The Great Green Wall: 8000 Kilometer Bäume für Afrika

Oktober 22, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine neue Generation die Wüste begrünen will

Von Senegal bis Dschibuti soll ein 8000 Kilometer langer Baumgürtel entstehen. Screenshot: „The Great Green Wall“.

Die Lunge ist derzeit noch nicht besonders grün, sondern eher eine Staub-, die Lungenbläschen, um im Bild zu bleiben, einzelne sich gegen die Sandstürme der vorwärtsdrängenden Wüste stemmende Akazien. So trotzig ihre Wipfelköpfe sich erheben, so auch der von Inna Modja. Die malische Musikerin und Aktivistin wird die weiteren eineinhalb Stunden zur Reiseleiterin des Kinopublikums werden. Bei „The Great Green Wall“, der am Freitag anläuft – und den man gesehen haben muss. Für ein tieferes Verständnis von Afrika, für ein neues Bild der Menschen, fürs Begreifen, das „Hilfe vor Ort“ nicht aus rot-weiß-roten Flaggen bestehen kann.

„The Great Green Wall“ ist eines der ehrgeizigsten Klima-Ziele der Welt: Quer über den afrikanischen Kontinent, entlang der Sahelzone, soll ein 8.000 Kilometer langer Gürtel aus Bäumen gepflanzt werden, eine grüne Lunge, die die Versteppung aufhalten und einer Millionenbevölkerung Nahrung, Arbeitsplätze und eine Zukunft bringen soll. Von Senegal bis Dschibuti beteiligen sich, Stand: November 2019, 21 Staaten an dem sozio-ökonomischen Projekt, das bei Fertigstellung das größte lebende Bauwerk der Welt sein wird.

Am Ende des Films, wenn Inna Modja im äthiopischen Addis Abeba das Gebäude der African Union betritt, um an einer Gesprächsrunde teilzunehmen, wird man erfahren, dass erst 15 Prozent der Grünen Mauer verwirklicht sind, Senegal dabei der verdienstvollste Teilnehmer. Andere Länder kämpfen im Wortsinn. Die Sahelzone leidet unter dem globalen Klimawandel, leidet an Dürre und ihrem kaputten Ökosystem, an Konflikten, an der Boko Haram und ergo Flüchtlingsströmen. Die Renaturierung des Bodens, so Dokumentarfilmer Jared P. Scott (Produzent ist Fernando Mereilles, bekannt für „City of God“), ist eine Frage des Überlebens. Colonel Papa Sarr, Technischer Direktor des Ganzen, erklärt, dass 2,5 Millionen Bäume pro Jahr gepflanzt werden müssen.

Großartige Totalen von einer der unwirtlichsten Trockenzonen der Welt wechseln mit Nahaufnahmen des ausdrucksstarken Gesichts von Inna Modja. Modja wirbt für ihre Herzensangelegenheit, indem sie zu einem Roadtrip lädt. Nicht über Straßen, sondern auf Pisten. Im Senegal, in Mali, Nigeria und Äthiopien spricht sie mit Menschen über ihre Ängste, Träume und Hoffnungen. Zum Sound afrikanischer Sprachen mischt sich die Musik, denn Modja will ihre Reise mit einem Album beschließen, einer musikalischen Collage der vielfältigen Stimmen Afrikas, die doch eine sind. Die einer neuen Generation, die bereit ist, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.

Scott und Modja erzählen ergo auch eine Geschichte von Optimismus, Solidarität und Entschlossenheit, von Muslimen und Christen und dem gemeinsamen Beten für Regen. „Barça ou Barsakh“, sagen die Bootsflüchtlinge, Barcelona oder Sterben, dem wollen sich die Great-Green-Wall-Pflanzer nicht unterwerfen. Der das schildert, sagt zu den Filmleuten: „Sorry for my broken English, I’ve been colonized by French“. Dieser subtile Underground-Humor, der den Finger in die nach wie vor schwärende Wunde legt, denn die meisten Stürme, die Afrika beuteln, haben Europa und die USA gesät, durchzieht den Film.

Äthiopien, Addis Abeba: Inna Modja trifft Popstar Betty G., um mit ihr am Album zu arbeiten Bild: Polyfilm Verleih

Äthiopien, Addis Abeba: Menschen sind unterwegs zum wöchentlichen Markt. Bild: Polyfilm Verleih

Niger nennt man „das Drehkreuz nach Europa“, viele warten hier auf ihre „Chance“. Bild: Polyfilm Verleih

Senegal: An der Great Green Wall werden in Reih und Glied Baumsetzlinge gepflanzt. Bild: Polyfilm Verleih

Immer mehr Musiker entern den kleinen Bus von Inna Modja. In Timbuktu Aliou Touré, der Leadsänger von Songhoy Blues, der Hiphopper Big Makou, der bis Libyen kam, dort im Gefängnis saß, und als er hörte, dass er Vater wird, in sein Dorf zurückkehrte. Die Kamera zeigt junge Männer am Meer, die auf ihre „Chance“ warten, „als hätte der Himmel sie verlassen“, singt Big Makou, und nennt die westliche Überzeugung, dass es so einfach wäre, von Zuhause weg und nach Europa zu gehen, Rassismus. Sie alle wollen die Sicht vom „Elendskontinent“ Afrika auf dessen Kultur und Tradition und Musik lenken – und, so Modja: „Wir wollen endlich unseren Platz an der Tafel.“ Die Great Green Wall steht auf gegen Europas Grenzzäune. Gegen Extremismus und Exodus. Als Hilfe zur Selbsthilfe.

Im wohl intimsten Moment des Films berichtet die Musikerin aus dem konfliktreichen Norden von Mali von ihrer Genitalverstümmelung durch ein Familienmitglied. „Das hat mein Leben und alles, woran ich glaube, verändert, und ich habe beschlossen nie mehr zu schweigen.“ Das will sie nun auch andere lehren, mit ihren Songs, die den Geist öffnen und Brücken bauen, (Selbst-)vertrauen in die Zukunft und in die eigene Kraft wecken sollen. „The Great Green Wall“ wird dennoch zum Porträt der Probleme, die diesem quer durch Afrika laufenden und sich durch die Klimakrise zuschnürenden Gürtel zusetzen. Modjas Begegnungen dazu sind spannend und aufschlussreich.

In Maiduguri, Nigeria, nimmt sie an einer Radiodiskussion zum Schrumpfen des Tschadsees (um 90 Prozent in 50 Jahren, was 30 Millionen Menschen betrifft, Ursache: die globale Erwärmung) mit Popstar Waje, Umweltaktivist Hamzat Lawal und Friedensstifterin Hamsati Allamin teil. Diese anmoderiert als „the woman who speaks with Boko Haram“, und sie wird Modja später zur Future Prowess School führen, die gleichzeitig ein Waisenhaus ist. Ein Projekt der islamischen Foundation futureprowess.org, in dem Kinder von Tätern wie Opfern zusammenleben.

Wie die 14-jährigen Freundinnen Hauwa und Fatima, erstere, die mitansehen musste, wie die Boko Haram ihren Vater abschlachtete, zweitere, die verkündet: „Meine Verwandten sagen, ich soll heiraten, aber ich will lernen.“ Bintu und Madu waren 13, als sie entführt wurden, zur Zwangsheirat gezwungen, zu Selbstmordattentäterinnen ausgebildet, dann gelang ihnen die Flucht. Auch ein Ex-Soldat, ein halbes Kind, ist da, und Inna Modja erzählt der Reisegruppe später erschüttert von diesem Täter wie Opfer und der ihm antrainierten Mordsgewalt. Dazwischen machen die Reisenden Musik. Vor Kindern und Jugendlichen, die mit strahlenden Augen vor selbstgezimmerten Konzertbühnen ihre Arme in den Himmel strecken.

Nigeria: Die Boko Haram schikaniert die Bevölkerung. Screenshot „The Great Green Wall“

Nigeria: Entführte Kind-Frauen bei einer Boko Haram-Zwangsheirat. Screenshot „The Great Green Wall“

Niger, Wadda: Mit Migrant Aboubacar in der Endstation Busbahnhof. Screenshot „The Great Green Wall“

Äthiopien, Tigray: Landwirt Abu Hawi präsentiert sein grünes Paradies. Screenshot „The Great Green Wall“

In Niger wartet Migrant Aboubacar im Busbahnhof Wadda auf Modja. Am „Drehkreuz nach Europa“, wie Niger oft genannt wird, ist das die Endstation. Zerlumpte Menschen, aggressive Schlepper, die fürchten gefilmt zu werden. In Niger bekommen Frauen im Durchschnitt sieben Kinder, das ist die höchste Geburtenrate der Welt im ärmsten Land der Welt. Über Möglichkeiten, weniger große Familien zu haben, werde nicht gesprochen, sagt Women’s Right Aktivistin Inna Karonka, die Männer lassen sich ihr Recht nicht nehmen …

Die Männer, beziehungsweise die Söhne, die dann wie Aboubacar am Wadda-Ende der Welt stranden. Auch er schaffte es bis Libyen, auch er sechs Monate Gefängnis. „Du wirst verkauft, ohne es zu merken“, sagt er über das Schlepperwesen. Frauen ohne Geld müssten mit ihrem Körper zahlen, Männer würden zum Sterben in der Wüste zurückgelassen. „Ich war auf der Suche nach Würde“, erklärt ein anderer seinen Fluchtgrund – und man möchte ihm sagen, die würdest du in der sich radikalisierenden Festung Europa nicht finden. Immer wieder hört man das gleiche Schicksal, die Schande, man könne nicht zurück zur Familie ohne etwas in der Hand zu haben. Den Druck macht Idris deutlich: „Meine Mutter sagt, als erstgeborener Sohn muss ich etwas gegen die Armut der Familie tun.“ Die Kamera zeigt Männer, die die Tränen kaum zurückhalten können.

Zum Schluss der Lichtblick. Äthiopien, das sich nach der Hungersnot in den 1980er-Jahren ein neues Image geben will. „82 Ethnien mit verschiedener Sprache, Kultur und Religion leben hier friedlich zusammen“, ist Popstar Betty G. stolz – und man tut gut daran, diesen Moment nicht mit Berichten der WHO, der UNICEF, von Amnesty International und Reporter ohne Grenzen zu verkritikastern.

Denn da steht in Tigray Landwirt und Community Organizer Abu Hawi, der den großen Hunger überlebt und das verwüstete Land gesehen hat, mitten in seinem grünen Paradies. „Ich habe meine Denkweise geändert und selber Grün gepflanzt“, sagt er mit sichtlicher Freude über seine Obstbäume. „Gemeinschaft“, sagt er, „ist unser Erfolgsrezept“, und zeigt die Wasserbank, die errichtet wurde. „Unser Reichtum ist das Wasser“, sagt er, „und die Bäume bewahren den Boden – wenn man die Natur schützt, können arme Gegenden wiederaufleben.“ Nachsatz: „Nichts ist unmöglich.“

„The Great Green Wall“ erzählt von einem Wettlauf mit der Zeit. Nicht nur wegen der kurzen Pflanzphase zwischen August und September, sondern gegen den rasenden Klimawandel. Ob die Bäume schnell genug groß werden? Ob das Projekt endlich das politische Gewicht, die finanzielle Unterstützung erhält, die ihm zustehen? Das sind die Fragen, die nicht nur über die Zukunft Afrikas, sondern die der ganzen Welt entscheiden. Eine panafrikanische Idee muss zu einer globalen werden – und der Film zu einem vielgesehenen Zeugnis, wie eine junge Generation sich gegen die desaströsen Folgen der Klimaerwärmung zu wehren beginnt.

www.greatgreenwall.org/film           www.greatgreenwall.org           www.youtube.com/user/innamodja

22.10. 2020

Gelungener Auftakt für die neue Musical-Kompanie des Linzer Musiktheaters

April 15, 2013 in Klassik

Premiere: „Die Hexen von Eastwick“

Bild: Armin Bardel

Bild: Armin Bardel

Mit dem Musical „Die Hexen von Eastwick“ wurde der Reigen der Eröffnungsproduktionen im neuen Musiktheater Volksgarten, sprich Landesthater Linz fortgesetzt. Gefällige Unterhaltung weit über dem üblichen Landestheater-Musical-Niveau – mit berechtigtem Jubel.

Die neu gegründete Musical-Kompanie des Landestheaters Linz – neben den Vereinigten Bühnen Wien das einzige Ensemble dieser Art in Lande – präsentierte sich im neuen Haus mit einer österreichischen Erstaufführung: Die Hexen von Eastwick – eine Vertonung nach dem gleichnamigen Roman des US-Erfolgsautors John Updike. Bis zu sechs Musicals pro Saison abseits des Musical Mainstreams wie Cats, Phantom oder Elisabeth will Spartenleiter und Regisseur Matthias Davids künftig im neuen Haus realisieren. Einmal gelungen schon ist sein Einstand.

Auch, wenn das Werk von Dana P. Rowe (Musik) und John Dempsey (Buch) im Jahre 2000 im Westend uraufgeführt, nicht zu den erfolgreichsten seines Genres zählt, so ist diese Revue perfekt, um eine Kompanie in all seinen Facetten vorzustellen: Schmeichelnde Solo-Nummern, große Show-Szenen und amüsante, wortwitzreiche Dialoge. Der Komponist ist zwar kein begnadetet Melodiker, beherrscht jedoch sein Handwerk: gefällig und Genre-typisch von Pop bis Swing plätschert es vor sich hin und Dank der vielfältig eingesetzten Rhythmen kommt die gute Stimmung fast wie von selbst. Viel Freude bereiten die Ensemble-Nummern, auch Dank der neuen Orchestrierung und einem routinierten Schlag von Kai Tietje am Pult des Brucknerorchesters.

Zur Besetzung: Reinwald Kranner kopiert im Schauspiel ein Deut zu viel den Hauptdarsteller der Verfilmung, Jack Nicholson, und mutiert beim Singen unverständlicherweise zu einem Frank N. Furter a la Rocky Horror Show. Eine stärkere Betonung des Schauspielerischen hätte dieser Performance sicher ganz gut getan. Die drei Hexen (Lisa Antoni, Daniela Dett, Kristin Hölck) überzeugen auf ganzer Linie, ergänzen sich und haben viel Spaß auf der Bühne. Ein perfektes Ganzes bilden auch die übrigen Hauptdarsteller gemeinsam mit dem sehr motivierten, harmonisch in sich abgestimmten Ensemble. Großartig: Karen Robertson! Die studierte, australische  Sopranistin beherrscht auch das Musical-Fach und ringt ihrer Rolle einer überdrehten Kleinstadt-Lady unheimlich komische Elemente ab und geizt dabei nicht mit musikalischen Anspielungen. Ein wenig „Marschallin“ hier und ein wenig Klytämnestra. Routiniert umgesetzt wurden die Choreografischen Aufgaben von Melissa King und das Lichtdesign von Fabrice Kebour.

Ein wenig zu brav tastet sich Matthias Davids an das Werk heran. Die technischen Möglichkeiten des neuen Hauses scheinen bis auf die Dreh- und Unterbühne nicht ganz ausgereizt worden zu sein. Überhaupt: So manche große Show-Nummer, wie zum Beispiel das Finale des zweiten Aktes hätten durchaus ein wenig mehr Pep vertragen. Und soll nicht bedeuten, sich unbedingt mit den großen Musical-Bühnen des Landes machten zu müssen. Fazit: Darsteller, Ensemble und Kreativ-Team werden dem Stück, und auch der Publikumserwartung gerecht – und machen damit neugierig auf die nächste Musical-Premiere im neuen Musik-, sprich Landestheater Linz.

www.landestheater-linz.at

Von Martin R. Niederauer

Linz, 14. 4. 2013