I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

www.not-your-negro.de

Wien, 23. 6. 2017

Der junge Karl Marx

März 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Erfinder des Kommunismus

Stefan Konarske als Friedrich Engels, August Diehl als Karl Marx: Bild: Filmladen

Es ist eine gute Idee von Regisseur Raoul Peck, seinen Film mit einer Szene anzufangen, in der zerlumpte Gestalten im Wald Äste und Zweige zum Beheizen ihrer Behausungen sammeln. Doch das Holz, natürlich, es hat einen Besitzer – und so wird das ärmliche Volk von Berittenen gejagt, geschlagen, einige getötet. Karl Marx schrieb darüber einen frühen Artikel in der Rheinischen Zeitung von 1842 – „Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz“.

Durch die Filmsequenz gewinnt sein Artikel soziale Anschaulichkeit. An dieser Schnittstelle von Biopic, Thesenfilm und Agitationskino bewegt sich Pecks Arbeit „Der junge Karl Marx“, die am 24. März in die heimischen Kinos kommt. Peck zeigt einen widerständigen, vor viriler Kraft strotzenden Karl, der so gar nicht ins bekannte Bild des besonnenen Rauschebartträgers Marx passt. Er zeigt den späteren Vater des Kommunismus als hingebungsvollen Familienvater und liebevollen Freund. Dass der Regisseur und Drehbuchautor bei seiner Darstellung der historischen Figur punkto Sympathiewerte das eine oder andere Auge zugedrückt hat, kann man in der Literatur nachlesen.

Der Film bewegt sich in der Zeitspanne zwischen 1843 und dem Revolutionsjahr 1848. Und er beleuchtet in erster Linie das Zusammenfinden der großen materialistischen Denker Marx und Friedrich Engels. Zeigt, wie sie die Hegel’sche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellten, zeigt zwei, die die Welt nicht länger im Stile der Philosophen interpretieren, sondern verändern wollten. Wäre diese Begegnung nicht wahr, man hätte sie nicht besser erfinden können, hie der notorisch bankrotte Gesellschaftstheoretiker, da der dandyhafte Fabrikantensohn, der in den Familienwerken auf das Leid der Arbeiterklasse stößt, hie der „atheistisch-jüdische Sozialist“, wie ihn seine Gegner nannten, der die adelige Jenny von Westphalen heiratet und mit ihr Kind um Kind (insgesamt sieben) zeugt, da der Gutsituierte, der in geheimer Ehe mit der Baumwollspinnerin und frühen Suffragette Mary Burns lebt.

Fabrikantensohn Friedrich liebt die Arbeiterin Mary Burns: Stefan Konarske mit Hannah Steele. Bild: Filmladen

Nicht nur Genossen, sondern auch Freunde: Stefan Konarske und August Diehl. Bild: Filmladen

Bei seinen Hauptdarstellern weiß Peck diese Protagonisten in guten Händen. August Diehl gestaltet einen flamboyanten und arroganten Mann mit Zylinder; er hechtet sozusagen vom Glück des Ehebetts Richtung Schreibtisch, um dort Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“ mit seinem Traktat „Elend der Philosophie“ zu vernichten. Er brüskiert die oberen Einhundert, berserkert in Vorträgen vor dem Volk, ist absolut glaubhaft als einer, der „endlich mit Keulen, statt mit Nadelstichen kämpfen“ will. Der Anecker und der Ausgleicher: Stefan Konarskes Engels ist dagegen der Geschmeidigere, Diplomatischere.

Und so ist es kein Wunder, dass er Marx’ Sprachrohr wird. Man hat leere Kassen, aber die mit Stil. Man lebt durchaus bourgeois – Familie Marx sogar mit Kindermädchen. Peck und seine Schauspieler haben die Charaktere fein gezeichnet, der überlebensgroße „Kapital“-ist und seine Mitstreiter sind mehr als menschlich und ergo widersprüchlich und Peck liebt sie sichtlich in all ihren Gegensätzen. Optisch hat er seinen Film an jene dekorativen Historienspektakel angedockt, wie man sie vor allem aus dem britischen Kino kennt. Er stellt die Armut und das Elend opulent aus.

Der Tonfall ist pathetisch, aber er trifft wohl den der ersten Revolutionäre – und auch den späterer Politiker. Dann wieder juxt Peck herum – es gibt komödiantische Verfolgungsjagden mit der Pariser Polizei, Marx und Engels dabei wie zwei erhitzte, übermütige Jünglinge. Eine besondere Rolle in „Der junge Karl Marx“ kommt den beiden Ehefrau zu, und so wandelt sich das dynamische Duo bald zum revolutionsdurchdrungenen, hochintellektuellen Quartett. Vor allem Vicky Krieps als Jenny Marx zeichnet das Bild einer Frau, die sich die Emanzipation nicht auf die Fahnen heften musste, weil ihr Mann sie stets als gleichberechtigte Partnerin im Alltag wie in der gesellschaftstheoretischen Diskussion gesehen hat. Hannah Steele ist als Mary Burns direkter im Angriff und kompromissloser im Ideenaustausch –die beiden werden so zu direkten Gegenparts ihrer jeweiligen Ehemänner.

Mit Marx‘ Ehefrau Jenny: Vicky Krieps mit August Diehl und Stefan Konarske. Bild: Filmladen

Erstaunlich, um nicht zu formulieren erschreckend, ist die Aktualität des Films. Wie wenig hat sich bewegt! Und wenn, dann nur Richtung sogenannter „Dritter Welt“. Peck zeigt eine Zeit, in der sich der Wert des Menschen im Wert seines Besitzes manifestiert – und setzt dagegen das kommunistische Manifest.

Er zeigt, eine Gesellschaft, in der „Das Kapital“ immer an der gleichen Stelle wächst. Er zeigt einen „Markt“, der ja nichts anderes als der Schulterschluss der Wohlhabenden ist, der wie ein Lebenwesen betrachtet wird, das ohne die Verfütterung billiger Arbeitskräfte keinem Profit erbringen kann. Peck zeigt auch, wie Marx und Engels den Bund der Gerechten sprengen, Vordenker wie den Anarchisten Bakunin oder den moderaten Sozialisten Weitling aus ihren Positionen hieven. In einer Schlüsselszene, einer Versammlung, reißen sie das Banner des Bundes von der Wand und heften das ihre an: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es gibt Graben- und Flügelkämpfe und immer wieder den Wunsch, „nicht eine intolerante Religion durch die nächste zu ersetzen.“ Das ist, lässt sich retrospektiv sagen, nicht geglückt.

Am Ende des Films schreibt Karl Marx die berühmten Zeilen „Ein Gespenst geht um in Europa …“ – wie anders das heute klingt, dies „Gespenst“ des Kommunismus, da man weiß, wie Marx’ hehre Ideen vom Ungeist der ausführenden Apparatschiks zu Tode gebracht wurden. August Diehl jedenfalls brilliert als Karl Marx. Und seine prägnante Darstellung macht eines klar: Menschenwürde ist kein Tauschwert auf dem Finanzmarkt der Eitelkeiten. Die Zweifel am kapitalistischen System nehmen dieser Tage wieder zu – und womit? Mit Recht!

www.der-junge-karl-marx.de

Wien, 23. 3. 2017

Moby Dick im MuTh

Februar 19, 2013 in Tipps

Kinderoper und Fotoausstellung von Erich Lessing

Am 22. Februar hat im Wiener MuTh die erste Kinderoper (ab acht Jahren) Premiere. Die Wiener Sängerknaben singen und spielen „Moby Dick“ nach dem Bestseller von Herman Melville. Erzählt wird die bekannte Geschichte vom rachebesessenen Kapitän Ahab und dem legendären Wal Moby Dick. Ishmael und sein Freund Queequeg schiffen sich auf der Pequod ein. Bald stellt sich heraus, dass der finstere Mann mit dem Holzbein nur ein Ziel hat: den berühmten und berüchtigten weißen Wal zu erlegen! Ob er es schafft? Oder gewinnt Moby Dick? Das muThige Publikum ist aufgefordert zu helfen: den Shanty von Ruben Ranzo, der ein Walfänger wurde, muss man einfach mitsingen!

Musik: Raoul Gehringer, Text: Tina Breckwoldt, Musikalische Leitung: Manolo Cagnin, Regie: Katrin Hiller.

Ausstellung im MuTh

Gregory Peck in „Moby Dick“
Bild: Erich Lessing
cimic photography galerie

Begleitend zur Oper sind in einer Ausstellung die legendäre Fotos zu sehen, die der einzige noch lebende österreichische Magnum Fotograf Erich Lessing  1956 bei den  Dreharbeiten  von  John Houston’s Moby Dick, mit Gregory Peck als Kapitän Ahab schoß. Seine Fotografien dokumentieren die harte Arbeit, aber auch den Spaß zwischen Fiktion und Realität zu wechseln. So verwandelt sich der weiße Wal in eine mechanische Puppe, die Gischt kommt aus dem Schlauch und Gregory Peck ist froh, sicham Ende des Drehs endlich seinen Bart abschaben zu können.

Bis 31. März, täglich zwischen 16.00 und 18.00 Uhr und bei Vorstellungen.

www.muth.at

Von Michaela Mottinger
Wien, 19. 2. 2013