Burgtheater: Online-Premiere mit Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski

April 19, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Video-Essay nach Texten von Jean Paul

Dörte Lyssewski. Bild: © Katarina Šoškić

Am 24. April um 19 Uhr findet via Burgtheater-Website sowie auf dem YouTube-Kanal des Burgtheaters eine besondere Film-Premiere statt: „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“, ein Videoessay mit den Stimmen von Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski, in der Regie von Felix Metzner. Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten des Burgtheaters erhalten eine exklusive Preview dieses Films bereits am 21. April.

Eine Anmeldung zum Newsletter ist bis 15 Uhr am 21. April möglich, um diese Preview zu erhalten. (Anmeldung unter www.burgtheater.at/newsletter-bestellen) Die ursprünglich für diese Saison geplante Inszenierung von David Greigs „Monster“ im Vestibül in der Regie von Felix Metzner, musste Pandemie-bedingt in die nächste Spielzeit verschoben werden. 2020 inszenierte Metzner vier Folgen für die Nestroy-Preis-nominierte Onlinevideo-Reihe „Wiener Stimmung“ des Burgtheaters sowie „Das große Shakespeare-Abenteuer“ am Theater der Jugend.

Zum Stück

Für das Projekt „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“ hat Regisseur und Ur-Ur-Ur-Enkel Jean Pauls, Felix Metzner, Texte aus verschiedenen Werken des Autors in einen neuen Kontext gestellt: Metzner befasst sich so anhand eines exemplarischen Menschenlebens fragmentarisch mit der Entstehung des menschlichen Ichs. Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski verleihen den Texten mit ihren Stimmen eine neue Interpretation und stehen mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten für die unterschiedlichen Facetten des menschlichen Bewusstseins. Für die Gestaltung der visuellen Ebene verwendete der Regisseur private Filmaufnahmen aus seinem Archiv aus über drei Jahrzehnten. In Kombination mit der Sprache Jean Pauls entsteht so eine phantastische und gleichsam psychedelische Reise, die das Publikum von der Erde bis ans Ende des Universums und wieder zurück transportiert.

Branko Samarovski. Bild: © K. Šoškić

Felix Metzner. Bild: © Lukas Gnaiger

Markus Meyer. Bild: © Katarina Šoškić

Zum Autor

Jean Paul gilt als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller, dessen komplexes Werk zwischen Klassik und Romantik anzusiedeln ist. Obwohl er zeitweise in Vergessenheit geriet, waren die Auflagen seiner Werke zu Lebzeiten vergleichbar mit denen seiner Zeitgenossen Goethe und Schiller. Vor allem beim weiblichen Publikum fand seine humorvolle und bildreiche Sprache großen Anklang. Mit seinem verbalen Erfindungsreichtum prägte der Franke die Deutsche Sprache nachhaltig. Worte, wie „Wetterfrosch“, „Schmutzfink“ oder „Weltschmerz“ entstammen seiner Phantasie. Seine „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“ übte zudem großen Einfluss auf die Arbeit von Friedrich Nietzsche und C.G. Jung aus.

www.burgtheater.at

19. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021

Theater an der Wien im 3sat-Stream: Platée

April 4, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Gott Lagerfeld, Choupette und die neue Plus-Size-Muse

Eine Gurkenmaske für die künftige Göttergattin: Der brillante Marcel Beekman als Platée und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Das Theater an der Wien zeigt via 3sat Robert Carsens bejubelte Inszenierung von „Platée“. Gestern Abend war TV-Premiere, in der Mediathek ist die Produktion noch bis 10. April kostenlos zu streamen: www.3sat.de/kultur/musik/platee-118.html – und gesagt werden kann, dass Rameaus Ballet bouffon unter der musikalischen Leitung von William Christie, der sein Ensemble Les Arts Florissants mit Verve dirigiert, einem Live-Erlebnis in kaum etwas nachsteht.

Da sich die Kamera immer wieder ans turbulente Treiben zoomt, sind die bestens aufgelegten Solistinnen und Solisten in Großaufnahme zu erleben, dies ein Positivum, das man den Kulturlockdown-bedingt auf den Bild- schirm verlegten Aufführungen abgewinnen mag – allen voran kommt’s hier dem brillanten Marcel Beekman als Platée zugute, der Tenor als selbstverliebte Sumpfnymphe auch was die Tontreffsicherheit betrifft herrlich neben der Spur und in diesem Käfig voller Opernnarren nicht nur punkto Exaltierheit eine ernsthafte Konkurrenz für Zaza.

„Nicht alle Tage lässt sich auf so hohem Niveau Musiktheater als Gesamtkunstwerk erleben“, stand an dieser Stelle anlässlich der Bühnen-Premiere. Robert Carsen hat das barocke Prachtstück mit einem Kunstgriff in die Gegenwart geholt: Das satirische Satyrspiel ereignet sich nun in der mondänen Modewelt. Rameaus Werk, 1745 zur Hochzeit von Louis, Dauphin von Viennois, in Versailles uraufgeführt, wird mitten in der Pariser Fashion Week wiedererweckt, ein Zerrbild der Reichen und Schönen einst und jetzt – von Ausstatter Gideon Davey allüberall mit spiegelnden, spiegelglatten Oberfläch(lichkeit)en verstärkt.

Die laut dem griechischen Dichter Pausanias wahrlich nicht mit Anmut gesegnete Platée hält sich also für ein unwiderstehliches Objekt der Begierden aller Männer, und setzt derart dem Berggott Cithéron zu, während eine vor Eifersucht rasende Junon die Menschen mit von Les Arts Florissants gewaltig-gewittrig umgesetzten Wetterkapriolen plagt. Da fassen Cithéron und Spezi Mercure einen Plan.

Jupiter höchstselbst soll vorgeben, die eitle Nymphe als neue Gattin auserkoren zu haben, Juno in die gefakte Hochzeitszeremonie platzen, und ob der Hässlichkeit ihrer Nebenbuhlerin erkennen, dass ihr notorischer Fremdgeher zur Untreue gar nicht fähig wäre. Es gibt ein On-dit, wonach die Frischvermählte des Dauphins, Infantin Maria Theresia, ebenfalls keine Augenweide gewesen sein soll …

Edwin Crossley-Mercer als Jupiter. Bild: © Werner Kmetitsch

Jeanine de Bique als La Folie. Bild: © Werner Kmetitsch

Cyril Auvity als Mercure und Marc Mauillon als „Garçon“ Cithéron. Bild: © Werner Kmetitsch

Nach dem oligaten Prolog (nicht ganz geglückt, durchtauchen!), währenddessen sich die von einem Bacchanal bezechten Thalie, Momus und Thespis aus ihren Chiton- und Chlamys-Leintüchern winden – Lagerfeld, über den noch zu sprechen sein wird, hätte ihnen in der Aufmachung längst den Kontrollverlust übers eigene Leben attestiert – und sie gegen gewagteste Haute-Couture-Kreationen tauschen, trippelt in Spa-Aufmachung und naja! Schönheitsmaske die Kreatur aus dem Teich herein – zum Gaudium der vornehmen Gesellschaft, die nach ihrer Orgie im angesagtesten Club des Olymp nun zum unfeinen Sturm auf die besten Pätze im Luxustempel bläst.

Ein Gewimmel und ein Gewusel ist das auf der Bühne, im Gerangel des Arnold Schoenberg Chors – geleitet von Erwin Ortner – sind Lookalikes von Anna Wintour bis Suzy Menkes auszumachen. Jede Figur eine Type, das trifft auch aufs Tanzensemble Anna Possarnig, Anna Konopska, Amanda Mitrevski, Felix Schnabel, Nikola Majtanova, Thomas Riess und Johann Ebert zu, für das Nicolas Paul Choreografien entwickelt hat, mit denen er seine Tänzervergangenheit bei Pina Bausch und John Neumeier nicht leugnen kann, die Herren mal als BDSM-Ballet, mal als Travestie-Grazien, die Damen affektiert beim Contredanse française, als Models auf dem Catwalk.

Marc Mauillon als „Garçon“ Cithéron und Cyril Auvity als des Göttervaters Faktotum Mercure sind nicht die einzigen, die’s im Rezitativ spöttisch und in den Arien stimmgewaltig können, die gesamte ausgesucht wohlklingende Besetzung harmoniert perfekt und ist auch schauspielerisch für jeden Jux zu haben. Mit fast frivolem Vergnügen delektiert sich Marcel Beekman an den von Rameau und seinem Librettisten Adrien-Joseph Le Valois d’Orville eingefügten Quaklauten für ihre Froschkönigin, jedes „Dis-donc!, Pourquoi? Quoi? Quoi?“ ein amphibischer Klagelaut. Die deutschsprachigen Untertitel der Fernsehaufzeichnung erleichtern den Zugang zu den französischen Textpointen und Doppeldeutigkeiten.

Und alldieweil die Handy-Hautevolee, die Smartphone-High-Society unterm Zentralgestirn der Discokugel prahlt und prunkt, steigt vom Modeolymp der Mode-Schöpfer herab, Edwin Crossley-Mercer als Jupiter im Lagerfeld-Style, eine lebendige Choupette im Arm, dem Model- und Medienhofstaat schon von der Showtreppe aus huldvoll zuwinkend. Für Platée gibt’s ein Geschenk im Chanel-Sackerl, was Wunder, dass Emilie Renard als Junon später Madame Coco im berühmten Bouclé-Kostüm gleichen wird, was Wunder, dass aber zunächst Platée von Jupiters Entourage hingerissen ist. Die Eitle in der Welt der Eitelkeiten …

Vom Gott ins Kameravisier genommen: Edwin Crossley-Mercer und Marcel Beekman. Bild: © Werner Kmetitsch

Paparazzo Auvity, Beekman, Crossley-Mercer, Mauillon und Padraic Rowan als Mommus. Bild: © Werner Kmetitsch

Fifty Shades of Platée: Beekman, das TänzerInnenensemble und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

BDSM-Ballett: Beekman mit den Tänzern Johann Ebert, Jean-François Martin, Pavel Strasil und Joni Österlund. Bild: © Werner Kmetitsch

Beekman gestaltet das glamourös peinlich, Platée, die so gern eine glutäugige Kokette sein will und doch nur eine glubschäugige Tölpelin ist, deren geziertes Kieren allzu schnell in gewöhnliches Keifen wechselt. Mit welcher Lust Beekman Platée frohlocken, rumstöckeln, Junon verhöhnen lässt, nein, die Titelantiheldin ist keine Gute und von Beekman dazu mit ausreichend Testosteron im Timbre ausgerüstet. Mit wogendem Busen wirft sie sich Jupiter zu Füßen, der daraufhin eine Lagerfeld’sche Fotosession mit seiner Plus-Size-Muse beginnt – alles originalgetreu. Der supersympathische Marcel Beekman erobert die Herzen des Publikums mit einem Wimpernschlag, man wünscht Platée das Happy End, zu dem es nicht kommen wird.

Jeanine de Bique ist als La Folie in diesem Setting folgerichtig eine Lady Gaga, zu deren buchstäblicher Wahnsinnsarie – de Bique erhält von William Christie exzessiv Gelegenheit, den hypervirtuosen Koloraturen-Wirbel vorzuführen – das Ballett bei einem Bad-Romance-Tanz eindeutig Positionen probt, ebenso wie bei den amourösen Verrenkungen vor dem im Wortsinn Himmelbett im dritten Akt, eine Sinnlichkeit, die den Schabernack der Götter konterkariert.

Der Schlusspunkt jeder Modeschau ist bekanntlich das Hochzeitskleid, das flugs von Mannequin-Maß auf Curvy Model ausgelassen werden muss, Platée – ein Bild von einer Braut, doch das dicke Ende naht mit Spott und Hohn, Body Shaming und keine Shape Wear, nirgendwo. Der allmächtige Männerbund hat das Mannweib besiegt. Der zuvor von Thespis mittels Rotwein ausgeknockte Amour, Emmanuelle de Negri, will ihr zu Hilfe eilen, da besinnt sich Platée darauf, dass Amours Pfeil auch eine Waffe ist … das ist berührend. Das macht die Inszenierung besonders. Beekman avancierte damit auf der Bühne zum akklamierten Liebling aller.

Fazit: Robert Carsens witzig-spritzige Regie besticht mit 1001 detailverliebt umgesetzten Einfällen zum Werk, das er in bravouröser Weise und in Verbindung mit der raffinierten Ausstattung Gideon Daveys neudeutet. Mit seiner präzisen Beobachtungsgabe und einem Händchen für Personenführung macht Carsen die Gesellschaftssatire in „Platée“ heutigen Zuschauerinnen und Zuschauern begreiflich – in modernem, aber absolut schlüssigem Ambiente, in dem der Text auch manch herrlich aktuell-komischen Doppelsinn erhält. Musikalisch ist ohnedies alles vom Feinsten. Les Arts Florissants machen ihrem Namen alle Ehre, sie lassen die „Platée“ zur Sumpfdotterblume erblühen, die Nymphe, für die’s keine Seerosen, lat.: Nymphaea, regnet.

Auf 3sat bis 10. April kostenlos zu streamen: www.3sat.de/kultur/musik/platee-118.html         Trailer: www.youtube.com/watch?v=OLUJaDis850           www.theater-wien.at

4. 4. 2021

Landestheater Linz Netzbühne: The Wave / Die Welle

März 27, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Experiment ist rundum geglückt

Kathrin Schreier, Lukas Sandmann, Alexander Findewirth, Celina dos Santos, Lena Poppe, Samuel Bertz, Paolo Möller, Malcolm Henry und Caroline Juliana Hat Bild: © Reinhard Winkler

Ende der 1960er-Jahre unterrichtete Ron Jones Geschichte an der Cub­berly High School im kalifornischen Palo Alto. Er war ein unkonventioneller Lehrer und für seine radikalen Methoden bekannt. Jones war ein Kumpeltyp, er wohnte im Baumhaus und spielte Punk. Er war bei den Schülerinnen und Schülern sehr beliebt. An einem Montag im April 1967 – Ron Jones da gerade mal 25 Jahre alt – stand er am Beginn eines Kurses über den Aufstieg des Nationalsozia­lismus vor der Klasse.

Im Unterrichtsgespräch stellte sich heraus, dass seine 15-, 16-jährigen Schutzbefohlenen eines nicht verstehen konnten: Wie war es möglich, dass sich so viele „Psychos“ den barbarischen Ansichten und Methoden von Verbre­chern unterworfen haben? „Man versteht nur das, was man erfahren hat“, kam Jones spontan die Idee zu einem Experiment, dessen Tragweite er allerdings nicht abzu­schätzen vermochte: The Third Wave, „Die Welle“, bekannt als Filmdrama mit Jürgen Vogel, nun als Auftragswerk des Landestheater Linz zur Uraufführung gebracht.

Als Musical „The Wave“ von Komponist und Librettist Or Matias (www.ormatiasmusic.com) – Corona-bedingt als Online-Premiere auf der hauseigenen Netzbühne. Die Produktion ist bis 17. April auf www.landestheater-linz.at/netzbuehne für jeweils 48 Stunden ab dem Ticketerwerb zu streamen, pay as you wish! Diese ins Internet zu verlegen, mag wahrlich keine leichte Entscheidung gewesen sein, doch kann man angesichts der Spannung und Stimmung, die sich auch via Bildschirm überträgt, getrost sagen: Dieses Experiment ist rundum geglückt!

In der Inszenierung von Christoph Drewitz und mit Juheon Han am Pult und an den Keyboards überzeugen die Mitglieder des Linzer Musicalensembles Christian Fröhlich, Hanna Kastner, Lukas Sandmann und Celina dos Santos sowie die Studierenden des Studiengangs Musical an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien Samuel Bertz, Malcolm Henry, Alexander Findewirth, Carolina Juliana Hat, Paolo Möller, Lena Poppe, Alexander Rapp und Kathrin Schreier mit ihrer schauspielerischen wie gesanglichen Leistung.

Gleich zu Beginn stellt Christian Fröhlich als progressiver – und sind das nicht stets die gefährlichsten? – Pädagoge Ron klar: „Um Menschen wie euch geht es in meinem Kurs: schwach, durchschnittlich, beeinflussbar.“ Das wollen Jess, James, Stevie und Robert freilich nicht auf sich sitzen lassen, und noch dazu lockt Ron mit Einsernoten. Schon ist man auf die Parole „Kraft durch Disziplin! Kraft durch Zusammenhalt! Kraft durch Taten! Kraft durch Stolz!“ eingeschworen, ein Schelm, wer hier an „Kraft durch Freude“ denkt, denn auch der eingeübte, salutierte Wellen- erinnert an den Deutschen Gruß. Eine blaufarbene Uniform wird eingeführt.

„Mr. Jones“, den Christian Fröhling zwischen zwielichtig und blindwütig von seinem Vorhaben enthusiasmiert anlegt, gefällt sich mehr und mehr in der Rolle des An/Führers. Einzig die einzelgängerische Musterschülerin Ella, ein kritischer, alle und alles hinterfragender Geist, Hanna Kastner mit sehr intensivem, aufrüttelndem Spiel, widersetzt sich Jones‘ protofaschistischer Bewegung. Sie wird zum Schluss zur „Wellenbrecherin“ werden.

Dos Santos, Sandmann und Henry. Bild: © Reinhard Winkler

Samuel Bertz und Hanna Kastner. Bild: © Reinhard Winkler

Celina dos Santos mit Ensemble. Bild:© Reinhard Winkler

Fröhlich und die MUK-Studies. Bild: © Reinhard Winkler

Nicht nur Hanna Kastner, auch die anderen Solistinnen und Solisten sind perfekt gecastet. Allen voran brilliert Lukas Sandmann als schüchterner Außenseiter Robert, der von seinen Mitschülern gemoppt wird, bis diese sich samt ihm zur Gemeinschaft formen. Sandmann gibt genau die tragische Figur, die Robert ist, den das neue Zusammengehörigkeitsgefühl aus seinem Schneckenhaus holt, der sich in der Organisation bald zur Nummer zwei hinter Mr. Jones hocharbeitet, sich als solche als erster radikalisiert und zum scharfen Regelhüter wird – und wie Sandmann das darstellt, bis hin zum Welteneinsturz nach dem Ende der Welle, kommt man nicht umhin, an einen gescheiterten Kunstmaler zu denken. Oder an Krakeeler auf der Praterwiese.

Celina dos Santos gibt das Prekariatskind Jess als freche Göre, die zusammenstiehlt, was sie sich nicht leisten kann. Auch ihr verschafft die Welle gesellschaftlichen und hierarchischen Aufstieg. Ihr am nächsten steht Stevie, und als dieser berührt Malcolm Henry nicht nur mit seinem Sportass-Song, auf dem Basketballfeld ein Held, in der Schulstunde ein Schafskopf, sondern auch bei einem von Ron verlangten Ausplaudern persönlichster Geheimnisse. Während der brave, angepasste, in Ella verliebte James von Samuel Bertz über einen verpatzten Auftritt bei einem Singer/Songwriter-Contest jammert, verrät Stevie, dass er immer noch mit Stofftier einschlafe.

Bis aus ihm eine Geschichte von familiärer Gewalt platzt. Derart beklagt, verklagt das stimmlich höchst harmonische Quintett die kleinkarierte Stadt, die kleingeistigen Eltern. Perspektive nirgendwo, Probleme allüberall, man kriege keine Luft, singen die fünf, von „Arbeitsmarktkrise, Armutsspirale, sinnlosen Wahlen“. Die Corona-Jugend anno 2020/21 geistert einem im Kopf herum, Distance-Learning, Schichtbetrieb in Schulen, Präsenzunterricht, das klingt schon nach Präsenzdienst.

Gruppengefühl könnt‘ auch was Gutes sein, doch hier wird aus Worten eine Front der Aggression, in der sich das Individuum, die Identität des einzelnen auflöst, schnell ist man auf dem rechten Weg. „Rechts um!“, wie Ella sarkastisch kommentiert. Wie jeder Ver/Führer hat Ron ausgefahrene Antennen für diese Emotionen, „das Buch des Lebens ist ein Witz, den uns jemand auf die Seiten spuckt“, konstatiert er, dazu Or Matias‘ Musik immer haarscharf neben der Spur eines 1950er-Jazz‘, atonal, oft kakophonisch.

Eine Hommage – Ellas Lieblingsautor Langston Hughes arbeitete ja mehrmals mit Kurt Weill zusammen, unter anderem an der ersten afroamerikanischen Oper „Street Scene“. Melodisch, ja hymnisch wird’s immer dort, wo’s um Wellen-Propaganda geht, was einen mitreißt, auch wenn man weiß, dass es falsch ist. Das ist der „Tomorrow belongs to me“/“Der morgige Tag ist mein“-Effekt, wenn es heißt: „Du einsamer Funke, strahlendes Wunder / Blende die Welt, bis sie brennt / Sei endlose Sonne für uns …“ Kein Wunder gehören Lukas Sandmann mit seiner schönen Musicalstimme die meisten Balladen.

Hanna Kastner und Celina dos Santos. Bild: © Reinhard Winkler

Christian Fröhlich und Ensemble. Bild: © Reinhard Winkler

Christian Fröhlich und Ensemble. Bild: © Reinhard Winkler

Hanna Kastner und Lukas Sandmann. Bild: © Reinhard Winkler

Veronika Tupy hat fürs turbulente Treiben ein raffiniertes Bild, einen sich drehenden Quader mit halbdurchsichtigen Wänden auf die Bühne gestellt. Diese nicht nur verschiebbar, so dass sich immer neue Räume öffnen und ungeahnte Sackgassen schließen, sondern auch genutzt als im doppelten Wortsinn Projektionsflächen, vom gezeichneten Plattenspieler über Schattentheater bis zur Großaufnahme beseelter Gesichter – wiewohl die Kamera sowieso closeup-vernarrt ist.

Immer schneller, pulsierender, dringlicher wird der Rhythmus der Musik, dazu die zackige Choreografie von Hannah Moana Paul, neue Welle-Mitglieder werden rekrutiert, Ella per Schattenspiel zusammengeschlagen; Robert baut ein Spitzelsystem auf, Ron lässt sich von seinen Parteigängern auf Händen tragen. Die Gleichschaltung der Köpfe eskaliert, Mr. Jones ist die Situation längst so entglitten, wie den Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstranten, die Kenntnis darüber, wer aller unter ihnen marschiert.

Ron Jones bittet die Schülerinnen und Schüler zur „Kundgebung“ in die Aula, eine aufputschende Rede, mit der er sie vorstellen will, „die neue Alternative, die „Allianz für“, den neuen „Führer“, und auf Filmaufnahmen erscheint – eh schon wissen. „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ / „History doesn’t repeat itself, but it does rhyme“, sagte Mark Twain. Ron, beste Absichten, schlechtester Ausgang, erachtet sein Experiment damit also als beendet. Doch nicht so der zutiefst verletzte und verzweifelte, weil einmal mehr einem Schwindel aufgesessene, nunmehr bewaffnete Robert …

Fazit: Trotz Home Theatre ist „The Wave“ aus dem Landestheater Linz ein Bühnenereignis. Jonatan Salgado Romero und Constantin Georgescu hinter den Kameras schaffen mit ihrem Mix aus Großaufnahmen, Totalen und Halbtotalen beinah Saalatmosphäre, ebenso die Tonmeister Christian Börner und Gerald Landschützer. Agiert wird von allen ganz großartig, die MUK-Studierenden zeigen beim Singen, Tanzen, Spielen ihre 1A-Ausbildung, und gleich einer Mahnung im Gedächtnis bleibt Lukas Sandmanns glaubhaft erschreckende Wandlung vom Underdog zum Fanatiker, der, sobald er durch die Welle Macht erlangt, seinen heißgestauten Frust abkühlt.

Und würd’s, wenn wieder live gespielt wird, noch gelingen das Schimpfwort „Hackfresse“ gegen ein gebräuchlicheres zu ersetzen, es muss ja nicht gleich „Ogrosl“ sein, dann würde aus einer fabelhaften Aufführung eine fantastische. Bis 17. April auf www.landestheater-linz.at/netzbuehne für jeweils 48 Stunden ab dem Ticketerwerb zu streamen. Pay as you wish!

www.landestheater-linz.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=x45S6wgxKUk

  1. 3. 2021

Academy Awards Streaming: Sound of Metal

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gehörlosendrama ist nominiert für sechs Oscars

Bei einem Gig bemerkt Ruben, dass er sein Gehör verliert: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Bis dato war es vor allem Darsteller Paul Raci der eine der bisher verliehenen dreizehn Auszeichnungen einheimste. Nun ist das beim Filmstart noch als Geheimtipp gehandelte Gehörlosendrama „The Sound of Metal“, für das sich die Amazon Studios schon 2019 beim Toronto International Film Festival die Rechte sicherten, für sechs Academy Awards 2021 nominiert.

Und zwar in den Oscar-Kategorien: Bester Film, Riz Ahmed als Bester Hauptdarsteller, einmal mehr Paul Raci als Bester Nebendarsteller, Regisseur Darius Marder, Bruder und Mitautor Abraham Marder und Derek Cianfrance fürs Beste Originaldrehbuch, Mikkel E.G. Nielsen für den Besten Schnitt sowie Nicolas Becker, Phillip Bladh und Team für den Besten Ton. Hier nochmal die Filmrezension vom Jänner:

Gottes vergessener Schlagzeuger

Seit Jänner streamt Amazon auch in Österreich das Filmdrama „Sound of Metal“, das als bereits zehnte Auszeichnung am 9. Jänner von der National Society of Film Critics mit dem Nebendarstellerpreis für Paul Raci bedacht wurde, und sowohl von der Variety als auch von Awards Daily für die Oscars hoch gehandelt wird, und zwar neben Paul Raci auch Hauptdarsteller Riz Ahmed für den Best-Actor-Goldjungen. Ahmed, britischer Schauspieler, MC und Musiker mit pakistanischem Background, im Kino zuletzt zu sehen als Bösewicht-Wissenschaftler Dr. Drake/Riot in „Venom“, schlüpft in die Rolle des Ruben Stone.

Dieser Drummer eines Sludge-Duos, dessen Sängerin Lou, Olivia Cooke, auch seine Freundin ist. Im Wohnmobil fahren die beiden von Gig zu Gig – loud and proud, bis Ruben während eines Soundchecks, wo’s wie üblich was auf die Ohren gibt, erst ein schrilles Kreischen, dann wie durch Watte, dann gar nichts mehr hört. Ein Schlagzeuger-Schicksal, das Ruben mit Kollegen von Phil Collins bis Lars Ulrich teilt.

„Sound of Metal“ erzählt keine Sid-and-Nancy-Story, im Van sind Schmusesongs und Smoothies angesagt, der seit vier Jahren cleane Fixer und die ehemalige Ritzerin sind Familie, ihre Beziehung ist eine fragile, in der die Furcht vor den eigenen Abgründen mit einer berührenden Zärtlichkeit überbrückt wird. Und nun das! Ahmed zeigt’s ganz fabelhaft, die Angst und das Unverständnis in Rubens Augen, alle Geräusche gedämpft wie unter Wasser, unter der Dusche, hinter seiner Instrumenten-Batterie, im Drugstore, dessen Apotheker ihn zum Arzt schickt. Unvorstellbar, wie es sein muss, sich selbst nicht mehr sprechen zu hören, doch Riz Ahmed stellt dies Gefühl, für das man ihm beim Dreh sogenanntes „weißes Rauschen“ ins Gehör übertrug, höchst authentisch dar.

Regisseur Darius Marder und „Gravity“-Tonkünstler Nicolas Becker entwickelten dies Sounddesign in einem schalltoten Raum, Marder, der gemeinsam mit Bruder Abraham auch das Drehbuch schrieb, und dieser wiederum mit Becker die Filmmusik, Becker, der für Riz‘ Ruben eine Klangkulisse schuf, die die Zuschauerin, den Zuschauer komplett in Rubens Kopf versetzt. Heißt: man hört, wie Ruben hört – Hitchcock nannte dies den „Subjektiven Klang“, mit dem der Großmeister gelegentlich experimentierte. Das Ganze kommt mit Untertiteln, da Marder seinen Film von einem hörenden wie gehörlosen Publikum erlebt haben will.

Paul Raci als Joe. Bild: © Amazon Studios

Joes Wohngruppe: Paul Raci (M.). Bild: © Amazon Studios

Lauren Ridloff als Lehrerin Diane. Bild: © Amazon Studios

Schlagzeugunterricht: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Beim HNO erfährt Ruben von der Möglichkeit eines Cochlea-Implantats, ein System mit Mikrofon und Signalprozessor, das den Hörnerv direkt mit dem Gehirn verbindet, doch die Kosten dafür sind unerschwinglich. Also checkt Lou für Ruben, der sich in den ersten vier der fünf Phasen der Trauer einigelt – Leugnen, Wut, Feilschen, Depression -, einen Platz in einer Gehörlosen-Wohngemeinschaft, die auf Suchtkranke spezialisiert ist. Während sie zu ihrem Vater fährt, Mathieu Amalric in einer Gastrolle, damit Ruben sich auf seine geänderte Situation fokussieren kann.

So will es auch der Leiter der Einrichtung, der trockene Alkoholiker und Vietnam-Veteran Joe, der sein Gehör im Krieg verloren hat: Auftritt Paul Raci, der 73-jährige Schauspieler, ein „CODA“, ein Kind gehörloser Eltern, der wie seine drei Geschwister als erste Sprache die American Sign Language lernte, ist als Joe eine harte, aber herzliche Vaterfigur, der seine Junkie-Schützlinge auf Trab hält und mit nicht immer sanftem Nachdruck auf den rechten Weg bringt.

Rubens Verbitterung auf alle und alles stößt beim Lippenleser auf im Wortsinn taube Ohren, man suche hier Lösungen fürs Gehirn, nicht fürs Gehör, bescheidet er dem ständig wie unter Strom stehenden Neuankömmling und dass dieser keinen „Moment der Stille“ in sich habe, und Ahmed verkörpert mit unterschiedlich hoch kochenden Emotionen, wie verloren ein Mensch sich fühlen kann. Weil ihm ohne seine Drums, die Musik der Rausch, der das Rauschgift ersetzte, ein Ventil fehlt, um seine inneren Dämonen auszutreiben, weil er ohne Kenntnis der Gebärdensprache natürlich zum Außenseiter der Gruppe wird, alldieweil ihm am Gesicht abzulesen ist, wie saudämlich er das wilde Gestikulieren um sich herum findet.

Dies eine der besten Szenen des Films: Ruben, um jedes Kommunikationsmittel gebracht – Hörende schreit er an: „Ich verstehe Sie nicht! Ich bin taub! Schreiben Sie es mir auf! -, inmitten der Abendbrotgesellschaft, die sich ausgelassen und herzhaft lachend unterhält, man selbst übers „Tischgespräch“ ebenso ahnungs- und verständnislos wie Ruben, da schneidet Nicolas Becker den Ton plötzlich von gehörlos auf hörend, eine kurze Einblendung des Lärms rund um die Tafel, ein Klopfen, ein Geschirrklappern, ein Remmidemmi. Eindrucksvoll überblendet Becker so beide Welten.

Olivia Cooke als Bühnen-Lou. Bild: © Amazon Studios

Olivia Cooke als Lou privat. Bild: © Amazon Studios

Ruben mit Implantat: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Mathieu Amalric spielt Lous Vater. Bild: © Amazon Studios

Joe schickt Ruben zum Lernen in eine seiner Gruppe angeschlossene Schulklasse mit tauben Teenagern. Die gehörlose Schauspielerin Lauren Ridloff, bekannt aus „The Walking Dead“ und 2018 am Broadway in der Hauptrolle von „Gottes vergessene Kinder“ zu sehen, spielt deren Lehrerin Diane. Die Kinder fangen Rubens Absturz auf, bald hält er einen Drummer-Grundkurs, auf Plastikkübeln zur besseren Übertragung der Schwingungen, und wird zum „Teenie-Star“. Joe bietet ihm an als eine Art Lehrkraft zu bleiben, doch Ruben, innerlich immer noch voll trotzigen Grolls, verkauft von Mischpult bis Wohnmobil alles, um sich die Cochlea-OP endlich leisten zu können.

Worauf Joe ihn bitten muss zu gehen, da Ruben sein erstes Gebot, dass Taubheit nichts sei, das man „reparieren“ müsse, gebrochen habe. Die Redensart vom alten Leben, das einer nicht loslassen könne – Jage nicht dem hinterher, was du verloren hast, sondern schätze, was du noch besitzt!, kommt einem in den Sinn, und in Regelverletzter Rubens Augen spiegelt sich seine neuerliche Verletztheit. Einen ernüchternden Abstecher zu Lou und ihrem Vater später, sieht man ihn auf einer Parkbank sitzen, auch die Leistung des Implantats ist ernüchternd, die Stimmen zu un-, Lärm dafür überdeutlich.

In Summe klingt’s wie ein Radio im Sendersuchlauf, echoartig, irritierend metallisch und schmerzlich fehlerhaft, wodurch der Filmtitel „Sound of Metal“ von der Musik bis zu den verzerrten Tönen des Fremdkörpers Hörgerät auf einmal doppeldeutig wird. Doch Ruben wird ihn finden, den von Joe anempfohlenen Moment. In der Ruhe liegt die Kraft. „Sound of Metal“ besticht nicht nur durch seine Darsteller, allen voran der fulminante Paul Raci und Riz Ahmed, zum Glück mal nicht als Terrorist oder Terrorverdächtiger, der mit seiner sensationellen, gnadenlos glaubwürdigen, intensiven und zugleich zutiefst unsentimentalen Performance das Publikum in seinen Bann zieht.

Sondern auch mit seiner komplexen Klanglandschaft, in der etwa nach einer exzessiven Bühnenshow jene jedem Rockkonzertbesucher bekannte absolute Stille des Boxen-Stopps mitschwingt, die Marders Spielfilmdebüt zu einem hypnotisierenden Erlebnis werden lässt. Und last, but not least ermuntert „Sound of Metal“ auch zu mehr Offenheit gegenüber den Mitmenschen, zu mehr Bewusstsein und Empathie füreinander, losgelöst von jeglichen Normen und Erwartungen. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44091

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VFOrGkAvjAE           www.amazon.de

20. 3. 2021