Oper. L’opéra de Paris

Januar 15, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos

Eine Balletttänzerin, erschöpft nach dem Auftritt. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit September 2020 wird Philippe Jordan neuer Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Wer den Dirigenten jetzt schon in seinem natürlichen Lebensraum erleben will, kann das ab 19. Jänner in den heimischen Kinos im Dokumentarfilm „Oper. L’opéra de Paris“ tun. Der Schweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron folgte mit Amtsantritt Direktor Stéphane Lissner diesem und seinem Team von Saisonstart 2015 an eineinhalb Jahre durch sein Haus. Das Einzigartige daran: Bron hatte davor noch nie eine Oper von innen gesehen. Er hat keine Ahnung, wie solch ein „Schlachtschiff“ funktioniert, weiß nichts über klassischen Gesang oder – die Hausspezialität – Ballett.

Und so folgt der Regisseur seinen Protagonisten neugierig wie ein Tiefseetaucher den faszinierenden und fremdartigen Wesen der Unterwasserwelt. Entstanden ist so ein fabelhafter Einblick in die Welt hinter den Kulissen im Palais Garnier und am Place de la Bastille, Momentaufnahmen eines musikalischen Mikrokosmos, der stets betrachtet, nie kommentiert wird. Dass dabei weder humorvolles, noch tagespolitisches Geschehen zu kurz kommt, ist dem Geschick Brons zu verdanken. So gilt es zu schmunzeln, wenn ein riesenhafter Charolais-Stier für die „Moses und Aron“-Premiere dem Chor Angst und den Verantwortlichen Kopfzerbrechen macht.

Man ist aber auch dabei bei der Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf das Bataclan, bei beinharten Verhandlungen mit Kulturminister und Gewerkschaft bis hin zur Streikdrohung wegen der verordneten Personaleinsparungen – oder als Ballettmeister Benjamin Millepied, Ehemann von Schauspielstar Natalie Portman, die er bei den Dreharbeiten zu „Black Swan“ kennengelernt hatte, endgültig das Handtuch wirft. Es ist Lissner hoch anzurechnen, dass er scheint’s keine Tür vor Bron verschlossen hielt, so dass dieser Leid und Leidenschaften hautnah erleben und dahin blicken konnte, wo Schmerz und Schönheit nah beieinanderliegen.

Philippe Jordan am Pult. Bild: © Filmladen Filmverleih

Stéphane Lissner inspiziert sein Reich. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu einer Balletttänzerin, die nach ihrem Auftritt schwer Luft holend am Boden sitzt, oder zur Gilda-Darstellerin, die hinter der Bühne nach Wasserflasche und schweißtrocknenden Kleenex greift, die ihr die Garderoberin in stummem Verständnis der Lage reicht. Bron gelingt es in seiner anekdotisch-flüssigen Collage, seinem Mix aus Distanz und Nervenkitzel, die Oper als atmenden Organismus mit hohem Pulsschlag zu zeigen. Auf seinem Weg folgt er mehreren Figuren. Lissner, Jordan und Millepied natürlich, mit denen man nicht nur die Vorbereitungen zur Schönberg-Premiere, sondern auch „Meistersinger“-Proben mit Jonas Kaufmann und Bryn Terfel erlebt – samt den üblichen Konflikten zwischen Regisseur, Dirigent und dem sehr selbstbewussten Chor, Streit in den höchsten Tönen, emotionaler Hochdruck vor und hinter dem Vorhang, nur, damit sich all die Enthusiasten danach wieder voll zur Sache begeben.

Bron führt über rote Teppiche und zum Galadiner, als der damalige Präsident François Holland das Haus besucht, durch das Sprachbabylon der Kostümwerkstätten und Proberäume, und immer wieder auch auf die Bühne. Von der Seite lugt er wie ein verirrter Besucher auf das Geschehen „draußen“. Diese Szenenausschnitte kombiniert er mit dem musikalischen Echoraum von Kleinstkonzerten und anderen intimen Begegnungen. Sie grundieren die Dokuarbeit gleichsam emotional.

Der Bulle macht der Belegschaft Kopfzerbrechen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zu den schönsten Augenblicken des Films gehören da die mit dem jungen russischen Bariton Mikhail Timoshenko, der an der Akademie der Oper aufgenommen wird, und dessen großen, staunenden Augen durchs „Oberdeck“ des Schlachtschiffs man folgt, bis er in einem Gang auf sein Idol Terfel trifft. Der ihm noch dazu verspricht, den „Boris Godunow“, den er sich selbst gerade erarbeitet, mit ihm zu studieren. Ein Glücksmoment. Einer von vielen, die diesen Film ausmachen. Gerne hätte man nur noch gewusst, ob sich der Bulle bei der Premiere tatsächlich so mustergültig verhielt, wie er es bei den Proben versprochen hat …

www.koolfilm.de/Oper/oper.php4

15. 1. 2018

Leopold Museum: Theodor von Hörmann

April 29, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die erste umfassende Ausstellung des Werks in Wien

Theodor von Hörmann: In den Tuilerien, um 1888 Bild: © Belvedere, Wien

Theodor von Hörmann: In den Tuilerien, um 1888 Bild: © Belvedere, Wien

Theodor von Hörmann: Blumenmarkt an der Madeleine IV, 1889. Bild: © Leopold Museum, Wien, Inv. 511

Theodor von Hörmann: Blumenmarkt an der Madeleine IV, 1889. Bild: © Leopold Museum, Wien, Inv. 511

Das Leopold Museum präsentiert ab 29. April das Werk von Theodor von Hörmann in der bisher größten Ausstellung dieses bedeutenden österreichischen Malers. 120 Jahre nach dem Tod des Künstlers ist nun ein umfassender Überblick über sein Schaffen  in der Schau „Theodor von Hörmann. Von Paris zur Secession“ zu sehen.

Anhand von etwa 80 Werken wird eindrucksvoll Hörmanns Weg vom Realisten zum Impressionisten beschrieben. Gemälde, ergänzt durch Arbeiten auf Papier, zahlreiche Fotografien und Autografen des Künstlers sowie ausgewählte Werke von Zeitgenossen ermöglichen einen detaillierten Einblick in Hörmanns Leben und Umfeld.

Bei der Ausstellungseröffnung beschrieb Leopold-Museum-Direktor Hans-Peter Wipplinger Hörmann als „einen der ungewöhnlichsten und eigenständigsten Künstler des späten 19. Jahrhunderts, der sich stets intensiv mit den neuesten Tendenzen seiner Zeit – vom Impressionismus bis hin zu secessionistischen Ideen – auseinandersetzte“.

Im Jahrhundert des Realismus suchte Hörmann eine größtmögliche Objektivität in der Interpretation von Landschaft zu erreichen, ohne dabei am rein Gegenständlichen haften zu bleiben. Der 1840 im Tiroler Ort Imst geborene Künstler übersiedelte 1886 nach Paris. Auf den Spuren der Pleinairmaler der École de Barbizon arbeitete er in den Wäldern um Fontainebleau und fing die Stimmungen der Natur ein. Eine entscheidende Phase, wie Marianne Hussl-Hörmann, die Kuratorin der Ausstellung erklärt: „Erstmals beschäftigte sich Hörmann hier auch mit der atmosphärischen Erscheinung einer bestimmten Tageszeit und so mit einem Kernthema des Impressionismus“. In Paris selbst entstanden Stadtansichten.

Nach seiner Rückkehr aus Frankreich ließ sich Hörmann im mährische Städtchen Znaim nieder. Hier entstanden lichtdurchflutete Bilder, „Huldigungen an die freie Natur“, unter anderem die berühmte Serie der „Esparsettenfelder“. 1891 wurden Hörmanns für eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus eingereichte Werke abgelehnt. Der Künstler stellte daraufhin im Kunstverein München aus und traf in Dachau auf die deutschen Impressionisten. „Im Kreis der Maler Fritz von Uhde und Ludwig Dill wurde er mit deren secessionistischen Ideen bekannt und in Folge zu einem vehementen Vertreter dieser Bewegung“, so Wipplinger. „In seiner Malerei wie in seinem kulturpolitischen Engagement beschritt Hörmann innovative Wege und entwickelte visionäre Ideen.“

Theodor von Hörmann: Tümpel im Buchenwald, 1892. Bild: © Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck

Theodor von Hörmann: Tümpel im Buchenwald, 1892. Bild: © Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck

Theodor von Hörmann: Esparsettenfeld I. Studie, um 1893. Bild: © Leopold Museum, Wien, Inv. 336

Theodor von Hörmann: Esparsettenfeld I. Studie, um 1893. Bild: © Leopold Museum, Wien, Inv. 336

In Hörmanns letztem Lebensjahr zog es den Maler verstärkt nach Wien. Hier entstand 1895 mit dem Gemälde „Der neue Markt“ eine monumentale Wiener Stadtansicht. Hörmanns Werk ist ein eindrucksvolles Beispiel für das Ringen um eine neue Wahrnehmung. Nicht umsonst gilt er als Gründungsvater der Wiener Secession, der die von dieser reformorientierten Künstlergruppe formulierten revolutionären Ideen als Erster unnachgiebig einforderte, deren Realisierung aber nicht mehr erlebte.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 29. 4. 2016

Andreas Vitásek wird 60 und verreist mit Alfred Dorfer

April 27, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Freitag im ORFeins-Porträt „Paris, Favoriten“

Bild: Robert Sattler, e&a-Film, ORF

Erinnerungsgrinser vor dem Eifelturm: Bild: Robert Sattler, e&a-Film, ORF

Am 1. Mai wird Andreas Vitásek 60 Jahre. Aus diesem Anlass blickt er auf sein künstlerisches Leben zurück. Und um nicht alleine in Gedanken zu schwelgen besucht er zusammen mit Alfred Dorfer Orte seiner Vergangenheit. Vom Käfig in Favoriten, in dem er täglich gekickt hat, über Paris, wo er in jungen Jahren die berühmte Schauspielschule LeCoq besuchte, bis hin zur Kulisse, einem Ort, der für Vitásek und Dorfer zu den Ursprüngen ihrer Kabarettkarriere zählt, und in dem Vitásek in seinen wilden Jahren ohnmächtig in Strapsen von der Rettung gefunden wurde. Später wurde er auch als Bühnendarsteller und Regisseur in Operette und Theater sowie Darsteller in diversen Kino- und Fernsehproduktionen bekannt. Doch das Gespräch der Humorkapazunder verweilt nicht nur in der Vergangenheit, sondern es stellt sich auch die Frage der Rolle des Kabarettisten in der bedrohlichen Gegenwart und Zukunft … Ein hintergründiges und humorvolles Porträt, das auch unbekannte Facetten des österreichischen Künstlers zeigt.

„Paris – Favoriten“ ist zu sehen am 29. April um 23.05 Uhr in ORFeins.

www.vitasek.at

Wien, 27. 4. 2016

Daniel Anselme: Adieu Paris

Februar 15, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Algerienkrieg zu den November-Anschlägen

9783716027196„Dieses Buch wird niemandem gefallen“, urteilte die Nouvelle Revue Française nach dem Erscheinen des Romans. Da war es 1957 und in Frankreich, nicht anders als in Österreich, eine Zeit des Vergessens. Der damalige Rezensent behielt recht. Sämtliche politische Lager fühlten sich von Daniel Anselmes „Adieu Paris“ angegriffen. Befürworter des Algerienkrieges wollten lieber über fidele, patriotische Soldaten lesen, dessen Gegner ertrugen den Vorwurf nicht, dass ihre hilflosen Unterschriftenaktionen ohne Wirkung geblieben waren.

Die stärkste, die Schlüsselszene im Roman ist ein Abendessen unter Kommunisten, bei dem ein Soldat auf Heimaturlaub die Genossen anklagt: „‚Warum habt ihr die Züge abfahren lassen? Warum habt ihr uns im Stich gelassen, als wir in die Züge stiegen?‘ … Er saß auf dem Klappsofa, sämtlicher Illusionen beraubt, die er in weit entfernter Zeit, wie es ihm jetzt vorkam, mit sich herumgetragen hatte …“

Anselme, der ehemalige Résistance-Kämpfer und nunmehr desillusionierte Linke, hat also eine frühe Abrechnung über Frankreichs Nordafrika-„Problem“, denn die Grande Nation wies das Wort Krieg von sich, aufgestellt. Aus heutiger Sicht beinah ein Buch der Unschuld. Der Autor wusste noch nichts von der sogenannten Schlacht um Algier, nichts von willkürlichen Massenfestnahmen, systematischen Folterungen und illegalen Hinrichtungen, nichts von der – wie Alexis Jenni schreibt – „noch nie gesehenen Missachtung der Menschenrechte“.

Dennoch verweist Anselme auf das Erbe dieser Tage. Er zeigt, wie auch geist- und skrupelloser Kolonialismus zum 13. November 2015 führen musste. Führt vor, dass Gewalt auch immer ein Kind der Unterdrückung ist. Beschreibt die Ohnmacht der vom System verschwendeten Soldaten in Szenarien jenseits ihrer Vorstellungskraft. Ihre Schicksale sind so zeitlos, dass sie aktuell an Heimkehrer aus dem Nahen Osten erinnern. Doch das Nichtausgesprochene, das nicht Niedergeschriebene macht „Adieu Paris“ zum wirklich großen Buch. Es ist kein historischer Roman, es schildert nur eine Woche im Leben dreier Männer. Die französische Originalausgabe scheint verschollen. Der britische Literaturwissenschaftler David Bellos hat Anselmes Schatz für die Nachwelt geborgen. Nun ist eine deutschsprachige Ausgabe im Arche Verlag erschienen – mit einem hervorragenden Nachwort von Übersetzerin Julia Schoch.

Erzählt wird von Lachaume, Lasteyrie und Valette. Der Gymnasiallehrer, der Berufsschlingel und der Elektriker – als Lieutenant, wegen Subversion mittlerweile degradierter Sergent und Caporal ein Trio auf Heimaturlaub in Paris – lesen sich wie vorweggenommene Nouvelle-Vague-Figuren. Noch gilt für sie Agonie statt 1968er-Aktionismus. Der Krieg, der übers Mittelmeer so weit entfernte, kommt nicht vor. Und doch. Das Buch entwickelt sich als Spiegel von dessen Folgen. Man liest das Grauen in den Seelen der Menschen, nicht über das Grauen selbst. Das macht den Schrecken nur noch größer. Anselmes Stadt der Lichter ist eine Stadt im Ausnahmezustand; die Militärpolizei wacht über das öffentliche Benehmen. Die Angst vor terroristischen Anschlägen durch die Front de Libération Nationale ist ebenso groß, wie die vor einem Ausraster eines psychischen Kriegskrüppels. Es ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Und „Adieu Paris“ ein Defilee von Amnesiewilligen. Wie Gesellschaftskarikaturen zeichnet Anselme die Figuren, die seinen Protagonisten während ihres Hauptstadtaufenthalts begegnen.

Da ist der gutbürgerliche Salonrassist, der sich den Soldaten noch im Zug aufdrängt. „Frankreich den Franzosen, die Ausländer sollen bei sich bleiben – ich spreche natürlich nicht von den Touristen“, schwafelt er im gefährlich-konzilianten Mitterechtstonfall. Da ist Lachaumes Freund, ein gut situierter und durch Parteipolitik vor der Einberufung geschützter Arzt, der sich den Krieg mit vernünftigen Argumenten schönredet. Auf fünfhunderttausend Mann kämen doch nicht einmal zweitausend Gefallene, schilt er den Soldaten mittels Statistik: 0,4 Prozenzt – da möge er bitte kein Tamtam machen. Da sind als die erwähnten traurig erschöpften Kommunisten Valettes Verwandte. Da sind die pieds-noirs, die Algerienfranzosen, die sich ins Vaterland gerettet haben und nun über ihren Kontrollverlust weinen. Da sind zwei Frauen, Lachaumes, die sich in Ekel und Unverständnis abwendet, und Lena, die aus Deutschland kommende Alkoholikerin und Gelegenheitsprostituierte. Sie der schillerndste, weil undurchsichtigste Charakter des Romans. Man kann nur erahnen, was sie im zerbombten Dritten Reich erlitten hat. Anselmes „Adieu Paris“, es ist auch eine politische Streitschrift.

Über weite Strecken folgt man dem Offizier Lachaume, dem Lehrer, der darunter leidet, wie „Wissen“ an Wert verliert und immer weniger wird. Unnatürlich und unwirklich erscheint ihm Paris nach dem in Algerien Gesehenen, die Illusion eines Frühlings im Winter, die Fröhlichkeit wie von einem anderen Planeten. Er hat sich in Angst und Hass und Scham beerdigt, hat geistig den Finger immer am Abzug. „Alles, was er sah und hörte, brachte ihn auf, einfach, weil er es sah und hörte“, heißt es über seine Empörung angesichts der Tatsache, dass sich niemand für „seinen“ Krieg interessiert, über sein Erstaunen, dass für manche das Leben einfach weitergegangen ist. Den allgemeinen Belanglosigkeiten zuhören kann er nur mit einem Gesichtsausdruck, der wie „ausgeborgt ist und wie eine Narbe spannt“, will er selbst etwas sagen, weiß er nicht, „wie soll ich ihr verständlich machen, was da unten mit uns passiert ist“.

Wie Gegenmodelle sind der junge, vor weltverbesserlichen Überzeugungen strahlende Valette und der das Leben bis zur Neige auskostende Lasteyrie. Und dennoch. Ersterer wird – mit dem Autor – die erhofften Heilsbringer, die linksphilosophischen Moralisten, des Nichtstun anklagen, zweiterer seinen Desertionsplan aus Furcht vor der Flucht unter Weiberröcken aufgeben. Das Kriegsgespenst geht um und es scheint ihnen mehr und mehr so, als seien sie tot, „und zwar seit Langem schon, getötet durch einen Kopfschuss in irgendeinem entlegenen Wadi, und dass die anderen es jeden Moment bemerken und schreiend den Tisch verlassen würden“.

Anselme, der 160-Kilo-Kauz, der seine Nächte in Cafés und Bars am Rive Gauche verbrachte, der selbst Freunde zum Militärzug auf den Gare de Lyon begleitete – er war wegen seiner Résistance-Aktivitäten vom Dienst an der Waffe befreit -, ist Soldaten wie seinen Hauptdarstellern begegnet. Er kannte wohl ihre Gespräche, ihre verzweifelten Witzchen und ihre Art mit einer so rast- wie ratlosen Suche nach Amüsement die Zeit totzuschlagen. Denn nichts anderes tun seine drei; eine „Handlung“ im weiteren Sinne hat „Adieu Paris“ nicht. Es ist ein Streifzug durch die Dunkelheit, in jeder Bedeutung des Wortes. Was Anselme schreibt hat Sprengkraft. Auch heute. Frankreich marschierte vom Ersten stramm in den Zweiten Weltkrieg, von Indochina nach Algerien, von 1914 bis 1962. Anselme zeigt eine verlorene Jugend, eine vergeudete Generation. Als Niemals-Verlierer-Nation tut sich Frankreich schwer mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. 2012 noch sagte Nicolas Sarkozy wahlkämpferisch: „Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben.“ Öffentlicher Protest – blieb aus.

Der einzige Protest, zu dem sich Anselmes Anti-Helden aufraffen können, ist auf der Île Saint-Louis einen leeren Sockel zu erklimmen, um dort als „Kriegerdenkmal“ zu posieren. Lachaume stehend, Valette wie ein Verwundeter auf den Knien, Lasteyrie liegend wie ein Gefallener. Ob das ihr Schicksal vorwegnimmt? Sie steigen in den Zug, der Urlaub ist vorbei, „Heimwärts! Heimwärts!“ rufen sie kämpferisch als es wieder nach Algerien geht. Den Sockel gibt es tatsächlich. Auf ihm steht erst seit Kurzem, als ob Anselme es geahnt hätte, wieder ein Denkmal. Eine Replik der von der deutschen Wehrmacht 1942 eingeschmolzenen Plastik von Antoine-Louis Barye: Peirithoos im Kampf gegen den Zentauren.

Über den Autor:
Daniel Anselme, 1927 als Daniel Rabinovitch geboren, gab sich während seiner Zeit in der französischen Résistance den Decknamen Anselme. Als Journalist unternahm er viele Reisen, und man kannte ihn als Stammgast und Geschichtenerzähler in den Pariser Cafés am berühmten linken Ufer der Seine. Er wandte sich offen gegen den Krieg in Algerien, Anlass für seinen ersten Roman „Adieu
Paris“ (Originaltitel: „La Permission“), der 1957, also noch während des Algerienkrieges, erschien. Daniel Anselme starb 1989 in Paris.

Arche Verlag, Daniel Anselme: „Adieu Paris“, Roman, 208 Seiten. Aus dem Französischen von Julia Schoch.

www.arche-verlag.com

Wien, 15. 2. 2016

Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt

August 4, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichte(n) der Grande Nation

Die französische Gesellschaft ist selbst der Historiker, ich kann nur der Sekretär sein. Honoré de Balzac

Paris von Edward Rutherfurd

Paris von Edward Rutherfurd

Am Ende der mehr als 900 Seiten ist man beleidigt. Erstens, weil das Buch schon aus ist. Zweitens, weil Edward Rutherfurd dem Jahr 1968 nur einen knappen 12-Seiten-Epilog widmet. Paris. 1968. Da hätte man mehr erwartet. Daniel Cohn-Bendit sicher auch. Revolution aber findet bei Rutherfurd an anderer Stelle statt. 1789. Zum Beispiel. Und die De-Gaulle-Schelte hat anno Kapitel XXVI ihren Platz. Das war nun das berüchtigte cheveu dans la soupe 😉 Denn der Meister des Monumentalepos, London und New York erprobt, erweckt Paris in seinem Werk eindrucksvoll zum Leben. Tausendfach besungen, erträumt, geliebt. Die Stadt der Gelehrten und der Heiligen. Ein Druckkochtopf voll lasterhafter Sinnenfreuden. Und beispiellos blutig.

Sechs Sippen begleitet Rutherfurd von 1261 bis ins Jahr der Studentenunruhen. Ihre Schicksale sind miteinander und mit dem Schicksal Frankreichs verwoben. Da ist die vom Verbrecherkönig Rouge Gorge abstammende Familie Le Sourd, die seit der Niederschlagung der Pariser Kommune einen Rachefeldzug gegen die adeligen De Cygnes führt. Man wird schließlich in der Résistance Seite an Seite kämpfen. Da sind die Kaufmannsfamilien Renard und Blanchard. Zweitere werden erstere vor der Bartholomäusnacht warnen; die Hugenotten-freundlichen Füchse flüchten und kehren Jahrhunderte später als britische Rechtsanwälte namens Fox zwecks Heirat mit einem Blanchard-Mädchen zurück. Da sind Thomas und Luc Gascon, Gossenbrüder, Hinterhofkinder des Montmartre. Einer wird am Bau des Eiffelturms beteiligt sein, einer zum Strizzi werden, einer Mitglied des Widerstands, einer Nazi-Kollaborateur. Einer wird den anderen töten. Und da ist Jacob Ben Jacob, dessen Nachfahren Jacob, der Antiquar, und Jacob, der Kunsthändler, wie er selbst Verfolgung leiden. Die Blanchards sind ihre Freunde, ebenso wie ihre besten Kunden, die De Cygnes. Von den Gascons droht – no na – Unheil … Rutherfurd lässt nichts aus. Es gibt uneheliche Kinder, die Bordellbesitzerinnen werden, es gibt uneheliche Kinder, die zum Universalerben avancieren – und natürlich sind sie miteinander verwandt. Die Sprösslinge nach Kanada und in die USA ausgewanderter Verwandter tauchen auf. Und ein ganzer Sack voll real existiert habender Personen. Als eine Art Zierleiste.

Weder die Washington Post noch der britische Telegraph behandelten „Paris“ besonders freundlich. „An epic snooze“ nannten die einen den Generationenroman, während die anderen meinten, er sei “a book in which style, character and plot are blithely sacrificed on the altar of trivia with every turn of the page.” Das ist so nicht richtig. “Paris. Roman einer Stadt“ ist einfach ein Buch, in dem es leicht fällt, sich häuslich einzurichten. Liebe Mutter, habe Quartier bezogen im Quartier … Die Figuren – zumindest die moralisch einwandfreien und die zur Katharsis bereiten– sind bald Freunde. Rutherfurd versteht es vortrefflich ihre Geschichten mit Geschichte zu verbinden. Und wendet dabei selbstverständlich den ganz fiesen Autorentrick an: Er erzählt nicht chronologisch. Gerade also, wenn’s um das Leben von XY im Jahre Schnee zu bangen gilt … das zwingt zum Weiterlesen. Rutherfurds Sprache ist schön, melodisch, sie fließt ruhig über die Seiten (wie die Seine durch die Stadt, möchte man an dieser Stelle schreiben und tut es dann doch nicht, oja, muss sein). Das steigert das Vergnügen. Wie die Tatsache, dass seine akribisch recherchierte Arbeit für Antworten in Quizsendungen bis zu Smalltalkthemen für Partys so ziemlich jedes erforderliche Wissen liefert. Was Anekdoten betrifft ist Rutherfurd Auto(r)erotiker. Wissen Sie, woher das Wort Bistro stammt? Haben Sie etwas zum Personenkomitee zur Erhaltung des Reiterstandbilds Karls des Großen neben Notre Dame zu sagen? Eine Ahnung, in welchem Winkel die Füße des Eiffelturms zur ersten Plattform emporragen – und was das punkto Statik zu bedeuten hatte? Eben. Rutherfurd lesen! Er breitet die Stadt vor Ihnen aus.

Übrigens: Einen Fehler hat sich der Schriftsteller erlaubt. Im Buch besucht Hemingway am 21. Juli 1924 die Olympischen Spiele in Paris. In Wahrheit brach er am 25. Juni nach Pamplona auf und kehrte erst am 27. Juli zurück. Steht hier nur für den Fall, dass Sie’s bei der nächsten heißen Hemingway-Diskussion in die Runde werfen wollen …

Über den Autor:
Edward Rutherfurd, 1948 in Salisbury geboren, studierte in Cambridge und Stanford und lebt heute in New York. Seine Romane „Sarum“ (1990), „London“ (1998), „Der Wald der Könige“ (2000), „Die Prinzen von Irland“ (2005) und sein großer New-York-Roman „Im Rausch der Freiheit“ (2012) wurden internationale Bestseller.

Blessing, Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt, 928 Seiten. Aus dem Englischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn.

www.randomhouse.de/blessing/

www.edwardrutherfurd.com/paris.html

Wien, 4. 8. 2015