, spielen nachlässig ein wenig Telemann und Zeitgenossen, die Teletanten Mienensingers, dieses invalide Quartett rund um Michael Pogo Kreiner. Sie geben die melancholische Baseline des Abends vor. Doch mitten unter ihnen schlägt einer laut und mit Elan die große Trommel, als wolle er mit dem Schlägel die Schicksalsschläge, die seinen Herrn trafen, zu Brei schlagen. Dessen Gespenster allerdings sind schwer zu bannen. Der Trommler ist Just, Tellheims ergebener, ergo streitlustiger Bedienter, das Stück „Minna von Barnhelm“.

Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zeigt Regisseurin Veronika Glatzner ihre Interpretation von Lessings Lustspiel. Sehr präzise hat sie dessen Text in Szene gesetzt, ohne ihn an einer Zeit oder einem Ort festzumachen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter, bewegender Abend mit glänzenden Darstellern, die es verstehen, die Komik zwischen den Zeilen zu bedienen, ohne dass es komisch wirkt. Die Perchtoldsdorfer „Minna“ wird so zu einem subtilen Stück Sommertheater.

Auf beinah schon intime Weise gewährt Glatzner dem Publikum Zugang zum Seelenleben der Protagonisten, sie ziseliert die von Lessing vorbereiteten zwischenmenschlichen Feinheiten. Es sind nur Momente, die alles klären: Minna fasst Tellheim am rechten Arm, merkt, dass der taub ist. Der Major verzieht vor Schreck kurz das Gesicht – und erzählt ist seine Geschichte.

Marie und Paul Sturminger haben für die Irrungen und Wirrungen der Herzen eine Drehbühne entworfen, eine schäbige Herberge – auf der einen Seite Minnas Zimmer, auf der anderen die Wirtsstube -, deren Mittelpunkt ein zugiges, verschachteltes Stiegenhaus ist. Durch dieses stürzen, kriechen, rennen die Menschen treppauf, treppab. Hier wird geflirtet, Trübsal geblasen oder sich versteckt, hier zieht man einander das Geld aus der Tasche und die Verlobungsringe vom Finger. Immer wieder bleibt der eine oder andere Darsteller nach seinem Auftritt in einem Winkel dieser Escher’schen Anordnung Teil der Szene, so dass man ihn in seinem „privaten“ Tun weiter erleben kann.

Nikolaus Barton als loyaler Diener Just tut alles, um seinen Herrn vor weiterem Schaden zu bewahren. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Die teletanten Mienensingers: Petra Staduan, Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas und Judith Prieler. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Marie-Christine Friedrich ist eine hinreißende Minna. Emanzipiert und doch hyperventilierend schmachtend, wenn sie von ihrer großen Liebe Tellheim spricht, klug und doch spitzbübisch fröhlich, wenn sie an den Streich denkt, den sie für ihn ersinnt. Friedrichs Minna ist die praktizierte Aufklärung, ein wenig manieriert im Auftreten, ein bisschen artifiziell in der Gestik, und doch bricht sie das alles sofort wieder mit ihrer köstlich ironischen Mimik. Sie weiß mit der überspannten Logik ihres Verlobten nicht das Geringste anzufangen – und trotzdem versteht sie ihn. Das ist die Kunst der Frauen. Wenn sie erst beschlossen haben, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Seite steht ihr die großartige Anna Unterberger als Franziska. Als resches, puckhaftes Kammerkätzchen agiert Unterberger sozusagen gebremst. Selbst im Beisein ihrer Herrin benimmt sie sich völlig ungeniert und mit Augenmerk aufs eigene Interesse – siehe den minnenden Sölder Paul Werner, den Roman Blumenschein gibt. Mit Friedrich und Unterberger macht Glatzner ihre „Minna“ zum Frauen-Power-Stück.

Im Stiegenhaus, wo man sich trifft: Roman Blumenschein, Nikolaus Barton, Anna Unterberger und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Nicht nur mit steifem Arm, sondern auch mit Stiff Upper Lip spielt Andreas Patton den Tellheim. Er suhlt sich geradezu in seinem Unglück, kann formidabel wahlweise trotzig oder betropetzt dreinschauen. Sehr schön, wie er jeden Brief recht umständlich mithilfe seiner Füße oder Zähne aufmachen muss, die Prozedur sein „Ecce homo“.

Patton, diese Saison eine Art Spezialist für gar nicht lustige Lustspielhelden (siehe sein Fernando in der Volkstheater-„Stella“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810), fügt dem in den Wirren des Siebenjährigen Krieges abgewirtschafteten, vergrübelten Major eine nicht oft ausgespielte Facette hinzu. Eine ewiggültig moderne. Er zeigt in seiner Darstellung nicht nur selbstbeschädigenden Stolz und falsch kanalisiertes Ehrgefühl, weshalb er die geliebte Frau vor der Ehe mit einem „Krüppel“ bewahren will, sondern ebenso, wie der Verlust von ökonomischer Freiheit nach und nach das Selbstwertgefühl ermordet …

Nikolaus Barton ist als Tellheims Bedienter Just ein Kraftlackel; misstrauisch, weil eben loyal, lässt er über seinen Herrn nichts kommen. Dominik Warta ist ein naseweiser, neugieriger Wirt.

Den beiden gelten im Wesentlichen die Lacher der Zuschauer. Am Ende reihen sie sich alle auf und singen mit den Mienensingers Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas, Judith Prieler und Petra Staduan Telemanns „Glück“: Als stilvolles Finale einer so poetischen wie unterhaltsamen Aufführung. Viel Applaus und großer Jubel.

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  1. 6. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ein Sommernachtstraum

Juni 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine exemplarisch gelungene Shakespeare-Inszenierung

Erwachen nach einen Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Erwachen nach einer Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Die Frage kam off the records vor einigen Wochen schon auf. Ob man hierzulande jemals eine rundum geglückte Aufführung vom „Sommernachtstraum“ gesehen hätte? Am Burgtheater, bei den Salzburger Festspielen? Jetzt ja, in Perchtoldsdorf. Dort zeigt Intendant und Regisseur Michael Sturminger zum 40-Jahr-Jubiläum der Sommerspiele eine exemplarische Inszenierung von Shakespeares Liebesverwirrspiel.

Es scheint fast, als wäre es ihm gelungen, die mittelalterliche Burg auf die Insel des britischen Barden zu transferieren, mitten hinein in dessen Zauberwald, so sehr stimmig sind die Bilder, der Tonfall, die Atmosphäre. Alles flirrt und neckt sich. Und auch, dass Sturminger für die diesjährige Premiere erstmals ein Bühnenrund mit drei es umschließenden Zuschauertribünen aufstellen ließ, verstärkt den Eindruck dieses Theater-„Globe“.

So zieht’s einen mitten hinein in den Probenprozess. Die Arbeit ist nämlich gar nicht fertig. Markus Kofler tüfelt noch an der tief tragische Komödie von Pyramus und Thisbe. Er ist ein zunehmend genervter Squenz, der eine wie einem Monty-Python-Sketch entsprungene Truppe in Szene setzen soll, großartig etwa Nikolaus Barton als Zettel-Pyramus, Michael Pogo Kreiner, der als Flaut zur lispelnd tippelnden Thisbe wird, und Raphael Nicholas, der als Schnock den Löwen geben soll. Der Adelssitz in Athen hat Sturminger weniger interessiert, er hat einen Hang zu den begeistert laienspielenden Handwerkern, und wenn er im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt, das sei so, weil „sie“ ja schließlich „wir“ sind, dann entstehen angesichts der wie immer fast vollzählig erschienenen Perchtoldsdorfer Honoratioren im Publikum ganz neue Assoziationen im Kopf.

Erst ist's nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner und Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Erst ist’s nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner gibt alles, Regisseur Squenz alias Markus Kofler erschreckt das. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte kommt zur Aufführung: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Kofler rückt den Spiegel immer näher heran. Einen Theseus sucht er, und eine Hippolyta, den Oberon samt dessen Titania. Da muss er erst Überzeugungsarbeit leisten, muss bitten um Besetzungsvorschläge für sein Mitmachtheater, bis sich aus den Sitzreihen Andreas Patton und Veronika Glatzner melden. Sie temperamentvoll das Abendtascherl schmeißend, weil demnächst ja Königin und sowieso Amazone, er qualifiziert sich intellektuell hochwertig – mit Schillers „Glocke“. Das sagt schon viel aus über die Paarläufe, denen man in den kommenden drei Stunden folgen wird, darüber, was da so schief hängt zwischen Mann und Frau, von fehlender Befriedigung bis ergo kein Seelenfrieden. Sturminger gebraucht gerade so viel Zote als Zunder, dass sich daran die eigene Fantasie entfachen lässt.“Das ist Regie, das sind Ideen, das ist Abstraktion!“, klingt einmal Squenz‘ inszenatorischer Freudenschrei, und damit gibt Kofler gleichsam das Motto des Abends vor.

So wohldosiert semitransparent wie Sturmingers Arbeit sind die Kostüme von Renate Martin und Andreas Donhauser, die mehr erhoffen, weil erahnen lassen, feines Spinngeweb und zerrissenes Netz. Nur Oberon steht seiner New-Age-Queen in schwarzem Leder wie ein alter Rock’n’Roller gegenüber, die Attitüde passend zum Outfit. Von Martin und Donhauser ist auch die Bühne, leer bis auf bisweilen Titanias Brokatbett; mit Einbruch der Dunkelheit zeichnen magische Lichtkreise auf dem Boden den Darstellern den Weg.

Die sind aufs Vorzüglichste gewählt. Allen voran die vier jungen Liebenden Hermia und Lysander, Helena und Demetrius, die Julia Richter und Benjamin Vanyek, Sophie Aujesky und Jan Hutter mit viel Spiellust mit Leben füllen. Man hat das Quartett auch schon blutleer gelassen, doch wie hier um die Liebe, die Hände und miteinander gerungen wird, ist große Klasse. Und natürlich geht’s dabei mehrmals statt zwischen Bäumen durch die Zuschauerreihen hindurch. Karl Walter Sprungala ist sowohl der Puck als auch Hermias Vater Egeus, in beiden Fällen jedenfalls ein Geist, der stets das Böse will, als ersterer ein hinreißender, possenreißender Derwisch, der nicht nur die Handlung, sondern auch die Musik durcheinander bringt. Dabei werden die von Michael Pogo Kreiner beigesteuerten, elisabethanisch angehauchten Sphärenklänge unter seinem Zweitnamen dargeboten, das Ensemble versammelt sich dazu als „Robin Goodfellow & The Orchestra Of The Enelvement“. Nikolaus Barton ist als Zettel ein begnadeter Selbst/Darsteller, ein g’schaftlhuberischer Kleinstädter, der den Eselsschweif vorne trägt. Nur einer, der sich so lieb hat wie er, kann an „seine schöne Männlichkeit“ glauben.

Andreas Patton als Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Andreas Pattons Oberon ist ein alter Rock’n’Roller; die Attitüde passt zum Outfit. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Sturminger hat seine Schauspieler präzise geführt. Von ihm angeleitet entlocken sie Shakespeares fein ziselierten Charakteren noch die leisesten Zwischentöne übers Zwischenmenschliche. Nur eine kleine Andeutung etwa ist es, wenn Hippolyta zu ihrem erzwungenen Hochzeitsfest in einem wie ein Kettenhemd rasselnden Abendkleid erscheint, Theseus wiederum kann bis zur Weißglut des Eugeus‘ die Hermia nicht von der Helena unterscheiden, was ficht’s den Fürsten auch an? Es endet, wie es enden muss, auf der Bühne wird endlich ein Theater gemacht. Die Handwerker dürfen ihre Produktion präsentieren, die Blumendroge findet sich plötzlich in Hippolytas Händen, so kann’s gehen Richtung Happy End, und Eugeus enttarnt sich als Puck. Die Elfen haben die Menschen gespielt oder es war umgekehrt.

Das ist ein Stoff, aus dem auch Träume sind – ein wundersamer Abend in wunderbarer Kulisse. Die sehr gelungene Neuübersetzung dieser Sommernachtsfiktion von Angelika Messner und Martina Theissl ist als Text im Programmheft abgedruckt.

Michael Sturminger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19980

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Wien, 30. 6. 2016

Regisseur Michael Sturminger im Gespräch

Mai 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei Juni-Premieren in Perchtoldsdorf, danach ein neues Musiktheaterprojekt mit John Malkovich

Ein Sommernachtstraum: Andreas Patton verwandelt sich in Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Ein Sommernachtstraum: Andreas Patton verwandelt sich in Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

40 Jahre Sommerspiele Perchtoldsdorf, das ist ein guter Grund das Theater zu feiern. Intendant Michael Sturminger inszeniert zu diesem Anlass Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. Doch bevor der Komödienklassiker ab 29. Juni im neu gestalteten Burghof aufgeführt werden wird, zeigt der Regisseur als Gastspiel seine Arbeit vom Stadttheater Klagenfurt: „Der Gott des Gemetzels“ mit seinem späteren „Oberon“ Andreas Patton und Burgschauspielerin Sabine Haupt. Premiere dieser Produktion ist bereits am 13. Juni im Neuen Burgsaal. Ein Gespräch über den Geschlechterkrieg oben und unten, Geld und die Gunst des Publikums, und ein neues, Sturmingers viertes Projekt mit Schauspielstar John Malkovich: „Call me God“ – der Monolog eines abtretenden Diktators:

MM: 40 Jahre Sommerspiele Perchtoldsdorf, das dritte Jahr der Intendanz Michael Sturminger. Was haben Sie bisher gelernt?

Michael Sturminger: Dass man wenig Spielraum hat und viel Geld verdienen muss. Die Subventionen sind knapp, und im Vergleich zu 2001, wo ich das erste Mal in Perchtoldsdorf inszeniert habe, nicht einmal mehr die Hälfte wert. Damals haben wir richtig gute Gagen zahlen können, jetzt müssen wir mehr als 50 Prozent erwirtschaften und haben eine Gemeinde, die sehr streng schaut, dass wir keinen Groschen zu viel ausgeben. Es gibt viele, die uns begeistert unterstützen, aber auch solche mit dem Was-brauch‘-ma-des-Gesicht, zwei Parteien also, und wir brauchen tatsächlich auch Unterstützung von außen, damit den Perchtoldsdorfern klar wird, dass sie da eine Institution haben.

MM: Sie kommen in Europa viel herum. Ist dieses Herabschauen auf den hauseigenen Kulturbetrieb nicht eine generelle Tendenz?

Sturminger: Ja, das hat für mich in Italien begonnen, wo der Berlusconismus befunden hat, dass er Theater nicht mehr braucht. Bei uns beginnt das alles erst. Denn niemand in der Politik lebt mehr vor, dass Theater etwas wert ist, dass Theater Werte vermittelt. Man muss doch vor allem jungen Leuten erklären, dass Theater nicht etwas ist, das man macht, wie die dritte Urlaubsreise im Jahr, wenn sich’s mit dem Geld ausgeht, gut, wenn nicht, dann eben nicht. Sondern, dass Theater den Mensch zum Menschen macht. Weil es ihn zwingt, sich mit Verstand und Gefühl Themen auszusetzen, das persönliche Spektrum zu erweitern, neue Dinge kennenzulernen. Theater ist ein Kennenlernen der Welt. Wenn das zur Disposition steht, verlieren wir alles, was unser Zusammenleben ausmacht und werden engstirnig und intolerant.

MM: Wie hoch ist Ihr Budget?

Sturminger: Alles in allem 575.000 Euro. Das klingt nicht schlecht, aber wenn man die Kosten für die Bühne bedenkt, die Anmietung der Tribüne, mehr als die Hälfte der Ausgaben sind Steuern … da bleibt für Schauspielergehälter nicht viel übrig. Dabei hatten wir vergangenes Jahr beinah 10.000 Zuschauer.

MM: Darunter auch sehr viele junge. Überall wird bejammert, dass man junge Leute nicht ins Theater bringt, Sie haben gegen diesen Trend ein Projekt ins Leben gerufen: Theater macht Schule.

Sturminger: Man muss die jungen Leute informieren, aber auch hören, und das tun wir. Wir laden sie zu den Proben ein, bieten eine Werkeinführung, und lassen dabei aber die Jugendlichen zu Wort kommen. Wir machen auch Einführungen für alle vor der Vorstellung, da waren vergangenes Jahr jeden Abend mehr als 150 Leute, also ein Viertel unseres Publikums. Wir gestalten dicke Programmhefte, weil wir Streber sind, und den Zuschauern vermitteln wollen, was wir nicht alles wissen, und die kommen so gut an, dass wir sie vergangenes Jahr nach zweieinhalb Wochen nachdrucken mussten. Das alles funktioniert, weil wir total auf die Leute zugehen. Hoffentlich kriegen wir so ein Stammpublikum zusammen. Wenn ich denke, welch tolle Schauspieler hier einmal begonnen haben, Gerti Drassl, Franziska Hackl, Gregor Bloéb …  ich wünsche mir ein Theaterpublikum, das in zehn Jahren irgendwo in einer österreichischen Bühne sitzt, einen Star sieht und sagt: Jesses, kannst dich erinnern, wie der in Perchtoldsdorf angefangen hat.

Der Gott des Gemetzels: Andreas Patton, Franziska Hackl, Sabine Haupt und Roman Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Der Gott des Gemetzels: Andreas Patton, Franziska Hackl, Sabine Haupt und Roman Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Gastspiel im Neuen Burgsaal: Patton, Haupt und Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Erstmals ein Gastspiel im Neuen Burgsaal: Patton, Haupt und Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

MM: Damit zu den diesjährigen Aufführungen: Zum ersten Mal gibt es heuer eine eigenständige Produktion im Neuen Burgsaal: „Der Gott des Gemetzels“ mit Andreas Patton, Sabine Haupt, Franziska Hackl und Roman Blumenschein. An drei Terminen ab 13. Juni.

Sturminger: Das ist eine Produktion vom Stadttheater Klagenfurt, wir könnten uns eine eigene ja gar nicht leisten, dafür habe ich kein Budget mehr. Die Aufführung ist fantastisch, hat auch sehr gute Kritiken und vier tolle Schauspieler, deshalb traue ich mich das im Jubiläumsjahr. Florian Scholz und das Stadttheater Klagenfurt sind uns gegenüber sehr großzügig. Wenn wir etwas Gewinn machen sollten, kriegen sie auch was ab, wenn nicht …

MM: Geschlechterkampf oben und unten – war das eine programmatische Überlegung?

Sturminger: Jetzt, wo Sie’s sagen (er lacht) … nein … ich hatte einfach diese sehr schöne Produktion, als ich das geplant habe, wusste ich vom „Sommernachtstraum“ noch nichts. Ich mag diese Inszenierung einfach so gern, dass ich sie dem Perchtoldsdorfer Publikum zeigen wollte. Nun passt es natürlich ausgezeichnet, der Ehekrieg auf allen Spielplätzen.

MM: Denn am 29. Juni folgt „Ein Sommernachtstraum“ nach dem „Sturm“ 2015. Wird das eine Shakespeare-Pflege oder ist es Zufall?

Sturminger: Naja, zu 40 Jahren Sommerspiele dachte ich, ich will ein Stück über Theater-auf-dem-Theater machen. Ich wollte heuer auch wieder einen populären Titel, vielleicht können wir uns dann kommendes Jahr was trauen.

MM: Die Bühnenlösung wird neu sein? Die ersten Bilder schauen sehr unkonventionell aus.

Sturminger: Das Publikum sitzt heuer im Kreis um die Bühne, im Hintergrund bleibt die Burgruine. Ich will zeigen, wie man ins Theater immer mehr hineinstolpert. Wenn der Abend beginnt, sind wir alle noch bei Sinnen, wenn der Abend endet, haben wir die Normalität, die Rationalität verlassen, haben Dinge erlebt, die wir so nicht erwartet haben, die uns aus dem Tritt bringen, aber hoffentlich als Menschen kompletter machen. Ich will ja jetzt gar nicht so viel verraten, aber wir fangen an, wie Besucher der Sommerspiele und casten uns ein Ensemble zusammen. Das Ensemble verführt die Zuschauer mitten hinein in die Zauberwelt des Theaters, es nimmt sie mit auf eine Reise, das ist der Plan.

MM: Aber was wollen Sie erzählen? Den „Sommernachtstraum“ hat jeder x-Mal gesehen. Was daran ist wichtig?

Sturminger: Wir wollen Mut machen, sich als ganzer Mensch zu begreifen, und Begrenzungen nicht zu ernst zu nehmen, ich glaube, es ist das, was Shakespeare erzählen will. Es geht um Perspektivenänderung. Sich finden, indem man sich selbst verliert. Im Kern des Stücks sind die Schauspieler, und die sind wir, und sie werden uns über 400 Jahre Menschsein und dass sich daran nichts geändert hat, erzählen. Und wir wollen natürlich gemeinsam ein Fest feiern, darum geht’s ja auch im „Sommernachtstraum“, um ein Hochzeitsfest. Das Stück ist ein Hoch-Leben-Lassen des Theaters – und daher für ein Jubiläum so geeignet.

Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Theater macht Schule: Das Ensemble geht mit dem jungen Publikum in Tuchfühlung. Bild: Lalo Jodlbauer

Theater macht Schule: Das Ensemble geht mit dem jungen Publikum in Tuchfühlung. Bild: Lalo Jodlbauer

Schauspieler und Musikant: Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

MM: Sie haben sich wieder ein feines Ensemble zusammengestellt. Wie versammeln Sie Ihre Truppe um sich?

Sturminger: Es sind einige, die schon vergangenes Jahr dabei waren, und einige, die ich noch nicht kenne, diese Challenge brauche ich. Ich suche für jeden eine Rolle, mit der er gefordert ist, damit sich alle drauf freuen. Andreas Patton und Veronika Glatzner spielen Oberon und Titania beziehungsweise Theseus und Hippolyta, die Handwerker sind Nikolaus Barton, Markus Kofler und Raphael Nicholas, der natürlich Akkordeon spielen wird. Markus Kofler als Squenz ist sozusagen unser „Regisseur“, der auch für das Fest verantwortlich ist. Bei den jungen Schauspielern habe ich lange gesucht, mich jetzt für Jan Hutter, Julia Richter, Sophie Aujesky und Benjamin Vanyek entschieden. Ich habe versucht, vier Leute zu finden, die nicht so typische junge Schauspieler sind, sondern „Typen“, ein wenig seltsam, ein wenig spleenig. Ich finde das sehr förderlich für junge Schauspieler, wenn sie nicht der kleinste gemeinsame Nenner von allem sind, sondern etwas besonderes.

MM: Das ist sicher einer der Vorzüge von Sommertheater, dass man sich sein Team selbst zusammenstellen kann, und nicht wie beim Stadttheater aus dem bestehenden Ensemble zu wählen hat.

Sturminger: Ja, und auch das Team liebt das, einmal in ganz neuen Konstellationen arbeiten zu dürfen. Da ist niemand dabei, weil er muss, weil er vor 19 Jahren unvorsichtigerweise einen Ensemblevertrag unterschrieben hat, da ist jeder dabei, weil er will. Das schweißt unglaublich zusammen. Alle sind mit großer Begeisterung und irrsinnig kollegial bei der Sache.

MM: Sie planen außerdem nach „The Infernal Comedy“ und „The Giacomo Variations“ ein neues Projekt mit John Malkovich?

Sturminger: Es heißt „Call me God“, was angeblich ein Zitat von Idi Amin ist, der auf die Frage, wie man ihn denn ansprechen soll, sagte: Just call me God. Wir zeigen es nächstes Jahr beim Eröffnungsfestival der Hamburger Elbphilharmonie, dann kommt’s nach Wien, Luxemburg, Amsterdam, und so weiter. Es ist ein Stück, das einen abtretenden Diktator porträtiert, und es kombiniert Schauspiel, mit dem großen Instrument der Macht, der Orgel.

MM: Womit dann der Dritte im Bunde, Martin Haselböck, ins Spiel kommt.

Sturminger: Genau, beim dritten Teil der Trilogie haben wir diesmal kein Orchester, sondern Martin Haselböck an der Orgel. Das Textbuch ist wieder von mir, wobei, die letzte Szene fehlt mir noch. Ich wollte das schon lang machen, vor drei Jahren, aber dann kam uns der Casanova-Film dazwischen (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=13305)

MM: Malkovich und Sie, das wird eine Liebe fürs Leben …

Sturminger: Wir haben eine echte Arbeitsliebe. Ich habe ihm gesagt, er soll sich gut überlegen, ob er das machen will, denn wir hatten unzählige Vorstellungen mit den anderen beiden Stücken, rund um den Globus, und wir werden diesen Sommer auch wieder nach Kanada und in die USA fahren, aber er sagte. Ja, ja, ja. Also machen wir’s.

MM: Fehlt nur noch Malkovich in Perchtoldsdorf.

Sturminger: Vielleicht bringe ich ihn als Gast zur Premiere. Wir werden sehen, ob wir das schaffen.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.sturminger.com

Wien, 18. 5. 2016

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Das Käthchen von Heilbronn

Juli 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mach‘ mir den Hengst, Liebster!

Anna Unterberger und Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Anna Unterberger und Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Das erste von einigen Komplimenten, die man Regisseurin Maria Happel und ihren Schauspielern machen muss, ist, wie sie die Sprachgewalt Kleists wortmächtig und dennoch ungekünstelt umgesetzt haben. Chapeau! bei einem Text, wo’s beispielsweise heißt: Und wo der Zeisig sich das Nest gebaut, der zwitschernde, in dem Hollunderstrauch, soll sich ein Sommersitz dir auferbaun … Da verlangt Natur nach Natürlichkeit. Die Sommerspiele Perchtoldsdorf haben sich für das erste Jahr der Intendanz Michael Sturminger was „Leichtes“ ausgesucht: Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“. Und unter Happel wird dieses Schauermärchen, die Ritterromanze tatsächlich leicht. Wie dem darin auftretenden Cherub wachsen dem Abend in der Dämmerung Flügel. Happel inszeniert nicht unkomisch, trotzdem ohne an Kleist Verrat zu begehen. Der hat nämlich sein ganzes Sein in diesen Stoff verwoben. Den steten Kampf von Instinkt gegen Intellekt. Seinen verlorenen gegen die Depression. Kleist ist hier Teil all seiner Figuren.

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem heimlichen Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste entführt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht im Femegericht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, mit seinem Vater nachhause zurückzukehren. Seine Zuneigung zu dem nicht adeligen Käthchen unterdrückt er. Kurz darauf befreit der Graf in einer einsamen Hütte die gefesselte Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum zu Silvester angekündigt wurde und verlobt sich mit ihr. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten mit dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun Schlag auf Schlag in Erfüllung geht. Käthchen entpuppt sich als die verheißene Kaisertochter und somit steht einem Happy End nichts mehr im Wege.

Vor der Perchtoldsdorfer Burg spielt sich das Geschehen in terrassenförmigen, halb durchsichtigen, steilen Spielfächen aus schwarzem Plexiglas ab (Bühne: Andreas Donhauser, Sebastian Eckl, Paul Sturminger). Die Darsteller agieren sozusagen immer am Abgrund, immer absturzgefährdet. Die Kostüme (Renate Martin, Marie Sturminger) sind angedacht historisch. An Special effects wurde nicht gespart: Die Burg brennt tatsächlich! Einen Wasserfall gibt es auch. Ansonsten kommt Happel weitestgehend ohne Requisiten aus. Keine Schwerter (außer in der Schlussszene), keine Briefe, Dokumente, Depeschen, nicht Pfeil und Bogen noch Pferde. Alles muss man sich imaginieren. Wobei Imagination klarerweise eines der Schlagwörter des Kleist’schen Werks ist. Aber das Publikum bringt’s schon zum Lachen, wenn die edlen Herren wiehernd und schnaubend über die Bühne traben. Die Ritter ohne Kokosnuss. Mach‘ mir den Hengst, Liebster! Selten hat Kleist so viel Spaß gemacht – ein Umstand, an dem sich in den Pausengesprächen die Geister scheiden …

Das Ensemble wird exzellent angeführt von Dirk Nocker als Theobald Friedeborn, Käthchens Vater. Er spielt alle Facetten seines Könnens aus, vom Berserker zum Besorgten zum Betroffenen, der erkennen muss, dass sein Kind des Kaisers (Seine Majestät Wolfgang Hübsch) ist, weil die Gattin sich einst seitenspringend in den Garten verführte, äh, verfügte. Eigentlich die darstellerische Leistung des Abends. Doch stehen die anderen nicht nach. Anna Unterberger gibt das Käthchen mit der Hingabe eines Groupies, so flehendlich selbstlos, dass man dem Grafen zurufen möchte: Jetzt nimm’s endlich! Hollunderblütentrunken ist sie – Baum ist entsprechend aufgestellt. Und bis fast 23 Uhr muss sie warten, bis ihr Graf auch den „Joint des Mittelalters“ inhaliert hat. Im damaligen Volksglauben wurde ein Kranker schon dadurch geheilt, dass er unter einem Hollunder ein Schläfchen machte. Und Heilung braucht der von Nikolaus Barton gespielte Friedrich Wetter Graf vom Strahl dringend. Edel ist er, doch gerade erst von einer unerklärlichen Schwermut geheilt (?), ein Zer- und Vergrübler. Allerdings viel weniger Elegiebürscherl als der „Prinz von Homburg“ in der einen oder anderen Regiearbeit. Bleibt als weitere Hauptrolle Kunigunde von Thurneck, von Veronika Glatzner einwandfrei großartig als berechnendes Kunstgeschöpf verkörpert – wenn man da noch von Körper reden kann. Ein Geist, der, würde man heute sagen, über eine Schönheits-OP-Katastrophe regiert. Kleist wollte Kunigunde ursprünglich als Nixe haben. Happel nimmt in einer Badeszene, in der die äußere Hülle wieder Form annehmen soll, Bezug darauf. Ein Moment für Connaisseurs. Dennoch, und damit ist die Nadel im Heuhaufen gefunden, wäre in der Kunigunde mehr drin gewesen. Mehr Buhu, mehr Spuk, mehr Argh!

Die übrigen teilen ihre Talente auf mehrere Rollen auf. So ist Maria Happel, wie so gern gesehen, das komische Element – von der Köhlersfrau bis zu Kunigundes Tante. Die Frau schont sich wirklich nicht, wenn es darum geht, sich in hautenge Catsuits zu zwängen. Wunderbar (tragi-)komisch ist auch Sebastian Edtbauer als Gottschalk, des Grafen ergebener, ständig Äpfel essender Knecht. Cornelia Köndgen überzeugt sowohl als des Grafen herrische Mutter wie als schrullige Haushälterin im Schloss. Michael Masula verleiht Grafen, Rittern, Nachtwächtern und einem Erzbischof Würde. Paula Nocker wechselt von Köhlerjunge zur Nichte der Gräfin, und Annemarie Nocker hat die überhaupt wichtigste Rolle: den Cherub, der alles zum Guten wendet.

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www.mottingers-meinung.at/maria-happel-und-michael-sturminger-im-gespraech/