Andrej Kurkow: Der unbeugsame Papagei

Februar 7, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Im Dienste der Partei

7012„Einst entstand aus hunderttausenden russischen und nicht russischen Soldaten, Bäuerinnen, Arbeiterinnen und Matrosen die sowjetische Nation. Darauf ging sie ihren Weg und entwickelte sich völlig abgeschnitten von der übrigen Welt und anders als diese. Nur ein Sowjetmensch konnte den sowjetischen Menschen richtig verstehen, ein Ausländer dagegen niemals“, schreibt Andrej Kurkow im Prolog seines Romans „Der unbeugsame Papagei“ und begibt sich auf die Suche nach dem „echten“ Sowjetmenschen in die 30/40er Jahre. Nach dem Roman „Der wahrhaftige Volkskontrolleur“ entwirft der Autor im zweiten Teil der Trilogie wieder ein buntes Panorama alltäglicher Absurditäten in seinem fantastischen Sowjetland, das von den sonderlichsten Figuren bevölkert wird, die die skurrilsten Abenteuer erleben.

Da ist zum Beispiel Pawel Dobrynin: Eigentlich ein bescheidener Zeitgenosse, wird er plötzlich zum Volkskontrolleur auf Lebenszeit ernannt, der sein bisheriges Leben samt Frau hinter sich lassen muss, um gemeinsam mit seinem Gehilfen Waplachow, dem letzten der Urku-Jemzen, für Recht und Ordnung zu sorgen. Ihr Einsatzgebiet: die gesamte Sowjetunion. Um die Pelzbereitung zu überprüfen, reisen sie nach Sibirien, bleiben aber bei einer Geologen-Expedition hängen, die in der Einöde vergessen wurde und lediglich tiefgefrorene Mammuts findet. Deren Fleisch wiederum soll zur Versorgung der Truppen verwendet werden. Und dafür hagelt es natürlich jede Menge Orden. Erst als eine Nebenstrecke der sibirischen Eisenbahn dorthin verlegt wird, geht’s wieder auf in die Zivilisation. Dort tobt gerade der Krieg, daher sind der Revolutionsgedichte vortragende Papagei Kusma und sein Besitzer Mark Iwanow bei der Truppenbetreuung in vollem Einsatz –  bis beide verwundet werden und schließlich gemeinsam zur Rehabilitation in einer Tierklinik landen. Wieder genesen, geraten sie jedoch in die Fänge des Staatsapparats, als der Papagei beim Rezitieren eines Revolutionsgedichts ein Wort verwechselt. Dann gibt es noch den ehemaligen Maschinengewehrschützen Banow, der Direktor einer Schule wird, und erfährt, dass Lenin gar nicht tot ist, sondern tief unter dem Kreml in einem kleinen Park in einer Hütte lebt – abgeschieden vom Rest der Welt. Oder den Engel, der aus dem Paradies in die UdSSR flieht, um zu erfahren, warum kein Sowjet-Bürger nach dem Tod in das Paradies kommt, und schließlich in einer Kommune landet.

Was alle Protagonisten eint, ist nach Jahren der politischen Indoktrinierung, ihre Bereitschaft zur bedingungslosen Unterordnung und die Aufgabe jedes eigenständigen Denkens (ein Weg, um dem stalinistischen Terror der Jahre zu entgehen). Und so werden etwa Portweinfässer, die für die Führung des Staates bestimmt sind, mit dem Zug 2.000 Kilometer durchs Land gefahren, um, wie es die Direktive vorsieht, den Geschmack des Weines zu verbessern. Andrej Kurkow übt keine Kritik an seinen Figuren, er beschreibt sie liebevoll mit all ihren Schwächen und Ängsten und gibt ein überzeichnetes, aber auch humorvolles Bild einer Epoche wieder, bei der Terror, willkürliche Gewalt und Machtmissbrauch allgegenwärtig waren und Menschen einfach von einem auf den anderen Tag verschwanden.

Über den Autor: Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt in Kiew. Er studierte Fremdsprachen (spricht insgesamt elf Sprachen), war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach wurde er Kameramann und schrieb zahlreiche Drehbücher. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und arbeitet daneben für Radio und Fernsehen. Romane wie „Picknick auf dem Eis“, „Der Milchmann in der Nacht“, „Die letzte Liebe des Präsidenten“ und „Der Gärtner von Otschakow“ wurden zu Bestsellern. Bei Haymon zuletzt erschienen: „Der wahrhaftige Volkskontrolleur“.

Haymon, Andrej Kurkow: „Der unbeugsame Papagei“, 2013, 432 Seiten. Aus dem Russischen von Sabine Grebing

www.haymonverlag.at

Wien, 7. 2. 2014