Kammerspiele: Eine Frau. Mary Page Marlowe

März 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Menschenschicksal als American Quilt

Mary Page mal vier: Johanna Mahaffy, Babett Arens, Sandra Cervik und Livia Ernst, im Hintergrund: Swintha Gersthofer, Igor Karbus und Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Quilt – so nennt sich eine Patchwork-Decke. Ein uramerikanisches Kulturgut seit den ersten Siedlerfrauen über die „Pattern and Decoration“-Bewegung der 1970er-Jahre bis zu den zeitgenössischen Artquilts oder dem berühmten AIDS Memorial Quilt. Gefertigt von jeweils mehreren Näherinnen, die ihre kleinen Stoffkunstwerke am Ende zu einem großen Ganzen zusammenfügen, wobei jedes Teil für sich eine kurze Geschichte erzählt.

Es ist ein stimmiges Bild, dass die Titelfigur von Tracy Letts‘ „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ in ihrer letzten Szene einen solchen in die Putzerei bringen will, hat der Pulitzer-Preisträger dies Theaterstück doch quasi gequiltet. In elf nicht chronologisch aufeinanderfolgenden Szenen erzählt der US-Dramatiker aus der Biografie seiner Protagonistin, wirft Schlaglichter auf ein Menschenschicksal, das mehr Tief- als Höhepunkte hat, Affären und Alkoholexzesse, Lebens- und Liebeskrisen. Eine seiner typischen Tragikomödien, wie immer angesiedelt in Letts‘ bevorzugtem Mittelstandsmilieu im Middle of Nowhere der Vereinigten Staaten. Die Rolle der Mary Page hat Letts für vier Darstellerinnen in vier Lebensaltern konzipiert – und es braucht starke Schauspielerinnen, um diesen Charakter in seinen teils effektgeladenen, teils aber tiefenschärfenarmen Auftritten interessant zu machen. Ein Glück, dass die Kammerspiele der Josefstadt mit Sandra Cervik und Babett Arens über solche verfügen.

Mary Page mit ihrem Geliebten Dan: Sandra Cervik und Roman Schmelzer. Bild: Herwig Prammer

Mary Page beim Psychotherapeuten: Sandra Cervik und Raphael von Bargen. Bild: Herwig Prammer

Dort nämlich hat Regisseurin Alexandra Liedtke „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ nun zur österreichischen Erstaufführung gebracht, eine ausgeklügelte Arbeit, die des Autors Bemühungen ums Well-made Play adelt, da Liedtke auf die Kraft ihrer Akteurinnen setzt und mit ihnen das Figurenschicksal atmosphärisch klar und schnörkellos auf die Bühne bringt. Volker Hintermeier hat dazu ein Bühnenbild erdacht, dass an ein abgewracktes Lichtspielhaus erinnert, mit einer Leinwand, so leer, wie das davor ablaufende Leben, und einem altmodischen Letterboard, aus dem schon einige Buchstaben gefallen sind.

Die Kostüme von Su Bühler sind zeitlich von den 1940er-Jahren bis ans Jetzt angeglichen, die Musik von Karsten Riedel ist eine Reminiszenz von Frank Sinatra über die Rolling Stones bis Jimmy Somerville. Was in diesem Setting verhandelt wird, ist die Welt als Wille und Vorstellung, heißt als Frage: Wieviel Selbst- und wieviel Fremdbestimmung lenken ein Leben? „Ich werde ich sein“ sagt die Collegestudentin Mary Page, da spielt sie Johanna Mahaffy, als sie beim Legen von Tarotkarten das Symbol der Königin aufdeckt.

„Ich weiß nicht, wer ich bin“, sagt Sandra Cerviks erwachsene Mary Page später zum Psychotherapeuten. Man sieht das Kind, Livia Ernst, dem Silvia Meisterle als Mutter harsch jedes Gesangstalent abspricht. Man sieht Babett Arens als gealterte Mary Page, die glücklich einen Behördenbrief liest, der sie über das Ende ihrer zur Bewährung ausgesetzten Gefängnisstrafe informiert.

Die Geschehnisse erfährt man nur bruchstückhaft, erst am Ende hat man all die Letts’schen Puzzlesteine beisammen, vor allem die von der Tragödie um Sohn Louis und die eines Autounfalls bei 3,2 Promille, die diese gewordene Mary Page Marlowe ausmachen. Ein Kunstgriff, den Liedtke unterstützt, indem sie die vier Darstellerinnen immer wieder nebeneinander stellt, als Beobachterinnen einer Situation, die einem früheren oder späteren Ich passiert, in stiller Kommunikation mit sich selber, besorgt, erheitert oder sich verblüfft erinnernd. Leitmotivisch reichen sie sich ein Tuch weiter, das Babydecke, Schal und Gürtel wird, leitmotivisch träumen sie vom Lucy-Jordan-Sehnsuchtsort Paris. Die Drehbühne kreist dazu beständig um dies Schicksalskarussell.

Spätes Glück – Mary Page mit ihrer großen Liebe, Ehemann Nummer drei, Andy: Babett Arens und Martin Zauner. Bild: Herwig Prammer

Was das Ensemble an feinem Schauspiel bietet, geht weit über die von Tracy Letts erdachten Situationen hinaus. Sandra Cervik gestaltet Mary Page in einer Mischung aus nüchterner Selbstkontrolle und leicht aufbrausenden Emotionen. Sie hat mit Liebhaber Dan, den Roman Schmelzer als komödiantisches Kabinettstück zeigt, und dem ihren Sorgen nachbohrenden Seelendoktor Raphael von Bargen zwei der besten Episoden.

Ebenso, wie Babett Arens mit Ehemann Nummer drei, Andy, den Martin Zauner als verschmitzt herumalbernde späte Liebe anlegt. Überzeugend sind auch Nikolaus Barton und Silvia Meisterle als Mary Pages Eltern, der Vater vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet, die Mutter auf dem schmalen Grat zwischen Fürsorge und Unwirschheit. Ein Paradebeispiel dafür, dass die Deformierung eines Menschen meist mit der Erziehung beginnt. Der Quilt jedenfalls kann ausgebessert und gereinigt werden. Mit einem Leben geht das nicht so einfach.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=6&v=cM1CSIx_eSU

www.josefstadt.org

  1. 3. 2019

Volksoper: Ein Reigen

April 23, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Uraufführung des Wiener  Staatsballetts

Bild: Wiener Staatsballett/Barbara Pálffy

Bild: Wiener Staatsballett/Barbara Pálffy

Am 29. April wird an der Volksoper „Ein Reigen“, Ballett von Antony McDonald und Ashley Page, uraufgeführt.

Wien um 1900 – Schmelztiegel der Kulturen, Geburtsort großer künstlerischer und wissenschaftlicher Visionen. Vor dem Hintergrund von Arthur Schnitzlers Drama „Reigen“ begeben sich der Choreograph Ashley Page und der Ausstatter Antony McDonald auf Spurensuche in die immer wieder aufs Neue berauschende Welt des Fin de siècle. Auf ihren musikalisch passend untermalten Spaziergängen durch das pittoreske Wien der Jahrhundertwende stoßen sie auf zahlreiche äußerst prominente Vertreterinnen und Vertreter einer regelrechten „Coffee-Society“, die in einer der Wienerischsten Institutionen, dem Kaffeehaus, emsig die Geburt der Moderne herbei philosophieren. Unter dem Eindruck der Erkenntnisse, die ergänzend auf Sigmunds Freuds Couch gewonnen werden, verdichten sich die Figurenkonstellationen während der beiden Akte zu einem Kammerspiel, das Bild- und Zerrbild einer Gesellschaft im Wandel kraftvoll beschreibt. Ashley Page und Antony McDonald verstehen die historischen Hintergründe dabei als Ausgangspunkt für ihr Ballett, wobei die Biographien der handelnden Persönlichkeiten und die tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse nicht einfach nacherzählt werden, sondern sich vielmehr zu einer freien Collage verdichten, einem Spiel mit Zeit, Identität und Ort, das – ganz im Sinne Sigmund Freuds – auch stark traumhafte Züge trägt und sich zu einem Furioso steigert, welches als „Tanz auf dem Vulkan“ den finalen Vorhang der Wiener Gesellschaft am „Vorabend des Krieges“ vorbereitet. In Anbetracht der einhundertsten Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges ist das Ballett inhaltlich somit von besonderer Aktualität und zeigt eine der glanzvollsten Perioden der Donaumetropole in liebevoller und kostümlich detailreichen Retrospektive, die sich tänzerisch dem Schrittkanon des klassischen Balletts verpflichtet sieht.

An Hand einzelner realer Persönlichkeiten werden beide Seiten dieser Zeit, die lichte und die dunkle, auf die Bühne gebracht, wobei sowohl einzelne Charaktere nachgezeichnet als auch deren Beziehungen untereinander beleuchtet werden. Der Engländer Ashley Page, der bis 2012 dem Scottish Ballet als Direktor vorstand, ist durch seine Choreographie für das Neujahrskonzert 2013 der Wiener Philharmoniker auch dem österreichischen Publikum bekannt geworden. Als musikalische Grundlage des Balletts dienen Kompositionen dieser künstlerisch so außerordentlich reichen Epoche.

Choreographie: Ashley Page

Konzept: Antony McDonald & Ashley Page

Bühne und Kostüme: Antony McDonald

Musik: Alban Berg, Béla Fischer, Erich Wolfgang Korngold, Gustav Mahler, Maurice Ravel, Arnold Schönberg, Alexander Zemlinsky

Dirigent: Gerrit Prießnitz

www.wiener-staatsballett.at

www.volksoper.at

Interview Ashley Page: www.wiener-staatsoper.at/Content.Node/home/staatsballett_neu/aktuelles/Interview_Page.de.php

Wien, 23. 4. 2014