Akademie der bildenden Künste im Weltmuseum Wien: Stories of Traumatic Pasts

Oktober 7, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Interventionen gegen das Verdrängen und Vergessen

Martin Krenn: Österreich ist ein wunderbares Land, 2020, Installationsansicht. Bild: İklim Doğan

Die Akademie der bildenden Künste zeigt ab 8. Oktober im Weltmuseum Wien die Ausstellung „Stories of Traumatic Pasts – Counter-Archives for Future Memories / Geschichten traumatischer Vergangenheiten – Gegenarchive für künftige Erinnerungen“. Die Schau thematisiert das systematische Verschweigen und Vergessen, die Nachwirkungen des Kolonialismus im Belgien seit 1885, die Zeit des

Nationalsozialismus im österreichischen Raum, unter besonderer Betrachtung des Holocausts, und den Turbo-Nationalismus in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, der „Republika Srpska“ oder der „Serbischen Republik“ von 1990 bis heute. Diese drei europäischen Regionen, ihre Geschichten und ihre teilweise  gegenwärtige „kollektive Amnesie“ in Bezug auf die traumatischen Vergangenheiten stehen im kritischen Fokus der Präsentation. Die gezeigten künstlerischen Positionen sind Interventionen in Gegenwart und Zukunft und bilden Gegenerzählungen gegen das Vergessen. Oft von Künstlerinnen und Künstlern geschaffen, die in ihren Herkunftsländern kein Gehör finden, legen die Arbeiten die Pluralität des Denkens, der Gemeinschaft, der Geschichte und der Erzählungen frei und beleuchten die Allianzen von Erinnerungen und Geschichte.

Einige Untersuchungen fokussieren auf Belgiens Entwicklung seit der Unabhängigkeitserklärung des Kongo und der Verehrung der Kolonialisten und der Politik des für den Genozid verantwortlichen König Leopold II. am Beispiel von zahllosen Denkmälern im öffentlichen Raum. Dieses Kapitel der Geschichte Belgiens wird erst seit den 1990er-Jahren aufgearbeitet. Noch heute herrscht jedoch vielerorts das Bild vor, dass dem Kongo Wohlstand und Modernität gebracht wurde, dem sich zahlreiche Wissenschafter und Künstler entgegenstellen. Monique Mbeka Phoba zeigt dazu in ihrer Arbeit „Jeder Belgier wird auch durch sein Verhältnis zum Kongo definiert, 2020“ Familienalben, Oral History in Form von Geschichten und Anekdoten ihrer Eltern und Großeltern erzählen von der Kolonialzeit im Kongo bis hin zur Unabhängigkeit als Republik im Jahr 1960.

In „Kolonialität/Geselligkeit?, 2020“ laden Joëlle Sambi Nzeba undNicolas Pommier ein, sich, konfrontiert mit einer großen, reichlich gedeckten Tafel der Frage zu stellen, ob es möglich ist Schmerzen verstummen zu lassen und Traumata zu ignorieren, sich quasi trotzdem „gemeinsam an einen Tisch zu setzen und zu essen“. Elisabeth Bakambamba Tabwe hinterfragt mit ihrer Video-Intervention die Institution des Museums an sich. Um dem Ausdruck zu verleihen überwacht ein riesiges Auge eine der Hauptvitrinen im Saal „Sammlerwahn. Ich leide an Museomanie!“ des Weltmuseum Wien. In der Vitrine befinden sich sogenannte „Chrarakterköpfe“ aus Indien. Das Auge regt dazu an die ausgestellten Objekte, diev on der Künstlerin als „abgeschlagene Köpfe“ interpretiert werden, ebenso zu hinterfragen, wie die, die sie betrachten.

Anja Salomonowitz: Das wirst du nie verstehen, 2003. © Anja Salomonowitz, Courtesy of sixpackfilm

Sinisa Ilic: Conference Room with a View over the Mediterranean, 2015. © Sinisa Ilic

Arye Wachsmuth: STOP (Idomeni), 2016. © aryewachsmuth

Joelle Sambi Nzeba und Nicolas Pommier: Congolese Hands, 2020. © Joëlle Sambi Nzeba und Nicolas Pommier

Der Turbonationalismus, der Genozid und der Krieg in Bosnien und Herzegowina ist ebenso Gegenstand des Forschungsprojektes wie auch der Ausstellung im Weltmuseum Wien. „Die grausame Politik der ethnischen Säuberungen, die sich gegen Musliminnen und Muslime, Kosovo-Albaner, Roma und Sinti sowie die LGBT_QI-Community richtete sind noch lange nicht im kollektiven Gedächtnis Europas und in der Geschichtsschreibung angekommen,“ sagt Marina Gržinić, eine der Kuratorinnen der Ausstellung und Leiterin des Forschungsprojektes an derAkademie. Was in ihren Herkunftsländern oft schwer zu thematisieren ist zeigen dieKünstlerinnen und Künstler nun im Weltmuseum Wien.

Bojan Djordjev und Siniša Ilić  bieten mit ihrer Arbeit „Topografien der Emanzipation und des Zwangs“ eine über politische und geografische Einheit hinausgehende Übersicht, die weit auseinanderliegende historische und gegenwärtige Ereignisse und Ideen zu Überlegungen über Emanzipation und ihre Zerstörung verbindet. Sie stellen antikoloniale und antiimperiale Ereignisse wie Vertreibung, Migration, Ausbeutung, Überleben oder Rebellion, gegenwärtigen Bedingungen gegenüber. Den lyrischen Titel „Die Stille desBalkans, 2020“ trägt eine Augmented-Reality-Installation von Valerie Wolf Gang, die sich mit dem abstrakten Zustand der Erinnerung auseinandersetzt. Die Künstlerin fuhr die sogenannte „Balkanflüchtlingsroute“ in die gegengesetzte Richtung zu den Flüchtenden mit dem Auto ab und sammelte und archivierte im Zuge ihrer Feldforschung Fotos,Tonaufnahmen und Videos ihrer Reise. Unterstützt durch die Augmented-Reality-Technik könnendie Besucher diese Reise nacherleben.

Die traumatische Zeit der Belagerung Sarajewos, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, während des Bosnischen Krieges von 1992 bis 1996 erzählt die Klanginstallation von Lana Čmajčanin und Adela Jušić mit dem Titel „Gutenachtgeschichten, 2011“. Es war aber zugleich auch eine Zeit der Stärke und des Widerstands, in der Musik eine große Rolle spielte. Um sie zu hören traf sich die Jugend in kommunalen Kellerräumen. Für ihren Zugang zu diesem Trauma und dieser musikalischen Erfahrung entschieden sich Čmajčanin und Jušić für einen Doppelstrang aus Klängen und Tönen. Nur wenige werden die im Hintergrund zu hörende bosnische Sprache verstehen, die zum Klang greifbarer Angst wird. Gleichzeitig erinnert die vo neiner Erzählerin mit weicher Stimme vorgetragene englische Übersetzung an die Stimme einer Mutter, die Gutenachtgeschichten erzählt.

Valerie Wolf Gang: Die Stille des Balkans, 2020. © Valerie Wolf Gang

Die Zeit des Nationalsozialistischen Terrors und die Erinnerung, aber auch die Aufarbeitung der begangenen Verbrechen ist ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung und der Forschungsarbeit. Auf Spurensuche in der eigenen Familie macht sichAnja Salomonowitz. In Interviews mit drei Frauen aus ihrer eigenen Familie, die an der Erziehung der Künstlerin wesentlich beteiligt waren.

Ihre jeweiligen Rollen in der Zeit des Nationalsozialismus im österreichischen Raum könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Großtante, die Auschwitz überlebt hat, das sozialistische Kindermädchen im Widerstand und die Großmutter, die zuschaute und nichts tat. Anja Salomonowitz konfrontiert sich und ihre Familie im gezeigten Film mit den unterschiedlichen Erinnerungen und reflektiert diese widersprüchliche Aufgabe mit Kommentaren aus dem Off.

Wenig bekannt ist die Geschichte von Ludwig Mies van der Rohe, der sich als einer der wesentlichen Lehrenden des „Bauhaus“ weigerte politisch Stellung zu beziehen. Trotz des Drucks der gerade an die Macht gekommenen NS-Regierung, wie auch der kommunistischen Studierenden blieb die Leitung apolitisch. Mit der Arbeit „Neutralitätsfelder (Das letzte Interview mit Ludwig Mies van der Rohe), 2019“ ermöglicht der Künstler Dani Gal Einblicke in die letzten Tage des Bauhauses, die Zusammenstöße mit den faschistischen Kräften, aber auch in die eigenen moralischen Annahmen – damals wie heute.

Martin Krenn  stellt in seiner Videoinstallation „Österreich ist ein wunderbares Land, 2020“ die Frage, wie es möglich war, dass es während der Tage des „Anschlusses“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich zu den Pogromen kommen konnte, den sogenannten „Reibepartien“. Titelgebend für die Kombination aus Augenzeugenberichten und historischen Fotos ist der erste Satz des Regierungsprogramms 2020 bis 2024.Die Wirklichkeit des Lebens eines Geflüchteten, das in Europa eine radikale Abwendung vom humanitären Zugang hin zu einer tödlichen laissez-faire Einstellung erfährt, untersucht Arye Wachsmuth in seiner Arbeit „Derocide, 2020“.

Ausgangspunkt für Wachsmuths Arbeiten sind immer konkrete Bilder und Materialien, die sich zwischen Archiven und Selbstreflektion, zwischen Momentaufnahmen und entblößten Machtstrukturen bewegen und ein Aufruf zum Handeln sind. Eine Studienecke mit Videointerviews, ein interaktiver Multitouch-Tisch, der die Verbindungenvon Kolonialismus, Antisemitismus, Holocaust und Widerstand im österreichischen Raum während der Zeit des Nationalsozialismus und Turbo-Nationalismus zeigt, sowie die Ergebnisse von künstlerischen Workshops an der Akademie der bildenden Künste Wien vervollständigen die Ausstellung.

www.weltmuseumwien.at

7. 10. 2020