Museum Liaunig: Nitsch, Gironcoli und Moswitzer

April 25, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Saisonstart eine „Tour de Force“

Sonderausstellung – Alte Freunde: Bruno Gironcoli. Bild: © Museum Liaunig

In der Saison 2021 präsentiert das Museum Liaunig ein abwechslungsreiches Programm: Die von Günther Holler-Schuster aus der Sammlung Liaunig kuratierte Hauptausstellung „Tour de Force – Punkt, Linie, Farbe auf dem Weg durch die österreichische Kunst nach 1945“ setzt sich mit der Entwicklung der gestischen Traditionen auseinander.

Den seit 2016 in der Sonderausstellungsreihe „Alte Freunde“ vorgestellten Künstlerinnen und Künstlern ist Herbert Liaunig seit Jahren als Freund und Sammler zugetan. 2021 wird die Serie mit wechselnden Personalen von Bruno Gironcoli und Johann Julian Taupe (1954) fortgesetzt. Im runden Skulpturendepot stehen die Werke des steirischen Bildhauers Gerhardt Moswitzer im Mittelpunkt. Und bei schönem Wetter lädt der weitläufige Skulpturenpark zu einem Spaziergang ein. Die Aufstellung unter freiem Himmel zeigt eine generationen- übergreifende Auswahl österreichischer und internationaler Künstler von der Moderne bis zur Gegenwart.

Hauptausstellung – Tour der Force

„Tour de Force“, die Hauptausstellung dieses Jahres im Museum Liaunig, versammelt etwa 200 Exponate aus der eigenen Sammlung, ergänzt nur durch einige wenige Leihgaben von Künstlern und Institutionen. Coronabedingt fiel die Entscheidung, dieses Jahr konzentrierter und ausschließlicher mit der eigenen Sammlung zu arbeiten und damit auch einen tieferen Blick auf die Neigungen und Vorlieben des Sammlerehepaars Liaunig zu ermöglichen. Das Gestische innerhalb der Malerei, die Tradition der „Nouvelle École de Paris“, wie sie nach 1945 entstanden ist, sowie die Spuren davon in Österreich waren dabei grundlegende Aspekte der Überlegung. So liegt der Zeitraum, den diese Ausstellung umfasst, etwa zwischen 1950 und heute. Einige wenige Beispiele früheren Datums erweitern den historischen Rahmen exemplarisch.

Mit 1945 passiert ein massiver Bruch innerhalb der globalen Weltordnung. Der Zweite Weltkrieg, die nationalsozialistische Schreckensherrschaft, der ideologisch motivierte, industrielle Massenmord, der Atombombenabwurf in Japan, sowie die daraus resultierende Totalzerstörung – materiell, wie ideell – sind grundlegende Faktoren, die jede weitere Entwicklung global bestimmt haben. Die Künste beziehen sich bewusst und unbewusst auf diese Ereignisse. Das Erlebnis des Traumas angesichts der Totalzerstörung war zweifellos bestimmender als dies noch bis vor Kurzen angenommen bzw. innerhalb der Kunst entsprechend artikuliert wurde. Die „Postwar-Diskussion“ der letzten Jahre hat die Sichtweise 75 Jahre nach dem Kriegsende präzisiert und erweitert. Vieles, gerade innerhalb der Malerei, kann nicht mehr ausschließlich auf formale Ziele hin argumentiert werden – die Interpretation ist differenzierter geworden.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich gerade das Informel als internationaler Stil in dieser „Stunde Null“ als ideales Beispiel für die Diskussion um einen Neustart innerhalb der bildenden Kunst nach 1945 anbietet. Die Auflösung der Formen, die Verselbständigung der malerischen Mittel – Punkt, Linie, Fläche, gleichgesetzt mit Pinselstrich, Fleck und Materialtransformation – sind wesentliche Elemente, die aus diesem Kontext der Destruktion kommen. In der Verselbständigung des Pinselstriches, des Materials und der Performativität des Malaktes lassen sich jeweils Subgeschichten definieren bzw. entstehen in der Folge eigene Stilausprägungen – Materialmalerei, Objektkunst, Performance, Aktionismus.

In dieser Ausstellung wird die Metapher der Reise angewandt – „Tour de Force“. Auf diese Weise wird der Pinselstrich zum „Pars pro Toto“ der ästhetischen Elemente und zum Ausgangspunkt zahlreicher Entwicklungen. Ob er sich konventionell in dynamischer Geste auf die Leinwand werfen lässt oder überhaupt ganz ersetzt wird, ob er die Materialität wechselt und selbst zum Gegenstand der Darstellung wird oder er sich dreidimensional und damit im Zusammenhang mit dem Skulpturalen präsentiert, man kann ihn als Basis vielfach entdecken.

Hauptausstellung: Tour der Force. Bild: © Museum Liaunig

Hauptausstellung: Tour der Force. Bild: © Museum Liaunig

Hauptausstellung: Tour der Force. Bild: © Museum Liaunig

Hauptausstellung: Tour der Force. Bild: © Museum Liaunig

Der zentrale Ausgangspunkt ist naturgemäß das Informel. Die wesentlichen ProtagonistInnen der österreichischen Entwicklung sind dabei vertreten, ergänzt durch einige wesentliche internationale Highlights. Die Heterogenität dieser Kunstströmung wird bereits am Beginn der Ausstellung sichtbar. Somit wird sofort klar, dass es hier nicht um eine lineare Geschichtsauffassung gehen kann. Dass diese nicht aufschlussreich genug, immer nur fragmentarisch ist und von der jeweiligen – durchaus ideologisch abhängigen – Sichtweise geprägt ist, setzt sich langsam durch. Wir können nur punktuell in die Vergangenheit zurückblicken und Interpretationen anbieten. Eine verbindliche und objektive Sicht darauf mag mancherorts behauptet werden, bleibt aber immer ausschnitthaft und oft missverständlich.

Die beiden Abschnitte, links und rechts vom Zentralbereich der Ausstellung, versuchen exemplarisch den Weg des Pinselstrichs und die damit verbundenen Konsequenzen nachzuvollziehen. So wird der Pinselstrich unmittelbar nach seiner Befreiung im Informel rasch wieder zu darstellenden Zwecken eingesetzt. Expressiv, gestisch präsentieren sich Strömungen der abstrakten Malerei, ebenso wie solche der figuralen Malerei. Die ästhetischen Mittel werden zwar isoliert, bleiben bei allem Bedürfnis zur Darstellung aber als solche erhalten bzw. deutlich sichtbar. Das Bild ist in dem Moment Malerei – thematisiert die malerischen Mittel.

Auf der anderen Seite verfolgt die „Tour de Force“ den Weg des befreiten Pinselstrichs in Richtung Körper, Material und Dreidimensionalität, auch Medialität. Alles Malerische wegzulassen, es der Zerstörung anheimfallen zu lassen, die Malerei als bürgerlichen Wandschmuck zu beenden, ist der Wiener Aktionismus angetreten. Das Material konkreten Destruktionsmechanismen zu unterwerfen – Schnitte und Stiche in die Leinwand zu setzen, die Leinwand genauso wie die Ölfarbe zu ersetzen –  lässt die Materialmalerei entstehen. Die Spuren der Zerstörung werden an der Behandlung des Materials erprobt – Stiche, Schnitte, Brandspuren. Die internationale Künstlergruppe „ZERO“ bezieht sich explizit auf den „Nullpunkt“, der sich nach 1945 ergeben hat.

Im Plastischen verändert sich das Material gegenüber der Malerei naturgemäß. Damit wird auch klar, dass in diesem Fall der Pinselstrich selbst zum dargestellten Motiv transferiert wird. Im vierten Abschnitt kann man einige historische Referenzen – internationale wie österreichische – bestaunen, die im Kleinformat und in den grafischen Disziplinen vorhanden sind. Dem Publikum soll das alles sehr wohl als eine „Tour de Force“ vorkommen und einiges abverlangen. Man wird Auslassungen und Überraschungen genauso bemerken, wie man diskussionswürdige Inklusionen feststellen wird.

Mit Arbeiten von unter anderem: Herbert Boeckl, Herbert Brandl, Günter Brus, Friedrich Cerha, Tone Fink, Adolf Frohner, Maria Lassnig, Josef Mikl, Otto Mühl, Hermann Nitsch, Oswald Oberhuber, Arnulf Rainer, Max Weiler, Franz West, Heliane Wiesauer-Reiterer und Erwin Wurm.

Alte Freunde: Bruno Gironcoli. Bild: © Museum Liaunig

Alte Freunde: Bruno Gironcoli. Bild: © Museum Liaunig

Alte Freunde: Bruno Gironcoli. Bild: © Museum Liaunig

Gerhardt Moswitzer. © Robert Schad, Bild: Olaf Bergmann

Sonderausstellung – Alte Freunde: Bruno Gironcoli

Das Museum Liaunig widmet dem 2010 verstorbenen Künstler Bruno Gironcoli anlässlich seines 85. Geburtstages eine Ausstellung im Rahmen der Serie Alte Freunde“. Den seit 2016 in dieser Reihe vorgestellten Künstlerinnen und Künstlern ist Herbert Liaunig seit Jahrzehnten als Freund und Sammler zugetan. So finden sich oft ganze Werkkonvolute aus allen Schaffensphasen der meist singulären Positionen in der Sammlung, die die Grundlage dieser während der Saison wechselnden retrospektiven Personalen bilden.

Die von Peter Liaunig zusammengestellte Ausstellung gibt einen Einblick in die künstlerische Entwicklung des Bildhauers und seiner unverwechselbaren Formensprache, zeigt aber auch den Zeichner und Maler Bruno Gironcoli, der ein umfangreiches grafisches Werk hinterlassen hat. Der gelernte Gold-, Silber- und Kupferschmied studierte bei Eduard Bäumer und Eugen Meier an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Ein Paris-Aufenthalt 1960/61, bei dem sich Bruno Gironcoli intensiv mit dem Œu­v­re Alberto Giacomettis und dem Existenzialismus  in den Werken von Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett  auseinandersetzte, beeinflusste den Künstler nachhaltig.

Anhand einzelner zentraler Arbeiten aus unterschiedlichen Werkphasen lässt sich die Veränderung in Gironcolis Skulpturenbegriff in der Ausstellung nachvollziehen: Von der Umsetzung der menschlichen Figur in die Dreidimensionalität am Beispiel eines Polyester-Objektes aus dem Jahr 1965, über seine Installationen im Raum, Raumwinkel und Environments, für die er Alltagsgegenstände arrangiert, bis zu seinen dichten assemblageartigen, organisch-technoiden Skulpturen. Neben frühen Akt- und Portraitstudien aus der ersten Hälfte der 1960er-Jahre und  kleinformatigen Skizzen werden in der Schau auch Zeichnungen, in denen sich Motive aus seinen Skulpturen wiederholen, und großformatige malerische Gouachen präsentiert.

Skulpturendepot: Gerhardt Moswitzer. © Robert Schad, Bild: Olaf Bergmann

Skulpturendepot: Gerhardt Moswitzer. © Robert Schad, Bild: Olaf Bergmann

Skulpturendepot: Gerhardt Moswitzer. © Robert Schad, Bild: Olaf Bergmann

Skulpturendepot – Gerhardt Moswitzer

Im runden Skulpturendepot stehen Künstler Gerhardt Moswitzer und sein skulpturales Œu­v­re im Mittelpunkt. Von 1959 bis 1961 besuchte der gelernte Werkzeugmacher die Kunstgewerbeschule in Graz und schuf erste Arbeiten aus Holz und Stein, Holz-Eisen-Montagen sowie Schrott-Skulpturen. Seit 1963 bevorzugte Moswitzer die Materialien Stahl, Aluminium und Buntmetalle. 1970 vertrat der junge Künstler Österreich auf der Biennale di Venezia. Zahlreiche Ausstellungen, Preise sowie die Realisierung von Arbeiten im öffentlichen Raum sollten folgen. 1974 übersiedelte er nach Wien und arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 2013 in seinem „Refugium“, einem der Bildhauerateliers des Bundes am Rande des Praters.

In der von Peter Liaunig zusammengestellten Ausstellung sind Beispiele seiner wichtigsten  Werkgruppen vertreten: Frühe Arbeiten aus den Jahren, strukturierte Stäbe und Scheiben, Turbinen, Könige und „Minis“ aus den 1960er-Jahren, ein Schattenwürfel, Werke aus den Serien „Gläser“ sowie „Kreisel und Raum“ aus den 1970er-/1980er-Jahren und seine späten Rahmenkonstruktionen und Schachtelskulpturen. Neben seinem bildhauerischen Schaffen widmete sich Moswitzer seit den 1980er-Jahren der Komposition experimenteller Musik und der Arbeit am Computer. Es entstanden Tonbandaufzeichnungen, abstrakte Hörbilder, Fotografien, Videoarbeiten, Animationen sowie „digitale Skulpturen“.

www.museumliaunig.at

25. 4. 2021

Belvedere: Im Lichte Monets

Oktober 13, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Österreichische Künstler und das Werk

des großen Impressionisten

Claude Monet, Fischer an der Seine bei Poissy, 1882 Öl auf Leinwand Bild: © Belvedere, Wien

Claude Monet, Fischer an der Seine bei Poissy, 1882
Öl auf Leinwand
Bild: © Belvedere, Wien

Die Ausstellung „Im Lichte Monets“ zeigt ab 24. Oktober  in der Orangerie des Unteren Belvedere Ikonen des Impressionismus in einer europaweit einzigartigen Zusammenschau – und zugleich deren vielfältige Einflussnahme auf die heimische Kunst. Dank hochkarätiger Leihgaben aus aller Welt versammelt die Ausstellung Schlüsselwerke Claude Monets, die zum Teil noch nie in Österreich zu sehen waren. 18 Jahre nach der legendären Monet-Ausstellung des Jahres 1996 stellt das Belvedere den Meister impressionistischer Lichtmalerei erneut in den Mittelpunkt einer spektakulären Sonderschau. Der Fokus der Ausstellung liegt auf Monet als Inspirationsquelle für zeitgenössische Künstler, die sich an seiner Motivik und seiner Pinselführung orientierten. Ausgewählte Werke des Wegbereiters der Moderne treten in der Ausstellung in Dialog mit einer Reihe österreichischer Künstler, die, nachdem sie auf direkte oder indirekte Weise Werke Monets kennengelernt hatten, in ihren eigenen Arbeiten darauf Bezug nahmen.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Claude Monets Werke in Zeitschriften und Büchern abgebildet und waren in Wien in Ausstellungen des Künstlerhauses, der Secession und der legendären Galerie Miethke zu sehen. Als wohl spektakulärste Schau gilt die Großausstellung „Die Entwicklung des Impressionismus in Malerei und Plastik“ im Jahr 1903 in der Wiener Secession. In dieser Ausstellung erwarb die Moderne Galerie (das heutige Belvedere) Monets Gemälde Der Koch (Monsieur Paul) (1882), später kamen seine Fischer an der Seine bei Poissy (1882) und schließlich sein Hauptwerk Gartenweg in Giverny (1902) hinzu. Neben diesen drei Bildern aus der Sammlung des Belvedere werden etwa 30 Hauptwerke Claude Monets gezeigt, die zum Teil noch nie in Österreich zu sehen waren – darunter auch die weltberühmten Gemälde wie das Motiv der Kathedrale von Rouen, mehrere Versionen der Londoner Waterloo Bridge und die späten Seerosenbilder.

Gegenübergestellt werden Werke seiner österreichischen Zeitgenossen und Nachfolger – darunter Gustav Klimt, Herbert Boeckl, Heinrich Kühn, Carl Moll, Emil Jakob Schindler, Max Weiler und Olga Wisinger-Florian, die jene Spuren, die der Franzose in der österreichischen Landschaftsmalerei und Fotografie hinterlassen hat, nachvollziehbar und sichtbar machen. Monets Einfluss auf österreichische Maler und Fotografen begann unmittelbar mit den ersten Ausstellungen und erstreckte sich über viele Jahrzehnte. Dabei können die Auswirkungen von Monets Errungenschaften auf die österreichischen Künstler auf vielfältige Weise nachvollzogen werden: Einige sollten seine stilistische Handschrift übernehmen und sich beispielsweise seinen Pinselduktus zu eigen machen, andere ihr Interesse auf Motive und Themen lenken, die sie von Monets Bildern kannten, wieder andere ihre Bildkompositionen klar nach dem großen Vorbild ausrichten und wieder andere konzeptionelle Ansätze wie die Idee der Serie übernehmen. Vor allem der Gedanke der Serie wird in eindrucksvoller Weise nachvollziehbar sein: Den Höhepunkt der Ausstellung bilden mehrere Variationen von Monets Seerosen – ein Thema, das Monet fast 30 Jahre lang beschäftigte. Daneben werden fünf Versionen der Waterloo Bridge zu bewundern sein. Im Vergleich mit Max Weilers vier großformatigen Gemälden der Vier Wände und Herbert Boeckls Erzberg in fünffacher Ausführung wird deutlich, welch wichtige Inspirationsquelle Monet für andere Künstler war und auch heute noch ist. Monets bewusste Beschränkung auf das reine Sehen – Natureindrücke sind oft nur noch Ausgangspunkte für zunehmend freie formale Kompositionen –, seine Konzentration auf den reinen Farbwert und sein schwungvoller, impulsiver Pinselduktus waren wichtige Voraussetzungen für die Entstehung der abstrakten, gegenstandsfreien Kunst.

Auch das impressionistische Grundanliegen, den Gegenstand als Lichtereignis wahrzunehmen, wurde in der österreichischen Malerei verbreitet aufgenommen. Jüngere Künstler hatten nun kaum mehr Berührungsängste mit dem Impressionismus, und so ist die Bezugnahme ab der Jahrhundertwende ganz offen ersichtlich. Immer wieder war es dabei das Werk Claude Monets, das als Vorbild diente, so wie auch die pointillistischen Weiterentwicklungen des Impressionismus, die – in jeweils mehr oder weniger starken Ausprägungen – ihre Rezipienten in der österreichischen Malerei fanden.

www.belvedere.at

Wien, 13. 10. 2014

Österreichische Nationalbibliothek: An Meine Völker!

März 11, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Zeitdokumente im Prunksaal

Kinderzeichnung Bild: ONB

Kinderzeichnung
Bild: ONB

2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Die Österreichische Nationalbibliothek widmet sich diesem Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts in der analogen ebenso wie in der digitalen Welt. Unter dem Titel „An Meine Völker! Der Erste Weltkrieg 1914-1918“ wird im Prunksaal ab 13. März 2014 erstmals umfassend die berühmte Kriegssammlung der ehemaligen Hofbibliothek präsentiert, Univ.-Prof. Dr. Manfried Rauchensteiner, Historiker, Autor und langjähriger Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, kuratiert.

Schon unmittelbar nach Kriegsbeginn 1914 begann die Vorgängerin der Österreichischen Nationalbibliothek, die Hofbibliothek, Zeugnisse des Krieges zu sammeln. Bis 1918 wurden so mehr als 52.000 Plakate, Noten und literarische Texte, aber auch künstlerisch gestaltete Feldpostkarten, Kriegstagebücher und andere bemerkenswerte Dokumente archiviert. Später kamen noch 40.000 Fotodokumente dazu. Sie bezeugen auf eindrückliche Weise das millionenfache Sterben an der Front und das entbehrungsreiche Leben in der Heimat, auch wenn die Sammlung in den ersten Kriegsjahren von der k. & k. Propaganda gezielt benutzt wurde, um die Menschen auf den Krieg einzuschwören. Doch schließlich änderten sich die Themen, die die Leute bewegten. Hoffnung und der Wunsch nach Frieden drängten in den Vordergrund.

Analog und digital
Die Nationalbibliothek nähert sich dem Thema Erster Weltkrieg auch digital. Wichtige Teile dieser Kriegssammlung werden derzeit gemeinsam mit Objekten aus anderen Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek im Rahmen des internationalen Projekts „Europeana Collections 1914-1918“ digitalisiert. Es handelt sich um über 75.000 Objekte zum Ersten Weltkrieg, darunter 6.500 Plakate, 230 Kinder- und Jugendzeichnungen, 37.000 Fotografien der „Kriegspressequartier-Alben“, rund 40 Bücher aus der Sammlung für Plansprachen, 200 Soldatenlieder und 1.100 Flugblätter, die von Flugzeugen abgeworfen wurden. Diese Digitalisate bieten einen authentischen Einblick in die damalige Zeit und werden ab April 2014 gemeinsam mit den Digitalisaten von neun weiteren Nationalbibliotheken über das Portal der Europeana zur Verfügung stehen. Insgesamt können dann knapp 425.000 Zeitdokumente aus acht europäischen Ländern online verglichen werden, die bisher nur in den Lesesälen der jeweiligen Häuser zugänglich waren. „Europeana Collections“ versammelt damit Digitalisate aus jenen Ländern, die im Ersten Weltkrieg auf unterschiedlichen Seiten der Front standen: Österreich, Deutschland, Italien, Großbritannien und Frankreich.

Die Ausstellung „An meine Völker! Der Erste Weltkrieg 1914–1918“ ist im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek vom 13.3. bis 2.11. zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung ist im Amalthea Verlag erschienen.

www.onb.ac.at

Wien, 11. 3. 2014

mottingers-meinung.at in Der österreichische Journalist

März 7, 2014 in Aufschlageseite, Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

VON MARTIN LANGEDER

Journalisten Bloggen

Kultur-Potpourri von Theater bis Tanz

www.mottingers-meinung.at

MottingerM_99Ob die „Quartett“-Premiere im Theater in der Josefstadt, der neue Film „Das finstere Tal“ von Andreas Prohaska oder das Frühjahrsprogramm im Wiener Tanzquartier: Es ist ein reichhaltiges Kultur-Potpourri, das Michaela Mottinger in ihrem Blog „Mottingers Meinung“ serviert. Damit begonnen hat sie nach ihrem Abschied vom Kurier Anfang 2013: „Ich wollte frei schreiben, abseits der Zwänge großer Medien und ihrer starren Strukturen – und ich wollte nah an den Lesern sein.“

152.300  Leser klickten auf die Seite der Online-Kulturzeitschrift – inklusive der Einstiege über www.facebook.com/MottingersMeinung; es gibt zusätzlich die Zugriffe über https://twitter.com/@MottingerM sowie https://www.linkedin.com/pulse/activities/0_0zS-RxGcckfvw0hrFLrzT2?trk=hp-identity-wvmu. Dazu kommen Abonnenten, die alle Artikel automatisch zugeschickt bekommen. Nachschub an Rezensionen, Tipps sowie Schmankerln aus Kunst und Kultur gibt es reichlich. Sechs Stunden werkt Michaela Mottinger täglich an den ausführlichen Texten; die Zeit für Interviews, Premieren, Pressetermine nicht eingerechnet. Unterstützt wird sie von ihrem Mann Rudolf, der Buch- und Ausstellungsrezensionen beisteuert. „Besonders gefreut hat mich, dass – seit ich von der Zeitung weg bin – keine Kulturinstitution einen Unterschied in der Zusammenarbeit gemacht hat“, sagt Michaela Mottinger. „Wir sind für alle die Mottingers und stehen für uns selbst.“ Das nächste Ziel ist klar: Den Blog auf ein solides finanzielles Fundament stellen, Banner und Advertorials sollen dabei helfen: www.mottingers-meinung.at/werben/

www.journalist.at

Wien, 7. 3. 2014

Wien Museum: Österreichische Riviera

November 13, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Wien entdeckt das Meer

Grado-Aufenthalt einer Familie, 1912 Fotopostkarte Sammlung Peter König, Wien

Grado-Aufenthalt einer Familie, 1912
Fotopostkarte
Sammlung Peter König, Wien

Ab 14. November ist im Wien Museum die Ausstellung „Österreichische Riviera. Wien entdeckt das Meer“  zu sehen. Bereits in den vergangenen Jahren widmete sich das Wien Museum auch „Wiener“ Orten, die außerhalb des Stadtgebietes liegen: Der Neusiedlersee als das „Meer der Wiener“ war ebenso Thema einer Ausstellung wie das einst mondäne Strombad Kritzendorf. Nun geht die Reise weiter – via Südbahn an die Adria, wo im 19. Jahrhundert die „Österreichische Riviera“ touristisch „kolonisiert wurde. Sie erlebte ihre erste Blütezeit zwischen 1890 und 1914, also gerade einmal ein knappes Vierteljahrhundert lang. Zu ihren Zentren zählten Orte wie Abbazia, Triest und Grado, aber auch südliche Küstenstädte wie Split und Dubrovnik. Den unterschiedlichen Destinationen entsprachen auch verschiedene Konzepte von Tourismus: Während am Anfang ausschließlich Kuraufenthalte standen, entwickelte sich in der Folge familientauglicher Massenbetrieb oder Entdeckertourismus. Der Ausstellungparcours folgt dem Prinzip einer Rundreise, wobei jeweils dann bestimmte Regionen in den Blickpunkt rücken, wenn sie in der Entwicklung des Adriatourismus eine wichtige Rolle einnehmen. Gezeigt werden etwa 450 Objekte, darunter unveröffentlichte Fotografien aus Istrien und Dalmatien zur Jahrhundertwende, bisher nicht gezeigte Objekte aus den Sammlungen des Wien Museums, Einrichtungsgegenstände aus Hotels, zeitgenössische Fremdenverkehrswerbung sowie Kunstwerke, u. a. von Egon Schiele, Rudolf von Alt oder Albin Egger-Lienz. Zahlreiche Museen ausder Region (Triest, Rijeka, Split, Opatija, etc.) stellen Leihgaben zur Verfügung. So sehr historische Postkarten der „k. k. Riviera“ heute nostalgische Assoziationen hervorrufen, so ernst waren einst die Hintergründe für das Entstehen touristischer Infrastruktur: Denn die ersten Besucheraus Österreich waren kranke oder geschwächte Menschen, die sich von der Meeresluft und dem Salzwasser Heilung und Stärkung erwarteten. Neben den wenigen Reichen, die sich einen Kuraufenthalt leisten konnten, waren es vor allem tuberkulöse Kleinkinder, die bereits seit den 1870er Jahren an die Küste geschickt wurden (die Hospize waren meist abgeschottet vom Umfeld). Rund um die Kranken als primäres Zielpublikum entstand eine umfassende medizinische Infrastruktur, auch die Bezeichnung „Riviera“ dürfte im Zusammenhang mit dem Gesundheitstourismus entstanden sein: Metereologische Messungen hatten gezeigt, dass das Klima jenem der berühmten französischen Riviera ähnlich ist. Zu den geografischen Gemeinsamkeiten zählen eine felsige Küste und klimaregulierende Wälder, immergrüne Strauchvegetation und exotische Pflanzen wie Eukalyptus oder Mimosen.

Mit „österreichische Riviera“ wurde zunächst nur der Küstenabschnitt bei Abbazia/Opatija beworben, touristische Protagonisten wie das Schifffahrtsunternehmen Österreichischer Lloyd erweiterten den Begriff aus Marketinggründen. Um 1900 pries man damit bei der Weltausstellung in Paris bereits die gesamte Küste bis ins südliche Dubrovnik (Ragusa), die 1904 erstmals erscheinende „Österreichische
Riviera-Zeitung“ zählte auch die flachen Sandstrände im nördlichen Grado dazu. Die touristische Erschließung konzentrierte sich auf die Küstenorte, während das Hinterland ausschließlich Versorgerfunktion hatte. Österreichische Investoren brachten die Architekten der Hotels ebenso mit wie die Zahlkellner, auf den Speisekarten fanden sich österreichische Spezialitäten, die Kurkapellen spielten Walzermusik. „Kurkommissionen“ oder Verschönerungsvereine, die aus den Tourismuseinnahmen finanziert wurden, übernahmen oft Aufgaben, die üblicherweise von den Gemeinden bestritten wurden (Straßenreinigung, öffentliche Beleuchtung etc.), und sorgten so für die
relative Autonomie der Tourismuszentren. Abbazia ist ein Paradebeispiel für die gezielte touristische Erschließung von Wien aus. 1889 vom Kaiser zum ersten heilklimatischen Kurort an der k. & k. Küste erhoben, profitierte es – wie viele Orte in der Region – vom Bau der Südbahnstrecke nach Rijeka, die nahe Abbazia vorbeiführte. Wie schon am Semmering spielte die Südbahngesellschaft unter ihrem Direktor Friedrich Julius Schüler durch Investitionen im Ort eine wesentliche Rolle. Das noble Seebad mit seinen historistischen Hotels, den Promenaden und Parks lockte Mitglieder der Kaiserfamilie, Adelige aus ganz Europa und das Großbürgertum an. Daneben gab es auch unscheinbare kleinere Ortschaften, in denen einfache Pensionen mit hochtrabenden Namen um Gäste zu werben begannen. Es folgte eine weitere Ausdifferenzierung des touristischen Angebots: Während etwa Abbazia für seine Winter-Kuraufenthalte bekannt war, entwickelte sich Grado mit den flachen Sandstränden zum Familien-Badeort für den Sommer. Eine Sonderrolle kam der kleinen, einst wegen der Malaria „unbewohnbaren“ Insel Brioni zu. Sie wurde vom Industriellen Paul Kupelwieser erworben und zur Ferienkolonie für gehobenes Publikum ausgebaut, mit Hotels, submariner Wasserleitung, exotischen Pflanzen und Tieren (u. a. Affen, Antilopen und Flamingos) sowie einem reichen Freizeit– und Sportangebot (Tennis, Segeln etc.).
Je weiter man entlang der Küste in den Süden man kam, desto geringer wurden die österreichischen Einflüsse (abgesehen von den großen Städten wie Split/Spalato oder Dubrovnik/Ragusa). Damit änderte sich auch die Blickrichtung der Gäste. Man war auf Entdeckungen aus, suchte in Dalmatien nach antiken Sehenswürdigkeiten und byzantinischen Einflüssen, erfreute sich an der ungebändigten Natur und am „Exotischen“. Ein Reiseführer pries die „eigenartige Bevölkerung, in deren Adern griechisches, römisches, slawisches und osmanisches Blut fließt und die darum zu den interessantesten Völkern des Erdballs zählt“. Der akribischen Erforschung des Gebietes durch Ethnografen, Kunsthistoriker und Archäologen folgten interessierte Laien, allerdings kam es auch zu Irritationen. Beschwerden über das ungewohnte Essen, unkomfortable Quartiere oder die angeblich feindselige Bevölkerung standen auf der Tagesordnung. „Auf die Dauer hier zu bleiben, möchte keinem Menschen von all den Liebhabern dieses Landes einfallen, außer er wird gezwungen“, notierte Katharina von Bukowska von Stolzenburg, die Gattin eines Geologen, in ihr Tagebuch. Auch die zunehmenden politischen Spannungen konnten nicht ausgeblendet werden, so wurden Bürgermeister Karl Lueger und seine Delegation 1909 in Spalato/Split von Demonstranten ausgepfiffen, wofür der dortige Bürgermeister entschuldigend „auswärtige, fremde Elemente“ verantwortlich machte. „Das Verhältnis der Großstädter zur Küste und ihren Städten blieb insgesamt fragil, distanziert und widersprüchlich. Interessanterweise entwickelten sich die Beziehungen dort am
dauerhaftesten, wo sie am flüchtigsten und oberflächlichsten blieben – im Tourismus“, so Nadia Rapp-Wimberger und Christian Rapp, die die Ausstellung im Wien Museum kuratieren.
Bevor die Ära der „Österreichischen Riviera“ mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende ging, manifestierte sie sich noch in der großangelegten Adria-Ausstellung, die 1913 im Wiener Prater stattfand. In dem Themenpark war ein 40 Meter hoher Campanile ebenso nachgebaut wie die engen Gassen von Abbazia, ein künstlicher See sorgte für Meeresflair und in einem nachgebauten Riesendampfer konnte man speisen wie im Urlaub. Mehr als zwei Millionen Besucherinnen und Besucher kamen. Das Megaprojekt bildet das bemerkenswerte Schlusskapitel der äußerst facettenreichen Beziehung Wiens zum Süden und schließt den Ausstellungsrundgang ab. „In jüngster Zeit nahmen Spurensuche und neu tradiertes Wissen, aber auch die kulturgeschichtliche Erforschung der Region merkbar zu – in Österreich ebenso wie in Kroatien. Unsere Ausstellung steht also auf einer breiten und aktuelle Forschungsbasis“, so Direktor Wolfgang Kos. Dementsprechend breitgefächert seien die Fragestellung in Ausstellung und Katalog (Czernin Verlag). „Die Bedeutung der militär-politischen Aneignung und verkehrstechnischen Erschließung der oberen Adria wird ebenso thematisiert wie die entscheidende Rolle der Medizin bei der Propagierung von Kurorten wie Abbazia, die ästhetischen Blickverschiebungen ebenso wie die von Wien ausgegangene ethnografische Erkundung einer der ärmsten Regionen der Habsburger-Monarchie.“

Wien, 13. 11. 2013