Volx/Margareten: Heimwärts

Januar 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas durch die tragikomische Groteske

Unter der Fuchtel des tückisch-türkischen Beamten: Günther Wiederschwinger, Kaspar Locher, Sebastian Pass, Isabella Knöll, Günter Franzmeier, Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Die Geschichte ist so abenteuerlich absurd, dass sie so ähnlich passiert sein muss. Und das ist sie auch. Mit einem Onkel von Autor Ibrahim Amir. Zwei knappe Wochen, bevor im Werk X die vom Volkstheater aufgegebene Wien-Premiere von „Homohalal“ stattfinden wird, zeigt das Haus im Volx/Margareten dessen Stück „Heimwärts“. Darin macht sich eine Gruppe Menschen auf, den todkranken Hussein von Wien zurück nach Aleppo zu bringen.

Mehr als 40 Jahre hat der in Österreich gelebt, ist längst Staatsbürger, doch will er umgeben von seiner Familie in der Heimat beerdigt werden. Allein, Hussein stirbt schon unterwegs. Ausgerechnet in der Transitzone in der Türkei. Und so beginnt ein steiniger Behördenweg um die Ausstellung eines Totenscheins, der die Weiterreise mit der Leiche ermöglicht, um den letzten Wunsch des Onkels zu erfüllen …

Die junge deutschtürkische Regisseurin Pinar Karabulut legt mit dieser Inszenierung ihre erste Arbeit in Österreich vor. Sie überdreht Amirs tragikomische Groteske, dreht am Rad bis zum Anschlag. Alles ist bunt, laut und schrill, das verwischt nicht wenig Amirs Zwischentöne, überplärrt seine melancholische Baseline, mit der er die Begriffe Herkunft, Heimat und die aus beiden resultierende Identität durchdekliniert. Denn diese sind, ja diese bedeuten für alle Figuren im Stück etwas anderes.

Gemäß dem Stefan-Zweig’schen Satz, der Migrant hätte keine neue Heimat gefunden, sondern nur seine alte verloren, fühlen sich Hussein und sein – wie früher auch der Autor Medizin studierender – Neffe Khaled. Es ist einer der traurigsten und poetischsten Sätze, wenn Hussein über Wien und die Wiener sagt: „Ich kam nie dem Gefühl nah, auf Deutsch geliebt zu werden.“

Der die beiden begleitende Arzt Osman wiederum ist gebürtiger Türke und in extremem Zwiespalt zwischen seinen Gefühlen um seine türkische Identität und der Politik in seiner Heimat. Die Krankenschwester Simone ist eine Transgender-Person und definiert ihr Ichbewusstsein über ihr tatsächliches Geschlecht, ein Twist, den das Stück nicht wirklich auch noch gebraucht hätte. Und schließlich sind da ein Hitler gutheißender Grenzer und sein höherer Beamter Bekir, Gastarbeiterkind und Türkeirückkehrer und als solcher nicht ernst genommen und ergo ein besonders radikaler Verfechter des Türkentums …

Selfie mit Leiche: Günter Franzmeier und Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Khaled argumentiert um sein Leben: Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Für dieses Roadmovietheater hat Aleksandra Pavlović einen plüschroten Mix aus zu überwindendem Berg, Bürokratenthron und verwachsenem Auto erdacht, dazu eine Moscheenuhr, auf der die Zeit(en) immer wieder neu zu stellen ist beziehungsweise sind. Die überzeichneten Charaktere agieren mit ebensolcher Mimik und Gestik, so dass mitunter weniger Vollgas mehr gewesen wäre (was auch auf die Kostüme zutrifft).

Einzig Günter Franzmeier bleibt bei sich und macht aus Hussein eine Art Nathan den Weisen II. Dass die Figur nicht versteht, dass sie verstorben ist, sondern sich immer erneut ins Geschehen um sie einmischen will, macht wohl den Reiz der Rolle aus. In Rückblenden erzählt dieser Hussein sein Leben, dabei auch der schönste, einzig stille Moment der Aufführung, als er von seiner flüchtigen Liebe zur Polin Annamaria berichtet, er dem Faschismus Syriens, sie dem Kommunismus entkommen. Eine Liebe ohne Happy End, denn: „Wie sollen gebrochene Menschen in einer gebrochenen Sprache übers Gebrochensein reden?“

Übertitel, auf die das Volkstheater so stolz ist, gab es diesmal keine. So erfährt man in den langen, auf Türkisch gesprochenen Passagen das „Fremdsein“ aus erster Hand. Ein gewollter Effekt und die Ahnung, dass etwas Lustiges abläuft, wenn das kundige Publikum rundum auflacht. Nur manche Szenen werden auf Deutsch wiederholt.

Klar wird die Truppe für Politaktivisten, und da Hussein und Khaled Kurden sind, auch noch für Terroristen gehalten. Kaspar Locher als Khaled und Günther Wiederschwinger als Osman spielen daher die meiste Zeit knapp am Rande des Nervenzusammenbruchs. Isabella Knöll ist als anpassungswillige Simone schön peinlich. Ein Kabinettstück als tückisch-türkische Beamte versuchen Oktay Güneş und Sebastian Pass als Bekir.

Am Ende kommt der Putschversuch gegen Erdogan und mit ihm das Chaos. Ein entwurzelter Toter hält die vaterländische Rede an das Volk und Heimat hat plötzlich mit Ehre, Treue und Glauben zu tun. Und einmal mehr verwundert, dass die, die mit den selben Schlagworten um sich schlagen, jene sind, die sich am wenigsten leiden können …

Isabella Knöll im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27780

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  1. 1. 2017

Volkstheater: 1984

November 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett

Die Nachbarn bespitzeln Winston Smith mit Kameras: Birgit Stöger, Rainer Galke, Kaspar Locher, Steffi Krautz und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was wäre die Welt ohne Donald Trump? Etliche Theaterabende könnten ohne ihn gar nicht mehr stattfinden, so auch nicht die Freitag-Premiere am Volkstheater. Auch Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer hat sich nämlich die Brandreden, vor allem die Antrittsrede – „Wir haben uns in einer großen nationalen Kraftan- strengung zusammengeschlossen, um unser Land wiederaufzubauen und seine Verheißung für alle Menschen …“ – als Folie genommen, um darunter sein Spiel von George Orwells „1984“ zu legen.

Dabei folgt er in seiner Inszenierung dessen dystopischem Roman ziemlich exakt; dort wo Schmidt-Rahmer die Narration verlässt, holt er mit den Mitteln eines politisch-performativen Diskurstheaters Orwells von den Gräueln Hitlers und Stalins beeinflusstes Werk an die Jetztzeit heran. In seinen besten Momenten geht es Schmidt-Rahmer um die Verschiebung von Wahrheit durch „Fake News“ und sogenannte alternative Fakten, um die Vernichtung von Faktizität. Dabei hilft ihm der vom Autor erfundene „Neusprech“, eine vereinfachte Sprache, die Denken einschränkt und Widerstand verhindern soll, tadellos.

Wie es in den Sätzen populistischer Politiker und ihren einschlägigen Medien passiert, zeigt Schmidt-Rahmer auf, wie Sprachverkappung zu Verdummung führt. Und wie es im Ministerium für Liebe geschieht, hält er das schamlose Ändern von Sachverhalten fest, bis Behauptungen keiner Überprüfung mehr standhalten. Bis das „gesunde Volksempfinden“ zum von oben gesteuerten Volkszorn wird. „Die Wirklichkeit ist ein Nagelbrett“, sagt O’Brien an einer Stelle zu Winston Smith. Was heißen soll, eine schmerzliche Unwahrheit spüre man gerade noch, aber über tausende könne man unbeschadet hinweggehen.

Als dies ist sehr spannend, dieses In-den-Kopf-der-Menschen-Gelangen bis zur letzten Konsequenz durchdacht. Schade nur, dass es die Inszenierung nicht schafft, wirken zu lassen, ohne darauf zu pochen. O’Briens Folter-Frage an Winston, wie viele Finger er sehe, lässt sich also durchaus ohne zu lügen mit „Fünf“ beantworten. Der überzählige, der moralisch mahnend dauererigierte des Regisseurs …

O’Brien und Handlanger im Ministerium für Liebe: Birgit Stöger mit Sebastian Klein und Katharina Klar als umgepolter Julia. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vidiwallfolter: Nach der Pause braucht es gute Magennerven – Rainer Galke und Ensemble. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Schwarzes-Loch-Vidiwall und sieben „Teleschirm“-Videoboxen benötigt der, um die totale Technisierung seiner Bühnenwelt zu zeigen. Auch etliche Handkameras kommen zum Einsatz, jeder kann hier Big Brother sein, die Darsteller allesamt angetan wie Nordkoreas Führer Kim Jong Un, einer von Trumps unzähligen Staatsfeinden Nr. 1.

Die charakteristische Frisur samt khakifarbenem Anzug begründet Schmidt-Rahmer im Interview mit seiner „Suche nach dem Nordkorea in uns allen“. Nicht um die aktuell schlimmste Diktatur der Welt ist es ihm also zu tun, sondern um die obligate Schelte von Google, Facebook, Twitter und Co.

Mit ihrem jeweiligen Lieblingsemoji in der Hand skandieren die Schauspieler denn auch gegen Selbstauslieferung ans Social-Media-Spionagesystem, dem noch Biggeren Brother, der via Auskundschaftung des Konsumverhaltens die Weltherrschaft an sich reißen wird. So lässt sich’s interpretieren.

Im sonst sehr stringenten Bühnengeschehen wirkt dieser Moment allerdings als Überfrachtung des Orwell’schen Themas der von einer Gedankenpolizei gesuchten Gedankenverbrechen. Tatsächlich sei dahingestellt, ob der Konnex von Orwell zu Larry Page und Sergey Brin den Abend nicht sogar beschädigt. Bessere Beispiele allgegenwärtiger staatlicher Überwachung, Stichwort: Maßnahmen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, hätten sich da finden lassen. „George Orwell würde sich im Grab umdrehen“, heißt es in dieser Sequenz.

In Lektionen, von eins: „Doppeldenk“ bis 173: „Wir können Verbrechen identifizieren, bevor sie überhaupt begangen wurden“, läuft die Aufführung ab. Rainer Galke, wenn auch nicht alt und ausgemergelt, ist herausragend als Winston Smith, ebenso Birgit Stöger als O’Brien. Katharina Klar überzeugt als Winstons verbotene Geliebte Julia. Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher und Sebastian Pass geben bespitzelnde Nachbarn, Schergen des Systems und auch dessen Opfer.

Statt im Zimmerchen treffen einander Julia und Winston im Hänsel-Gretel-Knusperhaus: Katharina Klar und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Galke mimt einen erst ruhelosen, ängstlichen, später fatalistisch um die Gesellschaft als Ganzes besorgten Winston; Klars Julia ist da ganz klar pragmatischer und bedacht darauf, den Augenblick zu genießen. Das geheime Zimmerchen, in dem die beiden im Roman sich lieben und lesen, wird im Bühnenbild von Thilo Reuther zu einem Hänsel-Gretel-Knusperhäuschen. Stögers O’Brien ist mit einem Wort gespenstisch. Mit großer Eleganz und zur Schau gestellter überragender Klugheit gestaltet sie einen vermeintlichen Mitverschwörer.

Der sich alsbald als Oberfolterer entpuppt. Nach der Pause führt die Inszenierung in dessen klinisch-weißes Folterlabor. O’Brien und seine Helfer, nun kahlköpfig und auf einem Auge blind, haben Julia zu diesem Zeitpunkt schon „umgepolt“. Winston erweist sich als härterer Widersacher, nicht weil er will, sondern weil er nicht anders kann. Was sich in Raum 101 ereignet, ist nicht zu sehen. Es wird angesagt, und dass man dennoch gute (Magen-)Nerven braucht, um diese Szenen durchzustehen, beweist einmal mehr die grandiose Schauspielkraft des Rainer Galke.

Im Programmheft schließlich ist nachzulesen, dass das „Gewölbte Schweinemaul“ oder die „Geschmorte Weichschildkröte“ Methoden sind, die der chinesische Schriftsteller und Dissident Liao Yiwu in seinen Gefängnistagebüchern beschreibt. Wegen seiner Gedichts „Massaker“ und seines Films „Totenmesse“ über die Ereignisse am Tian’anmen-Platz wurde er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt und häufig Opfer von Gewalt durch die Gefängnisleitung.

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  1. 11. 2017

Neu am Volkstheater: Sebastian Pass im Gespräch

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Endlich wieder Extrawurstsemmel mit Gurkerl

Seit dieser Spielzeit neues Ensemblemitglied am Volkstheater: Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als er vor zwei Spielzeiten als Diener Johann in Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ das Volkstheater rockte, dachte sich Direktorin Anna Badora wohl: Den will ich haben. Und so kommt’s, dass Sebastian Pass (www.volkstheater.at/person/sebastian-pass-2/) mit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Haus ist. Mit seinem Odysseus in „Iphigenie in Aulis / Occident Express legte er gleich die nächste schauspielerische Glanzleistung hin, nun beginnen für ihn die Proben zu Orwells „1984“. Sebastian Pass im Gespräch über Hausbrandt, Kalksburg und sein Dasein als Hedonist:

MM: Sie waren 2015/16 als Gast in  „Zu ebener Erde und erster Stock“. Was hat sich dazu bewogen fixes Ensemblemitglied zu werden – noch dazu nach einer Inszenierung, die von der Kritik gar gebeutelt wurde? Denkt man sich da: Jetzt bleib‘ ich justament?

Sebastian Pass: Natürlich! Nein, schlicht und einfach: Anna Badora hat mich gefragt und da musste ich gar nicht lange nachdenken, denn in Wien am Volkstheater zu spielen, ist einfach was Großes. Das war das erste Mal, dass ich ein Engagement mit einem großen Ja im Herzen angenommen habe.

MM: Was sind denn die Vorzüge des Volkstheaters?

Pass: Erstens: Ich bin in Wien. Zweitens: Das Volkstheater ist ein irrsinnig schöner Raum, es ist ein Hammer, auf der Bühne zu stehen und ins Publikum zu schauen. Die Kollegen sind großartig, …

MM: Sie passen aber auch dazu, wie die Faust aufs Aug‘.

Pass: … ich wurde mit offenen Armen und herzlichst aufgenommen. Ich spiele ja derzeit in „Iphigenie in Aulis / Occident Express“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25881), und das ist eine wunderschöne Ensemblearbeit. Jetzt freue ich mich schon auf das nächste Stück, und darauf, die nächsten Kollegen kennenzulernen.

MM: Sie spielen im ersten Teil des Abends, in der „Iphigenie“, den Odysseus. Mit nacktem Oberkörper und Mut zum Bauch. Der lässt in der doppelten Bedeutung des Wortes „die Muskeln spielen“.

Pass: Ja, Odysseus ist ein bissl angefressen, dass er da in Aulis festsitzt, und das hat sich bei mir in der Probenarbeit in eine Überheblichkeit und Eitelkeit verwandelt. Und was den Bauch betrifft: Ich muss mich ja nicht anschauen. (Er lacht.) Ich hab’s eigentlich nicht so mit dem Nacktsein, mein bestes Stück zeige ich nicht gerne her, aber den Bauch, das geht schon.

MM: Obwohl es in „Occident Expresseine sehr dezent gehaltene Nacktszene gibt.

Pass: Das ist auch richtig so, denn es geht nicht um Nacktheit, sondern darum, die Verletzlichkeit dieser Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten zu zeigen, ihr Ausgestelltsein, und dass diese Menschen alles verloren haben, dass sie sozusagen nur die nackte Haut retten konnten.

MM: Ist Odysseus Ihnen nahe?

Pass: Teils-teils. Ich bin Hedonist, ich mag gutes Essen, guten Wein, guten Kaffee. Da wo er den Schnösel raushängen lässt, kommen wir nicht zusammen, aber ich verstehe seine Verbitterung, seinen Zorn darüber, dass er gezwungen ist, diesen Krieg mitzumachen.

MM: Und über die Ilias befragt: Wer ist in Homers Schriften ihr Held?

Pass: Sie werden lachen, ich habe am Gymnasium sogar Altgriechisch gehabt, und musste die Ilias zum Teil übersetzen. Ich wollte eigentlich Medizin studieren, deshalb hatte ich mich für Altgriechisch entschieden, mein Professor war allerdings von meinen Übersetzungen nicht sehr angetan … Mein Held? Ich weiß es nicht. Als Altgrieche kann ich mich da schwer entscheiden …

MM: Bevor Sie ans Volkstheater gekommen sind, waren Sie ein Jahr am Staatsschauspiel Dresden. Die Dresdner gegen auf die Wiener ja ab wie Schmidts Katze. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Pass: Tatsächlich, die stehen auf den Wiener Schmäh. Ich wurde ständig aufgefordert, „was Wienerisches“ zu sagen. Ich fand Dresden eine wunderschöne Stadt. Ich habe in der Neustadt gewohnt, das ist wie eine Mischung aus Wien und Berlin: die Überschaubarkeit von Wien und in der Neustadt das Abgefuckte von Berlin. Was mich fasziniert hat: Dass die Leute einem auf der Straße noch in die Augen und nicht aufs Handydisplay schauen. Dort läuft kaum jemand mit dem Handy herum. Ich habe mich sehr wohl gefühlt, am Elbufer ist die Lebensqualität sehr hoch, leider habe ich es nicht bis in die Sächsische Schweiz geschafft.

Als Odysseus mit Anja Herden in „Iphigenie in Aulis“ … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und in „Occident Express“ (vorne) mit Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden, Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Aber als Kaffeekenner und -liebhaber?

Pass: Ich habe mir meine Mischung, den Hausbrandt, aus Wien mitgenommen. Es stimmt aber auch nicht mehr, dass man in Deutschland keinen Kaffee trinken kann. In Dresden gibt es ein paar gute Kaffeehäuser.

MM: Und was genießen Sie zurück in Wien?

Pass: In einer schönen Stadt zu sein und die Familie – und ich habe eine große mit meiner Mutter, einer Schwester, unzähligen Cousins, Cousinen, Nichten und Freunden – um mich zu haben. Ich bin Wiener, ich bin hier geboren, und es war immer das Ziel hierher zurück- zukommen. Ob mir das gelungen ist, weiß ich noch nicht, denn ich habe einmal einen Vertrag für zwei Jahre unterschrieben. Ich bin aber jetzt 40, und da wird’s dann einmal Zeit, sesshaft zu werden. Eines, was ich beispielsweise genieße, ist in ein Geschäft zu gehen, und ein Extrawurstsemmerl mit Gurkerl zu bestellen. Das kriegt man in Deutschland nicht.

MM: Wie sind Sie den aufgewachsen – Arbeiter- oder Nobelbezirk?

Pass: Sechster Bezirk, Ecke Kettenbrückengasse/Naschmarkt, zwischen desolat und bobo. Dann aber im 15. gelebt, und jetzt wohne ich wieder im 6.

MM: Warum Schauspieler? Von Altgriechisch und der Idee, Arzt zu werden, ein weiter Weg.

Pass: Meine Mutter behauptet immer, ich hätte irgendwann gesagt, dass ich Schauspieler werden will. Ich behaupte, das war nicht so. Ich war in der Rahlgasse bis zur dritten Klasse Gymnasium, dann meinte meine Mutter ich brauche etwas Strengeres, und hat mich ins Kollegium Kalksburg geschickt. Und dort hat es eine Theatergruppe gegeben. Da bin ich eingestiegen, und es hat Spaß gemacht. Ich habe mich dann nicht für Medizin, sondern für Jus eingeschrieben, aber gleichzeitig die Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar gemacht. Ich bin hin – und hatte keine Ahnung. Ich habe meinen Deutschprofessor gefragt, was ich vortragen soll, und der gab mir unter anderem Thomas Bernhards „Theatermacher“. Mit meinen 19 Jahren habe ich also einen 65-Jährigen gespielt, und mich gewundert, warum ein Regiestudent vorbeikam und sagte: Sehr mutig, sehr mutig!

MM: Und?

Pass: Ich bin ins Finale gekommen, war aber mit der Atmosphäre am Reinhardt-Seminar überfordert, habe aber dort erfahren, dass es das Konservatorium gibt – und so wurde ich ein Elfriede-Ott-Schüler. Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt, und habe mich langsam in die Wiener Theaterszene hineingearbeitet. Wenn man das Konservatorium unter der Ott absolviert hat, hat man wahnsinnig viel gelernt, ist aber immer noch ein Mensch. Und es ist einem nichts mehr peinlich. Und das sind zwei Dinge, die ich für diesen Beruf sehr wichtig finde: Man muss seine Schamgrenzen zwar runter setzen, aber dabei ein Mensch bleiben. Das ist ein irrsinnig sympathischer Gedanke.

MM: Damit ist meine nächste Frage, was macht Sie als Schauspieler aus, beantwortet. Ihnen ist nichts mehr peinlich.

Pass: Natürlich habe ich eine Peinlichkeitsgrenze, und als junger Schauspieler musste ich oft über meine Schmerzgrenze gehen, aber ich laufe mittlerweile innerlich rot an. Außen ist die Maske drüber, und gut ist’s. Was mich als Schauspieler ausmacht, ist vermutlich, dass mir mein Beruf wirklich Spaß macht. Ich mag es, mit Leuten zu arbeiten, und ich mag über meine Grenzen geführt werden. Ich habe einen sehr aufregenden Beruf, aber auch einen anstrengenden, weil man pausenlos kritisiert wird, nicht nur von Zeitungskritikern, auch von Regisseuren und Kollegen während der Proben.

MM: Diese Nach-der-Probe-Kritiken und -Selbstkritiken haben ja mitunter etwas vom diesbezüglichen maoistischen Ritual?

Pass: Jajaja, man ist permanent mit seinem Spiegelbild konfrontiert. Das muss man aushalten. Aber, wie gesagt, ich mag meinen Beruf. Ich mag Geschichten, ich mag träumen, ich mag Fantasie, und das Kindliche, das man in der Pubertät unbedingt verlieren wollte, um erwachsen zu sein, und das man sich als Schauspieler wieder aneignen und ausleben darf. Das ist ein großes Geschenk, dass man das machen darf.

MM: Schauen Sie sich an, was an anderen Wiener Bühnen läuft?

Pass: Ja! Wenn ich spielfrei habe, auf jeden Fall: Burg, TAG und auch die freie Szene, die ja in Wien zu Glück über weite Strecken noch bestehen kann.

MM: Auf der Webseite des Volkstheaters gibt es einen kurzen Film mit Ihnen. Da kommt die Rede aufs Lampenfieber, und sie nennen als Ihr Heilmittel Cola und Bananen. Heilt man damit nicht Durchfall?

Pass: Stimmt eigentlich. Meine Verdauung ist aber relativ gut. Es ist so, dass ich aus Nervosität nichts essen kann, und da sind die Bananen gut, weil sie Energie geben, aber nicht im Magen liegen. Ich bin dann beruhigt, weil ich mir sage, ich habe etwas gegessen und werde auf der Bühne nicht umfallen. Und Cola ist einfach Koffein und Kohlensäure. Soletti nehm‘ ich eh keine dazu … Ich habe also keinen Durchfall, manchmal aber geistige Verstopfung. Das Peinlichste, das mir je passiert ist, war, als ich in Coburg den „Urfaust“ gespielt habe. Ich fang‘ an mit: Habe nun, ach! Und mir ist nicht mehr eingefallen, was ich studiert habe. Zum Glück gibt’s die Souffleusen und Souffleure!

MM: Ihre nächste Premiere wird George Orwells „1984“ am 17. November. Das haben wir alle in der Schule gelesen. Wie ist nun die Wiederbeschäftigung mit dem Stoff?

Pass: Ich nicht! Wir haben in der Schule „Animal Farm“ gelesen, ich beschäftige mich also zum ersten Mal mit „1984“. Ich habe mit dem Buch angefangen, ich bin grad mittendrin, hab‘ mir aber jetzt einmal den Film mit Richard Burton und John Hurt angeschaut.

MM: Welche Rolle werden Sie spielen?

Pass: Das weiß ich noch nicht.

Als Diener Johann (oben) in „Zu ebener Erde und erster Stock“. Mit Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: In diesen Tagen, da alles immer restriktiver wird, „1984“ zu spielen, ist eine Zeit-Ansage.

Pass: Zweifellos, der ganze Spielplan von Anna Badora ist es. Ich finde es wichtig, dass Theater zeitpolitisch ist. Ich glaube fest, dass Theater etwas bewirken kann. Als ich 25 war, ist mein Vater gestorben. Meine Schwester ist in einem medizinischen Beruf, und hat sich sehr gekümmert. Ich war damals in Linz und kam mir so nutzlos vor und sagte ihr das. Und meine Schwester sagte, das stimmt nicht, weil die Menschen bei mir im Theater abschalten können, träumen können, ich sie auf andere Gedanken bringe …

MM: Wobei ich unterstelle, dass Anna Badora will, dass wir nicht ab-, sondern einschalten.

Pass: Einschalten beim Abschalten. Heißt, das Denken von den Alltagssorgen weg zu den Weltproblemen bewegen. Theater soll zum Nachdenken anregen, andere Blickwinkel aufzeigen, neue Gedanken, Ideen, Impulse vermitteln. Und natürlich darf man sich im Theater auch aufregen, wenn es einem nicht gefallen hat. Ich finde es großartig, dass wir am Volkstheater immer wieder die Möglichkeit haben, mit Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Unlängst sagte ein Ehepaar zu mir, warum wir die „Iphigenie“ mit „Occident Express“ verknüpft haben …

MM: Ihre Antwort?

Ich sagte das Naheliegendste: Weil das eine vor dem Krieg und das andere nach dem Krieg ist. Darauf das Paar: Ah so, und wir dachten, wegen der Flüchtlinge, die über die Türkei, heißt: Troja, und Griechenland kommen, also vom selben Ausgangspunkt. Das war für mich ein wunderbarer neuer Gedanke, der mir so noch nicht gekommen war. So kann jeder in einer Aufführung etwas anderes sehen.

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  1. 10. 2017

Volkstheater: Iphigenie in Aulis / Occident Express

September 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Planschbecken im Schnürlregen

Haifa und ihre Fluchtsouffleure: Henriette Thimig (re.) mit Anja Herden, Sebastian Pass, „Iphigenie“ Katharina Klar, Jan Thümer, Rainer Galke und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora eröffnet die Saison mit ihrer Inszenierung von „Iphigenie in Aulis / Occident Express“, und bewegt dabei mehr Wassermassen als Moses am Ufer des Roten Meers. Was den Abend doppelt spannend macht: Sebastian Pass, Neuzugang am Haus, stellt sich in der Rolle des Odysseus vor – ein extravaganter Schauspieler mit einprägsamer Stimme, der sich mit seiner kauzigen Spielart perfekt ins Ensemble einfügt.

Und: Die wunderbare Henriette Thimig, Tochter des großen Hans Thimig, ist erst als Agamemnons alter Bote, dann in der Rolle der Flüchtlingsfrau Haifa zu sehen. Badora erzählt in ihrer Aufführung vom Krieg. Von den einen, die unbedingt hinwollen, und von den anderen, die dringend wegwollen. Flaute und Flucht, sozusagen. Sie verwendet dazu Soeren Voimas Euripides-Überschreibung und nach der Pause den Text von Stefano Massini, als wär‘ er eine Fortschreibung der Antike in die Gegenwart, die Odyssee der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die es an immer neue Küsten wirft, wo Gefahr lauert – und Menschenrechtsverletzung.

Für die „Iphigenie“ legt Bühnenbildner Damian Hitz ein großes Wasserbecken als quasi Meeresbucht an. Die Griechen sind alles andere als reif für die Insel, man fadisiert sich, Jan Thümer als Achilleus dreht seine Joggingrunden schon bevor es losgeht. Es muss Bewegung in den Stillstand. Die kommt auf – man kennt die Geschichte -, als der Seher Kalchas die Opferung von Agamemnons Feldherrentochter fordert. Mit der Jungfrau zum Winde. Odysseus/Pass, die unzähligen Kriegsorden auf den Oberkörper gemalt, verbeißt sich in die Idee, gilt es doch das Heer mit dieser Geste ruhig zu halten.

Und so wird die Hinschlachtung zur Staatsräson. Der Griechen Recht und Würde, man kann beim besten Willen nicht mehr aus, das ist eine höhere Logik, hat man doch selbst die Massen kriegsverhetzt. Blut muss fließen in dieser Machowelt, und das Pathos, und das wird es auch, wenn sich Iphigenie am Ende in den Selbstaufopferungsmodus begibt. Das Leiden der High Society an ihrer eigenen Wichtigkeit, tja, bei Massini dann dessen Auswirkungen auf „das Volk“, das nackte Elend der Kriegsopfer.

Menelaos und Agamemnon im Infight mit nassen Handtüchern: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klytaimnestra flirtet mit Odysseus: Anja Herden mit dem neuen Ensemblemitglied Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Atriden treten an: Rainer Galke als Agamemnon, ein auf Kothurnen wankender, wankelmütiger Gemüts- und Familienmensch am Rande des Nervenzusammenbruchs, kriegsmüde schon bevor der noch begonnen hat. Lukas Holzhausen als kühl berechnender Menelaos, als unerbittlicher Gehörnter, der selbst über die Leiche seiner Nichte seine Ehre wiederhergestellt sehen will, war doch die Helena-Entführung ein „Angriff auf die Heimat“.

Die beiden sind geübt im verbalen wie im körperlichen Infight. Man jagt sich tatsächlich mit nassen Handtüchern, „Du kotzt mich an“, sagt der eine Bruder zum anderen. Überhaupt tobt bald die Wasserschlacht, man stolpert, fällt, wirft sich verzweifelt ins oder badet vergnügt im Bühnennass, bald ist kein Kostüm mehr trocken.

Anja Herden gibt, ganz Königin, eine stolze, selbstbewusste Klytaimnestra, die die Demokratie (!) um Hilfe anruft, Katharina Klar eine naive Iphigenie, die froh wäre, wäre der „Scheißkrieg“ aus und Papa wieder zu Hause. Thümer macht dazu den ungehobelten, aber seine Ehre hochhaltenden Achilleus.

Dazu gibt es einen kriegslustigen Girlgroup-Chor: Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml und Maren-Sophia Streich. Voima hat exklusiv für das Volkstheater dessen Text geschrieben; der Chor ist angesicht der zahlreichen Recken ganz glücklich darüber, dass es endlich „Männer gibt, so weit das Auge reicht“, und preist das Traumpaar Achilleus und Iphigenie. Das Ende ist abrupt – und ohne Hirschkuh.

Nach der Pause dann ein beinah leeres Becken, aber Dauerregen. Stefano Massini schildert die Flucht einer alten Frau aus Mossul mit ihrer Enkelin, unterwegs kommen noch drei Waisenkinder dazu. Es geht über die Balkanroute zu Fuß, in Bussen, auf Booten, und überall Demütigung und die Ansage, eine „Alte“ werde gar nicht erst mitgenommen, weil: nur Probleme. Man schafft es dennoch nach Schweden. Massini enttarnt einerseits die kollektiv-westliche Vorstellung von Flüchtlingen, andererseits den von staatlichen Stellen oder NGOs nach der jeweiligen Befindlichkeit und den jeweils anderen Beweggründen gewobenen Flüchtlingsmythos.

Als Kollektiv treten auch die Schauspieler auf. Sie soufflieren Henriette Thimig als Haifa ihre Erlebnisse, reporten ihren „Fall“, frischen ihre Erinnerungen auf. Sie sind wie ein antiker Chor, der der Protagonistin zur Seite steht. Der sich in mangelnder Solidarität befehdet, und dann doch wieder zusammenhält. Als ein Schlaflied verlangt wird, erscheint noch einmal die Girlgroup mit ihrem Traumpaar-Song. So verschränken sich die beiden Teile ineinander. Und wieder gibt es einprägsame Bilder, klaustrophobische in einem Glaskubus, erdrückende an einem Abwasserrohr. Schließlich sprechen nackte Tatsachen. Zweifellos ist dieser Teil des Abends der eindrücklichere, das Volkstheater bei seiner Kernkompetenz, dem Zeitgenössischen.

Für Flüchtlinge ist wenig Platz: Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der antike Girlgroup-Chor: Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hätten im ersten Teil die Figuren gerne feiner ziseliert sein können, fehlte doch weitgehend eine tiefer gehende Psychologisierung der Charaktere, ein Ausloten von deren inneren Abgründen, so überzeugt man als Arbeitsgemeinschaft auf ganzer Linie. Und über allem die Thimig mit ihrem Mantra, es schaffen zu müssen, für die ihr Schutzbefohlenen. Eine stolze, selbstbewusste Elendskönigin, die sich nicht abspeisen lässt, die sich in der Machowelt der Schlepper und Beamten behauptet – und die doch eines ihrer Kinder verlieren wird.

Vor einer Live-Kamera aufgestellt: eine Maus in einem Plexiglaskäfig, ihre Verrichtungen auf eine Vidiwall übertragen. Bis Minute acht suchte die Maus einen Ausgang aus dem Behältnis, dann wendete sie sich der Untersuchung der Ausstattung ihres Käfigs zu. Ab Minute 44 schlief sie tief und fest, das Köpfchen auf die Einstreu gebettet …

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  1. 9. 2017

Volkstheater: Zu ebener Erde und erster Stock

November 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Johann Nestroy?

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater ist derzeit alles g’schissen, weil überall Oarschlöcher sind, die einem sagen, man soll Gusch sein. Wappler. Da kann man gar ned so viel fressen, wie man speiben möcht‘ – und es ist auch wurscht, wer nachher slapstickig auf dieser Speibspur ausrutscht, weil am Ende steht eh der Brunzkübel zum Eineschiffen. Fäkaliendrama Werner Schwab? Geh‘ nein, „Zu ebener Erde und erster Stock“!

Die Posse als Punk. Und der Punk schlägt Purzelbaum. Und in diesem Sinne: Who killed Johann Nestroy? Susanne Lietzow inszenierte diese dramaturgische Autoerotik. Im Bühne-Interview schwärmte sie von Nestroys „Formulierwut“, seinem „mit einer unglaublichen Bildhaftigkeit gespickten Sprachwitz“. The king is gone, but not forgotten. Lietzow hat Nestroy den Nestroy runtergeräumt, und was bleibt, wenn man einen Sprachgewaltigen, einen Satzdrechsler, einen Witz-im-Magen-Umdreher seiner einzigen scharf geladenen, aber dennoch geschmeidigen Waffe beraubt? Nichts zu lachen. Wie aus dem Publikum zu hören.

Folgerichtig, dass die Regisseurin Nestroys Zitatenschatzkästlein als ebensolches behandelt, und Sätze wie den von der Nation-Resignation als Sinnsprüche aufsagen lässt, Josef Bierbichler hat in diesem Tonfall schon einmal einen „Wilhelm Tell“ gespielt. Im Zusammenhang inkonsequent, dass Hans Rauscher – und dies der Höhepunkt des Abends – für Diener Johann ein tagesaktuell zu änderndes Couplet getextet hat, in dem der österreichischen Innenpolitik ihre Grenzwertigkeit aufgezeigt wird – großartig geistreich im Sinne des Erfinders. Wer inszeniert einen Nestroy, in dem Hans Rauscher, bei aller gebotenen Verbeugung vor seinem Werk, der bessere Nestroy ist? Die Musik ist überhaupt das beste. Gilbert Handler, Paul Skrepek und Martin Zrost schrammeln als Garagenband, was das Zeug aushält. Wiener Lied, Free Jazz, Electro. Sie spielen auf zum Pflanztanz.

Und Sebastian Pass. Er rockt das Haus. Er zeigt mit seinem Diener Johann die wahre Wesensart des Nestroy’schen Gemütsmenschen, er ist der rechte „kleine Mann“, dem der Ungeist der Zeit den Katzbuckel stärkt. Er hat sich mit allen außer sich selbst entsolidarisiert. Der Wind der Geschichte weht wieder für ihn und trägt seine verqueren Wertevorstellungen mitten in die Gesellschaft. Wenn dieser Abend gegen Krisengewinnler aller Art aufzeigen will, dann in dieser Figur. In die Pause entlässt er mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“. Eine starke, die stärkste Leistung. Stefan Suske ist ein dazu passender Herr von Goldfuchs, ein Spekulant und Lobbyist, auch optisch ein Graf Ali, der mit Vogelgrippemasken handelt. Dies ist zwar nicht mehr ganz neu, hat aber Ablaufdatum 2016 und ist wichtig, weil schließlich die Armen am Virus verrecken. Trotz unvermuteten Vermögens. Wer draufgeht, sind immer die unten: Lietzows Zweiklassengroteske ohne Happy End. Die Fortuna, Kaspar Locher, ist ein goldbarrenfarbener Schweizer, das Glück kein Vogerl, sondern ein Spinner, die Schweiz ist ja historisch das Schicksal vieler Menschen.

Suske ist außerdem erfreulich wortdeutlich, selbst, so paradox es klingt, bei seinem lautmalerischen Raunzchanson. Teile des Ensembles, wiewohl mit exzellent viel Spielfreude bei der Sache, artikulieren so unverständlich, dass kaum ein Wort zu verstehen ist. Auch eher ungünstig bei einem Nestroy, und keine Einzelmeinung, der Zustand wurde rundum bemurmelt. Es könnte ein Akustikproblem sein, weil es beim Reden im Kobel, der das Erdgeschoss darstellt, besonders auffällt. Je mehr Schauspieler auf diesem engsten Raum sind, desto schlechter die Hörbarkeit. Diese überprüft man von verschiedenen Standpunkten im Saal während der Durchläufe. Zum Anschauen ist das Bühnenbild von Aurel Lenfert freilich fein, ein Wunderwerk der Statik, das die Verhältnisse verdeutlicht. Oben ein Prunksalon, unten eine enge Kammer mit Garage – für die Band. Das heißt: Prunk ist relativ. In den Kostümen von Marie-Luise Lichtenthal bewegen sich grausliche Clowns in einem grindigen Kartenhaus. Lietzow hat unter den Figuren keine Sympathie für niemanden, die Reichen sind sowieso … gleichgültig gegenüber dem Elend anderer, die Armen auch nicht edel, sondern ein Lumpenproletariat, und wären sie nicht gestorben, sie hätten die „schöne“ Wohnung sicher auch versifft.

Schlussapplaus für die Schauspieler, Jubel über die Musiker. Für die Regie gab’s teilweise ziemlich heftige Buhrufer. Wer zählt die Grabinschriften meiner Hoffnungen? Das ist ein Nestroy-Zitat.

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Wien, 22. 11. 2015