Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erklimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Paul Beatty: Der Verräter

Oktober 21, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Schwarzer besteht auf Rassentrennung

„Ich finde, ein bisschen Sklaverei und Rassentrennung haben noch niemandem geschadet“, konstatiert der Held, er heißt tatsächlich „Hero“, in Paul Beattys mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman „Der Verräter“. Da steht der Ich-Erzähler bereits am Ende seiner Geschichte, vor dem Obersten Gerichtshof der USA und wartet auf seine Verurteilung. Der Vorwurf gegen ihn: Er habe in einem Vorort von Los Angeles Segregation und Sklaverei wieder eingeführt. Paul Beattys Pointe: Sein Protagonist ist Afroamerikaner.

Und sieht sich natürlich nicht schuldig. Mehr als nicht, sagt er, habe er sich doch „aus dem Gefühl der Kollektivschuld ausgeklinkt, die das dritte Cello, die Verwaltungssekretärin, die Regalauffüllerin, die Sie-ist-nicht-wirklich-attraktiv-aber-schwarz-Siegerin des Schönheitswettbewerbs davon abhält, am Montagmorgen bei der Arbeit jeden weißen Motherfucker über den Haufen zu schießen“. Mit diesem knapp 30 Seiten langen Auftaktmonolog fällt man in Beattys verwegen irrwitzige Welt, um dort seine Ein- und Ansichten zum Hautfarbenthema drehen und wenden und durchrütteln zu lassen.

„Der Verräter“ ist eine einzige Zumutung, eine bissig böse Satire, entfacht durch ein sprachgewaltiges Wortsperrfeuer, eine einzige superlativische Übertreibung, und, ja, Paul Beatty stellt sein Bildungsbürgertum aus, dass es zum Kotzen ist. Er stellt Motherfucker neben Martin Luther King, Milton Friedman gegen die Malibu-Barbie, natürlich eine dunkel angemalte, schreibt über Marihuana-Anbau und Mordraten. Welch ein Buch! Kaum jemals mixte eines Politik, Philosophie und Popkultur so gekonnt. Mit seinem zynisch-zornigen Humor bricht Beatty jedes Tabu. Das Wort „Nigger“ kommt wie geflügelt, der Pfuibegriff Rasse ebenfalls. Was Wunder, wenn man beim Lesen zusammenzuckt.

Hero, laut Eigendefinition Afroagrarwirt und „Niggerflüsterer“, heißt: Verhinderer von suizidalen Wahnsinnstaten durch Schwarze, ist ein Gentrifizierungsopfer. Dickens, bisher Hochburg der Afroamerikaner und der Latinos, eine Arbeiterenklave, bislang ein Schandfleck der Stadt, rückt in den Interessensmittelpunkt einer „besseren Gesellschaft“ – und verschwindet damit flugs vom Stadtplan. Das kann Hero so nicht hinnehmen. Er will Dickens wiederauferstehen lassen, und wählt dazu als Mittel, neben dem illegalen Aufstellen selbstgemalter Ortstafeln und nächtens vorgenommener Grenzziehungen zu den Nachbarbezirken, die systematische Rückgängigmachung der seit Rosa Parks und den Little Rock Nine sukzessive erworbenen Bürgerrechte. Dies in dem aufrichtigen Glauben, für seine Mitmenschen nur das Beste zu tun.

Paul Beatty malt ein schwarzes Bild der USA. Im ernstgemeinten Kern seiner Auslassungen referiert er die schwarze Befindlichkeit seit den Los-Angeles-Ausschreitungen, mit seinem intellektuell durchdrungenen Trashroman karikiert er die Stellung der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft, entstellt die sich wieder verschärfenden Verhältnisse bis zur Kenntlichkeit. „Ein Land, das sich ständig im Spiegel bewundert, braucht alles, was es davon abhalten kann, sich wirklich ins Gesicht zu sehen und daran zu erinnern, wo seine Leichen begraben sind“, heißt es an einer Stelle. „Der Verräter“ ist wie ein afroamerikanisches Pendant zum jüdischen Witz, ein Wetzstein für die eigene Wahrnehmungsfähigkeit.

Hero nimmt, nach dessen Erhängungsversuch, Hominy Jenkins bei sich auf. Der ist der letzte lebende, selbstverständlich afroamerikanische Darsteller des Hal-Roach-Kinderklassikers „Die kleinen Strolche“, einst eine „pechschwarze Niedlichkeit“, die vor der Kamera alle gängigen Klischees bediente, nun ein Relikt aus „jenen glücklichen Zeiten, an die wahlkämpfende Politiker gern erinnern, wenn sie verkünden, Amerika wieder zu dem machen zu wollen, was es einmal war, mächtig und geachtet“, und beseelt von einem Wunsch: Sklave zu werden und sich regelmäßig auspeitschen zu lassen.

Was tatsächlich „Massas“ erste Tat am hörigen Hominy wird. Der ansonsten, jenseits seiner masochistischen Anwandlungen, mehr „Heiße-Badewanne-Sauna-Bananen-Daiquiri-Nigger“ ist als „Feld-Nigger“. Hominy, man kann’s nicht anders sagen, geht es bei Hero gut. Zum Geburtstag schenkt ihm sein „Herr“ eine rassengetrennte Busfahrt, extra wird ein Schild angefertigt, Weiße dürfen vorne sitzen, Schwarze müssen nach hinten, und als Krönung steigt eine weiße Frau, eine angemietete Schauspielerin, zu, für die der darob glückselige Hominy seinen Sitz räumen muss. Das segregierende Schild bleibt nach der Feier versehentlich hängen, das merkt die resolute Busfahrerin erst, nachdem ihr auffällt, dass sich plötzlich alle Fahrgäste besser benehmen. Ergo informiert sie Hero.

Der startet nun durch. Auf Bitte von Besitzern und Betreibern setzt er die Rassentrennung in Läden, Restaurants und im Kino um, in der öffentlichen Bücherei, im Schwimmbad und im Krankenhaus. Er trennt nicht nur „weiß“ von „schwarz“, sondern separiert auch „braun“. Integration, lässt Beatty seine Figur denken, sei vielleicht nur ein erzwungen unnatürlicher Zustand, soziale Entropie, Segregation möglicherweise soziale Ordnung. Gegenüber der Schule fakt er eine Baustelle für eine Bildungseinrichtung für Luxus-Weiße – und siehe da, die Latino- und afroamerikanischen Schüler werden höflicher und leistungsstärker. Heros Aktionen schweißen die Homies und die Gangbanger zusammen, schließen die Kluft zwischen Prekariat und intellektuellen Vorzeigeschwarzen.

Auf unzähligen Nebenschauplätzen und mit einem Panoptikum an Figuren handelt Beatty seine brillanten Ideen ab. Sein Buch strotzt vor entlarvenden Wahrheiten, Seitenhieben und Querverweisen auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Statistiken, auf afroamerikanische Kultur von Literatur bis Film. Kein schwarzes Stereotyp, das er nicht bedient – und stets ist klar, wofür es steht und warum er es verwendet. Er schreibt über Polizeigewalt – „Nigger wissen, wie es sich anfühlt, wenn der eigene Rücken das Schwarze der Zielscheibe ist“ – und Solidaritätsmärsche, hinterfragt Identitäten und Zugehörigkeitsgefühl. Die Widersprüche, in die er sich und den Leser verstrickt, seien, sagt er, „weder Sünde noch Verbrechen“, sondern „menschliche Schwächen“. „Der Verräter“ ist mutig. Eine drastische Darstellung allgegenwärtiger Rassismus-Debatten. Ein Must-Read. So furchtbar komisch, dass es einen bei der Lektüre gruselt. Wer danach also verstört ist – das war Absicht …

Über den Autor: Paul Beatty, 1962 geboren, zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart. Begonnen hat er als Lyriker, schnell avancierte er zum Star der New Yorker Slam-Poetry-Szene. Seine Romane haben in den USA Kultstatus. Für „Der Verräter“ wurde Beatty mit dem National Book Critics Circle Award sowie (als erster Amerikaner) mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Beatty lebt in New York.

Luchterhand Literaturverlag, Paul Beatty: „Der Verräter“, Roman, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Henning Ahrens.

www.randomhouse.de

  1. 10.2018

Werk X-Petersplatz: Unerträglich lange Umarmung

September 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großstädterseelen, die durch ihren Kosmos geistern

Benjamin Vanyek und Marta Kizyma. Bild: © Edi Haberl

Das Werk X-Petersplatz startet die Saison unter der neuen kuratorischen Leitung von Cornelia Anhaus mit der österreichischen Erstaufführung von Iwan Wyrypajews „Unerträglich lange Umarmung“. Lina Hölscher hat den formal wie inhaltlich anspruchsvollen, hochgradig lyrischen Text als Kooperation mit perlen vor die säue inszeniert, und ihr ist, etwa im Gegensatz zur viel gescholtenen Uraufführung am Deutschen Theater Berlin, ein wundersamer Abend geglückt.

Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Hölscher bei ihrer Regie auf jeglichen Bühnenschnickschnack verzichtet, sie vertraut aufs geschriebene Wort, und wie ihr Darsteller-Quartett es interpretiert. Julia Grevenkamp hat dafür vier von oben beleuchtete Quader auf die Spielfläche gestellt, als wären es Wartehäuschen bis zum Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Von „Zelle“ zu „Zelle“ werden so Versuche der Interaktion unternommen, die aber doch nur die Isolation des Einzelnen ausstellen. Das Publikum sitzt rund um diese starken Positionen im Raum, bespielt von Katharina Paul und Benjamin Vanyek, Marta Kizyma und Felix Kreutzer.

Wyrypajew erzählt von nichts Geringerem als vom Anfang und Ende allen Ich- und Wir-Seins, beziehungsweise wie ersteres es nicht schafft, sich in zweiteres zu verwandeln. Sein Text oszilliert zwischen tragi- und -komisch, seine zynisch hingeworfenen Lebensweis- und -wahrheiten erweisen sich als durchaus wirklichkeitshaltbar. In New York treffen also die Charaktere aufeinander, das Ehepaar Monika und Charlie, Paul und Vanyek, das sich wegen einer Abtreibung entzweit, Emmy und Kryštof, Kizyma und Kreutzer, die sich in eine Sexnacht stürzen, obwohl Emmy auch ein Verhältnis mit Charlie hat.

Marta Kizyma und Felix Kreutzer. Bild: © Edi Haberl

Felix Kreutzer und Katharina Paul. Bild: © Edi Haberl

Das Stück ist ein Trip. Im Wortsinn. Denn immer mehr verschwimmen unter Drogeneinfluss die Grenzen zwischen Realität und Rausch. Die Figuren reisen von Selbstbestimmtheit zur Selbstaufgabe und retour, vier Großstädterseelen und wie sie durch ihren Kosmos geistern. Angeleitet werden sie von einer inneren Stimme, einem Anruf aus dem Universum, hinreißenden Selbstgesprächen, die ihnen helfen sollen, zu ihrer Mitte zu finden. Doch bis dorthin heißt es durchs Inferno gehen. Nach Wien oder auf die Intensivstation. Und durch die Sehnsuchtshöllen der unerfüllten Wünsche. Bis man einander und dem Tod inniglich in die Arme fallen darf …

„Unerträglich lange Umarmung“ im Werk X-Petersplatz ist ein dicht gewebter Theaterabend von Wyrypajews komplex strukturiertem Text, der gerade durch seine minimalistische Umsetzung eine starke Sogwirkung entwickelt. Das Leiden der Figuren an der von ihnen geschaffenen Welt, ihr Ringen um einen zeitgemäßen Gott?, Paradies?, blauen Punkt? zwingt den Zuschauer geradezu zur persönlichen Stellungnahme in Sachen Sinnsuche.

werk-x.at

  1. 9. 2018

Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Wiener Festwochen: CSSC/DADDA VIENNA EDIT

Juni 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunstblut und schlaffe Penisse

Film Still of CSSC/DADDA VIENNA EDIT. Bild: Edmund Barr. Courtesy of Paul McCarthy and Hauser & Wirth

Dass sein Werk von manchen als verstörend bis widerlich klassifiziert wird, damit treibt Paul McCarthy ganz offensichtlich seinen Spaß. Der US-Künstler, dessen Arbeiten Zeichnungen, Skulpturen, Aktionen und Performances, Performance-Videos, Filme und Installationen umfassen, immer aggressiv (selbst-)zerstörerisch und in der Regel sexuell provokativ, zählt zu den einflussreichsten Kunstschaffenden seiner Generation.

Entsprechend begeistert wurde er von Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin begrüßt, als der Dirty Old Man im Gartenbaukino sein jüngstes Projekt „CSSC/DADDA VIENNA EDIT“ vorstellte. Dirty darf man sagen, denn Dreck ist eines von McCarthys Lieblingsworten, er beschreibt damit, wie er Elemente aus Politik bis Popkultur aus ihrem Kontext reißt und zu einem neuen zusammensetzt.

2019 wird McCarthy bei den Festwochen seine neue Schöpfung uraufführen, deshalb präsentierte er nun eine exklusive Montage dieses Projekts, an dem er mit Sohn Damon schon seit mehreren Jahren arbeitet. „Am Ende wird das Ganze 25 Stunden dauern“, feixt McCarthy. „Sie sehen nun vier von 65 Tagen der Geschichte.“ Worum’s geht? Knappe Antwort: „Alle haben Sex und sind irgendwann tot.“ Naja, nicht alle. Und was den Sex betrifft, bleibt’s bei der französischen Spielart. Geboten werden viel schlaffe Penisse und noch mehr Kunstblut. Das männliche Genital hat im Film nämlich keine gute Zeit. Es wird abgeschnitten, abgeschossen, abgebissen. Zwei Mal wird auch gefaked geschissen.

„CSSC/DADDA VIENNA EDIT“ orientiert sich am fundamentalen Mythos der Vereinigten Staaten, der Erschließung des Wilden Westens, weshalb McCarthy auch den Genreklassiker „Stagecoach“ aus dem Jahr 1939, Regie: John Ford, Hauptdarsteller: John Wayne, als Folie hernimmt. Im gezeigten Teil kommen allerhand klischierte Typen im Poodle House Saloon zusammen, übrigens einem Nachbau aus Rainer Werner Fassbinders melodramatischem Western „Whity“, um sich auf einen psychosexuellen Selbsterfahrungstrip zu begeben. Der Bordellbesitzer ist ganz klar ein Donald-Trump-Lookalike, Nancy Reagan tritt auf, Andy Warhol, der aber mehr wie eine männliche Marilyn Monroe wirkt, Minnie Maus und Heidi, John Wayne selbstverständlich, und zur „Bonanza“-Musik auch die gesamte Familie Cartwright.

So beginnt ein Spiel mit Realitäten und Möglichkeiten, mit dem Un- und dem Unterbewussten, mit Hoch- und Subkultur, Szenen wiederholen sich bis zum Geht-nicht-mehr – und nehmen doch immer denselben Ausgang. McCarthys Kunst seltsam subversiv zu nennen, trifft’s wohl so ziemlich. Die 90 Minuten zerren an den (Magen-)Nerven, auch durch den überlauten Ton, der sich Stoß für Stoß ins Gehirn hämmert. Mit den Mitteln der Satire und der Karikatur, mit seinen absurden Charakteren und deren anarchistischen Handlungen, verwandelt McCarthy seinen Film in eine Farce auf den American Way of Life. Und der ist bei ihm weder so sauber glatt noch so scheinbar politisch korrekt, wie es die offiziellen USA gern hätten. Der Film „Stagecoach“ trug in der deutschsprachigen Fassung den Titel „Höllenfahrt nach Santa Fe“. Dem kann man sich, was den ersten Akt der Vienna Edit betrifft, nur anschließen. Man ist gespannt, was Paul McCarthy im kommenden Jahr zeigen wird.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018