Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ernst ist das Leben

Juni 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dandys sind diesmal herr-liche Damen

Die Damenriege übt sich in Theatralik: Maresi Riegner, Elzemarieke de Vos, Karola Niederhuber, Maria Hofstätter, Marie-Christine Friedrich, Raphaela Möst, Miriam Fussenegger und Michou Friesz. Bild: Lalo Jodlbauer

So weiß wie die Bühne ist hier niemandes Weste, weshalb in Kostümen, die so schrill sind wie die Stimmung, ordentlich Komödienvollgas gegeben wird. Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf inszenierte Intendant Michael Sturminger Oscar Wildes „Ernst ist das Leben / Bunbury“ und setzte dabei weniger auf Subtilität und britisches Understatement, denn auf Tempo, Timing und Tohuwabohu. Ein Spaß, der vor allem nach der Pause voll aufgeht.

Sturminger spielt, gekonnt auch in Orientierung auf das Privatleben des berühmtesten Dandys der Welt, der vier Tage nach der Bunbury-Uraufführung seinen unglückseligen Prozess begann, mit den Geschlechterrollen. Sein Ensemble besteht ausschließlich aus Frauen, und da gibt es in der deutschsprachigen Fassung von Elfriede Jelinek nicht nur sprachliche, sondern auch sexuelle Zweideutigkeiten, wenn eine Frau, die einen Mann spielt, dessen bestem Freund Avancen macht, den ebenfalls eine Frau darstellt. Und so ist es ein Küssen und Knutschen zwischen Jack Worthing und Algernon Moncrieff, in deren Rollen Raphaela Möst und Elzemarieke de Vos schlüpfen, um zu zeigen, wie man Ennui in Exaltiertheit verwandelt.

So turnt die Truppe durch Irrungen und Wirrungen, Wortspiele und Intrigen. Mit der Jelinek’schen Feder werden Versprechen rasch zu Versprechern, Sturminger bespielt die Frivolität dieser Vorlage gekonnt, so entsteht eine spritzige, quirlige, überdrehte Aufführung, die die Exzellenz der Dekadenz feiert. Und schließlich in der unvermeidlichen Kuchenschlacht endet. Möst und de Vos erlauben sich den Scherz ihre Figuren bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei Sturminger generell ein doppeltes Spiel -, die beiden bleiben süffisant, auch wenn Algie sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. De Vos ist, man braucht es nicht zu erwähnen, die geborene Komödiantin. Eine Poserin in bester Wilde’scher Manier, eine Zynikerin und – der personifizierte Un-Ernst. Wie sie lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihr die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist erfordert.

Spiel mit den Geschlechtern: Elzemarieke de Vos und Raphaela Möst. Bild: Lalo Jodlbauer

Komödienvollgas bei der Kuchenschlacht: Maresi Riegner, Karola Niederhuber und Miriam Fussenegger. Bild: Lalo Jodlbauer

De Vos hat Perchtoldsdorf  bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der dortigen Upperclass, und davon finden sich im Publikum nicht wenige, ist sie Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke auch aufs Lügen. Möst ist ihr eine ebenbürtige Partnerin, ihre verschwitzte Verlegenheit weist eine aus, die wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen. Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Miriam Fussenegger und Maresi Riegner. Riegner gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Fusseneggers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern.

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Marie-Christine Friedrich als Gouvernante Miss Prism und die großartige Michou Friesz als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Maria Hofstätters Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s dann noch zu Tortenschlacht und Slapstick, da ist das Publikum längst bestens gelaunt und dankt mit langem Applaus. Schade, dass diese Premiere wetterbedingt im Neuen Burgsaal stattfinden musste, open air ist es sicher noch der doppelte Genuss.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2018

The Happy Prince

Mai 31, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Rupert Everett glänzt als alternder Oscar Wilde

Oscar Wilde (Rupert Everett) erzählt von seiner Zeit im Gefängnis. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dies also ist die Rolle, die sich Rupert Everett auf den Leib schrieb – wiewohl er sie anfangs selbst gar nicht spielen wollte und erst von Colin Firth überzeugt werden musste, dies also ist gleichzeitig das Regiedebüt des Schauspielstars:

„The Happy Prince“, benannt nach einem der Kunstmärchen von Oscar Wilde, zeichnet dessen letzten Jahre im Exil nach. Am Freitag kommt das filmische Meisterwerk in die heimischen Kinos, eine eindrückliche Parabel auf Leid aufgrund von Leidenschaften. Everett, nicht zuletzt bekannt als brillanter Darsteller von Leinwandadaptionen der bekanntesten Wilde-Komödien, glänzt auch hier. Die Geschichte, die er erzählt, zeigt den Niedergang des großen Autors, zeigt einen Mann an der Grenze, den Verstand zu verlieren, zeigt aber auch einen, der gewillt ist, sein Schicksal mit der ihm eigenen Grandezza und Elegance anzunehmen. Es ist eine bestechende, schmerzhafte Performance, dieser Tod des Dandys.

Wilde, der aus seinen ephebophilen Vorlieben nie ein Geheimnis machte, sie im Gegenteil offen auslebte, verliebte sich in den 1890er-Jahren in den jungen Lord Alfred „Bosie“ Douglas. Dessen Vater hinterließ Wilde im Club eine Visitenkarte mit der Notiz: „Für Oscar Wilde, posierenden Sodomiten“. Es kam zum Gerichtsprozess, den Wilde nicht nur verlor, sondern wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Zuchthaus samt schwerer Zwangsarbeit verurteilt wurde.

Oscar (Rupert Everett) und Bosie (Colin Morgan) in einem Weinlokal über dem Meer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Reggie (Colin Firth) besucht Wilde (Rupert Everett) am Krankenbett. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis setzt der Film ein: Oscar Wilde ist körperlich gezeichnet. Er verlässt Großbritannien, wo ihm als Geächteten ein Leben unmöglich geworden ist, und wird, verarmt und verlacht, ein Wanderer zwischen Paris und Neapel, wo er als Sebastian Melmoth mehr schlecht als recht seine Tage zubringt – immer so lange, bis sein Inkognito auffliegt und Gastwirte ihn verjagen. Ihm zur Seite stehen sein Freund Reggie Turner und sein ehemaliger Geliebter Robbie Ross, doch dann sucht Oscar wieder Kontakt zu Bosie …

Das alles, schäbige Zimmer in ebensolchen Absteigen, feucht-fröhliche Absinth-Abende in heruntergekommenen Bars, Knaben und Kokain, zeigt Everett in traumhaft schönen Albtraumbildern. In Visionen und Zeitsprüngen wird die Story geschildert.

Die Klammer bilden zwei Pariser Buben, denen Wilde seinen „Happy Prince“ vorträgt, das Märchen eines, der alles für sein Volk gab, bis es ihn schließlich abgehalftert auf den Misthaufen schmiss. Die Schauspieler sind allesamt fantastisch. Neben Everett und Colin Firth als Reggie überzeugen Edwin Thomas als Robbie und Neuentdeckung Colin Morgan als hochfahrender, selbstverliebter Bosie. In den schönsten Szenen sind Bosie und Oscar als Snobs unter sich. Emily Watson komplettiert den Cast als Wildes Ehefrau Constance.

„The Happy Prince“ ist das fiebrige Porträt eines skandalösen Genies. Im Nachspann ist zu lesen, dass Oscar Wilde posthum von den britischen Behörden pardoniert wurde. Es sollte wohl umgekehrt sein …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=nw9AwSKAxXQ

  1. 5. 2018

„Toni Erdmann“ soll Deutschland den Oscar sichern

August 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Peter Simonischek brilliert in der Titelrolle

Peter Simonischek brilliert als "Toni Erdmann". Bild: © Filmladen Filmverleih

Burgschauspieler Peter Simonischek als „Toni Erdmann“. Bild: © Filmladen Filmverleih

Gerade erst in San Sebastian zum Film des Jahres gekürt, gibt es wieder Neuigkeiten über „Toni Erdmann“: Maren Ades Film wird von Deutschland ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt. Das gab die Auslandsvertretung des Deutschen Films Donnerstag Vormittag in München bekannt. Die Titelrolle spielt Burgtheaterschauspieler Peter Simonischek.

Die Academy in Hollywood wird am 17. Jänner 2017 eine Shortlist der Bewerbungen aus dem Ausland veröffentlichen, die fünf nominierten Filme sollen am 24. Jänner bekanntgegeben werden. Die Oscar-Verleihung findet  am 26. Februar 2017 statt.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20924

tonierdmann-derfilm.de

Wien, 25. 8. 2016

Wiener Festwochen: Идеальный муж / Ein idealer Gatte

Mai 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Populist liebt populären Popstar

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Eine Männerliebe fürs Leben: Igor Mirkurbanow als Lord und Alexej Krawtschenko als Minister Robert Ternow. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Als zur Mitte des Abends Schauspieler Sergej Tschonischwili unter Szenenapplaus als Dorian Gray auftritt und jede Ähnlichkeit mit dem amtierenden russischen Präsidenten natürlich ein Zufall sein muss, erklärt sich, warum gewisse Kräfte in Moskau versucht haben, diese Aufführung vom Spielplan zu verbannen. Nicht nur lässt er sein Bildnis von einer Figur namens „der letzte russische Intellektuelle“ malen.

Er schließt auch einen faustischen Pakt mit der Kirche, um es an seiner Stelle hässlich und alt werden zu lassen, und stülpt sich schließlich die Zarenkrone auf den Kopf. Tschonischwilis Fanpublikum tobt vor Lachen, es singt auch die angestimmten Schlagersongs und Volkslieder mit, oder johlt, wenn sich eine Protagonistin als Laura Palmer ausgibt. Der Gag entschlüsselt sich unser einem erst via Wladimir Kaminers Blog: Gorbatschow sah so gerne „Twin Peaks“ – vermutlich wegen des Nebels, der über der Geschichte wabert …

Schauspielchefin Marina Davydova beschert den diesjährigen Wiener Festwochen die Theatersensation der Saison: Sie lud Konstantin Bogomolov und das Tschechow Künstlertheater Moskau ins Museumsquartier, damit sie ihre Version von „Ein idealer Gatte“ zeigen. Bogomolov hat Oscar Wildes Text adaptiert, die betuchte britische Upperclass zur neureichen russischen Elite gemacht, und die demaskiert der Regisseur nun unter Zuhilfenahme von sehr viel Komödianten-Make-up. Wobei die Inszenierung nicht so skurril-spaßig ist, wie man es von deutschsprachigen des Stoffs kennt, vielmehr schwebt über allem die Schwere der russischen Seele, ein Hauch Moskauer Melancholie. Bogomolov legt eine Arbeit vor, die das Innerste nach außen kehrt, heißt in diesem Fall: Links auf Rechts dreht, da bleibt keine Paillette und keine Epaulette an ihrem Platz, da werden Scheinheiligkeit und Verlogenheit eines Systems und seiner Profiteure ausgestellt, politische wie religiöse Orthodoxie veralbert, dass es nur so kracht. „Ein idealer Gatte“-reloaded ist eine satirisch-trashige Enzyklopädie des modernen Russland, freilich, es dürfen sich auch anderswo neoliberalistische Antidemokraten angesprochen fühlen.

Und so ist es nur konsequent, dass die Dorian-Gray-Episode ähnlich Dostojewskis „Großinquisitor“ einen separaten zweiten Akt darstellt, geht es doch im Rundherum um dessen „Heftklammern“, ein Begriff, der, so lehrt der Programmzettel, im Putin’schen Neusprech jene High Society zusammenfasst, die sein Polit-Projekt zusammen- und die gemeinsamen Werte, Ideen und Überzeugungen hochhält. Bogomolov hat sein Publikum über ein soziales Netzwerk an der Entstehung des Stückes beteiligt, im Mittelpunkt der Handlung steht der für die Gummiproduktion des Landes zuständige Minister Robert Ternow, dessen Frau Gertruda selbstverständlich die wichtigste Gummiproduzentin des Landes ist, damit die Aufträge ja schön in der Familie bleiben. Robert, der diesbezüglich ideale Gatte, liebt aber fremd, und zwar den Schlagersänger Lord. Dem Populisten und dem populären Popstar muss eine Missis Cheavely in die Quere kommen, nur will sie diesmal groß ins Gummigeschäft einsteigen und den Vertrag dazu vom Minister mittels Sexvideo erpressen. Einen Mayble gibt es auch, Lord adoptiert den Jüngling aus einem von Frömmlern in Popengewändern betriebenen Waisenhaus, das offensichtlich ein Einkaufscenter für Pädophile ist.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Dorian Gray und ein Medienbildnis: Sergej Tschonischwili. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Da ist die Welt noch in Ordnung: Der Minister planscht in der Badewanne. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Für die russischen Theatergeher soll das alles üppig und neu gewesen sein. Gewohnt, hehre Texte auf hohem Niveau vorgetragen zu bekommen, und wie zu erwarten konnte sich Bogomolov eine kurze Persiflage auf dortige Theatergepflogenheiten nicht verkneifen, besah man in Moskau das intrigante Treiben um die Männerliebe erst mit einer gewissen Schreckstarre. Dabei dominiert für hierzulande fast Dezenz. „Stellen Sie sich das vor!“, befiehlt ein Insert an der Stelle, an der die Bühnenfiguren entsetzt das Video betrachten. Später lässt Lord Ternow einen Thermophor, auch genannt Bettwärmer, aufblasen, bis er platzt. Welch ein Bild! Und davon gibt es an diesem Abend etliche. Das Ensemble agiert auf höchstem Niveau. Allen voran Igor Mirkurbanow als Lord, der von Anfang an die Halle mit heißen Rhythmen rockt. Er gibt den Entertainer, den Großsprecher und Phrasendrescher von Kremls Gnaden, um gleich darauf in harte, zynische Selbstkritik zu verfallen, um gleich darauf ein zarter Liebender zu sein, der für das Glück des Geliebten sein eigenes opfert. Eine Stimme wie ein Reibeisen, eine Seele weich wie Paskha. Mirkurbanow ist wie ein Nowosibirsker Bill Nighy mit einem schwarzen Schwung Keith Richards um die Augen.

Seinen seit 15 Jahren geheimgehaltenen Gatten spielt Alexej Krawtschenko als nach außen hin sleekes Schlitzohr. Des Ministers Leidenschaft gehört außer Lord antiken Statuen und Schnee, davon weht es jede Menge die Nasen hoch, in Moskau sind die Winter kalt, lässt ein Lied wissen, und Gertrudas Geld. „Obwohl mein Glied manchmal abgleitet, gehört mein Herz meiner Frau“, versucht er Missis Cheavelys Enthüllungsandrohung kleinzureden. Wie man ihn aber dann via „Fernsehzuspielung“ dicke, bittere Tränen weinen sieht, als er seinen Mann und die Intrigantin am Traualtar erblickt, die Cheavely verlangt von Lord die Ehe im Gegenzug für die Aufgabe ihrer Pläne, das ist so anrührend, das geht so ans Herz, dass man beinah vergißt, dass hier keiner ein Guter und niemand bemitleidenswert und das alles ein Nonsense mit sehr viel Hintersinn ist. Darja Moros gestaltet die Gertruda als herrische, herrlich geldgeile Bissgurn, die ihre „kleinen usbekischen Sklaven“ scheucht und bei Einlangen von Geld auf ihrem Konto von Orgasmen geschüttelt wird. Damit ihr Finanzklimax kein Ende findet, muss der Minister an Ort und Stelle bleiben, und so stellt sie als vermutetes Pantscherl Missis Cheavely zur Rede. Ein köstlicher Schlagabtausch mit der unterkühlt agierenden Marina Sudina.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Missis Cheavely erpresst von Lord die Ehe, der leidet still: Igor Mirkurbanow mit Marina Sudina. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Garniert ist das Ganze mit großartigem Personal, etwa Pawel Tschinarew als Ferrari fahrenden Mayble, Alexander Semtschew als vaterlandstreuen Vater Lords, Maxim Matweew als diabolischen Priester, und Pawel Waschtschilin als schwulen Modeschöpfer. Der ist irgendwie auch Andrej Prosorow. Denn wie um zu verorten, dass der Ennui des Establishments, dessen Nichtstuer, Nichtsnutze und Tunichtgute kein neuzeitliches und bei weitem kein Insel-Phänomen sind, verknüpft Bogomolov Oscar Wilde mit dem russischen Bildungskanon. Puschkin wird bemüht, Turgenew und, wie könnte es anders sein?, Godfather Tschechow. Dessen „Drei Schwestern“ sitzen, in den Originalsätzen ihre Untätigkeit und ihre Sehnsucht nach einem arbeitsamen Leben gejammernd, in einer schicken Bar, tippen in Displays und lassen sich zwischendurch von Männern abschleppen. Und weil, wo Theatergiganten unter sich sind, Shakespeare keinesfalls fehlen darf, wird „Romeo und Julia“ zitiert.

Aber da ist alles schon zu Ende, Lord hat sich aus Liebeskummer erschossen, und auch der Minister greift zur Waffe, neben dem Leichnam des Vorausgegangenen die letzten Worte des Veroneser Adelsspross‘ rezitierend. Über den gläsernen Sarg der beiden fällt die russische Flagge. Kurze Kranzniederlegung. Aus. Jubel und Applaus. Das Publikum dankte ausgiebig für den gelungenen, fast vierstündigen Abend. Bogomolov hat eine Inszenierung gezeigt, die im besten Wilde’schen Sinne als witty zu bezeichnen ist – witzig, geistreich, originell. Er fordert auf zu mehr Aufmerksamkeit und weiterem Nachdenken, was gesellschaftspolitische Phänomene und ihre Auswüchse betrifft. Er macht es den Zuschauern nicht leicht, er verlangt ihre Mitarbeit, das zeigten schon die Pausengespräche, und das ist gut so. „Ein idealer Gatte“ ist eine perfekte Produktion. Mit allem Drum und allem Dran. Und als Zugabe gab’s, wie schön,  Wiens russische Gemeinde, die sich gar nicht genug über die Insiderjokes amüsieren konnte. Was einen selbst, siehe Kaminer, auch noch zum Nachforschen anregte.

Video – ein Premierenbericht des russischen Fernsehens: https://www.youtube.com/watch?v=iZD5ajqQDJs

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 25. 5. 2016

Landestheater Niederösterreich: Ernst ist das Leben

Oktober 12, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fabian Krüger hat St. Pölten bunburysiert

Pascal Lalo, Fabian Krüger Bild: Christian Husar

Pascal Lalo, Fabian Krüger
Bild: Christian Husar

Es ist alles sehr schräg, das Leben eine Rutschpartie, während der man auf dem glatten Parkett der Gesellschaft schnell in eine schiefe Lage kommen kann. Am Landestheater Niederösterreich hatte die bereits in der Sommerarena Baden gezeigte Produktion „Ernst ist das Leben (Bunbury)“ von Oscar Wilde Premiere. Die Inszenierung der niederländischen Regisseurin Maaike van Langen ist auf ihrem Weg in den Herbst etwas kürzer und damit noch kompakter geworden. Der Abend ist tatsächlich very british. Subtil und sehr amüsant. Was heißt, dass das Ensemble die Irrungen, Wirrungen, Wortwitze und Intrigen mit geschmeidigem Understatement präsentiert.

Der Ton ist wohltuend wohltemperiert. Die bissigen Bonmots von Wilde-Übersetzerin Elfriede Jelinek gleiten so geschliffen runter wie ein Messer durch die Butter. Bühnenbildner Moritz Müller erfand als Spiel-Platz einen multifunktionalen Raum, eine Bretterhügellandschaft, die alle Stückln spielt, aber nicht von dem Spitzbubenstück ablenkt, dass sich Jack Worthing und sein Freund Algernon im Verlauf der Handlung leisten werden. Van Langen legt den Fokus auf die Darsteller. Eine gute Entscheidung, denn die sind durch die Bank brillant.

Allen voran die beiden Gäste: Burg-Publikumsliebling Fabian Krüger und der französische Schauspieler Pascal Lalo. Krüger verkörpert den Dandy par excellence, erlaubt sich den Scherz seinen Algernon bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei van Langen generell ein doppeltes Spiel -, bleibt süffisant, auch wenn er sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. Krüger ist, man braucht es nicht zu erwahnen, der geborene Komödiant. Ein Poser in bester Wilde’scher Manie, ein Zyniker, der Fleisch gewordene Ennui, der personifizierte Un-Ernst. Wie er lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihm die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt. Krüger hat St. Pölten bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der hiesigen Upperclass ist er Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke aufs Ver-Sprechen. Lalo ist ihm ein ebenbürtiger Partner, sein verschmitzt verlegenes Dauerlächeln weist einen aus, der wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen.

Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Marion Reiser und Lisa Weidenmüller. Weidenmüller gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Weidenmüller ist fabelhaft; es macht von Produktion zu Produktion mehr Freude, sie zu sehen. Schön, dass Landestheater-Intendantin Bettina Hering sie auch diese Saison mit etlichen Aufgaben betraut hat. Reisers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern. Reisers Interpretation vor Augen fängt der Kopf unwillkürlich an Henry Higgins‘ „Lass‘ ein Weib an dich heran“ zu summen: … und du bist schutzlos ohne Schild …

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Cornelia Köndgen als Gouvernante Miss Prism und Babett Arens als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Michael Scherffs Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s denn doch noch zu Tortenschlacht und Slapstick, zur ländlichen Orgie in deren Verlauf sich Butler Pascal Gross gendert und zu Algernons Entzücken nun als bärtige Blondine in Highheels und Hot Pants auftritt. Der, nun im Abendkleid auf dem Höhepunkt der Décadence, macht dieser Neuentdeckung keine geringeren Avancen als der ihm nun doch schon seit Stunden sattsam bekannten Cecily. Zu einer glücklichen Ehe gehören schließlich meist mehr als zwei Personen …

www.landestheater.net

Wien, 12. 10. 2015