Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sich einfach in den Film fallenlassen“

Der Mann mit dem Messer. Philipp Hochmair spielt den Koch Nick. Bild: © Polyfilm Verleih / Wojciech Sulezycki

Freitag lief in den heimischen Kinos „Tiere“ mit Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr an. Als Nick und Anna wollen die beiden eine Auszeit in der Schweiz nehmen. Doch nach einem Unfall mit einem Schaf kommt alles anders. Der Tod des Tieres wird zum Ausgangspunkt einer schwarzen Komödie der Irrungen über die Rätsel von Liebe und Täuschung.

Und zu einem raffinierten Mindgame zwischen Wien und den Alpen. Seltsame Dinge geschehen im Ferienhaus, die scheinbar nur Anna wahrnehmen kann. Liegt es an dem Autounfall, den sie mit Nick hatte? Bildet sie sich das alles nur ein? Oder ist das alles nur ein Traum – und falls ja: Wer träumt ihn eigentlich? Dem in der Schweiz lebenden polnischen Regisseur Greg Zglinski ist mit „Tiere“ ein sehr besonderer Film gelungen; in den Nebenrollen brillieren Michael Ostrowski, Mona Petri und Mehdi Nebbou. Philipp Hochmair im Gespräch:

MM: Ehedrama, Psychothriller, Horrormärchen – wie würden Sie „Tiere“ beschreiben?

Philipp Hochmair: Der Film ist das alles, er entzieht sich vor allem jeder Kategorie, er ist also Drama, Komödie, Heimatfilm – alles gleichzeitig. Und das macht ihn für mich so besonders.

MM: Dies ist eigentlich ein unmöglich zu führendes Interview, denn man darf nicht ein Wort zu viel sagen, um die Pointe von „Tiere“ nicht zu verraten.

Hochmair: Genau … Mir haben aber auch schon Leute gesagt, sie hätte in dem Film nichts verstanden. Wir werden in diesem Interview dazu ermuntern, dass es nicht darum geht, den Film zu verstehen, sondern sich einfach in den Film fallenzulassen und ihn auf sich wirken zu lassen.

MM: Ich nehme an, all diese Vielschichtigkeiten haben Sie in dieses Projekt geführt?

Hochmair: Der Regisseur Greg Zglinski hat Birgit Minichmayr und mich als das zentrale Paar ausgewählt. Der Autor und ursprüngliche Regisseur des Films Jörg Kalt hat sich tragischer Weise vor zehn Jahren das Leben genommen. Damals stand das Projekt schon einmal vor Drehbeginn. Das zentrale Paar Anna und Nick gibt es auch in seinen anderen Filmen. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ waren es Simon Schwarz und Kathrin Resetarits. Simon Schwarz war also schon vor mir Nick, und Kathrin Resetarits Anna. Dieser Nick und diese Anna verkörpern bei Jörg Kalt  den Mann und die Frau die aneinander scheitern. Die sich suchen aber nicht finden. Weil sie vielleicht trotz ihrer Liebe nicht in der gleichen Welt leben …

MM: Das ist eine schöne Linie

Hochmair: … und dass immer wieder andere Schauspieler dieses Paar spielen, hat mich interessiert. „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ist mehr eine Komödie, die Manie und Heiterkeit. Hier in „Tiere“ haben wir die Depression als Gegenstück. Die Beschäftigung mit dem Menschen Jörg Kalt ist sicher auch ein wichtiger Zugang zu dem Film „Tiere“.

MM: Wie ist denn dieser Nick, den Sie spielen?

Hochmair: Wir befinden uns in einem Zwischenraum zwischen Tod und Leben. Eine Autofahrt Richtung Zukunft durch die Nacht in eine Auszeit, die eine Ehekrise lösen soll. Zwischen Lüge und Wahrheit. Nick ist mit seiner Beziehung zu Anna in einer Krise, und die beiden steuern auf eine Katastrophe zu. Er müsste sich ehrlich verhalten, aber das schafft er nur bedingt. Vieles, was passiert, kann auch nur in seinem oder ihrem Kopf passiert sein.

MM: Wie waren bei so einem verrätselten Film die Dreharbeiten?

Hochmair: Eigentlich ganz klassische Filmarbeit. Wir haben jede Situation ganz konkret genommen. Aber die Dreharbeiten waren in jeder Hinsicht besonders: ein besonderes Drehbuch, mit einem sehr besonderem Team, in besonderer Landschaft. Und es hat mir Spass gemacht, einen Koch zuspielen.

In der Schweiz soll es beschaulich werden: mit Birgit Minichmayr Bild: © Polyfilm Verleih

Doch es kommt ganz anders: mit Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Weil?

Hochmair: Ich leidenschaftlich koche. Jörg Kalt angeblich auch, das merkt man ganz deutlich an seinem Drebuch … Eine kleine Anekdote: Jörg Kalt, hat der Coop 99 – der Produktionsfirma des Filmes – einmal angeboten bei einem anderen Projekt, dem Film „Die Fetten Jahre sind vorbei“ als Koch das Film-Catering zu machen. Und hat, vor allem ohne sich als Regisseur oder Filmemacher aufzutreten, das Team ganz liebevoll bekocht. Das war für mich sicher auch ein Schlüssel zur Rolle „Nick“. Ich habe mich mit diesem Nick gut gefühlt. In Lausanne auf dem Berg leben, das Kochen, seine undurchsichtigen Wege … das konnte ich gut nachvollziehen. Ich habe selbst kurz davor auch in Lausanne gelebt und gearbeitet, habe dort meinen Werther-Monolog am Théâtre de Vidy auf Französisch produziert. Sicher auch deswegen ist die Rolle Nick trotz aller Verwirrung und trotz aller Fremdheit der zeitlichen Verwirrungen für mich sehr nachvollziehbar, konkret und persönlich.

MM: Apropos, Theater: Sie sind nicht nur mit „Werther“, sondern auch mit Ihrem „Jedermann Reloaded“ und mit Schiller-Monologen unterwegs, haben im Berliner Gropius-Bau Kafkas „Prozess“ gemacht. Am Theater lieber Solist?

Hochmair: Die Organisation von Staatstheatern, die oft Jahre im Voraus ihren Spielplan festlegen müssen, und von TV-Serien, wie zum Beispiel den „Vorstadtweibern“, oder internationalen Filmproduktionen, die sehr spontan planen,  lässt sich schwer vereinen. Das lässt sich im Moment für mich leider nicht so gut verbinden. Meine eigenen Produktionen wie „Jedermann-Reloaded“ oder „Werther“ sind da wie kleinen Ruderboote, die ich alleine ganz gut lenken kann. Ich war zum Beispiel gerade ein Monat in Kapstadt um zu Drehen, das wäre so mit einem fixen Theatervertrag nicht möglich.

MM: Aber Sie könnten Burgtheater und „Vorstadtweiber“ machen.

Hochmair: Das wäre natürlich eine gute Kombination … Aber so spiele ich an den Toren Wiens, nicht weit weg vom Burgtheater, in Bad Vöslau, im „Schwimmenden Salon“ von Angelika Hager jedes Jahr …

MM: Die „Presse“ hat Sie nach einem Auftritt dort einen „Bildungsbürgerpunk“ genannt. Passt das?

Hochmair: Gutes Stichwort. Ich versuche zwar wildes, innovatives, Theater zu machen, aber die Zuschauer sind lustiger weise doch das klassische Theaterpublikum, und nicht die 15- bis 18-Jährigen aus der Rapperszene. Ich habe gerade meinen „Jedermann“  im Linzer Posthof gezeigt, einem Ort für Rockkonzerte und ich dachte, da werden die jungen Massen strömen. Aber nein … trotz Rockband, trotz Techno bleibt es ja klassische Literatur, also auch bildungsbürgerliches Theater … Daher wahrscheinlich der „Bildungsbürger Punk“. Ich irritiere und animiere mit Mitte 40 eben eher meine Generation als ganz junge Leute.

MM: Wenn Sie nun so leicht verzweifelt die „Mitte Vierzig“ murmeln, wohin geht Ihr Wollen und Werden und Wirken?

Hochmair: Den Weg weitergehen, den ich gerade gehe. „Vorstadtweiber“ möchte ich gerne noch ein paar Staffeln machen, will als „Joachim Schnitzler“ noch so richtig auf den Putz hauen! Am 8. Jänner wird’s in der dritten Staffel so richtig krachen. Dann schauen wir weiter …

Die Frage bleibt, ob und was Nick im Schilde führt: Philipp Hochmair. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Einen weiteren Film haben Sie kürzlich abgedreht: „Candelaria“. Der kommt 2018 ins Kino?

Hochmair: Das hoffe ich. Eine kolumbianisch-kubanisch-deutsche Koproduktion. Wir befinden uns in den 90er-Jahren in Kuba. Im Zentrum steht ein sehr altes Ehepaar. Das Land befindet sich in der grossen Kries und die Leute sind sehr, sehr arm.

Ich spiele einen deutschen Krisengewinner, eine Art Unterweltskönig. „Candelaria“, die Frau, findet durch Zufall eine Vidokamera und ihr Mann beginnt sie damit unter anderem beim Duschen zu filmen. Das alte Paar entdeckt darüber auf sehr rührende Weise seine Sexualität wieder. Nur landet aber dummerweise dieses sehr private Filmmaterial bei mir, und ich will dann damit Geld machen. Daraus spinnt sich ein sehr anrührender Film in einer ganz anderen Kultur.

MM: Bis wir den sehen können, was wünschen Sie sich für „Tiere“?

Hochmair: Ich wünsche mir dass sich viele Zuschauer auf dieses filmische Experiment einlassen und auf die Reise, die auf den ersten Blick vielleicht etwas wirr erscheint, einlassen. Ich denke, es ist ein gelungenes Experiment. Wie schon gesagt: Gleichzeitig Komödie, Drama, Thriller und Liebesfilm.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26976

www.tiere.film

20. 11. 2017

Viennale 2017: Tiere

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schwarze Katze kündigt Mord an

Anna und Nick haben sich auseinander gelebt: Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair agieren im Psychothriller „Tiere“ ganz großartig. Bild: © Polyfilm Verleih

Ein Autounfall ändert das Leben von Anna und Nick radikal. Gerade war man noch unterwegs ins Schweizer Bauernhaus, das man für ein halbes Jahr gemietet hatte, als Aussteiger-Domizil für den Haubenkoch und die Kinderbuchautorin – und dann ein Schaf auf der Straße, ein Peng, Auto hin, Schaf tot, Frau im Krankenhaus …

„Tiere“ heißt der Film von Greg Zglinski, der am 30. Oktober Österreich-Premiere bei der Viennale hat, am 17. November in den Kinos anläuft, und in dem Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair als Anna und Nick in gewohnter Weise begeistern. Es ist – zumindest vordergründig – die Geschichte einer Ehekrise, die der polnisch stämmige und in der Schweiz aufgewachsene Filmemacher Zglinski nach einem Drehbuch des 2007 verstorbenen Jörg Kalt in seiner ersten internationalen Produktion erzählt. Die beiden Wiener Bobos haben sich in ihrem sehr stylischen Leben nämlich längst auseinandergelebt. Ihre Beziehung ist durch seine Untreue, ihre Eifersucht und berufliche Selbstzweifel auf beiden Seiten ramponiert, die Schweiz hätte es richten sollen, aber ach! Zum Glück nur eine Platzwunde an Annas Schläfe.

Und dann geht sie los, die Suspense-Story oder Die Frage, wer hier verrückt ist oder gemacht werden soll – und vor allem von wem? Denn es gibt nichts, was der eine sagt, das vom anderen nicht in Zweifel gezogen würde. Meint sie, man sei gestern angekommen, erwidert er, es sei zwölf Tage her. Spricht er mit ihr am Esstisch, erscheint sie plötzlich aus dem ersten Stock mit der Frage: Mit wem redest du? Schreibt sie einen neuen Roman in ihr Heft oder sind die Seiten leer? Reist er tatsächlich durch die Region, um neue Rezepte zu sammeln, oder geht er mit einer Eisverkäuferin am Genfer See fremd? Anna traut bald ihrem Verstand nicht mehr. „Ich bin anders als sonst?“, so sie zu Nick. „Irgendwie schon“, antwortet der. – „Das war’s eh, was ich fragen wollte.“

Bei Mischa in der Wiener Wohnung fließt Blut: Mona Petri. Bild: © Tellfilm/Wojciech Sulezycki

Derweil pflegt Anna ihre Schreibblockade: Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Und dann ist da eine schwarze Katze, die französisch spricht, und wie alle ihre Artgenossen den sechsten Sinn hat, und Anna mitteilt, dass Nick sie ermorden will. In der Nacht darauf ersticht sie ihn mit dem Tranchiermesser, erstickt er sie mit einem Kopfpolster, aber alles nur ein Traum – oder doch nicht? So funktioniert Zglinskis Film zwischen real und surreal. Es geht de facto um Leben und Tod. Und auch wenn nicht alle Szenen innerhalb der Logik des Films evident sein werden, sobald der Regisseur seine Lösung fürs Ende präsentiert (Stichwort: Kapuzenmann im Regen), so ist „Tiere“ doch ein gut gemachter Psychothriller mit Horrormärchenelementen. Und reichlich schwarzem Humor.

Zglinskis nimmt sich, unterstützt von Piotr Jaxas an David Lynch geschulter, raffinierter Kameraführung und Laurent Jespersens hartem Sounddesign, vieles, was das Genre zu bieten hat. Immer wieder fährt die Kamera, fährt das Auto durch einen blutroten Tunnel als wäre er eine Metapher für die Wunden, die Anna und Nick einander schlagen. Parallelwelten tun sich auf. Die Korridore, die Vorzimmer sind gleich gestaltet, lange Gänge, über die es zu irren gilt, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land. Und auch eine geheimnisvolle Tür, die verschlossen bleiben muss, und zum Schluss wie von Geisterhand geöffnet werden wird, gibt es überall. Alle Frauen sind optisch oder tatsächlich? eine.

Schauspielerin Mona Petri als Drolerien-Forscherin Mischa, die sich Anna und Nick im heimischen Altbau als Untermieterin genommen haben, als seine Geliebte Andrea und als Schweizer Eisverkäuferin. Andrea wird in Wien aus dem Fenster springen, ein Vogel wird in der Schweiz durchs Fenster fliegen – ein Doppelselbstmord, und Mischa eine Wiedergängerin? „Ich habe plötzlich das Gefühl gehabt, die seh‘ ich nie wieder“, sagt Anna nachdem sie Mischa/Andrea/oder wem? zum Abschied die Hand quetscht.

Im Schweizer Bauernhaus sollte alles besser werden, doch nicht nur ein Schaf kommt unter die Räder: Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Systematisch zieht Zglinski das Netz der Verunsicherung enger. Er arbeitet mit Verschiebung von Perspektiven, Verwechslungen, falschen Annahmen, falscher Wahrnehmung, Lüge. Virtuos jongliert er mit den enigmatischen Wiederholungen seiner Story, bis der Zuschauer selbst nicht mehr weiß, was er sieht und was er glauben soll.

Blut fließt. Auch Mischa wird sich eine Kopfwunde zuziehen, und nach der Spitalsbehandlung „den Arzt mit dem fehlenden Finger“ erneut in der Klinik besuchen wollen. Nur, dass der den erst Tage später durch Andreas Ex verlieren wird. Mehdi Nebbou und Michael Ostrowski komplettieren in diesen Rollen den Cast. Normal ist in diesem Film keiner. Und zwischen all den Rissen, Zeitsprüngen und Gedächtnislücken brillieren die Minichmayr und Philipp Hochmair. Wie ihr Gesicht zunehmend entgleist, während Hochmairs Nick souverän und freundlich bleibt. Wie ihre Anna mit spitzer Boshaftigkeit und übellaunigen Blicken seiner arrogant-überheblichen Selbstsicherheit Contra gibt. Und gerade, als man von ihrer labilen Unsicherheit und ihrem peniblen Zwänglerisch-Sein genug hat, dreht sich die Handlung ein letztes Mal, ein verwirrender Zeitungsartikel taucht auf – und Nick …

Greg Zglinskis komplex verrätselte „Tiere“ (der Titel auch dem Kinderspiel geschuldet, das Anna und Nick auf Autofahrten spielen) ist eine magische, eine mystische Interpretation eines Daseins, für das es mehr geben muss, als die Schulweisheit sich träumen lässt. Angedockt an den wenigen Meisterwerken von M. Night Shyamalan erzählt er in großer atmosphärischer Dichte von der menschlichen Existenz – und dem letzten Liebesbeweis, den man dieser erbringen kann. Wer aus dem Film geht, hat garantiert Herzklopfen. Entlassen mit der Frage, nicht was, sondern wer Wirklichkeit ist.

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“: www.mottingers-meinung.at/?p=27417

www.viennale.at

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  1. 10. 2017

Hotel Rock’n’Roll

August 24, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Man weiß in Wahrheit gar nicht wo anfangen. Bei den gewagten Rollstuhlstunts. Oder beim neongrünen Neptundrummer oder überhaupt beim Augenkrebsambiente. Beim mutmaßlichen Chartstürmer-Song „Futschikato Masalani“- wobei hier abzuwarten bleibt, ob die Metal- oder die Reggae-Version Platz eins erobern wird. Wurscht. Weil im pulpfiction-filmigen Vorspann verleihen sich die Macher eh schon selber das Prädikat wertvoll. Schonungslos. Amazing; bzw. fuckin‘ awesome, wie der Steirer sagt.

Ein solcher, nämlich Michael Ostrowski, verantwortet den All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn, der sich „Hotel Rock’n’Roll“ nennt und am 26. August in den heimischen Kinos anläuft, als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller. Der Film ist die Steigerungsform von „Nacktschnecken“ und „Contact High“, heißt: der Abschluss von Michael Glawoggers „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie. Als Glawogger 2014 bei Dreharbeiten in Liberia überraschend verstarb, war fürs Team klar, dass das bis dato bereits weit gediehene Projekt zu einem guten Ende zu bringen ist.

Was über weiteste Strecken auch perfekt gelang, samt einer Art Happy End, das es nun endlich für alle Figuren gibt. Ostrowski und Co-Regisseur Helmut Köpping haben Glawoggers filmische Handschrift mit großem Engagement zur eigenen erneuert, und auch wenn dessen surrealistische Sensoren die Untiefen der Handlung an der einen oder anderen Furt vielleicht tiefer ausgelotet hätten, bleibt genug Dada, um zweifelsfrei festzustellen: „Hotel Rock’n’Roll“ ist völlig gaga. Nach Softporno-Paraphrase und Rauschroadmovie ist man nun beim gepflegten Hotelfilm angelangt. Eine Reverenz an ein Nachkriegsgenre, das Größen wie Jerry Lewis oder hierzulande mit einem Hauch Heimat Peter Alexander bestens bedient haben.

Mit einem Wort die Chaosclique rund um Mao, Max und den unvermeidlichen Schorschi wird sesshaft. Dieses aber ausgerechnet in der Provinz, weil Mao irgendwo im Nirgendwo einen abgefahren abgefuckten Schuppen erbt, samt Schulden, wie sich später herausstellen wird. Also will man G‘schertindien keinesfalls seinen Bewohnern über-, sondern dort den richtigen Spirit einziehen lassen. Die Hotelband übt zwecks Tilgung der Rückstande fürs Benefiz, man hat zwar nur einen Song, diesen aber in xen Varianten, da kracht der Schorschi mit seiner Corvette in den Schwimmteich, im Kofferraum die geklaute Kohle von einem Banküberfall.

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava, Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen's natürlich zurück: Deltev Buck, Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen’s natürlich zurück: Deltev Buck und Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Was folgt, ist wohl klar, samt Harry, der vergisst, dass er eigentlich honoriger Betreiber des Alpengasthofs Alzheimer, ergo die Konkurrenz der Hotel-Rock’n’Roller ist, und sich auf sein kriminelles Genie besinnt. Doch nicht nur, dass sich Komplize und Love Interest Schorschi, nach Beinbruch mit Gipsfuß auf einen Rollstuhl angewiesen, bei Mao und Max als Gärtner verdingt, hat er doch ein ausgewiesenes Händchen fürs Graserl, ist der ganzen Sache auch noch ein höchst aufdringlicher Inspektor auf der Spur …

Beim Finale Furioso sind natürlich alle dabei – und in darstellerischer Hochform: Michael Ostrowski als substanziell lässiger Max und Pia Hierzegger als hantige Mao, die sich sinnlos bemüht, irgendwelche Fäden zusammenzuhalten. Der großartige Georg Friedrich als Schorschi, der sich nicht nur als einwandfreier Stuntman erweist, sondern über sein selbstzerstörerisches Kleinkriminellentum auch die Weltsager hat –  einer der besten: „Illegalität ist immer Ausdruck der Auflehnung gegen die herrschenden Zustände“, Detlev Buck als ebenso skrupulöser wie skrupelloser Harry und selbstverständlich Hilde Dalik als Max‘ Angebetete.

Neu in der Band ist Gerald Votava als Jerry, Raimund Wallisch ist ja aus der Formation ausgestiegen, und Votava ist nicht nur als Mensch und Schauspieler, sein Jerry nicht nur punkto Verwirrt- und Verplantsein ein Gewinn, sondern vor allem auch als Gitarrero – quasi der Schnittling auf dieser supersympathischen Suppn. Johannes Zeiler gibt den ehrgeizig verbissenen Kiberer Walzer, Helmut Köpping himself den wamperten Bankdirektor, die sich gemeinsam auf die Jagd nach dem gestohlenen Geld machen.

Echte Rock'n'Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Echte Rock’n’Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

In kleineren Rollen machen sich Willi Resetarits als selbst im Sterben sinistrer Erbonkel, Sven Regener als satanischer Pfarrer, Hermann Scheidleder als „Alzheimer“-Gast und die steirische Urmutter Stefanie Werger einen Karl. Letztere betreibt, apropos Mutter, einen Escort Service, bei dem sich Jerry eine Dame bestellt, für die er schließlich die australische Singer/Songwriterin Jayney Klimek hält. Dies nur einer der unzähligen irren Handlungsstränge, die einem in den diversen Durcheinanders auf- und davonlaufen, um zum Schluss wieder zueinander zu finden.

Die Pointen sitzen ergo erst an Stellen, wo man’s gar nicht mehr erwartet hätte, und ihr Witz ist das ewige Missverstehen der Menschen. In diesem Sinne und vor allem in der Figur Schorschi ist „Hotel Rock’n’Roll“ fast ein extremphilosophisches Werk. Ein Unfug auf höchstem Niveau. Und jedenfalls nix für Non-Nihilisten. Oder wie Jerry beim Anblick des Erb-Guts sagt: „Des is weniger Stairway to Heaven als mehr Highway to Hell.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4PhKKXmQTOM

Michael Ostrowski im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21535

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 24. 8. 2016

Hotel Rock’n’Roll: Michael Ostrowski im Gespräch

August 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Weniger stoned, dafür mit mehr Stunts

Gerald Votava, Pia Hierzegger und Michael Ostrowski. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Hotelerbin Mao mit ihren Mitstreitern Max und Jerry: Gerald Votava, Pia Hierzegger und Michael Ostrowski. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Am 26. August startet in den heimischen Kinos der neue Streich der Chaostruppe rund um Mao, Max und Schorsch ist die nächste, die letzte Runde. „Hotel Rock’n’Roll“ heißt der Abschluss der „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie von Michael Glawogger. Nach dessen plötzlichem Tod bei Dreharbeiten in Liberia 2014 übernahm Michael Ostrowski die Ausführung des Films. Der Schauspieler und Drehbuchautor führte zum ersten Mal auch Regie.

Der Inhalt: Mao erbt von ihrem Onkel ein abgetakeltes Hotel auf dem Land und gemeinsam mit ihren stets gutgelaunten Freunden Max und Jerry versucht sie, den Spirit des Rock’n’Roll dort wieder aufleben zu lassen. Leider haben sie dabei nicht mit der gierigen Konkurrenz, einem Haufen Schulden und dem unvermeidlichen Schorsch gerechnet, der ihnen nach einem missglückten Bankraub die Polizei ins Haus bringt. Mit dabei sind wieder Pia Hierzeger, Hilde Dalik, Georg Friedrich und Detlev Buck, und neu Gerald Votava. Michael Ostrowski im Gespräch:

MM: Sie sind zur Dreifaltigkeit des Films geworden, Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller, hat das mehr Vorteile oder mehr Nachteile?

Michael Ostrowski: Ich glaube, dass das ein großer Vorteil ist, weil man den Film so sehr gut kennt. Ich hätte bei jedem Dialog mitreden können, ich habe die Bilder im Kopf gehabt, das hilft extrem, anders hätte ich mir die Arbeit gar nicht vorstellen können. Ich glaube, dass es viel schwerer ist, wenn man keinen Überblick hat. Außerdem hatte ich Helmut Köpping als Co-Regisseur, der andere Dinge als ich im Fokus hatte, andere Leut‘, das hat uns als Team gutgetan.

MM: Das Projekt wurde ja noch von und mit Michael Glawogger angedacht. Es stand für euch immer außer Frage, den Film auch ohne ihn zu machen?

Ostrowski: Das Drehbuch war sehr weit, ich habe den Michi Glawogger vor seiner Abfahrt zur Weltreise sehr oft getroffen, wir haben uns ausgetauscht übers Drehbuch, haben gemeinsam geschrieben. Es war meine Aufgabe, es fertigzustellen, einzureichen, mich um die Finanzierung zu kümmern, damit wir, wenn er zurückkommt, drehen können. Das Projekt war also sehr weit gediehen, und es war für uns, als er gestorben ist, klar, dass ich, wir alle, die beteiligt waren, es auf keinen Fall aufgeben.

MM: Es war als Trilogie angedacht …

Ostrowski: Ab „Contact High“, um genau zu sein. Da wurde uns bewusst, dass es eine „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie werden muss. Das war so typisch für den Glawo, ich sag‘ das zu ihm, und nach zwei Sätzen sagt er: Ja, klar, mach‘ ma draus eine Trilogie. Aber „It’s all one song“, sagt Neil Young, ich sage: It’s all one movie.

MM: Nun ist „Nacktschnecken“ ein softporniger Hausfilm, „Contact High“ ein Roadmovie. Was ist „Hotel Rock’n’Roll“?

Ostrowski: Eine Mischung aus Heimat- und Hotelfilm, Boulevard und Rock’n’Roll. Es war immer schon als Genremix geplant, weil wir sehen wollten, wie man dieses Grundthema, jemand erbt ein heruntergekommenes Hotel, wird bedroht durch die Konkurrenz, die Bank …, das ja in zahlreichen Filmen der Nachkriegsära vorkommt, neu machen könnte. Also diese Grundstruktur hernehmen und sie brechen mit einer Rock’n’Roll-Geschichte, in der eine irre Band auftritt, in der laute Musik gespielt wird. An dieser Aufgabe haben wir uns beim Drehbuch schreiben abgearbeitet.

MM: Ein bissl klingt das jetzt nach einem Peter-Alexander-Gunther-Philipp-Film.

Ostrowski: Total. Lustig, dass Sie das sagen, weil der Glawo war ein großer Fan von Gunther Philipps Wackelohren, davon hat er gern gesprochen. Ich war immer ein Fan von Jerry Lewis, dessen erster Film als Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller, „The Bellboy“, ein Hotelfilm ist. Er ist aus dem Jahr 1960, ein Schwarzweißfilm, den er gedreht hat, ohne zu sprechen. Jerry Lewis ist damit ein unglaubliches Risiko eingegangen, Hut ab! Ich will damit nur sagen, es gibt ein paar Hotelfilmvorbilder, die uns sehr stark inspiriert haben. Der Glawo hat auch einen Roman geschrieben, „69 Hotelzimmer“, der posthum erschienen ist. Das ist ein ganz tolles Buch, in dem er alle seine Reiseerlebnisse verarbeitet. Wir sind also beide Hotelfans, und die Liebe zu diesem Ort war der Ausgangspunkt für „Hotel Rock’n’Roll“.

Die Hotelband. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Ein Song wird x-mal variiert: Die Hotelband bei ihrem ersten großen Auftritt. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Lukas König. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Unterwasserdrummer und Aushilfsneptun Lukas König. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

MM: Und euer Hotel? Wie haben Sie diese verwunschene Villa gefunden? Eingebettet in ihre grüne Hölle?

Ostrowski: Ha, das hat unser Kameramann Wolfgang Thaler zum Drehort auch gesagt: Das ist die grüne Hölle. Die Villa ist am Semmering, ganz versteckt, und gehört zwei Schwestern, die dort die Hälfte der Woche wohnen. Die haben sich auf unsere Zeitungsannonce hin gemeldet, und das war fein, weil man da weiß, dass man willkommen ist. Dieser Drehort war essentiell wichtig, weil ich hin kam und wusste, dass ich da richtig bin. Anders hätte ich den Film nicht drehen können.

MM: Dazu der Teich …

Ostrowski: Ja, der war echt dort, das glaubt man gar nicht. Geschrieben haben wir, der Schorsch, also Georg Friedrich, fährt nach seinem Banküberfall mit seiner Corvette in einen Pool, und das Auto bleibt stecken, mit dem geraubten Geld im Kofferraum. Und dann erst ging mir auf, im durchsichtigen Wasser funktionieren weder die Tauchversuche von Max und Jerry, wenn sie die Geldtasche suchen, weil da steckst den Kopf unter Wasser und hast es, noch der mystische Auftritt unseres Wassermanns und Unterwasserdrummers Lukas König. Da seh‘ ich diesen verwahrlosten Teich und denke mir, das ist es. So einfach war’s dann allerdings doch nicht.

MM: Weil?

Ostrowski: Wir die Wasserschutzrechte beachten mussten. Es gab also eine zweite Corvette, die war völlig ausgebaut, damit nix mehr drin ist, in dem Benzin oder Öl sein könnte, und die haben wir versenkt.

MM: Klingt stressig. Dabei wirkt im Film dank natürlicher Zutaten alles so entschleunigt. Aber wie bei jeder Komödie sind Tempo und Timing wahrscheinlich ein Wahnsinn, oder?

Ostrowski: Dank natürlicher Zutaten und solcher als dem Labor (er lacht). Nein, kein Stress, tatsächlich ist bei unserem Team das Wichtigste, dass man die Akteure einfach machen lässt; die kennen ihre Figuren und wissen schon, wie sich was anfühlen muss. Es war mir vor allem ein Anliegen Gerald Votava als Jerry in die Familie zu bringen, weil die anderen kennen einander ja schon ewig, er ist neu dazugekommen, er musste erst sehen, wie unser Timing ist, wie wir spielen, welche Sprache wir sprechen … Georg Friedrich wiederum ist ein Mensch, der nicht gerne probt. Er hat echt früh seinen Text gelernt, eine alte Version vom Drehbuch, das weiß er, aber das tut er halt. Ich hab‘ aber in der Zwischenzeit einige Sager wieder rausgestrichen, und er sagt (Ostrowski spricht in täuschend echtem Georg-Friedrich-Tonfall): Des is oba schod, weu des is lustig. Dann haben wir’s natürlich wieder reingenommen, weil er ein Feeling hat, was ihm gefällt, und ich nehme ihn damit sehr ernst.

MM: Also was jetzt, war’s harte Arbeit oder lustig?

Ostrowski: Ich finde nicht, dass es harte Arbeit war. Harte Arbeit ist das Rundherum, diese Scheißproduktionsmaschine, die funktionieren muss, aber Spielen ist immer ein freudvolles, lustiges Tun.

MM: Nun sagten Sie vorhin „Familie“, das Team ist über die Jahre ein Freundeskreis geworden. Sagt man sich da leichter oder schwerer was ins Gesicht?

Ostrowski: Leichter, finde ich, viel leichter. Ich habe nicht das Bedürfnis mit Menschen zu arbeiten, mit denen ich ein Spannungsverhältnis habe. Ich brauche keinen Psychoterror am Set oder auf einer Theaterbühne, damit ich was Gutes zusammenbringe. Ich hab’s lieber in einer Gemeinschaft und im Guten. Man muss halt lernen, wie man Kritiken formuliert. Das ist ein großer Punkt. Ich bin da auch sehr sensibel als Schauspieler, ich will auch nicht, dass mir jemand sagt, es war Scheiße, was ich gemacht habe. Das finde ich abwerten, das motiviert mich nicht, da bin ich blockiert fürs nächste Mal.

MM: Was sagen Sie dann? Da war schon sehr viel Schönes dabei?

Ostrowski: Ich bin kein Pädak-Regisseur, aber ich sag‘ einmal grundsätzlich, ja okay, weil oft weiß ich’s gar nicht besser. Ich würde mir gar nicht anmaßen zu sagen, ich weiß es besser. Der eine macht’s auf die Art, der andere auf eine andere, das muss man sich anschauen und ausprobieren. Als Schauspieler habe ich das Bedürfnis jeden Take zu variieren, weil es keinen Sinn macht, immer gleich zu spielen. Ich schaue, dass der Rhythmus stimmt und dass man die Pointen richtig setzt, und es freut mich auch an den Kollegen, wenn sie mir Varianz anbieten. Die kriege ich aber nur, wenn ich ihnen die Freiheit dafür gebe.

MM: Haben sich die Filmfiguren entwickelt? Oder sind sie Typen wie bei Volkstheater, wie beim Kasperltheater, die immer gleich bleiben sollen?

Ostrowski: In gewisser Weise sind sie Archetypen und sollen bleiben, was sie sind. Der Schorschi wird immer ein kleinkrimineller Gangster mit Hang zu Vandalismus und Selbstzerstörung sein. Aber trotzdem entwickeln sie sich, weil sich die Menschen, die sie darstellen, entwickeln. Man muss sich ja nur die Fotos aus den beiden früheren Filmen anschauen, da sieht man, wie wir uns alle verändert haben, älter geworden sind, aber im positiven Sinn. Das ist das Geheimnis der Schauspielerei, wie du dich wandelst, so wandelt sich deine Figur.

MM: Und die Figur von Raimund Wallisch war auserzählt?

Ostrowski: Der Raimund hat mir vor Jahren gesagt, er will nicht mehr dabei sein. Ich bemühe da eine Bandmetapher: Er ist ausgestiegen und hat sein Soloprojekt gestartet. Da kann man nicht diskutieren, das war seine Entscheidung und die ist zu respektieren. Im Endeffekt aber, wie bei vielem, wo man am Anfang denkt: Was mach‘ ich jetzt?, hat auch das eine positive Wende genommen. Weil Gerald Votava nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Musiker dazugekommen ist, und ich weiß nicht, ob ich den Film so hätte machen können, wenn er nicht so ein exzellenter Gitarrist wäre.

MM: Womit wir bei der Musik sind: Die neuen Hotelbesitzer sind eine Rock’n’Roll-Band mit genau einem Song. Spielt ihr wirklich alle selber?

Ostrowski: Wirklich. Gerald die Gitarre, Pia den Bass, Schorsch das Schlagzeug. Georg Friedrich hat’s von Lukas König gelernt, und zwar so, dass er Rock, Punk und Reggae live gespielt hat. Ich habe früher einmal in einer Band Bass gespielt und gesungen, jetzt hab‘ ich mir den leichtesten Job ausgesucht, ich bin der Sänger.

MM: Und der Komponist. Denn das einzige Lied der Band, der Futschikato-Song, stammt aus Ihrer Feder. Da sind einige Vokabel drinnen, die waren sogar mir neu.

Ostrowski: Nämlich?

MM: Kann ich jetzt nicht sagen, vor allen Dingen später nicht schreiben, F**knecht zum Beispiel. Oder Nudelwalker in diesem Zusammenhang.

Ostrowski: Letzteres ist eh klar, ersteres ein Mann, der sich gern Frauen unterwirft. (Er singt leise): Genderbender, Riesenständer, Frauenbauer, Maunerhauer, hauma uns in die Mischmaschin, die MaunerWeibaMischmaschin … Ich habe diesen Text schon sehr früh geschrieben, ihn dem Michi Glawogger geschickt, und durch alle Drehbuchfassungen blieb er erstaunlicherweise immer drin. Hab‘ ich mir gedacht, so schlecht kann er nicht sein.

MM: Euer Humor ist sehr eigen. Sind Sie damit auch schon auf Ablehnung und Unverständnis gestoßen? Gab’s negative Reaktionen?

Ostrowski: Klar gibt’s Leute, die finden uns geschmacklos. Bei „Contact High“ war aber eher das Problem, dass Zuschauer es nicht gepackt haben, dass sich der Film aus seinem vordergründigen Realismus löst. Dass da Dinge passieren, die nicht realistisch, sondern auf einer anderen, einer surrealen Ebene erzählt werden. Da kannst nur sagen: Aha, okay. Glawo und ich haben Film immer als ein Medium gesehen, das sich fantasievoll über die Realität erhebt. Dass man dabei mit Sehgewohnheiten bricht, da muss man drüber stehen. Manche Leute konnten mit dem Drogenerfahrungsding aus „Contact High“ wenig anfangen, deshalb war der Film einerseits limitierter, andererseits haben wir eine unfassbare Fangemeinde, die ganze Passagen auswendig zitieren kann. „Hotel Rock’n’Roll“ ist ein anderes Thema, familienfreundlicher, weniger stoned. (Er lacht.)

Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Schorsch und seine Corvette landen im Teich: Georg Friedrich macht seine Stunts selber. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Georg Friedrich, Detelv Buck und Pia Hierzegger. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Schorsch mit Gipsfuß, von „Harry“ Detlev Buck liebevoll geschultert. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

MM: Dafür mit mehr Stunts! Autostunts und Rollstuhlstunts.

Ostrowski: Georg Friedrich hat sich nicht geschont, er lässt es sich ja nicht nehmen, alle Stunts selbst zu machen. Er ist eine Naturgewalt, eine schauspielerische Kraft, die für mich spitze ist. Wie er da aber aus dem Rollstuhl fällt, der Schorsch bricht sich nämlich das Bein, wenn Sie das meinen, das war nicht geplant. Wir haben einfach gefilmt, wie er damit herum fährt, er hat einen Wheelie gemacht und auf einmal hat’s ihn rausg’haut. Natürlich hält man da die Kamera drauf.

MM: Wenn man Ihnen so zuhört, hat man den Eindruck, Regie führen hat Sie schon angefixt. Möchten Sie weitermachen? Alles in Ihrer Hand haben?

Ostrowski: Es hat was, aber ich muss es nicht regelmäßig machen. Es hat mich an meine Grenzen geführt. Im Guten und im weniger Guten. Ich mein‘, es war alles easy, und ich mag‘ das schon sehr gern, aber alles mit Maß und Ziel. Sehr gern bin ich mit Alarich Lenz im Schneideraum gesessen, das ist zwar eine unbezahlte, aber eine sehr schöne Arbeit, das würde ich gern wieder machen, dieses Zusammenbasteln eines Films.

MM: Die Trilogie ist nun beendet. Wie geht’s mit der Neigungsgruppe weiter? Ihr könntet ja eine österreichische „Carry On“-Truppe werden?

Ostrowski: Ich weiß es ehrlich noch nicht. Ich muss erst einmal schauen, was aus diesem Film wird. Ich plane weniger als ich Dinge auf mich zukommen lasse und dann Bauchentscheidungen treffe. Ich schau‘, dass ich das machen kann, was mir am meisten Spaß macht, ich will mich nicht zwingen lassen, das ist mein einziges Ziel. Ich drehe gerade einen „Bibi und Tina“-Film, Detlev Buck führt Regie, und er stellte mich am Set vor mit den Worten: He’s a free man. Wahrscheinlich ist es das. Aber ich glaube nicht, dass die, wie haben Sie gesagt?, Neigungsgruppe nichts mehr miteinander zu tun haben wird.

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 19. 8. 2016

Landestheater NÖ: Romeo und Julia Freestyle

April 13, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Hilde Dalik macht Shakespeare mit Flüchtlingen

Romeo und Julia Freestyle. Bild: chong * – verein für theater & performance

Romeo und Julia Freestyle. Bild: chong * – verein für theater & performance

Jugendliche Flüchtlinge im Alter von 16 bis 21 Jahren interpretieren am 20. April am Landestheater Niederösterreich Shakespeares „Romeo und Julia“ neu. Die Produktion ist ein Projekt von „chong * – verein für theater & performance“, den Hilde Dalik, Melika Ramic, Michael Ostrowski, Julia Schranz und Silke Ofner gemeinsam gegründet haben.

Zusammen mit Regisseurin Dalik und dem Schauspieler und Improvisations-Coach Ostrowski nähern sich die Darsteller „Romeo und Julia“ an: Sie untersuchen spielerisch die Themen Herkunft, Familie, erste Liebe, Feindschaft, Gewalt und Krieg. Entstanden ist ein multikulturelles TanzTheaterstück mit Bezug zu den persönlichen Geschichten. Neben der Musik von Wolfgang Schlögl und Kyrre Kvam sind afghanische Lieder zu hören. In Videoeinspielungen agieren unter anderem Michael Ostrowski und Alexander Pschill, auf der Bühne unterstützt die Schauspielerin Sophie Aujesky das 12-köpfige Ensemble.

Hilde Dalik. Bild: chong * – verein für theater & performance

Die Initiatorin des Projekts und Regisseurin Hilde Dalik. Bild: chong *

Michael Ostrowski. Bild: chong * – verein für theater & performance

Impro-Coach Michael Ostrowski. Bild: chong *

„Ich hatte mich für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus dem niederösterreichischen Laura-Gatner-Haus engagiert und einen bestehenden Theaterpädagogik-Workshop unterstützt, Theater- und Kinobesuche organisiert. Nachdem ich immer wieder von diesen jungen Männern den Wunsch vernommen hatte, einmal auf einer richtigen Bühne stehen zu können, kam ich auf die Idee, eine feste Theatergruppe zu gründen“, sagt Hilde Dalik. „Es war mir wichtig, diese Produktion unter möglichst professionellen Rahmenbedingungen zu führen. Ziel für mich ist es, diesen Jugendlichen das Erfolgserlebnis einer Aufführung bieten zu können.“

Mit Hagar Ashiba, Esra Altuntas, Regina Atia, Chadischat Suleimanova, Borhan Hassanzadeh, Zarif Hoseini, Ezatullah Jami, Mujtaba Sam Karimi, Dost Kugiani, Memo Ciftci, Sakhi Rezai, Sharif Rahimi und anderen Jugendlichen mit Fluchterfahrung.

www.landestheater.net

www.chong.at

Wien, 13. 3. 2016