Academy Awards: Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

April 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Trinkerdrama ist nominiert für zwei Oscars

Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Der prominenteste Name auf der Liste der Anwärter für den Academy Award in der Kategorie Bester internationaler Film 2021 ist wohl der dänische Regisseur und Autor Thomas Vinterberg. Dem österreichischen Publikum sowohl vom Burgtheater (Rezension „Die Kommune“: www.mottingers-meinung.at/?p=1330) als auch vom Theater in der Josefstadt bekannt, wo er sich an dessen Kammerspielen schon einmal

dem Thema Alkohol widmete (Rezension „Suff“: www.mottingers-meinung.at/?p=28211), ist Vinterberg außerdem mit einer Nominierung in der Kategorie Beste Regie bedacht. Unter den Mitbewerbern um den Auslands-Oscar: die österreichische Koproduktion „Qua vadis, Aida?“ von Jasmila Žbanić (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45395). „Der Rausch“ kommt voraussichtlich am 23. April in die heimischen Kinos.

Ein berauschender Blick auf Männer in der Midlifecrisis

Als der norwegische Psychiater und Philosoph Finn Skårderud vor etwa zwanzig Jahren die gewagte These aufstellte, dass Menschen mit einem um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholwert geboren werden, weshalb ihnen ewiges Glück und Zufriedenheit versagt sind, gingen die Wogen der Empörung höher als jede Schampus-Pyramide – und verebbten, weil Skårderud, der seine Theorie aus den bedeutenden Leistungen bekannter Trinker aus Kunst und Politik sog, nie zum Selbstversuch antrat.

Das Experiment holen nun in Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Druk“, deutsch: „Der Rausch“, vier dänische Gymnasiumpädagogen nach. Frank und frei nach dem Thomas-Stipsits-Manuel-Rubey-Song „Für Alkohol gibt es immer einen Grund“. Vinterbergs provokanter Film hat überall dort, wo er im letzten Jahr laufen konnte, Zuschauerrekorde gebrochen und praktisch jeden Preis gewonnen, für den er nominiert war. Dabei begann die Arbeit am 12. Spielfilm des Dogma-95-Mitbegründers mit einer persönlichen Katastrophe:

Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida sollte in „Druk“ als Mads Mikkelsens Schülerin ihr Filmdebüt geben, Drehort ihre Schule, Freunde von ihr wurden als Schüler gecastet, da kam sie auf der belgischen Autobahn bei einem Verkehrsunfall ums Leben, der andere Fahrer durch sein Mobiltelefon abgelenkt. Co-Drehbuchautor Tobias Lind- holm und Hauptdarsteller Mikkelsen brachten den trauernden Vater zum Weitermachen, das Ergebnis: weder eine Ode an den Alkoholkonsum noch ein Problemfilm über die Folgen desselben, sondern Vinterberg vom Feinsten.

Heißt: der schon mehrmals angetretene und hier einmal mehr gelungene Beweis, dass man hochkomplexe gesellschaftliche, „moralische“ Zusammenhänge um den Faktor Mensch ergänzen und somit jedwede emotionale Demarkationslinie einreißen kann. Da steht also Mads Mikkelsen als Martin vor seiner Klasse und reißt die Schüler mit seiner Art den Stoff vorzutragen von den Stühlen. Eben noch war er ein Burnout-geplagter Langweiler, der sich von der Elternversammlung vorwerfen lassen musste, im Unterricht gleichgültig und interesselos zu sein, ein geistig abwesender, lethargischer Mittfünfziger, dessen Frau mit ihrem Job und die Söhne mit den Smartphones beschäftigt sind – und jetzt sprüht er vor Esprit.

Eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier mit den Freunden und um nichts weniger desillusionierten Kollegen Tommy, Thomas Bo Larsen als Sportlehrer, Nikolaj, Magnus Millang als Musikprof, und Peter, Lars Ranthe als der für Psychologe, alle drei hervorragend in ihrer wirkmächtig zurückhaltenden Performance, bewirkte den Umschwung. Einer erzählt von Skårderud, und als treue Diener des Dionysos begibt man sich auf dessen Spuren, streng wissenschaftlich, versteht sich, mit Versuchsprotokoll und Dokumentation und nichtsdestotrotz absurden Regeln.

Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Ein Mann in der Midlifecrisis und das Meer: Thomas Bo Larsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Als trinkfester Psychologie-Professor Peter: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Thomas Bo Larsen, Mads Mikkelsen, Lars Ranthe und Magnus Millang. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Die vier wollen zukünftig während der Schulstunden konsequent bei 0,5 Promille stehen – und Erkenntnisse über verbalmotorischen Auswirkungen in einem Studienpapier darlegen. Schon in der Eingangsszene sieht man die Maturantinnen und Maturanten beim Post-Prüfungsstress-Sport: einmal um den See laufen, dabei einen Kasten Bier trinken, kotzen. Vinterberg kann sich diesbezüglich Bemerkungen sparen, er braucht keine Kritik an der Gesellschaftsdroge zu üben, er muss nur die Kamera aufs Kulturgut Alkohol halten.

Fast wie eine Persiflage mutet’s dennoch an, wenn der Sommelier im Nobelrestaurant Glas um Glas kredenzt, vom Frischgezapften zum Champagner, Martin da noch beim Soda, schließlich zum Kaviar einen exquisiten Wodka mit samtenen Worten beschreibt, dass der Zar seine Freud‘ dran hätte. Der Kulinarik-Trendsetter liebste Götzen Haute Cuisine und Château irgendwas hochpreisig vereint, im Königreich der Gourmets sind punkto Brombeeren am Gaumen und Butter im Abgang der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

„Das Leben ist schön“, soll der Lehrer neues Motto werden. Man wünscht sich mehr Selbstbewusstsein, mehr „Spirit“, die vom Alltagsstress erschlagenen, von der Midlifecrisis gebeutelten Männer, Nicolaj mit den vielen Kindern, der geschiedene Tommy, der seinen todkranken Hund fürs Gassi nach draußen trägt – und schon sieht man Martin auf dem Schul-Klo beim Stoli-Kippen; Peter hat’s Hochprozentige sogar in der Thermoskanne bei sich; der Schulwart findet im Turnkammerl halbleere Flaschen; die Schuldirektorin verdächtigt selbstverständlich die ihr anvertrauten Teenager.

Und siehe: Des Quartetts Verschwörung gegen die Vernunft, ihr Feuerzangenbowle-Streich gibt Anlass zur Euphorie. Nie war Lehren befriedigender, der eheliche Sex schon lange nicht mehr heißer. Ausgelassen wie die Kinder lässt Vinterberg seine Protagonisten sich austoben, ihre soziale Kompetenz hat sich gesteigert, Tommy macht den verspotteten Brillenträger „Specs“, Max Kaysen Høyrup, zum Goleador.

Dazu eine Videomontage: Boris Jelzin, Boris Johnson, Jean-Claude Juncker, der Donald Tusk und Viktor Orbán in eine Umarmung zwingt, Jelzin tanzend und eine Abgeordnete zwickend, Sarkozy bei einer Pressekonferenz, Jelzin und Bill Clinton, alle, alle volltrunken. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Zweiteren! Somit siegt Adolf Hitler gegen Winston Churchill – die Zynismusfalle ist zugeschnappt.

Wie jeder gute Drogenfilm will „Druk“ die Zuschauerin, den Zuschauer erst einmal verführen, im Wortsinn berauschen – und das gelingt zum einen hervorragend, weil die vier Charaktere trotz ihrer Ambivalenz so sympathische Jedermänner sind, zum anderen, weil Kameramann Sturla Brandth Grøvlen zum dräuenden Absturz immer wieder sonnendurchflutet-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder einfängt, etwa den Bierkastenlauf der Oberstufler um einen malerischen See. Das Trinken darf in „Druk“ beides sein, nobler Genuss und schäbiger Kontrollverlust, elegante Geste und erbärmliches Schauspiel.

Thomas Bo Larsen mit Max Kaysen Høyrup. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Martin sprüht im Unterricht vor Esprit: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Beim Dreh: Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Peter lässt die Maturantinnen tanzen: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Denn der Absturz kommt. Der Alkohol lässt es nie bei dem einen Gläschen bleiben. Beim Pantschen von Supercocktails aus allem, was sich in Peters Hausbar findet, sind die vier zwar überzeugt: „Wir sind keine Alkoholiker!“ Nach einer Tanzeinlage à la Boy Group, überhaupt lässt Vinterberg Mads Mikkelsen seine acht Jahre als Profitänzer oft und gern zur Schau stellen, einem „We need to get higher! – 1.2 – 1.5 – 1.8 ‰, stilistisch amüsant werden Uhrzeit und Promille-Pegel eingeblendet – und einem desaströsen Supermarkteinkauf, findet sich Peter nackt hinterm Klavier im Stammlokal wieder. Martin wird vor der Haustür liegend von den Nachbarn aufgegabelt. Peinlich. Auch das blaue Auge.

Die Saufgelage von Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Symptom einer existenziellen Malaise Europas. Laut WHO trinkt kein anderer Kontinent mehr Alkohol, die ÖsterreicherInnen beispielsweise aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit auf Platz 13. Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit.

Sturla Brandth Grøvlen vermag mit der Ruhelosigkeit der Handkamera, durchs Verschwimmen von Tönen und dem Verlust der Bildschärfe Zeichen der Instabilität zu schaffen. Schnapsleichen in Zeitlupe, heimkommen und nicht mehr ins Bett finden, streitende Frauen als Spielverderberinnen, bellende Hunde, weinende Kinder. Aggressionen und eine Schuldirektorin, der dämmert, wer an ihrer Anstalt tatsächlich dem Alkohol zuspricht. Tommy im Lehrerzimmer nicht mehr Herr seiner Sinne, Martin, dem dies die Augen übers Ausmaß der Probleme seines Freundes öffnet. Peter, der die Prüfungsangst seines Schutzbefohlenen Sebastian, Albert Rudbeck Lindhardt, mittels Flachmanns kurieren will. Ein Suizid.

Dass keiner die Fahne riecht! Dass Wodka nicht wahrzunehmen ist, ist ein Gerücht! Ein Fazit? Im höchsten Fall das kontroverse, dass Alkohol nur ein Brandbeschleuniger für schwelende Konflikte und ungelöste Krisen ist. „Druk“ ist weder ein Bacchusgesang noch eine Verteufelung des Genussmittels Alkohol, sondern eine komplexe Abhandlung darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme der Gesellschaft widerspiegelt. Dies könnte einen mit dem Appell an eine „gesunde“ Einstellung zu Wein, Bier und Co. in die Realität entlassen.

Doch Vinterberg setzt mit einer fulminant furiosen Finalszene noch eins drauf. Wieder ist Sommer, wieder ziehen erfolgreiche Maturantinnen und Maturanten ans Wasser, wieder gibt es ein Besäufnis, die Lehrer mittendrin und Martin, Mads Mikkelsen so brillant wie lange nicht mehr, beim ekstatischen Tanz im Champagner-Regen. Was hat sich geändert? Einer weniger ist anwesend. Was hat sich geändert? Nichts.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BQyIaFreaQA&t=2s            www.weltkino.de/filme/der-rausch           www.facebook.com/DerRausch.DerFilm

9. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Ma Rainey’s Black Bottom

April 3, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Afroamerika-Drama ist nominiert für fünf Oscars

Ein Star im Rampenlicht: Viola Davis als Ma Rainey. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Zu den unzähligen Auszeichnungen – 57 Preise und 198 Nominierungen, die das Blues-Drama „Ma Rainey’s Black Bottom“ mit Viola Davis in der Titel- und „Black Panther“ Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle bereits erhielt, könnten sich am 25. April auch einige Academy Awards 2021 gesellen. Die Netflix-Produktion ist in den Oscar-Kategorien Bester Hauptdarsteller für Chadwick Boseman, Beste Haupt- darstellerin für Viola Davis,

Karen O’Hara und Team für das Beste Szenenbild, Ann Roth für das Beste Kostümdesign sowie Sergio Lopez-Rivera und Team für Bestes Make-up und beste Frisuren nominiert. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen Dezember:

Viola Davis und Chadwick Boseman haben den Blues

Macht ist eine eisgekühlte Coca-Cola, und die „Mutter des Blues“ wird keinen einzigen ihrer urgewaltigen Töne singen, wenn ihr nicht sofort eine Flasche des süßen Softdrinks beschafft wird. Da bleibt sie hart, das meint sie bitterernst. Die Weißen, Manager Irvin und der Studioboss Mel Sturdyvant, können froh sein, dass sie nach beträchtlicher Verspätung überhaupt erschienen ist!

Noch führt sie das Zepter. „All they want is my voice“, weiß sie. Nach der Aufzeichnung, wenn ihre Songs Sturdyvant gehören, ist ihre Herrschaft vorbei. Dann ist selbst Ma Rainey keine glänzende Königin mehr, sondern bloß eine schwitzende Frau in den Wechseljahren. Eine schwarze Frau. Also quasi ein Nichts. Oder wie Ma sagt, „eine Hure, über die sich die Herren drübergerollt haben.“

Schon die erste Szene des Films lässt einem den Atem stocken. Peach State Georgia in den späten 1920er-Jahren: Zwei junge Schwarze hetzen nachts durch einen dunklen Wald, Taschenlampen leuchten, Hunde bellen, ein Lynchmob, der „entlaufenen“ auf den Fersen ist? – nein, gottlob, die beiden wollten nur rechtzeitig zu einer von Ma’s Tent Shows kommen. Dann die Southside von Chicago. Schwarze sind hier im Norden Shoe Shine Boys und Zimmermädchen, die Segregation hat die USA fest im Griff. Und dann ist da der Star: Ma Rainey begeistert das afroamerikanische wie das weiße Publikum.

Zusammen mit ihrer Band will sie eine neue Best-of-Platte aufnehmen, doch schon vor Beginn der Session kommt es zu Spannungen. Nicht nur zwischen Ma, Irvin und Sturdyvant. Sondern auch mit Bandmitglied Levee, einem hochtalentierten, temperamentvollen jungen Mann, der sich mit seinen eigenen Jazzkompositionen einen Namen machen und, da er den sich allmählich ändernden Musikgeschmack wahrnimmt, Ma’s Songs seinen Rhythmus aufzwingen will. Die Battle heißt Kornett vs. Timbre, und das Publikum muss nicht schockiert sein, wenn einer den anderen „Nigga“ nennt. Das nur von Schwarzen zu verwendende N-Wort ist in der Musikszene eine freundschaftliche Anrede, bis heute, bis zum HipHop …

„Ma Rainey’s Black Bottom“ basiert auf dem gleichnamigen, von der echten, 1886 in Georgia geborenen Bluessängerin inspirierten Bühnenstück von Pulitzer-Preisträger August Wilson. Theater- und Filmregisseur George C. Wolfe hat das Kammerspiel für Netflix Originals inszeniert, kein Geringerer als Denzel Washington war der Produzent. Entstanden ist kein Biopic, sondern die in dieser Momentaufnahme festgehaltene Geschichte der Schwarzen in den USA, eine Story über Rassentrennung, Diskriminierung und Schlechterstellung aufgrund der Hautfarbe – die modernen Schlagworte sind „struktureller Rassismus“ und „sozioökonomische Disparität“, also kaum Karrierechancen, weniger Einkommen, weniger Bildung, geringere Lebenserwartung, George Floyd …

Taylour Paige als Ma’s Geliebte Dussie Mae. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Viola Davis als Ma Rainey. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Chadwick Boseman als Levee Green. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Zwischen Rampenlicht und der Rumpelkammer, die sich Aufnahmeraum schimpft, brilliert Oscar-Preisträgerin Viola Davis als selbstbewusste Musiklegende. Wie sich ihre Ma furchtlos und furios gegen die Vorurteile einer rassistischen Gesellschaft stellt, grandios bei einem von ihr verursachten Autounfall, heißt: eigentlich saß ihr Neffe Slyvester am Steuer, nachdem sie jenem Polizisten, der ernsthaft bezweifelt, dass die Edelkarosse die ihre ist, die Stirn bietet, da kann die Davis famos aufspielen. Und doch zeigt sie die Autorität von Ma Rainey mit einem ständig spürbaren Bewusstsein um deren prekäre Position.

Man sieht ihr an der Nasenspitze die Genugtuung an, die Aufnahmen sanktionsfrei zu „sabotieren“, also nach ihrem Takt dirigieren zu können, aber unter der verlaufenen Schminke auch die brodelnde Wut – und die Erschöpfung, die es bedeutet, sich immer behaupten und immer kämpfen zu müssen. Davis‘ Ma ist eine hantige Mutter, an Angry Black Woman, eine unangenehme, ungeniert bisexuelle  – herrlich wie sie Arm in Arm mit ihrer Geliebten Dussie Mae und dem für ihren Lover gehaltenen Sylvester zum Schrecken der Tea-Time-Society die Hoteltreppe hinunterstolziert – und unabhängige Frau, und eine solche wird bekanntlich auch anno 2021 als gefährlich erachtet.

Trotz der furiosen Viola Davis aber wird „Ma Rainey’s Black Bottom“ wohl als schauspielerischer Triumph eines anderen erinnert werden. Die Rolle des provokant-lässigen Levee ist die letzte des im August 2020 verstorbenen „Black Panther“ Chadwick Boseman, und mit Wehmut sieht man diese beeindruckende Leistung, Levee, ein Südstaaten-Junge, der hinter seiner hochfahrenden Art einen tief vergrabenen Schmerz aus der Vergangenheit verbirgt. Nicht nur, weil er ihr mit seinen Impro-Solis regelmäßig das Rampenlicht stiehlt, oder weil er ein Auge auf Dussie Mae geworfen hat – welche eine Frage: „Can I introduce my red rooster to your brown hen?“, kann Ma Levee nicht leiden, sondern auch, weil er ihr punkto Arroganz, Talent und Egozentrik ein ebenbürtiger Gegner ist.

Boseman agiert neben Davis ganz anders, denn als besonnener Wakanda-König T’Challa; sein Levee ist drahtig, hippelig, von Ehrgeiz getrieben. Hinter der Blues-Legende Rücken hat er Sturdyvant weniger wehmütige, tanzbare Arrangements ihrer traditionellen Songs und auch ein paar eigene gegeben, jetzt hofft er vom Studioboss als Komponist und Arrangeur anerkannt zu werden. Doch wird er zum Opfer einer Frühform der „Cultural Appropriation“: Sturdyvant kauft ihm seinen „Jelly Roll“-Jazz für fünf Dollar ab, und lässt ihn ohne Levees Kenntnis von einer weißen Combo für ein weißes Publikum auf Platte pressen – Levees rebellischer Subkultur-Sound klingt plötzlich nach gutem, altem Gassenhauer, Sturdyvant wird damit ordentlich Geld scheffeln. Dies der große Unterschied: „Levee has the big mouth, but Ma the big walk!“ Ihm fehlt ihr realistischer Blick auf die Zustände.

Die Enttäuschung darum, Levees Gefühlstonleiter generell, spielt Boseman wie unterm Druck eines explodierenden Wah-Wah-Dämpfers, sein Gesicht in seiner Mimik so beredt wie die pointierten Dialoge im Drehbuch von Ruben Santiago-Hudson. Im Laufe der 90 Minuten enthüllt sich Levees Trauma: Er sah als Kind die Vergewaltigung der Mutter durch mehrere weiße Gutsbesitzer, und wurde dabei selbst schwer verletzt, der Vater auf seinem Rachefeldzug aufgegriffen, aufgehängt und bei lebendigem Leib verbrannt. „Ich kann ,Ja, Sir!‘, Danke, Sir!‘ sagen, im Wissen, dass meine Zeit kommen wird“, bescheidet er dem Rest der Anwesenden.

Levee stiehlt Ma die Show: Chadwick Boseman und Viola Davis. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Viola Davis, Taylour Paige und Dusan Brown als Ma’s Neffe Sylvester. Bild: David Lee/Netflix – © NETFLIX 2020

Leeve’s Antichrist-Pose: Boseman mit Glynn Turman, Michael Potts und Colman Domingo. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Levee spricht über die Vergewaltigung seiner Mutter: Boseman (re.), Domingo und Turman. Bild: David Lee – © NETFLIX 2020

Als da wären Colman Domingo als tiefreligiöser Cutler, Glynn Turman als Polit-Philosoph Toledo und Michael Potts als schweigsamer Slow Drag, die Kollegen an Posaune, Piano und Bass, die auf Ma angewiesen, ergo gewissenhafte Begleiter sind, doch Ma’s und Levees emotionale Eruptionen mit fortschreitender Stunde nur noch mit Mühe ertragen. Nicht so Ma’s gelangweilte Geliebte, Taylor Paige als laszive Dussie Mae, die sich alsbald mit Levee im Probenkeller vergnügt. Oder Dusan Brown als Ma’s stotternder Neffe Sylvester, den sie unbedingt als Ansager engagiert sehen will. Jonny Coyne ist als ungeduldiger, von Ma’s Sonderprivilegien genervter Sturdyvant zu sehen. Und ein Kabinettstück liefert Jeremy Shamos als um Ma scharwenzelnder Irvin, dem’s mit Bravour gelingt bei eigener devoter Körperhaltung sein Gegenüber zu demütigen.

Auf Bosemans berührenden Mutter-Monolog folgt ein weiterer grandioser, eine Anklage gegen Gott, der Schwarze hassen muss, da er kein Leid verhindert und jede Ungerechtigkeit unterstützt. Man spürt in diesen Worten, die im Film zu Handgreiflichkeiten mit Cutler führen, beinah Bosemans persönliche Dringlichkeit. Die Figur des Levee ist von Regisseur George C. Wolfe in allerlei endzeitliche Symbole gebettet, sei’s, dass Levee in Antichrist-Pose auf einem Bänkchen an seiner Partitur feilt, sei’s, dass er, endlich von Ma gefeuert, die geheimnisvoll verschlossene Tür im Probenraum aufbricht, um in einem winzigen, ausweglosen Innenhof zu landen. Vier weitere Mauern, in Österreich heißt so etwas Lichthof, doch ein solches will auf Levee nicht scheinen.

Es kommt zur Eskalation, Levee hat ein Messer in der Hand, er wird damit töten. Und schuld dran ist, noch ein Sinnbild und ein immer wiederkehrendes Motiv, Levees vom noch nicht einmal erhaltenen Salär gekauftes Paar gelbe Schuhe. Sein ganzer Stolz und sein Untergang, eine Kennzeichnung seines Charakters von verspielt bis verbittert, die Farbe Gelb im Volksglauben gleichgesetzt mit einem hellen Verstand, aber auch mit Neid, in der frühen Liturgie des Christentums mit Tod und Verderben, von ihrer Bedeutung in Sternform gar nicht erst zu reden.

„Ma Rainey’s Black Bottom“ ist abseits der großartigen Musik ein schmerzliches Zeitdokument über die Situation der afroamerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten – damals wie jetzt, ein Jahrhundert weiter und wenig Verbesserung. Nicht zuletzt dank der enormen Produktivität der Streamingportale gibt es eine stetig steigende Präsenz afroamerikanischer Themen und Schauspieler auf den Bildschirmen, und mit Produktionen wie dieser zeigt sich, dass zumindest in Kunst und Kultur Rassismus oder Xenophobie keine Chance haben.

Im Gedächtnis bleiben wird dieser Film auch als Vermächtnis von – nomen est omen – „Black Panther“ Chadwick Boseman, er durch diese Rolle zur afrofuturistischen Ikone geworden, hier ein zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung changierender Mann, der die Kraft der Musik ebenso feiert, wie er sich gegen das von ihr verursachte Leiden stemmt, und der voll Leidenschaft gegen die Fesseln, die bewussten wie die unbewussten, in diesem stickigen, klaustrophobischen Setting kämpft, als gäb’s kein Morgen.

Ob Chadwick Boseman posthum zu Oscar-Ehren kommen wird, wer weiß? Mit ihm sind Favorit Gary Oldman für „Mank“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45151), Anthony Hopkins für „The Father“, Riz Ahmed für „Sound of Metal“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45178) und Steven Yeun für „Minari“ nominiert. Verdient hätte den Goldjungen jeder, und wie für die anderen Filme gilt: „Ma Rainey’s Black Bottom“ ist eine Empfehlung. Oder wie Colman „Cutler“ Domingo sagt: A-one, a-two, a-you know what to do …

Trailer/engl.: www.youtube.com/watch?v=ord7gP151vk             www.youtube.com/watch?v=wAY2oAm2rv4           www.netflix.com           Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=43672

3. 4. 2021

Academy Awards – „Quo vadis, Aida?“ ist auch für Österreich im Rennen um den Auslands-Oscar

März 24, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Massaker von Srebrenica, die Schande Europas

Die Dolmetscherin Aida Selmanagić sucht unter 25.000 Flüchtlingen ihren Ehemann Nihad und ihre beiden Söhne Hamdija und Sejo: Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Mit etwas Glück, kann auch Österreich an den diesjährigen Academy Awards teilhaben: Der Spielfilm der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić „Quo vadis, Aida?“ ist in der Kategorie Bester internationaler Film nominiert, zusammen mit Einreichungen aus Hongkong, Rumänien, Tunesien – und Thomas Vinterbergs „Der Rausch“ als dänischem Beitrag.

An der europäischen Koproduktion sind außer Bosnien-Herzegowina sieben weitere Länder beteiligt, aus Österreich die coop99 filmproduktion mit den Koproduzenten Barbara Albert, Antonin Svoboda und Bruno Wagner – die bereits vielfach ausgezeichnete Arbeit, die am 7. Mai in den heimischen Kinos anlaufen soll, hätte sich den Auslands-Oscar mehr als verdient; in Venedig musste man den Goldenen Löwen knapp an Chloé Zhaos „Nomadland“ abtreten … Hier die Filmrezension:

Jasna Đuričić wäre eine Nominierung wert gewesen

Aida rennt. Sie hastet durch Korridore, irrt durchs Labyrinth der früheren Batteriefabrik, vorbei an den Blauhelmen, durchs provisorisch eingerichtete Lazarett, hinaus ins so unfreie Freie, wo 25.000 bosnische Flüchtlinge vergeblich auf Einlass ins UNPROFOR-Quartier in Potočari hoffen. Es ist der 11. Juli 1995, so auch ein früherer Titel des Films: „11th of July“, die Menschen kommen aus Srebrenica – womit sich mehr zu erläutern eigentlich erübrigt. Aida erklimmt das Wärterhäuschen am Schranken, „Nihad, Hamdija, Sejo!“ ruft sie, doch wie unter den vielen hier Ehemann und Söhne finden?

„Quo vadis, Aida?“ der bosnischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jasmila Žbanić ist ein Film, der wehtut. So richtig wehtut. Und das ist gut so. Das Massaker von Srebrenica ist die Schande Europas, und nicht die letzte, wie man anno 2021 weiß. Sieht man die Bilder dieser am Zaun ihrer Überlebenschance abgewiesenen Männer, Frauen, Kinder, muss man unweigerlich an jüngere Ereignisse denken. Derart spannt der Film einen Bogen zu Moria, Kara Tepe, Europas Außengrenzen, Lipa, tatsächlich an der bosnisch-kroatischen. „Quo vadis, Aida?“ ist kein Plädoyer, es ist ein Appell.

Žbanić, selbst Überlebende des Bosnienkriegs, Mitglied des „Democracy in Europe Movement 2025“, Unterzeichnerin der „Deklaration zur gemeinsamen Sprache der Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner“, ließ sich für ihr Skript vom Buch über den Völkermord in Srebrenica des Übersetzers für die UN-Truppen Hasan Nuhanović inspirieren. Diese Dolmetscherin ist nun Aida Selmanagić, die Jasna Đuričić mit einer Eindringlichkeit, einer Unmittelbarkeit spielt, für die sich der serbische Theater- und Kinostar eine Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient hätte.

Eben noch hatte Colonel Karremans den an Hunger sterbenden – denn die bosnisch-serbische Armee ließ keine Hilfslieferungen zu – Srebrenicern erklärt, in der „Schutzzone“ seien sie sicher, da schlagen die Granaten ein, rollen Panzer an, Kriegsherr, Kriegsverbrecher Ratko Mladić im Machtrausch, Darsteller Boris Isaković auch von einer gewissen äußerlichen Ähnlichkeit. „Ich schenke diese Stadt dem serbischen Volk“, verkündet der General in die Fernsehkamera, dieser ständigen Begleiterin seines Eroberungsfeldzugs. Seine „ethnische Säuberung“ wird 250.000 Tote fordern, 1.3 Millionen Flüchtlinge, geschätzte 20.000 bis 50.000 Vergewaltigungsopfer – in Srebrenica wurden 8372 muslimische Männer und Jungen ermordet -, der schlimmste Genozid in Europa seit dem Dritten Reich.

Und die Menschen laufen mit Sack und Pack, Gehbehinderte in Schubkarren, Mütter, die ihre Kinder im Chaos verloren haben, Verletzte, eine Kuh als letztverbliebenes Hab und Gut. Die Statistinnen und Statisten aus Stolac und Mostar, das ist die Stadt an der Brücke Stari Most, sind mit großer Ernsthaftigkeit bei der Sache. Jede und jeder auf den die Grazer Kamerafrau Christine A. Maier, bekannt für Barbara Alberts „Licht“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053) oder Ruth Maders „Life Guidance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27841), zoomt, verkörpert einen Charakter, Gesichter, die um das wissen, was hier geschildert wird, Gesichter, die man so schnell nicht vergisst.

Rückblende: Aidas Erinnerungen an einen unernsten Beauty-Contest in Srebrenica. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Niederländer wollen nicht helfen, Aida ist ratlos und verzweifelt: Jasna Đuričić:. Bild: © Polyfilm Verleih

Ratko Mladić-Mann Joka provoziert Major Franken: Emir Hadžihafizbegović und Raymond Thiry. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Unterhändler unterwegs zu Mladić: Rijad Gvozden als Muharem, Johan Heldenbergh als Colonel Karremans und Jelena Kordić-Kuret als Chamila. Bild: @ Polyfilm Verleih

Tausende landen im UNO-Gelände in Potočari, wo bald chaotische Zustände herrschen. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida erklärt den Flüchtlingen, dass sie deportiert werden: Raymond Thiry und Jasna Đuričić. Bild: © Polyfilm Verleih

Ob’s nun heißt, die Basis ist voll oder das Boot ist voll, das Dutchbat ist von der Situation völlig überfordert. Karremans telefoniert vergeblich um Luftunterstützung, die NATO-Generalität urlaubt um diese Jahreszeit. Später wenn Mladićs Tschetniks mit der Unverfrorenheit der Sieger den UN-Stützpunkt nach muslimischen Freischärlern durchsuchen, wenn der abgebrühte, herrlich großsprecherische Joka von Emir Hadžihafizbegović den diensthabenden Major Franken, Raymond Thiry, wie einen Schulbuben abkanzeln wird, werden dessen Jungs in ihren lächerlichen kurzen Camouflage-Hosen ob all des Leids rund um sie den Tränen nahe sein.

Aida, von den Niederländern überdeutlich als Untergebene behandelt, hat es zwischenzeitlich geschafft, ihre Familie ins Camp zu holen, indem sie ihren Mann und ehemaligen Schuldirektor Nihad für die Gruppe der Unterhändler, die Mladić zu sehen verlangt, vorschlägt. Auch Izudin Bajrović als in sich gekehrter Nihad, Boris Ler als nervlich schwer angeschlagener Hamdija und Dino Bajrović als dessen jüngerer Bruder Sejo agieren mit einer Authentizität, die gespenstisch, die kaum auszuhalten ist.

Ebenso Jelena Kordić-Kuret als Chamila und Rijad Gvozden als Muharam, die mit Nihad das „Verhandlerteam“ bilden. Chamila, die sich auf ekelhafte Art nach Waffen abtasten lassen muss, während der niederländische Soldat nach der Losung „Wir dürfen die Serben nicht reizen!“ schweigt, Rijad Gvozden, der als Kriegswaise im SOS-Kinderdorf in Gračanica aufwuchs, und der’s als Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur auf die Kinoleinwand schaffte.

Die Anspannung, die Todesangst, die Panik, das Unverständnis über den Hass der gerade noch gewesenen Hausnachbarn ist förmlich mit Händen zu greifen, das nahende Unheil liegt in der Luft, Gerüchte von Vergewaltigungen und Erschießungen gehen um. Zu den nach außen hin ruhig ausharrenden Flüchtlingen mengt Jasmila Žbanić den Kommandoton, im Grunde Ohnmachtsschrei der Soldaten, stille Minuten des Zusammensitzens mit dem mitfühlenden Arzt Dr. Robben, Reinout Bussemaker, ein kleines Lachen, ein schneller Kuss, in der Rückblende Aidas Erinnerung an einen nicht ganz ernst gemeinten Beauty-Contest. Beim Kolo, beim Reigentanz, hält die Kamera inmitten der ausgelassenen Stimmung wie versteinerte Mienen fest. Sind diese Menschen tot, klagen sie uns an, war der oder der nicht unter den Widerstandskämpfern zu sehen?

Momente sind das. Blauhelme mit gesenkten Köpfen vs. die serbischen Herrenmenschen, die Furcht vor Mladićs Unberechenbarkeit so enorm, dass die Niederländer alle Prinzipien, alle Vorschriften außer Acht lassen. Die UNPROFOR, die der General sowieso deppert anrennen lässt, ohne Benzin, ohne Nahrungsmittel, erst die Tschetniks bringen Brot ins Lager, welch ein Armutszeugnis, was muss Mladić gelacht haben. Chamila, die im Gegenüber von Ermin Bravo einen ehemaligen Mitschüler erkennt, die Vorkriegs-Lehrerin Aida im brutalen Beli von Jovan Zivanovic einen früheren Schüler – ein kurzer Dialog, der mit Grüßen an die jeweiligen Verwandten endet, doch als der Major nach dem Verbleib von Hamdija fragt - die beiden waren offensichtlich früher befreundet -, erkennt man, wie doppelbödig diese Frage ist und wie gefährlich eine ehrliche Antwort sein könnte.

Und in all das hinein wird ein Kind geboren, ein Symbol, das jüngste Opfer in Srebrenica war ein wenige Stunden altes Baby, ein Mädchen, das Fatima genannt werden sollte. Und Aida rennt. Wie eine Löwin, mit dem Mut der Verzweiflung hat sie für ihre drei Männer gefightet, für die die plötzlich wieder befehlsgehorsamen Niederländer keinen Platz im abrückenden Konvoi freimachen wollen – die humanitäre Katastrophe ist gleichsam die Niederlage des Humanismus. Jeder Ausweg, den Aida einschlägt, endet vor neuen Hürden, neuen Hindernissen, in Sackgassen. Es ist ein Anlaufen gegen das Unvermeidliche.

Für ihr starkes Spiel hätte sich Jasna Đuričić auch eine Nominierung als Beste Hauptdarstellerin verdient. Bild: © Polyfilm Verleih

Aida, in doppeltem Wortsinn eine Seherin, ist nicht nur Getriebene, sondern auch treibende Kraft, als Übersetzerin versucht sie dort zu vermitteln, wo „vernünftig“ Reden längst nichts mehr bewirken kann. Immer mehr wird sie, der die anderen bevorzugte Behandlung unterstellen, zur Zielscheibe von Neid, Wut und Frustration. In der Szene, in der sie den Flüchtlingen mitteilen muss, dass sie von den bosnisch-serbischen Soldaten nach Kladanj abtransportiert werden, Sätze, bei denen sie ihre Skrupel kaum noch runterwürgen kann, bleibt

einem selbst ein Kloss im Hals stecken. Der Strudel, der Aida in die Tiefe zieht, er hat einen längst erfasst. Was folgt ist scheußlichste Zeitgeschichte. Frauen und Mädchen werden von Männern und Jungen getrennt, was weiblich ist, in Autobusse verfrachtet, was männlich ist, weggeführt, die Selektierten jedem Schutz durch die UNPROFOR entzogen, 200 Meter von der UN-Basis entfernt laden erste Erschießungskommandos durch. Für andere geht’s statt zur „Entlausung“ zu einer „Filmvorführung“, statt Gas einzuleiten ragen Maschinengewehre durch die Oberlichten … „nur weil wir bestimmte Dinge für unvorstellbar halten, heißt das nicht, dass sie nicht geschehen können“, sagt Jasmila Žbanić in einer „Director’s Note“.

Unbegreiflich bleibt dennoch, wie 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach der Shoah mitten in Europa ein Massaker stattfanden konnte, das bis heute eine klaffende Wunde in den Herzen zweier, nein: dreier Völker ist. Zum 25-Jahr-Gedenken 2020 blieben die Fronten verhärtet. Bosnische Meinungsmacher betreiben Polit-Propaganda, serbische leugnen. Um Peter Handke gab’s genug Aufregung, Aufregung auch, weil die Niederlande demonstrativ ihre Srebrenica-Blauhelme ehrten, Hasan Nuhanović fordert immer noch Gerechtigkeit für sich und seine abgeschlachtete Familie. Nur eine angesichts dieser Konflikte feige Academy-Awards-Jury kann „Quo vadis, Aida?“ den Auslands-Oscar vorenthalten.

Dies ist der Film der Stunde, der größtmögliche Aufmerksamkeit verdient, ein Film, der niemanden kalt lassen kann. Er erzählt von Srebrenica mit einer Allgemeingültigkeit für alle Schauplätze, an denen Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihres demokratiepolitischen Engagements verfolgt und verschleppt werden und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Es ist Jasmila Žbanić zu unterstellen, dass sie das Heute wie das Gestern meint, und sage keiner, „das sind andere Umstände, andere Lager, andere Gründe, unlogische, unrealistische, suchen Sie keine Begründungen zur Seite zu schauen, mit den Achseln zu zucken, das Leid nicht zur Kenntnis zu nehmen“, schreibt der Buchenwald-Überlebende Ivan Ivanji in seinem jüngsten Buch (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45243).

Den Film beschließt ein Epilog – Achtung: Spoiler! Es ist Winter, an Aidas ergrauendem Haar sichtlich etliche Jahre später, die Lehrerin ist zurück in Srebrenica, will wieder als solche arbeiten, und fordert von der jungen Vesna, Edita Malovčić, ihre alte Wohnung zurück. Vesna stellt Aida ihren Sohn Luca als deren künftigen Erstklassler vor. Ein Augenblick, in dem sie – ist er’s wirklich? – im Stiegenhaus Lucas mit Einkaufstaschen bepackten Opa Joka sieht. Er erkennt sie nicht, grüßt freundlich, nicht alle landen im Fangnetz von Den Haag. Eine Aufnahme, in der Frauen um sterbliche Überreste im Kreis gehen, Angehörige, die vergraben, nicht beerdigt wurden, Skelette und Stoffreste – da erkennt Aida Hamdijas Sneaker.

Schnitt. Eine Schüleraufführung. In der ersten Reihe Luca, im Publikum Frauen mit bosnischem Hidzab und ohne, Muslime und Serbisch-Orthodoxe, und eine stolze Lehrerin Aida, die an der Sprossenwand lehnt. Die Kinder singen ein Lied, halten erst die Hände vors Gesicht, dann heißt es: Augen auf! Vielleicht ist ja die nächste Generation eine Friedenschance …

www.facebook.com/quovadisaida           Trailer: www.youtube.com/watch?v=ErLD8P4VUjY          Jasmila Žbanić im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=91OYf2rspDQ           Streaming: www.curzonhomecinema.com/film/watch-quo-vadis-aida-film-online

  1. 3. 2021

Academy Awards Streaming: Sound of Metal

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gehörlosendrama ist nominiert für sechs Oscars

Bei einem Gig bemerkt Ruben, dass er sein Gehör verliert: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Bis dato war es vor allem Darsteller Paul Raci der eine der bisher verliehenen dreizehn Auszeichnungen einheimste. Nun ist das beim Filmstart noch als Geheimtipp gehandelte Gehörlosendrama „The Sound of Metal“, für das sich die Amazon Studios schon 2019 beim Toronto International Film Festival die Rechte sicherten, für sechs Academy Awards 2021 nominiert.

Und zwar in den Oscar-Kategorien: Bester Film, Riz Ahmed als Bester Hauptdarsteller, einmal mehr Paul Raci als Bester Nebendarsteller, Regisseur Darius Marder, Bruder und Mitautor Abraham Marder und Derek Cianfrance fürs Beste Originaldrehbuch, Mikkel E.G. Nielsen für den Besten Schnitt sowie Nicolas Becker, Phillip Bladh und Team für den Besten Ton. Hier nochmal die Filmrezension vom Jänner:

Gottes vergessener Schlagzeuger

Seit Jänner streamt Amazon auch in Österreich das Filmdrama „Sound of Metal“, das als bereits zehnte Auszeichnung am 9. Jänner von der National Society of Film Critics mit dem Nebendarstellerpreis für Paul Raci bedacht wurde, und sowohl von der Variety als auch von Awards Daily für die Oscars hoch gehandelt wird, und zwar neben Paul Raci auch Hauptdarsteller Riz Ahmed für den Best-Actor-Goldjungen. Ahmed, britischer Schauspieler, MC und Musiker mit pakistanischem Background, im Kino zuletzt zu sehen als Bösewicht-Wissenschaftler Dr. Drake/Riot in „Venom“, schlüpft in die Rolle des Ruben Stone.

Dieser Drummer eines Sludge-Duos, dessen Sängerin Lou, Olivia Cooke, auch seine Freundin ist. Im Wohnmobil fahren die beiden von Gig zu Gig – loud and proud, bis Ruben während eines Soundchecks, wo’s wie üblich was auf die Ohren gibt, erst ein schrilles Kreischen, dann wie durch Watte, dann gar nichts mehr hört. Ein Schlagzeuger-Schicksal, das Ruben mit Kollegen von Phil Collins bis Lars Ulrich teilt.

„Sound of Metal“ erzählt keine Sid-and-Nancy-Story, im Van sind Schmusesongs und Smoothies angesagt, der seit vier Jahren cleane Fixer und die ehemalige Ritzerin sind Familie, ihre Beziehung ist eine fragile, in der die Furcht vor den eigenen Abgründen mit einer berührenden Zärtlichkeit überbrückt wird. Und nun das! Ahmed zeigt’s ganz fabelhaft, die Angst und das Unverständnis in Rubens Augen, alle Geräusche gedämpft wie unter Wasser, unter der Dusche, hinter seiner Instrumenten-Batterie, im Drugstore, dessen Apotheker ihn zum Arzt schickt. Unvorstellbar, wie es sein muss, sich selbst nicht mehr sprechen zu hören, doch Riz Ahmed stellt dies Gefühl, für das man ihm beim Dreh sogenanntes „weißes Rauschen“ ins Gehör übertrug, höchst authentisch dar.

Regisseur Darius Marder und „Gravity“-Tonkünstler Nicolas Becker entwickelten dies Sounddesign in einem schalltoten Raum, Marder, der gemeinsam mit Bruder Abraham auch das Drehbuch schrieb, und dieser wiederum mit Becker die Filmmusik, Becker, der für Riz‘ Ruben eine Klangkulisse schuf, die die Zuschauerin, den Zuschauer komplett in Rubens Kopf versetzt. Heißt: man hört, wie Ruben hört – Hitchcock nannte dies den „Subjektiven Klang“, mit dem der Großmeister gelegentlich experimentierte. Das Ganze kommt mit Untertiteln, da Marder seinen Film von einem hörenden wie gehörlosen Publikum erlebt haben will.

Paul Raci als Joe. Bild: © Amazon Studios

Joes Wohngruppe: Paul Raci (M.). Bild: © Amazon Studios

Lauren Ridloff als Lehrerin Diane. Bild: © Amazon Studios

Schlagzeugunterricht: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Beim HNO erfährt Ruben von der Möglichkeit eines Cochlea-Implantats, ein System mit Mikrofon und Signalprozessor, das den Hörnerv direkt mit dem Gehirn verbindet, doch die Kosten dafür sind unerschwinglich. Also checkt Lou für Ruben, der sich in den ersten vier der fünf Phasen der Trauer einigelt – Leugnen, Wut, Feilschen, Depression -, einen Platz in einer Gehörlosen-Wohngemeinschaft, die auf Suchtkranke spezialisiert ist. Während sie zu ihrem Vater fährt, Mathieu Amalric in einer Gastrolle, damit Ruben sich auf seine geänderte Situation fokussieren kann.

So will es auch der Leiter der Einrichtung, der trockene Alkoholiker und Vietnam-Veteran Joe, der sein Gehör im Krieg verloren hat: Auftritt Paul Raci, der 73-jährige Schauspieler, ein „CODA“, ein Kind gehörloser Eltern, der wie seine drei Geschwister als erste Sprache die American Sign Language lernte, ist als Joe eine harte, aber herzliche Vaterfigur, der seine Junkie-Schützlinge auf Trab hält und mit nicht immer sanftem Nachdruck auf den rechten Weg bringt.

Rubens Verbitterung auf alle und alles stößt beim Lippenleser auf im Wortsinn taube Ohren, man suche hier Lösungen fürs Gehirn, nicht fürs Gehör, bescheidet er dem ständig wie unter Strom stehenden Neuankömmling und dass dieser keinen „Moment der Stille“ in sich habe, und Ahmed verkörpert mit unterschiedlich hoch kochenden Emotionen, wie verloren ein Mensch sich fühlen kann. Weil ihm ohne seine Drums, die Musik der Rausch, der das Rauschgift ersetzte, ein Ventil fehlt, um seine inneren Dämonen auszutreiben, weil er ohne Kenntnis der Gebärdensprache natürlich zum Außenseiter der Gruppe wird, alldieweil ihm am Gesicht abzulesen ist, wie saudämlich er das wilde Gestikulieren um sich herum findet.

Dies eine der besten Szenen des Films: Ruben, um jedes Kommunikationsmittel gebracht – Hörende schreit er an: „Ich verstehe Sie nicht! Ich bin taub! Schreiben Sie es mir auf! -, inmitten der Abendbrotgesellschaft, die sich ausgelassen und herzhaft lachend unterhält, man selbst übers „Tischgespräch“ ebenso ahnungs- und verständnislos wie Ruben, da schneidet Nicolas Becker den Ton plötzlich von gehörlos auf hörend, eine kurze Einblendung des Lärms rund um die Tafel, ein Klopfen, ein Geschirrklappern, ein Remmidemmi. Eindrucksvoll überblendet Becker so beide Welten.

Olivia Cooke als Bühnen-Lou. Bild: © Amazon Studios

Olivia Cooke als Lou privat. Bild: © Amazon Studios

Ruben mit Implantat: Riz Ahmed. Bild: © Amazon Studios

Mathieu Amalric spielt Lous Vater. Bild: © Amazon Studios

Joe schickt Ruben zum Lernen in eine seiner Gruppe angeschlossene Schulklasse mit tauben Teenagern. Die gehörlose Schauspielerin Lauren Ridloff, bekannt aus „The Walking Dead“ und 2018 am Broadway in der Hauptrolle von „Gottes vergessene Kinder“ zu sehen, spielt deren Lehrerin Diane. Die Kinder fangen Rubens Absturz auf, bald hält er einen Drummer-Grundkurs, auf Plastikkübeln zur besseren Übertragung der Schwingungen, und wird zum „Teenie-Star“. Joe bietet ihm an als eine Art Lehrkraft zu bleiben, doch Ruben, innerlich immer noch voll trotzigen Grolls, verkauft von Mischpult bis Wohnmobil alles, um sich die Cochlea-OP endlich leisten zu können.

Worauf Joe ihn bitten muss zu gehen, da Ruben sein erstes Gebot, dass Taubheit nichts sei, das man „reparieren“ müsse, gebrochen habe. Die Redensart vom alten Leben, das einer nicht loslassen könne – Jage nicht dem hinterher, was du verloren hast, sondern schätze, was du noch besitzt!, kommt einem in den Sinn, und in Regelverletzter Rubens Augen spiegelt sich seine neuerliche Verletztheit. Einen ernüchternden Abstecher zu Lou und ihrem Vater später, sieht man ihn auf einer Parkbank sitzen, auch die Leistung des Implantats ist ernüchternd, die Stimmen zu un-, Lärm dafür überdeutlich.

In Summe klingt’s wie ein Radio im Sendersuchlauf, echoartig, irritierend metallisch und schmerzlich fehlerhaft, wodurch der Filmtitel „Sound of Metal“ von der Musik bis zu den verzerrten Tönen des Fremdkörpers Hörgerät auf einmal doppeldeutig wird. Doch Ruben wird ihn finden, den von Joe anempfohlenen Moment. In der Ruhe liegt die Kraft. „Sound of Metal“ besticht nicht nur durch seine Darsteller, allen voran der fulminante Paul Raci und Riz Ahmed, zum Glück mal nicht als Terrorist oder Terrorverdächtiger, der mit seiner sensationellen, gnadenlos glaubwürdigen, intensiven und zugleich zutiefst unsentimentalen Performance das Publikum in seinen Bann zieht.

Sondern auch mit seiner komplexen Klanglandschaft, in der etwa nach einer exzessiven Bühnenshow jene jedem Rockkonzertbesucher bekannte absolute Stille des Boxen-Stopps mitschwingt, die Marders Spielfilmdebüt zu einem hypnotisierenden Erlebnis werden lässt. Und last, but not least ermuntert „Sound of Metal“ auch zu mehr Offenheit gegenüber den Mitmenschen, zu mehr Bewusstsein und Empathie füreinander, losgelöst von jeglichen Normen und Erwartungen. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44091

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VFOrGkAvjAE           www.amazon.de

20. 3. 2021