Arash T. Riahi: Ein bisschen bleiben wir noch

Oktober 1, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus Kindersicht aufs Abschieben geschaut

Oskar und Lilli haben sich eine heile Fototapetenwelt gebastelt: Leopold Pallua und Rosa Zant. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wenn man den Mund lange genug offenlässt, können die Sorgen vielleicht aus einem rausfliegen“, hofft Oskar flüsternd und probiert es gleich einmal aus. Doch so einfach ist es nicht. Der Achtjährige und seine fünf Jahre ältere Schwester sitzen vor der Heile-Welt-Fototapete, die sie sich gebastelt haben. Elefanten, ein Rehkitz, Eichhörnchen

bevölkern das Fantasieland von Ortsa und Leila – die un/längst zu Oskar und Lilli geworden sind. Um weniger aufzufallen, nicht aus der Masse rauszufallen. Die Polizei wummert an die Tür, dringt in die mehr als bescheidene Bleibe ein, durchwühlt die wenigen Habseligkeiten. Sie wisse doch um den Ausweisungsbescheid, wird die Mutter zurechtgewiesen, und festgestellt, dass die Behörde Sohn und Tochter nun mitnehme. Zu „Schnitzeln“ und „an sauberem G’wand“ – und die verzweifelte Frau, Schauspielerin Ines Miro, läuft ins Bad, schließt sich ein, die Pulsadern, Blut fließt …

Regisseur Arash T. Riahi hat den Roman „Oskar und Lilli“ von Monika Helfer verfilmt. „Ein bisschen bleiben wir noch“ ist ab morgen in den Kinos zu sehen, und Riahis Zugang zum Thema, er selbst als achtjähriger Flüchtling in den 1980er-Jahren aus dem Iran in Europa angekommen, kein sozialrealistischer, sondern ein poetischer. Ihm gehe es um die Unschuld, die Unschuld der Kinder und die des menschlichen Glaubens an Gerechtigkeit, sagt Riahi, und „dass wir viele der Probleme unserer Zeit nicht durch bürokratische Ansätze sondern durch humanistische lösen werden können“. Lilli und Oskar, sie kennen keine andere „Heimat“ als Österreich.

Dass ihm die Kindersicht aufs Abschieben so glänzend gelingt, ist seinen Darstellern Rosa Zant als Lilli und Leopold Pallua als Oskar zu danken, die schlicht hinreißend spielen. Die kühle, abweisende Teenagerin und den fantasiebegabten, warmherzigen kleinen Bruder, die sich im Folgenden ihre je eigene Überlebensstrategie zurechtlegen. Wobei Riahi in kontrastreichen Aufnahmen zwischen Leinwandmagie, Albtraumsequenzen aus einem zerstörten Land und unverblümter österreichischer Härte zu wechseln weiß.

Die überforderten Öko-Pflegeeltern: Alexandra Maria Nutz und Markus Zett. Bild: © Filmladen Filmverleih

Manchmal verliert sogar Oskar die gute Laune: Leopold Pallua. Bild: © Filmladen Filmverleih

Frei fliegend im „Scherm“ – Lilli blüht im Prater auf: Rosa Zant. Bild: © Filmladen Filmverleih

Geborgen bei Oma Erika: Christine Ostermayer und Leopold Pallua. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die aus Tschetschenien geflohene Familie, der Vater vor Jahren in irgendeinem Grenzland verloren gegangen, wird einmal mehr auseinandergerissen. Die Mutter wird nach ihrem Selbstmordversuch in die Psychiatrie eingewiesen, Oskar und Lilli verschiedenen Pflegeeltern zugeteilt, damit sie sich, so die Logik von Jugendamtsmitarbeiterin Veronika Glatzner, nicht zusammen in ihrem Trauma einigeln können. „Ich werde dich finden, egal wo sie dich hinbringen“, ist Lillis letztes Versprechen. Dann entführt Riahi seine minderjährigen abgewiesenen Asylwerber in eine Gutmenschen-Farce.

Lilli landet bei Single Ruth, als die Simone Fuith herrlich aufgeklärt-aufgedreht agiert, sie wisse ja, die Tschetschenen essen viel Fleisch, plappert sie beim ersten Abendmahl und dass sie sich nicht als Ersatzmutter, sondern Lillis neue beste Freundin verstehe. Oskar wird zu einem von Alexandra Maria Nutz und Markus Zett lustvoll überzeichneten Lehrerehepaar verfrachtet, zwei Ökofundis und Vegetarier, die auf Oskars Kommentar zum fleischlosen Eintopf – „Ihr seid alle nicht normal!“ – mit Entsetzen reagieren und sofortige Integration einfordern. Doch mehr als alles Missverstehen schwebt über beiden Haushalten „das gute Gefühl, dass wir das machen“.

Da lacht sich Oma Erika – Christine Ostermayer, die ihre Rolle mit nahezu erschreckend realitätsnaher Hingabe verkörpert – fast kaputt. Mit deren Parkinsonerkrankung die Lehrer ebenso überfordert und ergo hysterisch sind wie mit ihren Moralvorstellungen, und Söhnchen Simon (Filmemachers Neffe Simon Fraberger-Riahi), und es wird Oskar sein, der sich, zunächst als eine Art „Heimhilfe/Babysitter“ zweckentfremdet, um das Schicksal auch dieser Familie annehmen wird. In seinem maßlosen Optimismus, die Existenz und das Verhalten der Menschen um sich zu verändern, zu verbessern, und so sein eigenes, um einiges dramatischeres Leben zu meistern.

Das macht Leopold Pallua in doppeltem Sinne zum Herz des Films, sein Oskar, der Künstler und Erfinder, dessen Neugier und Neunmalklugheit, dessen trockener Humor und Leichtigkeit Situationen zu meistern, den Grundtenor der Traurigkeit erst erträglich machen. Ihm schenkt Riahi all die lyrischen Momente, allein wie er Großmutters Wunderkammer-Schlafzimmer entdeckt, alldieweil Lilli sich an der Wirklichkeit reiben muss. Ruths zwielichtigem Lover Georg, Rainer Wöss, zum Beispiel. Von dem man lange glaubt, dass er Lilli an die Wäsche, während er sie nur so rasch wie möglich wieder loswerden will.

Tschetschenische Albträume: Rosa Zant, Leopold Pallua und Ines Miro als Mutter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die einzige Schulfreundin bleibt Betti, Anna Fenderl, Tochter von Studio 2-Moderatorin Birgit Fenderl, mit einer weiteren Probe ihres Talents, Problemfamilienmitglied Betti also, Raucherin und Wodkatrinkerin, die Lilli das Taschengeld abluchst, damit sich ihre Mutter die Drogensucht nicht auf dem Straßenstrich finanziert. Wenig wirft hier ein gutes Licht auf den sogenannten Westen und seine Werte. Und irgendwie mystisch und zauberhaft spiegelt

die schon hinüber entschwindende Großmutter, deren Geschichte ein großes Rätsel bleibt, das Gestern ins Jetzt. Mit welch Szenen Arash T. Riahi sein Anliegen illustriert: Lilli, die sich noch einmal in die alte Wohnung schleicht, um das Blut der Mutter wegzuwaschen. Lilli an ihrem Zufluchtsort des Glücks, frei fliegend im Prater-„Scherm“. Oskar, der die gefrustete Bio-Lehrerin im Supermarkt beim Wurstfressen ertappt. Oskar, der sich darin übt, ein „gefährliches Kind“ zu sein, um eine Adoption zu verhindern.

Die Mutter im Krankenhausgarten, die vorgibt ihre Kinder nicht zu erkennen, und wie der Zuschauer merkt, es ist ihr Schwindel für deren bessere Zukunft. Die persönlich liebste, als Oskar der Lehrerin eine Leberkässemmel unter die Matratze schiebt, damit der Lehrer glaubt, sie furzt – und Klein-Simon die Semmel hervorholt und isst. Mehr Rebellion, mehr Widerstand geht nicht. Und schließlich ein Seifenblasentanz mit Mutter, Lilli und Großmutter Erika – Momente wie dieser in Filmen stets ein Zeichen für den Tod.

„Ein bisschen bleiben wir noch“ ist an keiner Stelle ein kitschiges Betroffenheitsdrama, der Film ist ein zutiefst menschliches Werk, das seine jugendlichen Hauptfiguren nie zu wandelnden Klischees verkommen lässt. Leopold Pallua, Rosa Zant und Anna Fenderl spielen sich mit einer rauen Emotion durch den kaum entrinnbaren, aber dennoch mit Hoffnungsschimmern erfüllten Mikrokosmos ihrer Figuren, dass es eine Freude ist. Aufwühlend und beglückend, die unter der Oberfläche schwelende Tragik niemals beschönigend, endet der Film mit einem Schlussbild, das in seiner Ambiguität jedem selbst zu deuten überlassen ist. Real, surreal, sch*egal, um den alten Sponti-Spruch abzuändern. Bei Oskar wird: Das be*scheidenste Leben ein schöner Traum.

www.einbisschenbleibenwirnoch.at           Trailer: vimeo.com/396736862           www.youtube.com/watch?v=_1o5thmI3ik           Behind the Scenes-Clip mit Arash T. Riahi über die Besetzung seines Baby-Neffen Simon – Sehenswert!: www.facebook.com/OskarAndLilli/videos/1296956990643097/

  1. 10. 2020

Otto Schenk in „Liebe möglicherweise“

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die vielfältigen Verirrungen des Herzens

Otto Schenk. Bild: © WEGA-Film

Otto Schenk mit Norman Hacker. Bild: © WEGA-Film

Eine Handvoll Großstadtgesichter beobachtet Regisseur Michael Kreihsl in seinem jüngsten Film, der am 2. Dezember in den heimischen Kinos anläuft. Das Ensemble ist erlesen, reicht von Otto Schenk und Gerti Drassl bis Christine Ostermayer und Devid Striesow, ihre Geschichten greifen ineinander, erzählen vom Wollen und Nichtkönnen oder längst Aufgegeben haben.

„Liebe möglicherweise“, man weiß es nicht, und bevor man sich eine Antwort zurecht zimmern kann, kommt Kreihsl zu einem Ende. Das ist weder happy noch besonders unhappy. Es ist einfach. So wie das Leben. Stolpern, aufstehen, wieder stolpern, behutsamer aufstehen. Behutsam ist auch die Art, in der Kreihsl seine Protagonisten porträtiert, wie auf Zehenspitzen folgt er ihren Geschichten. Ein zarter, stiller, anrührender Film ist so entstanden, in Episoden erzählt er vom Bedürfnis des Menschen nach Nähe, von der Sehnsucht nach einem Sich-Fallenlassen-Können, von Liebe, die immer auch Selbst-/Verletzung ist – und dies alles durch alle Altersstufen.

Es beginnt mit Devid Striesow als Michael, der sich in die Freundin seines Freundes Roland, gespielt von Norman Hacker, verliebt. Sie beginnen eine Affäre, bei der sie es schafft, sich auf das Körperliche zu konzentrieren. Die Distanz, unter der der Mann hier leidet, macht andernorts seiner Ehefrau zu schaffen. Silke Bodenbender spielt diese Monika, eine Ärztin, auf deren Operationstisch ein Bub landet, der vor ein Auto gelaufen ist. Dessen verzweifelte Mutter im Wartesaal, Gerti Drassl wie immer ganz großartig, wird von einem Fremden getröstet – und man wird noch erfahren, warum der sich so um sie annimmt. Indes sieht man Michael, der seine alte Tante in einer geriatrischen Einrichtung besucht, nichts wünscht sich die mehr, als bei ihrer Familie sein zu können, doch der Wunsch wird ihr als „zu umständlich“ verwehrt. Rolands Vater wiederum lebt noch in seiner Wohnung. Das heißt, seit dem Tod seiner Frau versucht er immer wieder erfolglos, sich das Leben zu nehmen, bis …

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Es sind Christine Ostermayer und Otto Schenk, die in diesen Rollen am meisten unter die Haut gehen. Als eine Generation, die der nächsten abverlangt, woran sie selber gescheitert ist. Kreihls berichtet schonungslos authentisch vom Analphabetismus der Gefühle. Wie ein Wissenschaftler die Petrischale umkreist Kreihsl sein Thema. Sein in großer Wahrhaftigkeit verfasstes Drehbuch und die unverstellte Darstellung seines Ensembles lassen dem Zuschauer Raum sich den Figuren zu nähern und sich in dem einen oder anderen vielleicht sogar selbst zu finden. Ein durchaus schmerzhafter Prozess, der durchaus sehr gewollt erscheint. Aufs Glück warten, ist wie auf den Tod warten, sagt eine der Figuren. Daraus sollte man Schlüsse ziehen. Um sich daran hochzuziehen, wenn’s irgendwann heißt: Liebe möglicherweise?

liebemoeglicherweise.at

Wien, 29. 11. 2016

Thomas Drozda folgt auf Josef Ostermayer

Mai 17, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik

VON RUDOLF MOTTINGER

Von den Vereinigten Bühnen Wien ins Kanzleramt

Thomas Drozda. Bild: VBW

Thomas Drozda. Bild: VBW

Im Regierungsteam des designierten neuen Bundeskanzlers und SPÖ-Parteichefs Christian Kern wird es nach aktuellen Medienberichten vier Ministerwechsel geben. Einer davon trifft wie vermutet das Amt von Kunst- und Kulturminister Josef Ostermayer (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19791), ihm soll Thomas Drozda ins Kanzleramtsministerium nachfolgen.

Drozda ist seit 2008 Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien, davor war er als Geschäftsführer bei der Burgtheater GesmbH tätig. Außerdem ist der gebürtige Oberösterreicher Mitglied im Aufsichtsrat der Theater Service GmbH und im Stiftungsrat des Österreichischen Rundfunks.

Polit-Erfahrung sammelte er als wirtschaftspolitischer Berater im Kabinett Vranitzky, in dem er für die Bereiche Budget, Finanzen, Soziales, Jugend und Familie und später auch für Kunst und Kultur verantwortlich war. Später arbeitete er auch als Wirtschafts- und kulturpolitischer Berater von Viktor Klima.

www.wien.gv.at/wiki/index.php/Thomas_Drozda

Wien, 17. 5. 2016

Petition für Josef Ostermayer

Mai 12, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Künstler fürchten um Verbleib ihres Ministers

Kanzleramts- und Kulturminister Josef Ostermayer. Bild: mottingers-meinung.at

Kanzleramts- und Kulturminister Josef Ostermayer. Bild: mottingers-meinung.at

Wo Josef Ostermayer, da Petitionen. Es gab bereits eine für die Rettung der Sammlung Alter Musikinstrumente, eine für die Rettung des Radiokulturhauses, nun, neu, gibt es eine für die Rettung von Ostermayer selbst. Denn einige von Österreichs Künstlerinnen und Künstlern fürchten, dass sie im Zuge des Rücktritts von Bundeskanzler Werner Faymann auch ihres Kultur- (und gleichzeitig) Kanzleramtsministers verlustig gehen könnten. Denn Faymanns enger Vertrauter hat seine immer an dessen Zukunft geknüpft. Eine vom IG-Autorinnen-Autoren-Geschäftsführer Gerhard Ruiss ausgehende Initiative hat nun folgende Petition verfasst:

Für die Fortsetzung der Arbeit von Josef Ostermayer

„Josef Ostermayer ist seit Ende 2013 Minister für Kunst und Kultur. Er war in seiner neuen Funktion präsent vom ersten Tag seiner Amtsausübung an. Sein Arbeitspensum und die Ergebnisse seiner Arbeit haben in der mit zweieinhalb Jahren noch kurzen Amtszeit zu großer Anerkennung unter den Kunst- und Kulturschaffenden und im Kunst- und Kulturbetrieb geführt. Durch den Rücktritt des Österreichischen Bundeskanzlers könnte nun auch das Ende seiner Tage als Kunst- und Kulturminister gekommen sein. Nicht wegen Erfolglosigkeit, wegen Neuzusammenstellung des Regierungsteams. Ein Kunst- und Kulturminister, der das Vertrauen der Kunst- und Kulturschaffenden und des Kunst- und Kulturbetriebs besitzt, sollte jedoch nicht in Frage stehen. Für die Kunst- und Kulturschaffenden und den Kunst- und Kulturbetrieb wäre die Ablöse von Josef Ostermayer ein schwerer Schlag und ein für den Rest der Legislaturperiode unersetzlicher Verlust. Josef Ostermayer zeichnet sich nicht nur durch seine Kompetenz und ressort- und fraktionsübergreifende Arbeitsweise aus, er ist auch ein ständiger und aufmerksamer Gesprächspartner der Kunst- und Kulturschaffenden. Ihm ist das Kunststück gelungen, trotz der immer knapper werdenden öffentlichen Mittel, ständig steigendem Finanzbedarf und zunehmenden Verteilungsauseinandersetzungen für dauerhaft stabile Verhältnisse und zahlreiche positive Weiterentwicklungen im Kunst- und Kulturbereich zu sorgen. Wir erwarten daher, dass das Amt des Kunst- und Kulturministers nicht zur Disposition gestellt wird, sondern Josef Ostermayer seine Arbeit als Kunst- und Kulturminister bis zum Ende der Legislaturperiode fortsetzen kann.“

Nach „einer Schrecksekunde“ und der Rückversicherung, dass Josef Ostermayer im Amt bleiben möchte, habe man sich zu diesem Schritt entschlossen, heißt es in einem offenen Brief. Autor Michael Köhlmeier, Burgschauspieler Peter Simonischek, Regisseur Robert Dornhelm, Staatsopernchef Dominique Meyer, Bundestheater Holding-Chef Christian Kircher und der designierte Intendant der Wiener Festwochen, Tomas Zierhofer-Kin, sollen laut Medienberichten bereits unterschrieben haben.

www.literaturhaus.at/index.php?id=6541&L=0%252F%252F

Wien, 12. 5. 2016

Strategien für das „Haus der Geschichte“ vorgestellt

September 9, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Natürlich ein eigener Direktor

14982919088_4560db5114_b„Wir haben im gemeinsamen Dialog eine Lösung gefunden“, sagte Kanzleramtsminister Josef Ostermayer Mittwoch Vormittag bei der Präsentation seiner Pläne für das neue Haus der Geschichte. Die sind: Das Museum soll im ersten Obergeschoß der Neuen Burg errichtet werden und eine Publikumsfläche von 3.000 Quadratmeter umfassen. Es soll ein Kompetenzzentrum sein, in dem die Besucherinnen und Besucher der Geschichte Österreichs auf die Spur kommen können – über Sonderausstellungen, Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und interaktive Vermittlungsformate.  „Konsensual“ sei die Umsetzungsstrategie des Internationalen Beirates unter Vorsitz des Zeithistorikers Oliver Rathkolb; der Ausdruck ist Ostermayer deshalb wichtig, weil die Platzfrage im Vorfeld heftig diskutiert wurde. Das Kunsthistorische Museum hatte Bedenken, ob in der Neuen Burg genug Raum für alle und alles sei (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=13345). Nun ist klar, dass dessen Sammlung Alter Musikinstrumente von 1.900 auf 1.600 Quadratmeter reduziert und künftig zum Teil im ersten Obergeschoß, zum Teil im Mezzanin gezeigt werden wird.

Das Haus der Geschichte soll einerseits organisatorisch an die Österreichische Nationalbibliothek andocken, es sollen so „Synergien genutzt werden“. Andererseits soll es aber natürlich einen eigenständigen Direktor, ein eigenes Budget, einen eigenen wissenschaftlichen Beirat und auch einen Publikumsbeirat haben. Der inhaltliche Hauptschwerpunkt des Hauses werde der Zeitraum 1918 bis jetzt sein, jedoch ausgehend von 1848. Ostermayer: „Mit dem Haus der Geschichte in der Neuen Burg, dem Bekenntnis, die Neue Burg und den Standort Heldenplatz neu zu denken, setzen wir ein starkes Signal. Ich bin davon überzeugt, dass es eine wichtige Aufgabe unserer Generation ist, einem möglichst breiten Publikum eine Auseinandersetzung mit der Geschichte Österreichs im europäischen und internationalen Kontext zu ermöglichen.“ Verwiesen wurde auch darauf, dass bereits bei den Eingangsbereichen klar erkennbar sein soll, worum es in den verschiedenen Ausstellungsbereichen der Neuen Burg – Haus der Geschichte, das neue Weltmuseum Wien, die neu präsentierte Sammlung Alter Musikinstrumente, das Ephesos- und das Papyrusmuseum, die Hofjagd- und Rüstkammer und die Österreichische Nationalbibliothek – geht.

Zu den Kosten gibt es keine Angaben, Schätzungen würden erst angestellt. Für alles Weitere werde es einen Architektenwettbewerb geben, bei dem darauf geachtet werden soll, „dass es innovative Vorschläge geben wird“. Am 12. Oktober werden vierzehn Museumsexperten in einer Enquete über den Sinn des geplanten Museums Haus der Geschichte – „Es wird ein Ort der Vernunft, der Reflexion und des Blicks in die Zukunft sein.“ – diskutieren. Als nächster Schritt aber, so Ostermayer, werde eine Änderung des Bundesmuseengesetzes vorbereitet. „Ziel ist, dass wir im November 2018 fertig werden. Dieses Ziel ist extrem ambitioniert.“

Ostermayers Pläne erwecken das Missfallen von FPÖ und NEOS. Beide Parteien orten mit diesem Konzept vergebene Chancen.

www.weltmuseumwien.at

Wien, 9. 9. 2015