Alexander Pechmann: Sieben Lichter

April 11, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gevatter Tod ist mit an Bord

Die sieben Lichter, um kurz den Titel zu erläutern, das sind die sieben Seelen von Toten, und deren Mörder wird am Ende des Buches schreiben: „Die Lichter schreien, sie lassen mich nicht schlafen …“ Der Steidl Verlag hat Alexander Pechmanns 2017 erschienenem Schauerroman „Sieben Lichter“ eine zweite Auflage gegönnt, nun können Fans, die erst mit der „Nebelkrähe“ eingestiegen sind, nachlesen, was weiland auf der „Mary Russell“ geschehen ist – wobei der Autor geschickt wie stets seine Fantasie unter die Fakten mengt.

Pechmanns Story über das Geisterschiff mit dem Sensenmann im Schlepptau beruht nämlich auf einer wahren Begebenheit: Im Juni 1828 erreicht die „Mary Russell“ die irische Hafenstadt Cove – an Bord sieben brutal abgeschlachtete Crewmitglieder und Passagiere. Drei Schiffsjungen und der schwerkranke, elfjährige Sohn des Reeders haben das Massaker überlebt, der Kapitän, William Stewart, ist spurlos verschwunden. Noch vor der offiziellen Untersuchung des Falls verschafft sich der berühmte Arktisforscher und Theologe William Scoresby Gelegenheit, die überlebenden Zeugen zu befragen …

… und hier hakt Pechmann, der Scoresbys Schriften und Bücher über ihn studierte, ein, mit dem Ich-Erzähler Colonel Fitzgerald, einer Figur ähnlich Watson zu Holmes oder Hastings zu Poirot, dessen Schwester der Mann, der die Teerjacke gegen den Talar tauschte, ehelicht, und den der bekennende Agnostiker und ehrenamtliche Magistrat des Landkreises mit einiger Skepsis als „ein halbes Dutzend Persönlichkeiten“ beschreibt: als gütigen englischen Gentleman, als Seemann mit schwieligen Händen, Naturforscher und Dozent über den Erdmagnetismus, Balladen-Rezitierer, als gottesfürchtigen Kleriker und Schwärmer, wenn’s um Frauen geht – mit einem Wort, ein selbstgefälliger Schwadroneur vor dem Herrn.

„Ein, zwei Gläser Wein hätten mir zynische Kommentare zu seiner Weltweisheit entlockt, denn ein neunmalkluger kleiner Teufel flüsterte mir ständig ins Ohr, ich solle die naive Frömmigkeit Scoresbys auf die Probe stellen.“ Doch schon ist Fitzgerald mit dem Schwager unterwegs zur Brigg, wo er nach einem Blick in die blutgetränkte Kajüte und auf die eingeschlagenen Schädel erst mal sein „reichhaltiges Frühstück hustend und würgend ins Meer“ spuckt. Pechmann hat sich den Seemannsjargon perfekt angeeignet, seine Gothic-Sprache, deren verwehend romantischer Tonfall ihn als Übersetzer von Mary Shelley und Herman Melville ausweist, lässt Charaktere entstehen und entwickelt darüber hinaus den Pechmanns Büchern eigenen Pageturner-Sog.

Unverständlich, warum noch niemand eine Verfilmung der Gruselliteratur des Wiener Autors in Betracht zog. Brillant einmal mehr Pechmanns Personenbeschreibung, seine Momentaufnahmen von Schock und Schrecken. Von den traumatisierten Schiffsjungen, „während der Jüngere mit leerem Blick in der Nase bohrte, zwinkerte und grinste der Ältere, als wolle er uns ein kleines, schmutziges Geheimnis verraten“, bis zum sinistren Vollmatrosen Howes, dessen „zernarbtes und zerfurchtes Gesicht nicht recht zu dem fast jugendlich strammen Körper passte. Ebenso wenig seine Augen. Alte Augen …“

Was nun beginnt, sind Scorebys Verhöre, die Fitzgerald als eine Art Vernehmungsprotokolle festhält. Scoresby führt Gespräche mit dem amerikanischen Kapitän Callendar, dessen Schoner Stewarts Geisterschiff in den Hafen schleppte, mit Howes und dem schwerverletzten Ersten Steuermann Smith – „ein Ohr war zerfleischt, ein Auge ausgestochen“, mit den Schiffsjungen Deaves, Scully und Rickards, schließlich mit dem schwindsüchtig in seiner Koje liegenden Reedersprössling Tom Hammond, mit an Bord, weil ihm die Seeluft Erleichterung von seinem Leiden schaffen sollte.

All diese Aussagen werden für Scoresby, Fitzgerald und die Leserin, den Leser zu Puzzlesteinen, die sich zum mystisch flirrenden Gesamtbild zusammensetzen. Und apropos, Bild: Wie in jedem guten Thriller ist hier kein Hinweis überflüssig, keine Bemerkung, kein Satz zu viel. Obacht also, wenn’s um albtraumhafte Visionen und eine Kupferstich-Sammlung von Royal-Navi-Schiffen geht, auf denen allesamt gemeutert wurde, oder um einen Gedichtband von Lord Byron – „Purpurne See weissagt der Sonne Nahn / Eh sie emporsteigt, ist die Tat getan“.

Das verschwommene Schlachtengemälde, das sein Rätsel nicht preisgeben will, ist in etwa dieses: Auf der „Mary Russell“ gab es einen Aufstand – oder auch nicht. Weil Kapitän Stewart offensichtlich den Verstand verloren hatte – oder auch nicht. Die Matrosen haben, laut dem sich hektisch vor und zurück wiegenden Smith, ihren Verrat gestanden – oder sind von Stewart zum Geständnis gezwungen worden. Der gute Christ Stewart, unbescholtener Familienvater und zu allem Übel ein Bekannter Fitzgeralds, konnte also entweder die Meuterei rechtzeitig erkannt oder in seinem Wahn sieben Menschen mit der Axt ermordet haben …

„Deaves behauptete steif und fest, die gesamte Mannschaft habe sich gegen Stewart verschworen, doch der Kapitän hätte rechtzeitig Lunte gerochen und dem Schurkenstück ein Ende gemacht.“ Callender berichtet, Stewart rief aus einem Kajütfenster „Um Himmels Willen helfen Sie mir!“, doch als sich die Mannschaft des US-Schoners näherte, „begrüßte uns Stewart herzlich, übertrieben herzlich, und meinte, die Meuterer seien besiegt. Er schien angesichts des Blutbads wenig beeindruckt: ,Da liegen sie‘, sagte er abfällig, ,wie die Lämmchen beim Schlachter.‘“ Das war kurz bevor Stewart ins Wasser sprang und … mehr weiß Callender nicht.

Dafür John Howes. Ihm zufolge war der Kapitän irre und beschuldigte die Mannschaft „die schwarze Flagge hissen und auf Kaperfahrt gehen zu wollen“, bevor er sie überwand und an Haken fesselte, mithilfe der Schiffsjungen, die „bewaffnet mit ner Harpune, nem Kappbeil und nem Dreizack an Deck patrouillierten“. Unter etlichen „Entschuldigen Sie, Reverend, Sir!“ für die Kraftausdrücke schildert Howes seine Überzeugung, „es war, als hätten wir in Bridgetown [denn zur Hauptstadt von Barbados segelte die „Mary Russell“ mit ihrer Ladung lebender Maultiere, für die Rückfahrt lud sie sündteuren brauen Zucker, Anm.] es war, als hätten wir in Bridgetown was Unheimliches an Bord geholt, was Böses, das die Sinne verwirrt und den Geist vernebelt.“

Endlich! Übersinnliches! Etwas, das Fitzgerald freilich so nicht stehenlassen will: „Ich frage mich, warum immer höhere Mächte dafür verantwortlich gemacht werden, sobald etwas Schreckliches oder Unbegreifliches geschieht. Als ob Menschen unfähig wären, Böses zu tun.“ Zu viele Ungereimtheiten hätten die Einvernahmen bisher ergeben, Unstimmigkeiten, die Fitzgerald quälen, „wie entsetzliche Misstöne in einem Musikstück“.

Bild: pixabay.com

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Wie konnte Stewart aus zwei Pistolen auf seine Männer feuern und keinen je treffen – und wem gehört die wundersam im Frachtraum erschienene dritte Pistole? Warum gibt Howes an, vor der „Mary Russell“ auf dem Kriegsschiff „Lopara“ angeheuert zu haben, einem Schiff, das es in der britischen Flotte gar nicht gibt? Warum wird Smith beim Nachhaken verstockt und noch schweigsamer?

„Wenn die Sache vor Gericht kommt, wird man vielleicht uns und nicht ihn für verrückt erklären“, klagt Howes und leert einen Becher Rum. „Und wahrscheinlich sind wir das auch. Niemand, der nicht sternhagelvoll oder wirr im Kopf ist, wird uns diese Geschichte abkaufen. Hätten Sie mich der Meuterei angeklagt, weil ich mich gegen nen Mann wehrte, der ein Menschenleben für weniger wertvoll hielt als seine Befehlsgewalt über das Schiff? Ich glaube, Sie und Ihresgleichen hätten mich an den Galgen gebracht, nur um mich hängen zu sehen. Ich aber hätte sieben Leben gerettet, zum Preis von einem.“

Tut Tom Hammonds Kindermund tatsächlich die Wahrheit kund? The Rich Kid, das die Gräuel von seinem Bett aus nächster Nähe sah, und dessen „unerklärliche Gelassenheit mir Kopfschmerzen machte, sein totenblasses Gesicht, seine sachliche, nüchterne Art zu berichten, als wäre er eine glasäugige Puppe, die Geschichten über Menschen erzählt“. Warum war Reeder-Vater Hammond, der seinen Sohn der Obhut Stewarts ja anvertraut hatte, nun panisch bemüht, diesen so schnell wie möglich dem Zugriff der Behörden zu entziehen? Wie konnte des Kapitäns Ehefrau, die zum fünften Mal hochschwangere Mrs. Stewart so stolz erhobenen Hauptes und stoisch bleiben, als ihr von den Vorfällen berichtet wurde? Geht’s in Wahrheit um die wertvolle Ware im Frachtraum?

„All diese Fragen weckten begründete Zweifel, ob die Crew der ,Mary Russell‘ wirklich so ahnungslos und friedfertig gewesen war, wie es nach den bisherigen Berichten den Anschein gemacht hatte. Ich konnte es nicht genau benennen, hatte aber das Gefühl, dass die Ereignisse auf der ,Mary Russell‘ tiefer in der Vergangenheit wurzelten. Die Antworten schienen etwas auszuklammern, das sich durchaus als wichtig erweisen konnte.“ Der Zollbeamte Barnes faselt, „der Kapitän ist mit dem Teufel im Bunde, er hat ihm sieben Seelen versprochen, um eine alte Schuld zu begleichen“, und dass „Mr. Hammond die Finger im Spiel hat. Dass er alles tun würd, um seinen Sohn gesund zu machen. Hexenkunst und Schwarze Messen …“ Barnes spricht von einer Botschaft – doch welche sollte das sein? War das blindwütige Chaos göttliche Vorsehung?

„Es war ein ärgerlicher Umstand, dass man vor Gericht die Taten von nicht zurechnungsfähigen Personen stets als Gottesurteile bezeichnete, während man kaltblütig geplante, in böser Absicht verübte Verbrechen gern dem Teufel zuschrieb“, notiert Fitzgerald seinen Zorn über die „sonderbare Vermischung von Aberglauben und Rechtsprechung“. Da ist der Prozess um die „Mary Russell“ bereits in vollem Gange – auf den Saalbänken „weinende Witwen in grauen Wollkleidern, Schauermänner mit struppigen Backenbärten, finstere Sargträger, schweigende Zuschauer, die aus ihren ärmlichen Fischerhütten herbeigeeilt waren, und sich wie gute Katholiken bekreuzigten“ -, und der Colonel mit seinem Schwager angefreundet, seit ihm dieser offenbarte, seine wichtigste Eigenschaft als naturwissenschaftlich tätiger Theologe sei: „Der Zweifel!“

Zwischen unleugbaren Indizien und verlogenen Aussagen, zwischen Gespensterspuk und Mystizismus erklärt Richter Lord Chief Justice Standish O’Grady, wen er zum Täter auserkoren hat. Nur so viel, nämlich dass dieser seine Untat beging, weil er ein Zeichen Gottes erkannt zu haben glaubte. „Sein Gott“, sagt Scoresby abschließend, „der nachtschwarze Mann seiner Visionen, war eine Figur des Aberglaubens, entstanden aus urzeitlichen, existenziellen Ängsten“, und dass es eben leichter sei, solche Schreckgestalten anzubeten, als über einen Gott nachzudenken, der einem Eigenverantwortung aufbürdet.

Dies Alexander Pechmanns Absage an jegliche religiöse, politische, was-auch-immer Fanatismen: „Ich glaube, dass jeder von uns im Grunde seines Herzens weiß, was richtig und falsch ist, und dass jeder, der gegen dieses Wissen handelt, sich früher oder später selbst bestraft. Darin liegt die Gerechtigkeit, die uns gegeben wurde …“ Alexander Pechmann hat mit dem schmalen Band „Sieben Lichter“ einen spannenden und sprachgewaltigen Mystery-Thriller vorgelegt, der an die düsteren Schauerromane früherer Tage erinnert. Das Wechselspiel des sanften Scoresby, der an die göttliche Vorsehung glaubt, und des zynischen Realisten Fitzgerald ist famos. Glaube und Zweifel treiben die beiden gleichermaßen um, während bei der Rückbetrachtung der Ereignisse ein Strudel aus Angst und Aggression, Obsession und Okkultismus immer gewaltigere Dimensionen annimmt.

Mit detektivischer Freude schlendert man mit dem ungleichen Ermittlerpaar, Fitzgerald erweist sich als besonders genauer Zuhörer, Scoresby als der aufmerksame Beobachter, über die Docks, und lauscht interessiert ihren fast schon philosophischen Dialogen über das Rechtsverständnis des 19. Jahrhunderts, über Standesunterschiede und Standesdünkel, über Menschliches, Unmenschliches und Allzumenschliches, über im Wortsinn Gott und die Welt. Was im Jahr 1828 an Bord der „Mary Russell“ geschah, gehört bis heute zu den rätselhaftesten Kriminalfällen der Seefahrtsgeschichte. Wer eine nebeldichte, enigmatische und sehr schön „schauderhafte“ Atmosphäre in Büchern zu schätzen weiß, für den heißt es hier – zugreifen!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzsucher und Goldgräber der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844) und „Die zehnte Muse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39939).

Steidl Pocket, Alexander Pechmann: „Sieben Lichter“, Roman, 164 Seiten.

steidl.de

11. 4. 2021

Alexander Pechmann: Die zehnte Muse

April 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit

Der Wiener Autor Alexander Pechmann ist der zeitgenössische, zu dessen Büchern es zu greifen gilt, sehnt man sich nach dem wohligen Grusel gehobener Schauerliteratur. Ein literarisches Genre, die gothic fiction, das seine Blüte am Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte, Shelley, Polidori, Poe, man kennt die Namen, und Pechmann mit seinem Horace-Walpole-Schreibstil ist ein würdiger Erbe dieser grand ancestors. Hierorts hat man halt ein Händchen fürs Surreale, siehe auch die Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

Und dieser Kunst verwandt sind, wenn auch Dezennien früher, die Gemälde eines der beiden Pechmann’schen Protagonisten in seinem jüngsten Roman „Die zehnte Muse“. Das Jahr ist 1905, der Ort alsbald Königsfeld im Schwarzwald, denn anfangs begegnen sich zwei Fremde im Zug, der Maler Paul Severin und der britische Privatier Algernon Blackwood, der seine Gespenstergeschichten aus Spaß an der Freud‘, keineswegs aus Geldnot verfasst. Das Treffen ist durchaus kein zufälliges, wird sich herausstellen, Blackwood hat in einer kleinen Londoner Galerie zwei, drei Arbeiten Paul Severins gesehen und deren Schöpfer gesucht.

Severin, der als Brotberuf Porträts solcher, die sich seinen Pinselstrich leisten können, anfertigt, eine Tätigkeit, die er Handwerk nennt, gilt doch die wahre Leidenschaft seinen „Haschischvisionen von Horrormärchen“, düstere Darstellungen voll rätselhafter Symbole, deren sich wiederholendes Thema unschuldige Schönheit, sinnlicher Tod und eine Auferstehung aus Thanatos Armen als eine Fantasie des Eros ist.

Solcherart Bilder haben Blackwoods Faszination erregt, glaubt er doch das Modell dafür zu kennen, am Donisweiher habe er das Mädchen weiland entdeckt, ja, sagt Severin, er ebenso, Talitha heißt sie gleich der biblisch-toten Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus, der Jesus Christus befahl: Talitha kumi! / Mädchen oder Lämmchen, steh‘ auf! – doch mysteriös mutet an, dass dem Blackwood das offenbar ewig junge Waldgeschöpf zwanzig Jahre vor Severin erschienen war. Nach des Engländers philosophischem Sermon über die Beschaffenheit der Zeit – an dieser Stelle: Achtung! – beschließen die Männer, sich gemeinsam auf die Suche nach des Rätsels Lösung zu machen.

Bis dahin ist man bereits wundersam eingesponnen in den Pechmann-typischen Tonfall, der stets etwas Wehmütiges, Verwehtes, eine Elégance gewesener Tage hat. Pechmann balanciert perfekt zwischen Geheimnis- krämerei und Charakterzeichnung, zwischen Übersinnlich und Historie, zwischen Fakt und Fiktion. An den Quellenangaben im Buch sind die Wurzeln desselben festzumachen, Algernon Blackwood, der tatsächliche, Erfinder der John-Silence-Stories (Textprobe: www.youtube.com/watch?v=HYVIj4D4SnM), die Spukgestalten aus einer Sammlung klassischer Schwarzwald-Sagen von 1930, das jenische Wörterbuch von Rolf Dreher „Fisel komm mir dibrat“, und selbstverständlich des Autors akribische Recherchen rund um den wirklichen Donisweiher.

Was nun folgt, man hat beschlossen von der Bahnstation zu Fuß ins Städtchen Königsfeld zu gehen, sind Kindheitsschilderungen I und II. Algie, der illusionsbegabte Knabe, dem schon das elterliche Shortlands House samt Garden eine verwunschene Welt voller Elfen und Feen schien, in die er sich tag-, nein, eigentlich mitternachtsträumte. Weshalb er vom Vater auch zwecks deutscher Strenge ins Schwarzwald-Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde verbannt wird, wo Zucht und Ordnung an erster Stelle des Lehrplans stehen. Paul, ein jenischer Waisenbub, die Jenischen das Fremdwort für eine Arme-Leute-Schicht, Heimatlose, „fahrendes Volk“, der von der Kruzifix-Fraktion gehorsam und gottesfürchtig geprügelt werden soll.

Wie sich die Biografien gleichen, die Zauberamulette gegen den bösen Zworitrat, die den einen als Aberglaube begeistern, sind von des anderen „Zigeunern“ angefertigt, ist doch der Donisweiher ein Tummelplatz für allerlei luziferisches Gesindel. „Trop des revenants“, ängstigt sich Blackwoods Schweizer Schulfreund Calame, den, da verrät man nicht zu viel, Severin in seiner Pariser Lehrzeit als Snell kennenlernen wird. Spätestens nach dieser Erkenntnis ist „Die zehnte Muse“ ein Pageturner, prächtig, wie Pechmann sein Figuren-Kaleidoskop zum Muster zusammensetzt, sein Mystery-Mosaik Steinchen und Steinchen entsteht, weil bald der eine Wanderer die Visionen des anderen um eigene Phantome ergänzen kann.

Bild: pixabay.com

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Algie büxt nächtens aus dem Schlafsaal aus Richtung Natur – und findet am Weiher ein halbnacktes Mädchen, nicht älter als siebzehn oder achtzehn, „mit einer Fülle mattschwarzen Haars, hohen Wangenknochen, schmalen, fast strengen Lippen und Augen, die ihre Farbe zu wechseln schienen, wenn man sie zu lange ansah“, ihr Gesicht mal jugendlich sinnlich, mal „eine brüchige Maske, die etwas Unbeschreibliches verbergen mochte – unnatürliche Schönheit oder niederschmetterndes Grauen“, Talitha, schalkhaft, wild, ein wenig hochmütig und doch irgendwie um Hilfe flehend. Sie sei „baledschido“, sagt sie ihm, und das kann Severin übersetzen: unehrlich, ausgestoßen.

Und allmählich ärgert sich der Maler, „dass Blackwoods sonderbares Erlebnis unverkennbare Bezüge zu meinen Bildern enthielt: das Mädchen, der tote Vogel, der blutende Baum. Ich hielt es für Absicht – als hätte er die Motive der Gemälde in seine Geschichte eingewoben, um mich hinters Licht zu führen oder auch nur, um die Grenzen meiner Gutgläubigkeit auszuloten.“ – „Vřduft, dâhnâs!“, Hau ab, Fremder, sagt das Mädchen zwei Jahrzehnte später zu Severin. „,Ladscho diebes‘, antwortete ich mit einem jenischen Gruß. ,S‘isch koschř, tschaĭ.‘ Alles in Ordnung, Mädchen. Daraufhin drehte sie sich zu mir um und sah mich mit brennenden Augen an. Ich fragte nach ihrem Namen. ,Talitha‘, sagte sie, und aus ihrem Mund klang es wie ein Fluch.“

Mehr, man ahnt es bereits, als Severin lieb sein kann, hat Talitha mit seiner jenischen Familiengeschichte zu tun, mit dieser Katastrophe der Vergangenheit, die Mutter von einem Gendarmen als Diebin erschossen, der Vater auf Nimmerwiedersehen verschwunden, Talitha, die ihm erzählt, der Bonherr habe sie verstoßen, weil sie den Menschen Unheil bringe, und seltsam, wie sich ihr Schatten ausdehnt und zur Silhouette eines urzeitlichen Wächters wird. In der Bibel, fällt Severin ein, heißt es nach Jesus‘ Wunder: Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. Entsetzen! Nicht erstaunten oder gar entzückten.

Des Rätsels Lösung. Hat also mit der Zeit zu tun. Und mit Calame/Snell, der als Herrnhuter Zögling ins Eis des Donisweiher einbrach, knapp mit dem Leben, aber mit beschädigter Psyche davonkam, als ein Sehender von Dingen, die den meisten verborgen bleiben, les revenants, die Wiedergänger. Snell, der nun ein kurzes Leben lang an einem schwarzen Abgrund malte, „Bythos“, für die Gnostiker der unfassliche Uranfang allen Seins – und wer nun im Geiste bei Aldous Huxleys „Doors of Perception“ ist, ist genau richtig. Die Zeit als ein zu betretender Raum, durch dessen Türspalt Vergangenes noch und Zukünftiges bereits zu erspähen ist, deren Ebenen aber indes auch überlappen. Die Zeit, dies der schönste Gedanke des Romans, die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit.

Auf den letzten Seiten noch ist vieles un-, doch Severin und Blackwood immerhin eines klar: Talitha ist eine Gefangene, die mittels ihrer kryptischen Fingerzeige, Vogel-, Baum-, Schlangensymbol, um Erlösung bittet. In allen Zeiten für alle Zeit. Woraus den Männern die Erkenntnis wächst: „Um eine Seele zu erfassen, müssen wir bereit sein, unsere eigene Seele aufzugeben …“ Sehr spooky!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844).

Steidl, Alexander Pechmann: „Die zehnte Muse“, Roman, 176 Seiten.

steidl.de          Alexander Pechmann im Gespräch: vegvnd.podcaster.de/steidlwoertlich/media/03_Steidl_Woertlich_Pechmann.mp3

  1. 4. 2020

Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe

April 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiritistenkrimi um den Geist von Oscar Wilde

Über das Verhältnis Kunst und Wahrheit sind von Oscar Wilde mehr Aphorismen gesammelt, als auf ein Ildefonso-Papier passen. „Die entscheidende Entdeckung ist, dass das Lügen, das Erzählen von schönen, unwahren Dingen, das eigentliche Ziel der Kunst ist“ und „Wenn eine Wahrheit zum Faktum wird, verliert sie jeden intellektuellen Wert“ lauten zwei davon. Das stellt auch der Ich-Erzähler in Alexander Pechmanns Roman „Die Nebelkrähe“ bei seiner Wilde-Lektüre fest: Dass dieser Dandy Mär und Maskerade der Wiedergabe von Wirklichkeit allemal vorzieht.

Mit diesem Gedankenspiel unterfüttert Pechmann sein Buch. Sein Protagonist Peter heißt mit Nachnamen Vane wie Dorian Grays Sibyl, und so, wie sie ihm ihr Geheimnis ins Ohr wispert, so fährt Peter eines Nachts aus dem Schlaf, als ihm ein Kindermund aus dem Dunkel „Lily?“ zuflüstert. Der Schauplatz ist London, das Jahr 1923. Vane ist ein Erster-Weltkriegsveteran. Dem Schützengraben schwer traumatisiert entstiegen, hört er Stimmen, sieht er schreckliche Bilder, folgen ihm Schatten und einer im Besonderen. In den ersten 30 Seiten ist „Die Nebelkrähe“ ein anrührendes Antikriegsplädoyer. Eingegraben in Schlamm und Schmutz erzählen sich die Soldaten Gruselstorys von Stoker bis Stevenson.

Der Meister darin ist ein gewisser Finley, der seinen Leitspruch „Patriotismus ist die letzte Zuflucht der Schurken“ von Samuel Johnson entliehen hat. Diesem Finley wird schließlich die halbe Hand abgeschossen, als er Le Fanus Geschichte „Wylder’s Hand“ zum besten gibt und mit der eigenen zeigt, wie die des toten Wylder aus dem Boden ragte. 1917 ist eine solche Verwundung ein beliebter Passierschein nach Hause, doch bevor Finlay von den Sanitäterinnen der „Brakespeare Ambulance Unit“ abtransportiert wird, gibt er dem Kameraden die Daguerreotypie eines Kindes zur Aufbewahrung, und dieser hält das Bildnis natürlich für eines von Finleys Tochter – Lily? Zurück im Frieden kann er keinen der beiden finden. Auf Anraten seines Freundes Frank, der Peters seltsame Wahrnehmungen für übersinnliche hält, nimmt er Kontakt mit der Spiritualist Alliance in Bloomsbury und einer Spiritistin namens Mrs. Dowden auf, mit der Folge, dass sich dem Doktoranden der Mathematik die unheimliche Welt der Metaphysik öffnet.

„Womöglich ist der Spiritismus ein weiblicher Gegenentwurf zu den männlich dominierten Naturwissenschaften“, sinniert Physiker Frank übers Jenseits als Frauendomäne. „Mich reizt der Gedanke, dass ein paar eloquente Damen mit mystischem Geraune unser auf Zahlen und Fakten basierendes Weltbild zum Einsturz bringen.“ Begleitet vom auf Autorücksitzen bis Parkbänken allgegenwärtigen Gespenst Finlays, der seinerseits nicht an Spukgestalten glaubt, eine ganz großartige Idee von Pechmann, begibt man sich also zur Séance, und tatsächlich kann eine Verbindung hergestellt werden – zur großen Überraschung aller an der Sitzung Beteiligten mit dem gar nicht seligen Oscar Wilde, und Peter ist völlig unverhofft sein Medium …

Spätestens ab nun ist „Die Nebelkrähe“ ein Pageturner, der an Suspense nichts zu wünschen übrig lässt. Dem Wiener Pechmann gelingt es in elegantem Ton ein treffendes Bild vom London dieser Tage zu zeichnen. Seine Figuren skizziert er mit zwei, drei Strichen, wenn er über Mrs. Dowden meint, sie wirke in ihrem dunkelgrauen Tweetkostüm „wie ein Relikt aus einem anderen Zeitalter“, oder über Mr. Dingwall, den berufsbedingten Skeptiker der Society for Psychical Research, „seine runden Brillengläser und sein glatt nach hinten gekämmtes Haar ließen mich an einen übergroßen Käfer denken“, ist alles Wesentliche gesagt. Dass die Charaktere ihre Intentionen erst nach und nach offenlegen, ihr Innerstes nur zögerlich entblößen, sie sozusagen die Wahrheit erst zutage lügen müssen, versteht sich als wichtiges Indiz dieser detektivischen Spurensuche.

Bild: pixabay.com

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Mit Verve verbindet Pechmann im Weiteren Fakt und Fiktion, Dichtung und Tatsachen. Nicht nur gab es die Geisterbeschwörerin Hester Dowden wirklich, sie veröffentlichte 1924 unter dem Titel „Oscar Wilde from Purgatory“ dessen Post-Mortem-Botschaften, die sie mithilfe des Mathematikers und Kriegsveteranen „Mr. V.“ empfangen haben will. Ebenso, wie die von besser situierten Engländerinnen initiierte und finanzierte „Brakespeare Ambulance Unit“ realiter existierte, trifft dies auch auf die Morphinistin Mabel Cosgrove alias Prinzessin Chan Toon, den Soho-Drogenboss Brilliant Chang, den Sax Rohmer sogar zum Vorbild für seinen Dr. Fu Manchu wählte, oder den Esoteriker und Autor Algernon Blackwood, den Schöpfer der Horrorromane rund um Detektiv John Silence, zu – ihnen allen wird Peter Vane noch begegnen.

Und Dolly, im Krieg Brakespeare-Ambulanzfahrerin, nun rasante Chaffeurin der Nobelkarosse von Mrs. Dowden, die mit Eltern gefallener Soldaten, Witwen und Waisen selbstverständlich gute Geschäfte macht. Dolly, Kokserin aus Leidenschaft und Damenliebhaberin, kleidet sich nicht nur gerne als Oscar-Wilde-Lookalike, sie ist es auch, die zweifellos mehr als einen Anknüpfungspunkt zum hochverehrten Exzentriker hat. Über ihre Person wird Peter am Ende erkennen, dass der Schlüssel zu des Rätsels Lösung in seiner eigenen Vergangenheit liegt, werden sich ihm Familienverschwiegenheiten offenbaren, wer wen wann bereits gekannt hat, ob Finlay ein Guter oder ein Unguter war, wer auf der Daguerreotypie zu sehen ist und wer „Lily?“ rief.

Bis dahin beherrscht Pechmann den Balanceakt, Wildes Anschauungen von der Unmöglichkeit einer endgültigen Wahrheit in der Waage zu halten. Bringt erst Oscar durch Peters Hand, und zum zweiten Mal steht die Hand hier als Symbol, „Ich krieche wie ein kranker Wurm in dein Gehirn …“ zu Papier, um damit eine Besessenheit Mrs. Dowdens auszulösen, mittels der ein Portal ins Jenseits geöffnet werden soll, relativiert Algernon Blackwood die Ereignisse mit dem Ausspruch „Vielleicht sind Geister nur die Schatten der Dinge, die wir am meisten lieben oder am meisten fürchten“. Weisen die Spiritisten darauf hin, dass auch Naturvölker ihre Ahnen herbeischamanisieren können, verweisen die Naturwissenschaftler auf die im – wortwörtlich – Rauschzustand befindliche Psyche als Ursprung dieser Erlebnisse.

Pechmann hat spürbar keine Lust, sich in seinem Okkultkrimi zwischen Α und Ω festzulegen. In einer wunderbaren Szene allerdings, lässt er Oscar Wilde via Mrs. Dowden an einer Neuinszenierung von „The Importance of Being Earnest“ teilnehmen, ein Theaterabend über dessen mangelnde Qualität und permanentes Missverstehen seiner Intentionen er sich so ärgert, dass die sonst so vornehme Mrs. Dowden schließlich lautstark polternd den Saal verlässt.

„Die Nebelkrähe“, klärt Frank Peter auf, ist selbstverständlich Oscar Wilde höchstpersönlich. Schulfreunde hätten ihm diesen Spitznamen verpasst. Frank, der ans Übernatürliche glaubt wie Fox Mulder, ersehnt die endliche Entdeckung der sprichwörtlichen weißen Krähe. Die meisten Menschen gingen davon aus, erklärt er, „dass alle Spukphänomene Halluzinationen, alle Spiritisten Betrüger und alle Krähen schwarz sind. Doch um die letzte Behauptung zu widerlegen, braucht es nur eine einzige weiße Krähe.“ Bis es soweit ist, liegt zwischen dem Schwarz des existierenden und dem Weiß des erdachten Vogels eben das Grau der Nebelkrähe. Schlusssatz Dolly: „Wenn die Illusion uns etwas gibt, was die Wirklichkeit uns nicht geben kann, ist sie ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten.“

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Bei Steidl erschien zuletzt sein Roman „Sieben Lichter“.

Steidl, Alexander Pechmann: „Die Nebelkrähe“, Roman, 176 Seiten.

Ein Auszug, gelesen von Jan Huttanus: vimeo.com/306415190          steidl.de

  1. 4. 2019