Volkstheater: Peer Gynt

Dezember 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bizarres Treiben in der kleinen grauen Zelle

Günter Franzmeier, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Stefan Suske, Evi Kehrstephan, Andreas Grötzinger und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Die Welt in meinem Kopf, durch die ich Ich bin“, weist Peer im vierten Akt gegenüber der illustren Runde Master Cotton, Monsieur Ballon nebst Frau von Eberkopf und dem Trumpeterstraale als das „Gyntsche Prinzip“ aus – die ihn darob zum Dichter und Denker küren, bevor sie den skrupellosen Schweinskerl im nunmehr Ex-Geschäftspartner entdecken. Auf diese Innen- schau fokussiert Viktor Bodó bei seiner Interpretation des dramatischen Gedichts von Henrik Ibsen: „Peer Gynt“ als vorerst letzte Inszenierung des

Budapester Regisseurs am Volkstheater. Der sich, von Anna Badora über Düsseldorf und Graz nach Wien mitgebracht, am Premierenabend sichtlich gerührt für die stets freundliche Aufnahme seiner Szputnyik Shipping Company bedankte – und es steht zu hoffen, dass einem irgend Verantwortlichen eine Eingebung kommt, wie dieser Ausnahmekünstler in der Stadt zu halten ist. Bodó selbst ist um Ideen nie verlegen, sind andere, auch höchst renommierte Regisseure oft genug One-Trick Ponys, hat man von ihm noch keine zwei Arbeiten gesehen, die sich auch nur annähernd ähneln. Und so hat Bodó auch diesmal eine völlig neue Gedankenwelt erfunden, eben die von Peers Gehirn, so ist zu deuten.

Dieses ist eine am Haus natürlich nicht so kleine graue Zelle, das Bühnenbild von Ágnes Bobor, ein in seiner Schlichtheit – mit sozusagen in der Unendlichkeit liegendem Fluchtpunkt – spektakulärer Raum, dessen Perspektiven sich zu immer wieder ungeahnten Öffnungen verschieben, um den ganzen Kosmos des Selbst-, nicht Sinnsuchers zu illustrieren. Deren drei in drei Lebensaltern sind Bodós Peers. Nils Hohenhövel, Jan Thümer und Günter Franzmeier gleich dem alten, dem jungen und dem kleinen Stanislaus – und es ist erstaunlich bei zugegeben physiognomisch perfekter Passform, wie sehr das Darsteller-Trio ein Geist und Körper ist, in brillanter Interaktion, im Infight mit sich selbst, wie sie da mit Gesten oder aus voller Kehle das eigene Tun zu anderer Zeit kommentieren, einander in Schreckmomenten im Stich lassen, sich auch im Zwiegespräch selbst entlarven.

Jan Thümer, Nils Hohenhövel und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dorka Gryllus als Ingrid und ihr Entführer Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schiffbruch im Schlauchboot: Günter Franzmeier als Peer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jedem sind dabei seine Momente geschenkt. Hohenhövel, als er Braut Ingrid auf den zweiten Rang entführt und sie dort zum Gaudium des Publikums lautstark liebt, und anrührend bei der Himmelskutschenfahrt mit der sterbenden Mutter Aase. Thümer im Aufeinanderprallen mit der Grüngekleideten, samt Sex und versuchtem Augenausstechen im Troll-OP, und großartig als reicher Sklavenhändler in Marokko, wo er mit seinem hochmütigen Geschwätz die ganze Hohlheit der Figur Peer Gynt ausstellt. Franzmeier unter anderem beim schlussendlichen Schiffbruch, und freilich darf der Schauspielstar einmal mehr mit seinem Können als E-Gitarrero glänzen. Die Peers werden nämlich zu Rockband-Propheten, der jüngste am Schlagzeug, der mittlere sich immerhin tapfer an der Six-String festhaltend.

Wortgewandt wirft man einander Flunkereien und Lügengeschichten zu, um die große, die des Lebens zu übertünchen, wann immer den einen seine Verkommenheit in eine Sackgasse führt, wissen die anderen beiden einen Fluchtweg. Bodó erzählt ein surreales Lügen-Märchen. „Peer Gynt“ ist in dieser Aufführung buchstäblich ein Schelmen-Stück, ein bizarr-poetischer Albtraum, und Ibsens Anti-Held, wiewohl eine Ur-Ich-AG von derart überheblicher Arroganz und Selbstgefälligkeit, dass ihn diese Egomanie zu einem sehr heutigen Charakter macht, ein durchaus nicht unsympathischer Protagonist.

Begleitet wird dieser von drei Akteurinnen und drei Akteuren, die mit überbordender Spiellust jeweils mehrere der zum Narren gehaltenen Narren verkörpern: Steffi Krautz ist unter anderem eine resolute Mutter Aase, im Rollstuhl zwischen Festnetztelefon und Röhrenfernseher, deren lapidares „Läg‘ ich doch im schwarzen Sarg“ auf Peers Bocksritt-Schwindel der erste Lacher des Abends ist, und macht ihr Erscheinen als ägyptische Säule zum dadaistischen Kabinettstück. Evi Kehrstephan ist vor allem eine kesse, Wind und Wetter beherrschende Grüngekleidete, ein Monsterauftritt, den nicht einmal Stefan Suske als deren Vater und verbeamteter Trollkönig, der Dovre-Alte, toppt. Suske macht auch den lautmalerisch parlierenden Haegstadbauer, der seinem Bräutigam/ Sohn auf die Sprünge, heißt: ins Hochzeitsbett helfen will – Günther Wiederschwinger, der, ob Eheaspirant, Troll oder Master Cotton, beständig über dasselbe, selbstverständlich nicht vorhandene Hindernis stolpert.

Tête-à-Tête mit des Trollkönigs Tochter: Evi Kehrstephan, Günter Franzmeier, Nils Hohenhövel und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Troll-OP: Grötzinger, Kehrstephan, Suske, Thümer, Wiederschwinger, Hohenhövel und Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Habgierige Handelspartner aus aller Welt: Suske, Steffi Krautz, Thümer, Grötzinger und Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für mich soll’s schwarze Bälle regnen: Günter Franzmeier, Stefan Suske und Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was Bodó zeigt, ist im besten Sinne Absurdes Theater, seine konzise Spielfassung irr witzig, detailverliebt und ausgestattet mit einer ausgeklügelten Bewegungschoreografie, besonders für die drei Peers, die die stets nur flüchtige Begegnung mit Kehrstephans Solvejg auf der Stelle tretend, den Messerkampf mit der Troll-Prinzessin in Zeitlupe absolvieren. Dorka Gryllus lässt sich als Braut Ingrid allzu bereitwillig vom ersten Peer verführen, und raubt als exotisch-erotisches Groupie Anitra den dritten bis zu den Hi-Hats aus. Sollte jemals Ibsens Intention die Satire gewesen sein, so erfüllt Andreas Grötzinger diese Vorgabe vom Feinsten. Egal, ob als Haudrauf-Schmied Aslak, Peers hässlicher Troll-Sohn oder bärbeißiger Schiffskapitän, er ist in jeder Szene ein Gewinn. Und ein Hauptgarant fürs Gelingen des Bodó’schen Slapstick – herrlich allein schon sein Strickmützentrick.

Schwarze Bälle regnet’s vom Himmel, gegen die Suske flugs einen Regenschirm aufspannt, die profitgierigen Businessmenschen, nicht die Trolle tanzen zu Edvard Griegs entsprechendem Marsch, im Nebel schälen sich die Peers aus der Zwiebel, legen Schicht für Schicht ihre Kleidung ab, bis sie im Halbdunkel nackt dastehen, als wär’s ein Ecce homo des Homo mendax. Im Kairoer Irrenhaus wird dem Selbstsuchtkaiser Peer eine Zahnkrone aufgesetzt. In dieser Groteske nämlich lässt Bodó die Reise enden, beim Tod der absoluten Vernunft, ein Wiedersehen mit, die Erlösung durch Solvejg gönnt er Peer nicht. Das Ensemble schleppt sich erst wie wiedergängerische Geisteskranke an die Rampe, dann starten Kehrstephan und Krautz die Psychoanalyse. Suske gibt einen schusseligen Doktor Begriffenfeldt. Die kleine graue Zelle, Peer muss nicht dem Knopfkönig, sondern seinen Alter-Egos Rechenschaft ablegen, hier schließt sich der Kreis. Der Premierenjubel war groß.

www.volkstheater.at

  1. 12. 2019

Bruno Max macht Theater im Bunker

Juli 4, 2013 in Tipps

„Peer, du lügst!“

Bruno Max Bild: Theater zum Fürchten

Bruno Max
Bild: Theater zum Fürchten

Am 11. August hat Luftschutzstollen Mödling „Peer, du lügst!“ Premiere. Die ausgedachten Leben des Peer Gynt.Ein extravagantes Stationentheater nach Ibsen. Bereits zum fünfzehnten Mal werden die rund einen Kilometer langen Tunnel des 1941- 43 entstandenen und damals für rund 8000 Menschen vorgesehenen Luftschutzstollens einer ebenso extravaganten wie friedlichen Nutzung zugeführt: Als das ungewöhnlichste Theater Österreichs. Auch die Arbeitsweise unterscheidet sich von konventionellen Theaterproduktionen ganz wesentlich: Alle mehr als fünfzig Mitwirkenden sind nur für einen kleinen Abschnitt und ihre eigene Szene verantwortlich, die jede Viertelstunde neu aufgeführt wird, der Gesamteindruck entsteht im Kopf der Zuschauer, die in kleinen Gruppen die Gewölbe durchwandern. Buch und Regie ist von „Theater zum Fürchten“-Gründer Bruno Max. Bühne: Marcus Ganser. Kostüm: Alexandra Fitzinger. Maske: Vera Priburk.

Seit 1999 betreiben Theater zum Fürchten und Bruno Max in dem kilometerlangen Stollensystem des ehemaligen Mödlinger Luftschutzstollens einmaliges und extravagantes Stationentheater. Wie man sich das vorstellen kann? Simpel gesprochen: Eine theatralisch-literarische Geisterbahn, das Publikum sind die „Wägelchen“ , die Künstler die „Erscheinungen“. Alle zehn bis fünfzehn Minuten startet eine Gruppe Zuschauer und begegnet auf der Wanderung durch die Stollen Schauspielern, Bildern , Installationen und Szenen , aus denen sich im Kopf des Betrachters ein Stück zusammenpuzzelt. Ein Theaterereignis der sehr besonderen Art!

www.theaterzumfuerchten.at/theaterimbunker/produktionen/2013-stueck.htm

Von Michaela Mottinger

Wien, 4. 7. 2013

Interview: Irina Brook

Februar 8, 2013 in Bühne

 

Peer Gynt als Rockopa und Prospero als Koch

Irina Brook, Tochter von Theaterlegende Peter Brook, zeigt bei den Salzburger Festspielen zwei Produktionen: „Peer Gynt“ und Shakespeares „Sturm“.

Auf der Halleiner Perner Insel gehen gerade die Proben zu Ende. Schauspieler strömen aus dem dunklen Bauch der alten Saline in den sonnigen Innenhof. Es wird gelacht, eine Gitarre ausgepackt, getanzt, gesungen. Hinter ihrer Truppe kommt Regisseurin Irina Brook ins Freie. Eine zierliche, blonde, starke Frau. „Uff“, sagt sie erst einmal, nimmt sich ein Fläschchen Mineralwasser, kämpft mit einer widerspenstigen Haarsträhne. Dann erzählt sie.

KURIER: Salzburgs neuer Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf will mit fremdsprachige Produktionen internationales Publikum ins Sprechtheater holen. Sie sind die erste, die er  einlud. Wie kam’s?

Irina Brook: Ja, die allerallererste! Es ist eine Ehre. Wie es dazu kam, das müssen Sie Sven-Eric Bechtolf fragen. Ich glaube, er mag einfach was und wie wir es machen. Wir reden seit zwei Jahren über eine Zusammenarbeit, wir haben einen ähnlichen Theatergeschmack – und mochten beide, was wir über einander hörten. Wir sprachen über Dinge, bei den Worte wie Märchen, Magie und „big show“ fielen …

Und so zeigen Sie heuer auf der Perner Insel als Neuinszenierung, als Eigenproduktion der Festspiele, „Peer Gynt“ (Premiere: 30. 6.) in englischer und als Gastspiel „La Tempete“ in französischer Sprache.(Premiere: 24. 8.). Beim Versuch, „Peer Gynt“ zu inszenieren, kann man nur in Schönheit scheitern.

Ich hoffe, das tue ich. (Sie lacht.) Das gilt übrigens auch für Shakespeare. Vielleicht bin ich masochistisch, vielleicht liebe ich Herausforderungen; ich mag es einfach mich mit schwierigen Dingen zu beschäftigen. Da habe ich „Nahrung“ für mich und meine Schauspieler, da erwacht mein kreatives Herz, das macht eine Probe doch erst aus, wenn man gemeinsam überlegt, wie man so eine Riesensache plausibel erzählen kann.

Bei „Peer Gynt“ haben Sie 14 Schauspieler, Musiker, Tänzer, Sänger aus Indien, Japan, Ruanda, um nur die exotischsten zu nennen. Ihr Hauptdarsteller ist aus Island. Ist das Wechseln zwischen Kulturen Teil Ihrer Natur?
Ich bin mit dieser Art von Theatertruppe groß geworden, meine Welt ist multikulturell. Für mich ist das normal, alles andere wäre seltsam. Wir repräsentieren „die Menschheit“. Je mehr man Kulturen mixen kann, umso reicher wird eine Aufführung.

Ihr „Peer Gynt“ wird eine Art Rockstar sein, der seine besten Zeiten schon hinter sich hat?
Ich wollte die Geschichte in einer modernen, in meiner Sprache erzählen. Peer träumt ja seine ganze Jugend davon, reich und berühmt zu sein, ich hätte aus ihm also auch einen Businessman machen können, aber das wäre weniger lustig gewesen. Und heutzutage träumen die Kids doch davon, Rockstar, Hollywoodstar oder etwas in der Richtung zu werden. Deshalb habe ich mich für diese Metapher entschieden. Ich bin fasziniert von seiner „Suche“, ich bin fasziniert von Männern, von Antihelden, die sich im Leben verloren haben. Für mich muss er von Anfang an jemand sein, der das Publikum emotional berührt, nicht, dass alle gleich von Anfang an sagen: Was ist das für ein Kotzbrocken? Wenn er so wäre – ohne eine zweite Schicht – würde Solveig nicht ein Leben lang zu ihm halten.

Und „La Tempête“? Bei Ihnen ist Prospero ein italienischer Koch?
Er leitet ein Restaurant, das aber gleichzeitig auch eine Art Zirkus ist. Das Ganze ist sehr inspiriert vom italienischen Film der 50er-Jahre, von Fellini, es ist sehr „magisch“, emotional. Die Tiefe von Shakespeares Worten wird ein wenig von Musicaltheater überdeckt.

Ihr Vater hat vor Jahren bei den Wiener Festwochen seinen legendären „Tempest“ präsentiert, der war mehr in einem „zenbuddhistischen“ Milieu angesiedelt. Wie würden Sie, können Sie Ihre Ästhetik im Vergleich zu seiner beschreiben?
Ich bin sehr glücklich, dass einer der außergewöhnlichsten, begnadeten Regisseure ausgerechnet mein Vater ist. Ich hatte also nie Grund gegen ihn zu rebellieren, ich habe von ihm all meine Ideen über Humanität und wie Theater das Leben von Menschen verändern soll. Er hat seine Arbeiten im Laufe seiner Karriere mehr und mehr geschliffen, ist immer klarer und puristischer geworden. Bei mir ist alles noch mehr Rock`n`Roll. Ich bin eine andere Generation, habe Punk gehört, höre HipHop – da inspirieren mich natürlich ganz andere Einflüsse als ihn.

Sie sind ursprünglich den Fußstapfen Ihrer Mutter gefolgt, waren 15 Jahre lang Schauspielerin. Haben Sie deshalb heute mehr Empathie für die Probleme, den Schmerz Ihrer Schauspieler?
Unbedingt. Denn ich war als Schauspielerin sehr unglücklich und möchte unbedingt, dass sich die Leute in meinen Produktionen wohlfühlen, dass die Stimmung gut ist. Ich dachte als Mädchen, ich muss wie meine Mum sein. Ich hatte nie das Selbstvertrauen, wie denken, ich könnte wie mein Vater sein. So ging ich nach New York, arbeitete als Kellnerin und habe gleichzeitig Off-off-off-off-Broadway gespielt – also wie in einer Hollywoodschnulze – und war sehr unglücklich. All diese Regisseure, die mit einem herumkommandiert haben, die keine Interesse an meiner Meinung hatten, für die man wie ein Gegenstand war, den sie auf einer Bühne drapieren konnten, so wollte ich nie sein. Mir geht es um den Spirit, das Gruppengefühl, das muss bei einer Arbeit stimmen. Deshalb bereiten wir uns mit Workshops und mit Körpertraining, mit Yoga auf eine Inszenierung vor.

Das Selbstvertrauen zum Regieführen gab Ihnen dann Ihre Hochzeit …
Ich habe russisch-orthodox geheiratet und wollte, das alles perfekt ist. Also konnte das niemand außer mir machen! Die Kellner durften nicht nur so servieren, sondern mussten eine gewisse Attitüde annehmen. Die Dekoration, die Blumen, alles musste passen. Und dann dachte ich: Wenn ich das inszenieren kann, kann ich alles inszenieren. Ich habe ja beim Théâtre du Soleil „gelernt“ und werde nun im September in einem Vorort südlich von Paris mein erstes, eigenes Theater eröffnen, ein „Traumtheater“, das aus mehreren alten Lagerhäusern besteht, wo ich hoffe, meine Vorstellungen noch besser umsetzen zu können. Es soll mehr werden, als ein Theater, ein Meeting Point, ein Seminarzentrum. Das wird sehr cool. Ich hätte allerdings auch Hochzeitsplanerin werden können. (Sie lacht.)

Stimmt ’s, dass Sie „Der leere Raum“, die theatertheoretische „Bibel“, die Ihr Vater 1969 schrieb, nie lasen?
Ja, aber ich werde es vielleicht jetzt tun, wenn ich nach Salzburg nach Hause komme. Ich denke, jetzt, wo ich selber ein Theater aufmache, bin ich reif dafür und kann meine Herkunft „umarmen“. Ich hätte auch nie daran gedacht Les Bouffes du Nord von ihm zu übernehmen, und er hat mich sehr klug davor bewahrt, mich Vergleichen und Anspielungen auf seine Person auszusetzen. Ich habe das alles erst verstanden, als ich älter geworden bin …

Was erwarten Sie sich von Salzburg?

Ich habe keine Ahnung, wie das Publikum hier ist. Die Festspiele hier sind ja berühmt als Opernfestival. Ich hoffe, dass die Menschen, die in meine Aufführungen kommen, offen dafür sind, sich ein paar Stunden lang in eine andere Welt versetzen zu lassen, alles, was „draußen“ ist vergessen. Dass sie wieder Kind werden. Das kann man nämlich, ohne „kindisch“ zu sein.

Zur Person: Befreit von den Promi-Eltern

Irina Brook
Geboren 1963 in Paris. Tochter von Theaterlegende Peter Brook und Schauspielerin Natasha Perry. Ging mit 18 nach New York, um bei Stella Adler zu studieren, wechselte später vom Schauspiel zur Regie. Lernte bei Ariane Mnouchkine. Gründete 2008 ihre eigene Compagnie, inszeniert Theater und Oper.

Prix Molière
Gewann mehrmals den Theaterpreis Prix Molière. Wurde 2002 vom französischen Kulturminister zum Chevalier des Arts et des Lettres ernannt. Die englische Übersetzung von „Peer Gynt“ stammt von US-Autor Sam Shepard, die Musik von Iggy Pop.