Kurt Palm: Der Hai im System

November 5, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Im Bassin psychopathischer Existenzen

Würden wir mehr voneinander wissen, hätten wir weniger Angst voreinander. Wenn wir weniger Angst vor unserer Angst hätten, wüssten wir vermutlich genauer, was uns wirklich ängstigt.

Ein Filmteam hat sich in der Schule angesagt, was die 14-Jährigen einigermaßen in Aufregung versetzt. Regisseurin Edina Damjanović, selbst Bosnien-Flüchtling, will ihre Dokumentation „Klasse der Chancenlosen“ nennen und deren Nachsitzern diverser Nationen Gesichter und Stimmen geben. Der Direktor, wenig begeistert mutmaßlich als Leiter einer Problemschule dargestellt zu werden, hat die Aufsicht über das Projekt der darob seufzenden Klassenlehrerin Franziska Steinbrenner übertragen.

Nicht nur hat die in den Pausen an ihrem Flachmann nuckelnde Frau die ewigen Auseinandersetzungen zwischen Serben und Kosovaren, Tschetschenen und Türken, Irakern und Afghanen sowas von satt – „Die gegenseitigen Vorurteile scheinen derart tief im kollektiven Gedächtnis verankert zu sein, dass sie als Streitschlichterin auf verlorenem Posten steht.“, sie ficht auch ihren eigenen Kampf aus: den Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Ehemann

Jürgen um die fünfjährige Tochter Sophia, denn dem schwer depressiven Psychowrack, denkt sie, sei kein Kind mehr anzuvertrauen. Nach seinem verrätselten, sich nie ganz enttarnenden Roman „Monster“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) legt Autor Kurt Palm mit „Der Hai im System“ eins nach. Nur, dass der Horror diesmal so direkt ausgespielt wird wie eine Ansage zum Drei-Stich-Schnapser. Drei Hauptfiguren sind es auch, die sich hier durchs wilde Palmistan schlagen. Neben Franziska Steinbrenner der Polizist Philip Hoffmann, der seine hochschwangere Frau Margot mit der manipulativen Sexsadistin Lena betrügt, und nun in deren Venusfalle gefangen Erpressung oder Enthüllung befürchtet, wo er doch den fürsorglichen Göttergatten bisher so gekonnt gegeben hat.

Und als Ich-Erzähler der Superpsychopath unter all den Durchschnittsneurotikern, ein Mann mit Sturmgewehr und Fenster mit Blick auf den Schulhof, ein durch alle Maschen des sozialen Netzes gefallener Wutbürger, ein Realitätsverweigerer und Verschwörungstheoretiker, der eine Racheliste führt, von der in Holzpantoffeln herumlaufenden Nachbarin über ihm bis zu den lärmenden Kids im Schulhof. Einmal war er drüben, um sich zu beschweren, da haben sie ihm „Fettsack“ und „fette Sau“ nachgerufen. Jetzt wähnt er seine Stunde gekommen.

„Ist doch egal, ob ich mit vierzig oder sechzig abkratze. Wen kümmert’s? Aber wenigstens bekomme ich noch ein paar schöne Schlagzeilen. Über das Motiv können sie sich ihre Köpfe zerbrechen, bis sie schwarz werden. Es gibt nämlich keines, außer dass ich ein StG 77 besitze und freie Sicht auf den Pausenhof einer Schule habe.“ Kurt Palm macht kein Geheimnis daraus, dass der Amokschütze abdrücken wird. Das Leben, scheint er zu sagen, hat weder Reset- noch Escape-Taste, sehr wohl aber eine für Delete.

So taucht man ein in diesen Höllenpool, durchschwimmt verstörende Gedanken- und nervenzehrende Gefühlswelten, und was es mit dem Bild auf dem Buchcover „Kleines Mädchen vor Haifischbecken“ auf sich hat, wird auch noch nachzulesen sein. Palms schwarzhumorige Sprache wechselt zwischen Oida!-Echt porno!-Slang der Migrantenkinder – „Warum sollen wir Deutsch reden. Mutter ist Putzfrau und redet mit anderen Putzfrauen nur Serbisch. Vater arbeitet am Bau und redet mit anderen Arbeitern nur Serbisch. Deutsch ist voll unnötig. Brauch ma nur für die Schule.“ – und einem Wienerischem Hochdeutsch.

Trotz all der Derbheit und Brutalität im Ausdruck gelingen ihm sensible Charakterstudien, Palm nähert sich seinen literarischen Geschöpfen ehrlich und mit Bedacht, selbst dem späteren Attentäter. Es ist logisch, dass sich die Schicksale der ProtagonistInnen kreuzen werden, sobald sich die Ereignisse zuspitzen. Und wie Palm bis dahin das Thema fehlgeschlagene Integration von Außenseitern aller Art variiert ist meisterlich. Er zeichnet das Bild einer dysfunktionalen Gesellschaft, die am eigenen Versagen laborierend unfähig ist, Schutzbedürftige an- und aufzunehmen, ebenso wie sie es nicht schafft, das Gewaltbereite zu erkennen und einzugreifen.

Sind die Menschen Spielball der Umstände und ihrer Umgebung, geprägt von Ressentiments und Panik voreinander, in Defensivhaltung vor der Erfahrung seelischer Ohnmacht? Die Pädagogin, unfähig der lernwilligen, allerdings den stigmatisierenden Hijab tragenden Schülerin Haniya zu helfen – das muslimische Mädchen, das seine erste Periode vor dem Vater verheimlichen will, damit er sie nicht als „unrein“ verflucht.

Der Irre am Fenster, diesem legitimen Sohn von Travis Bickle, der von der kettenrauchenden Mutter und deren etlichen Liebhabern, die auch in sein Bett stiegen, Watschn kassierte, von denen ihm heute noch die Ohren dröhnen, und der zwecks Machtrausch ins Drogengeschäft einstieg. Der Polizist Hoffmann, der mittlerweile kalkuliert, seine destruktive Affäre mittels Femizid zu beenden. Lena mit dem Auto überfahren oder ihr eine Kugel in den Hinterkopf jagen? Der kaltherzige Vamp Lena, als Mädchen aus wohlhabender, aber desolater Familie umringt von „schulterklopfenden Männern“, allen voran ihr Vater.

Bild: pixabay.com

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Sind die Menschen Opfer ihrer Vergangenheit und Herkunft, ihrer Taten oder einfach Gottes vergessene Kinder? Spricht Kurt Palm Stereotype an oder Wahrheiten aus? Es geht ihm an dieser Stelle offensichtlich nicht um Suspense und Surprise, es geht dem Autor um Psychogramme, Tiefenbohrungen in einer Gemengelage, die er mit all ihren Spielarten von Gewalt, Abhängigkeit, verlorenen Illusionen, triebhaften Entscheidungen und Vergeltungssucht so versumpft und verschlammt vorfindet, dass niemand mehr vorm Abrutschen gefeit ist.

Die einen versinken in Verzweiflung und Hilflosigkeit, die anderen in hasserfülter, toxischer Männlichkeit. „Der Hai im System“ ist, was die Erwachsenen unter den AkteurInnen betrifft, die akkurate Betrachtung einer krisengeschüttelten Welt aus selbstproduziertem Stress und fremdgesteuerter Überforderung. Palm balanciert gekonnt wie stets auf dem schmalen Grat zwischen Grauen und Groteske.

Gerade die Philip-Hoffmann-Story entwickelt sich erst allmählich, aber abscheulich. Samt Kollegen Stefan Mahrer wird er an einen Einsatzort gerufen – Achtung: Spoiler! -, wo sich ein gewisser Christoph Allinger am Lusterhaken erhängt hat, und einen Abschiedsbrief an die Geliebte Lena hinterließ: „Und dann brüstest du dich auch noch damit, dass du mich mit einem Polizisten betrügst.“ Womit Hoffmanns rasante Achterbahnfahrt in den Abgrund erst beginnt, denn längst hat Lena Margot Dickpics und schmuddelige Chatnachrichten zukommen lassen.

Schließlich Jürgen Steinbrenner, der, da er den Sorgerechtsprozess verloren hat, die Tochter vom Kindergarten abholt, um mit ihr in den unschwer als Haus des Meeres zu erkennenden „Terra-Aqua-Zoo“ zu fahren. Wo der am Umbau der Anlage beteiligte Architekt, der seinen Schlüssel nie abgegeben hat, im Technikraum gut durchdacht, also knapp vor Fütterungszeit ins Haifischbecken hechtet.

„Die Haifische kommen langsam näher und umkreisen ihn. Plötzlich steuert der größte Hai auf ihn zu und verbeißt sich in den Oberarm des Eindringlings. Bevor es um ihn herum dunkel wird, sieht Jürgen S. noch, wie seine Tochter mit ihren winzigen Fäusten verzweifelt gegen das Fenster des Aquariums trommelt. Dann färbt sich das Wasser langsam blutrot.“

Und so rücken mit der Schreckensbotschaft für Franziska sowohl die alsbald vom Chaos überforderten Uniformierten Hoffmann und Mahrer an, als auch der Mann am Fenster abdrückt. Die Kinder fallen um, vom Mündungsblitz getroffen, da und dort offenbart sich spontan die Solidarität, einen Mitschüler, eine Mitschülerin in Sicherheit zu ziehen. Murat, Zlatko, Nermina, Dejan, Ömar, Ceyda, Fatima, Novak. Doch meist gelingt das nicht. Die Schlacht heißt White Trash vs. MigrantInnen-Mix. Dies Finale entsetzlich, und der Autor irrt wie mit einer Handkamera durch das Massaker. Alles kulminiert in dieser Nachmittagsstunde, und Edina Damjanovićs Filmteam ist für und mit Kurt Palm live dabei.

Das trifft einen, Nachbarin einer Mittelschule mit Ganztagsangebot, Schulsozialarbeit, Integrationsklassen und natürlich dem üblichen Pausengetöse im Freien (Kinderlärm ist Zukunftsmusik, sagt Freund kijuku.at) umso mehr, als man das Setting kennt. Kurt Palm bietet keine Conclusio, keine Erklärung, schon gar keine Entschuldigung, kein Wissen ums Überleben seiner Figuren. Es ist einfach so. Die geballte Ausweglosigkeit hat ein … Ende. „Der Hai im System“: Einfach garstig gute Unterhaltung.

Über den Autor: Kurt Palm, geboren 1955 in Vöcklabruck, Studium der Germanistik und Publizistik, wurde mit der gefeierten TV-Produktion „Phettbergs nette Leit Show“ (1994-96) bekannt. Sein Bestseller „Bad Fucking“ wurde 2011 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres ausgezeichnet und war auch als Film erfolgreich. 2014 folgten der Film „Kafka, Killer und Chaoten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9435) und der Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6798). Bei Deuticke erschienen 2017 sein Roman „Strandrevolution“ und 2019 „Monster“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263).

Leykam Verlag: Belletristik, Kurt Palm: „Der Hai im System“, Roman, 304 Seiten.

www.leykamverlag.at           www.palmfiction.net

  1. 11. 2022

Werk X: Die Arbeitersaga

April 25, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am 1. Mai werden alle vier Folgen gespielt

Das Bühnenbild zum 1. Mai steht schon: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Die Arbeitersaga“ kommt – wie sollte es anders sein – am Tag der Arbeit im Werk X wieder zur Aufführung. Und es wird dabei viel gearbeitet: alle vier Folgen werden am 1. Mai auf die Bühne gebracht. Dazu servieren die „Seligen Affen“ ab 15 Uhr eine Heurigenjause im Hof. In der von Peter Turrini und Rudi Palla entworfenen Fernsehserie „Arbeitersaga“ wurde der Versuch unternommen, in vier miteinander verbundenen Spielfilmen eine politische Entmystifizierung der

Sozialdemokratie vorzunehmen. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Österreichs von den 1950ern bis in die 1990er-Jahre beschrieben. Das Werk X hat sich diesem Mammutwerk in einem vierteiligen Theaterabend genähert. Die „Arbeitersaga“ wird dabei über das Erzähljahr 1991 hinaus fortgeschrieben.

Die Rezensionen von www.mottingers-meinung.at:

Folge 1 & 2: Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll.

Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall …

Als Widerstandskämpferin Trude Fiala: Zeitgeschichtsstunde mit  Susi Stach. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Kurt Palm macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36864

Folge 3 & 4: Die Skination in der politischen Steilabfahrt

Es dauert, bis Bettina Schwarz als mephistophelisch-clownesker Conférencier die sechzig möglichen Geschlechtsidentitäten sind gleich das Publikum begrüßt hat. Ein killing joke der leibhaftigen Gründgens-Fratze als Entrée in einen Abend, der Politik alles andere als p.c. abhandelt, eine Groteske zum Quadrat, weil’s große Kunst ist, eine Wirklichkeit zu verzerrspiegeln, die per se schon eine Farce ist. Gemäß dem auf keinem Wahlplakat zu findenden -spruch:

Humor ist, wenn das Stimmvolk lacht, hat das Werk X einmal mehr die Reflektor-Funktion übernommen, mit dem Mammutprojekt der Peter Turrini-Rudi Palla’schen „Arbeitersaga“ das Krankheitsbild der Sozialdemokratie zu persiflieren. Die TV-Serie, die sich ein Theater draus macht, ist mit „Teil II (Folge 3 & 4)“ in der finalen Runde. Bei „Müllomania“ hat Martina Gredler Regiehand angelegt; mit Bettina Schwarz spielen Ines Schiller, Lisa Weidenmüller und Annette Isabella Holzmann; Akkordeonistin Jana Schulz sorgt für den apokalyptisch kakophonischen Sound.

Die Weltuntergangsstimmung ist nicht von ungefähr, ist die Story doch um nichts weniger obskur als der Schutzkreis ums Krankenhaus Nord. Ich glaub‘, ich steh‘ im Rinterzelt, möchte man ob des ganzen Zirkus denken, Sanitärstadtrat Fred Wiedergewinner hat das Millionenprojekt einer Müllrecyclinganlage zu verantworten, doch das mit dem Aus-Alt-wird-Baustoff haut nicht hin, öffentliche Gelder sollen in der Parteikasse versickert sein – und während sich die Seilschaft zwischen Gutruf und Club 45 verlustiert, steigen dem Medienfut-zi (sic!) des Kommunalkorruptler allmählich die Grausbirn‘ auf.

Gredler karikiert mit ihrer geballten Frauenpower Männer, Macht und Machogehabe, sie zeigt eine queere Kraftlacklpartie mit Schiller als populistische Phrasen dreschendem Poser, eine „Dreck-Queen“ mit dem MA48er Slogan „Ganz Wien bleibt clean!“, Weidenmüller als Pressesprecher Rudi Blaha, ein Kasperl dessen überdimensionierte Schulterpolster nicht verbergen können, dass er sich krumm gekatzbuckelt hat, und Holzmann als Investigativjournalist im Detektiv-Trenchcoat …

Stadtrat Wiedergewinner in den Fängen der grausamen Groteske: Ines Schiller und Bettina Schwarz. Bild: © A. Gotter

Die 48er-Damen: Ines Schiller, Annette Isabella Holzmann und Lisa Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Bella Ciao: Oliver Welter, Lara Sienczak und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Mit der Ski-Nation geht’s bergab: Peter Pertusini, Zeynep Buyrac, Lara Sienczak und Sebastian Thiers. Bild: © A. Gotter

In Bernd Liepold-Mossers Hälfte des Abends, „Das Lachen der Maca Darac“ geht es um nichts weniger schräg zu. Ins Bühnenbild sind nun Skibindungen eingebaut, denn das Ensemble Zeynep Buyraç, Peter Pertusini, Lara Sienczak, Sebastian Thiers und der auch für die Musik zuständige Oliver Welter muss sich gut anschnallen – hat sich doch der Proporzslalom längst in eine politische Steilabfahrt verwandelt. Das Bild von der Skination macht Sinn, des Österreichers Stolz und Siegeswille ist ein gewachst gewachsener, und Liepold-Mosser ist diesbezüglich auch um kein Bonmot verlegen.

Nicht nur Peter Pertusini kann’s da auf gekonnt Kärntnerisch lai lafn losn, die Richtung – immer weiter den Hang hinunter? – stimmt angeblich auch nach diversen Spurwechseln, und am immensen Rückstand ist sowieso das Material schuld. Sagt der Kader im Chor „Proletariat“, hebt es ihn, hepp, kurz in der Hocke aus, ansonsten keine Bewegung, nicht einmal bei der von Welter als Holy Marx eingeläuteten Hüttengaudi.

Ein bissi posthysterisch ist dieses Themenkonglomerat schon, die Werk-X-tätigen Massen lassen von Konsumkapitalismus über Veganfetischismus bis zu Migration/Integration und präventiver Sicherungsverwahrung nichts aus. Bis die Darsteller aus den Schuhen in die Rollen kippen und die Turrini-Palla-Story aufgreifen, Pertusini als Kurt Höllermoser, der in einen Rudi Blaha’schen Waffendeal und dessen Fake News verstrickt wird, Zeynep Buyraç als illegale Einwanderin Maca Darac, die zwecks bevorstehender Ausweisung einen Mann zum Heiraten sucht.

Im Plastik-Schleier-Hijab rezitiert die potenzielle Braut „Ein Gespenst geht um in Europa“, das Manifest vom kleinbürgerlichen wie vom Bourgeoissozialismus heute bedrohter als zu Entstehungszeiten, und auch, wenn in Meidling alle Menschen „zur Sonne, zur Freiheit“ gerufen werden, mit der Vereinigung hapert’s. Denn wo zwischen Prolet, Prolo und Prekarier findet sich noch das echte, unverfälschte, von keinem Populismuskeim angesteckte Proletariat? Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38734

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g      www.youtube.com/watch?v=Cp__IR9BRXM

25. 4. 2022

Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)

Dezember 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Kämpferische Politaktivistin trifft auf sangesfreudige Gewerkschaftsjugend: Michaela Bilgeri und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und

deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll. Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall.

Susi Stach als Trude, Peter Pertusini, Julia Schranz, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Karl mit Olga: Julia Schranz, Peter Pertusini, Susi Stach, Johnny Mhanna und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Thomas Kolle als Projektion, vorne: Julia Schranz, Susi Stach, Peter Pertusini und Johnny Mhanna. Bild: © Alexander Gotter

Wie sich die Bilder gleichen, wird dem Publikum mal mittels TV-Ausschnitten vom Maiaufmarsch, mal mit Quizfotos höchst amüsant vor Augen geführt, die Kanzlerparade Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, und daneben immer: es-kann-nur-einen-geben Michael Häupl. Die Saga beginnt im April 1945, Olga Blaha ist hochschwanger, ihr Mann Karl nach wie vor, da illegaler Sozialist, mit einer Strafkolonne verschollen. Julia Schranz spielt Olga, Peter Pertusini Karl. Susi Stach ist Trude Fiala, die ebenfalls auf die Rückkehr ihres Mannes hofft, während ihr Johnny Mhanna als politisch uninteressierter Albin Roemer den Hof macht, und weil Thomas Kolle in die Rolle von Olgas im Krieg einbeinig geschossenen Bruder Kurt Swoboda schlüpft, ist klar, dass das Ganze sehr körperlich ist.

Die Schauspieler nähern sich der Bewegung über die Bewegung, das Bühnenbild von Daniel Sommergruber gilt es für sie erst zusammenzubasteln, und von Sakkos bis Sporthosen ist rot, rot, rot ihre liebste Farbe. Köpping zeigt das Politische im Privaten wie umgekehrt, die vor kurzem noch Widerstandskämpferin Trude Susi Stachs rechtet mit Kolles Kurt, dem gesinnungsmäßig geweglichen Parteifunktionär, Kolle, der im behänden Tanzschritt „harte Standpunkte“ auflösen will. Zu Recht fühlt sich die Basis gefoppt, „Koalitionen mit rechts werden immer rechts“, sagt Trude. In der Geräuschkulisse von Maschinengewehrsalven läuft Karl ohne vom Fleck zu kommen, aber am Ende doch nach Hause. Mit ihm hat der Flügel der Revolutionären Sozialisten eine Stimme mehr gegen die Sozialdemokraten. „Es sind ja noch gar nicht alle da, viele von uns sind noch im Exil oder im KZ, die müssen wir zurückholen“, sagt die Schranz wieder und wieder.

Ohne gehört zu werden. Zu Karls Fronttrauma kommt Trudes Sicht auf den Tod als Trost, Zukunftsangst wird mit Euphorie übertüncht, Filmszenen werden mit dem Bühnengeschehen überschnitten, etwa, wenn Schranz und Pertusini die Zigarettenreichung von Annette Uhlen an Helmut Berger mitgestalten, da wird die intime Filmsequenz zur kunstreichen Geste. Schön auch, wie das Anfragen bei den Sowjets um Plakatpapier in einer babylonischen Sprachverwirrung gipfelt, Johnny Mhanna, der sich zwischen den Alliiertensprachen Russisch, Englisch, Französisch verrennt – und kein Ausweg nirgendwo. So wird’s nichts mit dem Sozialismus, merkt man bald. Köpping hat den Konflikt der revolutionären und der reformistischen Kräfte in den Mittelpunkt seiner Handlung gerückt, mit heutigen Kommentaren kontrastiert, und um Specials wie eine Live-Kamera aufgepeppt.

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Endlich bei Brigitte Bardot: Erika Deutinger, Martina Spitzer, Karl Ferdinand Kratzl und Michaela Bilgeri. Bild: © Alexander Gotter

Tanzen statt debattieren: Bilgeri, Kratzl, Spitzer, Deutinger, Groll und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Sie projiziert die Streitereien überlebensgroß auf die Hinterwand, der „gesunde Opportunist“ Kurt wird als Paktierer mit dem Klassenfeind aus dem Freundeskreis vertrieben, Trude und Albin finden einander beim „Wiener-Blut“-Walzer, und zum Schluss, wenn fertig gewerktätigt ist, werden die überdimensionalen 1.-Mai-Lettern aufgestellt und „Aufmarsch“ nachgeahmt. In alten Wochenschau-Aufnahmen marschiert Schärf samt Gefolge vor Menschenmassen, der Achtstundentag wurde von links eingeführt, von rechts ohne Gegenwehr abgeschafft, und Kurt Palm lässt seine Protagonisten nun polemisieren, die rote Zukunft sei eine tote Zukunft.

Der „Monster“-Autor (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

Das 1.-Mai-Bühnenbild ist zusammengebastelt und steht: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ oder säuselt „Je t’aime“. Immerhin rollt keine Geringere als Erika Deutinger als Brigitte Bardot durchs Szenario, die „Gitti“, geoutet als Front-National-

Sympathisantin und Islam-Hasserin, die hier Stofftiere füttert und ihren Ennui mit Champagner vertreiben will. Die Deutinger im Glitzerkleidchen ist vom Feinsten, und so auch Martina Spitzer als „Bienenkönigin“ Heddi Prießnitz. Die in ihrem Zitate-Quiz Aussagen von SPÖ-Kanzlern, Vranitzky, Klima, Gusenbauer, Faymann, Kern, als Unwahrheiten enttarnt, bis es nicht mehr verwundert, dass sich der Gemeindebau in FPÖ- und Nichtwähler gespalten hat. Der stolze Proletarier ist nur noch stumpfer Prolet, und während sich unheilige Allianzen bilden, ist jeder vierte Österreicher für einen starken Führer. Zustände sind im Land, die diese Doppelaufführung, diesen Mix aus Überprüfung und Persiflage, Defätismus und Zweckoptimismus dringend notwendig machen.

„Die Arbeitersaga (Folge 1 & 2)“ ist ein Workout für Lachmuskeln und Gehirnzellen. Gut so. Am 16. Jänner haben Folge 3 & 4 Premiere, Regie führen dann Martina Gredler und Bernd Liepold-Mosser.

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g

  1. 12. 2019

Rabenhof: Monster

November 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zombieball im Hoamatland

Untotentanz beim Monsterball: Christoph Krutzler, Bettina Schwarz, Eva Mayer und Richard Schmetterer, hinten: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Am Rottensee lässt sich’s gut verrotten, wissen die Buchleser längst. Nur logisch also, dass Regisseurin Christina Tscharyiski nun eine Truppe Untoter auf die Bühne stellt, damit diese Kurt Palms bizarre Romanfiguren zum Leben erwecken. Deren Krachlederne und Goiserer blicken tapfer ihren Lumpentagen ins Auge, und apropos: die wiederum sind von schwarzen Lidschatten umrandet und mit Gruselkontaktlinsen bestückt. Die Haut ist fahl und fleckig, die Stutzen sind löchrig.

Und mitten unter den derart liederlichen Leichen singt einer seine Lieder. Heißt: Es handelt sich dabei weniger um -musik, denn um Volksgegröle. „Alles Böse kommt aus dem Ausland herein“, schmettert der skurril-schmierige Schlagerschlurf im Silberanzug – damit das klar ist, denn das „Monster“, gestern erst im Rabenhof vom absurden Trash-Text zum aberwitzigen Theaterabend mutiert, ist keine scheußliche Bestie, sondern der ebensolche Seinszustand der Republik.

Tscharyiski, zuletzt im Erdberger Gemeindebau mit „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ erfolgreich (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), mixt nach Originalrezept Krimisatire, Politgroteske und beißende Gesellschaftskritik. Freilich kann ihre 80-Minuten-Show nur ein Shot zum Palm’schen Giftcocktail sein, sind hier doch die Ereignisse auf ihre Essenz reduziert, aber die verhängnisvollsten Vorkommnisse immerhin so verquickt, dass den diversen Handlungssträngen durchaus zu folgen ist.

Als da wären: Ein aus den Tiefen des Alls heranrasender Asteroid, ein riesiger Nazikillerfisch, seines Zeichens ein dereinst aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, ergo ein im Strandbad angeschwemmter abgebissener Frauenfuß, die irdische Hülle eines tschetschenischen Mädchen- und Organhändlers und ein lesbisches Vampirinnen-Pärchen, das Männer nach dem Aussaugen gern auch ausweidet, eine Innenministerin, die, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins Asylwerberheim gezwungen, von einem afrikanischen Eintopf isst, in dem eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt, ein wählerstimmengeiler Bürgermeister, der ein Seekonzert plant, und der in all diesen Fällen ermittelnde Polizist Alfons Stallinger, der die Katastrophen zu verhindert sucht …

Bettina Schwarz. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Christoph Krutzler. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Richard Schmetterer. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Eva Mayer, Bettina Schwarz, Christoph Krutzler und Richard Schmetterer betätigen sich in diesem Umfeld als Erzähler und gestalten ein komplettes Kuriositätenkabinett an Charakteren. Vor einem pittoresken Alpenseebild, Kulisse und Kostüme sind von Jenny Schleif, mitten drin im Hoamatland, findet deren Zombieball statt, links ein Steckerlfischstand, der Himmel immer dann blutrot, wenn allerhöchste Gefahr droht. Gespielt wird einfach großartig und alle Geschlechterrollen ignorierend. Christoph Krutzler ist als abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter eine prächtige Bissgurn, ein wunderbar suizidaler Weltuntergangsprophet ist gleich: Astronom auf Teneriffa, und sehr attraktiv als osteuropäisch-sexy Blutsaugerin.

Deren Sarggenossin gibt Richard Schmetterer mit Flittchenblick und gekonntem Hüftkreisen, und weil er schon mit Todesverachtung die Totenblasse mimt, übernimmt er auch gleich den Part des nicht ausschließlich wegen seiner Wasserphobie schreckensbleichen Alfons Stallinger. Spooky Eva Mayer macht unter anderem auf Immobilientycoon Alexander Prix, ein Kapitalisten-Prototyp und in jedem Sinne mit dicker Hose ausgestatteter Koks- und Splatterfan, Bettina Schwarz spielt den bärbeißig-unbelehrbaren Bürgermeister und die beflissene Flüchtlingsheim-Betreuerin der Familie Nkwongu. Zum kessen Grusical gerät das Ganze durch die Kompositionen von Musiker Valentin Eybl und „5/8erl in Ehr’n“-Sänger Robert Slivovsky aka Romantic Slivo.

Meistersinger der hinterfotzigen Heurigenlieder und der gfeanzten Volksmusik: Romantic Slivo featuring Valentin Eybl. Bild: © Rita Newman / Rabenhof

Romantic Slivo ist ein fantastischer Entertainer, sozusagen das A und O dieser Apokalypse, und legt mit skandalös-hinterfotzigen Heurigenmelodien über die hiesigen Goldenen Herzen und Songs wie „Ohne di / geh‘ i nirgendwo hi'“ die Lunte ans Pulverfass von Patriotismus und Chauvinismus, von Xenophobie und Neophobie. Den gfeanzten volks- dümmlichen Schmachtfetzen bringt Slivo als Volks-Rock’n’Roller Andreas Mastwächter zu Gehör.

Dessen von den Menschenmassen umjubelter Auftritt beim „Rock se Lek“-Konzert wird zum Höhepunkt der Weltuntergangsumtriebe – alldieweil Schwarz als Herr Nkwongu dessen Brief ans neue Vaterland Österreich unter Fanfarenklängen als Fanal für Vielfalt, Fremdenfreundlichkeit und Toleranz vorliest, dem Prix von den feministischen Vampirinnen das Herz aus der Brust gerissen und ausgetrunken wird, die Innenministerin symbolträchtig in einer sumpfigen Lacke versinkt und der Stallinger sich wieder aufs Sockenstricken verlegt.

Unheimlich gemütlich, diese horrible Heimatseligkeit. Als wär’s ein „Austrian Gothic“-Gemälde schleichen Kurt Palms modrige Märchengestalten durch Christina Tscharyiski nationalgroteskes Grand Guignol. Auf Geschunkel, Wertegeschwafel und die rechte Gesinnung folgt der Final Impact, das absehbare Ende, das bei diesem viel zu kurzen Schabernack denn doch plötzlich und unerwartet kommt. Der Schluss natürlich bitterböse, das Publikum in Jubelstimmung, soviel zum monsterhaften Absang einer Aufführung, die sich Freunde des gepflegten Sarkasmus keinesfalls entgehen lassen sollten.

www.rabenhoftheater.com            Romanrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263

  1. 11. 2019

Kurt Palm: Monster

September 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit freischwimmenden Fischen ist …

Es ereignet sich ungefähr folgendes: 1. Am bis dahin lieblichen Rottensee dreht Horrorlegende George A. Romero einen seiner berühmt-berüchtigten Zombiefilme. 2. Unter die Statisten mischt sich ein tschetschenisches Lesbenpaar, zwei Vampirinnen, die Männer nach dem Aussaugen auch noch gern auf Herz und Nieren prüfen. 3. Die Innenministerin, von ihrem Pressesprecher zwecks Positiv-PR ins ortsansässige Asylwerberheim gezwungen, isst von einem original-afrikanischen Eintopf, in dem unbemerkt eine Ebola-verseuchte Meerkatzenpfote schwimmt. 4. Am nächsten Tag werden im Strandbad der Fuß einer Frau und die Hinterhaxe eines Hundes angeschwemmt …

Was vergessen? Sicher. Denn die Fülle an Handlungssträngen und Figuren, mit denen Kurt Palm seinen jüngsten Roman „Monster“ flutet, lässt alle erzählerischen Dämme brechen. Sein aberwitziger, absurder Trash-Text changiert einmal mehr zwischen Krimisatire, Politgroteske und beißender Gesellschaftskritik. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig, ebenso die Ähnlichkeit mit Fischen, möchte man sagen, denn wie Polizist Alfons Stallinger, er der Bruder von Gendarmerieinspektor Arthur Stallinger aus „Bad Fucking“, mutmaßt, treibt im Gewässer ein riesiger sein Unwesen.

Aber wer hört schon auf den diensthabenden Wasserphobiker, der am liebsten im Wachzimmer Socken strickt. Palm hat sich für sein Buch zweifellos von seiner Ursprungsregion inspirieren lassen. Von den typischen Tourismushochburgen mit Hang zur freiwilligen Selbstverkrümmung vor zahlenden Gästen, wo Oligarchen aller Herren Länder mit Schützenverein und Goldhaubengruppe becircen werden und gewiefte Lokalpolitiker das „Landidyll“ als Schlagwort des Schweigens über der sumpfigen Vergangenheit der Provinz ausbreiten. Mitten unters Kuriositätenkabinett seiner Charaktere mischt Palm nämlich die beiden Momente, mit denen er erneut die österreichische Mentalität aufmischt. Das „Monster“ ist kein Seeungeheuer, macht er alsbald klar, sondern der Seinszustand der Republik.

Und so stellt er einerseits die nigerianische Familie Nkwongu in den Mittelpunkt, der Vater und seine beiden Kinder über Libyen geflüchtet, die Mutter von der Boko Haram entführt, andererseits die Geschichte des Altbauern Matthias Ablinger, der als 15-Jähriger beim Volkssturm die an einem abgeschossenen US-Piloten verübte SS-Lynchjustiz miterleben musste. Als er zu seinem Schrecken der Zeitung entnimmt, dass der damalige Täter, Obernazi, Altbürgermeister Flachberger zum 90er geehrt werden soll, beschließt er, für späte Gerechtigkeit zu sorgen – und er macht sich auch auf die Suche nach William Lesters Enkel, um diesem die Erkennungsmarken seines Großvaters auszuhändigen.

Bild: pixabay.com

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Wie in „Monster“ des Weiteren der Filz aus Innenpolitik und Wirtschaftsinteressen, wie der sich hinter Trachten tragender Hoamatlichkeit und Schlagergeschunkel nur noch schlecht verbergende Nationalismus karikiert wird, macht daraus das Buch zur Stunde. „Tradition, Volkskultur, Scholle, Herrgott, Brauchtum, Familie, Kirche, Vaterland, Verbundenheit, Gemeinschaft, Christentum und Gesinnung“, skandiert der Kameradschaftsbund bei der Flachberger-Feier die abendländischen Werte. Palm skizziert seine zur Kenntlichkeit entstellten Geschöpfe messerscharf: die abschiebefreudige Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter, „die im Profil wie ein Vogel aussah, der lange nichts zu essen bekommen hatte“, und die in einem Alter war, „in dem die Halsketten immer opulenter, die Ohrringe immer größer und die Haut immer schlaffer wurden“.

Den skrupellosen Immobilientycoon Alexander Prix, Koks- und Splatterfan, Bestechungsexperte unter Sektionschefs, finanziell potenter Blutsauger, ein Sexsüchtiger, der schließlich zum Vampirinnenopfer wird; den Volks-Rock-’n’-Roller Nummer eins, Andreas Mastwächter, der auf einem Schiff im See ein Konzert geben soll, bei dem ihn allerdings der Riesenfisch zum Anbeißen findet. Das Wesen, versteht sich im Zusammenhang, ist ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment der Reichsanstalt für Fischerei, der weiland wohl so etwas wie „Filets fürs Volk“ vorschwebte …

Derart (ver)führt einen Kurt Palm mit dem ihm eigenen sarkastischen Gruselklamauk von Chaos zu Katastrophe, von Tief- zu Höhepunkt. Die Spur der Flüchtlingsfamilie verliert sich zwischen den Seiten, dazu macht der Autor eine empathisch-autobiografische Notiz. Vernichtende Schicksalsschläge und selbstverschuldetes Unglück, Verrat, Betrug, Suizid, eine Liebe ohne Hoffnung, ereignen sich hingegen in den Nebensätzen dieses Blut-und-Beuschel-Dramas. Das erste Ende ist so apokalyptisch, dass es einen Lachen macht. Das zweite ist der große Todernst. „Und das Land lag öd und leer, und die Zeit war endlos und schwarz.“

Über den Autor: Kurt Palm, geboren 1955 in Vöcklabruck, Studium der Germanistik und Publizistik, wurde mit der gefeierten TV-Produktion „Phettbergs nette Leit Show“ (1994-96) bekannt. Sein Bestseller „Bad Fucking“ wurde 2011 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres ausgezeichnet und war auch als Film erfolgreich. 2014 folgten der Film „Kafka, Killer und Chaoten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9435) und der Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6798). Bei Deuticke erschien zuletzt 2017 sein Roman „Strandrevolution“. „Monster“ wird ab 5. November als bitterböse Bühnenshow im Wiener Rabenhof gezeigt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35845).

Deuticke Verlag, Kurt Palm: „Monster“, Roman, 304 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke           www.palmfiction.net/blog

Teaser zu „Monster“: www.youtube.com/watch?time_continue=20&v=sOell6t-H4s

  1. 9. 2019