Burgtheater: Der nackte Wahnsinn

Januar 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Küss‘ den Kaktus

Der gar nicht so kleine grüne Kaktus darf natürlich nicht fehlen: Norman Hacker und Paul Wolff-Plottegg. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Tür auf, Tür geht nicht auf, Tür zu, Tür geht nicht zu, Treppe rauf, Treppe runter, und zurück zum Running-Gag-Teller mit den Sardinen. Die sind, in Österreich aus Biskottenteig und von der Flosse weg zu knabbern, nicht nur ein alter Silvesterbrauch, die Menschen drängten sich gestern auch wie diese in der Dose auf Ring und Rathausplatz. „Der nackte Wahnsinn“ spielte sich desgleichen drinnen ab, im Burgtheater, wo Martin Kušej seine letzte Premiere am Münchner Residenztheater dem Wiener Publikum für die letzte Nacht des Jahres aufbereitet hat.

Michael Frayns Komödien-Klassiker gehört in die Klipp-Klapp-Königsdisziplin, und dass Chef samt Crew diese aus dem Effeff beherrschen, stellen sie mit ihrem Applausometersprenger mühelos unter Beweis. Wiewohl die Stadt von der größten bis zur Kleinbühne Wahnsinns-verwöhnt ist, ist Kušejs Schlüssellochblick aufs Kunst-Gewerbe, als den er seine Inszenierung bei der obligaten Prosit-Neujahr-Ansprache ausgab, eine glückliche Angelegenheit. Der neue Hausherr, der bei Amtsantritt sinngemäß scherzhaft meinte, die Presse bekrittle/bekritzle ihn gern als spaßbefreit, straft die Beschreibung mit dieser Arbeit Lügen.

Und siehe, er muss nicht ausschließlich in düsteren Farben malen, er kann’s auch ebenso in Blendweiß, hat ihm Bühnenbildnerin Annette Murschetz für Akt eins wie drei doch einen grellhellen Spätsiebziger-Interieuralbtraum aufgebaut. Einen aufschneiderischen Protzschuppen samt Neonleucht- und abstrakter Kunst an den Wänden. Die von Heide Kastler gewandeten Schauspieler motzen das Ambiente noch zusätzlich mit Duran-Duran-Gedächtnis-Klamotten und Pornoschnauzbart, mit Pythonprint-Catsuit und Farrah-Fawcett-Föhnwelle auf – klar, dass Frau Klacker da in der Röhre eine Doppelfolge „Dallas“ gucken will.

Diese Putzperle spielt Sophie spielt Sophie von Kessel. „Der nackte Wahnsinn“ ist in Kušejs Interpretation ein Making of Theater auf dem Theater, man sieht die Generalprobe, Monate später die Backstage-Situation und mehr Monate später den Tourneeverschleiß der immer selben Produktion. Kušej hat Frayns legendäre Persiflage von der britischen Provinz in heimische Gefilde verlegt, genussvoll lässt er seine wild gewordene Boulvardeska aufs Publikum los – deren Spiel im Spiel es ist, unter dem jeweils wirklichen Vornamen in eine „Rolle“ im Stück „Nackte Tatsachen“ zu schlüpfen. In Szene gesetzt von – Spoiler: Selbstironie! – Martin K., Regisseur, der auf ebener Erdrealität und auf Metaebene Liebe, Lügen, Leidenschaften im Griff haben muss, der mit Zufälligkeiten, Koinzidenzen, Alkoholkonsum und Quickies zu kämpfen hat, alle sind irgendwann nicht am, sondern überm Rande des Nervenzusammenbruchs, und fällt am Ende der Vorhang, fällt er tief.

Thomas Loibl, Norman Hacker gottöberstgleich als Martin K. und Sophie von Kessel. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Hacker und Deleila Piasko instruieren Paul Wolff-Plottegg über seinen „Einbruch“. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Till Firit und „Inspizient“ Arthur Klemt als verschlafener Scheich-Einspringer. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Loibls Thomas und Norman Hackers Martin K. diskutieren über dessen Regieanweisungen. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Virtuos und ein Vergnügen zuzusehen ist, wie hier erstklassige Darsteller drittklassige Kollegen in einem letztklassigen Drama geben. Kušej dreht die Schraube von Durchlauf zu Dernière stärker und stärker auf Tempo, die Aufführung ist bis ins kleinste Detail durchchoreografiert, präzise im Rhythmus und perfekt im Zusammenwirken – welch eine Leistung! Wie das Ensemble über Möbel springt und über Stiegen fällt, heult, mit dem Schicksal seiner Charaktere hadert, aufeinander hinhaut, wie falsche Auftritte und fallende Hosen korrespondieren, da bleibt auf keiner Seite der Rampe viel Zeit zum Luftholen. Und wer denkt, der pantomimische Hinterbühnen-Slapstick von Akt zwei sei schon der Höhepunkt, darf nicht vergessen, dass es gleich danach in eine dritte Runde geht.

Das deutsche Feuilleton hatte vor einem Jahr zum Teil das Fehlen von „Dekonstruktion“, von Deutung, von „gepflegtem Assoziieren und Philosophieren“ bemängelt. Häh? Mit seinem Text hat doch Frayn höchstselbst den Theaterapparat in seine Bestandteile zerlegt. Kušej folgt ihm auf seinem Weg in die subtil grausamen Abgründe dieser Farce, beider Spötteleien dabei die eines so lust- wie qualvoll Liebenden. Für die Wiener Premiere hat der Regisseur das Festival, bei dem sich „die Schauspieler ihre Stücke selbst erfinden“, als die Festwochen festgemacht, während Martin K. parallel in Salzburg den Jahrhundert-„Jedermann“ probt. Kušejs Lebenspartnerin Sophie von Kessel war auf dem Domplatz schon die blaugekleidete Buhlschaft – ob sich da ein Wink mit dem Zaunpfahl als Augenzwinkern tarnt?

Von Kessel / Sophie hat auch hier eine Glanzrolle, „Frau Klacker“, die Haushälterin mit Hängebusen und Hüftbreite, in Kittelschürze und Gesundheitsschlapfen, eine Zunge wie ein Schwert, aber das Herz am rechten Fleck, und in der Handhabung der Dutzende von Sardinen, ein Nonsens, mit dem Frayn nonstop sinnlose Regieeinfälle frotzelt, unübertroffen. Als Sophie hat von Kessel eine Amour fou mit Firit / Till, der Endlich-Wien-Heimkehrer, der seine Figur mit talismanblonder Perücke als eifersüchtigen Heißsporn anlegt, wenn er nicht Immobilienmakler „Roger Trampelmann“ gibt, in der Rolle ein nicht weniger verrückt-verzweifelter Lover als „in echt“ – und in beiden Verkörperungen kommt Thomas Loibl in seine Gassn.

Der fulminante Philipp II. (Don-Karlos-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35726) nun großartig als steuerflüchtiger Dramatiker „Franz Xaver Hötz“, jede Ähnlichkeit mit lebenden, deren Name mit „Kr-„ beginnt, wohl alles andere als zufällig, der unverhofft nach Hause kommt und Trampelmann beim Pantscherl im vermutet leerstehenden Haus stört, und als Thomas, der auf Tour die Sünde begeht, mit Sophie eine seelengeblähte Nacht lang zu saufen. Die Damen in Begleitung sind: Genija Rykova, als „Vicki“ Trampelmanns dümmlich-naiver Love Interest, als Genija Geliebte des Regisseurs, ihr Running Gag das Verlieren, ergo blindlings Anrennen, Suchen und Finden der Kontaktlinsen; sowie Katharina Pichler als „Belinda Hötz“, aufgetakelte Bitch und Autorengattin mit ausladendem Killerhüftschwung, und Kata – der gute, gschafthuberische Kumpel der Kompagnie, der sich vor allem um den kürzlich erst von seiner Frau verlassenen und unter langer Leitung leidenden Thomas sorgt.

Norman Hacker und Genija Rykova. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Loibl, von Kessel, Hacker und Pichler. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Klemt mit Kaktus, Hacker und von Kessel. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Arthur Klemt ist als Herr Klemt der Inspizient, das Mädchen für alles, vor allem für Katastrophen, und als solcher im entscheidenden Moment sicher an der nicht richtigen Stelle. Deleila Piakso scheint ihn als Regieassistentin Mechthild menschlich zu kümmern, doch die trägt ein bittersüßes Geheimnis von Martin K., und ein solches ist es auch, warum sich dieser die verhuschte, ein wenig ungepflegt wirkende graue Maus ins Bett geholt haben sollte. Zumal die in der MitarbeiterInnen-Liste geführte um Weltklassen attraktiver ist. Paul Wolff-Plotteggs Paul ist der Griff zum Hochprozentigen wichtiger als der zum Textbuch, trotzdem ist er ein alter Haudegen, der sein Handwerk beherrscht und seine Auftritte als „Einbrecher“ maximal wegen Schwerhörigkeit schmeißt.

Dennoch ist das Ensemble jeden Abend von Neuem froh, findet er sich im Theater ein, ohne eine volle Flasche gefunden zu haben. Bleibt Norman Hacker als Martin K., ein Großmannssüchtiger, dessen Gottvater-Komplex von seinen Schutzbefohlenen allerdings auch befeuert wird, wenn sie ihn wegen jeder Kinkerlitzchen-Krise hysterisch um Beistand anbeten. Via diese Figur in Klischee-Schwarz handelt Kušej das ab, was die Zuschauer anstandslos als Interna ansehen, Streitereien mit Schauspielern, die eigene inszenatorische Ideen entwickeln, die Regieentscheidungen hinterfragen, fruchtlose Diskussionen, Chaos, Aneinander-Vorbeireden statt Einander-Zuhören. „Und sie stoppten endlich, und Gott sah, dass es beschissen war“, unterbricht Hackers K. einmal die Bühnenaction. „Genau so geht es auf dem Theater zu“, versichert Kušej am Schluss.

Dass nicht alles Nörgelei und Nervosität, Affäre und Animosität ist, versteht sich im Allzumenschlichen. Die Tingeltruppe übt sich auch in Solidarität, während im zweiten Akt ein geräuschlos ausgeführtes Hinterbühnen-Handgemenge die Lacher garantiert, geräuschlos deshalb, weil „vorne“ ja Vorstellung, rettet man sich im dritten mit aus der Not geborener Improvisation bei Patzern und in den Schrecksekunden falscher Anschlüsse. „So muss es auf der Titanic gewesen sein, als die Kapelle weitergespielt hat“, sagt K.-Hacker. Alles ist jetzt Schmiere und das ohnedies programmierte Overacting steuert auf den Gipfel eines Humors zu, über den Fritz Kortner einmal mehr unter seinem Niveau gelacht hätte.

Alles ist Kulisse und Fundus, schön wie das bereits bekannte Bühnenbild nach den En-Suite-Wochen deutlich sichtbare Gebrauchsspuren hat. Aus gewitzt wird irrwitzig je mehr die Sache aus dem Ruder läuft. Es kommt zu Text-, heißt: Gagklau, von Kessels Sophie lässt hinterfotzig die Fische fallen, für die anderen eine Rutschpartie. Wunderbar die Szene Firit  / Till / Trampelmann mit Rykova / Genija / Vicki, er im Wortsinn völlig von der Rolle, weil das Pointen-Klipp-Klapp kippt statt klappt, sie stur ihre nunmehr komplett unpassenden Sätze aufsagend, und plötzlich stehen drei „Einbrecher“ im Hötz’schen Wohnzimmer. Zu Sardinentellerakrobatik und Firits gekonntem Stiegenstunt fehlt natürlich auch die berühmte Kaktus-Küss-Szene nicht – mit einem gar nicht so kleinen grünen, phallusförmigen. Und siehe, aus dem Schenkelklopf-Tohuwabohu ward exzellent Absurdes Theater, und das Publikum sah, dass es gut war …

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1. 1. 2020

Stadtsaal – Stefan Leonhardsberger: Rauhnacht

Dezember 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tarantino ist dagegen ein Waisenknabe

Großartige One-Man-Tarantino-Show mit cineastischem Live-Soundtrack: Stefan Leonhardsberger und Martin Schmid. Bild: © Jan Frankl

Mittendrin hätt’s einen owa gscheid g’feigelt. Dabei hat Stefan Leonhardsberger netta g’redt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und weil das dahoam in Lasberg bei Freistadt, man selber aber seit dem Ableben der Oma nicht mehr in Schengafö war, brauchts a neichtl bis man wieder ins Mühlviertlerische einiwåchst. Auf Tour mit seinem Erfolgsprogramm „Rauhnacht“ hat der oberösterreichische Kabarettist gestern im Wiener Stadtsaal Station gemacht.

Passend, weil das Ganze ja eine Altjahrstragödie ist, angesiedelt in der Dämmerzone zwischen William Shakespeare und Quentin Tarantino, jedenfalls mit mehr Toten als im Hamlet oder in „The Hateful Eight“. Um beim Schneesturm zu bleiben. Der treibt in der Silvesternacht auch im antiidyllischen Engelsberg sein Unwesen, alldieweil die auf Weltuntergang gegroovte Teenagerin Nora Höllerbauer spurlos verschwindet. Klar, macht sich der Alleinerziehervater Erich auf die Suche, ein Horrortrip in dessen Verlauf sich das Winterweiß bald blutrot färbt, sind die Leichen nämlich nicht nur solche vom Alkohol, und die Bissgurrn, Gfrasta, Gscheitwaschln und Krebeitln, denen der Höllerbauer auf seinen Irrwegen begegnet, mordlüsterner als im ersten Moment angenommen.

Und apropos: geil, der zweite Handlungsstrang führt direkt ins Protzdomizil von Schottergrubentycoon Röblreiterer, der hausherrische Sklaventreiber nach einem mysteriösen Sturz allerdings im Wachkoma, was Gattin Brigitte nebst erwachsener Kinderschar schon gierig nach dem Erbe greifen lässt. Dass der servile Vorarbeiter, ohnmächtig ob der Aufhebung des Arbeitspausenverbots seines Chefs, Polonius heißt, führt das Publikum auf die richtige Fährte, der überhebliche, seinen Vorteil berechnende Schwätzer nur einer der zehn skurrilen Charaktere, denen Leonhardsberger Gestalt und Stimme leiht, und um das Ende vorwegzunehmen:

Es ist schon manch einer gekieselt worden, der’s nicht, dafür ein Untoter ins Leben zurückgekehrt, von dem man’s nicht erwartet hat. Erdacht hat den schwarzhumorigen Kleinkunstthriller Autor Paul Klambauer, und ganz groß ist, wie Leonhardsberger und sein musikalischer Bühnenpartner Martin Schmid die Sache über die Rampe bringen – Schmid mit cineastischem Live-Soundtrack und als akustischer Bühnenbildner, stoisch sitzt er auf der Seite und unterlegt Leonhardsbergers Gesten mit den dazugehörigen Geräuschen. Vom Drehen der Telefonwählscheibe bis zum Radiosendersuchlauf, vom Schließen eines Damenkleid-Reißverschlusses bis zum Schreddergetöse des Backenbrechers, ob er ein Feuerwerk beatboxt oder mit der Teufelsbrut braust.

Damit a Ruh‘ is: Der Höllerbauer hat seine lästige Mutter auf dem „elektrischen Stuhl“ festgezurrt. Bild: © Hans Grünthaler

Die Röblreitererin feiert das Wachkoma ihres Tyrannengatten mit einem Katja-Epstein-Song. Bild: © Hans Grünthaler

Rückblende oder Geistererscheinung? Der Röblreiterer versucht’s mit Aufreißer-Schmäh. Bild: © Hans Grünthaler

Der servile Vorarbeiter Polonius befürchtet wegen seines Chefs das Schlimmste. Bild: © Hans Grünthaler

„In da Raunocht derf a Diandl ned außigeh!“, hat die Altbäuerin genau deswegen Sohn Erich und Enkelin Nora ermahnt. Gottvoll ist das, wie Leonhardsberger die maliziös ihre falschen Zähne mümmelnde Greisin macht, die der Höllerbauer, damit jetzat a Ruh‘ is, im „elektrischen Stuhl“, heißt: per Fernbedienung verstellbaren Fernsehsessel festzurrt, und grandios, wie sie mit der Zwangslage und der Technik kämpft. Ihr stetes Verwechseln der „Druckerln“ für TV-Apparat und Fauteuil ein Running Gag des Abends, bevor sich zum Schluss die schreckliche Wahrheit hinter ihrer Senilität enttarnt – und man erschrocken feststellt, dass man schon die ganze Zeit darauf hingewiesen wurde.

Leonhardsberger nimmt die 90-Minuten-Aufführung im ekstatischen Alleingang, und mit Großmutters Sessel, der mal Traktor, mal Spitalbett wird, als einzigem Requisit. Er singt, tanzt, geht sich selbst an die Wäsche, also der loamlackerte Tankwart Andi endlich seiner ewigen Liebe Gitti, Andi, der bisher, wenn er vom „Stutzen reinstecken“ redete, nur das Zapfventil meinen konnte. Wie der Höllerbauer stolpert auch er in den Röblreiterischen Geschwisterzwist und Firmenübernahmestreit, und Leonhardsberger spielt zum Riesenhobadatsch und zum rustikal-herzensguten Landwirt, der die Tochter auch diskret mit Monatshygieneartikeln versorgt – „de mim Schnierl und de zum Einlegn“ – eine kesse Kokotte Brigitte samt mehr oder minder hoffnungsvollem Nachwuchs.

Die vom Vater gern „edler Hamlet“ genannte Doris, eine Schiachperchte mit dafür Geschäftssinn, und ihre Zwillingsbrüder, die vom Vater bis zum vorletzten Atemzug verwechselten Roland und Roman, auf den ersten Blick hirnamputierte Youtuber, auf dem zweiten ned sooo sehr zum Krenreiben wie vorgetäuscht. Mit den beiden Satansbraten hätte die Nora ins Neue Jahr rutschen sollen, aber ach … Den Höllerbauer begleitet derweil ein Poe-isch krächzender Rabe über die Teufelsschlucht, der Röblreiterer erscheint in Rückblenden – oder auch in keinen solchen, siehe: der Geist von Hamlets Vater. Mit Stuhlakrobatik der Altbäuerin nähert sich der Abend dem Grande Finale. Kongenial interpretieren Leonhardsberger und Schmid Cutting Crews „I just died in your arms tonight“, David Bowies „Heroes“ und als perfekte Performance Katja Epstein mit dem „Stern von Mykonos“.

„Rauhnacht“, das sind eineinhalb Sternstunden für Freunde des morbid-gfeanzten heimischen Humors, die Moritat ein Mix aus Slapstick, Splatter und im Mühlviertel selbst Erlebtem. Eine Moral hat die G’schicht‘ auch, nämlich, dass es Obacht zu geben gilt, wenn aus dement diabolisch wird, wenn väterlicher Furor Vernichtung anrichtet, wenn einer zu Bewusstsein, nicht aber zur Besinnung kommt. Einmal noch wird der dunkle Schwadroneur gebeten, hinter dem Vorhang hervorzutreten, doch die Frage bleibt: Was geschah wirklich mit …? Nächste Termine ab Jänner 2020 in Freistadt, Salzburg, Linz, Wien und Innsbruck.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SQb6kVgaKMU&feature=emb_logo

www.stefanleonhardsberger.com         www.stadtsaal.com

  1. 12. 2019

Burgtheater: Dies Irae – Tag des Zorns

Dezember 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction Apocalypse

Vor der Apokalypse ist postapokalyptisch: Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Florian Teichtmeister. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von einem Hochhaus fällt. Und während er fällt, wiederholt er, wie um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s ganz gut, bis hierher lief’s ganz gut, jusqu’ici tout va bien, so far so good …“ So beginnt der französische Spielfilm „La Haine“ von Mathieu Kassovitz, so begann gestern die Endzeit-Oper „Dies Irae – Tag des Zorns“ am Burgtheater. Felix Rech, brillant als Pentheus in den „Bakchen“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=34408), saust entlang einer Fensterfassade steil bergab und zählt die Sekunden bis zu seinem Aufschlag, sein Gesichtsausdruck dabei gelassen, denn wie gesagt … Der Sturzflug des Schauspielers via Vidiwall ist nur einer der Wow-schau!-Effekte, den die Materialschlacht zum Thema Weltuntergang in knackigen zwei Stunden zeigt.

Kay Voges, designierter Volkstheaterdirektor, der sich mit dieser Arbeit erstmals dem Wiener Publikum präsentiert, Komponist und Tastenvirtuose Paul Wallfisch, Volkstheater-Voges‘ zukünftiges musikalisches Mastermind, und Dramaturg Alexander Kerlin sind angetreten, um der Eschatologie das von ihr erzeugte Entsetzen wie einen maroden Zahn zu ziehen. Dies mittels einer Pulp Fiction Apocalypse. Als würde der Sterbensschreck grundlos überbewertet, als wäre der Totentanz ein Rock’n’Roll samt Sex & Drugs, und auch Rech darf später, statt auf dem Erdboden sein Ende zu finden, mit Andrea Wenzl Liebe machen, und zwischen diesen Bezugspunkten kleiner Tod, Todestrieb, Todesangst changiert der ganze Abend.

Honi soit, der angesichts dieser Uraufführung denkt, Hausherr Martin Kušej klammere sich einmal mehr an sein Konzept vom männlich-martialisch-dunkelmetallischen Maschinentheater, wiewohl die Bühne von Daniel Roskamp derlei Bildern ähnelt. Anarchie, Kakophonie, das Chaos der Schöpfung sind bei dieser freien Assoziation Programm. Vom Labyrinth der Schauplätze, das über schmale Treppen und Durchgänge ins Innere eines Flugzeugrumpfes, einen Operationssaal, einen Love-Room und ein mit Zivilisationsresten zugemülltes Schlachtfeld reicht. Vom Samplen von Klassik, Rock und Pop, Schubert, Strauss, Britten, Prince – bis zu Carole Kings „I Feel the Earth Move“ als einer Art Leitmotiv.

Katharina Pichler und Mavie Hörbiger. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech fällt und fällt und … Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Mit Zitaten von – selbstverständlich und mit Quellenangabe versehen – der Offenbarung des Johannes und des Buchs Hesekiel über Friedrich Nietzsche und Karl Kraus bis Kassandra und Greta Thunberg – Sinnsprüche unzähliger Weltuntergangspropheten entlarvt, ernstgenommen, als Erheiterung gedacht. Die „Rede des toten Christus“ von Jean Paul gibt dem Nihilismusgedanken gehörig Zunder, Hugo von Hofmannsthals „Die Zeit ist ein sonderbar Ding“ aus dem Rosenkavalier passt auch perfekt, all die gesungenen und gesprochenen Brocken aus dem literarischen Steinbruch. Erzählt werden keine einzelnen Geschichten, vorhanden sind weder Plot noch Protagonisten, vielmehr ereignet sich ein Knäuel an Dramen gleichzeitig. Kaleidoskopisch dreht sich ein Panoptikum, dreht sich die Bühne, Voges‘ und Wallfischs Doomsday-Loop gilt für alles und jeden. Man wolle, so Voges im Programmheft, so den „Moment vor dem Ende“ porträtieren, ohne dass der Moment selbst ein Ende finde. Mission accomplished!

Florian Teichtmeister kündigt als Flugkapitän der Air Mageddon den Flight to Gomorra an, schaltet dann allerdings auf Autopilot, um über Gottes Willen zu sinnieren, ergo: Panik bei Passagierin Dörte Lyssewski, nicht nur, weil etliche Mitreisende auf rätselhafte Weise spurlos verschwunden sind, siehe Stephen Kings „Langoliers“, sondern auch, weil die Maschine dabei ist, abzuschmieren. In einer Absteige namens Eden/Ende jagt ein Höhepunkt den nächsten, Live-Koitus mit Darstellern aus der heimischen Sex-Positive-Szene war vor der Premiere ja vollmundig angekündigt worden und natürlich kein Aufreger, und sind Wenzl und Resch wie Romeo und Julia Akt I, so Barbara Petritsch und Martin Schwab dieselben Akt V.

Er auf dem Sterbebett sehnlichst auf eine komödiantische, keinesfalls bitte tragödische Erlösung wartend, sie immer noch unterwegs mit Brautkranz, beide sich ihrem Ende entgegen neigend. Exitus ist, wenn man trotzdem lacht. Markus Meyer macht einen versifften Hotelpagen-Riff-Raff, Sopranistin Kaoko Amano singt, dem Aussehen nach eine yūrei aus der Edo jidai, zum Steinerweichen schön, Elma Stefanía Ágústsdóttir, schon in der „Edda“ ein Gesamtkunstwerk (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418), ist eine weitere von Voges‘ stolz-aufrechten Frauengestalten und schreitet als solche bedeutungsschwanger wispernd die Spielflächen ab. Mavie Hörbiger und Katharina Pichler agieren als untote Wladimir und Estragon, die ihr Warten auf … wiedergängerisch treppauf, treppab staksen lässt.

Runa Schymanski, Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir, Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Martin Schwab, Barbara Petritsch, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Materialschlacht auf dem Gräberfeld: Kaoko Amano, Andrea Wenzl und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Runa Schymanski, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Yana Ermilova. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Die beiden haben den besten, weil clownesken Part, jedenfalls das großartigste Zwiegespräch: „Letzte Nacht bin ich dem Heiland begegnet.“ – „Und was hat er gesagt?“ – „Nichts.“ – „Immerhin.“ Wie aus dem Zauberfüllhorn träufeln Voges und Wallfisch immer wieder Neues, Skurriles, Albtraumhaftes in die Augen und Ohren des Publikums, ihr Multimediaspektakel gleichsam ein Absurdes Theater, in dem die Melancholia die Euphoria, erstere nach Lars von Trier, zweitere laut Sam Levinson, umarmt, die Live-Musik von Wallfisch, Percussionist Larry Mullins aka Toby Dammit und Violinist Simon Goff ein ebenso wichtiger Kitt der Collage, wie die Video-Art von Robi Voigt und die Video- und Lichtgestaltung von Voxi Bärenklau und die Castorf’schen Live-Kameras, heißt: innen spielen, nach außen projizieren – ein Teamwork, das dem A und Ω immerhin etwas Burlesque verleiht.

Führt doch der Weg die Figuren weder Richtung Himmel noch Hölle, sie stolpern vielmehr die Möbiusschleife entlang oder stecken zum Schluss wie Happy-Days-Winnie im Dreckshügel fest. Die Wenzl muss lautstark gebären, Lyssewski trägt als Schwarze Witwe den Seherinnen-Monolog aus der Orestie vor, Weihrauchduft wabert durch den Saal, es gibt Krieg und ein eigentlich längst postapokalyptisches Gräberfeld, Hesekiel 37, 1-14, in dem Runa Schymanski mit Space-Odyssey-Affenmaske nach Knochen wühlt, und die einzig weißgewandete Ágústsdóttir unter den von Mona Ulrich krähenschwarz Eingekleideten lädt zur Black Mass. Teichtmeister fragt via Leinwand den Vater nach dessen Verbleib, Schwab lebt Castellucci-gleich ab, Rech, von der Schubumkehr erfasst, fliegt nun hinan. Ob sich so das Volkstheater füllen lässt?

Fazit: „Dies Irae“ ist mehr Ausstattungs- als Sonstwas-Oper, Schauwert schlägt Story, weshalb sich Sinnsucher sinnlos im Hightech-Dickicht verirren. Die Technikabteilungen des Burgtheaters liefern eine Leistungsschau vom Feinsten, sie halten das Perpetuum mobile gekonnt in Bewegung, und aus dem Off kommt „Was ist los?“ – „Das Ende kommt.“ – „Das Ende?“ – „Vermutlich.“ Und wenn sie nicht gestorben sind, querverweisen sie noch heute.

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  1. 12. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Zu ebener Erde und im tiefen Keller

Dezember 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Freizeitgesellschaft für alle Workaholics

Der französische Sozialist Paul Lafargue mit seiner Ehefrau und Karl-Marx-Tochter Laura beim Tango de la mort: Hubsi Kramar und Jaschka Lämmert. Bild: © Marcel Koehler, 2019

Während das Publikum noch zwischen vorweihnachtlichem Negroni oder doch dem klassischen Glas Rotwein schwankt, sich vielleicht auch über den ausgesprochen zuvorkommenden Service freut, laufen auf den Videowänden schon erste Filme schwer schuftender Menschen. Traditionell im Dezember hat sich das Theater Nestroyhof Hamakom wieder in Sam’s Bar verwandelt, und einer deren freundlicher Keeper ist selbstverständlich Schauspieler Florian Haslinger.

Der einem beginnend mit Zitaten von Oscar Wilde über Sully Prudhomme, seines Zeichens französischer Lyriker und Philosoph und erster Literaturnobelpreisträger, bis Boris Becker Sinn und Zweck des Abends beibringt. „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ heißt die von Hausherr Frederic Lion erdachte Inszenierung, eine Gegenüberstellung des Prinzips Arbeit mit der Abscheu vor ebendieser, ein buchstäbliches Gegeneinander-Ausspielen von Adam Smiths Schrift „Wohlstand der Nationen“ aus dem Jahr 1776 versus Paul Lafargues Spottpamphlet „Das Recht auf Faulheit“ von 1880. Zwei visionäre Texte – und auch zwei fantastisch verstaubte Sackgassen, deren Abschreiten einen durch die gesamte Architektur des Hamakom führt.

Wobei bei dieser performativen Bildbeschreibung dem Kapitalismus nur das Parterresein, dem Kommunismus hingegen nur noch die Katakomben bestimmt sind. Und so erklimmt Haslinger als sozusagen Adam Smith die Bühne, und versucht als deklarierter „Vater der Nationalökonomie“ wie ein Evangelist des Liberalismus und per Balken- und anderen Grafiken seine Theorien zu erklären. Die da wären, den Ursprung allen Wohlstands in der menschlichen Arbeit zu sehen, weshalb durch Anheizen der Produktivität auch dieser ansteigen werde. Heiß und kalt überläuft es einen, wenn der schottische Aufklärer vorrechnet, wie ein Hackler kaum mehr als eine Nadel pro Tag fertigen könne, aber bei Arbeitsteilung … und ruckzuck ist der Wettbewerbler bei schwindelerregenden 48.000 Stück und schnell steigen einem nicht nur die Grausbirn‘ auf, sondern auch Fließbandbilder, die eintönig vorbeirasenden „Modern Times“.

Das Schlagwort von der „unsichtbaren Hand“ hat Smith postuliert, und während Darsteller Haslinger gerade ausführt, der Mensch sei seinem Wesen nach träge, denn „der Mensch trödelt gewöhnlich ein wenig“, versagt der freien Marktwirtschaft die Technik, stockfinster wird’s im Saal, bis eine Handvoll mit Stirnlampen ausgerüstete Performerinnen und Performer die Zuschauer aus der misslichen Lage erlöst. Sie sind aus dem Augustin-Team, sind über dessen 11% K.Theater zur Kultur gekommen und schreiben wie das Ehepaar Traude und Rudi Lehner für die Rubrik „KulturPASSage“, oder wie Christian Sturm im „Dichter Innenteil“. Es ist tatsächlich der schönste Teil der Aufführung, nach dieser mit den Augustin-Akteuren ins Gespräch zu kommen, ein Gedankenaustausch über Lebenspläne und Werdegänge und die Umleitungen, auf die man geschickt wird.

Geld regiert die Welt: Florian Haslinger erklärt Adam Smiths ökonomische Theorien. Bild: © Peter Katlein

Die Lafargues vor dem gemeinsamen Selbstmord: Jaschka Lämmert und Hubsi Kramar. Bild: © Peter Katlein

Laura Lafargue mit der Grammophonstimme ihres Mannes: Jaschka Lämmert. Bild: © Marcel Koehler, 2019

Der Kommunist im Keller: Hubsi Kramar als Paul Lafague auf der Publikums-Borschtsch-Tafel. Bild: © Peter Katlein

Zuvor freilich geht’s vom Jugendstilsaal in den Backsteinkeller, an hoher, langer Tafel wird Borschtsch serviert, der Alkohol braucht schließlich eine Unterlage, also Eintopf schlürfen und aufmerksam lauschen. Wenn Hubsi Kramar und Jaschka Lämmert als Paul Lafargue und dessen Ehefrau und Karl-Marx-Tochter Laura seine Ideen exemplifizieren, die mitwirkenden Augustinerinnen und Augustiner in diesen Szenen das Salz in der Suppe. Wunderbar, wie sie zu Lukas Goldschmidts Akkordeonklängen den Tango als Totentanz schwofen, Kramar und Lämmert ohnedies auf Leiche geschminkt, denn die Lafargues werden sich mittels Selbstmords von dieser Welt verabschieden. In einer hinterlassenen Notiz steht zu lesen: „Gesund an Körper und Geist, töte ich mich selbst, bevor das unerbittliche Alter mir eine nach der anderen alle Vergnügungen und Freuden des Daseins genommen und mich meiner körperlichen und geistigen Kräfte beraubt hat …“

Auf dem Höhepunkt derselben allerdings ist Kramars Lafargue kämpferisch, der französische Sozialist und Konsumkritiker, der Schwiegervaters Marxismus in seiner Heimat zur Parteigründung verhalf, der auf Kuba geborene, „Mulatte“ geschimpfte Manifesthalter, der die kapitalistische Ideologisierung des Begriffs Arbeitsmoral ablehnte, als dessen Grundübel er die Überproduktion sah. Es hat etwas Bemerkenswertes, wenn der Mitstreiter der Ersten Internationalen vor dem aufgepinseltem Antlitz des „bärtigen und sauertöpfischen Gottes“ – meint er den Allmächtigen oder den Arbeiterbewegten? – die Bergpredigt Christi zitiert: Sehet die Lilien auf dem Felde … Es wirkt absonderlich, wenn Laura/Lämmert am Grammophon Frauenrollen runterkurbelt, die Qualwahl zwischen entweder naturverbunden-gesunde Gebärmaschine oder hohlwangig-ausgelaugte Fabrikarbeiterin.

„O jämmerliche Fehlgeburt der revolutionären Prinzipien der Bourgeoisie!“, so Lafargue in seinem „Recht auf Faulheit“, und ist der philosophischen Auseinandersetzung im Hamakom eins vorzuhalten, dann dass einem Frederic Lion die weibliche Perspektive vorenthält. Ob nun Laura Lafarge tatsächlich keine eigenständige Meinung hatte oder ihr keine zugebilligt wurde, auch Marxisten sind Machos, so ist Wien doch die Stadt des Erdarbeiterinnenaufstands, der ersten Frauendemonstration in Österreich, der am 23. August 1848 in der sogenannten „Praterschlacht“ blutig endete.

Traditionell im Dezember wird der Jugendstil-Theatersaal umfunktioniert zu Sam’s Bar, wo’s außer Programm auch Cocktails und Snacks gibt. Bild: © Nick Mangafas

Sagt Lion darauf angesprochen, politische Theaterabende können nicht jede rundum glücklich machen, so fordert alldieweil Kramar als grau gepuderter Untoter Lafargue den Drei-Stunden-Tag und Zeit für flotten Müßiggang für des Tages Rest, und weil Smith davor die Leistungsstärke der Maschine gelobt hat, fällt einem zum Computerzeitalter ein, dass vor allem wichtig, dass die Workstation werktätig ist, der Mensch an der Tastatur hastet schon irgendwie hinterher.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagen die Bibel und August Bebel, sagen Adolf Hitler und die Stalin-Verfassung, wer’s aber tut, belohnt sich mit von eben jener Wirtschaft, die er mit seiner Arbeitskraft befeuert, künstlich erzeugten Konsumbedürfnissen. Hinauf und zurück in Sam’s Bar, wo zwischenzeitlich die Titanic wie der Teufel an die Wand gemalt worden ist, ein Symbol für den gemeinsamen Schiffbruch aller Klassen, und man fragt sich, wie eine Lafargue’sche Freizeitgesellschaft der Smith’schen Workaholics funktionieren kann, prognostizieren Zukunftsforscher doch erstere, bei gleichzeitiger unternehmerischer Erwartung, der Arbeitnehmer möge via Neuer Medien twentyfourseven erreichbar und einsatzbereit sein.

Derart gibt einem „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ zu denken, die Nestroy-Paraphrase im Nestroyhof, die Localposse, in der auch der Volksdichter zeigt, wie schnell ein Schiff sinken und man von der Beletage im Souterrain landen kann.

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  1. 12. 2019

Burgtheater: Die Hermannsschlacht

November 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zersägte Jungfrau in fünfzehn Einfriersackerln

Im Liebesblutrausch nach der Jagd auf den Auerochsen: Bibiana Beglau als Thusnelda und Bardo Böhlefeld als Ventidius, Legat von Rom. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auf der Innenseite des Programmhefts sind die Standorte der Cherusker, Sueven und Cimbern verzeichnet, und mitten drin der Stamm der Miss- vergnügten, und nein, das ist kein Feixen punkto Zuge- hörigkeiten, so dramatisch ist es nicht. Eher ist es das zu wenig. Weshalb mit folgenden Anmerkungen begonnen werden soll, nämlich, dass zum einen kaum jemals ein Burgtheater-Ensemble seinen Text so wortundeutlich vor sich hingemurmelt hat.

Als auf der Bühne der Satz fällt „Ich verstehe kein Wort“, ertönt aus dem Publikum ein belustigtes „Wir auch nicht!“ – und Lacher!, und nur, weil das Nachbarhaus genau dafür seit Jahren gescholten wird, Ringseitenwechsler Rainer Galke als Sueven-Fürst Marbod ist der bei Weitem Bestverständliche. Zum anderen aber, und das scheint tatsächlich schwerer zu wiegen, ist die Lesart der Thusnelda eine fatale, nicht nur aus frauenbewegter Sicht, sondern auch aus dramaturgischer, wurde der Figur doch jede tragische Fallhöhe genommen. Bei einem werkeinführenden Gespräch leitete Darstellerin Bibiana Beglau vom einstigen Kosenamen ihres Charakters zum nunmehr salopp abwertenden „Tussi“ über – und bei dieser Rollenzuschreibung ist sie auch geblieben.

So weit, so … also: Martin Kušej hat gestern seine erste Neuinszenierung für Wien präsentiert, der Chef, weil die Betitelung Direktor mag er gar nicht, der sich gern als kontroversieller Regisseur gibt, ein ebensolches Stück für diese Auftaktarbeit ausgewählt, Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“, und am Ende mit gutgelaunter Castorf’scher Geste die gelegentlichen Buh-Rufer zu einem „Mehr! Mehr!“ eingeladen. Allein, dazu verebbte der Applaus allzu bald.

Von Kleist 1808 geschrieben und angesiedelt 9 n. Chr., verweist der stets jenseits der etablierten Literaturlager stehende Außenseiterautor mit der Vernichtung der Varus-Legionen im Teutoburger Wald auf der Deutschen Virtualität gegen die napoleonischen Truppen, die „Hermannsschlacht“ ein fünfaktiger Aufruf zu Widerstand und Waffengang, die Cherusker ganz klar die Preußen, die Römer gleich den Franzosen und die Sueven eine Handvoll Österreicher. Doch waren’s nicht Kleists Zeitgenossen, sondern erst die Nationalsozialisten, die das Historiendrama als teutschen Mythos und Appell zum totalen Krieg freudig aufführten.

Aufgedonnert für die Römer: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Ehe ist ein Ringelspiel: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Feldherr Varus hat „Tussi“ Thusnelda reich beschenkt: Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Zwischen diesem ideologisch kontaminierten Pol und dem des baskenbemützten Peymann’schen Partisanenkämpfers aus dem Jahr 1982 bewegt sich Kušej, der als seine Referenz die Schriften von Barbara Vinken, vor allem ihre Monografie „Bestien. Kleist und die Deutschen“ nennt, und in Kenntnis dieser wird offenkundig, dass Kušej deren Thesen vollinhaltlich spielen lässt. Heißt: „Die Hermannsschlacht“ nicht als Propaganda-, sondern als Lehrstück in Sachen derselben, heißt: Hermann als zynischen Hetzredner, Vinken nennt seine bevorzugte Rhetorik die der Rhetoriklosigkeit, Kušej ihn einen „Bruder im Geiste aller Fake-News-Populisten“, Hermann ein Kriegs-Führer ohne Schlachtenmoral, ein Gatte, der seine Frau Thusnelda systematisch vom sexuellen Lockvögelchen für Ventidius zur Bestie entmenscht.

Auf der Bühne des Burgtheaters hat Martin Zehetgruber einen Wald aus phallischen Betonwellenbrechern aufgebaut, und ein rotierendes Pferdekarussell. Doch bevor dies zu sehen ist, findet Stefan Wieland als Römer Scäpio in der den Abend dominierenden Düsternis noch einen ausgeweideten Frauenkörper. Das Opfer einer Kulthandlung, mit Hirschgeweih/Dornenkrone und in Blut gezeichnetem, hakenkreuzähnlichem Symbol auf der Schulter, eine Warnung an alle, dass weitere Gräueltaten folgen werden. Siehe die bei Kušej eindeutig von Hermann als Befehl an seine Schergen ausgegebene und den Gegnern angelastete Massenschändung eines germanischen Mädchens.

Die Hally-Szene, die hier darin gipfelt, die zersägte Jungfrau als sozusagen fachmännisch aufgebrochene Jagdtrophäe in fünfzehn Einfriersackerln den ebenso vielen Stämmen zu übermitteln – ein Anblick, der je nach Betrachtung von freiwillig gewählter oder unfreiwilliger Komik ist, während Kušej den Ventidius‘schen Bärenfraß deutlich dezenter andeutet, ist im lichtlosen Zwinger ja nichts zu erkennen, dafür umso mehr zu erahnen. Thusnelda wurde von Hermann zu dieser hasserfüllten Handlung heißgemacht, der Bärendienst einer Barbarin, und Kušej lässt, wie im Fall Hally, keinen Zweifel daran, dass der Brief, in dem Thusneldas römischer Lover seiner Kaiserin Livia deren Goldhaar als Kriegsbeute verspricht, vom Cherusker-Fürsten fingiert ist.

Wie gesagt, Bibiana Beglau macht die manipulierte Rachsüchtige, erst mit Ventidius halbnackt-erotisch vom rohen Auerochsenfleisch fressend, dann hundehechelnd zu Hermanns Füßen, wenig später sich blöd-begeistert mit Varus‘ Goldgeschenken behängend, der Dressurakt von Weib zu Weibchen zu wildem Tier frühzeitig vollzogen, vorweggenommen, Effekt im Eimer. Wobei von der von Kušej angekündigten einzigen Humanistin weit und breit von Anfang an keine Spur ist, und er letztlich auch ihr entsetzliches Ehedrama verschenkt. Stattdessen spielt die Beglau eine an die Schmerzgrenze gehende Stupidität. „Schau mal!“, schreit dieser Blondinenwitz auf Beinen den Hermann an, damit er sieht, wie sich seine Landpomeranze, in Highheels stöckelnd, mit grellblauen Augen-Makeup, ihr zerzaustes Haarnest als Römerinnen-Style ausgebend, für den Besuch der Besatzer zurechtgemacht hat.

Der römische Schreiber Scäpio findet im Wald ein ausgewaidetes Frauenopfer: Stefan Wieland und Valerie Martin. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Gipfeltreffen: Scheumann, Wieland, Falk Rockstroh als Varus, Böhlefeld, Wolfram Rupperti als Aristan und Till Firit als Septimius. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Fackelzug in Gauleitergelb: Dietmar König als Egbert, Scheumann, Paul Wolff-Plotegg als Eginhardt und Max Gindorff als gemeuchelter Bote. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die österreichischen Sueven bei Bratwürstl und 16er-Blech: Marcel Heuperman als Attarin, Rainer Galke als Marbod und Robert Reinagl als Komar. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Markus Scheumann hingegen ist als Hermann ein intellektueller, listenreicher, vornehmlich jedoch leiser Intrigant, der fast unmerkbar fein Freund und Feind verhöhnt, und der vor der Pause vorwiegend so agiert, als ginge ihn das alles nichts an. Mit moralinsaurer Miene ordnet dieser Teflonmann die ärgsten Monstrositäten an, motiviert andere eiskalt zu Meuchelmorden, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass das alles nicht in seinem Interesse geschehe – umso abscheulicher die Verwandlung im zweiten Teil, wenn er Gift und Galle spuckend mit den dumben, deutschen Ochsen abrechnet, die seine Intentionen nicht begreifen können, Scheumanns Hermann nun mutiert zum rechtsnationalen Demagogen, vom völkischen Beobachter zum Gewaltherrscher.

Als sein Kontrahent Varus bleibt Falk Rockstroh so blass, als hätte er sich bereits mittels des eigenen Schwertes entleibt, der Rest, Paul Wolff-Plottegg, Dietmar König, Sabine Haupt, Daniel Jesch, Till Firit, Wolfram Rupperti, Arthur Klemt …, verkörpert Diverse und dies durchwegs unauffällig. Zur Kennzeichnung der allesamt Anzugträger sind die germanischen Haudraufs barfuß, die römischen Politfunktionäre in schicken Schuhen unterwegs. Die Sueven, Rainer Galke, Marcel Heuperman und Robert Reinagl, trinken zu ihren Würsteln Ottakringer aus der Dose, einige Sätze der Römer sind in ein Küchenlatein übertragen, durch welches holpernd sich nur Bardo Böhlefeld als Ventidius mit leicht italienischem Idiom tapfer schlägt.

Es war von Kušej vorab vermeldet, er werde „Die Hermannsschlacht“ zur politischen Positionierung des Burgtheaters benutzen, ergo geschieht der Hinterhalt gegen Varus als Fackelzug in gauleitergelben Langmänteln samt Fasces-Armbinden. Unter der Montur sind die Germanen nackt, so wie die Jünglinge, die das Ringelspiel hereinrollt – ob das als Seitenhieb auf SS-Homosexualitäten zu interpretieren sein soll, bleibt einem selbst überlassen. Und das Resultat – fad: Kleists Splatterorgie kommt in Kušejs langatmiger Auslegung nur bedingt zu ihrem Recht. Zwar gelingen Zehetgruber starke, mitunter giftgrüne oder schwefelgelbe Nebelbilder, zwar dröhnt die Musik von Bert Wrede äußerst unheilvoll zu den – no na – Blackouts, doch insgesamt kommt die Angelegenheit nicht in die Gänge. Warum nur wurden die Darsteller dazu angehalten, derart zu unterspielen?

Als Schlussbild jedenfalls stehen die geeinten Mannen als Burschenschafter im Festwichs und mit glänzenden Stiefeln da, Thusnelda nun ein BDM-Gretchen in grau-biederem Kostüm, und rufen ihrem Hermann „Heil!“. Die Grußbotschaft verstanden? Aber ja!

www.burgtheater.at

TV-TIPP: ORF III zeigt am 1. Dezember, 20.15 Uhr, eine Aufzeichnung der Inszenierung „Die Hermannsschlacht“: tv.orf.at/program/orf3

  1. 11. 2019