Burgtheater online: Wiener Stimmung Folge #1

Mai 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“

Wiener Stimmung Folge #1: Norman Hacker interpretiert Franzobels „Die Säuberung“. Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Wien im Frühjahr 2020 ist eine Stadt im Ausnahmezustand, die politischen Entscheidungs- träger souverän, ihre Umfragewerte auf historischem Hoch. Niemand hat es kommen sehen, niemand war darauf vorbereitet, aber die „Österreicherinnen und Österreicher“ – und laut Kurz‘ Arbeit sonst niemand! – leisten alle brav ihren Beitrag. In dieser historischen Situation hat das Burgtheater österreichische und in

Österreich lebende Autorinnen und Autoren eingeladen, kurze Monologe für das Ensemble in Quarantäne zu schreiben. Derart ist aus der Isolation ein Netz aus Geschichten entstanden, ein Stimmungsbild, ein fingierter Stadtplan, ein Bewegungsmuster, ein Parallel-Wien aus Ansichten, Bekenntnissen und Verlautbarungen, die nun jeweils donnerstags und samstags um 18 Uhr auf www.burgtheater.at/wiener-stimmung online gehen.

Den Uraufführungsreigen gestartet hat Norman Hacker mit dem von Franzobel verfassten Text „Die Säuberung“, und großartig ist, was man in der Regie von Mechthild Harnischmacher, Videoart von Sophie Lux, zu sehen bekommt. Den Hacker als Home-Hackler, sozusagen unrasiert und fern der Heimat-Bühne, wie er halbnackt (weil: die Untergürtel-Hälfte sieht man nicht) in den Spiegel spricht. Und mit einer/m imaginären [?] PartnerIn.

Das hat was von Krapp’s Last #Corona-Tape mit einem Hauch Herr Karl, zweiteres soweit es das Wechseln vom Wienerischen zum Hochsprach-Firnis betrifft und selbstverständlich das Vernadertum. Hat zwar nicht er, doch immerhin sein unsichtbarer Raumteiler fürs Anzeigen von Mundschutzsündern den Orden Pandemiebekämpfer 1. Klasse verliehen bekommen. Weshalb die Franzobel-Figur ihn oder sie nun auch vom Fenster weg kommandiert, weil man will schließlich selber auch, ned woa …

Jahreszahl, Tages- oder Nachtzeit, Krisendauer, nichts genaues weiß man nicht, die -stimmung ist so, als ob’s schon lange währe. „Die Säuberung“ ist ein schwarzweißer Endzeitmonolog im Desinfektionsvollbad, eine typisch Franzobel’sche Farce, hinterfotzig und – siehe doppelsinnigem Titel – mit heimtückischem Ende, und Norman Hacker versteht sich in Großaufnahme famos aufs Fotzn-Ziehen, während man vom Gesagten eine feste kriegt. So gesamtgesellschaftlich betrachtet, denn Hacker belässt es nicht beim Lamentieren über Fressattacken, Kiloexplosion und Apfelstrudelsucht.

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Bild: Screenshot/Burgtheater/Videoart: Sophie Lux

Zunehmend ist er vom Wahnsinn angepeckt. Der Zusammenhang Ausgangssperre/Alkoholkonsum ist evident. Einen genial paranoid klaustrophoben Charakter hat Franzobel da erdacht, „Glaubst lebt noch wer?“, fragt er ängstlich, weil, wenn nicht, wem soll er dann die Hauspatschen als Pendlerpauschale in Rechnung stellen? „Manchmal träume ich, außer dem Paketzusteller sind alle tot, und die Pressekonferenzen Aufzeichnungen.“ Ein Glück, heißt der Erreger #Corona, wie majestätisch das klingt, und immer heftiger infiziert sich Franzobels Protagonist mit jenem Virus namens autoritärer Maßnahmenstaat.

Mit zwei Streichhölzern, gerade noch zum Entfernen des Schlafgrinds genutzt, zeigt Hacker einen eben gesichteten Verstoß gegen’s social distancing, dieses bereits fixer Kandidat für die Wahl zum Unwort des Jahres, soooo nah, echauffiert sich Hacker, sind sie sich gestanden. Wo man weiß, dass heutzutag‘ jeder eine biologische Waffe ist! Oder doch alles nur ein perfides soziologisches Experiment? Zeit ist’s für „Die Säuberung“! Unbedingt ansehen. „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist beim dritten Mal lesen eh schon fad. Schreibt Franzobel, sagt Hacker: „Und wir haben ernsthaft geglaubt, wir dürfen noch einmal hinaus …“

Wiener Stimmung – so geht es weiter:

Folge #2 folgt schon heute, Kathrin Röggla: „Klare Kante“ mit Sarah Viktoria Frick – die dieses Jahr mit dem Österreichischen Kunstpreis für Literatur ausgezeichnete Autorin hat einen Text über die komischen Untiefen der Kommunikation in #Corona-Zeiten verfasst. Man trifft sich zu einer Zoom-Konferenz, doch da ist nur ein Ticken zu hören und ein Schatten zu sehen: www.youtube.com/watch?v=RsYcLgnXVIQ. Folge #3 gibt es ab 7. Mai, Mikael Torfason: „Apfelstrudel“ mit Elma Stefanía Áugústdóttir – der dank Ehefrau Elma in Wien lebende Autor und Dramatiker hat einen Monolog für eine junge Mutter mit zwei Kindern geschrieben, gespielt in der heimischen Küche mit den beiden zwei und zwölf Jahre alten Töchtern Ída und Ísolde.

Weitere Episoden mit Texten von Fahim Amir, Dimitré Dinev, Teresa Dopler, Paulus Hochgatterer, Eva Jantschitsch, Doris Knecht, Thomas Köck, Angela Lehner, Barbi Marković, Thomas Perle, Peter Rosei, David Schalko, Magdalena Schrefel, Gerhild Steinbuch, Marlene Streeruwitz, Miroslava Svolikova, Daniel Wisser und Ivna Žic werden auf der Webseite angekündigt.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/watch?v=uL4cfINwqMk

Buchrezension – Franzobel: „Rechtswalzer“: www.mottingers-meinung.at/?p=32483

  1. 5. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Die Känguru-Chroniken: Ab heute wird gestreamt

April 2, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der großen Leinwand ins Heimkino

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Die Schließung der Kinos wegen der Corono-Krise hat nicht nur die Lichtspielhäuser, sondern auch die Filmemacher hart getroffen. Selbst die hollywood’sche Traumfabrik steht dieser Tage still, Dreharbeiten werden gestoppt, Starttermine verschoben, knapp vor Schluss angelaufene Filme konnten nicht die Menge an Zuschauern erreichen, die für den angenommenen Blockbuster prognostiziert war.

Hierzulande erging es so Dani Levys und Marc-Uwe Klings „Die Känguru-Chroniken“, der am 6. März anlief. Nun hat sich der X-Verleih zu einem für die Branche besonderen Schritt entschlossen und gibt die „Die Känguru-Chroniken“ bereits ab heute auf Video-on-Demand-Plattformen zum Streamen frei. An den etwa 17 Euro Downloadkosten will der Berliner Creative Pool, dessen Portfolio auch Jessica Hausners „Little Joe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35645) oder Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader in der Rolle des Stefan Zweig (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20437) enthält, die Kinobetreiber beteiligen.

„Es ist also ein Soli-Preis, quasi digitale Kinotickets“, so das Känguru in seiner Aussendung über diese Aktion der „Solidarität und Partnerschaft“. Sobald die Kinos öffnen, sollen „Die Känguru-Chroniken“ wieder ebendort zu sehen sein. „Und zwar mit einer neuen, natürlich känguru-typischen Überraschung.“

www.justwatch.com/at           www.werstreamt.es           streamingfinder.de

Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche: mit Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Das asoziale Netzwerk: Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Filmkritik:

An alle Genossinnen und Genossen!

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=38517

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

2. 4. 2020

Die Känguru-Chroniken

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

An alle Genossinnen und Genossen!

Ein kommunistischer Revolutionär muss stets über die Weltlage informiert sein: Das Känguru liest außer selbstverfassten Manifesten auch die Tageszeitung. Bild: © Luna Filmverleih

Natürlich gibt’s die „Brillanz-der-Vorlage-nicht-erreicht“- Rezensenten, aber laber-bla-räsonier, Freunde!, es ist Faschingsdienstag, und „Die Känguru-Chroniken“ – Der Film zum Wegschmeißen komisch. Nach Bühne, Podcast, Buchreihe hat’s das Beuteltier nun auf die große Leinwand geschafft, in den Kinos zu sehen ab 6. März, dank Dani Levy und Marc-Uwe Kling, der seine Bestseller zum Drehbuch umfunktioniert hat.

Das ist der aus den pointierten, spöttischen Känguru-Geschichten gestrickten Story auch anzumerken, vor allem der Spaß, den alle Beteiligten an ihr hatten. Würden an dieser Stelle Sterne und Kategorien vergeben, das wäre ein zusätzlicher fürs Good-Mood-Movie. Autor Kling und Filmemacher Levy haben aus den absurden Ex-Sketchen eine Antifaschismus-Farce/Gentrifizierungskomödie/Nonsens-Satire geschaffen, einen „Underdogs im Kampf gegen die bösen Wichte“-Comic, in dem weder die ironisch-versponnenen Metawitze noch die zahlreichen Zitate auf Kultfilme und ebensolche Bands fehlen.

Was sich am Slacker-Set abspielt, ist schnell erzählt. Eines Tages steht das Känguru vor dem seine Tage bevorzugt im Pyjama versumpernden Marc-Uwe, und wird, bevor der noch Palatschinkenteig sagen kann, dessen Mitbewohner. Für den Künstler, der das Klein- davor gern weglässt, gestaltet sich das Zusammenleben mit dem überzeugt kommunistischen Zeit-Genossen, über dessen Mitgliedschaft beim Vietcong nur gemutmaßt werden kann, nicht immer einfach. Doch als der rechtspopulistische Immobilienhai Jörg Dwigs halb Berlin-Kreuzberg applanieren will, um mitten im Görlitzer Park seinen Tower zu errichten, ergreift die Revolución Che-Guevara-artig die ganze Nachbarschaft. Den Dwigs wird man schon lehren, wie man das Kapital auf links liest …

Ob beim gemeinsamen Palatschinken-Schupfen in der Kreuzberger WG-Küche … Bild: © Luna Filmverleih

… oder Gitarre klimpern, das Känguru ist mit dabei: Dimitrij Schaad als Marc-Uwe. Bild: © Luna Filmverleih

Die Boxchampions gegen die Park-Faschos: das Känguru und Dimitrij Schaad. Bild: © Luna Filmverleih

Gestylt und mit „Maria“ Rosalie Thomass auf dem Weg zur Dwigs-Party. Bild: © Luna Filmverleih

Dimitrij Schaad ist als behäbig-belästigter Marc-Uwe eine Idealbesetzung. Wie er den schnuckeligen Charme des jungen Manns mit Migränehintergrund verströmt, wird nur übertroffen – no na – vom Känguru as himself, ausgetüftelt vom deutschen Visual-Effects-Studio Trixter, weshalb eine gewisse Verwandtschaft mit dem „Guardians of the Galaxy“-Waschbär Rocket nicht zu leugnen ist, und Komödiant Volker Zack im Motion Capture Suit, der die Schnoddrigkeit und schlampige Lässigkeit des Originals aufs Genialste trifft. Heißt: Zacks Schnapspralinen verspachtelnder Boxchampion ist dermaßen entfesselt verrückt, als wäre er gerade aus dem Zoo entsprungen. Rund um die beiden Protagonisten fährt die Kamera von Filip Zumbrunn Karussell – als wäre das alles aus der Hand gedreht.

Känguru-Connaisseurs werden sich zumindest an der zwischen „Es steht ein Känguru auf dem Flur“ und „Wenn das Känguru zweimal klingelt“ gelagerten Anfangssequenz erfreuen, darüber hinaus gibt’s den bereits legendären Kling’schen Politwortwitz in Sätzen wie „Gesunder Patriotismus klingt für mich wie gutartiger Tumor“, „Dein Anarchismus ist so gemäßigt, du könntest der SPD beitreten“, „Ein Idiot in Uniform ist immer noch ein Idiot“, und apropos Popkulturzitate, die reichen beim Cineastischen von „Fight Club“ über „Forrest Gump“ bis „Pulp Fiction“. Hinsichtlich letzteren hat Markus Hering den besten Gastauftritt als um nichts weniger unheimlicher Christopher-Walken-Klon, der für Jung-Dwigs statt der güldenen Uhr Vaters Hasenpfote in seinem Kriegsgefangenenarsch aufbewahrt hat.

Paulus Manker spielt Marc-Uwes und Jörg Dwigs‘ weinbrandseligen Wienerischen Seelendoktor, den Psychotherapeuten, der in einem Palais residiert, weil er sich am Nervenkasperl seiner Patienten gesundstößt. Bei einer Massenschlägerei machen das in den Vorlagen sehr verehrte Haudrauf-Duo via gelungener Bud-Spencer-Terence-Hill-Lookalikes auf Dampfhammer und Watschn-Beau. Den Vogel schießt freilich der Cameo von Helge Schneider als unsportlichster Fernsehfitnesstrainer ever ab. Henry Hübchen ist als Jörg Dwigs nicht nur der optische Drilling von Donald Trump und Boris Johnson, als AzD-Spitzenkandidat („Alternative zur Demokratie“) lässt er die Gags nur so krachen.

Das asoziale Netzwerk Adnan Maral, Rosalie Thomass, Tim Seyfi und Dimitrij Schaad … Bild: © Luna Filmverleih

… hat sein Hauptquartier in Hertas Kiez-Kneipe: Carmen-Maja Antoni. Bild: © Luna Filmverleih

Jeannette und Jörg Dwigs und ihr Schlägertrupp: Bettina Lamprecht und Henry Hübchen. Bild: © Luna Filmverleih

Der berühmte Pipi-Angriff auf Dwigs Immobilien-Imperium: Dimitrij Schaad und das Känguru. Bild: © Luna Filmverleih

Ob er nun der Lügenpresse diktiert, wie er die abendländische Kultur zum Sieg führen wird, oder seinen rechten Gesinnungsbrüdern, am deutlichsten einer in Geert-Wilders-Maske zur Kenntlichkeit entstellt, bescheinigt: „Heute ist der erste Tag der nächsten Tausend Jahre“. Da schafft’s der Charakterdarsteller tatsächlich dem Klamauk ein Quantum Grusel zu verpassen. Vom Feinsten ist die Szene, in der er zwei türkischstämmige Imbissbesitzer beleidigt, alldieweil Neonazis seinen Luxusschlitten zerlegen, bevor sie im Anblick von Gottseibeiunsöberst zerknirscht Treue und Tapferkeit schwören – und Dwigs die Bande zu seinem Schlägertrupp macht.

Das asoziale Netzwerk rund ums Känguru, über dessen skurrile Anwesenheit sich nebenbei bemerkt kein Schwein wundert, bilden neben Marc-Uwe Adnan Maral und Tim Seyfi als deutschtürkische Brüder Friedrich-Wilhelm und Otto-Von – Namenserklärung: „Unsere Eltern haben es ein wenig übertrieben mit dem Integrationswillen“ -, Carmen-Maja Antoni als Kiez-Kneipierin „Du denkst vielleicht du bist hart, aber ich bin Herta!“ und Rosalie Thomass als Marc-Uwes heimliches Love Interest Maria. Gemeinsam und nach dem Motto „Beweise brauchen wir nicht, wir leben in einem postfaktischen Zeitalter“ und allesamt mit ausreichend Schmäh und Schnauze gesegnet, wollen sie Dwigs‘ sinistren Bauplänen den Garaus machen und verhindert, dass er der Multi-Kulti-Mischpoche seinen Architekturphallus „ins Gesicht wichsen“ kann.

Eine persönliche Lieblingsepisode hat es auch, nämlich wie Friedrich-Wilhelm und Otto-Von ein Jubelevent bei Dwigs infiltrieren – Bettina Lamprecht als dessen hochschwangerer, hammerharter, Krügel stemmender Ehefrau sei noch gehuldigt -, und von dessen internationalen Parteifreunden misstrauisch beäugt werden. Was die „Delegation vom Bosporus“ zum Weltklassesager aufstachelt: „Minderheiten unterdrücken, Andersdenkende einsperren und Völkermord leugnen, das können wir genauso gut wie ihr.“ Ob derlei freche Ungezogenheit eine Fortsetzung veranlasst, wird sich an der Kinokasse zeigen.

www.x-verleih.de/filme/die-kaenguru-chroniken           marcuwekling.de

  1. 2.2020

Der Staat gegen Fritz Bauer

September 30, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Denkmal für einen deutschen Helden

Burghart Klaußner als Fritz Bauer Bild: © Zero One Film / Martin Valentin Menke Foto:  Martin Valentin Menke

Burghart Klaußner als Fritz Bauer
Bild: © Zero One Film / Martin Valentin Menke

Man müsse ihm ein Denkmal setzen, meinte Regisseur Lars Kraume im Interview, denn er müsste so bekannt sein wie Graf Stauffenberg oder Simon Wiesenthal. Kraume hat’s gesagt und getan. Das Denkmal ist fertig und ist ab 1. Oktober in den deutschen, ab 9. Oktober in den österreichischen Kinos zu sehen: „Der Staat gegen Fritz Bauer“.

Die Bedeutung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer für das Zustandekommen der Auschwitz-Prozesse der 1960er Jahre ist unumstritten. Sie werden in Gang gesetzt, wenn der Film zum Schluss kommt. Doch erst nach Bauers Tod wurde sein Verdienst um die Ergreifung des SS-Obersturmbannführers und „Endlösung“sorganisator Adolf Eichmann bekannt. Der ebenfalls in Argentinien lebende ehemalige KZ-Häftling Lothar Hermann macht Bauer in einem Brief auf den Aufenthaltsort Eichmanns aufmerksam. Bauer informiert den Mossad, weil er in Deutschland kein Gehör findet. Er fürchtet vielmehr, Eichmann könne von Deutschland aus gewarnt werden. Bauers Feinde arbeiten an einer Anklage wegen Landesverrats. Oder zumindest daraus wollen sie ihm einen Strick drehen: „Der Jude ist schwul.“ Hier setzt der Film an.

Grimme-Preisträger Kraume macht aus seinem Film kein Erklärstück, nichts schreit hier sozusagen „Diplomarbeit“. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein spannender, lässig schwarzhumoriger, kammerspielartiger Krimi und gleichzeitig das berührende Porträt eines mutigen Mannes in seinem Windmühlen-Kampf für die Wahrheit. Wie Wiesenthal ging es Bauer nie um Rache, sondern um die Aufklärung der Nachkriegsgeneration. Kühn kann man an dieser Stelle formulieren, dass das weltoffene, menschenverbindende, flüchtlingsfreundliche Deutschland und Österreich dieser Tage ohne einen wie Bauer nicht möglich wäre. Dass die Übung gelingt, hat Kraume auch seinem exzellenten Ensemble zu verdanken. Allen voran Burghart Klaußner, der Fritz Bauer mit Sturmfrisur und Krankenkassenbrille nicht nur optisch gleicht, sondern wohl auch dessen Wesen getroffen hat. Bis zum ruppigen Räuspern – eine Aneignung.

Klaußner gibt den „General“, wie ihn sein Mitarbeiterstab nennt, als grumpy old man. Als einen, der mit heiligem Zorn die über ihn von staatlicher Seite verhängte Ohnmacht erträgt, der seine Juristen wie Schulbuben behandelt. Hantig, aber mit dem Herz am richtigen Fleck. Immer knapp bevor ihm der Hut hochgeht schwäbelt er zynische Scherze.“Die Leute wollen keine Vision, die wollen ihre Einfamilienhäuser und ihre Kleinwagen. Die Restauration hat mal wieder die Revolution besiegt“, ärgert sich der Sozialdemokrat an einer Stelle. Mehr noch als mit Worten sagt Klaußner per Mimik. Wenn er eine Pistolenkugel aus einem Hakenkreuzfähnchen fingert, man hat ihm die Drohung mit der Post gesandt, zerreißt es seine Gesichtszüge beinah vor unterdrückter Wut. Kraume schafft für solche Szenen klaustrophobische Bilder. Im Film scheint immer Nacht zu sein. Oder Schlechtwetter. Kraume hat auch Sinn für Details. Schön, wie an der Bürowand des hessischen Ministerpräsidenten bei Bauers erstem Besuch ein Rosa-Luxemburg-Porträt hängt, beim zweiten eine kitschige Landschaftsmalerei.

Unbeirrbar legt Klaußners Bauer den Finger auf schlecht verheilte Nazi-Narben, schreckt auch vor unbequemen Fragen an die Regierung Adenauer nicht zurück. Denn der Sumpf, den Kraume zeigt, ist tief. Die Ewiggestrigen haben nach den tausend Jahren ihre Positionen behalten oder neue bezogen. Hans Globke, Chef des Bundeskanzleramts, war Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze. Ein vor einem deutschen Gericht aussagender Eichmann könnte eine Namensliste auspacken. Daran haben etliche kein Interesse. „Meine eigene Behörde ist Feindesland“, ist ein Bauer-Zitat, das Klaußner verwendet, als vom Schreibtisch wieder einmal Akten verschwunden sind. Nicht alles ist so Original (das alte Flugzeug, mit dem Bauer Richtung Israel aufbricht, ist eine Leihgabe von Dietrich Mateschitz), wie die von vielen Fotos bekannte schwarzweiße Tapete in Bauers Büro: sie ist von Le Corbusier, die Nutzungsrechte haben ordentlich Geld gekostet.

Mit der Figur des jungen Staatsanwalts Karl Angermann fügt Kraume einen fiktiven Charakter hinzu. Angermann ist der Prototyp der ehrlichen Haut. „Was erlauben Sie sich?“, herrscht ihn Bauer einmal an. „Ich erlaube mir, Ihnen ein Freund zu sein“, erwidert der. Ronald Zehrfeld, Prachtkerl von einem Mannsbild, ist genau gegen seinen üblichen Typ besetzt. Und schraubt sich in dieser Rolle zum heimlichen Hauptdarsteller des Films hoch. Sein Angermann ist facettenreicher als es Klaußners Bauer zu sein vermag. Klaußner kann in den Zweierszenen mit Zehrfeld immerhin auf Bauers private Seite verweisen, den einsamen Humanisten, der Literatur, Musik und Schach liebte (und karierte Socken aus einem „Spiegel“-Inserat, dies ein liebenswerter running gag, den sich Kraume erlaubt). Zehrfelds Angermann aber hütet eine spiegelgleiche Tragödie. Er verliebt sich in die Nachtclubsängerin Victoria – und liebt weiter, als sie sich als Victor entblättert. Angermann wird sich der verkrusteten Republik opfern, damit Bauer weitermachen kann. Zehrfeld spielt klug und sensibel. Seine Darstellung ist stark, weil intellektuell und emotional.

Herausragend agieren auch: Sebastian Blomberg und Jörg Schüttauf als Bauers Gegenspieler, Oberstaatsanwalt und Oberintrigant Kreidler, dem der fantastische Blomberg eine hyänische Fistelstimme verpasst hat, und der braun verseuchte, schmierige BKA-Mann Gebhardt; Robert Atzorn, der sich als Angermanns übermächtiger Schwiegervater jede „Gefühlsduselei“ verbietet; Paulus Manker als ungustiöser Journalist und Informant Angermanns; Dani Levy als israelischer Generalstaatsanwalt Chaim Cohn, der in Bauers Sinne agieren will, aber von den neu aufkeimenden politischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland – es geht um ein lukratives Waffengeschäft – überrollt wird. Und Lilith Stangenberg als transsexuelle Victor/Victoria. Ihr Beispiel zeigt, dass auf Verrat immer Verrat folgt.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat die Qualität eines Politthrillers à la Costa-Gavras. Der Film macht deutlich, warum man immer noch Prozesse gegen mittlerweile Greise führen muss: Bauer war es, der durchsetzte, dass Schuld nicht an von eigener Hand ausgeführten Tötungen bemessen werden soll. Auch ein KZ-Buchhalter ist ein Mörder. Wie etwa Oskar Gröning, der erst im April 2015 vor Gericht stand. Kraumes Film beginnt in der Badewanne. Bauer, betäubt von Alkohol und Schlaftabletten, Mittel gegen die Scheußlichkeiten des Tages und für eine ruhiggestellte Nacht, ertrinkt fast. Fritz Bauer wurde 1968, da hatte er mit Ermittlungen gegen mutmaßliche Schreibtischtäter der NS-„Euthanasie“ begonnen, tot in seiner Badewanne gefunden. Selbstmord, Unfall oder Mord – die Umstände sind bis heute ungeklärt.

www.derstaatgegenfritzbauer.de

Wien, 30. 9. 2015