Filmgarten: Die Kinofilme gibt’s nun online

April 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Wiedersehen mit Ludwig XIV. und der Liebhaberin

Eine letzte Ermahnung des sterbenden an den nächsten König – „Erleichtern Sie Ihrem Volk das Leben“: Jean-Pierre Léaud und „Louis XV“. Bild: Filmgarten

Der Filmgarten zeigt seine Titel nun auf dem hauseigenen VOD-Kanal. Ein Großteil der Filme, die bereits im Kino waren, sind ab sofort verfügbar. „Sie ist der andere Blick“ von Christiana Perschon aus dem Jahr 2018 gibt’s Freitag früh, andere wie „Zamaoder „Bewegung eines nahen Berges“ werden folgen, manche sogar zusätzlich in der englischsprachigen Fassung wie beispielsweise Thomas Heises „Heimat ist ein Raum aus Zeit“/“Heimat is a

Space in Time“. Zu sehen ist auch das mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Meisterwerk „The Woman Who Left“ des philippinischen Regisseurs Lav Diaz. Trailer: vimeo.com/ondemand/thewomanwholeft. Ein Film kostet 3 Euro und ist 48 Stunden lang sichtbar. Der 14-stündige „La Flor“ von Mariano Llínas, eine Zeitreise durch die Kinokunstformen von den B-Movies der 1960er-Jahre über Musicals bis zu Film-noir-Klassikern (Trailer: vimeo.com/ondemand/laflor), kostet 9 Euro und ist 30 Tage lang sichtbar. Zwei Tipps aus dem Programm:

Filmkritik – Der Tod von Ludwig XIV. Eine Elegie auf die Vergänglichkeit

Da liegt er auf seinem Bett. Königlich. Gekleidet in eine Brokatweste mit Goldknöpfen, samtrote Kniebundhose, weiße Strümpfe. Im Nebenraum wird gefeiert, und die gutgelaunte Gesellschaft fordert ihren Herrscher auf, es ihr gleich zu tun. Doch der kann nicht mehr. Er ruft einen Diener, er will seinen Hut, das Prachtstück rückt wie von Zauberhand ins Bild, Louis schöpft Atem – und grüßt sein Volk formvollendet, mit einer fließenden, eleganten Handbewegung. Dieses: Applaus, Verneigung, Rückzug. Es wird das letzte Mal sein, das der Souverän die Kraft für Bewegung aufbringt … Regisseur Albert Serra hat mit der Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud „Der Tod von Ludwig XIV.“ verfilmt. Léaud, dereinst berühmt geworden durch Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“, wurde für seine herausragende Leistung mit der Goldenen Ehren-Palme und dem Prix Lumière geehrt.

Serra hat basierend auf medizinischen Berichten und den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon die letzten Tage von Frankreichs Sonnenkönig rekonstruiert. Entstanden ist so ein durchaus skurriler Sonnenuntergang, gleichzeitig ein berührendes Kammerspiel im königlichen Schlafgemach, ein wortkarger Film über verwehte Elegance und Opulenz. Die absolutistische Repräsentation nämlich lässt Serra im Halbdunkel, das Licht ist, als wär’s Tenebrismus-Malerei, auf den Schmerzensmann im Zentrum gerichtet, auf dessen Einsamkeit inmitten der ihn umgebenden Geschäftigkeit der Ärzte und Höflinge.

Selbst über den Besuch der geliebten Hunde bestimmt der Arzt: Jean-Pierre Léaud als Ludwig XIV. Bild: Grandfilm

Irene Silvagni als Madame de Maintenon, Marc Susini und Jacques Henric. Bild: Filmgarten

Es passt ins Bild, dass Ludwigs Leibarzt Guy Crescent Fagon – während er herumdoktert – an einer Stelle aus Molières „Eingebildetem Kranken“ zitiert. Mit dem Unterschied, dass Ludwig kein Hypochonder war, sondern im Gegenteil sein wahres Leiden zu spät erkannt wurde. Der Monarch ist 77 Jahre, als er am 9. August 1715 nach einer Jagd über Schmerzen im linken Bein klagt. Behandelt wird alles Mögliche, vor allem – wegen des „guten Lebens“ – Magen, Leber, Galle, doch erst als das Bein schon dunkle Stellen aufweist, erkennt die Ärzteschaft die Gewebsnekrose. Nichts mehr zu machen, zumal der König eine Amputation ablehnt. Ludwig stirbt am 1. September. „Wenn das Bein gegangen ist, sollte der Rest des Körpers nicht länger bleiben“, soll er gesagt haben.

Kaum auszuhalten, mitanzusehen, welchen medizinischen Prozeduren sich Ludwig unterziehen musste. Erschütternd eine mehrere Minuten lange Einstellung, in der Léaud mit einer schaurig-charismatischen Mischung aus Frustration und Starrsinn in die Kamera blickt – Le Grand gefangen im Limbus der Geschichte, sein Körper aber eine Elegie auf die Vergänglichkeit. Das alles hält Serra mit drei fix montierten Kameras fest – weitere Distanz, mittlere Entfernung, Close-Up. Das Projekt war ursprünglich eine Auftragsarbeit fürs Centre Pompidou. 15 Tage wollte Serra Léaud in einen Glaskubus legen, durch den der Museumsbesucher das Sterben des Königs als performativen Langzeitakt erleben sollte. Doch dann fehlte dort auf einmal das Geld. Nun der Film … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=25451

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Filmkritik – Die Liebhaberin. Selbstfindung im Nudistencamp

Mit seinem zweiten Spielfilm gewann Lukas Valenta Rinner, Salzburger Filmemacher mit Wahlheimat Argentinien, nicht nur den Diagonale-Spielfilmpreis, sondern nahm auch erfolgreich an Festivals in Rotterdam, Saarbrücken und Toronto teil. In „Die Liebhaberin“ erzählt Rinner von der Haushaltshilfe Belén. Die würfelt ein Job in eine hermetisch abgeschlossene Reiche-Leute-Welt, eine „Gated Community“ am Rande von Buenos Aires mit Wachposten am Tor. Darstellerin Iride Mockert gestaltet diese Belén als abgehärmte, verschlossene Frau, sie so wortkarg wie der ganze Film. Denn Rinner entführt in eine dystopisch surrealistische Ferne (der Eindruck, wird sich am Ende zeigen, trügt nicht): Schöne heile Welt mit Prachtvillen und leeren Straßen. Menschen nirgendwo.

Belén erledigt ihren Job mit stoischer Ruhe. Die dummen Streiche der Reichen interessieren sie nicht. Weder das Treiben ihrer exaltiert-hysterischen Arbeitgeberin, noch das deren Sohnes, ein Sportass, dessen unterschwellige Aggressivität sich noch gegen die Mutter richten wird. Rinner hält sich nicht lange mit einem Prolog auf. Nach 15 Minuten schon ist der Film dort, wo er hingehört. Belén sieht den ersten Nackedei, und entdeckt beim Spicken durch den Elektrozaun, der die Anlage abschirmt, ein Nudistencamp. Da drüben, in einem Garten Eden Argentiniens, tut sich für sie Ungeheuerliches auf, das sie erst auf-, dann erregt.

Putzfrau Belén (Iride Mockert) bei der Arbeit … Bild: Filmgarten

… und mit ihrer neu erworbenen Freiheit. Bild: Filmgarten

In einer wunderbaren Szene tritt Iride Mockert ein ins Paradies, legt die Kleidung ab – und steht da, eine Mischung aus Botero-Figur und Botticellis Venus, mit letzterer Körperhaltung jedenfalls. Sie wird mit offenen Armen empfangen, erfährt Gemeinschaft, Liebe (die sowieso) und allerlei Esoterisches. Die Nackten gebärden sich wie eine Art Sekte. Beléns Weg zur Selbstfindung und in die Emanzipation beginnt. Sie wird selbst- bewusster, aufbegehrender, weil sie sich plötzlich begehrenswert fühlt. Rinner erzählt in seiner unaufgeregten Art, die größten Momente zeigt er in größtmöglicher Stille. Dazu gelingen ihm süffisant-amüsante Bilder. Ein Brunnen wird gekrönt von einer Rieseneichel = Nussfrucht. Ein Nackter mit Schubkarre macht sich ans Garteln.

Und schließlich folgt ein hinreißend schüchterner Doch-Nicht-Sexversuch mit dem Securitymann, nach dem Besuch eines ebenfalls menschenleeren Rummelplatzes. Rinner zeigt keine „schönen“, jungen Körper. Er macht sich behutsam an die Arbeit, waren doch viele seiner Darsteller Laien. Und je mehr der Film fortschreitet, stellt sich fest, dass die Freigeister, die Belén von ihren Zwängen und Nöten befreien, sich nicht weniger Regeln und Vorschriften auferlegt haben, als die High Society auf der anderen Seite. Zwei Stämme stehen hier gegeneinander, die Nackten und die Untoten, und als der Freikörperkultur-Gärtner vom Elektrozaun schwer verletzt wird, steuert der Film auf die Eskalation zu. Rinner treibt nun das Absurde auf die Spitze … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=25785

 

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8. 4. 2020

Ein Papa für alle

Januar 29, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt ein bisschen besser machen

Rudy, Damien, Marco und Steve mit ihren Kindern: Gringe, Franck Gastambide, Youssef Hajdi und Rémy Adriaens. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Tous ceux qui sont ici sont d’ici. Das war einer der Sprüche, der auf den Barrikaden des Pariser Mai skandiert wurde. Da wussten die Streiter für Liberté, Égalité, Fraternité naturgemäß noch nichts vom Départment 93, vom Camp in Saint-Denis oder vom Dschungel von Calais, wussten nur, kein Mensch ist illegal, zwanzig Jahre bevor Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel den heutigen Anti-Rassismus-, Anti-Abschiebungsslogan postulierte.

Dass die Revolution im Blut kein Teil des Erbguts ist, denkt zumindest Damien Mallet, Sohn zweier Alt-68er, heißt: Vater Vigo ist noch am Leben, die Mutter ist durch eine Merguez nach einer Demonstration um dieses gebracht worden, während er sich, da Ich-Erzähler, als „Deserteur in einer Vorstadt-Volksschule“ ausweist. „Ein Papa für alle“, treffender ist der französische Titel „Damien veut changer le monde“, heißt die Filmkomödie von Regisseur und Drehbuchautor Xavier de Choudens, die am Freitag in den Kinos anläuft.

Ein mit Franck Gastambide, Melisa Sözen, Rapper Gringe (www.youtube.com/watch?v=2nsCTYBnbrE) und Camille Lellouche hochkarätig besetztes Plädoyer dafür, dass ein jeder nach seinen Kräften die Welt ein bisschen besser machen kann, auch wenn Vigo resignierend meint, es gebe mittlerweile zu vieles, für das man sich engagieren müsse, so dass die meisten es für gar nichts mehr tun. Damien und Schwester Mélanie, die ihre Kindheit an Konzernzäune angekettet und ob dieses – ihnen nicht immer einsichtigen – Protests danach in Polizeiwägen verbrachten, haben den elterlichen Aufstand gegen das Establishment unterschiedlich verdaut.

Mélanie, Camille Lellouche großartig kämpferisch, starrköpfig, aufsässig, ist Rechtsanwältin, Damien, Leinwandstar Franck Gastambide in einer weiteren Paraderolle, wurde Lehrer. Ein ruhiger Job, in dem er gemächlich-lässig vor sich hin dümpelt, bis die drohende Ausweisung seines Schülers Bahzad – Jessim Kas – die erloschen geglaubte Flamme der Solidarität neu in ihm entfacht. Durch Damiens Schuld wird Mme Kasras und ihres Sohnes illegaler Verbleib im Land offenbar, den negativen Asylbescheid hatten die Behörden rasch zur Hand.

Franck Gastambide, Jessim Kas und Melisa Sözen. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Auch Rudy verschafft einem Kind die Staatsbürgerschaft: Gringe. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Und das Gleiche tut Marco mit einem Lookalike-Kind: Youssef Hajdi. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Steve und Souleman: Rémy Adriaens und Bass Dhem. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

„Er geht in Frankreich zur Schule, also ist er Franzose“, argumentiert Damien, während er der syrischen Kleinfamilie halbherzig Hilfe anbietet. Doch Goldene-Palme-Gewinnerin Melisa Sözen holt ihn als Selma Kasra vom hohen Ross abstrakter Anteilnahme: Wenn er wirklich etwas unternehmen wolle, solle er die Vaterschaft für den Kleinen anerkennen, was diesen zum Staatsbürger mache und der Mutter eine Aufenthaltsbewilligung verschaffe. Sözen spielt die Selma mit einem Mut der Verzweiflung, der nicht nur Damiens Herz rührt.

Entgegen der Warnung des von Grandseigneur Patrick Chesnais dargestellten Vigo, „Beim Helfen darf man nicht naiv sein!“, erklärt sich Damien zu diesem Schritt bereit. Doch Selmas günstiges Schicksal bleibt in der Communauté nicht unbemerkt, bald stehen Migrantenmütter zu Dutzenden vor Damiens Haustür, sein Wohn- wird zum Wartezimmer, bis ihm, unterstützt von seinem besten Freund Rudy, nichts anderes bleibt, als weitere potenzielle „Väter“ zu rekrutieren – ein Schwindel, für den man sich als karitativer Verein ausgibt.

Franck Gastambide als softer Macho Damien, einer, der redet und redet, wenn er nervös ist, und er ist oft nervös, Gringe als Rudy, Youssef Hajdi als ein ausschließlich Lookalike-Kind suchender Marco, Rémy Adriaens als schmalbrüstiger Steve und Bass Dhem als Schulwart Souleman sind alles andere als eine Superman-Truppe, aber supersympathisch. In ihr Zusammenspiel packt Xavier de Choudens Europas brandaktuelles Thema: den Umgang mit den sogenannten „Fremden“ und deren dadurch motiviertes Zugehörigkeitsgefühl zur neuen Heimat.

Immer mehr Mütter kommen zu Damien: Franck Gastambide. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Damiens Vater ist entsetzt: Patrick Chesnais als Vigo Mallet. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Auch Mélanie hilft erst nur widerwillig: Camille Lellouche und Franck Gastambide. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Doch bald vertritt sie die Väter vor Gericht: Adriaens, Gastambide, Lellouche und Gringe. Bild: 2019 Thimfilm GmbH © Alain Guizard /AGAT Films

Dies in Szenen, wie einem Streit der frischgebackenen „Väter“ auf dem Kinderspielplatz, deren „dein Sohn hat meine Tochter …“ derart eskaliert, dass die Flics anrücken – und die Kinder laufen in Panik, wie sie’s eben von Schlepper zu Lager, von Grenze zu Grenze gewohnt sind, und die Väter verstummen, erstarren vor Scham … Alldieweil ist die Zahl der von Damien anerkannten Sprösslinge auf 17 gestiegen, „Kinder sind wie Tattoos, hast du einmal angefangen, kannst du nicht mehr aufhören“, feixt Rudy, der Väter-Verein ein riesiger, glücklicher Multikulti-Clan, doch Damien hat für Selma starke Gefühle entwickelt.

Eine Liebe, deren Erwiderung sie sich erst nicht eingesteht, ist es vom Miss- zum Vertrauen doch ein weiter Weg. Wie Damien Selma in der Notunterkunft, in der sie und Bahzad schlafen, aufsucht, wie er ihr Leben kennenlernen will und sie ihm von ihren Fluchterfahrungen erzählt, Türkei, Griechenland, Ungarn nein, also Italien, das ist eine, die zu machen sich für manchen lohnte. Wer sich über „Werte“ äußert, darf nicht weglassen, dass deren Trägersäule ein von den Menschenrechten geprägtes humanistisches Weltbild ist.

„Drei Männer und ein Baby“, so entzückend auch immer, war gestern. „Ein Papa für alle“ ist die andere Art der romantischen Komödie, auf Klamauk folgt Krise, denn die Väter fliegen auf, als ein leiblicher beim Amt auftaucht. Selma zieht sich wieder zurück in ihr Schneckenhaus, Bahzad ist in Tränen aufgelöst, die Mütter und Väter wissen nicht ein noch aus. Doch dafür gibt’s Mélanie – und ein Happy End in Form eines Haftaufenthalts.

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2. 1. 2020

Bronski & Grünberg: Schuld & Sühne

Januar 8, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus den Scherzen eine Mördergrube gemacht

Rodion Romanowitsch Raskolnikow hat sehr eigene Rechtfertigungen für den „gerechten“ Mord an jenen Menschen, die er „Laus“ nennt: Charlotte Krenz. Bild: © Philine Hofmann

Als Ansager im Biedermannspulluder, wie Stefan Lasko da anfangs vor dem roten Theatervorhänglein steht, als Bronski-&-Grünberg-Antwort auf Michael Palin, ist vollkommen klar, dass sich hier wieder ein starkes Stück erlaubt wird. Monty Python‘s Staged Punk sozusagen, sind die Bronskisten doch für die Wiener Bühnenwelt, was die Sex Pistols dereinst für die Spikesszene waren – nur weniger sid-vicious denn absurd und grotesk. Diesmal haben, soweit’s Text und Regie betrifft, zwei von drei Prinzipale selbst Hand angelegt, Alexander Pschill und Kaja Dymnicki, alldieweil Julia Edtmeier schauspielert. Worin, das will Lasko ja erklären, im Werk eines berühmten

Russen, wobei geschlagene drei Stunden lang weder an Ausstattung noch Mitwirkenden gespart werde. „Tolstoi!, Tschechow!, Dostojewski!“, klingt’s von diesen aus dem Off, ja, bei jenen Literaten und deren üppigem Personal kann man schon in die Irre gehen, wie Evelyn Hamann im North-Cothelstone-Hall-Sketch, aber tatsächlich wird „Schuld & Sühne“ – die Wiederaufnahme geboten. Frei nach Fjodors Feuilletonroman um den St. Petersburger Studenten Rodion Romanowitsch Raskolnikow und dessen seltsamen Rechtfertigungen für den „gerechten“ Mord.

Und weil ein solches Mammutprojekt für das Müllnergassen-Tschocherl, zwar nicht punkto Intellekt und Irrwitz, aber was den Innenraum betrifft, sowieso zu groß ist, hat man sich gleich ins Guckkastenformat verfügt. Hinterm Hangerl nämlich verbirgt sich eine Handdrehbühne, die per Muskelkraft mal Studentenbude, mal das Zimmerchen der Pfandleiherin Aljona Iwanowna, mal Polizeistube ist. En miniature ist en détail eingerichtet, mit Schlüsselbord, Brausekopf, Blumentopf, Wassili Perows Porträt – und original Rasselbockkopf.

Die Axt im Haus hat Charlotte Krenz als Raskolnikow, sie nicht die einzig cross-besetzte, statt tief gefallener Hochschüler nun gescheiterter Schauspieler, den Aljona Iwanowna samt Schwester Lisaweta bereits als düsterer Tagalbtraum heimsuchen, bevor er überhaupt Geschäfte geheuchelt, dann sie hingemeuchelt hat. Krenz gibt den designierten Mörder mit nach rückwärts gegelter Langhaarmatte, sinister, fiebrig und mit selbstgefälligem Wahnsinnsgrinsen unterm ausgefransten Menjou-Bärtchen. Zum Belächeln wär‘ das, würde Krenz ihren Eigendünkler seine ideologischen Überlegungen über privilegierte Herren-Menschen, denen das „erlaubte Verbrechen“ an der „Laus“ als Geburtsrecht zusteht, nicht mit einem Zynismus Richtung Zuschauer raunen lassen, dass einem nicht jenseitig, sondern ganz jetztzeitig wird.

Boris Popovic, Julia Edtmeier, Alexander Jagsch, Charlotte Krenz, Marius Zernatto, Maddalena Hirschal. Bild: © P. Hofmann

Christian Gnad, Maddalena Hirschal, Alexander Jagsch, Marius Zernatto, Charlotte Krenz, Julia Edtmeier. Bild: © P. Hofmann

Das Totschlagargument bekommt am eigenen Leib bald die wucherische Zinseneintreiberin zu spüren, Doris Hindinger, die mit misstrauisch nach unten gezogenen Mundwinkeln die zu versetzenden Habseligkeiten des übelmeinenden Kunden in Empfang nimmt, eine bauernschlaue, ausgefuchste Alte, deren böse Blicke einen, wenn sie’s denn sprichwörtlich könnten, aus dem Leben beförderten. Wunderbar, wie sie bei jedem Türöffnen vorm ausgestopften Wiesel überm Türrahmen zusammenzuckt, als erkenne da ein Frettchen das andere. Der ganze Abend ist rappelvoll mit solcherlei stummfilmischem Slapstick, vollbelegt wie die Bühne, auf der sich – Platz ist in der kleinsten Kulturhütte – gezählte vierzehn Akteurinnen und Akteure tummeln.

Für Bronski-Verhältnisse erstaunlich werktreu haben Pschill und Dymnicki bei dieser Inszenierung gewerkt, freilich streichen sie, schreiben Rollen neu und um, lassen Soundeffekte von einem Speiseeiswagen, Overacting, Faxen- und Fratzenmachen zu, aber im Kern blieb’s beim Buch. Herr-lich ist Alexander Jagsch als Raskolnikows Mutter Pulcheria Alexandrowa, ein baumlanger Vamp mit inzestuösen Anwandlungen, eine Fleisch gewordene freudsche Traumdeutung, das Über-Ich im 180-Grad-Umbau, wenn sie schnippisch anmerkt, ihres Sohnemanns Depressionsanstrich beschmiere sogar die vierte Wand.

Im Bronski & Grünberg lässt das Publikum gern mit sich spielen, da wird aus den Scherzen im Wortsinn eine Mördergrube gemacht, bei dieser russischen Kasperliade, mit der die Bronskisten definitiv ein neues Level erreicht haben. Kim Schlüter gibt mit Kulleraugen die geistig zurückgebliebene, bei Dostojewski ergo kindliche Unschuld symbolisierende Lisaweta, Thomas Weissengruber Pulcheria Alexandrowas Verlobten Luschin als versnobten „Das wird man doch noch sagen dürfen!“-Neureichen, und stellt sich so als Kapitalist gegen den frühsozialistischen Fast-Sohn, und apropos Kapital: in einer Marx-Brothers-Hommage platzt dessen Kammerspiel-Kämmerlein mittlerweile als allen Nähten.

Ermittlungsrichter Porfirij wagt schon einmal ein Siegestänzchen: Florian Carove. Bild: © Philine Hofmann

Die Untoten und ihr Mörder: Doris Hindinger als Pfandleiherin, Kim Schlüter und Charlotte Krenz. Bild: © Philine Hofmann

Julia Edtmeier hat für sich eine Pate-streichelt-(ausgestopfte)-Katze-Szene erfunden. Sie spielt Raskolnikows Freund Rasumichin, ebenfalls erwerbsloser Mime, der gerade ein Engagement als Kindertheaterpferd hat und mit kriminalistischem Spürsinn den Täter um Kopf und Kragen redet, legt er doch Florian Carove als Ermittlungsrichter Porfirij und Marius Zernatto als dessen diensteifrig-dämmlichem Assistenten die heiße Spur zum Schuldigen. Carove gestaltet den Amtsträger mit seinem subtil-psychologischen Katz-und-Maus-Gehabe als eine Art Columbo. Allerdings hat er den Trenchcoat gegen Ballettschuhe getauscht – und seine wortverdrehenden Pirouetten beim Verhören des Verdächtigen sind schlicht spitze.

Maddalena Hirschals Mixcharakter ist irgendwie auch Dunja, jedenfalls Sofja Semjonowna Marmeladowa, als die sie immer aufs Neue betonen muss, bestimmt keine Prostituierte zu sein. Und während Stefan Lasko, auch dies Michael-Palin‘isch, auf bekochwütige, nachbarliche Nervensäge macht, erscheint aus dem Untergrund Claudius von Stolzmann als Marmeladow und räumt aus dem Unterbühnenraum, das Gesicht bald so hochrot wie Caroves tanzangestrengtes, eine komplette Wohnungseinrichtung, Stehlampe, Sitzkissen, Fernseher, auf die und wieder von der Spielfläche – wozu er dem darob nicht wenig irritierten Raskolnikow seine erlogene Lebensbeichte ablegt. Ein furioser Monolog, ein fantastisches Kabinettstück, ein Höhepunkt der Aufführung. Es macht Spaß zu sehen, mit wie viel Lust und Genauigkeit hier gearbeitet wird.

Boris Popovic, Christian Gnad und Patrick Weiss als weitere Hausbewohner, Schaulustige, Jagsch-Verehrer, Beamte ergänzen den Cast. Hindinger und Schlüter haben noch einen Auftritt als blutüberströmte Untote, Edtmeier liest die Reclam-Ausgabe von „Weh dem, der lügt“. Carove zerbricht sich in Zeitlupe den Kopf übers Schädelspalten, was mit Krenz zu Dialogen à la „Ich war in der Tat dort.“ – „Am Tatort?“ führt, bevor Raskolnikows „Anstrengungen im Sinne des allgemein-menschlichen Fortschritts“ gewürdigt werden, und er abgeführt wird. Dabei, im Bronski & Grünberg kann die übliche Lösung nicht die gängige sein, und so enttarnt sich als wahrer Mörder schließlich … weil gleichermaßen Geldschulden bei und daher Hass auf die Pfandleiherin … Großartig!

 

Trailer: vimeo.com/353973287           www.bronski-gruenberg.at

  1. 1. 2020

Schauspielhaus Wien: Mehr Zeit für Probleme

Dezember 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlechtnachbarlicher Seelenstriptease im Schwimmbad

Plitsch-Platsch reinköpfeln in die Probleme: Vera von Gunten, Til Schindler und Steffen Link. Bild: Laura Malmberg

Der Chlorgeruch, der einem beim Eintreten entgegenschlägt, ist dermaßen atemraubend, dass es manchem hochkommt. Das Andenken natürlich. Ans gute, alte Hallenbad. Als ein solches ward nun das Nachbarhaus/USUS im Schauspielhaus Wien von Patrick Loibl blau verfliest, dazu Stahltreppe und Startstockerl, weil Regisseurin Johanna Mitulla den ersten ihres Dreiteilers „Mehr Zeit für Probleme“ in eine Schwimmanstalt verlegt hat. „Nachbarn“ ist der Titel von Folge 1, und Mitulla sagt danach im Gespräch, sie hätte sich fürs Setting entschieden, Sinnbild für Seelenstriptease, weil am Pool die Menschen fast nackt wären.

Der perfekte Platz also fürs Team zur Nabelschau anzutreten, denn der Text, der einem in der kommenden Stunde zu Gehör gebracht wird, ist entstanden aus Anekdoten von Hausmitgliedern aller Sparten, und darum geht’s auch: Ums Mitein-, Gegenein- , Aneinander mit den oben einem, unter einem, links, rechts Lebenden – die Hausgemeinschaft in guten wie in bösen Tagen. Und Nächten. Vieles wird hier unterschriftsfertig dargeboten, laute Musik zu finsterer Stunde, Getrampel, als würde einer in Goiserern rumlaufen, die Hassliebe zum keifenden Hund von nebenan, ebenso zu den plärrenden Bälgern im Hof.

Vera von Gunten, Steffen Link und Til Schindler spielen diese Stories, von Vanessa Sampaio Borgmann eingekleidet mit Badekleidchen, Socken, Plastiksandalen, auch die eine Kindheitserinnerung – als Seeigelschutz in Kroatien, Schindler in einer großartig großpaillettigen Badehose, die Wangen vom heißen Dampf gerötet, die Haare vom Wasser feucht. Aus Smalltalk an der Stahlstiege/Stiegenhaus wird schnell ein Reinköpfeln ins Räsonieren. Einigkeit entsteht erst durch Schaffen eines Feindbildes – das selbstverständlich der gerade nicht anwesende Nachbar, ob Sonderling, Störenfried, Schreckschraube, alte Schachtel, oder wahlweise das Chinalokal im Erdgeschoss ist. Dies dann das Alle-gegen-einen-Szenario, wenn in schönster Eintracht beratschlagt wird, wie die gelbe Gefahr am besten anonym anzuzeigen sei.

Nachbarn, sind sich die drei einig, sind keine Freunde. Pakete annehmen geht grad noch, da wäscht ja sozusagen eine Hand die andere, aber bitte nicht bei Hausbrand anläuten. Schon gar nicht um fünf Uhr morgens, da ist man nämlich kein freundliches Gegenüber, sondern lediglich das Eindringlingsdings. Von Gunten, Link und Schindler sind versiert im Aneinander-Vorbeireden statt Einander-Zuhören, jeder druckt dem anderen hier sein Gschichtl. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und apropos, die Wienerherz-goldige Satire ist in Höchstform, wenn Link die „Ganz Paris träumt von der Liebe“-Melodie mit Lärmbelästigungslyrics singt.

Warum Schindler das Knie eingefascht hat oder: Das Springen vom Beckenrand ist nicht verboten. Bild: Laura Malmberg

Socken, Plastiksandalen, Badekleid, Kindheitserinnerungen: Vera von Gunten von unten. Bild: Laura Malmberg

Bald wünscht einer dem anderen dessen persönlichen Badeschluss. Plitsch-Platsch wird entlang des Publikums rückengekrault. In einer Sketchrunde ist man einander mit Spickzetteln bewehrter Souffleur. Sehr spaßig ist, wie Schindler von Gunten vormacht, wie Nachhause kommen bis Zubettgehen in nur vier geräuscharmen Gängen zu absolvieren ist, weniger, wenn er sich, von einem Nachbarn zum Kaffee eingeladen, beinah sexuell belästigt fühlt. Es gebe eben, erklärt Mitulla ein strenges Reglement unter Hausbewohnern, das habe sie in Wien erfahren, dass den Wienern nach Situationen nicht zu vermeidender Nähe, beispielsweise im Aufzug, die Wohnung als Ort zum raschen Rückzug umso wichtiger sei.

Vera von Gunten, als „Prominente“ im Lift vom Jeder-Wiener-ein-Theaterkritiker deppert angemacht, flüchtet – was hier nur raus in die abendliche Kälte der Porzellangasse geht. Und es ist herrlich, wie die Passanten ob des Spektakels schauen und staunen, die Schauspielhaus-Nachbarschaft, die vorbeigeht oder auf dem Rad vorüberfährt, und vom Scheinwerferlicht angelockt durch die hohen USUS-Fenster in dessen Inneres späht. „Man wächst nicht an Problemen, man geht an ihnen zugrunde“ (© Steffen Link), ist eine der Weisheiten, die man erfährt, und warum Til Schindler sein Knie eingefascht hat. Dazu nur dies: das Springen vom Beckenrand ist in dieser Produktion nicht verboten …

Johanna Mitulla beschäftigt sich derweil schon mit „Mehr Zeit für Probleme. Folge 2: Hobbies“, ein Bereich, meint sie, zu dem Diverses an Assoziation möglich sei, und an dem sie am meisten interessiere, dass „ein Begriff, der früher mit Freude und Freizeit verbunden war, heute auf jene zugeschnitten wird, die gesellschaftlich auf dem absteigenden Ast sind“. Weil, wer beruflich erfolgreich ist, keine Mußestunden ergo keinen Zeitvertreib hat. Mehr darüber bei der Premiere am 31. Jänner. Folge 3 folgt im März.

Video: www.youtube.com/watch?v=NUqNyJTWaLw           www.schauspielhaus.at

  1. 12. 2019

Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

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  1. 6. 2019