Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst

Mai 4, 2016 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

In einem Schuhkarton steckte das letzte Interviewband

„Ich sammelte Männer und Kunst. Die Männer gingen, die Kunst blieb.“ Peggy Guggenheim

Peggy Guggenheim - Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Am 13. Mai startet „Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst“ in den heimischen Kinos. Der Dokumentarfilm von Lisa Immordino Vreeland porträtiert das Leben der Kunst-Ikone, ein Leben im kulturellen Umbruch des 20. Jahrhunderts, das von Affären und Beziehungen zu einigen seiner größten Künstler wie Samuel Beckett, Max Ernst, Jackson Pollock oder Marcel Duchamp geprägt war. Ihre Leidenschaft ließ Peggy Guggenheim als Autodidaktin zu einer der einflussreichsten amerikanischen Kunstmäzeninnen, Sammlerinnen und Galeristinnen moderner Kunst werden.

„Als Studentin der Kunstgeschichte habe ich mich schon immer für Peggy interessiert“, sagt Regisseurin Vreeland. „Ich hatte ihre Autobiographie ,Out of This Century‘ gelesen und fand ihre Geschichte sehr spannend. Peggy Guggenheim wusste, dass sie weder in ihre traditionelle Familie noch in ihre Zeit hineinpasste. Sie fand ihren Weg, indem sie sich in die Kreise der Künstler-Avantgarde begab und an den aufregendsten Orten unter den faszinierendsten Menschen ihrer Zeit lebte. In allem, was Peggy tat, dachte sie immer einen Schritt voraus – für mich persönlich machte genau das ihre Persönlichkeit aus. Und letztendlich drehte sich alles um die Kunst – die Tatsache, dass die Kunst zum ausschlaggebenden Faktor in ihrem Leben wurde.“

Grundlage der Doku sind bisher verschwunden geglaubte Tonaufnahmen von Interviews mit Peggy Guggenheim von Jacqueline Bograd Weld aus den Jahren 1978 und 1979. Vreeland entdeckte während ihrer Recherchen eine Kiste mit verloren geglaubten Gesprächen von Peggy und ihrer Biografin. Es handelt sich dabei um die letzten Aufnahmen, die vor ihrem Tod aufgezeichnet wurden und die den sensiblen und temperamentvollen Charakter der schillernden Kunstfigur ans Licht bringen.

Vreeland: „Jacqueline Bogard Welds war unglaublich großzügig und erlaubte mir, all ihr Originalmaterial durchzusehen. Wir gingen in verschiedene Räume ihres Apartments und ich öffnete manchmal frech eine Schranktür und fragte ,Wo, glaubst du, könnten diese Tonbänder sein?‘. Eines Tages dann fragte ich sie, ob sie einen Keller habe und den hatte sie. Also durchsuchte ich all die Kisten, die sich dort unten befanden, und ordnete ihre Sachen. Und plötzlich – bingo! – tauchten die Tonbänder in einem Schuhkarton auf. Es war das längste Interview, das Peggy je gegeben hatte und es bildete den Rahmen für unseren Film. Es gibt nichts mitreißenderes, als jemanden seine eigene Lebensgeschichte erzählen zu hören und Jackie war besonders gut darin, provozierende Fragen zu stellen. Man merkt, dass es Peggy bei vielen Fragen schwerfiel, sie zu beantworten, denn sie war niemand, der seine Gefühle gerne nach außen zeigte. Und das kommt im Film auch rüber, man merkt es am Klang ihrer Stimme.“

Guggenheims Erzählungen werden mit Aufnahmen aus ihrem umfangreichen Foto- und Filmarchiv optisch gestaltet. Kunstgrößen wie Larry Gagosian und der Verfasser der Picasso-Biografie, John Richards, der Kunsthistoriker und Autor Dore Ashton, die New-Museum-Direktorin Lisa Philipps und „art in america“-Herausgeberin Lindsay Pollock sowie der Schweizer Kurator für zeitgenössische Kunst, Hans Ulrich Obrist, kommen zu Wort. „Doch im Mittelpunkt des Films standen für uns die Anekdoten ihrer Freunde, auf die wir uns verlassen haben, um persönlichere Aspekte ihrer Geschichte erzählen zu können.“ Sie vervollständigen das Bild, das einfühlsame Porträt einer Frau, deren Leben mindestens ebenso faszinierend und ausgefallen war, wie die Kunst, die sie sammelte.

Eine besondere Geschichte vom Dreh hat die Regisseurin diesbezüglich auch parat: „Der Auftritt des Schauspielers Robert De Niro stellte sich als schöne Überraschung heraus, da ich zuvor nicht geglaubt hatte, dass ich tatsächlich die Chance auf ein Gespräch mit ihm haben würde. In letzter Minute stimmte er einem Interview zu und es stellte sich heraus, dass er eine engere Verbindung zu Peggys ,Art of This Century Gallery‘ besaß als irgendein anderer der Befragten, denn seine Eltern hatten beide in den 1940er-Jahren in ihrer Galerie ausgestellt. Es ist aufregend zu sehen, wie viele verschiedene Menschen von der Peggy-Guggenheim-Sammlung beeinflusst und inspiriert worden sind.“

Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Bild: mottingers-meinung.at

Bild: mottingers-meinung.at

Peggy Guggenheim - Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst. Bild: Lisa Immordino Vreeland

Peggy Guggenheims faszinierende Sammlung gilt als eine der bedeutendsten Sammlungen an Werken moderner Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie vereint eine überwältigende Fülle an Meisterwerken aus Kubismus, Futurismus, europäischer abstrakter Kunst, metaphysischer Malerei, Surrealismus, Dadaismus und amerikanischem abstrakten Expressionismus. Unter den etwa 200 Künstlern, deren Werke ihrer Sammlung angehören, sind Klee, Picasso, Mondrian, Braque, Duchamp, Kandinsky, Léger, Brancusi, Severini, Miró, Balla, Magritte, Delaunay, Pollock, Dalí, Kupka, Picabia, van Doesburg, Ernst, Giacometti, Rothko, Calder, Moore oder Marini. In ihrer späteren Wohnstätte in Vendedig, im Palazzo Venier dei Leoni, die sie 1949 bezog, wird noch heute ihre umfangreiche Kunstsammlung ausgestellt. Peggy liegt dort neben ihren geliebten Hunden begraben.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=-J4RBLXBTAc&feature=youtu.be

www.peggyguggenheim-derfilm.de

Wien, 4. 5. 2016

Anthony Hopkins ist „Hitchcock“

März 25, 2013 in Film

Nie wieder Duschen hinterm Vorhang

Alfred Hitchcock, das Original Bild: Image by © Bettmann/CORBIS

Alfred Hitchcock, das Original
Bild: Image by © Bettmann/CORBIS

Zum Sir ernannt wurde Filmgroßmeister Alfred Hitchcock ja von der dunkelhaarigen Queen. Seine vielen Filmblondinen wussten zu berichten, dass der Master of Suspense – ganz unsirig – auch im Fummeln Meister war. Nun ja, Genies dürfen so ihre Eigenheiten haben. Und Alfred Hitchcock ging schließlich nicht als Erfinder der Besetzungcouch, sondern des gut gemachten Thrillers in die Ewigkeit ein. Dafür sorgte er allein schon durch Cameo-Auftritte in seinen Werken. Unvergesslich im Profil.

Sacha Gervasi, bis dato Dokufilmer, holt den „Psycho“-Paten für sein Spielfilmdebüt auf die Leinwand zurück. Wie leinwand das ist, darüber scheiden sich die von Gervasi gerufenen Kritiker-Geister. Die er nun nicht mehr los wird … Der Inhalt seines Biopics orientiert sich aus weiter Ferne am exzellent recherchierten Buch „Alfred Hitchcock and the Making of Psycho“ von Stephen Rebello. Nur macht Gervasi aus der Sachlektüre eine unterhaltsame Ehekomödie. Auch eine Möglichkeit. Hitch ist besessen von einem Schundschocker. Die Rechte dafür hat er schon erworben. Für 9000 Dollar kaufte er (über einen unbekannten Agenten) Autor Robert Bloch 1959 seinen Roman „Psycho“ ab. Der Schriftsteller  ließ sich von dem realen Fall des Frauenmörders Ed Gein inspirieren, der zwei Jahre zuvor unweit von Blochs damaligem Wohnort in Wisconsin gefasst worden war. Die Studios – dies eine Parallele zu Gervasis Unterfangen – fassen das Skript nicht einmal mit der Feuerzange an: eine Muttermumie, ein Messermord, viel nackte Haut – und das zu Zeiten, wo das Zeigen einer Kloschüssel schon verpönt war. No way. Erst als Anthony Perkins als Norman Bates – beziehungsweise Anthony Hopkins als Hitchcock – verpflichtet werden kann, gibt es ein Go.

Doch der Duschvorhang und was hinter ihm geschah, dient im Film nur vordergründig als Handlung. Tatsächlich geht es Gervasi um das Eheverhältnis zwischen Hitchcock und seiner Frau, der Cutterin und Drehbuchautorin Alma Reville. Motto: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Bei Anthony Hopkins sind es gleich mehrere. Der Oscarpreisträger spielt zwar fanastisch alle Schrullen, Obsessionen und den makaberen Humor seiner Figur wie einen Joker nach dem anderen aus, hat Diktion und Körpersprache der Originals – wie man es von ihm gewohnt ist – verinnerlicht, wirkt aber durch die missglückte Arbeit der Makeup-„Künstler“ optisch wie Madame Tussauds entsprungen. Die Damen sind nicht nur schauspielerisch brillant, sondern auch schön getroffen: Helen Mirren, ebenfalls bereits oscarbepreist, als Alma ist die wahre Heldin des Films: des legendären Zampanos stets unbedankte Ideenlieferantin, die durch Schnitt und Musikauswahl viel zur Spannung der Filme beitrug. Scarlett Johansson (als Duschszenen-Opfer Marion/Janet Leigh) und Jessica Biel (als ihre Schwester Lila/Vera Miles) sind großartig als Hitchcock’sche Klischee-Blondies. Toni Colette in Brünett mimt die patente, gestrenge Produktionsassistentin Peggy Robertson.

Was den Film für Menschen mit Humor noch sehenswert macht: Gervasi persifliert „Psycho“-Szenen, indem er sie von Hitch/Hopkins vorführen lässt. So beobachtet der Regisseur seine Darstellerinnen ebenso durch ein Loch in der Wand, wie Norman Bates seine Opfer. Diesen, also Anthony Perkins, spielt James D’Arcy. Und es ist nur eine der Anekdoten, die Gervasi in seinem Film aufkocht, dass sich der Filmemacher ihm mit folgendem Satz vorgestellt haben soll: „You may call me Hitch. Hold the Cock“. Das kann man mögen. Oder nicht. Wir mögen’s.

Hitchcock, USA 2012. Regie: Sacha Gervasi; mit Anthony Hopkins, Helen Mirren, Toni Collette, Danny Huston, Scarlett Johansson, Jessica Biel, Michael Stuhlbarg.

www.hitchcock-derfilm.de

www.hitchcockthemovie.com

Trailer auf Deutsch: http://www.youtube.com/watch?v=I-JJOcg1KgI

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 3. 2013